Barbarossa und der Kyffhäuser
Die Sage vom schlafenden Kaiser Friedrich Barbarossa im Kyffhäuserberg: ein Beispiel der „Bergentrückung", politischer Eschatologie und des Mythos vom wiederkehrenden Erlöser-Herrscher, im 19. Jahrhundert zum deutschen Nationalmythos erhoben.
Definition
Die Kyffhäusersage erzählt von Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1122–1190), der nach volkstümlicher Überlieferung nicht gestorben sei, sondern verzaubert und schlafend im Inneren des Kyffhäusers weile – eines Berges am Südrand des Harzes in Thüringen. Der Kaiser sitzt der Sage nach an einem steinernen Tisch, das Haupt auf die Hand gestützt; sein roter Bart ist durch die Steinplatte des Tisches gewachsen oder windet sich um ihn herum. Umgeben von seinen Schätzen und seinem schlafenden Gefolge erwacht er zeitweilig, sendet einen Knaben hinaus, um zu erkunden, ob die Raben noch den Berg umkreisen, und schläft – solange dies der Fall ist – wieder ein. Erst wenn die Raben nicht mehr fliegen, wird er endgültig erwachen, seinen Schild an einen verdorrten Baum hängen, der dann ergrünt, und das Reich in alter Herrlichkeit erneuern.
Die Erzählung gehört zum weitverbreiteten Motivkreis der Bergentrückung – der Vorstellung, dass ein verehrter Held oder König nicht gestorben, sondern in einen Berg „entrückt" sei und dereinst wiederkehre. Innerhalb der Religions- und Mythenwissenschaft verbindet die Sage drei Schichten: ein archaisches Motiv des „schlafenden Helden im Berg", eine mittelalterliche politische Eschatologie (die Erwartung eines „Endkaisers", der die Welt vor dem Jüngsten Gericht ordnet) und eine moderne Phase der nationalmythischen Instrumentalisierung im langen 19. Jahrhundert. Die Kyffhäusersage ist damit weniger ein Stück naive Volkspoesie als ein Kristallisationspunkt deutscher Reichs- und Erlösungssehnsucht – ein Lehrstück über die Politik des Mythos.
Bemerkenswert ist eine historische Verschiebung, die im Zentrum jeder seriösen Behandlung des Themas stehen muss: Ursprünglich war die Sage gar nicht an Barbarossa, sondern an seinen Enkel Friedrich II. (1194–1250) geknüpft – an jenen Stauferkaiser, dessen Tod von Anhängern bestritten wurde und der als gebannter, wiederkehrender Endkaiser galt. Erst in der frühen Neuzeit wanderte der Stoff auf den rotbärtigen Großvater über. Die Kyffhäusersage ist also nicht zeitlos, sondern hat eine Geschichte, in der sich Hoffnungen, Niederlagen und Projektionen ganzer Epochen ablesen lassen.
Methodisch gehört die Sage damit in das Feld einer vergleichenden Symbol- und Mythenforschung, wie sie etwa Mircea Eliade begründet hat: Ein verborgener Berg, ein suspendierter Schlaf und eine prophezeite Wiederkehr sind keine isolierten Erzählmotive, sondern Bausteine eines wiederkehrenden mythischen Musters, dessen Bedeutung sich erst im Vergleich erschließt (vgl. Symboltheorie von Eliade bis Cassirer). Die folgende Darstellung verfolgt daher drei Linien: die Geschichte des historischen Kaisers, die mittelalterliche Wurzel der Sage und ihre moderne Politisierung – um schließlich in der vergleichenden Perspektive das Allgemeine im Besonderen sichtbar zu machen.
Der historische Friedrich Barbarossa
Friedrich I., genannt Barbarossa (italienisch „Rotbart"), entstammte dem schwäbischen Adelsgeschlecht der Staufer. 1152 zum römisch-deutschen König gewählt, 1155 in Rom zum Kaiser gekrönt, prägte er ein knappes Vierteljahrhundert die europäische Politik. Seine Regierung war bestimmt vom Ringen um die Wiederherstellung kaiserlicher Macht (der honor imperii) gegenüber den oberitalienischen Städten, dem Papsttum und den deutschen Fürsten. Die langen Italienzüge, der Konflikt mit dem Lombardenbund und die Niederlage in der Schlacht von Legnano (1176) sowie der Ausgleich mit Papst Alexander III. im Frieden von Venedig (1177) gehören zu den Wendepunkten seiner Herrschaft. Unter Barbarossa erhielt das Reich erstmals den Beinamen sacrum imperium („heiliges Reich").
