Rudolf Otto: das Heilige und das Numinose
Deutscher evangelischer Theologe und Religionswissenschaftler (1869–1937); sein Werk „Das Heilige“ (1917) fasst das Wesen des Religiösen als das Numinose — eine eigene, nicht auf Vernunft oder Ethik reduzierbare Erfahrung im „mysterium tremendum et fascinans“. Sein Vergleichswerk „West-östliche Mystik“ (1926) stellt Eckhart und Shankara nebeneinander.
Definition
Rudolf Otto (1869–1937) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionswissenschaftler, der den größten Teil seiner Laufbahn an der Universität Marburg verbrachte. Sein epochales Werk Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen (1917) bestimmt das Wesen des Religiösen als das Numinose — eine eigene, nicht auf Vernunft oder Ethik reduzierbare Erfahrungskategorie. Otto fasst diese Kategorie in der lateinischen Formel mysterium tremendum et fascinans: das schaudererregende und zugleich anziehende Geheimnis. Das Heilige ist demnach kein bloßer Grenzbegriff der Moral und keine Steigerung des Guten, sondern eine ursprüngliche Gefühls- und Erfahrungsqualität, die dem religiösen Bewusstsein eigentümlich ist und der gegenüber alle begrifflichen Bestimmungen sekundär bleiben.
Otto wurde am 25. September 1869 in Peine bei Hannover geboren und starb am 6. März 1937 in Marburg. Er wuchs in einem konservativ-pietistisch geprägten lutherischen Elternhaus auf und studierte Theologie und Philosophie in Erlangen und Göttingen. Seine frühe Arbeit galt der Theologie Martin Luthers und der Auseinandersetzung mit Kant und dem Neukantianismus, insbesondere mit Jakob Friedrich Fries, dessen Begriff der „Ahndung" (Ahnung des Übersinnlichen) Otto später für seine Lehre von der Divination fruchtbar machte. Er lehrte zunächst als Privatdozent und außerordentlicher Professor in Göttingen, ging 1914 als Professor nach Breslau und wurde 1917 auf den Lehrstuhl für systematische Theologie in Marburg berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1929 wirkte und bis zu seinem Tod lebte. Sein Denken steht im Spannungsfeld zwischen der liberalen protestantischen Theologie des 19. Jahrhunderts, der beginnenden vergleichenden Religionswissenschaft und der religiösen Erfahrungsforschung.
Otto unternahm ausgedehnte Reisen nach Nordafrika, Ägypten, Palästina, Indien, China und Japan; die unmittelbare Begegnung mit nichtchristlichen Frömmigkeitsformen prägte seine Überzeugung, dass das Numinose eine die Traditionen übergreifende Grundtatsache des Religiösen sei. Eine oft berichtete Schlüsselerfahrung war der Besuch einer Synagoge in Marokko (1911), wo das hebräische Trishagion — das dreifache „Heilig, heilig, heilig" (qadosch, qadosch, qadosch) — ihn unmittelbar das Gemeinte erfahren ließ. Otto engagierte sich auch praktisch: Er gründete eine religionskundliche Sammlung (die Grundlage des heutigen Religionskundlichen Museums in Marburg), setzte sich für eine Erneuerung der evangelischen Liturgie ein und vertrat als Mitglied der preußischen Verfassunggebenden Versammlung sozialreformerische Anliegen. Seine letzten Lebensjahre waren von Krankheit überschattet; er starb 1937 in Marburg an den Folgen einer Lungenentzündung nach einem Sturz.
