Versunkene Zivilisationen

Atlantis: Die Sage von der versunkenen Zivilisation und ihr geistiges Erbe

Eine Untersuchung der in Platons Dialogen Timaios und Kritias erzählten Atlantis-Sage aus geistig-esoterischer Perspektive; die Etymologie der mythischen Erzählung, ihr Band zum alten Ägypten, die theosophischen und anthroposophischen Deutungen Blavatskys und Steiners, die Lesarten Edgar Cayces, die vergleichende Mythologie (Sintflut Noahs, Sumer, Maya, Schambhala, hinduistische Yugas) und die Bewertung ihres Ortes im kollektiven Bewusstsein als Archetyp des verlorenen Paradieses im Rahmen der Perennialphilosophie.

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Definition und Etymologie

Atlantis tritt als einer der langlebigsten und meistgedeuteten mythologischen Begriffe der westlichen Geistesgeschichte hervor. Sein Name leitet sich von dem griechischen Ausdruck Atlantís nḗsos (Ἀτλαντὶς νῆσος) ab, der „Tochter des Atlas" oder „dem Atlas zugehörig" bedeutet; in unmittelbarer Übersetzung heißt er „Insel des Atlas". In der griechischen Mythologie ist Atlas eine dem Titanengeschlecht angehörende kosmische Gestalt, die den Himmel auf ihren Schultern trägt; Poseidon hingegen ist als Gott der Meere die zentrale Gestalt der Atlantis-Sage. Ob die Insel dem Atlantischen Ozean ihren Namen gab oder umgekehrt der Ozeanname aus der Sage entsprang, ist in den antiken Quellen nicht eindeutig geklärt; gewiss aber ist, dass der Begriff auf eine jenseits des Meeres gelegene, unbekannte und transzendente Geografie verweist.

Geht man über die Etymologie hinaus, so zeigt sich, dass das Wort Atlantis nicht nur ein Ortsname ist, sondern sich zugleich in ein archetypisches Zeichen verwandelt hat. In der geistigen Tradition wurde Atlantis als ein Mythos gelesen, der ein verlorenes goldenes Zeitalter, den Zustand der Menschheit vor dem Fall und die vorgeschichtlichen Epochen versinnbildlicht, in denen die materielle Dichte zunahm. Der Eintritt des Wortes in die türkische Literatur reicht in den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück; die Übersetzer der Republikzeit bewahrten beim Übersetzen der Dialoge Platons den Namen Atlantis unverändert. Dies bewirkte, dass der Begriff durch die Übersetzung hindurch, ohne sich zu verwandeln, unter Bewahrung seiner eigenen mythischen Kraft in die türkische Gedankenwelt getragen wurde. In der türkischen esoterischen Literatur wird Atlantis häufig auch in der Form „Atlantida" ausgesprochen; diese phonetische Variante ist eine Ablagerung der Wege, über die der Begriff durch lateinische und russische Zwischenübersetzungen kam.

Ein weiterer wichtiger Punkt zum Ursprung des Wortes Atlantis ist die Frage, ob die ägyptischen Priester diesen Namen verwendeten. Platon stellt in der von ihm überlieferten Geschichte, als er das Wissen wiedergibt, das Solon auf seiner Reise nach Ägypten von den Priestern der Stadt Sais erfuhr, fest, dass der ursprüngliche Name, den die ägyptischen Weisen jener Insel gaben, ins Griechische übersetzt wurde. Nach Platon ist der Name „Atlantis" also die der hellenischen Kultur angepasste Form des ursprünglichen Namens in den ägyptischen Aufzeichnungen. Diese Einzelheit lässt vermuten, dass der Begriff einen vielschichtigen Übersetzungsprozess durchlaufen hat und im Kern auf eine weit ältere Erinnerung als er selbst verweist. Der von den ägyptischen Priestern gegebene ursprüngliche Name wurde niemals überliefert, sodass hinter dem Namen Atlantis eine ältere philologische Schicht verborgen blieb.

Die geistige Literatur wertet das Wort Atlantis auch als einen Nostos-Archetyp; das heißt als das kosmologische Gegenstück zum Begriff der „unwiederbringlichen Heimat", der „verlorenen Heimstatt". Diese Lesart stiftet eine tiefe Verwandtschaft zwischen den Erinnerungen an die „Versammlung des Elest" in der Tradition des Sufismus und der platonischen Höhlenallegorie. Atlantis ist die geografische Projektion eines Zustands der Ursprünglichkeit, an den man sich zu erinnern sucht, der aber nicht vollständig erinnert werden kann. In der platonischen Philosophie drückt der Begriff „Anamnesis" den Prozess des Erinnerns an das vorleibliche Wissen der Seele aus; die Atlantis-Sage lässt sich auf kollektiver Ebene als ein ähnlicher Anamnesis-Ruf lesen. Die Menschheit wird eingeladen, sich an ihre eigene verlorene kosmische Identität zu erinnern.

Die etymologische Analyse zeigt, dass der Name Atlas selbst auf die proto-indoeuropäische Wurzel „tel-" (tragen, heben) zurückreicht. Diese Wurzel ist die Grundlage der griechischen Wörter „tlēnai" (ausharren) und „Atlas" (der Ausharrende, der Beladene). Auf mythologischer Ebene ist das Tragen des Himmels auf den Schultern des Atlas die anthropomorphe Darstellung einer kosmologischen Aufgabe; Atlantis hingegen ist der Name des geo-mythischen Ortes, der dieser kosmischen Aufgabe zugeschrieben wird. Atlantis ist also die irdische Projektion der himmlischen Ordnung; das Reich des den Himmel tragenden Atlas wurde auf der Ebene der Erde als das Zentrum der kosmischen Ordnung angesiedelt. Diese Lesart bekräftigt die Deutung, dass Atlantis das archetypische Symbol des heiligen Ortes ist.

Platons Erzählung: Timaios und Kritias

Der einzige antike Text, in dem der Begriff Atlantis in schriftlichen Quellen erscheint, sind Platons in das 4. Jahrhundert v. Chr. zu datierende Dialoge Timaios und Kritias. Kein griechischer Philosoph oder Historiker hat zuvor von Atlantis gesprochen; dieser Umstand hat dazu geführt, dass die Erschaffung des Begriffs unmittelbar Platon zugeschrieben wird. Doch betont Platon selbst eigens, dass die von ihm erzählte Geschichte keine Erfindung, sondern die Überlieferung einer geschichtlichen Wahrheit sei. Im Kritias-Dialog versucht er, indem er sagt „Diese Geschichte ist seltsam, aber von Anfang bis Ende wahr", die Wirklichkeit der Erzählung zu verbürgen. Dieser Satz des Dialogs ist eine der seltenen Stellen, an denen Platon die erkenntnistheoretische Unterscheidung zwischen Mythos und Logos bewusst verwischt.

Der Timaios-Dialog spielt am Tag nach einem vorangegangenen Gespräch, in dem Sokrates den idealen Staat geschildert hat. Sokrates bittet seine Zuhörer, den idealen Staat in Bewegung, in Krieg und Konflikt, zu schildern. Daraufhin beginnt Kritias, eine alte Geschichte zu erzählen, die er vom Großvater seines Großvaters gehört hatte. Die Quelle dieser Geschichte ist die Reise des athenischen Weisen Solon nach Ägypten. Als Solon in der Stadt Sais mit einem greisen ägyptischen Priester spricht, begegnet ihm dieser mit den Worten: „Ach Solon, Solon, ihr Griechen seid immer Kinder; unter euch gibt es keinen alten Griechen." Der Priester sagt, dass das griechische Volk wegen großer Katastrophen sein geschichtliches Gedächtnis verloren habe, dass aber in den Tempelaufzeichnungen Ägyptens weit ältere Ereignisse der Menschheitsgeschichte bewahrt seien. Diese Passage ist eine vielsagende Zusammenfassung der erkenntnistheoretischen Beziehung zwischen der hellenischen und der ägyptischen Zivilisation; Ägypten wird in der Position des „Erwachsenen", als Träger des Gedächtnisses der Welt, gezeichnet.

Der Schilderung des Priesters zufolge war Atlantis ein Kontinent, der sich jenseits der „Säulen des Herakles", also der Straße von Gibraltar, erstreckte und größer war als Asien und Libyen zusammen. Dieser Kontinent stand unter dem Schutz Poseidons, und der Gott hatte dort, indem er sich mit der sterblichen Frau Kleito vereinte, fünf Paar Knaben zur Welt gebracht. Der älteste von ihnen, Atlas, der seiner Insel den Namen geben sollte, übernahm das Amt des Großkönigs. Die Zivilisation der Atlanter war höchst entwickelt; sie hatten gewaltige Tempel, Kanäle und Häfen, errichtet aus Kupfer, Silber und einem geheimnisvollen Metall namens „Orichalcum", das als das nach dem Gold wertvollste galt. Die Identität des Orichalcum ist von der Antike bis heute umstritten; manche Deuter werteten es als Messing- oder Bronzelegierung, manche als eine esoterische Metallart.