Entscheidend für die spätere Sagenbildung ist sein Tod: 1189 brach Barbarossa als alter Mann zum Dritten Kreuzzug auf. Am 10. Juni 1190 ertrank er im Fluss Saleph (heute Göksu) in Kleinasien (im südlichen Anatolien, nahe Seleukia) – ob beim Bad, beim Überqueren oder infolge eines Sturzes vom Pferd ist in den Quellen umstritten. Sein Leichnam konnte nicht heil in die Heimat überführt werden; nach mittelalterlichem Brauch wurden die Gebeine teils ausgekocht (mos teutonicus), die sterblichen Überreste an verschiedenen Orten des Heiligen Landes bestattet, sein Grab blieb ohne festen Ort. Genau dieses fehlende Grab in fernem Land schuf die Leerstelle, in die sich später die Sage von der Nicht-Sterblichkeit des Kaisers einnisten konnte: Wer kein bekanntes Grab hat, kann im Volksglauben „weiterleben".
Zwei Eigenschaften des historischen Barbarossa begünstigten seine spätere Sagenkarriere zusätzlich. Erstens der rote Bart, der ihm seinen Beinamen gab und der im Sagenbild zum sprechenden Zeichen wurde – ein Bart, der durch den Stein wächst, ist nur dann ein eindrückliches Bild, wenn der Held tatsächlich als bärtig erinnert wird. Zweitens die nachträgliche Idealisierung seiner Regierung: In der historischen Rückschau erschien die Stauferzeit als Höhepunkt mittelalterlicher Reichsherrlichkeit, an dem sich spätere Epochen maßen. Je mehr die politische Gegenwart als Verfall empfunden wurde, desto strahlender wurde die Vergangenheit – und desto attraktiver die Hoffnung auf ihre Wiederkehr.
Es ist eine bedeutende Pointe der Überlieferung, dass nicht Barbarossas eigener, ferner und ungeklärter Tod den Sagenkern lieferte, sondern dieser erst nachträglich aus einer auf seinen Enkel gemünzten Erwartung auf ihn übertragen wurde – worauf der nächste Abschnitt eingeht.
Friedrich II. und der Endkaiser-Mythos
Der eigentliche Ursprung der Sage liegt im 13. Jahrhundert bei Friedrich II., dem Enkel Barbarossas – einer der schillerndsten Gestalten des Mittelalters, von Zeitgenossen als stupor mundi („Staunen der Welt") bezeichnet. Sein jahrzehntelanger, von Papst Gregor IX. und Innozenz IV. mit Bann und Absetzung geführter Konflikt mit der Kurie machte ihn in den Augen seiner Gegner zum Antichristen, in den Augen seiner Anhänger zum erhofften Friedenskaiser. Als Friedrich 1250 überraschend starb, weigerte sich ein Teil der Bevölkerung, dies zu glauben. Es entstand die Erwartung, der Kaiser sei nicht tot, sondern verborgen und werde wiederkehren, um die verderbte Kirche zu strafen und ein Reich der Gerechtigkeit aufzurichten.
Diese Erwartung verband sich mit einem reichen Strang apokalyptischer Tradition. Schon die spätantike und frühmittelalterliche Sibyllinik – insbesondere die einflussreiche Tiburtinische Sibylle und der Text des Pseudo-Methodius – kannte die Figur eines „Letzten Kaisers", eines messianischen Friedensherrschers, der vor dem Auftreten des Antichrist die Christenheit eint, die Heiden unterwirft und schließlich in Jerusalem seine Krone niederlegt. Diese Endkaiser-Erwartung (lateinisch oft als rex pacificus oder imperator novissimus gefasst) bildete die theologisch-politische Matrix, in die hinein die Staufer-Hoffnung projiziert wurde.