Sein vergleichendes Hauptwerk West-östliche Mystik. Vergleich und Unterscheidung zur Wesensdeutung (1926) — hervorgegangen aus den Haskell Lectures, die er 1924 am Oberlin College in Ohio hielt — stellt Meister Eckhart und Shankara (ausführlich) systematisch nebeneinander. Damit gehört Otto zu den frühen Vertretern einer methodisch reflektierten vergleichenden Mystikforschung und steht im weiteren Zusammenhang der vergleichenden Religionswissenschaft. Sein Werk berührt unmittelbar Fragen der christlichen Mystik, der negativen Theologie und des Advaita-Vedānta; methodisch suchte er, die religiösen Erfahrungszustände selbst zum Ausgangspunkt zu nehmen, statt sie aus Dogmen abzuleiten.
Das Numinose als eigene Kategorie
Ottos zentrale These lautet: Das Heilige enthält einen Überschuss, der sich der rationalen und der ethischen Bestimmung entzieht. Um diesen Überschuss zu benennen, prägt Otto den Begriff des Numinosen — abgeleitet vom lateinischen numen (göttliche Macht, Walten des Göttlichen). Das Numinose ist nach Otto ein irreduzibles, ursprüngliches Datum des Bewusstseins. Es lässt sich nicht definieren, sondern nur durch die Analyse der mit ihm verbundenen Gefühlsreaktionen umkreisen und beim Leser durch Hinweise „erwecken".
Otto unterscheidet im Heiligen einen rationalen und einen nichtrationalen (oder „irrationalen") Bestandteil. Der rationale Anteil umfasst die mit Begriffen fassbaren Prädikate Gottes — Geist, Vernunft, Wille, Güte, Allmacht. Der nichtrationale Anteil ist das Numinose im eigentlichen Sinn: jene Tiefendimension, die in keiner Begriffsbestimmung aufgeht. Otto betont ausdrücklich, dass „irrational" hier nicht „vernunftwidrig" meint, sondern „begrifflich nicht einholbar"; der rationale und der nichtrationale Pol gehören im reifen Gottesgedanken zusammen. Gerade die hohen Religionen zeichnen sich für Otto dadurch aus, dass sie das Numinose zunehmend mit rationalen und sittlichen Bestimmungen durchdringen, ohne seinen Erfahrungskern zu verlieren. Den Vorgang, durch den sich das ursprünglich amoralische Schauergefühl mit sittlichen Werten verbindet, nennt Otto die Schematisierung: Das Numinose wird gleichsam in das Schema des Rationalen und Ethischen „eingezeichnet", so wie sich für Kant der Verstandesbegriff erst durch die Schematisierung auf die Anschauung bezieht. Das Heilige in seinem vollen Sinn ist für Otto eine solche aus numinosem Kern und rationaler Hülle zusammengesetzte Kategorie a priori.
Der Aufbau des Buches Das Heilige folgt dieser Logik. Otto entwickelt zunächst den Begriff des Numinosen, analysiert dann die einzelnen Momente des Tremendum und des Fascinans, beschreibt deren Ausdruck in Geschichte, Kunst und Frömmigkeit und behandelt schließlich das religiöse Apriori, die Divination sowie die Frage nach der Entwicklung der Religion. Methodisch knüpft er an die Religionspsychologie William James' und an Schleiermachers Gefühlstheologie an, will aber, anders als die rein deskriptive Religionspsychologie, die Eigenwirklichkeit des numinosen Gegenstandes festhalten. Das Buch ist daher kein religionspsychologisches Werk im engeren Sinn, sondern ein Versuch, die spezifische Erkenntnisart des Religiösen — das Vernehmen des Heiligen — als eigene Form geistigen Lebens auszuweisen.
Mysterium tremendum
Den affektiven Gehalt des Numinosen entfaltet Otto in der Doppelformel mysterium tremendum et fascinans. Das Mysterium ist das schlechthin Geheimnisvolle, das menschlicher Begrifflichkeit prinzipiell Entzogene. Otto kennzeichnet es zugleich als das ganz Andere (lateinisch totaliter aliter) — eine Wirklichkeit, die so unvergleichlich verschieden ist, dass sie sich in keine Kategorie der vertrauten Welt einordnen lässt und das Bewusstsein in Erstarrung versetzt.