Der Kritias-Dialog schildert die Topografie von Atlantis ausführlich. Die Hauptstadt war von ineinandergreifenden konzentrischen Wasser- und Landringen umgeben; diese Struktur wurde als Erscheinungsform der heiligen Geometrie gedeutet. Genau im Zentrum lag der große Tempel Poseidons; die Wände des Tempels waren mit Silber, das Dach mit Gold, die inneren Verzierungen mit Orichalcum überzogen. Es wird überliefert, dass die Atlanter anfangs ein tugendhaftes, maßvolles und ihrem göttlichen Blut treues Volk waren, dass sie aber im Laufe der Zeit ihr göttliches Wesen verloren und in Luxus, Hochmut und Herrschaftsbegierde verkamen. Diese Verkommenheit wird durch den Beschluss des Zeus bestraft; an Ort und Stelle versinkt Atlantis „an einem Tag und einer Nacht" unter dem Meer, und nach dem Krieg, den sie mit dem antiken Athen führten, werden sie von der Bühne der Geschichte getilgt.

Die kosmologische Bedeutung des Schemas der konzentrischen Ringe ist recht tief. Die vom Zentrum zum Rand ausstrahlende Ringordnung drückt in der heiligen Geometrie die Struktur des Kosmos, die Ordnung der Himmelssphären und das Ausstrahlen des Bewusstseins vom Zentrum zum Rand aus. Die Stadt Atlantis ist ein mikrokosmisches Modell des Makrokosmos; zwischen der Stadt und dem Universum besteht eine Korrespondenzbeziehung. Es ist deutlich, dass Platon diese Einzelheit bewusst gewählt hat; auch der Entwurf des idealen Staates enthält eine ähnliche strukturelle Hierarchie vom Zentrum zum Rand. Die Topografie von Atlantis wird so zu einer greifbaren Schilderung der philosophischen Lehre.

Die in Platons Erzählung vorkommenden zahlenmäßigen Einzelheiten — die Maße der Stadt, die Maße der Ringe, die Länge der Kanäle — sind in der mystischen Tradition Gegenstand zahlensymbolischer Analysen gewesen. Die in den Dialogen vorkommende Zahl „vor 9000 Jahren" entspricht, vom 4. Jahrhundert v. Chr. zurückgerechnet, etwa der Zeit um 9600 v. Chr. Dieses Datum liegt in geologischer Hinsicht nahe am Ende der Jüngeren Dryas und am Beginn des Holozäns; es ist eine Epoche, in der weltweit deutliche klimatische Veränderungen geschahen und die Meeresspiegel beträchtlich anstiegen. Die esoterische Tradition hat auf dieser chronologischen Entsprechung besonders verweilt und die These vertreten, dass das Datum in Platons Erzählung ebenso symbolisch ist, wie es auf eine bestimmte physisch-klimatische Wirklichkeit verweist.

Der thematische Rahmen der Dialoge ist nicht nur eine geschichtliche Verlusterzählung, sondern zugleich eine kosmologische Lehre. Der Timaios erörtert die Erschaffung des Universums und wie der Demiurg den Kosmos ordnete; der Kritias hingegen behandelt die Widerspiegelung dieser kosmischen Ordnung in den menschlichen Gesellschaften. Die Atlantis-Geschichte ist als eine Parabel angelegt, die das Schicksal einer Zivilisation zeigt, die sich von der kosmologischen Ordnung entfernt. In dieser Hinsicht ist die Atlantis-Sage eine lebendige Schilderung der ethischen und metaphysischen Lehre der platonischen Philosophie; die mythische Erzählung vom unausweichlichen Zusammenbruch der Gesellschaften, die vom idealen Staat abweichen.

Platons Erzählung bricht im Kritias-Dialog plötzlich ab. Gleich zu Beginn der Passage, in der der Beschluss des Zeus dargelegt werden soll, bricht der Text ab, und das Werk endet, ohne vollendet zu sein. Diese Unvollständigkeit ist von der Antike an die Quelle von Debatten gewesen; warum das letzte Wort über das Schicksal von Atlantis nicht gesprochen wurde, ob dies eine bewusste literarische Entscheidung Platons oder die Folge unbekannter Umstände war, bleibt unbeantwortet. Geistige Deuter haben betont, dass dieser Abbruch symbolisch sei, dass auch die Geschichte der versunkenen Zivilisation in gleicher Weise ein „abgebrochenes" Wissen sei. Das Wissen ist, wie die Zivilisation, unvollendet geblieben; der unvollendete Text ist das greifbare Zeichen der unvollendeten Erinnerung.

In der hellenischen Tradition gilt Solon als einer der sieben Weisen Athens (Hepta Sophoi). Er ist für seine Gesetzesreformen, seine Gedichte und seine Staatsmannschaft bekannt. Seine Ägyptenreise ist ein geschichtlich nachweisbares Ereignis; es ist bekannt, dass Solon, der im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte, nach seinen Gesetzesreformen Athen verließ und die Länder der Region, darunter auch Ägypten, besuchte. Diese Einzelheit stützt den Gedanken, dass Platons Erzählung nicht völlig erfunden ist, sondern aus bekannten geschichtlichen Ereignissen herrührt. Es heißt, Solon habe geplant, das aus Ägypten mitgebrachte Wissen zu einem dichterischen Epos zu gestalten, dies aber nicht vollbracht; Platon mag in seinen eigenen Dialogen dieses von Solon nicht vollendete Vorhaben übernommen haben.

Geschichtlicher Hintergrund: Sage oder Wirklichkeit?

Die Frage nach der geschichtlichen Wirklichkeit von Atlantis ist der Gegenstand einer ununterbrochenen Debatte, die sich von der Antike bis in die Gegenwart erstreckt. Platons Schüler Aristoteles vertrat die Auffassung, dass die Geschichte völlig fiktiv sei, dass es sich um eine Allegorie handle, die sein Lehrer zu pädagogischen Zwecken erfunden habe. Im antiken Griechenland zeigten Autoren wie Strabon, Plinius und Plutarch verschiedene Haltungen; manche glaubten der Geschichte, manche näherten sich ihr mit Skepsis. In der neuplatonischen Tradition deutete besonders Proklos Atlantis zweischichtig, sowohl als eine geschichtliche Wirklichkeit als auch als eine kosmische Allegorie.

Die Deutung des Proklos ist besonders wichtig, denn er vertritt die These, dass die Atlantis-Geschichte in einem ganzheitlichen kosmologischen Schema steht. Nach Proklos ist der Konflikt zwischen Athen und Atlantis eine geschichtlich-mythische Erscheinungsform der ontologischen Spannung zwischen dem Einen (One) und dem Vielen (Many). Athen verkörpert das geistig-philosophische Prinzip; Atlantis hingegen die materielle Herrschaft. Der Konflikt dieser beiden Prinzipien ist die Widerspiegelung eines kosmischen Zyklus in der Menschenwelt. Diese Lesart des Proklos ist eine der ausgefeiltesten Atlantis-Deutungen, die aus der Antike bis in die Gegenwart gelangt sind, und sie war den späteren neuplatonischen und hermetischen Traditionen ein Vorbild.

In der Moderne gewann die Atlantis-Forschung im späten 19. Jahrhundert durch Ignatius Donnellys Werk Atlantis: The Antediluvian World (1882) einen neuen Schwung. Donnelly vertrat die These, dass Atlantis in der Mitte des Atlantischen Ozeans lag und der gemeinsame Ahn der Zivilisationen der Alten und der Neuen Welt war. Dieser Ansatz bestimmte den Rahmen vieler nachfolgender moderner Atlantis-Forschungen. Donnellys Ansatz war weniger wissenschaftlich als eine vergleichende kulturelle Lektüre; er versuchte, Elemente wie den Pyramidenbau, die Flutmythen und den gemeinsamen Symbolismus mit der Atlantis-Hypothese zu erklären. Donnellys Buch fand zur Zeit seines Erscheinens eine breite Leserschaft und erregte sogar die Aufmerksamkeit des damaligen US-Präsidenten William Ewart Gladstone.

Donnellys Einfluss blieb nicht auf die Populärkultur beschränkt; er säte zugleich die Saat der Esoterik des 20. Jahrhunderts. Donnellys Werk war für die Verankerung von Atlantis in Helena Petrovna Blavatskys „Geheimlehre" wirksam. Obwohl Donnellys Thesen in akademischer Hinsicht schwach sind, ist er hinsichtlich des Aufwerfens eines weiten vergleichend-kulturellen Rahmens ein Vorläufer; er leistete, indem er auf die gemeinsamen Themen der Weltmythologien aufmerksam machte, einen mittelbaren Beitrag zu den Studien der vergleichenden Mythologie.

Die Archäologie des 20. Jahrhunderts unternahm zahlreiche Forschungen mit dem Ziel, das Bestehen von Atlantis als physischen Ort zu beweisen. Es wurden viele voneinander verschiedene Hypothesen aufgestellt — dass Atlantis bei den Azoren, bei den Bahamas, auf Zypern, unter der Sahara oder gar unter der antarktischen Eisdecke liege. Keine konnte einen sicheren Beweis bieten. Dieser Umstand hält die Frage offen, ob Atlantis eine geschichtliche Wirklichkeit oder eine symbolische Erzählung ist.

Der akademische Konsens geht dahin, dass Atlantis großenteils eine philosophisch-literarische Schöpfung Platons ist. Doch ist auch der Gedanke verbreitet, dass die Geschichte nicht völlig erfunden ist, sondern die mythisierten Erinnerungen an einige in der Antike bekannte wirkliche Ereignisse trägt — besonders an die Eruption des Vulkans von Santorin (Thera) im 17. Jahrhundert v. Chr. und den Zusammenbruch der minoischen Zivilisation. Diesem Ansatz zufolge ist Atlantis nicht die Erzählung einer einzigen greifbaren Wirklichkeit, sondern eine hybride Erzählung, die sich aus mehreren geschichtlichen Ereignissen in den Schichten des Gedächtnisses angesammelt hat.

