Seele, Selbst & Anthropologie

Neschamah — Der göttliche Hauch in der Kabbala

Die dritte und standardmäßig erreichbare höchste Stufe der Seele in der jüdischen Mystik: der göttliche Hauch, den Gott dem Menschen einblies (Genesis 2:7). Stammt aus der hebräischen Wurzel „Atem"; trägt tiefe Parallelen zum rûh-i sultânî der Sufik.

30 Verbindungen Seele, Selbst & Anthropologie Auf der Karte zeigen → ⌛ Sonstige

Definition

Neschamah (Hebräisch: נְשָׁמָה, Plural neschamot) ist in der Seelen-Anthropologie der Kabala (Kabbala) die dritte und für den Menschen „standardmäßig erreichbare" höchste Stufe der Seele. Während die beiden darüber liegenden Stufen (Hayyah und Yehîdah) sich nur für fortgeschrittene Mystiker manifestieren können, ist die neschamah das Organ der göttlichen Einsicht, das durch das geistige Bemühen des durchschnittlichen Menschen erreichbar ist. Ihrer Wortwurzel nach bedeutet sie „Atem" (Hauch) und ist aus dem Ausdruck „nischmat ḥayyim" (Lebensatem) in Genesis 2:7 abgeleitet.

Die Neschamah ist das Zentrum der göttlichen Intelligenz, der tiefen Tora-Einsicht, der teschuvah (geistige Umkehr) und der mystischen Erfassung. Im Sefirot-Baum entspricht sie der Sefira Binah („Einsicht") und ist das geistige Organ der Welt der Beriah (Schöpfung). Strukturell wird sie mit der vedāntischen vijñānamaya kośa (der Hülle des unterscheidenden Verstandes) und mit dem rûh-i sultânî (der königlichen Seele, der hohen geistigen Intelligenz) der Tasavvuf (Sufik) verglichen.

Etymologie und koranisch-toranische Wurzeln

Die hebräische Wurzel n-sch-m

Die hebräische Wurzel n-sch-m (נשׁם) trägt die Bedeutungen „atmen", „Atem holen". Aus derselben Wurzel abgeleitete Wörter:

Diese Wurzel ist auch mit den anderen Mitgliedern der semitischen Sprachfamilie parallel. Die arabische Wurzel n-s-m (نسم) bedeutet „Hauch", „Wind", „leichter Luftzug" (z. B. nasîm نسيم — Brise). Im sufischen Arabisch speist sich auch das Wort nefes (نفس) aus demselben semantischen Feld, leitet sich aber aus einer anderen Wurzel (n-f-s) ab.

Im Hebräischen gibt es im selben semantischen Feld vier grundlegende Begriffe:

  1. nefesch (נֶפֶשׁ) — physisches Leben, Atem-Seele (Wurzel n-f-sch)
  2. rûach (רוּחַ) — Atem, Wind, Geist (Wurzel r-w-ḥ)
  3. neschamah (נְשָׁמָה) — feinerer Hauch, göttliche Seele (Wurzel n-sch-m)
  4. yeḥidah (יְחִידָה) — Einheit, Einssein (Wurzel y-ḥ-d)

Die wichtige Beobachtung der Kabbalisten: In der Schöpfungserzählung (Genesis 2:7) werden bei der Erschaffung des Menschen durch Gott drei verschiedene Begriffe verwendet:

Dies wird als unmittelbare Eigenschaft des Schöpfungsaugenblicks der vielschichtigen Seelenstruktur des Menschen (NaRaNHaY) gelesen.

Die mystische Deutung von Genesis 2:7

Nach der Deutung der Kabbalisten zeigt das Einblasen Gottes in Adam (vayippaḥ) eine zweifache Bewegung:

  1. Bewegung des Gebens: Gott bläst ein „Stück" aus seinem eigenen Wesen in den Menschen — deshalb ist die Neschamah ein „göttlicher Funke".
  2. Bewegung der Nähe: Der Blasende und der Angeblasene sind einander nahe (zum Blasen müssen Mund und Empfänger nahe beieinander sein) — dies ist das ontologische Bild der Nähe Gottes zum Menschen.

