Heilige Schriften

Das Evangelium (Indschîl) (Neues Testament)

Der zweite und abschließende Teil des christlichen Kanons; ein Korpus aus 27 Büchern, bestehend aus den vier Evangelien, der Apostelgeschichte, einundzwanzig Briefen und der Offenbarung — die Quelle des Lebens und der Lehren Jesu Christi sowie der frühen Kirchentheologie.

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Vorstellung des Werks

Indschîl (griech. Εὐαγγέλιον, euangelion, „gute Nachricht, frohe Botschaft"; in der aus dem Arabischen ins Türkische übernommenen Form Indschîl) — ist der traditionelle türkische Name für das aus siebenundzwanzig Büchern bestehende Korpus, das den zweiten Teil des christlichen Kanons bildet und als Neues Testament (Kainê Diathêkê, Καινὴ Διαθήκη) bezeichnet wird. Der Begriff verweist im türkisch-islamischen Gebrauch sowohl auf das gesamte Neue Testament als auch besonders auf die vier Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes).

Das Neue Testament entstand dadurch, dass die in der zweiten Hälfte des 1. und zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. in verschiedenen Städten des östlichen Mittelmeerraums — Jerusalem, Antiochia, Ephesus, Korinth, Rom, Alexandria — in Koine-Griechisch verfassten Texte von der Kirchentradition allmählich kanonisiert wurden. Der Kanon erhielt seine endgültige Gestalt gegen Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. — mit dem 39. Osterbrief des Athanasius von 367 und den darauffolgenden Konzilien. Bart D. Ehrmans moderne akademische Arbeiten über den Entstehungsprozess dieses Korpus haben die Grundlagen einer historisierten Lektüre des Neuen Testaments gelegt.

Inhaltsstruktur

Das Neue Testament besteht aus 27 Büchern und lässt sich in vier Hauptkategorien behandeln:

1. Die vier Evangelien (Quadriform Gospel)

Es sind vier verschiedene Darstellungen des Lebens und der Lehren Jesu Christi:

Die Eröffnung von Johannes 1,1 — en archê ên ho logos, „Im Anfang war der Logos" — verbindet die griechische Philosophie (besonders die Stoa und die hermetische Tradition) mit dem hebräischen Motiv des Bereschit („im Anfang") und bildet das Herz der christlichen Logos-Theologie.

Die Parallelen zwischen den ersten drei Evangelien werden als synoptisches Problem (Synoptic Problem) bezeichnet. Der moderne akademische Konsens neigt zur Zweiquellentheorie (Two-Source Hypothesis): Matthäus und Lukas haben den Markus und eine verlorene Spruchquelle, die Q-Quelle (deutsch Quelle), benutzt.

2. Die Apostelgeschichte (Praxeis tôn Apostolôn)

Der einzige erzählende Text, der gleichsam die Fortsetzung des Lukasevangeliums bildet; vom Ereignis des Pfingsten ausgehend bis zum Hausarrest des Paulus in Rom erzählt er den Prozess der Ausbreitung der Kirche von Jerusalem bis nach Rom. Historisch ist er die wichtigste Quelle der frühen Christentumsgeschichte.

3. Die Briefe (Epistolai) — 21 Bücher

Sie sind in zwei Hauptgruppen gesammelt:

Paulinische Briefe (13 dem Paulus zugeschriebene Briefe):

Nach dem modernen akademischen Konsens stammen sieben Briefe (Römer, 1.–2. Korinther, Galater, Philipper, 1. Thessalonicher, Philemon) mit Sicherheit von Paulus; die übrigen (besonders die Pastoralbriefe — 1.–2. Timotheus und Titus) werden als deuteropaulinisch oder pseudopaulinisch eingestuft.

Allgemeine Briefe (Katholische Briefe):

4. Die Offenbarung (Apokalypsis)

Das letzte Buch, dem Johannes von Patmos zugeschrieben, in der literarischen Gattung der Apokalyptik, um 95 n. Chr. verfasst, voller Symbole, Visionen und eschatologischer Weissagungen. In der mystischen Tradition — besonders bei Joachim von Fiore (12. Jh.) und in der Rosenkreuzer-Tradition — hat es eine große Wirkung entfaltet.