Aus der Sicht der geistigen Tradition ist die Frage, ob Atlantis „Wirklichkeit oder Sage" sei, fehlerhaft gestellt. Die Tradition der Perennialphilosophie lehrt, dass die Mythen eine von der geschichtlichen Tatsächlichkeit verschiedene, aber gleichwertige Ebene der Wahrheit ausdrücken. In diesem Rahmen mag Atlantis physisch bestanden haben oder nicht; doch ist es geistig wirklich, denn es verkörpert eine Stufe, eine kosmologische Phase im gemeinsamen Bewusstsein der Menschheit. Auch die jungianische Perspektive stützt diesen Ansatz; nach Jung ist Atlantis ein archetypischer Inhalt des kollektiven Unbewussten, und nach physischem Beweis zu suchen bedeutet, die symbolische Kraft des Mythos außer Acht zu lassen.

Die von Henry Corbin entwickelte Kategorie des „Imaginalen" bietet einen fruchtbaren erkenntnistheoretischen Rahmen für die Atlantis-Sage. Nach Corbin gibt es zwischen der bloß physischen Wirklichkeit und dem bloßen Erzeugnis der Einbildung eine dritte Ebene der Wirklichkeit: den „mundus imaginalis", also die imaginale Welt. Diese Welt ist eine Seinsebene, die nicht physisch, aber auch nicht völlig subjektiv ist; eine Dimension, in der Wesen wie Archetypen, Engel, versunkene Zivilisationen und dergleichen wirklich sind. Atlantis ist eine kollektive Wirklichkeit, die in dieser imaginalen Welt Sein trägt; es ist nicht der Gegenstand der physischen Archäologie, sondern der geistig-imaginalen Forschung.

Auch aus der Sicht der modernen Wissenschaftsphilosophie lässt sich diese erkenntnistheoretische Pluralität verteidigen. „Wissenschaftliche Wirklichkeit" und „kollektiver Sinn" sind verschiedene Seinsebenen und schließen einander nicht aus. Dass ein Mythos geschichtlich nicht wahr ist, hebt seine kulturell-psychologische Wirklichkeit nicht auf. Atlantis ist im wissenschaftlichen Sinne nicht zu beweisen, aber es ist eine Wirklichkeit, die im zweieinhalbtausendjährigen kulturellen Gedächtnis der Menschheit lebendig geblieben ist. Diese Wirklichkeit zu übersehen, ist eine reduktionistische Haltung.

Die Debatte über den geschichtlichen Status von Atlantis prüft zugleich die Grenzen des modernen Geschichtsverständnisses. Das positivistische Geschichtsverständnis befasst sich nur mit physisch beweisbaren Ereignissen. Doch gebraucht die geistige Tradition den Begriff der „Geschichte" in einem weiteren Sinne; die esoterische Geschichte ist ein Feld, das die Evolution des kollektiven Bewusstseins, die Überlieferung der geistigen Traditionen und die archetypischen Ereignisse umfasst. Diese beiden Verständnisse von „Geschichte" sind nicht aufeinander reduzierbar; jedes umfasst eine andere Ebene der Wirklichkeit. Die Atlantis-Forschung hält, während sie die Unterscheidung zwischen diesen beiden Ebenen bewahrt, zugleich die Frage auf der Tagesordnung, wie der Übergang von der einen zur anderen vollzogen werden kann.

Geografische Hypothesen

Zur möglichen Lage von Atlantis sind zahlreiche Hypothesen entwickelt worden. Diese Hypothesen teilen sich meist in zwei Kategorien: jene, die Platons Text treu bleiben und auf den Atlantischen Ozean verweisen, und jene, die den Text allegorisch lesen und sich anderen Geografien zuwenden. Innerhalb der ersten Gruppe ist die verbreitetste Auffassung, dass Atlantis ein Kontinent war, der sich rund um die Azoren längs des mittelatlantischen Rückens erstreckte. Diese Auffassung wurde von Ignatius Donnelly systematisch entwickelt und sodann von Lewis Spence und anderen populären Autoren fortgeführt.

Lewis Spences Werk The Problem of Atlantis (1924) ist das umfassendste Atlantis-Buch der Zeit nach Donnelly. Spence vertrat die These, dass Atlantis weniger ein einzelner Kontinent als eine Landbrücke war, die den Atlantik in Nord-Süd-Richtung überspannte. Er vertrat die These, dass sich diese Landbrücke mit dem Anstieg der Meeresspiegel am Ende der letzten Eiszeit in kleine Inseln verwandelte und schließlich gänzlich im Meer versank. Diese Hypothese Spences wurde später revidiert, als die geologische Forschung die Struktur des kontinentalen Rückens darlegte.

Die zweite Gruppe von Hypothesen zieht es vor, Atlantis im Mittelmeer oder in dessen Umkreis zu suchen. Die stärkste Fassung dieses Ansatzes ist die Thera-Hypothese, die Atlantis mit der verheerenden Eruption des Vulkans von Santorin (etwa 1620 v. Chr.) gleichsetzt. Ihr zufolge ist die von Platon erzählte Geschichte eine mythisierte Fassung der Thera-Katastrophe, die in den ägyptischen Tempelaufzeichnungen bewahrt war. Der Zusammenbruch der minoischen Zivilisation inspirierte den Untergang von Atlantis; dass Tsunamis die Küstenstädte Kretas zerstörten, mag die Quelle des Motivs vom Versinken „an einem Tag und einer Nacht" sein. Zu den Vertretern dieser Hypothese zählen die Archäologen Spyridon Marinatos und Angelos Galanopoulos.

Eine wichtige Einzelheit der Hypothese des Galanopoulos ist das Argument, dass die Zahlen in Platons Text um das Zehnfache übertrieben sind. Galanopoulos vertritt die These, dass die ägyptischen Priester beim Übersetzen in die hellenischen Einheiten einen Fehler machten und das ägyptische Symbol für „Hunderte" als „Tausende" übersetzten. Mit dieser Korrektur werden aus 9000 Jahren 900 Jahre und aus den Kontinentmaßen die Maße einer Mittelmeerinsel; dies wird mit Thera und dem minoischen Kreta vereinbar. Obwohl diese Hypothese in akademischer Hinsicht viele Schwierigkeiten trägt, ist sie hinsichtlich der Anbindung des geschichtlichen Kerns der Atlantis-Geschichte an bekannte Ereignisse ein wichtiger Versuch.

Eine weitere wichtige Hypothese verbindet Atlantis mit der Tartessos-Zivilisation. Tartessos war eine sagenhaft reiche Zivilisation, die im Südwesten des antiken Spanien, im Delta des Flusses Guadalquivir, lag. Manche Forscher haben die These vertreten, dass der Untergang von Tartessos und seine geografische Lage — gleich jenseits von Gibraltar — der Atlantis-Geschichte als Quelle gedient haben könnten. Geologische Forschungen der jüngeren Zeit haben diese Hypothese mit der Auffindung der Spur eines großen Tsunamis in der Region von Tartessos erneut auf die Tagesordnung gebracht.

Zu den weniger bekannten, aber beachtenswerten Hypothesen zählt auch der Antarktis-Vorschlag. Dieser auf Charles Hapgoods Theorie der „Krustenverschiebung" beruhenden Auffassung zufolge lag das unter dem Eis der Antarktis liegende Land in der Vergangenheit in der Äquatorregion und war die Heimstatt der Atlantis-Zivilisation. Obwohl diese Auffassung der akademischen Stütze entbehrt, fand sie in der Populärkultur einen breiten Widerhall. Hapgoods Ansatz erregte auch das Interesse Einsteins, der ein Vorwort zu Hapgoods Buch schrieb; doch galt diese Unterstützung Einsteins eher der spekulativen Kraft der Theorie als ihrem greifbaren wissenschaftlichen Beweis.

Auch die Hypothese vom bolivianischen Altiplano ist eine interessante Alternative. Der britische Forscher Jim Allen vertrat die These, dass einige topografische Merkmale rund um Pampa Aullagas in Bolivien Platons Schilderung von Atlantis entsprechen. Pampa Aullagas liegt am Ufer des Poopó, der in der Vergangenheit ein großer Salzsee war; die geologische Struktur der Region zeigt in mancher Hinsicht eine Ähnlichkeit mit Platons Schilderung der konzentrischen Ringe. Diese Hypothese hat keine akademische Anerkennung gefunden, ist aber hinsichtlich der geografischen Vielfalt der Atlantis-Hypothesen bemerkenswert.

Auch die Schwarzmeer-Hypothese ist im 21. Jahrhundert auf die Tagesordnung gekommen. Robert Ballard und andere Forscher vertraten die These, dass die große Überflutung, die um 5600 v. Chr. im Umkreis des Bosporus geschah — der Anstieg des Mittelmeerspiegels und das Einströmen über den Bosporus in das Schwarzmeerbecken —, die frühneolithischen Siedlungen der Region unter Wasser setzte. Die These „Noah's Flood" von William Ryan und Walter Pitman stellt dieses Ereignis als den geschichtlichen Kern der Sage von der Sintflut Noahs dar; manche Forscher haben die These vertreten, dass dasselbe Ereignis auch eine entfernte Quelle der Atlantis-Sage sein könnte.