Zohar III:31a deutet dieses Einblasen so: „Mi-de-nafaḥ be-appoy mi-de-yatev ittan" — „Der Blasende gab, indem er aus seinem eigenen Inneren gab." Das heißt, die Neschamah ist ein Atem, der aus dem eigenen Inneren Gottes kommt; dies erklärt den göttlichen Ursprung und die wesenhafte Reinheit der Neschamah.

Die klassische Formulierung des Baal Schem Tov und der chassidischen Tradition: „Neschamah ḥelek Eloah mi-maʿal mamasch" — „Die Neschamah ist wahrhaftig ein Teil des Gottes droben." (Tanya, Eröffnungsteil)

Das Wort „mamasch" („wahrhaftig", „buchstäblich") in dieser Formulierung wird in der Chabad-Theologie übermäßig betont. Dov Ber von Lubawitsch (der Mittlere Rebbe), der Sohn Schneur Salmans von Liadi, sagt in seinem Werk Schaʿarei Teschuvah: „Ließen wir das mamasch weg, so wäre die Neschamah etwas, das Gott gleichnishaft ähnelt — das ist eine orthodoxe Aussage. Doch mit dem Zusatz mamasch wird nicht diese Ähnlichkeit, sondern die ontologische Identität der Neschamah betont — das ist die chassidisch-kabbalistische Radikalität." Diese Radikalität ist offenkundig das jüdische Gegenstück zur Lehre der Vahdet-i Vücud (Einheit des Seins) und zum Mahāvākya aham brahmasmi des Vedānta.

Kanonische Quellen

Tora und Tanach

Schlüsselverse:

Dieser letzte Vers (Psalmen 150:6) ist der Abschluss der in den Morgengebeten gesprochenen Pesukei de-Zimra und betont die zentrale Stellung der Neschamah in der jüdischen Liturgie.

Werden diese Verse insgesamt betrachtet, treten die grundlegenden theologischen Eigenschaften der Neschamah hervor:

  1. Göttlicher Ursprung: Die Neschamah kommt unmittelbar aus dem Hauch Gottes; sie ist keine „gewöhnliche" Eigenschaft des Menschen, sondern eine göttliche Gabe.
  2. Verbindung mit der Einsicht: Hiob 32:8 verbindet die Neschamah mit der binah (Einsicht, Intuitions-Verstand).
  3. Jenseits der Vergänglichkeit: Jesajas Ausdruck „lasst ab von dem Menschen, der Neschamah hat" ist paradox — er deutet an, dass sich unter der Vergänglichkeit des Menschen eine unsterbliche Neschamah findet.
  4. Liturgische Zentralität: Mit Psalmen 150:6 wird alles Lebendige, „alles, was Neschamah hat", zum Subjekt des Gotteslobs; die Neschamah ist hier zugleich ein menschliches und ein göttliches Bewusstsein.

Talmudische Debatte

Der babylonische Talmud führt in Berakhot 10a eine Debatte über die fünf „Bârekhi nafschi"-Aufrufe (meine Seele segne) in Psalm 103–104. Es wird gefragt, womit David sein „nafschi" hier identifiziert, und die Antwort lautet: David beschreibt die Nähe seiner eigenen Seele (nefesch) zu Gott auf teleskopische Weise — Leib, Welt, Kosmos. Diese frühe Deutung hat später den Unterscheidungen der Kabbalisten zwischen Nefesch-Rûach-Neschamah als Grundlage gedient.

In Niddah 31a werden bei der Geburt des Menschen drei gemeinsame Schöpfer genannt: Mutter, Vater und Gott. Der Beitrag Gottes wird als „Neschamah" (Seele, Licht und Augenlicht) bestimmt; dies ist die frühe talmudische Formulierung dafür, dass die Neschamah der göttlich-stämmige Teil des Menschen ist.

Bahir und frühe Kabbala

Das Sefer ha-Bahir (Buch der Erleuchtung, 12. Jahrhundert, Provence) vertritt die Präexistenz der Seele (pre-existence) und dass die neschamot droben in einem himmlischen Schatz, guf (das Haus der Seelen) genannt, warten. Diese Vorstellung war in der antiken jüdischen Tradition vorhanden (Talmud, Yevamot 62a), doch das Bahir verwandelt sie in eine mystische Anthropologie.

