Sein, Wahrheit & Ontologie

Devî: Das hinduistische göttlich-weibliche Prinzip und die Shâkta-Tradition

Devî, in der hinduistischen Metaphysik das göttlich-weibliche Prinzip und die personifizierte Energie-Dimension (Shakti) des Absoluten. In der Shâkta-Tradition wird sie als Para-Brahman erhöht; sie erscheint in den Formen Durgâ, Kâlî, Lakshmî und Sarasvatî. Sie wird mit der buddhistischen Târâ und der jüdischen Schechina verglichen.

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Definition: Wer ist Devî?

Devî (Sanskrit devī, „Göttin, strahlend Weiblich-Göttliches") ist ein umfassender Begriff, der in der hinduistischen Metaphysik das göttlich-weibliche Prinzip und die personifizierte Energie-Dimension der absoluten Wahrheit benennt. Im Zentrum der Shâkta-Tradition wird Devî nicht bloß als eine Gesamtheit von Göttinnen, sondern als die eine, transzendente und immanente Große Göttin (Mahâdevî) hinter allen Göttinnen vorgestellt; sie ist zugleich die materielle Ursache des Universums und die lenkende Macht. Während in vielen Zweigen des hinduistischen Denkens das weibliche Prinzip als passives Gegenstück des männlichen Absoluten (zum Beispiel Brahman oder Shiva) auf passive Weise verortet wird, kehrt sich in der entwickelten Shâkta-Theologie diese Hierarchie um: Devî selbst ist Para-Brahman, also das höchste Absolute; die männlichen Prinzipien hingegen sind sekundäre Wirklichkeiten, die nur durch ihre Kraft (Shakti) zu handeln vermögen.

Daher ist der Begriff Devî aus Sicht der vergleichenden Religionswissenschaft und Mystik ein überaus reiches Thema. Sie ist zugleich ein kosmisch-metaphysisches Prinzip (als Shakti die reine Energie) und die liebevolle Mutter, an die sich Millionen von Menschen in ihrer alltäglichen Frömmigkeit wenden. Der Zweck dieser Notiz ist es, Devî in einer Ganzheit zu behandeln, die von ihren vedischen Wurzeln über die systematische Theologie des Devî Mâhâtmya, von ihren lebendigen Formen wie Durgâ-Kâlî-Lakshmî-Sarasvatî über das tantrische System der zehn Mahâvidyâ, von der Shakti-Metaphysik bis zur Meditation über das Śrî Yantra reicht; und sie vergleichend mit den anderen göttlich-weiblichen Traditionen der Welt zu lesen (der buddhistischen Târâ und Guanyin, der jüdischen Schechina, der ägyptischen Isis, der griechischen Demeter).

Vedische und frühe Ursprünge

Die Wurzeln des Göttlich-Weiblichen in der indischen Tradition sind sehr alt und nähren sich höchstwahrscheinlich aus sowohl vedischen als auch nicht-vedischen Quellen. In der Zeit der Vedas gibt es Göttinnen, doch sie nehmen zumeist eine sekundäre Stellung ein: Die Morgenröte-Göttin Uṣas, die Sprach-/Wort-Göttin Vâc, die Nacht-Göttin Râtri und die Erde Pṛthivî sind die wichtigsten von ihnen. Besonders bemerkenswert ist die berühmte Hymne Devîsûkta (Vâk Sûkta) des Ṛgveda: Hier verkündet sich die Göttin Vâc, in der ersten Person sprechend, als die Trägerin aller Götter, als die kosmische Macht, die das Universum umfasst und es übersteigt. Diese Hymne gilt als der Keim der Vorstellung der „alles umfassenden Großen Göttin" der späteren Shâkta-Theologie.

Was die nicht-vedischen Quellen betrifft, so haben die zahlreichen weiblichen Figurinen und mutmaßlichen Muttergöttinnen-Kulte aus der Indus-Tal-Zivilisation, vereint mit den lokalen Göttinnen-Traditionen auf Dorfebene (grâmadevatâ), die göttlich-weibliche Vorstellungswelt des klassischen Hinduismus genährt. Wie die Historikerin Tracy Pintchman in ihrer Arbeit The Rise of the Goddess in the Hindu Tradition (1994) zeigt, vollzog sich der Aufstieg der Großen Göttin durch die Vereinigung dieser verschiedenen Strömungen — der vedischen Wort-/Energie-Theologie, der prakṛti-Philosophie (kosmische Natur) und der lokalen Göttinnen-Kulte — in einem langen historischen Prozess zu einem einzigen umfassenden göttlich-weiblichen Begriff. So wird Devî zu einer göttlichen Gestalt, die von den Rändern zur Mitte aufsteigt und schließlich mit der absoluten Wahrheit identifiziert wird.