Die geistige Tradition behandelt die Frage der geografischen Lage von Atlantis aus einer anderen Perspektive. Nach der Tradition der Theosophie war Atlantis physisch wirklich, aber nicht in der heutigen materiellen Dichte. Die materielle Wirklichkeit der Atlantis-Epoche war weniger „fest"; daher tut sich die moderne archäologische Methode schwer, die Spuren dieser Zivilisation zu finden. Zugleich erlitt der Kontinent in mehreren Phasen die Vernichtung; es handelt sich nicht um ein einzelnes Versinkungsereignis, sondern um einen stufenweisen Zusammenbruch, der sich über Zehntausende von Jahren vollzog. Dieser Ansatz wurde in Blavatskys Werk „Geheimlehre" systematisiert und von Steiner erweitert.

Geistige Deuter betonen, dass der Begriff „Kontinent" einen vom modernen geologischen Sinne verschiedenen, mythisch-kosmologischen Gebrauch hat. Der „Kontinent" Atlantis wird weniger im physischen Sinne eines Landstücks als im Sinne einer Region gebraucht, in der sich eine bestimmte Bewusstseinsebene auf der Erde offenbart. Diese Region drückt, obwohl an die physische Geografie gebunden, auch in Hinsicht auf das Bewusstsein einen homogenen Bereich aus. Der Kontinent Atlantis ist in dieser Hinsicht ein geistiger „Bezirk"; das kollektive Bewusstsein des dort lebenden Volkes bestimmt die physische Geografie und die gesellschaftliche Struktur.

Atlantis in der esoterischen Tradition (Theosophie, Steiner)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte die Theosophie-Bewegung den Begriff Atlantis in den Mittelpunkt einer geistig-esoterischen Lehre. Helena Petrovna Blavatskys zweibändiges Werk „Geheimlehre" von 1888 stellte Atlantis als eine grundlegende Stufe des Evolutionsprozesses der Menschheit dar. Nach Blavatsky entwickelt sich die Menschheit über sieben große „Wurzelrassen", und die von den Atlantern gebildete Vierte Wurzelrasse ging der Fünften Wurzelrasse, den Ariern, voraus, die die Ahnen der modernen Menschheit sind. In dieser Lehre verweist der Begriff „Rasse" in einem vom modernen anthropologischen Sinne verschiedenen Sinne auf eine Bewusstseinsstufe.

Blavatskys Schilderung von Atlantis weicht von Platons Erzählung ab. Atlantis ist kein Kontinent, sondern ein Zivilisationszyklus, der Millionen von Jahren währt; er erstreckte sich über mehrere Inseln und kontinentale Massen. Die Atlanter waren anfangs ein Volk, das hohe geistige Fähigkeiten trug, mit Telepathie und anderen paranormalen Kräften ausgestattet. Doch wurden sie mit der Zeit von der materiellen Welt abhängig, begannen ihre geistigen Fähigkeiten zu Zwecken der schwarzen Magie zu gebrauchen und bereiteten infolge dieser Verkommenheit ihren Untergang. Nach Blavatsky sind alle großen antiken Zivilisationen, die bis in die Gegenwart gelangt sind — Ägypten, Indien, Sumer, Maya —, Kolonien, die von aus Atlantis geflohenen oder ausgewanderten Gruppen gegründet wurden.

Blavatskys Schema der sieben Unterrassen ordnet die Atlantis-Epoche in eine ausführliche Chronologie ein. Diesem Schema zufolge sind die sieben Unterphasen der Atlantis-Epoche der Reihe nach folgende: die Rmoahal, die Tlavatli, die Tolteken, die ersten Turanier, die ersten Semiten, die ersten Akkadier und die Mongolen. Jede Unterphase ist eine Entwicklungsstufe, die ihr eigene physische und geistige Merkmale trägt. Die Epoche der Tolteken wird als der Höhepunkt der Atlantis-Zivilisation dargestellt; in dieser Epoche wurden große Städte gegründet und fortgeschrittene Technologien und geistige Praktiken entwickelt. Diese Lehre wurde von späteren theosophischen Autoren — durch Werke wie „The Story of Atlantis" von C. W. Leadbeater und W. Scott-Elliot — ausführlicher behandelt.

Der geschichtliche Kontext von Blavatskys „Wurzelrassen"-Terminologie ist wichtig. Im europäischen Denken des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff „Rasse" noch weniger als eine biologische Kategorie denn als ein kulturell-geschichtlicher Begriff gebraucht. Blavatskys Gebrauch unterscheidet sich vom biologisch-deterministischen Verständnis der modernen rassistischen Ideologien; sie meint mit den „Wurzelrassen" Bewusstseinsstufen. Doch wurde diese Terminologie später zu anderen Zwecken gedeutet und missbraucht. Die theosophische Literatur des 21. Jahrhunderts ist bemüht, die Terminologie zu überarbeiten, um diesem Missbrauch vorzubeugen.

Diese Lehre wurde später von Rudolf Steiner erweitert und in eine anthroposophische Kosmologie eingefügt. In Steiners Arbeit „Atlantis und Lemuria" wird die Atlantis-Epoche als ein langes kosmisches Zeitalter geschildert, das aus sieben Unterphasen besteht. Steiners Gedankengang beruht auf Wissen, das er nach eigener Behauptung unmittelbar mittels der Fähigkeit der Hellsichtigkeit aus den „Akasha-Aufzeichnungen" las. Demnach hatten die Atlanter anfangs das Atmen noch nicht völlig entwickelt; ihr Leib war von einer anderen materiellen Beschaffenheit, und ihr Bewusstsein war in einem traumähnlichen Zustand dem Kosmos geöffnet. Mit der Zeit schärfte sich die sinnliche Wahrnehmung, das Ich-Bewusstsein erstarkte, und die Konzentration auf die materielle Welt nahm zu.

Steiners Schilderung zufolge traten in der „Ur-Akkadier"-Epoche, der letzten Unterphase der Atlanter, das logische Denken und die individuelle Ich-Struktur deutlich hervor. Am Ende dieser Epoche geschah die große Flut, und die Überlebenden wanderten unter geistiger Führung in die inneren Gebiete des asiatischen Kontinents, vor allem nach Indien und Mesopotamien, aus. Nach Steiner sind die vedische Tradition, die sumerische Zivilisation und das alte Ägypten allesamt Erzeugnisse dieser nach-atlantischen Wanderungswelle. Dieser Ansatz verkörpert die Idee der Einheit der Welttraditionen, die die Perennialphilosophie auf eine einzige Quelle uralter Weisheit zurückführt.

Steiners Atlantis-Lehre ist Teil eines weiten kosmologischen Schemas der Anthroposophie. Nach Steiner schreitet die Erdgeschichte über sieben große „Kontinent-Phasen" fort: die polare (Hyperborea), die hyperboreische, die lemurische, die atlantische und die heutige post-atlantische. In jeder Phase gibt es sieben Unterphasen. Dieses kosmische Schema trägt die Einflüsse der hinduistischen Yuga-Lehre, entwickelt aber einen von ihr verschiedenen Reichtum an Einzelheiten. Steiners eigenständiger Beitrag ist, dass diese kosmischen Zeitalter aus der Perspektive der „Ich-Entwicklung" behandelt werden; jede Phase verkörpert eine bestimmte Stufe des menschlichen Bewusstseins und bereitet von Epoche zu Epoche den Boden für die Entwicklung bestimmter seelischer Fähigkeiten.

Die „Lesungen", die Edgar Cayce zwischen 1923 und 1944 im Trance-Zustand gab, bilden die umfassendste Quelle der amerikanischen Esoterik zu Atlantis. Cayce sagte in den Rückführungen früherer Leben, die er Tausenden von Menschen gab, dass viele von ihnen in Atlantis gelebt hätten, und gab ausführliche Auskünfte über diese Zivilisation. Nach Cayce war Atlantis in drei großen Vernichtungswellen — etwa um 50.000 v. Chr., 28.000 v. Chr. und 10.000 v. Chr. — versunken. Vor der letzten Vernichtung wanderte eine geistig ausgerichtete Gruppe, die als die „Kinder des Gesetzes" bezeichnet wurde, nach Ägypten, nach Yucatán und in andere Gebiete aus, um ihr Wissen und ihr geistiges Erbe zu bewahren.

In Cayces Lesungen ist Atlantis eine Zivilisation, in der der große geistige Kampf zwischen den „Kindern des Gesetzes" und den „Söhnen Belials" ausgetragen wurde. Der Konflikt zwischen diesen beiden Gruppen ist die Widerspiegelung auf kollektiver Ebene zwischen einer geistig-ethischen Ausrichtung und einer materiell-herrschsüchtigen Ausrichtung. Die Kinder des Gesetzes waren dem „Gesetz des Einen" — also der universalen kosmischen Ordnung — verbunden; die Söhne Belials hingegen stellten ihr eigenes Interesse und die materielle Macht in den Vordergrund. Die Spannung zwischen diesen beiden Gruppen führte in den letzten Phasen von Atlantis zur Vernichtung.

Cayce gibt auch ausführliche Auskünfte über die Technologie von Atlantis. Er vertritt die These, dass die Kristalltechnologie die Hauptenergiequelle der Atlanter war, dass ein „großer Kristall" oder „Feuerstein" genanntes Gerät die Sonnenenergie sammelte und verteilte. Der falsche Gebrauch dieser Technologie war die unmittelbare Ursache der letzten Vernichtung. Die Frequenzen des Kristalls wurden manipuliert, was eine geologische Instabilität schuf und schließlich zum Versinken des Kontinents führte. Die moderne New-Age-Literatur knüpft Praktiken wie die „Kristallheilung" an dieses Erbe von Atlantis.