Eine eigene, folgenreiche Färbung erhielt diese Erwartung durch den kalabrischen Abt Joachim von Fiore (ca. 1135–1202) und den von ihm ausgehenden Joachimismus. Joachims Geschichtstheologie teilte die Heilsgeschichte in drei Zeitalter (das des Vaters, des Sohnes und des kommenden Heiligen Geistes) und nährte die Erwartung eines bevorstehenden Umbruchs, eines „dritten Zeitalters" geistlicher Erneuerung. In den joachitisch geprägten Kreisen – besonders unter radikalen Franziskanern, den Spiritualen – verschmolzen Endkaiser-Erwartung und Geschichtsapokalyptik. Friedrich II. konnte dabei je nach Lager als endzeitlicher Heilbringer oder als endzeitlicher Verführer gedeutet werden. Aus dieser apokalyptischen Spannung wuchs der „schlafende Kaiser": ein Herrscher, der dem Tod entzogen ist und am Ende der Zeit wiederkehrt.
Im Spätmittelalter traten mehrere Pseudo-Friedriche auf – Hochstapler, die sich für den wiedergekehrten Kaiser ausgaben, am bekanntesten Tile Kolup (hingerichtet 1285). Die soziale Sprengkraft der Erwartung zeigt sich in der Reformatio Sigismundi (um 1439), einer Reformschrift, die einen „Priesterkönig Friedrich" als Bringer einer umfassenden Erneuerung von Reich und Kirche ankündigte. Erst im Verlauf der frühen Neuzeit verschob sich der Name des erwarteten Kaisers vom inzwischen historisch verblassten Friedrich II. auf den rotbärtigen, in der Erinnerung glänzenderen Barbarossa – und der Ort der Entrückung wurde, neben älteren Lokalisierungen (etwa am Sizilianischen Ätna), zunehmend im thüringischen Kyffhäuser verankert.
Die religionsgeschichtliche Bedeutung dieser Erwartung lässt sich kaum überschätzen. Der Historiker Norman Cohn hat in seiner klassischen Studie The Pursuit of the Millennium gezeigt, wie die mittelalterliche Endkaiser- und „Friedrich"-Erwartung zu einem Reservoir revolutionärer Millenarismen wurde: Hoffnungen auf einen umstürzenden Heilskaiser konnten soziale Bewegungen, Aufstände und radikale Sekten beflügeln. Der „schlafende Kaiser" ist damit nicht bloß ein poetisches Bild, sondern war über Jahrhunderte ein politisch aufgeladenes Versprechen, das die Gegenwart in den Schatten einer erhofften Zukunft stellte. Diese chiliastische (auf ein irdisches Tausendjähriges Reich gerichtete) Erwartung verbindet die Sage mit dem weiteren Feld apokalyptischer Hoffnungen, das sich vom biblischen Buch Daniel über die Offenbarung des Johannes bis zu Joachims Drei-Zeitalter-Lehre erstreckt.
Das Motiv des schlafenden Helden im Berg
Die Vorstellung eines im Berg schlafenden Königs, der dereinst wiederkehrt, ist ein international verbreiteter Erzähltypus, den die Folkloristik unter dem Stichwort „König unter dem Berg" (englisch king in the mountain, king under the mountain) führt. In der Klassifikation der Wandersagen erscheint das Motiv als eigener Typ (Bergentrückung). Seine Bausteine kehren in vielen Varianten wieder: ein verborgener Hohlraum im Berg; ein schlafender Herrscher mit Gefolge; ein durch Tisch oder Stein gewachsener Bart als Zeichen ungeheurer Zeitdauer; Schätze; ein Hüter-Tier (hier die Raben); ein gelegentliches Erwachen mit der Frage nach dem rechten Zeitpunkt; und die Prophezeiung der endgültigen Wiederkehr, oft verknüpft mit einem dürren Baum, der zum Zeichen des Anbruchs ergrünt.