Zohar

Im Zohar wird die Neschamah in verschiedenen Passagen eingehend behandelt:

Daniel Matts Übersetzung der Pritzker Edition (2004–2017) hat diese Passagen mit ausführlichem Kommentar ins Englische übertragen.

Nach dem Zohar ist der grundlegende Unterschied zwischen Neschamah und Rûach folgender: Der Rûach ist die Brücke zwischen der „Nefesch-Welt" und der „Neschamah-Welt"; die Neschamah hingegen ist unmittelbar mit der göttlichen Welt (Beriah) verbunden. Deshalb ist das „Aufschließen" (hitlavtut) der Neschamah durch geistige Praktiken das zentrale Ziel der jüdischen Mystik.

Lurianische Kabbala

Im 16. Jahrhundert verorteten in Safed Yitzhak Luria (Ari, 1534–1572) und sein Hauptschüler Hayyim Vital (1542–1620) die NaRaNHaY-Lehre in einem ganz neuen kosmischen Rahmen. In diesem Rahmen verschränkt sich die Neschamah mit der Lehre des tikkun olam (der Wiederherstellung der Welt).

Hayyim Vitals Schaʿarei Keduschah (Die Tore der Heiligkeit, 1580) beschreibt die Neschamah so: Die Neschamah jedes Individuums ist ein Bruchstück der ursprünglichen Neschamah Adams. Als Adam mit der Erbsünde „zerbrach", teilte sich seine Neschamah in 600.000 Hauptteile; jeder spätere Mensch trägt einen dieser Teile. Diese Zahl ist symbolisch mit der Bevölkerung Israels beim Auszug (600.000 Männer) verbunden und gebiert die Lehre, dass jeder Jude in der Tora einen ihm eigenen „Buchstaben" trägt.

Chassidismus

Die mit dem Baal Schem Tov (etwa 1700–1760) beginnende chassidische Bewegung trug die Neschamah ins Zentrum der Volksspiritualität. Im Tanya (Schneur Salman von Liadi, 1797) wird die Neschamah als „ḥelek Eloah mi-maʿal mamasch" (wahrhaftig ein Teil des Gottes droben) bestimmt. Die Betonung des Wortes „mamasch" („wahrhaftig", „buchstäblich") ist die grundlegende theologische These des Chabad-Lubawitsch: Die Neschamah ist nicht metaphorisch, sondern ontologisch ein göttlicher Teil.

Der Chabad-Chassidismus analysiert auch über die fünf Unterabteilungen der Neschamah: Die Neschamah hat in sich fünf fraktal-wiederkehrende Stufen als nefesch-rûach-neschamah-hayyah-yehîdah. Dies bringt die unendlich innenschichtige Natur der Seele zum Ausdruck.

Systematische Struktur: Die Anatomie der Neschamah

Ihre drei Dimensionen

In der kabbalistischen Literatur wird die Neschamah in drei Dimensionen erörtert:

  1. Ursprungsdimension (mekor): Der Ort, aus dem die Neschamah kommt. Dies ist die Sefira Binah, die göttliche Mutter (Imma), die Welt der Beriah.

  2. Manifestationsdimension (hitlavtut): Die Stellung der Neschamah im Leib. Das Gehirn (besonders die Stirnlappen), das Ein- und Ausatmen, die Stirnregion als Zentrum tiefer Kontemplation und Intuition.

  3. Dimension der geistigen Entwicklung (hadlakat ner): Die „Erleuchtungs"-Kapazität der Neschamah. Nach Aryeh Kaplan gleicht die Neschamah von Geburt an einer „unangezündeten Kerze"; die geistige Praxis entzündet ihr Licht.

Der Zusammenhang der Neschamah mit den Sefirot

Chabad ist ohnehin das Akronym dieser drei Sefirot: Hokhmah, Binah, Daʿat — also die drei Dimensionen des „Allverstandes". Der Chabad-Chassidismus arbeitet über diese dreigliedrige Organisation der Neschamah.

Neschamah und die Welten der Schöpfung

In der kabbalistischen Kosmologie gibt es vier Welten (olamot): Atziluth (Emanation), Beriah (Schöpfung), Yetzirah (Gestaltung), Assiah (Handlung). Die Neschamah ist das geistige Organ der Welt der Beriah. Die Beriah ist die Welt, in der das göttliche Bewusstsein die reine Gedanken-Form annimmt; dort gibt es noch keine getrennten Wesen, aber es ist der erste Keim der „Ich-Du"-Unterscheidung vorhanden.