Eine der bemerkenswertesten Voraussagen Cayces war die Ankündigung, dass ein Teil von Atlantis in den Jahren 1968–1969 in der Nähe der Bimini-Inseln wieder zutage treten werde. Die 1968 vor Bimini entdeckte und als „Bimini Road" bekannte Unterwasser-Steinanlage wurde von den Anhängern Cayces als Bestätigung dieser Voraussage gedeutet. Doch akademische Geologen haben die These vertreten, dass sich diese Formation durch natürliche Prozesse erklären lasse.

Die Atlantis-Lehre der esoterischen Tradition befasst sich nicht mit der physischen Archäologie, sondern mit der geistigen Geschichte. Diesem Ansatz zufolge gehört Atlantis einer Geschichtsdimension an, die „esoterische Geschichte" genannt wird, die nicht auf physischen Beweisen beruht, sondern der Evolution des Bewusstseins der Menschheit folgt. Diese Dimension wird über das universale Gedächtnis zugänglich, das die Akasha-Aufzeichnungen genannt wird. Der Begriff der Akasha-Aufzeichnungen ist vom Sanskrit-Wort „Akasha" (Äther, kosmischer Raum) abgeleitet; er drückt das Verständnis aus, dass alle Ereignisse, Gedanken und Gefühle in einem universalen Gedächtnisbereich aufgezeichnet werden.

Dion Fortune hat in ihrem Werk „The Esoteric Orders and Their Work" behandelt, wie das geistige Erbe von Atlantis in die modernen esoterischen Traditionen einfloss. Nach Fortune wurde das geistige Wissen in der nach-atlantischen Zeit über verschiedene „Wege" weitergegeben: Der ägyptische Weg bildete die hermetische Tradition; der indische Weg die vedische Tradition; der keltische Weg die druidische Tradition. Diese drei Hauptwege bildeten die grundlegenden Quellen der späteren westlichen Esoterik. Diese Lesart vertritt die These, dass die „esoterische Geschichte" statt einer einpunktigen Quelle eine sich verzweigend entwickelnde Struktur hat.

Das Band zum alten Ägypten

Das Band zwischen Atlantis und dem alten Ägypten nimmt sowohl in Platons ursprünglicher Erzählung als auch in allen späteren esoterischen Deutungen einen zentralen Platz ein. In Platons Text wurde die Atlantis-Geschichte unmittelbar von den ägyptischen Priestern an Solon weitergegeben. Diese Einzelheit deutet an, dass das Wissen um Atlantis der ägyptischen Tempeltradition zugehört, dass die ägyptische mystische Tradition als Hüterin dieses Wissens wirkte. Der greise Priester im Tempel von Sais sagt, dass das verlorene geschichtliche Gedächtnis der Griechen in Ägypten bewahrt sei; dies ist die Darstellung Ägyptens als des „Gedächtnisses der Welt".

Die Stadt Sais war eines der wichtigen religiösen Zentren der Deltaregion des alten Ägypten; sie beherbergte den Haupttempel der Göttin Neith. Neith wird im ägyptischen Pantheon als Schöpfergöttin, als Göttin der Weisheit und des Krieges dargestellt; manche esoterischen Deuter haben sie als einen göttlichen Archetyp atlantischen Ursprungs gewertet. Dass Sais gewählt wurde, ist kein Zufall; diese Stadt ist eine „zur Außenwelt geöffnete" Pforte Ägyptens und ein idealer Ort für den hellenisch-ägyptischen kulturellen Kontakt. Dass Platon Solons Ägyptenbesuch nach Sais verlegt, trägt ein zugleich geschichtliches und symbolisches Gewicht.

Die esoterische Tradition vertieft dieses Band weit mehr. Blavatsky und spätere theosophische Autoren vertreten die These, dass die Begründer der ägyptischen Zivilisation aus Atlantis gekommene Priester-Weise waren. Als sich die letzte Vernichtung von Atlantis näherte, übertrug eine erlesene Gruppe, die „Hüter des Gesetzes" genannt wurde, ihr geistiges Wissen in sichere Gebiete; das wichtigste dieser Gebiete waren das Nildelta und Oberägypten. Diese Priester schufen, indem sie das mitgebrachte Wissen in Stein meißelten, eine Schatzkammer der Weisheit, die an die kommenden Geschlechter weitergegeben werden sollte. Diesem Ansatz zufolge sind die monumentalen Bauwerke des Plateaus von Gizeh — besonders die Große Pyramide und die Sphinx — ein unmittelbares Erbe der atlantischen Weisheit.

Edgar Cayce behandelt dieses Thema ausführlich. Nach Cayce ließ sich um 10.500 v. Chr. eine Gruppe unter Führung des atlantischen Priesters Ra-Ta in der Nilregion nieder, um die ägyptischen Pyramiden und die Sphinx zu errichten. Cayce sagte voraus, dass sich unter der Großen Pyramide oder zwischen den Pranken der Sphinx eine „Halle der Aufzeichnungen" befinde, in der das gesamte Wissen der Atlantis-Zivilisation bewahrt sei. Diese Voraussage ist in der Moderne zu einer der Haupthypothesen der populären Strömung geworden, die als „alternative Ägyptenforschung" bezeichnet wird.

Der Begriff der „Halle der Aufzeichnungen" nimmt in der esoterischen Literatur nach Edgar Cayce einen breiten Platz ein. Diese Halle wird als ein Speicher dargestellt, von dem angenommen wird, dass er sich physisch unter der Sphinx, an einem Punkt gegenüber der Großen Pyramide, befinde und die gesamte Weisheit der Atlantis-Zivilisation berge. Nach Cayce wird sich diese Halle zur rechten Zeit — wenn die Menschheit die geistige Reife erlangt hat — öffnen, und die Menschheit wird ihr eigenes verlorenes geistiges Erbe zurückgewinnen. In dieser Lehre hat die „rechte Zeit" einen eschatologischen Charakter; die Öffnung der Halle verweist auf einen kosmischen Wendepunkt.

Steiner behandelt das Band zwischen Atlantis und Ägypten aus einer anderen Perspektive. Nach ihm war die nach-atlantische Zeit ein Prozess, in dem sieben große kulturelle Epochen aufeinander folgten: die indische, die persische, die ägyptisch-chaldäische, die griechisch-römische und das moderne Zeitalter. Die ägyptisch-chaldäische Epoche entspricht der dritten kulturellen Epoche, in der die atlantische Weisheit auf der Erde von Neuem errichtet wurde. Die gewaltige Architektur und das verwickelte religiöse System Ägyptens sind die Neugestaltung des Bewusstseins der Atlantis-Epoche auf der materiellen Ebene.

Geistige Deuter haben betont, dass die Gleichsetzung von Hermes und Thot ein wichtiges Zeichen des Bandes zu Atlantis ist. Hermes Trismegistos ist eine aus der Synthese der griechischen und ägyptischen Tradition entstandene archetypische Weisengestalt; er ist als „der dreimal erhabene Hermes" bekannt und gilt als der Begründer der hermetischen Tradition. Die hermetische Literatur vertritt die These, dass Hermes mit dem aus Atlantis gekommenen Thot identisch ist, dass er als einer der letzten atlantischen Weisen die Weisheit nach Ägypten trug. Diese Weisheit wurde in Steintafeln gemeißelt und in geheimen Kammern in der Nähe von Gizeh bewahrt. Der als „Smaragdtafel" bekannte Text wird als eine zusammengefasste Fassung dieses atlantisch-hermetischen Erbes gedeutet.

Im ägyptischen Pantheon ist Thot der Gott der Schrift und der Weisheit; zugleich ist er der Mondgott, der Gott des Maßes und der Ausgleichung. Der in der Stadt Hermopolis zentrierte Thot-Kult ist eine der ältesten religiösen Traditionen Ägyptens. Die esoterische Tradition vertritt die These, dass Thot kein gewöhnlicher Gott, sondern ein aus Atlantis gekommener geschichtlicher Weiser ist, der später vergöttlicht wurde. Solche Beispiele der „geschichtlichen Vergöttlichung" sind in der antiken Welt verbreitet; was Imhotep widerfuhr, ist ein bekanntes geschichtliches Beispiel hierfür.

Die Entstehung der hermetischen Literatur ist das Erzeugnis der hellenisch-ägyptischen kulturellen Synthese in den ersten drei Jahrhunderten n. Chr. Die als „Corpus Hermeticum" bekannte Textgruppe drückt die Verbindung der neuplatonischen und stoischen Philosophie mit der ägyptischen Mystik aus. Obwohl diese Texte nicht unmittelbar auf die Atlantis-Lehre verweisen, haben esoterische Deuter die These vertreten, dass das Wesen dieser Texte aus Atlantis herrührt. Dass Marsilio Ficino diese Texte im Florenz des 15. Jahrhunderts ins Lateinische übersetzte, führte bei der Entstehung der Renaissance zu einer Wiederbelebung der hermetischen Tradition.

Das geistige Band zwischen Ägypten und Atlantis verweist auch auf den Ursprung der alchemischen Tradition. Die Wendung „wie oben, so unten", das Grundprinzip der hermetischen Alchemie, trägt das Wesen der Atlantis-Kosmologie. Dieser Kosmologie zufolge war die Atlantis-Zivilisation zu einer Wissensebene gelangt, die die Symmetrie zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos verstand und anwandte; weil dieses Wissen später verdorben wurde, war es die Grundursache der Vernichtung, doch wurde sein Wesen in den geheimen Tempellehren Ägyptens bewahrt.