Das Tremendum (das Schaudererregende) gliedert Otto in drei Momente. Erstens die Awefulness, der heilige Schauer oder das Erschauern (Otto verwendet dafür die Vokabel „Scheu"): nicht gewöhnliche Furcht, sondern ein eigentümliches Erbeben vor dem Heiligen, dessen Urform Otto im Schauder vor dem „Unheimlichen" und im religiösen Grauen sieht. Die hebräische Bibel kennt es als ema, den göttlichen Schrecken, das Griechische als das, was den Menschen „Gänsehaut" macht; selbst das Wort „heilig" (lateinisch sacer, hebräisch qadosch) trägt diesen Doppelklang von Reinheit und furchtbarer Unnahbarkeit. Zweitens die Majestas, die übermächtige Erhabenheit und schlechthinnige Übermacht, die im Menschen das Gefühl des eigenen Nichts und der „Kreatürlichkeit" weckt. Dieses Kreaturgefühl — das Sich-Versinken des Geschöpfs gegenüber dem, was über aller Kreatur ist — ist für Otto die subjektive Begleiterscheinung der erlebten Majestas; es findet seinen klassischen Ausdruck in Abrahams Wort „Ich bin Staub und Asche" (Gen 18,27). Drittens das Moment der Energie oder des Lebensdrangs — das Numinose erscheint nicht als ruhendes Sein, sondern als drängende, fast verzehrende Kraft, die sich in religiösen Bildern als Zorn, Eifer und Glut niederschlägt. Otto verweist hier auf den biblischen „Zorn Gottes" (orgē theou), der nicht als sittliche Reaktion, sondern als Ausdruck der numinosen Energie zu verstehen sei, und auf die Voluntarismus-Motive bei Luther und in der mystischen Theologie.
Fascinans
Dem abstoßenden, niederwerfenden Moment steht ein gegenläufiges gegenüber: das Fascinans, das Anziehende und Beseligende. Dasselbe Numinose, das den Menschen erschüttert und zurückweichen lässt, zieht ihn zugleich unwiderstehlich an, beglückt und entzückt. Otto sieht in dieser Spannung — Abstoßung und Anziehung in einem einzigen Erlebnis — das Charakteristikum der numinosen Erfahrung. In ihr gründen für ihn die mystischen Sehnsuchtsmotive, das Verlangen nach Vereinigung, Gnade und Seligkeit, ebenso wie das Zittern vor dem Gericht. Das Heilige ist damit ein in sich gegensätzliches „Kontrastgefühl", das sich rationaler Glättung widersetzt.
Ein viertes Element tritt hinzu: das Sanctum oder Augustum, das Numinose als objektiver Wert, vor dem alles Geschöpfliche als „profan" und unzulänglich erscheint. Aus ihm leitet Otto das spezifisch religiöse Schuld- und Unwertgefühl ab, das nicht mit moralischer Schuld zusammenfällt, sondern aus der bloßen Gegenwart des Heiligen erwächst. Hieraus erklärt Otto auch die religiösen Vorstellungen von Sühne, Weihe und Bedeckung: Der Mensch sucht nicht nur Vergebung sittlicher Verfehlung, sondern eine „Deckung" gegen das verzehrende Heilige selbst, eine Reinigung seines Unwertes vor der Majestas. So deutet er das Opfer, die Heiligungsriten und die mystische Sehnsucht nach Vergottung als verschiedene Antworten auf dasselbe numinose Grunderlebnis.