Eine wichtige Quelle, die den philosophischen Boden für diesen Aufstieg bereitet, ist der Begriff prakṛti der Sâṃkhya-Philosophie. Im Sâṃkhya-Denken ist prakṛti die wirkende, hervorbringende, bewegte kosmische Natur, die dem puruṣa, dem passiven Zeugen-Bewusstsein, gegenübersteht; das gesamte erscheinende Universum entfaltet sich aus ihr. Die Shâkta-Theologie personifiziert dieses prakṛti und identifiziert es mit der göttlich-weiblichen Kraft (Shakti): Die Göttin ist die materiell-dynamische Quelle des Universums. Die Polarität Puruṣa-prakṛti wird so zum philosophischen Vorläufer der Polarität von Shiva-Shakti, Bewusstsein-Energie. Dass das weibliche Prinzip nicht als „passive Materie", sondern als „wirkende Schöpferkraft" begriffen wird, ist ein kritischer Schritt, der die Shâkta-Metaphysik eigenständig macht und sie vom Schema „passives Weibliches / wirkendes Männliches" vieler Traditionen unterscheidet.

Devî Mâhâtmya: Die göttliche Urkunde der Göttin

Der grundlegendste heilige Text der Shâkta-Tradition ist das meist auf das 5.–6. Jahrhundert n. Chr. datierte und im Mârkaṇḍeya Purâṇa enthaltene Devî Mâhâtmya („Die Herrlichkeit der Göttin"), unter seinen Namen Durgâ Saptaśatî oder Caṇḍî bekannt. Dieser Text aus siebenhundert Versen ist das Werk, das das Göttlich-Weibliche erstmals systematisch als ein eigenständiges, höchstes und umfassendes Absolutes theologisch fasst. Die Arbeiten des Religionswissenschaftlers Thomas B. Coburn, Encountering the Goddess und Devī Māhātmya: The Crystallization of the Goddess Tradition, haben die Rolle dieses Textes als Wendepunkt in der hinduistischen Göttinnen-Theologie ausführlich gezeigt.

Der Text webt sich um drei große Sagen (carita), und in jeder erscheint die Göttin in einem anderen Augenblick kosmischer Krise. In der ersten Erzählung weckt die Göttin als Prinzip des kosmischen Schlafs (yoganidrâ) Vishnu, den Erhalter des Universums. In der zweiten und berühmtesten Erzählung vernichtet Durgâ, die aus der Vereinigung der Energien (tejas) aller Götter entsteht, den Büffel-Dämon Mahiṣâsura, den kein männlicher Gott zu besiegen vermochte; daher wird Durgâ als „Mahiṣâsuramardinî" (die Mahiṣa Tötende) genannt. In der dritten Erzählung schießt aus dem Zorn der Göttin, aus ihrer verdunkelten Stirn, Kâlî hervor und zerreißt die Dämonen. Diese drei Erzählungen legen die zugleich schöpferisch-bewahrende und zerstörerisch-verwandelnde Natur der Göttin offen; sie ist die Summe und die Quelle aller Kräfte (Shakti) des Universums.

Die theologische Eigenständigkeit des Devî Mâhâtmya liegt darin, dass es die Göttin nicht als „Gattin" oder „Gehilfin" der anderen Götter, sondern als die höchste Wirklichkeit selbst verortet. Im Text verkündet sich die Göttin als zugleich Mahâmâyâ (die große Kraft des Trugs, der Schleier, der das Universum hervorbringt), Mahâvidyâ (die große Weisheit, das befreiende Wissen) und als die Einheit von Mahâlakṣmî, Mahâkâlî und Mahâsarasvatî. Wie Coburn betont, wird mit diesem Text in der hinduistischen Tradition zum ersten Mal das Göttlich-Weibliche nicht als eine geliehene Kraft, sondern als das Absolute selbst theologisch gefasst. Der Text ist ferner auch liturgisch zentral: Besonders beim herbstlichen Fest Navarâtri („neun Nächte") wird er während der neun Nächte, in denen die neun Formen der Göttin (Navadurgâ) verehrt werden, zeremoniell rezitiert. So ist das Devî Mâhâtmya zugleich eine metaphysische Erklärung und ein lebendiger Verehrungstext; es ist die Brücke, die die Göttinnen-Theologie von der abstrakten Philosophie zur alltäglichen Frömmigkeit verbindet.

Lebendige Formen: Durgâ, Kâlî, Lakshmî, Sarasvatî

Die Große Göttin erscheint in unzähligen Gestalten; doch einige Formen sind besonders zentral. Durgâ ist die kriegerische, beschützende Mutter, die auf einem Löwen reitet, vielarmig ist und in ihren Händen die Waffen aller Götter hält; sie steht für die Wahrung der kosmischen Ordnung (ṛta/dharma) gegen die Dämonen. Kâlî ist die am meisten missverstandene, aber metaphysisch tiefste Form: die furchterregende Mutter mit schwarzer Haut, heraushängender Zunge, einer Halskette aus Schädeln, einem Gürtel aus abgeschlagenen Armen, die auf einem Leichnam (Shiva) tanzt. Wie die Werke des Religionswissenschaftlers David Kinsley, Hindu Goddesses, und der von Rachel Fell McDermott und Jeffrey Kripal herausgegebene Band Encountering Kālī zeigen, ist der Schrecken Kâlîs oberflächlich: Sie ist die Kraft der Zeit (kâla) und des Todes, aber zugleich erscheint sie ihren Hingegebenen als die mitfühlendste, rettende Mutter. Kâlî bringt durch die Vernichtung des Vergänglichen das Unsterbliche zum Vorschein; für den Hingegebenen, der über die Furcht hinausgeht, ist sie die bedingungslose Liebe.

