Lugh und Danu
Zwei Schlüsselgestalten des irischen Pantheons: Lugh, der vielkundige Licht- und Königsgott, der seinen Großvater Balor erschlägt, und Danu, die schwer fassbare Ahn-Muttergöttin der Tuatha Dé Danann — mit pankeltischem Lugus, Quellenkritik und vergleichender Perspektive.
Definition
Lugh und Danu sind zwei der bedeutendsten — und zugleich ungleich bezeugten — Gestalten des irischen Pantheons, jenes Götterkollektivs, das die mittelalterlichen Texte Tuatha Dé Danann nennen: „Stämme/Volk der Göttin Danu". Beide Namen sind eng mit diesem Kollektiv verflochten, doch ihre Quellenlage könnte gegensätzlicher nicht sein. Lugh (altirisch Lug, neuirisch Lú) ist eine der profiliertesten Gestalten der irischen Mythologie: ein junger Gott, der durch die Beherrschung aller Künste glänzt, der in der entscheidenden Götterschlacht den dämonischen Riesen Balor erschlägt, der ein eigenes Jahresfest — Lughnasadh — trägt und der in der Heldenepik zum übernatürlichen Vater des größten irischen Helden, Cú Chulainns, wird. Danu dagegen ist eine der am schwersten greifbaren Figuren des keltischen Materials: eine Muttergöttin, die dem ganzen Göttervolk den Namen leiht, deren eigene Gestalt aber kaum erzählerisch gefüllt und deren Name in den Quellen fast nur im Genitiv (Danann) erscheint. Beide Gestalten gehören dem Volk der Danu an, jenem in Wissen, Handwerk und Zauber vollendeten Geschlecht, das die Insel in zwei Schlachten gewinnt und sich am Ende, vom Menschengeschlecht besiegt, in die sídhe (Feenhügel) zurückzieht — siehe ausführlich Dagda und die Tuatha Dé Danann.
Diese Notiz behandelt Lugh und Danu zunächst auf quellenkritischem Boden, dann in ihrem erzählerischen und religionsgeschichtlichen Gehalt — Lugh als pankeltischer Licht- und Vielkönner-Gott (kontinentaler Lugus), Danu als rekonstruierte Wassermutter und Ahnherrin — und schließlich auf vergleichender Ebene im Bezug zu anderen Lichtgöttern, Kulturheroen und großen Muttergöttinnen der Datenbank. Da die schriftlose Weisheitskultur der keltisch-druidischen Spiritualität über ihre eigenen Götter keine Zeile hinterlassen hat, führt jeder Weg zu Lugh und Danu durch die mittelalterliche Klosterbibliothek — ein methodisches Problem, das hier vorangestellt sei.
Das Quellenproblem: Götter, durch die Feder der Mönche gegangen
Die irischen mythologischen Texte — Lebor Gabála Érenn (Buch der Landnahmen), Cath Maige Tuired (Die Schlacht von Mag Tuired), die Erzählungen des „Mythologischen Zyklus" und die Heldensagen des „Ulster-Zyklus" — wurden zwischen dem siebten und dem zwölften Jahrhundert in christlichen Klöstern niedergeschrieben. Die Mönche bewahrten das aus der mündlichen Überlieferung übernommene Material und gestalteten es zugleich um: Die heidnischen Götter mussten mit der christlichen Kosmologie verträglich gemacht werden. Drei Strategien greifen ineinander — die Euhemerisierung (die Götter werden zu uralten sterblichen Königen und Zauberkundigen mit Regierungs- und Sterbedaten), die Dämonisierung (Herabsetzung zu bösen Geistern) und die Lehre von den halbgefallenen Engeln (die sídhe-Bewohner als jene Engel, die in Luzifers Aufstand neutral blieben). Mark Williams hat in Ireland's Immortals gezeigt, dass das Auseinanderdröseln dieser Redaktionsschichten die Hauptbeschäftigung der modernen Keltologie ist: Die „Götter" der Texte sind nicht die unmittelbare Photographie heidnischer Theologie, sondern das jahrhundertelange Aushandeln christlicher Literaten mit dem heidnischen Erbe. Dieselbe Schichtung begegnet in Snorri Sturlusons euhemeristischem Vorwort, das die Asen als aus Troja eingewanderte Könige darstellt (nordisch-germanische Mythologie), oder in der Polemik des „Doppelglaubens" (dvoeverie) der slawischen Kirchenakten (slawische Mythologie).