Sensus numinis und die Entwicklung der Religion
Otto verbindet seine Analyse mit einer These zur Religionsgeschichte. Am Anfang der Religion stehe nicht ein Denkfehler — etwa die irrige Beseelung der Natur, wie es animistische Theorien (Tylor) annahmen — und auch kein bloßes Nützlichkeitskalkül, sondern das Sensus numinis, die ursprüngliche Anlage, das Heilige zu empfinden. Die historisch frühen Formen — das Grauen vor Gespenstern, die Scheu vor dem Unheimlichen, der Dämonenglaube, die Vorstellungen von mana und Tabu — sind für Otto Rohformen des numinosen Gefühls, die sich erst allmählich läutern und mit sittlichen Gehalten verbinden. Die Religionsgeschichte erscheint so als Bildungsgeschichte des numinosen Vermögens, das vom dunklen Schauder über die Götter- und Dämonenwelt bis zu den geläuterten Gottesvorstellungen der Hochreligionen fortschreitet. Diese Sicht ist evolutionär, ohne reduktiv zu sein: Die späte, ethisch durchformte Religion ist für Otto nicht Verfälschung, sondern Reifung desselben Keims, der schon im primitiven Schauder lag. Kritisch ist anzumerken, dass dieses Schema die Frühformen von der Höhe der protestantischen Frömmigkeit her ordnet und damit selbst eine wertende Vorentscheidung trifft — ein Punkt, der in der späteren Diskussion (siehe unten) wiederkehrt.
Die Methode: Divination und das Apriori
Erkenntnistheoretisch verankert Otto das Numinose in einem religiösen Apriori: einer dem Menschen eingestifteten Anlage, das Heilige überhaupt zu vernehmen. Diese Anlage entfaltet sich geschichtlich, ist aber nicht aus Sinneserfahrung oder Nützlichkeitserwägungen ableitbar. Das Vermögen, das Heilige im Endlichen zu „erahnen", nennt Otto Divination. Es erklärt für ihn, warum bestimmte Naturphänomene, Orte, Personen oder Kunstwerke als Träger des Numinosen erfahren werden. In der Kunst nennt Otto das Erhabene, die Leere und das Dunkel sowie die Stille als bevorzugte Ausdrucksmittel des Numinosen — Beobachtungen, die später in die Symboltheorie und die Phänomenologie des Heiligen einflossen.
Großer Vergleich: Otto im Geflecht der Traditionen und Denker
Ottos Bedeutung liegt nicht nur in der Beschreibung eines Einzelphänomens, sondern darin, dass das Numinose zu einer Brücke zwischen religiösen Traditionen und zu einem methodischen Werkzeug der Vergleichenden Religionswissenschaft wurde. Der folgende Teil ordnet sein Denken vergleichend ein.
Otto und Schleiermacher: das Heilige gegen das Abhängigkeitsgefühl
Otto knüpft erklärtermaßen an Friedrich Schleiermacher an, den Begründer der modernen protestantischen Erfahrungstheologie, grenzt sich aber zugleich entschieden ab. Schleiermacher hatte das Wesen der Religion im Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit (dem „schlechthinnigen Abhängigkeitsgefühl") bestimmt. Otto würdigt diesen Ansatz als Wiederentdeckung des Gefühls als religiöser Grundkategorie, hält ihn aber für unzureichend: Das Abhängigkeitsgefühl bleibe ein Selbstgefühl, eine Aussage des Menschen über sich selbst, und werde nur durch einen Analogieschluss auf ein Gegenüber bezogen. Das von Otto beschriebene Kreaturgefühl dagegen sei ursprünglich auf das numinose Objekt gerichtet — es ist Reaktion auf das „ganz Andere", nicht bloß gesteigertes Ohnmachtsbewusstsein. Damit verschiebt Otto den Akzent von der Subjektivität des Gefühls auf die objektive Gegenwart des Heiligen; das Numinose ist für ihn nicht nur Gefühlston, sondern Erfahrung einer Wirklichkeit.