Dieses Paradox der „furchterregenden, aber mitfühlenden Mutter" erreicht in der Kâlî-Verehrung des bengalischen Shâkta-Dichters Râmprasâd Sen und des großen Mystikers Sri Ramakrishna ihren Gipfel; für Ramakrishna ist Kâlî zugleich die furchteinflößende Tod-Mutter und die Liebes-Mutter, die ihr Kind an die Brust drückt. Die gnädigeren Formen der Göttin wiederum sind Lakshmî, die Göttin der Fülle, der Schönheit und des Wohlstands, und Sarasvatî, die Göttin des Wissens, der Künste und des Wortes. Diese vier Formen — Durgâ (Macht), Kâlî (Verwandlung), Lakshmî (Fülle), Sarasvatî (Wissen) — zeigen zusammen, dass das Göttlich-Weibliche jede Dimension des kosmischen Lebens umfasst.

Ein wichtiges Merkmal der hinduistischen Theologie ist, dass diese Formen zugleich als eigenständige Göttinnen und als Aspekte einer einzigen Großen Göttin begriffen werden können. Für einen Hingegebenen mögen Lakshmî und Kâlî gänzlich verschiedene Göttinnen sein; für einen Shâkta-Theologen hingegen sind sie alle die Erscheinung einer einzigen Mahâdevî in verschiedenen kosmischen Funktionen. Diese Logik der „Einheit-in-der-Vielheit" ist ein grundlegendes Merkmal der hinduistischen göttlichen Vorstellungswelt und macht sie zu einem eigentümlichen theologischen Gefüge, das sich nicht in die Zweiteilung zwischen striktem Monotheismus und schlichtem Polytheismus fügt. Die Formen der Göttin sind keine geteilten Stücke des Absoluten, sondern gleichsam die in verschiedene Farben gebrochenen Strahlen einer einzigen Sonne. Ferner ist es auch wichtig zu sehen, dass jede große Göttin mit einem männlichen Gott gepaart wird: Lakshmî-Vishnu, Sarasvatî-Brahmâ, Pârvatî/Durgâ-Shiva. Aus Shâkta-Perspektive ist in diesen Paarungen der weibliche Pol bestimmend; denn der männliche Gott kann nur durch seine eigene Shakti handeln.

Mahâvidyâ: Die zehn Weisheitsgöttinnen

Einer der eigenständigsten Beiträge der tantrischen Shâkta-Tradition ist die Zehnergruppe von Göttinnen, die als Daśa Mahâvidyâ („Zehn Große Weisheiten") bekannt ist. Diese — Kâlî, Târâ, Tripurasundarî (Ṣoḍaśî), Bhuvaneśvarî, Bhairavî, Chinnamastâ, Dhûmâvatî, Bagalâmukhî, Mâtaṅgî und Kamalâ — stehen für zehn verschiedene Aspekte der Großen Göttin in einem weiten Spektrum, das von der Gnädigen bis zur Furchterregenden reicht. Die Mahâvidyâ umfassen Formen, die die gewöhnlichen ästhetischen und moralischen Erwartungen absichtlich erschüttern; zum Beispiel weisen Chinnamastâ, die sich den eigenen Kopf abschlägt und ihr eigenes Blut trinkt, oder Dhûmâvatî, die verwitwet, hässlich und unheilvoll ist, auf die Ganzheit des Absoluten jenseits von „angenehm" und „unangenehm" hin, also auf die alles umfassende göttliche Wirklichkeit.

Diese Göttinnen werden in der tantrischen sâdhanâ (spirituelle Disziplin) als Meditationsobjekte verwendet, um bestimmte Bewusstseinsdimensionen und psychische Energien des Hingegebenen zu erwecken. Die Arbeit des Sanskritisten David Kinsley, Tantric Visions of the Divine Feminine, hat gezeigt, dass jede der Mahâvidyâ eine eigene theologische und psychologische Funktion trägt. Zum Beispiel steht Tripurasundarî (Lalitâ) als schönste und gnädigste Göttin der drei Welten im Zentrum der Śrî-Vidyâ-Tradition; Bagalâmukhî steht für die Kraft der Stille, die den Feind aufhält, Mâtaṅgî für die Reinheit-übersteigende Heiligkeit des Wortes und der Kunst, Kamalâ wiederum für die mit Lakshmî identifizierte Fülle und den Wohlstand. Diese zehn Göttinnen verkünden gemeinsam, dass das Absolute in jedem Aspekt der menschlichen Erfahrung — in Begehren und Entsagung, Schönheit und Schrecken, Wort und Stille, Fülle und Entbehrung — gegenwärtig ist. Das Mahâvidyâ-System betont, dass das Göttlich-Weibliche nicht auf ein einziges Bild der „guten Mutter" reduziert werden kann; im Gegenteil, dass es eine kosmische Ganzheit ist, die alle Pole des Lebens — Geburt und Tod, Schönheit und Schrecken, Fülle und Mangel — umarmt. Dies bedeutet, dass die furchterregenden Formen theologisch nicht weniger wertvoll sind als die „gezähmten" schönen Formen, sondern im Gegenteil die Ganzheit des Absoluten kühner ausdrücken.