Die Grundbegriffe der ägyptischen Alchemie — der Stein der Weisen, der Wandlungsprozess, die Thematik von Tod und Wiedergeburt — treten in Resonanz mit dem Thema der inneren Wandlung in der Atlantis-Lehre. Der Alchemist sucht durch die persönliche Wandlung zum Bewusstseinszustand der Atlantis-Epoche zurückzukehren; diese Rückkehr ist kein Rückschritt, sondern eine höhere Integration. Die individuelle alchemische Wandlung bedeutet kollektiv das Wiederzusammenfügen des geistigen Erbes von Atlantis.

Die Sphinx in Ägypten wird in der esoterischen Tradition als ein unmittelbares Überbleibsel des Atlantis-Zeitalters gewertet. Robert Schochs Hypothese der Wassererosion, die Behauptung, dass die Sphinx aus der Zeit um 10.000–9000 v. Chr. stammen könnte, deckt sich mit dieser esoterischen Lehre. Cayces Lesungen, in denen er die Sphinx als das „Sinnbild des geistigen Zeitalters" bezeichnet, sind einer der Hauptbezugspunkte der modernen alternativen Ägyptenforschung. Es wird die These vertreten, dass die doppelte Form der Sphinx aus Menschenkopf und Löwenleib die Integration des Mensch-Tier-Bewusstseins im Atlantis-Zeitalter versinnbildlicht.

Geistiges Erbe: Die mystische Bedeutung

Die geistige Lesart des Begriffs Atlantis birgt über die physisch-geschichtlichen Fragen hinaus tiefe kosmologische und anthropologische Themen. In der mystischen Tradition versinnbildlicht Atlantis eine bestimmte Stufe in der Bewusstseinsgeschichte der Menschheit, den Existenzzustand „vor dem Fall" oder „vor der sinnlichen Verdichtung". Dieser Zustand ist eine Stufe, in der das kollektive Bewusstsein noch nicht völlig materialisiert und von Natur aus kosmischer und weniger ich-zentriert ist.

In dieser geistigen Lesart trägt Atlantis einen zweiseitigen Symbolismus. Einerseits verkörpert es die verlorene Unschuld, das Leben in Harmonie mit der Natur, den Zustand einer mit geistigen Fähigkeiten ausgestatteten Menschheit; andererseits drückt es die Verkommenheit dieser Fähigkeiten aus, das Losreißen der Macht von den geistigen Zwecken und ihren Gebrauch für Herrschaft und Vernichtung. Die „moralische" Seite der Atlantis-Geschichte wird als eine Lehre über die Folgen des unethischen Gebrauchs geistiger Fähigkeiten gelesen.

Dieser zweiseitige Symbolismus ist in der modernen geistigen Tradition besonders wichtig. Die moderne Menschheit befindet sich in einer Epoche, in der sie am Höhepunkt ihrer eigenen technologischen Kapazitäten steht; Kapazitäten wie die Kernenergie, die Gentechnik und die künstliche Intelligenz werden als das moderne Gegenstück der geistigen Fähigkeiten der Atlantis-Epoche gedeutet. Die Ursache der Vernichtung von Atlantis war das Losreißen dieser Fähigkeiten vom geistig-ethischen Rahmen; dieselbe Bedrohung gilt auch für die moderne technologische Zivilisation. Die geistige Tradition lehrt als Widerspiegelung der Atlantis-Lektion in die Gegenwart, dass die Technologie und die geistige Reife gemeinsam wachsen müssen.

Auch die Parallelen zur gnostischen Tradition sind bemerkenswert. In der gnostischen Kosmologie ist der Fall der Seele in die materielle Welt und der Zustand des Vergessens (lethe) ein zentrales Thema. Die Atlantis-Sage trägt als eine kollektive Fallerzählung zu diesem Thema bei; sie erzählt nicht vom individuellen Fall der Seele, sondern vom Verlust der kosmischen Stellung einer ganzen Zivilisation. Das Thema der Bewahrung des geistigen Erbes und seiner Weitergabe durch geheime Priestergruppen ist unmittelbar parallel zum gnostischen Verständnis des „verborgenen Wissens".

In den gnostischen Texten lässt sich auch der Begriff „Sophia", also die Göttin der Weisheit, als Symbol der kollektiven Weisheit der Atlantis-Epoche deuten. Der Fall der Sophia in den Kosmos und ihr Gefangensein in der materiellen Welt ist ein kosmisches Drama, das dem Zerstreuen und Verlieren der atlantischen Weisheit auf der Erde parallel ist. Die Rückkehr ins Pleroma verweist auf denselben geistigen Prozess wie das Wiederzusammenfügen des Wissens von Atlantis. Diese Lesart bietet einen Rahmen, der die gemeinsamen Lesarten der gnostischen und der theosophischen Tradition über die Atlantis-Sage zusammenführt.

Die Atlantis-Sage tritt auch in Resonanz mit einigen Themen der sufischen Tradition. Im Sufismus wird der Begriff „Versammlung des Elest" als der Zustand der „göttlichen Nähe" der Seelen vor ihrer Erschaffung bestimmt; dieser Zustand wird mit der Geburt vergessen, und der geistige Weg ist die Wiederherstellung dieses Erinnerns. Die Atlantis-Sage ist auf kollektiver Ebene ein ähnlicher Ruf zum Erinnern; sie ermutigt zum Erinnern an das verlorene Wesen der Menschheit. Ebenso zeigt die in der sufischen Tradition als „Âlam al-Mithâl" (die Welt der Bilder) bekannte Zwischenwelt zwischen dem Physischen und dem Geistigen eine Ähnlichkeit mit der geschilderten „halbmateriellen" Wirklichkeit der Atlantis-Epoche.

Ibn Arabîs Lehre von den „Aʿyân ath-Thâbita" — den feststehenden göttlichen Wesenheiten — ermöglicht eine metaphysische Lesart des Atlantis-Archetyps. Dieser Lehre zufolge besteht jedes Wesen, bevor es sich physisch offenbart, als „feststehende Wesenheit" im göttlichen Bewusstsein. Atlantis besteht als eine „feststehende Wesenheit" auf ewig im göttlichen Bewusstsein; dass es sich auf der Erde offenbart und dann versinkt, betrifft die physisch-erscheinungshafte Ebene, nicht das Wesen seines Seins. Diese Lesart stützt das Thema, dass Atlantis nicht „gestorben", sondern nur „zurückgetreten" ist.

Auch in der Tradition der Kabbala finden sich parallele Themen. Die Lehre der lurianischen Kabbala vom „Schevirat ha-Kelim" (dem Zerbrechen der Gefäße) erzählt von der Zersplitterung einer kosmischen Ordnung und vom Zerstreuen der geistigen Funken in die materielle Welt. Diese Lehre wirft Licht auf die metaphysische Dimension des Untergangs von Atlantis; das Zusammenbrechen einer geistigen Ordnung ist nicht nur das Vergehen einer Zivilisation, sondern die Widerspiegelung eines kosmischen Bruchs auf der Erde. Der Begriff „Tikkun", also die Wiederherstellung, drückt das Wiederzusammensammeln der nach diesem Bruch zerstreuten Funken aus; ebenso wird die Aufgabe der nach-atlantischen Zivilisationen als das Wiederzusammensammeln des verlorenen geistigen Wissens gedeutet.

Auch der Begriff „Adam Kadmon" — der kosmische Mensch — der Kabbala ist ein reicher Bezugspunkt für das kollektive Bewusstsein von Atlantis. Adam Kadmon verkörpert den ganzheitlichen Zustand der Menschheit am Anfang der Schöpfung. Mit dem geschichtlichen Fall zersplittert diese Ganzheit; der Untergang von Atlantis ist eine wichtige Stufe dieses Zersplitterungsprozesses. Die „Rückkehr" oder „Erneuerung", von der die messianischen Traditionen sprechen, bedeutet die Neuerrichtung des Zustands des Adam Kadmon auf kollektiver Ebene; und dies deckt sich mit dem Wiederzusammenfügen des geistigen Erbes von Atlantis.

Die hermetische Tradition behandelt das geistige Erbe von Atlantis unter dem Begriff der „sapientia veterum", also der uralten Weisheit. Diese Weisheit ist eine einzige Lehre der Wahrheit, die sich in allen Zeitaltern und in verschiedenen religiös-philosophischen Traditionen mit demselben Wesen zeigt. Atlantis wird als der Quellpunkt dieser Weisheit dargestellt; alle wahren Lehren, die sich später über die Welttraditionen verteilten, werden auf den gemeinsamen Ursprung dort zurückgeführt. Dieser Ansatz wurde von den Denkern der Renaissance, Marsilio Ficino und Giovanni Pico della Mirandola, systematisch entwickelt.

Die in Pico della Mirandolas Rede „Über die Würde des Menschen" vertretene Auffassung, dass der Mensch „in der Mitte" steht und das Potenzial zur Wandlung besitzt, spiegelt das anthropologische Wesen der Atlantis-Lehre wider. Die Art und Weise, wie die Atlanter dieses Wandlungspotenzial gebrauchten — vom geistigen Aufstieg bis zum materiellen Fall —, sind eine makro-geschichtliche Schilderung der individuellen geistigen Reise. Jeder Mensch trägt „Atlantis" in sich; das Potenzial, die geistige Reife zu erlangen, und die Gefahr, dieses Potenzial falsch zu gebrauchen, liegt in jedem von uns.