Grundlehren

Jesus Christus — das Kerygma

Die zentrale Botschaft des Neuen Testaments (Kerygma) ist das Bekenntnis, dass Jesus der Messias (griech. Christos, hebr. Maschiach) ist und als die Gestalt, die die prophetischen Verheißungen der Tora erfüllt, der aus dem Geschlecht Davids stammende Erlöser. Das zentrale Ereignis der neutestamentlichen Theologie ist Kreuzigung und Auferstehung (stauros und anastasis). Paulus schreibt in 1. Korinther 15,14: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich."

Die Ethik der Liebe (Agape)

Die am tiefsten liegende ethische Kategorie des Neuen Testaments ist die Agape (ἀγάπη) — im Griechischen „bedingungslose, göttlich begründete Liebe". Jesus fasst in Markus 12,30–31 die zwei großen Gebote zusammen:

  1. „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand" (aus der Tora, Devarim 6,5)
  2. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (aus der Tora, Wajikra 19,18)

Das knappe Bekenntnis in 1. Johannes 4,8 — ho Theos agape estin, „Gott ist Liebe" — ist ein Grundstein der christlichen Mystik und liefert die Formulierung einer großen mystischen Theologie, die sich in den folgenden Jahrhunderten von Pseudo-Dionysius bis zu Meister Eckhart und den karmelitischen Mystikern (Johannes vom Kreuz, Teresa von Ávila) erstreckt.

Die Bergpredigt (Beatitudes)

Die Bergpredigt (Sermon on the Mount) in Matthäus 5–7 — die mit „Selig sind, die da geistlich arm sind …" beginnenden Seligpreisungen (μακαρισμοί) — ist die verdichtete Form der sittlichen Lehre Jesu. Das Vaterunser (Pater Noster, Matthäus 6,9–13) steht hier und ist das zentrale Gebet des späteren christlichen Gottesdienstes.

Die paulinische Theologie — Gnade und Glaube

Paulus (Saulus, um 5 – 67 n. Chr.) gilt als der Systematisierer der christlichen Theologie. Der Römerbrief formuliert die Erlösungsdoktrin entlang der Achse von Gnade (charis) und Glaube (pistis). Das Argument des Paulus — „Abraham wurde gerechtfertigt, weil er glaubte, noch vor der Beschneidung" (Römer 4) — ist eine feine theologische Übersetzung, die das jüdische Halacha-System mit der christlichen Glaubensdoktrin verknüpft. Diese Doktrin wird später von Augustinus und Martin Luther als sola fide („allein durch den Glauben") radikalisiert werden.

Die Logos-Theologie

Der Prolog des Johannesevangeliums (Johannes 1,1–18) bestimmt Jesus Christus als den Logos (ho logos, „Wort, Vernunft, universales Prinzip"). Dieser Begriff steht an der Schnittstelle der griechischen Philosophie (besonders der Stoa und Philons), der hebräischen Chochmah-Theologie (Weisheit) und der christlichen Offenbarungsdoktrin. Die Doktrin der Inkarnation (sarx egeneto, „wurde Fleisch") bezeichnet die Konkretisierung des göttlichen Logos im geschichtlichen Jesus.

Vergleichende Perspektive

Das Evangelium und der Koran: Die Jesus-Erzählung

Im Koran erscheint Jesus (arab. Îsâ b. Maryam) als ein bedeutender Prophet, der in fünfundzwanzig Suren und dreiundneunzig Versen vorkommt. Doch die Jesus-Erzählung des Korans unterscheidet sich theologisch grundlegend von der des Evangeliums:

Der Koran betrachtet das Evangelium (Indschîl) als das Buch, das Gott dem Jesus gab (Mâ'ida 5,46), sagt aber, dass der Text in den Händen der Christen verfälscht (tahrîf) sei. In Ibn Arabîs Fusûs al-Hikam wird die Weisheit Jesu als prophetische Weisheit (hikma nabawiyya) behandelt, und Jesus wird als Logos/Wort (Kalimatullah) — mit dem auch vom Koran gebrauchten Begriff — aufgefasst.