Deshalb trägt die Neschamah ein Paradox: zugleich von Gott getrennt (individuell) und mit ihm eins (dem Wesen nach). Dass die chassidische Literatur dieses Paradox behandelt (besonders die Debatte um atzmut u-mehut im Tanya), trägt erstaunliche Parallelen zu den Debatten der islamischen Sufik um die vahdet-i vücud (Einheit des Seins).

Die „Funken"-Natur (nitzotz) der Neschamah und der Diskurs vom „göttlichen Funken", der von Plotin bis Ibn Arabî, von Eckhart bis zur lurianischen Kabbala reicht, bilden ein historisches und theoretisches Netz. Henry Corbin analysiert in seinen Werken Creative Imagination in the Sufism of Ibn Arabi (1969) und Spiritual Body and Celestial Earth (1977) dieses Netz systematisch: das „sirr al-asrār" (Geheimnis der Geheimnisse) Ibn Arabîs, das „vünkelîn" (Fünklein) Eckharts, das nitzotzot der Kabbala — sie alle sind Metaphern für die göttliche Substanz im Menschen. Diese historische Parallele ist ein Beweis dafür, wie nahe einander verschiedene Spiritualitäten im Mittelalter eine Anthropologie entwickelt haben.

Praktische Implikationen

Das Morgengebet: „Eloḥai Neschamah"

In der täglichen jüdischen Praxis enthält eines der ersten Gebete, das gleich nach dem morgendlichen Erwachen gesprochen wird, folgenden Satz:

Eloḥai, neschamah sche-natata bi tehorah hi. Atah berata, atah yetzarta, atah nefaḥta bi, ve-atah meschamerah be-kirbi. „Mein Gott, die Neschamah, die du mir gegeben hast, ist rein. Du hast sie erschaffen, du hast sie geformt, du hast sie in mich eingeblasen, und du bewahrst sie in mir."

Dieses Gebet ist die grundlegende theologische Verkündigung, die die wesenhafte Reinheit der Neschamah und die Unfähigkeit der Sünde, sie zu beflecken, ausdrückt. Das Ziel der geistigen Schulung ist nicht, eine neue Reinheit zu erwerben, sondern die natürliche Reinheit der Neschamah davor zu bewahren, dass die unteren Schichten (nefesch und rûach) sie ergreifen.

Schabbat und „Neschamah Yeterah"

Nach der talmudischen Tradition (Beitzah 16a, Taanit 27b) erhält der Jude an jedem Schabbat-Tag eine „zusätzliche Neschamah" (neschamah yeterah), und am Ende des Schabbat wird diese zusätzliche Seele wieder zurückgegeben. Diese „Schabbat-Seele" ist eigentlich die Extra-Manifestation der Standard-Neschamah des Individuums; sie ist das Sinnbild der geistigen Erneuerung im wöchentlichen Rhythmus.

Das Verhältnis zwischen Maʿaseh Bereschit (den ersten sechs Tagen der Schöpfung) und Yom ha-Schabbat (dem Schabbat-Tag) ist ein kosmisches „Ein- und Ausatmen"; jeder Jude nimmt am Schabbat am kosmischen Atemholen teil.

Tora-Studium und Neschamah

Nach der kabbalistischen Tradition nährt das Tora-Studium die Neschamah. Jeder Buchstabe der Tora enthält ein himmlisches „Lichtpaket" (nitzotz); während des Studiums fließen diese nitzotzim in die Neschamah. Deshalb ist das tiefe Tora-Studium (besonders in den Schichten des pardes — peschat, remez, deraschah, sod) „neschamah-nährend" (mazon ha-neschamah).

Die lurianischen kavanot (Absichtssysteme) bieten die spezifischen Techniken dieser Nährung. Zum Beispiel wird während der tefilla mit der ibarat ha-kelilot (der allgemeinen Absicht) in den beiden Sätzen des Schema yichudim (Vereinigungen) vollzogen; diese Praxis aktiviert besonders die hohen Neschamah-Stufen. Hayyim Vitals Werk Schaʿar ha-Kavanot bietet die systematischste Beschreibung dieser Techniken; doch der Text ist überaus esoterisch, und es heißt, er könne nur in einem zertifizierten Schüler-Meister-Verhältnis übertragen werden.