Die bengalische Shâkta-Tradition und die Göttinnen-Dichtung

Eine der Regionen, in denen sich die Verehrung des Göttlich-Weiblichen am intensivsten und gefühlvollsten entwickelt hat, ist Bengalen. Hier hat besonders die Verehrung von Kâlî und Durgâ sowohl auf der Ebene der hohen tantrischen Theologie als auch der Volksfrömmigkeit tiefe Wurzeln geschlagen. Der Dichter des achtzehnten Jahrhunderts Râmprasâd Sen hat mit seinen liebevollen, innigen und bisweilen vorwurfsvollen Gedichten an Kâlî, den sogenannten Śyâmâ Saṅgît, einen der innigsten Ausdrücke der Göttinnen-Verehrung geschaffen. Râmprasâd wendet sich an die furchterregende Kâlî, wie ein Kind sich an seine Mutter wendet; in seiner Dichtung ist die furchteinflößende Tod-Mutter zugleich das mitfühlendste, nächste und liebevollste Wesen. Dieses Paradox — dass die „schwarze, furchterregende Mutter" in Wahrheit die Quelle der bedingungslosen Liebe ist — ist das Herz der bengalischen Shâkta-Frömmigkeit.

Diese Tradition erreicht im neunzehnten Jahrhundert beim großen Mystiker Sri Ramakrishna ihren Gipfel. Ramakrishna hat als Priester des Kâlî-Tempels von Dakshineshwar bei Kalkutta geschildert, dass er eine unmittelbare, ekstatische Beziehung zur Göttin erlebte; ihm zufolge ist Kâlî zugleich die universale Mutter, das wirkende Gesicht der absoluten Wahrheit (Brahman) und die alles umarmende bedingungslose Liebe. Ramakrishnas Kâlî-Erfahrung ist später durch seinen Schüler Vivekananda zu einem der Grundsteine des modernen hinduistischen Denkens und der an den Westen gerichteten Vedanta-Deutung geworden. Die bengalische Shâkta-Tradition stellt so eine Ader dar, die die abstrakte tantrische Metaphysik in die wärmste Hingabe-Sprache überträgt und das Göttlich-Weibliche als lebendige Wirklichkeit erfährt; dies ist der Shâkta-Dialekt des Weges der Bhakti.

Das Shakti-Prinzip: Bewusstsein und Energie

Das metaphysische Herz der Devî-Theologie ist der Begriff Shakti. Shakti bedeutet „Macht, Energie, Kraft" und ist im Shâkta-tantrischen Denken die schöpferische, erhaltende und auflösende Dynamik des Universums selbst. Die Grundformel lautet: Das reine Bewusstsein (Shiva, cit) ist für sich allein passiv und untätig; doch vermittels der Shakti erscheint das Universum, bewegt sich und löst sich wieder auf. Sir John Woodroffe (Arthur Avalon) hat in seinem klassischen Werk Shakti and Shakta diese Lehre dem Westen vorgestellt und betont, dass Shakti nicht der passive, sondern der wirkende Aspekt des Absoluten ist. Aus Shâkta-Perspektive betrachtet sind Bewusstsein und Energie untrennbar; ganz wie das Feuer und seine Brennkraft sind Shiva und Shakti zwei Gesichter einer einzigen Wirklichkeit. Die klassische tantrische Formel drückt diese Untrennbarkeit auf frappierende Weise aus: Shiva ohne Shakti ist wie ein unbewegter śava (Leichnam); denn die Kraft, sich zum Vorschein zu bringen, zu handeln und zu schöpfen, liefert allein das weibliche Prinzip. Dies zeigt den außerordentlichen theologischen Vorrang, der dem weiblichen Prinzip eingeräumt wird: Das männliche Absolute kann ohne die weibliche Kraft weder schöpfen noch erkannt werden.