Das Evangelium und die Tora

Das Evangelium verweist beständig auf die Tora und erhebt den Anspruch, dass die Worte der alttestamentlichen Propheten in Jesus „erfüllt" wurden. Matthäus betont dies besonders: Die Formel „Dies alles geschah, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten verkündet hat …" kehrt immer wieder. Die tiefste theologische Spannung zwischen dem Evangelium und der Tora ist — wie in den Briefen des Paulus an die Römer und die Galater formuliert — das Verhältnis zwischen Mitzwot (Gesetz) und charis (Gnade).

Das Evangelium und der Vedanta

Auf mystischer Ebene schlägt der Begriff des Christusbewusstseins — besonders in der Theosophie und der perennialistischen Tradition entwickelt — eine Brücke zwischen dem Jesus des Evangeliums und dem hinduistischen Purushottama („höchste Person") bzw. dem Avatâra. Der Ausdruck der Bhagavad Gita „Ich bin alles und der Ursprung von allem" (aham sarvasya prabhavah, BG 10,8) lässt sich strukturell parallel zum Bekenntnis von Johannes 14,6 „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" lesen.

Das Evangelium und die Kabbala

Die frühchristliche Theologie, besonders der Johannesprolog und der Hebräerbrief, ist mit der jüdischen mystischen (Merkawa-, Chochmah-)Literatur verflochten. Die Tiferet-Sefirah der Kabbala (Schönheit, Mitte) und die Gestalt des Adam Kadmon (des Urmenschen) enthalten Kategorien, die in der christlichen Theologie der kosmischen Rolle Jesu strukturell ähneln. Die christlichen Kabbalisten (Pico della Mirandola, Reuchlin) versuchten in der Renaissance, diese Parallele zu systematisieren.

Einfluss und Rezeption

Das Neue Testament ist der einflussreichste Text der abendländischen Zivilisation. Literarisch — von den Bekenntnissen des Augustinus über Dantes Divina Commedia bis zu Miltons Paradise Lost — war es das Rückgrat des europäischen Denkens. Auf mystischer Ebene sprechen alle großen Gestalten der christlichen Mystik (Meister Eckhart, die karmelitischen Mystiker Johannes vom Kreuz und Teresa von Ávila, die ostkirchliche Hesychasmus-Tradition — das Herzensgebet) aus den Tiefen des Neuen Testaments.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Entdeckung der Bibliothek von Nag Hammadi (1945, Ägypten) — besonders das Thomasevangelium (gnostisch) — gezeigt, wie umstritten und plural der Entstehungsprozess des kanonischen Evangeliums war. Die Arbeiten moderner Akademiker wie Bart Ehrman haben den Begriff der Lost Christianities (verlorene Christentümer) verbreitet und das akademische Verständnis der frühchristlichen Vielfalt vertieft.

Die im Türkischen verbreitetsten Übersetzungen des Neuen Testaments sind die der Bibelgesellschaft (Kitab-i Mukaddes Schirketi) (1941, 2001) und die des Verlags Yeni Yasham. In der türkischen theologischen Literatur nehmen die Arbeiten von Shinasi Gündüz und Mahmut Aydin einen zentralen Platz in der Untersuchung des christlichen Kanons aus der Perspektive der vergleichenden Religionswissenschaft ein.

Die Lebendigkeit des Neuen Testaments dauert heute nicht nur im christlichen Gottesdienst an, sondern auch in den weltweiten ethischen Debatten (die Ethik der Agape, die Bewegung der sozialen Gerechtigkeit — Martin Luther King Jr., Befreiungstheologie), in der vergleichenden Religionswissenschaft und in der mystischen Psychologie (Carl Jungs Antwort auf Hiob mit der archetypischen Lektüre des Buches der Offenbarung).

Die philologische Dimension des Textes

Das Koine-Griechische

Das Neue Testament wurde im Koine-Griechischen verfasst, das in hellenistischer Zeit die lingua franca des Mittelmeerraums war. Es ist eine einfachere Sprache als das klassische attische Griechisch, vermag aber dennoch reiche theologische Begriffe hervorzubringen. Das Griechisch des Neuen Testaments ist nicht homogen: Während die Sprache des Markus ein schlichtes, mit semitischen Einflüssen durchsetztes Griechisch ist, zeigt die Sprache des Hebräerbriefs eine beinahe klassische rhetorische Meisterschaft. Die Briefe des Paulus hingegen bieten einen dichten, bisweilen syntaktisch verschlungenen, ganz eigenen theologischen Stil.