In der zeitgenössischen chassidischen Welt (besonders bei Chabad) werden neschamah-nährende Gewohnheiten ins Tagesprogramm eingearbeitet: tehillim (Psalmen) lesen, daf yomi (täglicher Talmud) betreiben, ḥassidut (chassidische Texte) studieren. Die theologische Begründung dieser Praktiken liegt in der Grundthese des Tanya: „Jede mitzvah betätigt ein Glied der Neschamah"; da es 248 mitzvot gibt (nach rabbinischer Zählung), ist dies eine geistige Übung, die die Anatomie der Neschamah vervollständigt.

Tod und die Rückkehr der Neschamah

Nach der kabbalistischen Deutung von Kohelet 12:7: „Der Staub kehrt zur Erde zurück, die Neschamah aber zu dem, der sie gegeben hat." Beim Tod bleibt das Nefesch eine Zeitlang um das Grab herum, der Rûach durchläuft in der Zwischenwelt (Olam ha-Yetzirah) einen bestimmten Entwicklungsprozess, die Neschamah hingegen kehrt unmittelbar zu ihrer Quelle (Beriah) zurück. Dies ist die Grundlage der vielschichtigen Struktur des jüdischen Begriffs vom Jenseits.

Gilgul und Neschamah

Die lurianische Lehre des gilgul neschamot: Manche neschamot können in einem einzigen Leben ihre Aufgabe nicht erfüllen und müssen sich erneut verkörpern (gilgul). Doch eine hochstufige Neschamah (eine im mystischen Sinne geläuterte) bedarf des gilgul nicht; sie steigt unmittelbar zu den himmlischen Ebenen auf. Diese Lehre begründet den Unterschied der jüdischen Reinkarnation zum hinduistischen saṃsāra: Die jüdische Reinkarnation ist kein notwendiger kosmischer Kreislauf, sondern das Ergebnis eines unvollendeten tikkun.

Die lurianische gilgul-Lehre bietet mehrere technische Bedingungen: (1) eine Neschamah kann nicht in denselben Leib, sondern in verschiedene Leiber gilgul vollziehen; (2) für manche komplexen „tikkun"-Aufgaben können zugleich zwei oder drei Neschamah-Teile in einem einzigen Leib sein (ibbur — Schwangerschaft/Zusatz-Neschamah); (3) in ganz besonderen Fällen kann sich eine „gute Seele" mit einem anderen Leib verbinden und ihm helfen (ibbur tov). Diese Einzelheiten werden in Hayyim Vitals Schaʿar ha-Gilgulim systematisch behandelt; der Text ist eine der reichsten Quellen der jüdischen mystischen Literatur hinsichtlich der Anthropologie des Jenseits.

Vergleichende Perspektive

Sufik: Rûh-i Sultânî

Der sufische Begriff, der die engste strukturelle Entsprechung zur Neschamah trägt, ist der rûh-i sultânî (die königliche Seele) oder in manchen Quellen der rûh-i aʿzam. In der klassischen sufischen Anthropologie (Ghazâlî Ihyâʾ, Ibn Arabî Futûhât) ist der rûh-i sultânî:

Diese drei Eigenschaften decken sich eins zu eins mit der Neschamah. Sowohl die nefha (das Einblasen) als auch der göttliche Ursprung und die hohe Stellung sind beiden Traditionen gemeinsam.

Andererseits ist auch die sprachliche Parallele bemerkenswert: Der Ausdruck im Islam, dass Gott „aus meinem Geist" in den Menschen einblies (Sâd 38:72, Hicr 15:29), trägt eine unmittelbar parallele Aussagestruktur zum „nischmat ḥayyim" (Genesis 2:7) der Tora. In beiden Traditionen:

  1. bläst der Schöpfer dem Menschen einen Teil aus seinem eigenen Atem ein.
  2. ist dieser Atem ein vom physischen Leben verschiedenes, göttlich-intelligentes Wesen.
  3. kehrt dieses Wesen nach dem Tod zu seiner Quelle zurück.