Für Lugh und Danu hat dieses Quellenproblem unterschiedliche Folgen. Lugh ist erzählerisch reich überliefert — er handelt, spricht, kämpft, herrscht; dafür ist gerade sein Reichtum an Episoden ein Geflecht aus archaischem Mythos und literarischer Ausgestaltung. Danu dagegen ist erzählerisch arm überliefert — sie ist mehr ein Name als eine Gestalt; ihr „Charakter" ist weitgehend eine philologische und religionsgeschichtliche Rekonstruktion. Was über sie gesagt werden kann, steht daher durchweg unter dem Vorbehalt: „nach traditioneller Zuschreibung", „vermutlich", „rekonstruiert". Diese Asymmetrie ist selbst lehrreich — sie zeigt, wie ungleich das mittelalterliche Filter verschiedene Schichten des heidnischen Erbes durchgelassen hat.
Lugh: Name und Beinamen
Der Name Lugh wird traditionell mit einer indogermanischen Wurzel *leug- in Verbindung gebracht, die mit „Licht, leuchten" oder — nach anderer, heute oft bevorzugter Deutung — mit „schwören, binden, Eid" zusammenhängt; die ältere, populäre Herleitung „der Leuchtende/Strahlende" hat den Lichtcharakter des Gottes geprägt, ist sprachwissenschaftlich aber umstritten. Sicherer als die Etymologie sind die beiden großen Beinamen, unter denen Lugh in den Texten erscheint und die seinen Doppelcharakter zusammenfassen:
| Beiname | Bedeutung | Charakterzug |
|---|---|---|
| Lámhfhada (Lámfhota) | „der Langarmige / Langhändige" | weitreichende Macht, Schleuder/Speer, königliche Reichweite |
| Samildánach | „der in vielen Künsten zugleich Geübte" | universelle Meisterschaft, Kulturheros, Vielkönner |
Der erste Beiname, Lámhfhada („der Langarmige"), verbindet Lugh mit der weitreichenden Wurfwaffe und der königlichen Reichweite; die „lange Hand/der lange Arm" ist ein indogermanisch verbreitetes Bild des herrscherlichen und göttlichen Machtbereichs (man vergleiche den vedischen Beinamen Savitar „der mit weiter Hand winkt" oder den persischen „Langarm"-Königstitel — typologische, keine genetischen Parallelen). Der zweite, Samildánach, ist der theologisch bedeutsamere: Er macht Lugh zum Gott der Vielkönnerschaft schlechthin, zum Kulturheros, der nicht eine einzelne Funktion verkörpert, sondern die Summe aller zivilisatorischen Fertigkeiten.
Lugh als Vielkönner: die Szene am Tor von Tara
Die berühmteste Szene, die Lughs Wesen verdichtet, steht im Cath Maige Tuired. Als die Tuatha Dé Danann unter der Tyrannei des halb-fomorischen Königs Bres leiden und der rechtmäßige König Núada durch den Verlust seines Armes zeitweise entthront ist (zur Königsideologie der körperlichen Vollkommenheit siehe Dagda und die Tuatha Dé Danann), erscheint am Tor der Königsburg Tara ein junger, strahlender Fremder und begehrt Einlass. Der Türwächter lässt nur herein, wer eine Kunst beherrscht, die niemand drinnen schon besitzt. Lugh bietet sich an — als Zimmermann; der Wächter antwortet: „Einen Zimmermann haben wir bereits." Als Schmied; als Krieger; als Harfner; als Dichter und Geschichtenkundiger (senchaid); als Zauberer; als Heiler; als Mundschenk; als Bronzeschmied (cerd)... Auf jede einzelne Kunst lautet die Antwort: „Den haben wir schon." Da stellt Lugh die entscheidende Frage: „Habt ihr aber einen einzigen Mann, der all diese Künste zugleich beherrscht?" — und das Tor öffnet sich. Im Brettspiel fidchell besiegt er sogleich die Besten; mit roher Kraft schleudert er einen Stein, den vier Gespanne kaum bewegen, an seinen Platz zurück; mit der Harfe spielt er die drei magischen Weisen (Schlaf-, Lach- und Klageweise). Núada erkennt in ihm einen, der das Volk retten kann, und überlässt ihm — nach einer Lesart für dreizehn Tage — den Thron, um die Schlacht zu führen.