Otto und die christliche Mystik sowie die negative Theologie
Otto verstand sich als evangelischer Theologe und las das Numinose letztlich von der biblischen und reformatorischen Gotteserfahrung her — etwa von Luthers Deus absconditus und vom Zorn Gottes. Zugleich bildet die christliche Mystik einen seiner wichtigsten Belegbereiche. In der negativen Theologie, die alle positiven Aussagen über Gott zurücknimmt, sieht Otto den begrifflichen Niederschlag des Mysterium-Moments: Das „Nichts" und das „Dunkel" der apophatischen Sprache sind keine bloße Verneinung, sondern der sprachliche Ausdruck dafür, dass das Numinose das Begriffsvermögen übersteigt. Bei Meister Eckhart mit seinen Begriffen der „Gottheit" jenseits Gottes und der „stillen Wüste" findet Otto eine besonders dichte Gestalt dieser Erfahrung — ein Grund, weshalb Eckhart zum westlichen Pol seines Vergleichswerks wird.
West-östliche Mystik: Eckhart und Shankara
Im Zentrum von West-östliche Mystik steht die Gegenüberstellung von Meister Eckhart und Shankara, dem Begründer der klassischen Lehrgestalt des Advaita-Vedānta. Otto arbeitet zunächst die strukturellen Übereinstimmungen heraus: In beiden Lehrgebäuden gibt es eine Unterscheidung zwischen einem höchsten, eigenschaftslosen Absoluten (Eckharts „Gottheit", Shankaras nirguṇa brahman) und einem mit Eigenschaften gedachten Gott (Gott der Trinität, saguṇa brahman / Īśvara). Beide kennen einen Weg der Verinnerlichung, der über die Loslösung von Welt und Ich zu einer Einung mit dem Grund führt; beide verwenden die Sprache der Negation. Ottos systematische Ausführungen zu Shankara lassen sich mit der ausführlichen Darstellung in Shankaras Metaphysik vergleichen, die diese Lehre im Detail entfaltet.
Entscheidend ist jedoch, dass Otto die Vergleichung mit einer Unterscheidung verbindet — der Untertitel „Vergleich und Unterscheidung" ist Programm. Trotz der formalen Parallelen, so Otto, bleibe ein Wesensunterschied bestehen: Shankaras Einung sei letztlich eine erkenntnishafte Identität (das Wissen um die Identität von ātman und brahman, jenseits von Liebe und Werthaftigkeit), während Eckharts Mystik vom Boden des biblischen Gottes, der Gnade und der personalen Liebe getragen bleibe. Die westliche Mystik habe einen ethisch-voluntativen, die östliche einen vorrangig erkenntnishaften Grundzug. Otto macht diesen Unterschied an mehreren Punkten fest: an der Bedeutung des Willens, der Gnade und der schöpferischen Liebe Gottes bei Eckhart; an der „Geburt Gottes in der Seele", die eine bleibhaft-geschichtliche, christologisch gefüllte Bewegung sei; sowie an dem aktiven, in die Welt zurückwirkenden Charakter der westlichen Frömmigkeit gegenüber der eher kontemplativ-erkennenden Ausrichtung des Advaita. Methodisch ist bemerkenswert, dass Otto seine eigene Kategorie des Numinosen als tertium comparationis einsetzt — als gemeinsamen Maßstab, an dem sich Übereinstimmung und Differenz beider Lehren erst sichtbar machen lassen. Damit wendet sich Otto sowohl gegen eine vorschnelle Gleichsetzung aller Mystik als auch gegen ihre bloße Entgegensetzung; sein Verfahren ist das eines abwägenden „Vergleichens und Unterscheidens", das spätere komparatistische Mystikforschung methodisch vorgeprägt hat.