In Deutschland kanonisierten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm die Sage. In ihren Deutschen Sagen (Band 2, 1818) findet sich die Erzählung gleich in zweifacher Gestalt: einmal auf Friedrich II. bezogen (Nr. 23, „Friedrich Rotbart") und in einer weiteren, den Kyffhäuser betreffenden Fassung. Die Grimms dokumentierten damit ausdrücklich die ältere Zuschreibung an Friedrich II. und die im Volk wirksame Vermischung mit Barbarossa – ein wertvolles Zeugnis für den Übergang. Mit der Deutschen Mythologie (1835) lieferte Jacob Grimm zugleich den theoretischen Rahmen, der solche Sagen als Reste einer alten, gesamtgermanischen Überlieferung deutete; zu diesem Programm der Brüder Grimm und der Deutschen Mythologie gehörte die Aufwertung der Volkssage zum nationalen Erbe.
Den dauerhaften poetischen Glanz verschaffte der Sage das Gedicht „Barbarossa" (1817) des Dichters Friedrich Rückert (1788–1866). Seine eingängigen Verse – „Der alte Barbarossa, / Der Kaiser Friederich, / Im unterird'schen Schlosse / Hält er verzaubert sich" – mit dem durch den Tisch gewachsenen Bart und den kreisenden Raben prägten das populäre Bild der Sage für Generationen und machten sie zum festen Bestandteil schulischer Lesebücher. Rückerts Gedicht ist, neben den Grimms, die wirkmächtigste literarische Fixierung des Stoffes.
Das Motiv steht in der deutschen Sagenwelt nicht isoliert. Verwandt sind Erzählungen vom Berg als Wohnort entrückter Mächte – etwa der Venusberg der Rheinsagen-Tradition und der Tannhäuser-Überlieferung – oder das Heer der Wilden Jagd, das durch die Lüfte zieht. Auch die Gestalt der Frau Holle (Holda), die in einem Brunnen bzw. inneren Reich waltet, gehört zum weiteren Kreis der „anderen Welt" im Berg oder unter der Erde. Die deutsche Romantik, in der Mythos und Innerlichkeit zusammenflossen (vgl. Novalis und die romantische Mystik), bereitete den Boden, auf dem die Kyffhäusersage zum nationalen Sehnsuchtsbild reifen konnte. Im selben kulturellen Klima, das die Faust-Sage und das Nibelungenlied zu Nationalstoffen erhob, gewann auch der schlafende Kaiser seine besondere Würde.
Eine wichtige Differenzierung der Folkloristik betrifft das Verhältnis von Sage und Märchen: Die Bergentrückung ist eine Sage, das heißt eine als wahr berichtete, an einen bestimmten Ort und eine historische Person gebundene Erzählung – im Unterschied zum ortlosen, „es-war-einmal"-Märchen. Diese Verankerung in Ort (Kyffhäuser) und Geschichte (ein realer Kaiser) gibt der Sage ihre eigentümliche Kraft: Sie behauptet, von etwas Wirklichem zu künden, und gerade darin liegt ihre politische Anschlussfähigkeit.
Symbolik: Bart, Raben, Tisch und Baum
Die Bildelemente der Sage sind nicht beliebig, sondern tragen Bedeutung. Der durch den Steintisch gewachsene Bart versinnbildlicht die ungeheure verflossene Zeit: Wachstum im Schlaf, Leben im Tod, Dauer in der Erstarrung. Er macht das Paradox des Entrückten anschaulich – der Kaiser ist weder tot noch wachend lebendig, sondern in einem Zwischenzustand suspendiert, vergleichbar dem yogischen „Schlaf" wachen Bewusstseins (vgl. Yoga Nidrā, der yogische Schlaf) als Bild eines nicht-toten Ruhens.
Die Raben, die den Berg umkreisen, sind das Zeichen, an dem sich der Zeitpunkt der Wiederkehr bemisst. In der germanischen Überlieferung sind Raben die Vögel Odins (Odin und Yggdrasil) – Huginn und Muninn, „Gedanke" und „Erinnerung" –, Boten zwischen den Welten und Tiere des Schlachtfeldes. Ihr Kreisen verknüpft die Sage mit dem nordisch-germanischen Bildkosmos (nordisch-germanische Mythologie) und gibt dem Warten eine sichtbare Uhr: Solange die Raben fliegen, ist die Zeit noch nicht erfüllt. Das Motiv des hütenden Raben verbindet die Sage zudem mit der germanischen Vorstellung von Vögeln als Schicksalsboten, wie sie auch in der germanischen Weissagung der Völva und im Schicksalsgeflecht der Nornen und des Wyrd anklingt.