Diese Szene ist der Schlüssel zu Lughs Theologie: Er ist nicht „der Gott des Schmiedens" oder „der Gott der Dichtung", sondern der Gott, der alle Funktionen in sich versammelt. Damit durchbricht er das übliche Schema eines arbeitsteiligen Pantheons, in dem jeder Gott ein Ressort verwaltet. Die französische Schule der vergleichenden Mythologie (Georges Dumézil) hat in dieser Allzuständigkeit eine Figur erkannt, die quer zu den „drei Funktionen" (Souveränität, Krieg, Fruchtbarkeit/Produktion) der indogermanischen Gesellschaft steht — ein Gott, der die Funktionen nicht aufteilt, sondern überbrückt. In der gelehrten Diskussion gilt Lugh deshalb mitunter als der „junge" oder „neue" Gott, der die alte Ordnung erneuert und die zersplitterten Künste in einer königlichen Person bündelt. Seine vielen Fertigkeiten im Einzelnen — Krieger und Feldherr, Schmied und Bronzehandwerker, Harfner und Musiker, Dichter und Geschichtskundiger, Heiler und Zauberer — machen ihn zum Patron des Handwerks und der Kunst zugleich.
Lugh, Balor und die Prophezeiung: die Zweite Schlacht von Mag Tuired
Den Kern des Lugh-Mythos bildet die Tötung Balors, des einäugigen Anführers der Fomori (der finsteren, aus dem Meer kommenden Gegenmächte). Die Erzählung ist von einer Prophezeiung durchzogen: Balor war geweissagt worden, er werde durch die Hand seines eigenen Enkels fallen. Um dies zu verhindern, sperrt er seine Tochter Ethniu (Eithne) in einen unzugänglichen Turm. Doch Cian vom Volk der Danu — selbst Sohn des Heilgottes Dian Cécht — dringt zu ihr (in manchen Fassungen als Rache für eine geraubte Wunderkuh), und aus dieser Verbindung geht Lugh hervor. Über seine Mutter Ethniu ist Lugh also Balors Enkel — und über seinen Vater Cian gehört er den Tuatha Dé Danann an. In seiner Person verbinden sich damit das lichte Götter- und das dunkle Fomori-Geschlecht; diese Doppelabkunft ist mythologisch bedeutsam, denn der Erlöser der Ordnung trägt das Blut des Chaos in sich — ein Motiv, das auch andere indogermanische Mythologien kennen.
Balors tödliche Waffe ist sein einziges, verderbenbringendes Auge: Sein Lid ist so schwer, dass es mehrere Männer mit einem Haken heben müssen; ist es einmal geöffnet, versteinert oder vernichtet sein Blick ganze Heere. In der Zweiten Schlacht von Mag Tuired (Cath Maige Tuired), die zu Samhain (siehe Das keltische Jahresrad) geschlagen wird, tritt Lugh — von seinen Leuten zunächst vor der Gefahr zurückgehalten, da man seine Person zu wertvoll hält — schließlich Balor entgegen. In dem Augenblick, da Balors Lid sich hebt, trifft Lugh mit seiner Schleuder (tathlum, nach mancher Tradition ein eigens gefertigtes Geschoss) das Auge so gewaltig, dass es durch den Hinterkopf hinausgetrieben wird; nun richtet Balors versteinernder Blick sich gegen das eigene fomorische Heer und zerschmettert es. Mit dem Sturz Balors ist die Schlacht entschieden. Die Episode trägt alle Züge eines kosmischen Ordnungsmythos: Der junge Lichtgott überwindet den greisen, finsteren Riesen; das chaotische Auge wird gegen das Chaos selbst gewendet; und die Prophezeiung erfüllt sich gerade durch die Maßnahme, die sie verhindern sollte — ein Strukturmotiv, das man von der griechischen Tragödie bis zur germanischen Sage wiederfindet.