Begriffe aus dem hebräisch-aramäischen Hintergrund — amen (wahrlich), abba (Vater), maranatha (unser Herr, komm), talitha qum (Mädchen, steh auf) — sind im griechischen Text bewahrt. Dies zeigt, dass Jesus ein geschichtlicher jüdischer Lehrer war, der Aramäisch sprach, dass aber seine Botschaft früh ins Griechische übersetzt wurde.

Griechische Schlüsselbegriffe

Einige griechische Schlüsselbegriffe, die das Rückgrat der neutestamentlichen Theologie bilden:

Keiner dieser griechischen Begriffe lässt sich leicht übersetzen; jeder trägt seine eigene semantische Landkarte und bleibt eine grundlegende Referenz der modernen Theologie.

Schlüsselpassagen und mystische Lektüren

Johannes 1,1–18 — der Logos-Prolog

Johannes 1,1–18 — „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort" — ist die dichteste ontologische Passage des Neuen Testaments. Diese Eröffnung stellt eine strukturell-typologische Gleichung mit Bereschit 1,1 her: Sie beginnt mit demselben Ausdruck en archê (im Anfang), doch hier wird auf die Frage, womit die Schöpfung begann, die Antwort Logos gegeben. Der Ausdruck „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns" (Johannes 1,14) ist das grundlegende Bekenntnis der Doktrin der Inkarnation (ensarkôsis).

In der mystischen Theologie ist dieser Prolog der Brückenpfeiler zwischen der christlichen Logos-Doktrin und der griechischen Philosophie (besonders der Stoa und Philons), der hellenistisch-jüdischen Weisheitsliteratur (Prediger 8, Weisheit Salomos 7), der hermetischen Tradition und der späteren Doktrin der Wahdat al-Wudschûd (Einheit des Seins). In den deutschen Predigten Meister Eckharts ist die mystische Lektüre von Johannes 1,1 — die innere Geburt des Logos im „Seelenfünklein" — eines der grundlegenden Motive der rheinischen Mystik.

Matthäus 5–7 — die Bergpredigt

Die mit den Seligpreisungen (μακαρισμοί, „selig sind …") beginnende Bergpredigt ist die dichteste Sammlung der sittlichen Lehre Jesu. „Selig sind, die da geistlich arm sind" — makarioi hoi ptôchoi tô pneumati — ist eine paradoxe Bestimmung des Glücks: Die nach weltlichen Maßstäben Verlorenen treten in das Reich ein. Dieses Paradox steht in struktureller Parallele zum Wort des Paulus „in den Schwachen wird die Kraft Gottes vollendet" (2. Korinther 12,9) und zur Stufe der „Nichtigkeit" (fanâ) in der Tradition des Tasawwuf (islamische Mystik).

Die Radikalisierung des Gebotes „du sollst deinen Nächsten lieben" in der Bergpredigt — „liebet eure Feinde" (Matthäus 5,44) — ist der schwierigste Punkt der christlichen Agape-Ethik und wird später zur unmittelbaren Grundlage der Lehren vom gewaltlosen Widerstand bei Tolstoi, Gandhi, Martin Luther King und Bonhoeffer.

1. Korinther 13 — das Hohelied der Liebe

Der Agape-Hymnus des Paulus in 1. Korinther 13 — „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig …" — ist das lyrische Herz der christlichen Ethik. Diese Passage wird bei Hochzeiten oft gelesen, doch ihr Kontext ist weit umfassender: Paulus betont, dass die charismatischen Gaben des Geistes (Zungenrede, Prophetie, Erkenntnis) in der Abwesenheit der Liebe (Agape) sinnlos sind. Der Ausdruck „Die Liebe hört niemals auf" (hē agapē oudepote piptei) ist die Formulierung der paulinischen Doktrin, derzufolge die Liebe als eine ontologische Konstante noch über dem Glauben und der Hoffnung steht.