Die Atlantis-Sage birgt in der mystischen Tradition auch das Thema der „Wiederkehr". Viele esoterische Traditionen lehren, dass das Wissen von Atlantis nicht völlig verlorengegangen ist, dass es bei den Zeitaltärwechseln von Neuem hervortreten wird. Die New-Age-Bewegung ist eine moderne Fassung dieser Erwartung; die Idee, dass sich das geistige Erbe von Atlantis im „Wassermann-Zeitalter" von Neuem öffnen und die Menschheit ein weiteres Mal zu dieser uralten Weisheit gelangen werde, ist ein verbreitetes Motiv.

Aus der Sicht der Philosophie des Seins betrachtet, verkörpert Atlantis eine Dimension des „zurückgetretenen Seins". Mit Heideggers Begriff der „Aletheia" — der Enthüllung — gedeutet, lässt sich Atlantis als „verhüllte Wahrheit" werten. Die Wahrheit geht nicht völlig verloren; sie tritt nur zurück, verhüllt sich. Die Aufgabe der geistigen Forschung ist es, diese Hülle zu lüften, die zurückgetretene Wahrheit von Neuem zu enthüllen. Der Atlantis-Archetyp versinnbildlicht diese erkenntnistheoretisch-ontologische Struktur.

Vergleichende Perspektive

Die Atlantis-Sage ist ein universaler Archetyp, der sich mit den Themen der versunkenen Zivilisation und der kollektiven Vernichtung in den Mythologien der Welt wiederholt. Die vergleichende Perspektive der Mythen-Forschung legt die verschiedenen kulturellen Ausformungen dieses Themas dar. Die Erzählung von der Sintflut Noahs ist die bekannteste Fassung dieser Mythengruppe. In den abrahamitischen Traditionen — dem Judentum, dem Christentum, dem Islam — erzählt die Sintflut Noahs von der göttlichen Strafe, die als Antwort auf die sittliche Verderbnis verhängt wird, und von der Möglichkeit der Erneuerung. Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen dem Untergang von Atlantis und der Sintflut — die sittliche Verkommenheit, das göttliche Eingreifen, die Wasserkatastrophe, die Gründung einer neuen Zivilisation durch die Überlebenden — ist eindrücklich.

Die Fluterzählungen „Atrahasis" und „Gilgamesch-Epos" der sumerischen Tradition sind weit älter als die Erzählung von Noah. Auch in diesen Erzählungen treten die Themen des Frevelns der Menschheit, des Strafbeschlusses der Götter und des Bauens einer neuen Welt durch die Überlebenden hervor. Der sumerische König Ziusudra (Atrahasis) baut auf die Warnung des Gottes Enki ein Schiff; dies ist eine Gestalt, die der Vorläufer Noahs ist. Die akademische Forschung zeigt, dass diese Erzählungen aus einem gemeinsamen mesopotamischen Ursprung herrühren und sich von dort in verschiedene Kulturen verbreiteten.

Die Fluterzählung, die auf der XI. Tafel des Gilgamesch-Epos erzählt wird, trägt bemerkenswerte Parallelen zur Atlantis-Erzählung. Die Götter sind über die übermäßige Vermehrung und den Lärm der Menschen verärgert; Enlil beschließt die Flut; Ea (Enki) lehrt Utnapischtim (Ziusudra) heimlich, ein Schiff zu bauen. Die Flut währt sechs Tage und sechs Nächte, und zurück bleiben nur Utnapischtim und seine Frau. Diese Einzelheiten zeigen eine strukturelle Ähnlichkeit sowohl mit der Erzählung von Noah als auch mit der Atlantis-Geschichte; sie mögen auf einen gemeinsamen mythischen Ursprung verweisen.

Auch in der vedischen Tradition finden sich ähnliche Themen. Die Erzählung von Manus Flut steht im Schatapatha-Brâhmana; Manu wird von einem Fisch gewarnt, baut ein Schiff und wird nach der Flut der Ahn der Menschheit. In größerem Maßstab sind die Yuga-Zyklen in der hinduistischen Kosmologie der Ausdruck eines kollektiven geschichtlichen Rhythmus. Das Satya-, das Treta-, das Dvapara- und das Kali-Yuga folgen der Reihe nach aufeinander; jedes Zeitalter wird zusehends finsterer, und am Ende geschieht die kosmische Erneuerung (Mahâpralaya). Die Atlantis-Sage lässt sich als ein Teil der hinduistischen Yuga-Lehre neu lesen; als die Widerspiegelung eines kosmischen Zyklus, der das Ende und die Erneuerung eines Zeitalters erzählt, auf der Ebene der menschlichen Gemeinschaften.

Der Fisch in der Manu-Geschichte wird später als der Matsya-Avatar Vishnus gedeutet. Vishnu rettet in Fischgestalt Manu und richtet nach der Flut das Dharma von Neuem auf. Diese Einzelheit tritt in Resonanz mit dem Thema der „geistigen Führung" in der Atlantis-Geschichte; in beiden Erzählungen gibt es ein göttliches Eingreifen, das das Nahen der Vernichtung erkennt und die Menschheit warnt. Dies betont, dass die kosmische Ordnung kein einseitig schicksalhafter Mechanismus ist, sondern die beständige Gegenwart der geistigen Führung.

Die Schambhala-Sage der tibetischen Tradition trägt verschiedene, aber wichtige Parallelen zur Atlantis-Sage. Schambhala wird als ein verborgenes Reich dargestellt, das jenseits des Himalaya oder Zentralasiens liegt und in dem zur geistigen Vollkommenheit gelangte Wesen leben. Anders als Atlantis ist Schambhala nicht versunken; es besteht fort, ist aber der gewöhnlichen menschlichen Wahrnehmung verschlossen. Diese Nuance ist wichtig; während Atlantis „verloren" ist, ist Schambhala „verborgen". Die geistige Tradition lehrt, dass diese beiden Begriffe zwei verschiedene Gesichter ein und derselben archetypischen Wirklichkeit sind: Atlantis verkörpert die verlorene Vergangenheit; Schambhala die fortbestehende Gegenwart.

In der Schambhala-Sage wird „Kalki" — der siebte und letzte König von Schambhala — als die Gestalt dargestellt, die die Menschheit am Ende eines kosmischen Krieges erretten wird. Dieses eschatologische Motiv ist sowohl dem hinduistischen Kalki-Avatar als auch dem christlichen Thema der „Wiederkunft" parallel. Auch die Atlantis-Sage bietet eine ähnliche eschatologische Perspektive; die Erwartung, dass das Wissen von Atlantis zur „rechten Zeit" von Neuem hervortreten werde, wird mit der Vollendung des geistig-geschichtlichen Zyklus in Verbindung gebracht. Alle drei Traditionen — Atlantis, Schambhala, die messianische — lehren, dass die geistige Geschichte eine zyklische und zielgerichtete Struktur hat.

Auch in den Mythologien des Pazifikraums finden sich ähnliche Erzählungen von der versunkenen Zivilisation. In den polynesischen Kulturen wird die Heimat namens „Hawaiki" als ein von den Ahnen überkommenes uraltes Land in Erinnerung gehalten. In der Aborigine-Tradition Australiens verweist der Begriff „Dreamtime" auf die Schöpfungszeit jenseits der greifbaren geschichtlichen Zeit; diese Zeit drückt einen kosmischen Zustand aus, der von den Ahnen erlebt wurde, in der Gegenwart aber verloren ist. Das in den Maya-Überlieferungen gefundene Popol Vuh ist das Schöpfungsepos der Quiché-Maya und erzählt von der Vernichtung der früheren Menschheitsgeschlechter durch die Götter.

Der Kalender der Maya bietet ein kosmisches Geschichtsverständnis, das vier „Sonnen"-Epochen durchläuft. In der aztekischen Kosmologie wird in ähnlicher Weise gelehrt, dass vier frühere „Sonnen"-Epochen zu Ende gegangen sind und dass wir jetzt in der fünften Sonnen-Epoche leben. Dieses zyklische kosmische Geschichtsverständnis deckt sich mit den Motiven der mehrfachen Apokalypse in der Atlantis-Lehre. Esoterische Deuter lesen diese Parallele nicht als unmittelbare kulturelle Verbindung, sondern als verschiedene Erscheinungsformen einer archetypischen Wirklichkeit im gemeinsamen Unbewussten der Menschheit.

In der aztekischen Kosmologie werden die vier früheren Sonnenzeitalter der Reihe nach so benannt: Nahui-Ocelotl (die Jaguar-Sonne), Nahui-Ehecatl (die Wind-Sonne), Nahui-Quiahuitl (die Regen-Sonne) und Nahui-Atl (die Wasser-Sonne). Jedes Zeitalter endet mit einer anderen Art der kosmischen Vernichtung; besonders das vierte Zeitalter endet mit einer großen Flut — auf eine der Vernichtung in der Atlantis-Geschichte ähnliche Weise. Das fünfte Zeitalter, in dem wir jetzt leben, wird „Nahui-Ollin", also „Bewegungs-Sonne", genannt, und es wird vorausgesagt, dass es mit großen Erdbeben enden werde. Dieses kosmologische Schema tritt unmittelbar in Resonanz mit dem Thema der „mehrfachen Vernichtung" der Atlantis-Lehre.