Vedānta: Vijñānamaya Kośa

Die vijñānamaya kośa des Vedānta (die Hülle des unterscheidenden Verstandes) deckt sich mit der Neschamah in folgenden Punkten:

Die Neschamah ist ein von Brahman getrennter göttlicher Hauch, die vijñānamaya kośa hingegen eine Hülle des Ātman — das heißt, die ontologische Stellung ist verschieden. Gleichwohl bringen sie als phänomenologische Funktion dieselbe Kapazität „geistiger Intelligenz" zum Ausdruck.

Christliche Mystik: Pneuma und Anima Spiritualis

In der griechisch-christlichen Tradition ist das pneuma (πνεῦμα — Hauch, Geist) unmittelbar das Übersetzungsgegenstück des hebräischen neschamah. In der Septuaginta (der griechischen Übersetzung des Alten Testaments aus dem 3. Jahrhundert) wird das „nischmat ḥayyim" in Genesis 2:7 als „pnoēn zōēs" übersetzt. Paulus sagt in 1. Korinther 15:45 „der letzte Adam wurde zu einem lebendig machenden Geist" (eis pneuma zōopoioun) — hier ist eine messianisch-eschatologische Erweiterung der Neschamah vorhanden.

Meister Eckhart (1260–1328) und die rheinische Mystik-Tradition entwickeln mit den Begriffen „Seelenfünklein" und „Gottesgeburt in der Seele" eine Anthropologie vom Neschamah-Typus. Eckharts vünkelîn (Fünklein) ist unmittelbar parallel zum Begriff des nitzotz der Kabbala und zur Lehre vom göttlichen Ursprung der Neschamah.

Theosophie und moderner Esoterismus

In der siebengliedrigen menschlichen Verfassung H. P. Blavatskys entspricht Buddhi (Intuitions-Seele) der Stellung der Neschamah. The Secret Doctrine (1888) und The Voice of the Silence (1889) bestimmen Buddhi als „geistige Seele" und „Werkzeug der göttlichen Intelligenz"; dies lässt sich unmittelbar als eine vedisch-tibetische Neulesart der chassidischen Chabad-Lehre (Hokhmah-Binah-Daʿat) betrachten.

Sufisch-jüdischer Dialog: Bachja ibn Pakuda

Der im 11. Jahrhundert in al-Andalus lebende Bachja ibn Pakuda (Bachja ben Yosef ibn Paquda) verfasste sein Werk Hovot ha-Levavot (Die Pflichten der Herzen) auf Arabisch und übersetzte es ins Hebräische. Dieses Werk trägt offen islamisch-sufische Einflüsse; es behandelt die Begriffe qalb (libb), rûh, neschamah im Dialog mit der Sufik. Bei Bachja ist die Neschamah eine „göttliche Gabe", die durch die Praxis der Herzensreinigung (ṭahârat al-qalb) aufgeschlossen wird. Dieser Text ist eines der schönsten Beispiele des jüdisch-muslimischen Dialogs des geistigen Denkens im Mittelalter.

In Bachjas Werk sind besonders die Abschnitte „schaʿar ha-perischut" (das Tor der Weltentsagung), „schaʿar ha-teschuvah" (das Tor der Umkehr) und „schaʿar ahavat ha-Schem" (das Tor der Gottesliebe) die unmittelbar jüdische Version der maqâmât-Literatur (der geistigen Stationen) der Sufik. Bachja verbindet sowohl die islamische Askese als auch die klassisch-talmudische ethische Sprache; das entstehende Bild handelt von der Erleuchtung der Neschamah durch die „Herzensreinigung". Akademische Forschungen (Diana Lobels A Sufi-Jewish Dialogue, 2007) haben die bestimmten arabisch-sufischen Parallelen in Bachjas Text ausführlich aufgezeigt.

Eine ähnliche Synthese vollzog auch Avraham Maimonides (der Sohn des Maimonides, 1186–1237). Der in Ägypten lebende Avraham passt in seinem Werk Kifâyat al-ʿâbidîn (Das Genügende für die Andächtigen) offen die sufischen Disziplinen an die jüdische ḥasidut an; chalwa (das Einsamkeitsexerzitium), die meditative Wiederholung im Stil des zikir (Gottesgedenken) und der inneren Beobachtung ähnliche Techniken im Stil der murâqaba werden in die Praxis der jüdischen Chassidim integriert. Diese Synthese-Tradition wurde in den folgenden Generationen (David ben Yehoschua ha-Nagid, 14. Jh.) fortgeführt.