Otto und Eliade: vom Numinosen zur Hierophanie
Den breitesten Nachhall fand Ottos Werk in der Religionsphänomenologie, vor allem bei Mircea Eliade. Eliade nahm Ottos Analyse des Heiligen ausdrücklich zum Ausgangspunkt seines Werks Das Heilige und das Profane (1957). Während Otto sich auf die subjektive Seite — die Gefühlsreaktion auf das Numinose — konzentriert hatte, verlagerte Eliade den Akzent auf die objektive Seite: auf die Hierophanie, das „Erscheinen des Heiligen", durch das sich das Heilige in Gegenständen, Orten und Zeiten der profanen Welt manifestiert. Eliades Grundkategorien — das Heilige, die Hierophanie und der homo religiosus — bauen sichtbar auf Ottos Unterscheidung von Heiligem und Profanem auf, erweitern sie aber zu einer umfassenden Morphologie religiöser Symbole und Strukturen. Über diese Vermittlung wurde Ottos Begriff des Heiligen für die Symboltheorie und die vergleichende Religionswissenschaft des 20. Jahrhunderts prägend.
Breitere Wirkungsgeschichte
Über Eliade hinaus reicht Ottos Einfluss weit in das religiöse und kulturelle Denken des 20. Jahrhunderts. Karl Barth, der Begründer der dialektischen Theologie, übernahm die Formel vom „ganz Anderen" für seine Bestimmung Gottes als des unverfügbaren Gegenübers, kritisierte aber zugleich Ottos erfahrungstheologischen Ausgangspunkt. Die Religionsphänomenologie Gerardus van der Leeuws und Friedrich Heilers baute auf Ottos Beschreibung des Heiligen auf. In der Tiefenpsychologie griff Carl Gustav Jung den Begriff des Numinosen auf, deutete ihn jedoch — gegen Ottos Intention — als Erfahrung archetypischer Inhalte der Psyche. Der Schriftsteller C. S. Lewis berief sich in seinen religionsphilosophischen Schriften ausdrücklich auf Ottos „numinous" als die Erfahrung des Schauervollen, und auch Paul Tillichs Lehre vom „Unbedingten" zeigt Berührungen mit Ottos Ansatz. In der Ästhetik und Literaturwissenschaft wurde Ottos Beschreibung des Numinosen — vor allem das Erhabene, das Dunkle und das Schauervolle — zur Deutung von Phantastik, Horror und Erhabenheitserfahrung herangezogen. Diese weite Rezeption belegt, wie sehr Otto ein Vokabular bereitgestellt hat, das über die Theologie hinaus tragfähig war, zugleich aber auch, wie leicht sich seine Begriffe von ihrem ursprünglichen theologischen Sinn ablösen ließen.
Otto und die Erforschung der Bewusstseinszustände
Indem Otto das Numinose als eine eigene Erfahrungsqualität auswies, lieferte er auch einen Bezugspunkt für die spätere Erforschung religiöser Bewusstseins- und Erfahrungszustände. Sein Beharren darauf, dass die religiöse Erfahrung einen nicht aus dem Alltagsbewusstsein ableitbaren Eigencharakter besitzt, berührt sich mit Beschreibungen mystischer und „kosmischer" Zustände, in denen das gewöhnliche Subjekt-Objekt-Verhältnis aufgehoben erscheint. Otto selbst blieb dabei vorsichtig: Er deutete das Numinose nicht psychologisch-reduktiv, sondern verstand die Gefühlsanalyse als Hinweis auf eine eigenständige Wirklichkeitsbeziehung. Spätere Ansätze, die religiöse Erfahrung neuropsychologisch oder bewusstseinstheoretisch zu fassen suchen, knüpfen teils an seine Phänomenbeschreibungen an, lösen sie jedoch von Ottos theologischer Grundannahme eines religiösen Apriori.
Kritik und Grenzen
Ottos Werk hat von Anfang an breite Wirkung und ebenso anhaltende Kritik erfahren. Die wichtigsten Einwände lassen sich sachlich wie folgt bündeln.
Erstens der Vorwurf des Essentialismus. Otto setzt ein universales „Wesen" des Religiösen voraus — das Numinose als überall gleiche, geschichtsunabhängige Grundtatsache. Religionswissenschaftler, die historisch und kulturwissenschaftlich arbeiten, halten dem entgegen, dass „das Heilige" keine vorgegebene Substanz, sondern eine in konkreten Kulturen und Diskursen erst hervorgebrachte und je verschieden gefüllte Kategorie sei. In dieser Linie steht etwa die spätere Kritik, der Begriff des Heiligen verstelle den Blick auf die soziale und politische Konstruktion religiöser Ordnungen.