Offenbarung 21–22 — das neue Jerusalem

Die letzten beiden Kapitel des Buches der Offenbarung bieten die Vision des neuen Jerusalem (Kainê Ierousalêm) — „von Gott aus dem Himmel herabkommend, geschmückt wie eine Braut für ihren Mann" (Offenbarung 21,2). Diese Vision ist das verdichtete Sinnbild der klassischen Evangelien-Eschatologie: eine neue Schöpfung, in der die Tränen abgewischt sind, in der es keinen Tod gibt, in deren Mitte ein Strom fließt (parallel: der Eden in Bereschit 2). Die mystische Tradition liest diese Vision sowohl als individuelle Erlösung als auch als kosmische Apokatastasis (die Wiederherstellung aller Dinge).

Philipper 2,6–11 — der Christushymnus

Philipper 2,6–11 ist der frühchristliche Hymnus, den die Akademiker als Carmen Christi („Lied von Christus") bezeichnen. Dass Christus „sich selbst entäußerte" (ekenôsen heauton, Kenôsis), „Knechtsgestalt annahm" und „gehorsam wurde bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz" — diese Passage ist eine der ältesten Formulierungen der christlichen Christologie und bildet das Herz der Doktrin des Abstiegs und Aufstiegs (descensus-ascensus) Jesu Christi. In der modernen Theologie speist sich die kenotische Theologie von Hans Urs von Balthasar und Jürgen Moltmann aus dieser Passage.

Der historische Kontext des Neuen Testaments

Die Erforschung des historischen Jesus

Die Erforschung des historischen Jesus, die im 19. Jahrhundert mit Albert Schweitzers Werk Geschichte der Leben-Jesu-Forschung (1906) begann, sich dann mit Rudolf Bultmann, Ernst Käsemann und heute mit John P. Meiers Reihe A Marginal Jew fortsetzt, versucht, das historische Profil des jüdischen Lehrers herauszuarbeiten, der die Zeit um 4 v. Chr. – 30 n. Chr. hinter den Evangelientexten durchlebte. Bart Ehrmans populäre und akademische Arbeiten auf diesem Gebiet erschließen dem modernen türkischen Leser die Spannung zwischen dem kanonischen Evangelium und dem historischen Jesus.

Das Römische Reich

Das Neue Testament wurde in der Epoche der Pax Romana (des Römischen Friedens) verfasst, in der Zeit, als Kaiser wie Augustus, Tiberius, Claudius, Nero und Domitian herrschten. Vor dem Hintergrund der jüdisch-römischen Kriege (66–73 n. Chr. und 132–135 Bar Kochba) prägte der Prozess, sich von der jüdischen Gemeinschaft zu lösen und eine neue Identität zu errichten, die theologischen Spannungen der neutestamentlichen Texte. Die Ausdrücke „die Juden" (hoi Ioudaioi) im Johannesevangelium tragen die Spuren dieser zwischengemeindlichen Trennung und sind in der Geschichte der christlich-jüdischen Beziehungen zur Quelle eines problematischen Erbes geworden — die Theologie nach dem Holocaust liest diese Passagen kritisch neu.

Gnostische Alternativen

Die Entstehung des kanonischen Evangeliums stand in einer beständigen Spannung mit der parallel sich entwickelnden gnostischen Texttradition (besonders der, die mit der Entdeckung der Bibliothek von Nag Hammadi 1945 ans Licht kam). Texte wie das Thomasevangelium (Gospel of Thomas), das Philippusevangelium und das Marienevangelium sind Quellen, die außerhalb des orthodoxen Kanons blieben, aber als Zeugen der frühchristlichen Vielfalt gelten. Die zentralen Begriffe der gnostischen Bewegung — gnôsis (erlösendes Wissen), plêrôma (göttliche Fülle), aiôn (ewige Manifestation), archôn (kosmischer Herrscher) — wurden aus der ausgewählten Begriffswelt des kanonischen Neuen Testaments ausgeschlossen.

Elaine Pagels' Werk The Gnostic Gospels (1979) hat die Wiedererschließung dieser alternativen frühen Christentümer für den modernen Leser ermöglicht. Im Türkischen bieten die Arbeiten von Shinasi Gündüz über den Gnostizismus eine türkische akademische Einführung in diese Literatur.