Plotin und Neuplatonismus

In Plotins Enneaden (besonders im 5. und 6. Buch) ist der „Nous" (göttlicher Verstand/göttliche Intelligenz) die zweite aus dem Einen hervorgehende Hypostase. Die jüdischen Mystiker (besonders Ibn Gabirol, Mekor Hayyim) haben unter dem Einfluss Plotins die Neschamah als einen „kleinen Nous" gedeutet: die göttliche Verstandes-Manifestation im Menschen.

Ibn Gabirol (Avicebron, ca. 1021–1058) ist in dieser Synthese eine besonders zentrale Figur. In seinem Werk Fons Vitae (Quelle des Lebens) vertritt er die Lehre der „universalen Materie-Form"; dies ist die Vorform der Begriffe yesch me-ayin (Sein aus dem Nichts) und des Ausfließens der Neschamah aus der göttlichen Quelle in der späteren Kabbala. Ibn Gabirols Text fand bei den christlichen Scholastikern große Beachtung (Aquin, Bonaventura), blieb aber in der jüdischen Tradition paradoxerweise lange Zeit verborgen. Im 19. Jahrhundert stellte Salomon Munk durch den Nachweis, dass das Werk einem jüdischen Autor gehört, seinen Platz in der Geschichte der jüdischen Philosophie wieder her.

Jüdische Widerspiegelungen des gemeinsamen hindu-islamischen Erbes

In der vielreligiösen Umgebung (convivencia) des spätmittelalterlichen Spaniens synthetisierten jüdische Denker den Begriff der Neschamah, indem sie sowohl das islamisch-sufische als auch das neuplatonische Erbe aufnahmen. Abraham Abulafia (1240–1290) verwendet bei der Entwicklung seines Systems der „prophetischen Kabbala" (Kabbalah nevuit) Techniken der Buchstaben-Meditation (tzeruf otiyot), die dem islamischen zikir ähneln. Das Ziel dieser Technik ist das „Aufschließen" der Neschamah und das Erreichen des prophetischen Zustands (nevuah). Moshe Idel hat in seinem Werk The Mystical Experience in Abraham Abulafia (1988) die strukturellen Ähnlichkeiten dieser Techniken mit den sufischen Praktiken systematisch aufgezeigt.

Moderne Interpretationen

Aryeh Kaplans Meditationsansatz

Aryeh Kaplan (1934–1983) ist unter den modernen jüdischen Praktiker-Gelehrten die wichtigste Figur, die die Neschamah ins Zentrum der Meditationsmethoden stellt. In seinen Werken Meditation and Kabbalah (1982), Innerspace (1990) und Jewish Meditation (1985) schlägt Kaplan konkrete Techniken zum Aufschließen der Neschamah vor:

Nach Kaplan öffnen diese Techniken das „Fenster der Neschamah" und nähern das Individuum der Welt der Beriah an.

Gershom Scholem und die akademische Analyse

Gershom Scholems Werke Major Trends in Jewish Mysticism (1941) und On the Kabbalah and Its Symbolism (1965) verfolgen die historische Evolution des Neschamah-Begriffs systematisch. Nach Scholem durchläuft die Neschamah drei Phasen:

  1. Frühe biblisch-rabbinische Periode: allgemeine „Seelen"-Bedeutung
  2. Kabbalistisch-zoharistische Periode: ein mit den Sefirot zusammenhängendes, vielschichtiges Schema
  3. Lurianisch-chassidische Periode: eine mit tikkun und gilgul vereinte kosmische Anthropologie

Jede Phase bewahrt die vorherige Schicht und fügt neue Dimensionen hinzu.

Elliot Wolfsons hermeneutischer Ansatz

Elliot R. Wolfson untersucht in seinen Werken Through a Speculum That Shines (1994) und Language, Eros, Being (2005) die Neschamah mit einem phänomenologisch-hermeneutischen Ansatz. Nach Wolfson ist die Neschamah nicht bloß ein „Ding", sondern ein Erfahrungsmodus: ein Bewusstseinswandel, der das Sichtfeld des Menschen mit der göttlichen Perspektive verbindet.