Neben der Schleuder gehört zu Lughs Ausrüstung der magische Speer — einer der „vier Schätze" der Tuatha Dé Danann, der aus der mythischen Stadt Gorias stammt und „nach dem keine Schlacht gegen den gehalten werden konnte, in dessen Hand er war". Dieser Speer (in der späteren Tradition mit dem feurigen Areadbhar/„Slaughterer" verbunden) macht Lugh zum unbesiegbaren Krieger; zusammen mit der Schleuder verkörpert er die ferntreffende, „langarmige" Gewalt, die der Beiname Lámhfhada benennt. Nach dem Sieg gehört Lugh zu den führenden Königsgestalten des Göttervolks; in der euhemerisierten Königsliste des Lebor Gabála wird ihm eine vierzigjährige Herrschaft über Irland zugeschrieben — die literarische Übersetzung seines göttlichen Königtums in „Geschichte".
Lughnasadh: das Erntefest des Gottes
Lugh ist der einzige der großen irischen Götter, der einem der vier keltischen Jahresfeste seinen Namen gibt: Lughnasadh (neuirisch Lúnasa, „Versammlung/Fest des Lugh"), gefeiert um den 1. August, markiert den Beginn der Ernte — den Übergang vom Sommer zum Herbst, die erste Einbringung des Korns. Bemerkenswert ist die Gründungserzählung: Lugh habe das Fest nicht zu seinen eigenen Ehren, sondern als Totenfeier für seine Ziehmutter Tailtiu gestiftet, die sich beim Roden der Ebenen Irlands für den Ackerbau zu Tode gearbeitet habe. Das Fest verbindet so den Lichtgott mit der Erdmutter, die für die Fruchtbarkeit des Landes ihr Leben gab — Lughnasadh ist im Kern ein agrarisches Fest, das die mühevolle Arbeit der Erschließung des Bodens und den Lohn der Ernte feiert. Historisch waren mit ihm große Versammlungen (óenach), Wettkämpfe, Pferderennen, Markt und Rechtsprechung verbunden — die „Spiele von Tailtiu" (Áenach Tailten). Eine eingehende Behandlung des Festes im Rhythmus des Jahres findet sich unter Imbolc und Lughnasadh sowie im Überblick Das keltische Jahresrad. Die Verbindung von Lichtgott, Erntebeginn und Toten- bzw. Erdmuttergedenken zeigt, dass Lugh kein abstrakter „Sonnengott" ist, sondern eine Gestalt, in der königliche Souveränität, Handwerk und der Segen der bebauten Erde zusammenfließen.
Lugh als Vater Cú Chulainns
Über den Mythologischen Zyklus hinaus reicht Lugh in die Heldenepik des Ulster-Zyklus: Er ist der übernatürliche Vater des Helden Cú Chulainn, des zentralen Kriegers der irischen Heldensage (Hauptfigur der Táin Bó Cúailnge, der „Rinderraub von Cooley"). In der Erzählung Compert Con Culainn („Die Empfängnis Cú Chulainns") ist Lugh der göttliche Erzeuger des Knaben, dessen sterblicher Ziehvater Sualtam ist. Diese doppelte Vaterschaft — ein göttlicher und ein menschlicher Vater — ist ein verbreitetes heroisches Motiv. Die schönste Szene steht im Zentrum der Táin: Als Cú Chulainn, vom übermenschlichen Kampf erschöpft und verwundet, in tiefem Schlaf liegt, erscheint Lugh als strahlender Krieger, gibt sich als sein Vater zu erkennen und übernimmt für drei Tage und Nächte den Kampf, während der Sohn heilt — der Lichtgott als Schützer und Heiler seines heroischen Geschlechts. Die Verwandtschaft mit Cú Chulainn wird in modernen Texten mitunter über die walisischen Erzählungen des Mabinogion hinaus mit anderen keltischen Heldengestalten verglichen; hier ist Vorsicht geboten, da die genealogischen Details der irischen und der walisischen Tradition eigenständig sind.
Der kontinentale Lugus: Lyon, Merkur und die Dreigestalt
Lugh ist keine rein inselkeltische Erscheinung. Sein Name kehrt in der festlandkeltischen Welt als Lugus wieder und ist in zahlreichen Ortsnamen eingeschrieben: Lugdunum („Festung/Hügel des Lugus") ist der antike Name von Lyon — ebenso von Laon, Leiden (Lugdunum Batavorum), Carlisle (Luguvalium) und weiteren Orten —, was die weite Verbreitung des Kultes über Gallien, Britannien und Hispanien bezeugt. Das große römische Provinzialfest von Lugdunum, der Concilium Galliarum, wurde am 1. August begangen — auffällig nahe am irischen Lughnasadh, was manche Forscher (vorsichtig) als Spur eines gemeinsamen keltischen Festkalenders deuten.