Übersetzungen des Neuen Testaments

Historische Übersetzungstraditionen

Die Geschichte der Übersetzungen des Neuen Testaments ist eine der wichtigsten Erzählungen der abendländischen Kulturgeschichte:

Probleme der Übersetzung ins Türkische

Die Übertragung der Evangelienbegriffe ins Türkische ist sowohl in religiös-kultureller als auch in philologischer Hinsicht komplex. „Tanri" oder „Allah"; „Mesih" oder „Isa Mesih"; „Kutsal Ruh" oder „Ruhul Kudüs" — diese Entscheidungen legen stets eine theologische Position fest. Der türkische Akademiker Mahmut Aydin hat über diese Probleme vergleichende Werke wie Türk Müslümanlighi ve Hristiyanlik (Türkischer Islam und Christentum) verfasst.

Moderne mystische christliche Bewegungen

Der ostkirchliche Hesychasmus

Der Hesychasmus (griech. hêsychia, „Stille") steht im Zentrum der byzantinisch-athonitischen mystischen Tradition. Die Philokalia (eine Sammlung von Texten des 4.–15. Jahrhunderts, 1782 von Nikodemos vom Heiligen Berge und Makarios von Korinth zusammengestellt) ist das Referenzwerk dieser Tradition. Gregorios Palamas (1296–1359) hat den Hesychasmus auf ein systematisches theologisches Fundament gestellt und die Unterscheidung zwischen den göttlichen Energien (energeiai) und dem göttlichen Wesen (ousia) formuliert. Das Herzensgebet („Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, des Sünders") ist bis heute eine lebendige Praxis in der orthodoxen Tradition.

Die karmelitische Mystik

Die karmelitische Tradition — besonders die spanischen Mystiker des 16. Jahrhunderts Johannes vom Kreuz (San Juan de la Cruz, 1542–1591) und Teresa von Ávila (Santa Teresa, 1515–1582) — weist auf einen mystischen Weg hin, der aus der tiefen Lektüre des Neuen Testaments hervorgeht. Das Werk Noche Oscura (Dunkle Nacht) des Johannes vom Kreuz beschreibt die „dunklen Nächte", die die Seele auf dem Weg ihrer Vereinigung mit Gott durchschreiten muss; das Werk El Castillo Interior (Die innere Burg) der Teresa hingegen systematisiert die sieben Wohnungen der Seele auf dem Boden der neutestamentlichen Metaphysik.

Die Quäker und das innere Licht

Die von George Fox (1624–1691) gegründeten Quäker (Friends) sind eine christliche Bewegung, die auf der mystischen Lektüre des Neuen Testaments beruht. Die Doktrin des inneren Lichts (Inner Light) beruht auf dem Glauben, dass in jedem Menschen ein „Funke" des Logos Christi ist. Dies geht aus der Passage von Johannes 1,9 hervor — „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet".

Fazit

Das Neue Testament ist wie die Tora ein beständig neu gelesener Text. Die Befreiungstheologie (besonders Gustavo Gutiérrez, Lateinamerika) hat die Lehre des Neuen Testaments von der „Option für die Armen" (Lukas 4,18) auf den Boden eines sozialpolitischen Radikalismus getragen. Feministische Hermeneutiken (Elisabeth Schüssler Fiorenza, Phyllis Trible) haben die Frauengestalten des Evangeliums — Maria Magdalena, Phoebe, Junia, Lydia, Priscilla — neu hervorgehoben. Die Öko-Theologie liest die Passage des Paulus vom „Seufzen der Schöpfung" in Römer 8,19–22 als Ausgangspunkt der Analyse der ökologischen Krise.

In der vergleichenden Religionswissenschaft gehört das Neue Testament zusammen mit der Bhagavad Gita (der Avatâra-Doktrin), der Tora (der messianischen Erwartung), dem Koran (der Prophetenkette) und den buddhistischen Pure Land Sutras (der Erlösergestalt) zu den grundlegenden Texten der Weisheitstraditionen der Welt. Der Begriff des Christusbewusstseins — besonders in der Theosophie und den modernen New-Age-Traditionen entwickelt — ist eine vergleichende Kategorie, die die Grenzen der kanonischen christlichen Theologie überschreitet, und geht aus der universal-mystischen Lektüre des Bekenntnisses von Johannes 14,20 hervor — „Ich bin in meinem Vater, und ihr seid in mir, und ich bin in euch".