Der dürre Baum, der bei der Wiederkehr ergrünen soll (in manchen Fassungen hängt der Kaiser seinen Schild daran), ist ein altes eschatologisches Zeichen für die Erneuerung der Welt – der „verdorrte Baum", der wieder Leben trägt, begegnet auch in Endkaiser-Prophezeiungen. Das Bild gehört in den weiten Kreis der Baum-Symbolik, in der der Baum Tod und Wiederbelebung, Welt und Achse verkörpert. Schätze und schlafendes Gefolge schließlich markieren die Vollständigkeit eines suspendierten Reiches, das bei der Wiederkehr unversehrt erstehen wird. Der Berg selbst ist ein universales Symbol der Verbindung von Erde und Himmel, Ort der Verborgenheit und der Macht – ein Motiv, das in vergleichender Perspektive bis zur Symbolik des heiligen Berges reicht.
Schließlich verdient der Schlaf selbst Beachtung. Der Schlaf des Kaisers ist kein gewöhnlicher Schlaf und kein Tod, sondern ein dritter Zustand: eine wache Verborgenheit, ein Leben in Latenz. Dieses Paradox eines bewussten, gleichsam zeitlosen Ruhens hat in vielen Traditionen Entsprechungen – vom yogischen Ruhen wachen Bewusstseins (Yoga Nidrā) bis zur initiatischen Vorstellung eines „Todes vor dem Tode", aus dem der Held verwandelt wiederkehrt. Der Schlaf im Berg ist so betrachtet eine Schwelle, kein Ende.
Politische Instrumentalisierung im 19. Jahrhundert
Im langen 19. Jahrhundert erfuhr die Kyffhäusersage ihre folgenreichste Umdeutung. Nach dem Ende des Alten Reiches (1806) und im Zeichen der nach Einheit strebenden Nationalbewegung wurde der „schlafende Kaiser im Berg" zur Chiffre des herbeigesehnten deutschen Nationalstaats: Das Reich „schlafe" und müsse „erwachen". Die Sage lieferte ein eingängiges Bild für die Sehnsucht nach Wiederherstellung kaiserlicher Größe und nationaler Einheit. „Barbarossa erwacht" wurde zur populären Formel.
Mit der Reichsgründung von 1871 deutete die nationale Publizistik das Ereignis vielfach als die in der Sage geweissagte „Wiederkehr": Der alte rotbärtige Kaiser im Berg (Barbarossa, „Rotbart") sei nun im neuen, weißbärtigen Kaiser Wilhelm I. wiedergekehrt, der entsprechend als „Barbablanca" („Weißbart") besungen wurde. Die Erfüllung der Sage diente der Legitimation des neuen, von Preußen geführten Kaisertums – die mittelalterliche, gesamtdeutsche Reichserinnerung wurde so in den Dienst der kleindeutschen Lösung gestellt.
Den steinernen Höhepunkt dieser Indienstnahme bildet das Kyffhäuserdenkmal, errichtet 1890–1896 auf dem Berg nach Entwürfen des Architekten Bruno Schmitz. Es zeigt unten den sitzenden, erwachenden Barbarossa und darüber das gewaltige Reiterstandbild Wilhelms I. – eine in Stein gegossene Gleichsetzung von Sage und Reichsgründung. Getragen wurde der Bau vom Deutschen Kriegerbund, der sich fortan „Kyffhäuserbund" nannte. Das Denkmal ist ein Schlüsselzeugnis des wilhelminischen Nationaldenkmal-Kults und der politischen Funktionalisierung mittelalterlicher Mythen.
Künstlerisch fügt sich dies in die breitere mittelalter-begeisterte Strömung des 19. Jahrhunderts ein. In Richard Wagners Musikdramen lebte der Rückgriff auf germanisch-mittelalterlichen Stoff (etwa im Nibelungenlied-nahen Ring des Nibelungen oder im Tannhäuser); der Mythos vom verborgenen Herrscher und der erlösenden Wiederkehr fand vielfache Resonanz. Die Kyffhäusersage wurde so vom volkstümlichen Erzählstoff zur ideologisch aufgeladenen Reichschiffre.