Im Rahmen der römischen interpretatio Romana wurde Lugus überwiegend mit Merkur (griech. Hermes) gleichgesetzt. Iulius Caesar berichtet in De Bello Gallico, der von den Galliern meistverehrte Gott sei „Mercurius" — „Erfinder aller Künste" (omnium inventor artium), Patron der Wege, des Handels und des Gewinns. Diese Beschreibung passt auffällig zum vielkundigen Samildánach: Lugus/Merkur ist der Gott der Fertigkeiten, des Handwerks und des klugen Vermögens. Eine weitere Besonderheit des kontinentalen Lugus ist seine mögliche Dreigestalt: Inschriften im Plural — die Lugoves (Dativ Lugovibus, z. B. in Osma/Spanien und vielleicht in Avenches) — und Darstellungen dreigesichtiger oder dreifacher Götterfiguren in Gallien haben zu der Deutung geführt, Lugus sei als dreifache Gottheit verehrt worden. Die Dreiheit ist ein durchgehender Zug der keltischen Religion (dreifache Göttinnen, dreiköpfige Figuren) und verbindet Lugus mit dem keltischen „Triadismus"; doch die genaue Bedeutung der Lugoves bleibt umstritten. Festzuhalten ist die methodische Vorsicht: Die Gleichsetzung des irischen Lugh mit dem gallischen Lugus beruht auf der Namensverwandtschaft und auf funktionalen Ähnlichkeiten (Künste, 1.-August-Fest), nicht auf einer durchlaufenden Texttradition; die ältere romantische Vorstellung eines einheitlichen „keltischen Lichtgottes" über ganz Europa hinweg ist von der neueren Forschung relativiert worden.
Danu / Anu: die schwer fassbare Muttergöttin
Während Lugh erzählerisch reich ist, ist Danu der wohl umstrittenste Name des irischen Pantheons. Die Schwierigkeiten beginnen schon bei der Form: In den Quellen erscheint der Göttinnenname fast ausschließlich im Genitiv — Tuatha Dé Danann, „Volk der Göttin Danu" —, während ein selbständiger Nominativ „Danu" in den frühen Texten kaum bezeugt ist. Manche Philologen rekonstruieren den Nominativ überhaupt erst aus dem Genitiv. Erschwerend tritt eine zweite Göttin hinzu: Anu (Genitiv Anann), die das Sanas Cormaic (Cormacs Glossar, um 900) als „Mutter der Götter der Iren" (mater deorum hibernensium) bezeichnet und mit Wohlstand und Fülle verbindet; nach ihr seien die „Brüste der Anu" (Dá Chích Anann) benannt, zwei markante Hügel in Kerry. Ob Danu und Anu ursprünglich dieselbe Göttin sind oder zwei verschiedene, die in der Überlieferung verschmolzen, ist bis heute nicht entschieden — ein Musterfall für die „dünne Quellenlage", die alle Aussagen über Danu unter Vorbehalt stellt.
Trotz dieser Unsicherheit lässt sich ein rekonstruierter Charakter umreißen: Danu/Anu ist die Ahnherrin und Eponymin (Namengeberin) des ganzen Göttervolks — die Urmutter, von der die Tuatha Dé Danann ihren Namen tragen. Damit ist sie weniger eine handelnde Figur als ein Ursprungsprinzip: die mütterliche Wurzel, aus der das Göttergeschlecht hervorgeht. In der religionsgeschichtlichen Deutung wird sie mit Land und Fruchtbarkeit, mit dem Segen der Erde und — sprachlich vermittelt — mit Flüssen und fließendem Wasser verbunden. Diese Wasser-Assoziation gründet in der umstrittenen Etymologie ihres Namens.