Eine wichtige Folge dieser Lehre ist die Bejahung der materiellen Welt im Shâkta-Denken. Während für strikt monistische Schulen wie das Advaita-Vedanta die erscheinende Welt letztlich mâyâ (Trug) ist, ist das Universum für die Shâkta-tantrische Perspektive die wirkliche, lebendige, heilige Erscheinung der Göttin. Die mâyâ ist hier kein „Trug", sondern die schöpferische Kraft der Göttin (Mahâmâyâ); die Welt ist kein Trug, sondern der Leib des Göttlich-Weiblichen, ihre liebevolle Selbst-Entfaltung. Diese bejahende Haltung ist die Grundlage dafür, dass die Shâkta-Tantra-Tradition den Körper, die Sinne und die Welt nicht als Hindernisse, sondern als Werkzeuge der spirituellen Verwandlung betrachtet; die Befreiung kommt nicht durch die Flucht aus der Welt, sondern durch das Gewahrwerden der heiligen Natur der Welt.

Diese Metaphysik ist auch die Grundlage des kuṇḍalinî-Yoga: Die im individuellen Körper, an der Basis der Wirbelsäule schlafende weibliche kosmische Energie (kuṇḍalinî-Shakti) vereint sich, wenn sie erwacht, mit dem im sahasrâra-Zentrum wartenden Shiva-Bewusstsein, und diese Vereinigung bringt die Befreiung (mokṣa) hervor. So ist Devî nicht bloß eine äußere Göttin, sondern die schöpferische Kraft selbst in jedem Körper und in jedem Bewusstsein; die Verehrung ist das Erwecken dieser inneren Shakti und ihre Vereinigung mit ihrer Quelle. Der Begriff Shakti durchzieht ferner die gesamte Tantra-Tradition und bietet eine eigenständige Ontologie, die das Absolute in der Polarität „passiv-männlich / wirkend-weiblich" begreift.

Tantrische Praxis: Śrî Yantra und Śrî Vidyâ

Einer der feinsinnigsten Zweige der Shâkta-Tantra-Tradition ist die der gnädigen und schönen Göttin Tripurasundarî (Lalitâ) geweihte Schule Śrî Vidyâ („Heiliges Wissen"). Im Zentrum dieser Tradition steht das Śrî Yantra (Śrî Cakra), eines der berühmtesten Diagramme der heiligen Geometrie: eine komplexe kosmische Karte aus neun ineinandergreifenden Dreiecken (vier nach oben weisende männliche/Shiva-Dreiecke, fünf nach unten weisende weibliche/Shakti-Dreiecke) mit einem Punkt (bindu) im Zentrum. Das Śrî Yantra ist ein visuelles Diagramm sowohl des Erscheinungsprozesses des Universums (von der Einheit im Zentrum nach außen zur Vielheit) als auch der meditativen Rückkehr-Reise (von der Vielheit zur Einheit im Zentrum).

Die Śrî-Vidyâ-Praxis besteht aus der Verbindung von yantra (heiliges Diagramm), mantra (besonders das fünfzehnsilbige Pañcadaśî-Mantra) und Meditation. Der Hingegebene schreitet meditativ durch die Schichten des Yantra fort, durchläuft die kosmische Erscheinung rückwärts und vereint sich im bindu des Zentrums mit der Göttin — also mit der Quelle seines eigenen Bewusstseins. Diese Praxis ist eng mit der Tradition der Yantra-Meditation und des Mandala verbunden und zeigt auf vergleichender Ebene Parallelen zu anderen Traditionen, in denen die heilige Geometrie als Meditationsmittel verwendet wird (zum Beispiel die tibetischen Mandalas oder der Sefirot-Baum der Kabbala). Das Śrî Yantra zeigt, dass das Göttlich-Weibliche nicht bloß eine erzählerische Gestalt, sondern zugleich eine Bewusstseins-Technologie ist.

Eine weitere Tiefe der Śrî-Vidyâ-Tradition ist die Beziehung der Göttin zu den Lehren Kâmâkalâ (Begehren-Kunst) und Mâtṛkâ (Buchstaben-Mütter). In diesen Lehren werden die Buchstaben des Sanskrit-Alphabets (varṇa) als Erscheinungen der Göttin selbst gesehen; Klang, Buchstabe und Schwingung sind die Bausteine der kosmischen Schöpfung. So ist die Göttin zugleich das materielle Gewebe des Universums und die Quelle der Sprache und des Klangs — dies ist die tantrische Weiterentwicklung des uralten Themas, das bis zur Wort-Göttin Vâc des Ṛgveda reicht. Die Lehre vom kosmischen Klang (nâda) und der ursprünglichen Schwingung trägt eine Parallele zur Tradition von OM und Mantra, ja sogar aus der Ferne zur Lehre des spanda (kosmische Schwingung) des kaschmirischen Shivaismus. Die Göttin ist der Übergang von der Stille zum Klang, von der Einheit zur Vielheit selbst; die Schöpfung ist ihr Sich-selbst-Aussprechen als ein Wort, eine Schwingung, ein Name.