Ideologische Aufladung im 20. Jahrhundert
Die nationalmythische Karriere der Sage hatte eine dunkle Fortsetzung. Das nationalsozialistische Regime knüpfte an die Barbarossa-Symbolik an, als es den Decknamen „Unternehmen Barbarossa" für den Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wählte. Diese Aneignung ist kritisch zu benennen: Sie missbrauchte das Bild des „erwachenden Kaisers" zur mythischen Überhöhung eines Vernichtungs- und Eroberungskrieges. Der Name verband die Sehnsucht nach Reichsgröße mit imperialer Aggression und stellt eine der gravierendsten Pervertierungen des Stoffes dar. Wer heute über die Kyffhäusersage schreibt, muss diese Vereinnahmung offenlegen, statt sie zu verschweigen: Der Mythos vom schlafenden Erlöser-Kaiser ist nicht politisch unschuldig, sondern wurde wiederholt zur Legitimation von Macht und Gewalt herangezogen.
Diese Geschichte mahnt zur Vorsicht gegenüber jeder romantisierenden Rezeption. Der Reiz der Bergentrückung – das Bild von Dauer, Wiederkehr und Erneuerung – kann ebenso eine geistlich-poetische Hoffnung wie ein gefährliches politisches Versprechen tragen. Die Doppelnatur des Mythos – Trost und Ideologie zugleich – gehört zu seinem Kern.
Deutung: Messianismus und politische Eschatologie
Die religionswissenschaftliche Deutung verortet die Kyffhäusersage im weiten Feld des Messianismus und der politischen Eschatologie. Im Zentrum steht die Figur des „verborgenen Königs", der dem gewöhnlichen Tod entzogen ist und am Ende der Zeit – oder in der höchsten Not – wiederkehrt, um eine ideale Ordnung herzustellen. Die lateinische Formel „rex quondam rexque futurus" („der König, der war und der König, der sein wird") bringt diese Struktur prägnant zum Ausdruck; sie stammt aus der Artus-Tradition und benennt zugleich die Logik des Barbarossa-Mythos.
Drei Bedeutungsdimensionen lassen sich unterscheiden. Erstens eine psychologische: Die Figur des schlafenden Königs verkörpert die kollektive Hoffnung, dass Verlorenes nicht endgültig verloren, sondern nur aufgeschoben sei – ein Trost angesichts von Niederlage, Zerfall und politischer Ohnmacht. In tiefenpsychologischer Lesart (vgl. Carl Gustav Jung und Jungs Deutung moderner Mythen) erscheint der entrückte Herrscher als Archetyp des im Unbewussten ruhenden, auf seine Aktualisierung wartenden Selbst – ein „König", der in der Tiefe der Psyche schläft und dessen „Erwachen" die Ganzwerdung der Person bedeuten könnte. Zweitens eine geschichtstheologische: Die Sage übersetzt die christliche Naherwartung – das Kommen eines Friedensreiches vor dem Jüngsten Gericht – in eine herrscherliche, „reichische" Gestalt. Drittens eine politische: Der Mythos legitimiert Herrschaft, indem er sie als Erfüllung einer alten Verheißung erscheinen lässt; er kann sowohl die Sehnsucht der Beherrschten als auch die Propaganda der Herrschenden bedienen.
Wichtig ist die Einsicht, dass die Bergentrückung das endzeitliche Versprechen vom Jenseits ins Diesseits, vom himmlischen Reich ins irdische Reich verschiebt. Nicht ein himmlischer Messias, sondern ein irdischer Kaiser kehrt wieder; nicht das Reich Gottes, sondern „das Reich" in alter Herrlichkeit wird erneuert. Diese Verweltlichung der Heilserwartung erklärt zugleich ihre besondere Anschlussfähigkeit an nationalpolitische Programme.
Vergleichende Perspektive
Der Typus des schlafenden, verborgenen oder wiederkehrenden Erlöser-Königs ist transkulturell verbreitet; die Kyffhäusersage ist seine deutsche Ausprägung. Ein Vergleich erhellt das Gemeinsame wie das Besondere.