Danu, die Flüsse und das walisische Dôn
Die verbreitetste — wenn auch keineswegs gesicherte — Deutung verbindet den Namen Danu mit einer indogermanischen Wurzel *déh₂nu- „Fluss, Strömung, fließendes Wasser". Diese Wurzel steckt mutmaßlich in einer ganzen Reihe großer europäischer Flussnamen: in der Donau (lat. Danuvius), im Don (in Russland wie in Schottland), im Dnjepr und Dnjestr. Wäre die Herleitung richtig, so wäre Danu im Kern eine Fluss- und Wassermutter, eine vergöttlichte Strömung — die nährende, fruchtbar machende Kraft des Wassers, das das Land tränkt. Diese Deutung gewinnt zusätzliches Gewicht durch eine auffällige Parallele in der ältesten indogermanischen Dichtung: Im Rigveda erscheint Dānu als weibliche Wassergestalt, Mutter des Dämons Vṛtra, und der Plural Dānavas bezeichnet ein Geschlecht von Wasserdämonen; das Wort dānu bedeutet dort „Tropfen, Tau, fließende Flüssigkeit". Die Übereinstimmung des Namens und der Wasser-Konnotation in zwei weit getrennten indogermanischen Traditionen — keltisch und vedisch (siehe Die Veden) — ist einer der Hauptgründe, warum die Rekonstruktion „Danu = Wassermutter" überhaupt so attraktiv ist. Dennoch bleibt sie eine Hypothese: Manche Forscher bestreiten die etymologische Gleichung und sehen in der inselkeltischen Danu eine sekundäre, aus dem Genitiv Danann zurückgebildete Figur.
Eine zweite vergleichende Spur führt nach Wales: Im Mabinogion (siehe Das Mabinogion) ist Dôn die Ahnmutter eines der großen Göttergeschlechter — die „Kinder der Dôn" (Plant Dôn: Gwydion, Arianrhod, Gilfaethwy u. a.) entsprechen funktional den Tuatha Dé Danann. Lautlich und strukturell wird Dôn oft mit der irischen Danu parallelisiert — beide sind namengebende Stammmütter eines Göttergeschlechts —, doch ob es sich um eine gemeinsame keltische Göttin oder um zwei eigenständige, nur ähnlich klingende Figuren handelt, ist erneut offen. Festzuhalten ist die methodische Lehre: Danu ist weniger eine überlieferte Gestalt als ein Brennpunkt der Rekonstruktion, an dem Etymologie, vergleichende Mythologie und Religionsgeschichte zusammentreffen — und an dem die Grenzen des Wissbaren besonders deutlich werden.
Vergleichende Perspektive
Lugh und Danu lassen sich auf zwei großen vergleichenden Achsen verorten — Lugh entlang der Linie der vielkundigen Licht- und Kulturheroen, Danu entlang der Linie der großen Muttergöttinnen.
Lichtgötter und Vielkönner-Kulturheroen
Der nächste Verwandte Lughs im Bestand der Datenbank ist der nordische Odin: Auch er ist kein Ressortgott, sondern ein Vielkönner — Herr der Runen und der Dichtung, Zauberer, Seher, Kriegsgott und König der Asen zugleich; auch er ist die Gestalt, die das verstreute Wissen in sich bündelt und durch List und Opfer die Ordnung erneuert (siehe Odin und Yggdrasil). Die Gleichung Lugh ≈ Merkur der interpretatio und Odin ≈ Merkur der germanischen interpretatio ist sogar dieselbe: Tacitus identifiziert den meistverehrten Gott der Germanen ebenfalls mit „Mercurius" (gemeint ist Wodan/Odin) — beide keltische und germanische Tradition sahen in ihrem höchsten Vielkönner-Gott den Merkur. Das ist eine der schönsten Brücken zwischen nordischer und keltischer Mythologie. Auf der vedisch-indischen Seite findet sich das Motiv des vielgestaltigen, „mit weiter Hand" wirkenden Gottes etwa in Savitar oder im handwerklich-allkünstlerischen Tvaṣṭṛ (dem göttlichen Werkmeister); der „Mehrkünstler-Gott", der alle Fertigkeiten in sich vereint, ist ein wiederkehrender indogermanischer Typus. Auch der ägyptische Thoth und der hellenistische Hermes Trismegistos — Götter der Schrift, der Künste und der Zauberkunst — gehören in dieses weite Feld des „Erfinders aller Künste". Vom „Sonnengott" im engen Sinne (wie Ra oder Utu/Schamasch) ist Lugh dagegen abzugrenzen: Sein „Licht" ist weniger das astronomische Tagesgestirn als der Glanz der Souveränität und des Könnens — die romantische Etikettierung Lughs als „keltischer Sonnengott" gilt heute als überholt.