Vergleichende Perspektive: Göttlich-weibliche Traditionen

Das Göttlich-Weibliche erscheint in fast allen großen religiösen Traditionen in irgendeiner Form; doch erlangt es in jeder Tradition eine andere theologische Stellung und Funktion. Die folgende Tabelle vergleicht Devî mit vier anderen göttlich-weiblichen Traditionen:

Tradition Göttlich-weibliche Gestalt Theologische Stellung Hauptfunktion
Hinduismus (Shâkta) Devî / Shakti / Durgâ-Kâlî Höchstes Absolutes (Para-Brahman) oder wirkende Kraft des männlichen Prinzips Schöpfung, Schutz, Verwandlung; kosmische Energie
Buddhismus Târâ, Guanyin (weibliche Form Avalokiteśvaras), Prajñâpâramitâ Personifikation von Mitgefühl und Weisheit; „Mutter der Weisheit" Rettendes Mitgefühl, Schutz vor Furcht
Christentum Maria (Theotokos), Hagia Sophia Mutter Gottes; göttliche Weisheit (Sophia) Fürbitte, Vermittlung der göttlichen Liebe
Judentum (Kabbala) Schechina (göttliche Gegenwart), Malchut Die weibliche Gegenwart Gottes in der Welt; das Göttliche im Exil Göttliche Immanenz, Exil und Vereinigung
Antike Traditionen Isis (Ägypten), Demeter/Athene (Griechenland) Muttergöttin, Fruchtbarkeit und Weisheit Fruchtbarkeit, Mysterium, kosmische Ordnung

Dieser Vergleich legt einige grundlegende Muster offen. Das Göttlich-Weibliche wird fast überall mit den Themen Fruchtbarkeit-Leben, Mitgefühl-Barmherzigkeit, Weisheit und kosmische Immanenz (der die Welt durchdringende, zugängliche Aspekt des Absoluten) in Verbindung gebracht. Besonders bemerkenswert ist die Parallele zwischen der Schechina der jüdischen Kabbala (die weibliche Gegenwart Gottes in der Welt) und der Shâkta-Shakti (die wirkende, die Welt erfüllende Kraft des Absoluten): Beide stehen für das immanente, wirkende und mit ihm vereinbare Gesicht des transzendenten Absoluten. Ebenso zeigt die Funktion des „rettenden Mitgefühls" der buddhistischen Guanyin/Târâ und die bedingungslose Mutterliebe, die Kâlî ihrem Hingegebenen erweist, dass das Göttlich-Weibliche den universalen Archetyp des „Beschützers-Erlösers" teilt. Aus Sicht des vergleichenden Religionswissenschaftlers sind diese Muster eines der fruchtbarsten Themen des Feldes der vergleichenden Spiritualität; doch ist es gleichermaßen wichtig, die eigentümliche theologische Stellung jeder Gestalt in ihrer eigenen Tradition nicht zu verwischen.

Gleichwohl fällt ein kritischer theologischer Unterschied ins Auge: Im Christentum Maria und im Judentum die Schechina sind nicht der absolute Gott selbst, sondern eine in seiner Nähe oder in ihm befindliche weibliche Dimension/Vermittlerin; der monotheistische Rahmen erhebt das Göttlich-Weibliche nicht in den Rang des höchsten Absoluten. Im Gegensatz dazu vollzieht die entwickelte Shâkta-Theologie einen einzigartigen Schritt und verkündet Devî als Para-Brahman selbst — das höchste, bedingungslose Absolute. Dies ist die höchste metaphysische Stellung, die das Göttlich-Weibliche unter den Weltreligionen erreicht hat. Der Buddhismus geht einen anderen Weg: Târâ und Guanyin sind kein schöpferisches Absolutes im Sinne einer „Göttin", sondern personifizierte Erscheinungen des grenzenlosen Mitgefühls und der Weisheit (prajñâ, die weiblich als „Mutter der Weisheit" Prajñâpâramitâ personifiziert wird); da im buddhistischen Rahmen kein Begriff eines schöpferischen Gottes vorhanden ist, hat das Göttlich-Weibliche hier die Funktion eines „rettenden Wesens". Diese Unterschiede erinnern daran, dass der Vergleich nicht nur die Ähnlichkeiten, sondern auch den je eigenen metaphysischen Rahmen jeder Tradition sichtbar machen muss.

Aus Sicht der Pole Immanenz (das Durchdringen der Welt durch das Absolute) und Transzendenz (das Übersteigen der Welt durch das Absolute) betrachtet, wird das Göttlich-Weibliche in fast jeder Tradition überwiegend mit dem Pol der Immanenz in Verbindung gebracht: Sie ist das Gesicht, das die Welt berührt, in der Natur erscheint, zugänglich ist und dem man sich in Liebe zuwenden kann. Dass die Schechina „die Gegenwart Gottes in der Welt", die Shakti „die wirkende, das Universum erfüllende Kraft", Maria „die fürbittende, nahe Mutter" ist — sie alle teilen diese Betonung der Immanenz. Doch die Eigenständigkeit der Shâkta-Theologie liegt darin, dass sie Devî nicht nur als immanentes, sondern zugleich als transzendentes Absolutes begreift: Sie ist zugleich alles innerhalb der Welt und das Nichts, das die Welt übersteigt. Dieses doppelte Begreifen zeigt die außerordentliche Tiefe, die die Theologie des Göttlich-Weiblichen in der hinduistischen Tradition erreicht hat.