Artus in Avalon. Die nächste Parallele bietet die britische Tradition: König Artus sei nicht gestorben, sondern auf die Insel Avalon entrückt und werde in der Stunde höchster Not zurückkehren – der „einstige und künftige König" (rex quondam rexque futurus). Beide Sagen teilen die Struktur des entrückten, nicht endgültig gestorbenen Herrschers und die nationale Trostfunktion; die Artus- und Gralstradition verbindet sie zudem mit dem Motiv des verborgenen Heiltums.
Der verborgene Imam und die Mahdî-Erwartung. In der Zwölfer-Schia (Dschaʿfaritentum) lebt der zwölfte Imam, Muhammad al-Mahdî, in „Verborgenheit" (ghayba) fort und wird als Mahdî am Ende der Zeit wiederkehren, um Gerechtigkeit zu errichten. Hier ist das Motiv des verborgenen, nicht gestorbenen Heilsbringers zu einer voll ausgebildeten Eschatologie entfaltet. Strukturell entspricht die Verborgenheit (ghayba) der „Entrückung" (Bergentrückung), die Wiederkehr (radschʿa/Erscheinen) der Rückkehr des Kaisers.
Der jüdische Messias. Die jüdische Messias-Erwartung kennt den verborgenen, zu seiner Stunde sich offenbarenden Gesalbten, der die Verbannten sammelt und das Reich der Gerechtigkeit aufrichtet; Spekulationen über einen „verborgenen Messias" und über die in der Kabbala gedachten Seelenkontinuitäten bilden hier den Resonanzraum. Auch die jüdische Erwartung ist – anders als die Kyffhäusersage – streng monotheistisch und an Gottes Verheißung gebunden, teilt aber die Grundfigur des Aufschubs und der Erfüllung.
Kalki und der buddhistische Maitreya. Im Hinduismus erscheint Kalki, der letzte Avatara Vishnus, am Ende des Kali-Yuga, um die verfallene Weltordnung zu erneuern; im Buddhismus erwartet man Maitreya, den künftigen Buddha. Die Studie Maitreya, Mahdî und Kalki im Vergleich zeigt den gemeinsamen Archetyp des Erlösers quer durch die Traditionen.
Saoshyant und die zoroastrische Welterneuerung. Im Zarathustrismus erwartet man den Saoshyant, einen am Ende der Zeit geborenen Erlöser, der das endzeitliche Gericht und die Frashokereti – die endgültige Erneuerung des Universums herbeiführt. Diese wohl älteste ausgearbeitete Heilsbringer-Eschatologie steht historisch am Anfang einer Linie, die über die jüdische und christliche Erwartung bis in den Endkaiser-Mythos reicht.
Wiederkehrende Erneuerung im germanischen Mythos. Auch das nordische Ragnarök kennt nach dem Untergang die Wiederkehr einer erneuerten Welt und überlebender Götter – ein verwandtes Muster zyklischer Erneuerung, das den germanischen Hintergrund der Kyffhäusersage beleuchtet.
Die folgende Übersicht stellt die Grundzüge gegenüber:
| Tradition | Verborgene/wiederkehrende Gestalt | Ort/Modus der Verborgenheit | Zeichen/Bedingung der Wiederkehr |
|---|---|---|---|
| Deutsche Sage | Friedrich Barbarossa | Schlaf im Kyffhäuser | Raben kreisen nicht mehr; dürrer Baum ergrünt |
| Britische Sage | König Artus | Entrückung nach Avalon | höchste Not Britanniens |
| Zwölfer-Schia | Imam al-Mahdî | Verborgenheit (ghayba) | Fülle der Zeit, Gericht und Gerechtigkeit |
| Judentum | der Messias | verborgen bis zur Stunde | göttliche Verheißung, Sammlung der Verbannten |
| Hinduismus | Kalki (Avatara) | künftiges Erscheinen | Ende des Kali-Yuga |
| Buddhismus | Maitreya | im Tushita-Himmel wartend | Verfall der Lehre, künftiges Zeitalter |
| Zoroastrismus | Saoshyant | künftige Geburt | Frashokereti, endzeitliche Erneuerung |
Das Gemeinsame dieser Figuren ist die Verweigerung des endgültigen Todes des Heilbringers und die Verschiebung der Erfüllung in eine offene Zukunft. Der entscheidende Unterschied der Kyffhäusersage liegt in ihrer ausgeprägten Verweltlichung und Nationalisierung: Während Mahdî, Messias, Kalki, Maitreya und Saoshyant religiöse Heilsgestalten bleiben, wurde Barbarossa im 19. Jahrhundert zur Chiffre eines konkreten Nationalstaats. Aus dem Erlöser wurde ein Reichsgründer – darin liegt zugleich die spezifische Gefahr des Mythos. Auch das Motiv der Unsterblichkeit des Helden, das die Bergentrückung mit Erzählungen wie dem Gilgamesch-Epos oder den Lehren von der Unsterblichkeit im Vergleich teilt, erhält hier eine eigentümlich politische Wendung: Nicht die Seele des Einzelnen, sondern das Reich soll den Tod überdauern.