Große Muttergöttinnen und Wassermütter
Danu reiht sich in die weite Familie der großen Muttergöttinnen ein — der Ahnherrinnen, die Fruchtbarkeit, Land und Ursprung verkörpern. Die nächste strukturelle Parallele ist die schon genannte vedische Dānu des Rigveda (die Wassermutter), die nicht nur strukturell, sondern womöglich auch etymologisch mit der keltischen Danu zusammenhängt — ein seltener Fall, in dem der Vergleich an die gemeinsame indogermanische Wurzel rührt. Im weiteren Umkreis stehen die anatolische Muttergöttin und ihre Gestalten: die phrygische Kybele, die „Große Mutter" (siehe Die phrygische Kybele-Kultur), und tiefer noch die neolithische Göttinnenwelt von Çatalhöyük — Muttergestalten, in denen Erde, Fruchtbarkeit und die Wildnis zusammenfließen. Die griechische Gaia (die Urmutter Erde) und die Erntegöttin Demeter (Eleusis) gehören ebenso hierher wie, im Bestand der Datenbank, die türkisch-mongolische Umay Ana (siehe Umay Ana) und das hinduistische göttlich-weibliche Prinzip der Devî (siehe Devî). Bei all diesen Parallelen ist jedoch ein Unterschied wesentlich: Während Kybele, Demeter oder Devî reich bezeugte, kultisch und narrativ ausgestaltete Göttinnen sind, ist Danu gerade durch ihre Konturlosigkeit charakterisiert — sie ist die Muttergöttin als bloßer Ursprungsname, fast ohne eigene Geschichte. Innerhalb der irischen Welt selbst hat das fruchtbare und souveräne Weibliche andere, erzählerisch vollere Trägerinnen gefunden: die Kriegs- und Souveränitätsgöttin Die Morrígan und die dreifache Göttin der Dichtung, Heilung und Schmiedekunst, Brigid, die später als christliche Heilige fortlebt. Man kann zugespitzt sagen: Was Danu als Name verspricht — die große Mutter des Göttervolks —, das erfüllen in den Erzählungen die Morrígan, Brigid und die Souveränitätsgöttinnen.
Der Held mit der Wunderwaffe und der Drachen-/Riesentöter
Lughs Tötung Balors gehört schließlich zum weltweit verbreiteten Typus des Helden, der mit einer Wunderwaffe das einäugige/finstere Ungeheuer erschlägt. Strukturell verwandt sind Thors Kampf gegen die Midgardschlange, der vedische Indra gegen Vṛtra (dessen Mutter eben jene Dānu ist!), der ägyptische Horus gegen Seth und Apollon gegen Python. Die Pointe im Lugh-Mythos — dass der Held der Enkel des Ungeheuers ist und die Prophezeiung sich gerade durch den Verhinderungsversuch erfüllt — verbindet ihn zudem mit dem Motivkreis des „zum Töten des Großvaters/Vaters bestimmten Helden", den die griechische Tragödie (Ödipus, Perseus und Akrisios) klassisch ausgeprägt hat.
Mystische und psychologische Deutung
Über die religionsgeschichtliche Analyse hinaus haben moderne Strömungen — die Tiefenpsychologie und das zeitgenössische Neo-Druidentum — Lugh und Danu als Archetypen gelesen. In jungianischer Perspektive (siehe Carl Gustav Jung) erscheint Lugh als Figur des Selbst bzw. des schöpferischen, integrierenden Geistes: der Vielkönner, der die zersplitterten Fähigkeiten der Psyche in einer ganzheitlichen Person zusammenführt — eine Verbildlichung der Individuation, des Zusammenwachsens der Teilfunktionen zu einem Ganzen. Danu wiederum fügt sich dem Archetypus der Großen Mutter (magna mater), des nährenden, ursprungsstiftenden Grundes ein. Im modernen heidnischen Wiederaufleben — im Neo-Druidentum und in der keltisch inspirierten Naturspiritualität — wird Lughnasadh als Erntefest neu begangen und Danu als „Erdmutter" oder „Flussgöttin" angerufen; diese zeitgenössischen Praktiken sind ausdrücklich Rekonstruktionen und Neuschöpfungen, nicht ungebrochene Fortsetzungen einer alten Religion, und sollten als solche von der historischen Überlieferung unterschieden werden.