Zweitens die Frage nach dem Vorrang des Gefühls. Indem Otto den Kern des Religiösen in eine nichtrationale Gefühlsqualität verlegt, setzt er sich dem Einwand aus, religiöse Erfahrung werde aus ihren begrifflichen, ethischen und sozialen Zusammenhängen herausgelöst und privatisiert. Kritiker aus der dialektischen Theologie (bei aller Nähe Karl Barths zur Formel vom „ganz Anderen") warnten davor, Gott aus einem menschlichen Gefühl zu erschließen statt aus seiner Offenbarung; Kritiker aus der Religionssoziologie betonten umgekehrt das Gemeinschaftliche und Rituelle, das bei Otto in den Hintergrund tritt.
Drittens ein methodisches Bedenken: Ottos Vorgehen ist appellativ. Er räumt selbst ein, dass nur verstehen könne, wer eine eigene numinose Regung kenne, und fordert den Leser auf, andernfalls die Lektüre abzubrechen. Dieses Verfahren der „Erweckung" entzieht die Kernthese der intersubjektiven Überprüfung und nähert die Religionswissenschaft der Erbauung an — ein Spannungspunkt zwischen verstehender Einfühlung und kritischer Distanz.
Viertens wird die Reichweite des Vergleichs diskutiert. Ottos Gegenüberstellung von Eckhart und Shankara gilt als Pionierleistung, doch wird kritisiert, dass er die östlichen Quellen durch eine letztlich am christlichen Maßstab orientierte Wertung lese, wenn er der westlichen Mystik einen ethisch-personalen „Mehrwert" zuschreibt. Die Frage, ob solche Wesensunterscheidungen die Traditionen angemessen treffen oder eine theologische Vorentscheidung spiegeln, bleibt umstritten.
Trotz dieser Einwände gilt Otto unbestritten als einer der wirkungsmächtigsten Religionsdenker des 20. Jahrhunderts. Sein Vokabular — numinos, Mysterium tremendum, das ganz Andere — ist in die allgemeine Sprache der Religionswissenschaft, der Theologie und sogar der Literatur- und Filmästhetik eingegangen.
Fazit
Rudolf Otto hat mit Das Heilige den Versuch unternommen, das spezifisch Religiöse als eine eigene, nicht auf Moral, Metaphysik oder Psychologie reduzierbare Erfahrung sichtbar zu machen. Seine Formel vom mysterium tremendum et fascinans und sein Begriff des Numinosen als des „ganz Anderen" bündeln diese Erfahrung in einer Sprache, die zugleich phänomenologisch beschreibend und religiös ansprechend ist. In West-östliche Mystik weitete er diesen Ansatz vergleichend aus und stellte mit Eckhart und Shankara zwei Höhepunkte mystischer Tradition methodisch — vergleichend und unterscheidend — nebeneinander.
Damit steht Otto an einer doppelten Schwelle: Sein Werk ist Ausdruck der protestantischen Erfahrungstheologie in der Nachfolge Schleiermachers und zugleich ein Gründungstext der religionsphänomenologischen Vergleichenden Religionswissenschaft, die über die Religionsphänomenologie und die Symboltheorie weiterwirkte. Die Kritik am Essentialismus und am Vorrang des Gefühls hat seine Position relativiert, ohne ihre Anregungskraft zu erschöpfen. Wer dem Numinosen nachgeht, bewegt sich bis heute im begrifflichen Feld, das Otto vermessen hat — als einer Brücke zwischen christlicher Mystik, negativer Theologie und asiatischer Nondualität, deren Tragfähigkeit ebenso bewundert wie bestritten wird.