Moderne Rezeption
In der Gegenwart hat die Kyffhäusersage ihren ideologischen Ernst weithin verloren und ist zum Kulturgut, Tourismusziel und literarischen Motiv geworden. Das Kyffhäuserdenkmal mit der Barbarossahöhle zählt zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Thüringens; die Sage wird museal vermittelt und zugleich historisch-kritisch eingeordnet. In Schule und Literatur lebt vor allem Rückerts Gedicht fort.
Das Motiv des schlafenden Kaisers wirkt in der modernen Erzählkultur weiter. Der Topos vom „König unter dem Berg" – der schlafende Held, der zur Stunde der Not erwacht – hat zahllose Werke der Fantasy, des Films und der populären Mythologie geprägt; Tolkien etwa griff verwandte Bilder der Bergentrückung auf. Zugleich ist die kritische Reflexion über die politische Geschichte der Sage – ihre nationalistische und schließlich nationalsozialistische Vereinnahmung – fester Bestandteil der heutigen Auseinandersetzung. Die Kyffhäusersage erscheint so in doppelter Gestalt: als poetisches Bild der Hoffnung auf Erneuerung und als Mahnmal für die Verführbarkeit politischer Mythen.
Vergleichend bleibt die Sage ein eindrückliches Beispiel dafür, wie ein lokaler Volksglaube über Jahrhunderte mit Hochreligion, apokalyptischer Tradition und moderner Ideologie verschmilzt – ein Brennpunkt im Studium der vergleichenden Mythologie und der politischen Eschatologie, vergleichbar dem Studium des Atlantis-Mythos oder anderer großer Sehnsuchtserzählungen der Menschheit.
Fazit
Die Kyffhäusersage verdichtet in einem einzigen, eingängigen Bild – dem schlafenden Kaiser mit dem durch den Tisch gewachsenen Bart – eine erstaunlich vielschichtige Geschichte. Ihr Kern ist das uralte, transkulturelle Motiv des schlafenden Helden im Berg (Bergentrückung). Ihr historischer Ausgangspunkt ist nicht Barbarossa selbst, sondern die auf seinen Enkel Friedrich II. gemünzte mittelalterliche Endkaiser-Erwartung, gespeist aus Sibyllinik, Pseudo-Methodius und dem Joachimismus. Erst die frühe Neuzeit übertrug den Stoff auf den rotbärtigen Großvater und verankerte ihn im thüringischen Kyffhäuser; die Brüder Grimm und Friedrich Rückert gaben ihm seine klassische literarische Gestalt.
Im 19. Jahrhundert wurde die Sage zum Nationalmythos: „Barbarossa erwacht" deutete die Reichsgründung von 1871, das Kyffhäuserdenkmal (1896) goss die Gleichsetzung von Sage und Kaiserreich in Stein, und Wilhelm I. erschien als „Barbablanca". Die spätere Aneignung im NS-Decknamen „Unternehmen Barbarossa" zeigt die dunkle Seite dieser Politisierung. Religionswissenschaftlich gehört die Sage zum Messianismus und zur politischen Eschatologie; ihre vergleichbaren Verwandten – Artus in Avalon, der verborgene Imam/Mahdî, der jüdische Messias, Kalki und Maitreya – teilen den Archetyp des wiederkehrenden Erlösers, doch keiner ist so weltlich-national gewendet wie der schlafende Kaiser im Kyffhäuser. Darin liegt der bleibende Doppelcharakter der Sage: Trost und Verheißung auf der einen, ideologische Verführung auf der anderen Seite.