Kritik und Kontroversen
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Lugh und Danu ist von mehreren Kontroversen geprägt, die zur methodischen Vorsicht mahnen:
Der „keltische Lichtgott". Die im 19. und frühen 20. Jahrhundert populäre Vorstellung eines einheitlichen, ganz Europa überspannenden „keltischen Sonnen- und Lichtgottes Lugh/Lugus" gilt heute als romantische Überzeichnung. Die Etymologie „der Leuchtende" ist umstritten (die Herleitung von „Eid/binden" wird oft vorgezogen), und die Gleichsetzung des irischen Lugh mit dem gallischen Lugus beruht auf Namens- und Funktionsähnlichkeit, nicht auf einer durchlaufenden Tradition.
Existiert Danu überhaupt? Eine radikale Position der jüngeren Forschung bestreitet, dass es eine ursprüngliche Göttin „Danu" je gegeben habe: Der Name sei eine mittelalterliche Rückbildung aus dem schon dunkel gewordenen Genitiv Danann — möglicherweise verbunden mit dem Wort dán („Kunst, Fertigkeit"), sodass Tuatha Dé Danann eigentlich „die Götterstämme der Künste" hieße. In dieser Sicht wäre Danu ein philologisches Phantom, das erst die moderne vergleichende Mythologie zur „Muttergöttin" ausgebaut hat.
Die vedische Brücke. Die Gleichung der keltischen Danu mit der vedischen Dānu ist verlockend, aber nicht beweisbar; sie kann eine echte indogermanische Erbschaft oder eine zufällige Namensähnlichkeit sein. Vergleichende Aussagen über Lugh und Danu sind durchweg typologisch zu verstehen — als Aufweis wiederkehrender Strukturen, nicht als Nachweis unmittelbarer historischer Abhängigkeit.
Das Filter der Mönche. Wie bei allen irischen Göttern gilt: Was wir über Lugh und Danu „wissen", ist durch das christlich-gelehrte Filter gegangen. Die euhemerisierte Königsherrschaft Lughs, die genealogischen Verknüpfungen, selbst die Schreibung der Namen — all das ist redaktionell geformt. Die „heidnische Theologie" hinter den Texten bleibt eine vorsichtige Rekonstruktion.
Fazit
Lugh und Danu verkörpern die beiden Pole, zwischen denen sich das irische Götterwissen aufspannt — den Pol der erzählerischen Fülle und den Pol der rekonstruierten Leere. Lugh ist die hellste, am reichsten gezeichnete Gestalt des Pantheons: der „langarmige" König und der „vielkundige" Kulturheros, der mit der Schleuder die Prophezeiung erfüllt und seinen Großvater Balor erschlägt, der dem Erntefest Lughnasadh den Namen gibt, der als kontinentaler Lugus über halb Europa in Ortsnamen wie Lyon weiterlebt und mit Merkur gleichgesetzt wurde, und der noch in der Heldensage als Vater Cú Chulainns über sein Geschlecht wacht. In ihm bündeln sich Souveränität, Krieg, Handwerk, Dichtung und Heilung zu einer einzigen Person — er ist der Gott, der die Funktionen nicht teilt, sondern überbrückt, und steht damit dem nordischen Odin strukturell so nahe wie kaum eine andere Gestalt.
Danu dagegen ist fast nur ein Name — die Ahn-Mutter, die dem ganzen Göttervolk den ihren leiht, deren eigene Geschichte aber verloren oder nie ausgeführt ist. Gerade in dieser Konturlosigkeit liegt ihre Lehre: Sie zeigt, wie die große Muttergöttin in einer schriftlosen, dann christlich überschriebenen Tradition zum bloßen Ursprungsprinzip verblassen kann — während ihre Funktionen (Krieg, Souveränität, Heilung, Fruchtbarkeit) auf erzählerisch vollere Gestalten wie die Morrígan und Brigid übergingen. Ihre mögliche Verbindung zu den großen Flüssen Europas und zur vedischen Wassermutter macht sie zugleich zu einem Fenster in die tiefste, vorhistorische Schicht des indogermanischen Erbes. Wer Lugh und Danu studiert, lernt darum nicht nur zwei keltische Götter kennen, sondern auch die Kunst, mit ungleicher Überlieferung umzugehen — die Fülle kritisch zu lesen und die Leere demütig zu achten.