Wolfson verweilt besonders bei der Gender-Struktur der Neschamah: In der kabbalistischen Literatur trägt die Neschamah sowohl „männliche" (mit Zeʿir Anpin zusammenhängende) als auch „weibliche" (aus Imma/Binah geborene) Aspekte. Diese Doppelseitigkeit ist der Ausdruck der ganzheitlichen Natur der Neschamah.

Moshe Idel und vergleichende Studie

Moshe Idel erforscht in seinem Werk Theosophy and Anthropology in Jewish Mysticism (2005) und in anderen Werken die möglichen historischen Wechselwirkungen der Neschamah mit nicht-jüdischen Traditionen (besonders der sufischen, hinduistischen). Nach Idel hat besonders die wechselseitige Wechselwirkung des jüdisch-muslimisch-christlichen mystischen Diskurses im Spanien des 12.–13. Jahrhunderts eine Rolle bei der Bereicherung des Neschamah-Begriffs gespielt.

Zeitgenössischer Chabad-Lubawitsch-Diskurs

Menachem Mendel Schneerson (der Lubawitscher Rebbe, 1902–1994) verbindet in Hunderten von sicha (Reden) und maʿamar (geistigen Diskursen) die Neschamah mit jedem Augenblick des modernen jüdischen Lebens. Seine grundlegende These: Die Neschamah jedes Juden ist „ein kleiner Messias"; das Wesen des geistigen Kampfes ist das „Aufstrahlen-Lassen" (berur) dieser Neschamah in jedem Augenblick des täglichen Lebens und ihr „Herabbringen" (hamtakah) in die physische Welt.

Dialog mit der Wissenschaft

In den letzten Jahren bringen manche jüdischen Denker (besonders Naomi Ozaniec, Mordechai Gafni, Howard Schwartz) die Neschamah in den Dialog mit der zeitgenössischen Bewusstseinsforschung und der Neurowissenschaft. Besonders die Unsterblichkeitsforschungen (Raymond Moody, Pim van Lommel) prüfen die Hypothese, dass „Schwellen-Erfahrungen" mit der Neschamah zusammenhängen könnten. Dieser Ansatz ist akademisch umstritten, findet aber in der populären Leserliteratur breiten Raum.

Gelehrte wie David J. Halperin, Michael Fishbane und Lawrence Fine erforschen, wie die Kabbala in phänomenologischer Hinsicht des Bewusstseins zum Dialog mit der zeitgenössischen Psychologie beitragen kann. Fishbanes Werk Sacred Attunement (2008) liest die Neschamah neu als eine zeitgenössische Pädagogik der „geistigen Aufmerksamkeit" (kavanah): Die Neschamah wirkt nicht als bloße Substanz, sondern als ein zur Welt offener Modus des Hörens und Empfangens. Diese phänomenologische Wende findet in der zeitgenössischen orthodoxen Philosophie der kabbalistischen Anthropologie zunehmend mehr Raum.

Fazit

Neschamah ist die zentrale Achse der Menschen-Anthropologie der Kabala, der Gipfel der Schöpfungserzählung der Tora (Tekvîn 2:7) und das grundlegende Ziel der geistigen Praxis. Dieser Begriff, der im Zohar systematisiert wurde, sich in der lurianischen Kabbala mit der kosmischen Wiederherstellung (tikkun) verband und mit der chassidischen Bewegung ins Zentrum der Volksfrömmigkeit getragen wurde, trägt tiefe strukturelle Parallelen zum rûh-i sultânî der Tasavvuf, zur vijñānamaya kośa des Vedanta und zum pneuma der christlichen Mystik.

Die Neschamah ist zugleich die Trägerin der tiefsten theologisch-anthropologischen These der jüdischen Tradition: der angeborenen Reinheit des Menschen, seines göttlichen Ursprungs und seines unendlichen Wertes. Mit den Worten des Tanya: „Neschamah ḥelek Eloah mi-maʿal mamasch" — die Neschamah ist wahrhaftig, buchstäblich, ontologisch ein Teil Gottes. Diese radikale These zeigt, dass die jüdische Mystik auf denselben geistigen Gipfel verweist wie die Lehre der vahdet-i vücud der Sufik und das Mahāvākya tat tvam asi des Vedānta — in verschiedenen Sprachen, in verschiedenen Kosmologien, aber als gemeinsame Betonung einer einzigen Menschheits-Erfahrung.