Moderne Bewegungen und erneuernde Gestalten

Die Vorstellung des Göttlich-Weiblichen hat in der modernen Zeit eine neue Lebendigkeit gewonnen. Die bengalische Mystikerin Anandamayî Mâ (1896–1982) ist von vielen Hingegebenen als eine Erscheinung der göttlichen Mutter selbst gesehen worden; ihre Gegenwart hat die Dimension der „lebendigen Göttin" der Shâkta-Theologie in die zeitgenössische Welt getragen. Der Philosoph-Mystiker Sri Aurobindo hat in seinem Werk The Mother und in der gemeinsam mit Mirra Alfassa („The Mother") entwickelten Vision des Integralen Yoga die göttlich-weibliche Kraft (Shakti) als das verwandelnde Agens der kosmischen Evolution neu gedeutet. Heutzutage ragt Mâtâ Amritânandamayî („Amma") mit ihren Millionen Anhängern auf globaler Ebene als ein lebendiger zeitgenössischer Ausdruck des Bildes der mitfühlenden göttlichen Mutter hervor.

Zugleich wird Devî auch im Kontext der feministischen Theologie und des ökologischen Denkens des 20. und 21. Jahrhunderts neu gelesen. Denkerinnen wie die feministische Religionswissenschaftlerin Rita M. Gross haben die hinduistische Göttinnen-Tradition als eine Alternative und eine Quelle der Bereicherung gegenüber dem überwiegend männlichen Gottesbild des westlichen Monotheismus gewürdigt. Im ökologischen Denken wiederum ist Devî zu einem Symbol geworden, das die Heiligkeit der Natur (prakṛti) und die Tatsache betont, dass die Erde eine lebendige, weibliche, hervorbringende Ganzheit ist; dies ist der Ausdruck der Intuition der „Mutter Erde" in der Sprache der hinduistischen Metaphysik. So begegnet eine uralte Göttinnen-Theologie aufs Neue den zeitgenössischen spirituellen, ökologischen und gesellschaftlichen Bestrebungen.

Eine weitere Dimension der modernen Widerspiegelungen Devîs ist die globale westliche Spiritualität und der Diskurs des „Göttlich-Weiblichen" (divine feminine). Seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sind, besonders innerhalb der New-Age-Strömungen, hinduistische Göttinnen-Bilder — besonders Kâlî und Shakti — von westlichen spirituell Suchenden übernommen und bisweilen, aus ihren Kontexten gerissen, in allgemeinere Symbole wie „weibliche Kraft" oder „göttlich-weibliche Energie" verwandelt worden. Dieser Prozess birgt ebenso sehr eine interkulturelle Bereicherung wie das Risiko des Kontextverlusts und der Verflachung; die akademische Literatur erörtert dieses Phänomen der „Migration der Göttin in den Westen" sowohl aus Sicht des kulturellen Dialogs als auch der Aneignung (appropriation). Dennoch zeigt dieses verbreitete Interesse, dass Devî nicht bloß ein historisches Thema, sondern eine lebendige Kraft in der zeitgenössischen spirituellen Vorstellungswelt ist.

Erörterungen: Patriarchale Deutung und feministische Neulesung

Die lebendigste Erörterung in den Studien zum Göttlich-Weiblichen ist die Beziehung der kraftvollen Göttinnen-Bilder zur gesellschaftlichen Stellung wirklicher Frauen. Einer Ansicht zufolge sind die kraftvollen, ja furchterregenden Göttinnen der hinduistischen Tradition eine heilige Bestätigung der weiblichen Kraft und des weiblichen Wertes. Der Gegenansicht zufolge hat sich die auf göttlicher Ebene erhöhte weibliche Kraft auf gesellschaftlicher Ebene nicht immer in der Autonomie oder dem Status der Frauen niedergeschlagen; ja, in manchen Fällen mögen die Göttinnen-Bilder gebraucht worden sein, um bestimmte Erwartungen an Frauen (Mutterschaft, Aufopferung oder eine „zu zähmende wilde Kraft") zu festigen. Die Religionswissenschaftlerin Rita Gross und andere feministische Kommentatorinnen untersuchen diese Spannung und weisen darauf hin, dass die Göttinnen-Symbole je nach Kontext sowohl eine befreiende als auch eine einschränkende Funktion haben können.

Eine zweite Erörterung ist die theologische Polarisierung zwischen „verheirateten/gezähmten" Göttinnen (zum Beispiel der ihrem Gatten verbundenen, ruhigen Pârvatî oder Lakshmî) und „unabhängigen/wilden" Göttinnen (der gattenlosen, grenzenlosen Kâlî oder Durgâ). Manche Kommentatoren lesen dies als den symbolischen Ausdruck einer Spannung zwischen der gesellschaftlichen Kontrolle der weiblichen Kraft und ihrem Freibleiben. Diese Erörterungen sind mit breiteren vergleichenden Fragen über weibliche Mystikerinnen und weibliche Spiritualität verbunden. Methodisch ist es wichtig, weder die Göttinnen-Theologie als einen unmittelbaren Vorläufer des modernen Feminismus zu lesen (Anachronismus) noch ihr wirkliches verwandelndes Potenzial zu übersehen; der fruchtbarste Ansatz ist, jeden Text und jede Form in ihrem eigenen historisch-kulturellen Kontext, aber im Dialog mit zeitgenössischen Fragen zu lesen.

Eine dritte Erörterung ist die Beziehung der tantrischen göttlich-weiblichen Bilder zur Sexualität und zum Körper. Arbeiten wie Loriliai Biernackis Renowned Goddess of Desire zeigen, dass in manchen tantrischen Texten die Frau und der weibliche Körper, im Gegensatz zur gewöhnlichen gesellschaftlichen Geringschätzung, als unmittelbare Erscheinung der göttlichen Göttin erhöht werden; in diesen Texten ist die Achtung vor der Frau ein unmittelbares spirituelles Gebot. Doch ist umstritten, in welchem Maße sich diese Erhöhung in der wirklichen gesellschaftlichen Praxis niedergeschlagen hat. Dies führt uns zu einer grundlegenden vergleichenden Frage: Die Beziehung zwischen kraftvollen Göttinnen-Bildern und der gesellschaftlichen Stellung von Frauen ist in keiner Tradition einfach und unmittelbar; zwischen Symbol und gesellschaftlicher Wirklichkeit besteht stets ein komplexer, kontextabhängiger Abstand. Das Göttlich-Weibliche zu untersuchen erfordert auch, diesen Abstand ehrlich zu sehen.

Schluss: Das weibliche Gesicht des Absoluten

Devî ist der kraftvollste Ausdruck der Fähigkeit der hinduistischen Tradition, das Absolute nicht bloß als ein transzendentes, fernes und männliches Prinzip, sondern zugleich als eine immanente, zugängliche, schöpferische und liebevolle weibliche Gegenwart zu begreifen. Vom kosmischen Wort der Vâc bis zur kriegerischen Schutzfunktion der Durgâ, vom verwandelnden Schrecken der Kâlî bis zur Fülle der Lakshmî, von der Ganzheit der Mahâvidyâ bis zur geometrischen Mystik des Śrî Yantra zeigt die Devî-Theologie einen außerordentlichen Reichtum. Sie kann sowohl auf der Ebene der höchsten Metaphysik (als Shakti die wirkende Kraft des Absoluten) als auch der innigsten Volksfrömmigkeit (die liebevolle Mutter) erlebt werden.

Aus vergleichender Perspektive betrachtet bietet Devî einen der systematischsten theologischen Ausdrücke des universalen Bedürfnisses der Menschheit nach dem Göttlich-Weiblichen — der Suche nach Fruchtbarkeit, Mitgefühl, Weisheit und kosmischer Immanenz. Innerhalb dieser großen göttlich-weiblichen Familie, die von der jüdischen Schechina über die christliche Sophia und Maria, von der buddhistischen Târâ bis zur antiken Isis reicht, steht Devî sowohl für die umfassendste metaphysische Entfaltung als auch für die lebendigste fortdauernde Tradition. Devî zu untersuchen heißt, nicht bloß die hinduistischen Göttinnen, sondern den tiefen und bleibenden Ort des weiblichen Gesichts des Heiligen in der menschlichen Seele zu untersuchen.

Als ein letzter Gedanke: Der vielleicht tiefste Beitrag der Devî-Theologie ist, dass sie das Absolute über Zweiteilungen wie „entweder transzendent oder immanent", „entweder Mann oder Frau", „entweder schöpferisch oder zerstörerisch" hinausträgt. Die Göttin birgt all diese Gegensätze in sich: Sie ist zugleich die Gebärende und die Tötende, die Bewahrende und die Verwandelnde, das höchste metaphysische Prinzip und die nächste Liebes-Mutter. Diese Umfassendheit bietet eine weibliche Grammatik der Suche nach Einheit: Die eine Wirklichkeit hinter der Vielheit wird nicht als ein kaltes und fernes Absolutes, sondern als eine Mutter erfahren, die das Leben hervorbringt und umarmt. Das Göttlich-Weibliche ist so nicht bloß eine theologische Kategorie, sondern ein Weg, die Ganzheit des Seins, die Heiligkeit des Lebens und die Einheit der Gegensätze zu erfahren. Devî zeigt, dass die Wahrheit zugleich in der Sprache der tiefsten Metaphysik und der wärmsten Liebe ausgesprochen werden kann; und dies ist ihr zugleich uralter und stets zeitgenössisch bleibender Ruf.