Der Mythos vom Goldenen Zeitalter in der griechischen Mythologie tritt unmittelbar in Resonanz mit dem Atlantis-Thema. Die vier Zeitalter — das Goldene, das Silberne, das Bronzene, das Eiserne —, die in Hesiods Werk „Werke und Tage" erzählt werden, legen ein kosmisches Geschichtsverständnis dar, in dem die Menschheit zusehends verdirbt. Das Goldene Zeitalter ist eine Epoche, in der es keine Unterscheidung zwischen Göttern und Menschen gab, in der die Unsterblichkeit oder das lange Leben bekannt war, ohne Krieg und ohne Armut. Atlantis ist im mythischen Sinne eine Projektion dieses Goldenen Zeitalters, der Ausdruck seines letzten Atemzugs in der Form einer kollektiven Zivilisation.

Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen Hesiods Schema der vier Zeitalter und der hinduistischen Yuga-Lehre ist bemerkenswert; beide bieten ein kosmisches Geschichtsverständnis, in dem die Menschheit in metaphysischer Hinsicht zusehends „schwerer" wird. Diese Ähnlichkeit beruht entweder auf unmittelbarem kulturellem Kontakt oder auf der gemeinsamen archetypischen Erfahrung des menschlichen Geistes. Die esoterische Tradition zieht die zweite Erklärung vor; das Schema der Zeitalter wird als ein universaler Inhalt des kollektiven Unbewussten gewertet.

Auch Platons Höhlenallegorie stiftet ein tiefes Band mit dem Atlantis-Thema. Die Menschen in der Höhle betrachten die Schatten der Wirklichkeit und halten sie für die Wirklichkeit; als der befreite Philosoph die wirkliche Welt draußen sieht und zurückkehrt, findet seine Erzählung keinen Anklang. Auch die Atlantis-Geschichte hat eine ähnliche erkenntnistheoretische Stellung: Die von einem Weisen (Solon, Kritias) „von draußen" — aus Ägypten, aus dem Wissen von Atlantis — herbeigebrachte Wahrheit wird als eine für die gewöhnlichen Menschen schwer zu glaubende Erzählung aufgenommen. Beide Erzählungen werfen die Frage auf, wie das Wissen einer tieferen Wirklichkeit bewahrt und weitergegeben wird.

Auch der Mythos „Ragnarök" — das Schicksal der Götter — der nordischen Tradition ist hinsichtlich der vergleichenden Perspektive wichtig. Ragnarök erzählt von einem kosmischen Krieg und einem Prozess der Neugestaltung; die alte Welt geht unter, eine neue Welt wird geboren. Der Untergang von Atlantis und die darauffolgende Geburt neuer Zivilisationen enthalten ein ähnliches Thema des kosmischen „Neubeginns". Das „Yggdrasil" — der Weltenbaum — der nordischen Mythologie lässt sich zugleich mit dem Thema der kosmischen Ordnung und ihrer Ausgleichung in der Atlantis-Lehre in Verbindung bringen.

Auch die Sage von „Penglai" — der Insel der Unsterblichen — der chinesischen Tradition lässt sich als eine weitere Fassung des Atlantis-Schambhala-Archetyps lesen. Penglai ist eine Inselgruppe, von der es heißt, sie liege im Ostmeer, auf der die Unsterblichen leben. In der taoistischen Tradition wird diese Insel als ein Ort dargestellt, zu dem die zur geistigen Reife Gelangten gehen können. Das Penglai-Motiv ist der Quellpunkt vieler chinesischer Sagen und spielte in der Suche des Kaisers Qin Shi Huang nach der Unsterblichkeit eine besondere Rolle.

Moderne Archäologie und wissenschaftliche Ansätze

Vom 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart hat die Atlantis-Forschung ein deutliches Spannungsfeld zwischen der akademischen Archäologie und der spekulativen Archäologie gebildet. Der akademische Konsens geht dahin, dass Atlantis keine geschichtliche Zivilisation, sondern Platons literarische Schöpfung ist. Doch ist die Frage nach dem möglichen geschichtlichen Kern hinter der Geschichte der Gegenstand ernsthafter akademischer Forschungen gewesen. Der stärkste Anwärter auf diesen Kern ist, wie bereits erwähnt, die verheerende Eruption des Vulkans von Santorin (Thera) und der Zusammenbruch der minoischen Zivilisation.

Spyridon Marinatos ist einer der ersten Archäologen, die diese Hypothese 1939 aufstellten. Die Ausgrabungen von Akrotiri, die er 1967 begann, brachten die durch die Vulkaneruption plötzlich verschüttete Stadt Santorins ans Licht. Akrotiri bot mit seinen fortgeschrittenen mehrstöckigen Gebäuden, seinen ausgefeilten Wandmalereien und seiner verwickelten Stadtordnung einen pompejiartigen „eingefrorenen Augenblick". Manche Wandmalereien — besonders das „Flotten-Fresko" — enthalten Darstellungen, die mit Atlantis in Verbindung gebracht werden. Dass die durch die Eruption verursachten Tsunamiwellen Kreta und das östliche Mittelmeer trafen, ist eine wichtige Ursache des großen Zusammenbruchs, der die Bronzezeit beendete.

Die geologische Wirkung der Thera-Eruption ist höchst gewaltig; nach modernen Berechnungen war sie zehnmal stärker als die Eruption des Krakatau und schleuderte Millionen von Tonnen Schwefeldioxid in die Atmosphäre. Dieser Aschenschleier führte in der nördlichen Hemisphäre zu einer Klimaabkühlung und zu mehreren Dürreperioden. In den alten Aufzeichnungen Chinas sind um das 17. Jahrhundert v. Chr. Anomalien wie „drei Sonnen" und ein „roter Mond" verzeichnet; diese Aufzeichnungen könnten Zeugnisse der globalen Wirkungen der Thera-Eruption sein. Die in derselben Epoche in Ägypten auftretenden ökologischen Störungen, die Erzählungen vom „blutigen Nil" und andere biblisch-mythische Motive könnten mit dem Thera-Ereignis verbunden sein.

Auch die Tartessos-Hypothese steht auf der Tagesordnung der modernen archäologischen Forschung. Der deutsche Archäologe Adolf Schulten unternahm zu Beginn des 20. Jahrhunderts, auf der Suche nach Tartessos, Ausgrabungen in Südspanien. In der Moderne stellte der Geologe Rainer Kühne in den Jahren 2003–2004 durch die Analyse von Satellitenbildern in einem Sumpfgebiet rund um Cádiz die Spuren rechteckiger Strukturen fest; er schlug vor, diese Spuren mit Tartessos/Atlantis gleichzusetzen. Obwohl diese Hypothese keine akademische Stütze fand, erregte sie populäres Interesse.

Im Bereich der Unterwasserarchäologie sind Formationen wie die Bimini Road (Bahamas), das Yonaguni-Monument (Japan) und Mahabalipuram (Indien) mit Atlantis in Verbindung gebracht worden. Die Bimini Road wurde als Bestätigung der Voraussage Cayces angesehen; doch haben der Geologe Eugene Shinn und andere festgestellt, dass es sich bei dieser Formation um eine natürliche Strandfelsformation handelt. Das Yonaguni-Monument hingegen ist noch immer umstritten; während Geologen sagen, es lasse sich durch natürliche Prozesse erklären, vertreten manche Forscher die These, dass es künstliche Merkmale enthalte.

Die Unterwassertempel von Mahabalipuram wurden während des Tsunamis im Indischen Ozean 2004 durch das vorübergehende Zurückweichen des Meerwassers für einen kurzen Augenblick sichtbar. Diese Erscheinung wurde als Bestätigung eines Teils der in den antiken Texten erwähnten Sage von den „sieben Pagoden" gedeutet. Solche Unterwasserbauten könnten Überbleibsel von Bauwerken sein, die in vorgeschichtlichen Zeiten errichtet wurden, als die Meeresspiegel niedriger waren; sie aber unmittelbar mit Atlantis in Verbindung zu bringen, ist eine weit über den Beweis hinausgehende Spekulation.

Robert Schochs Forschung über das geologische Alter der Sphinx hat einen mittelbaren Beitrag zu den Atlantis-Debatten geleistet. Schoch vertrat die These, dass die an der Oberfläche der Sphinx beobachteten Erosionsmuster von einer lang andauernden Regeneinwirkung herrühren, dass das Monument folglich nicht im von der akademischen Chronologie angesetzten Jahr 2500 v. Chr., sondern mindestens in den Jahren 7000–9000 v. Chr. errichtet worden sein könnte. Diese Datierung deckt sich mit Cayces Szenario vom Band zwischen Atlantis und Ägypten. Schochs Auffassungen haben in der etablierten Ägyptologie keine Anerkennung gefunden, sind aber eine wichtige Stütze der alternativen Geschichtshypothesen geworden.

Schochs Methodik ist geologisch; er ist kein Ägyptologe, sondern Geologe. Seine Behauptung „die Sphinx ist älter" beruht nicht auf den stilistischen Merkmalen des Monuments oder auf geschichtlichen Aufzeichnungen, sondern allein auf den Oberflächenerosionsmustern. Die Ägyptologen haben betont, dass sich diese Muster durch andere Prozesse erklären lassen, dass auch die natürliche chemische Verwitterung des Kalksteins in Rechnung zu stellen ist. Obwohl die Debatte noch zu keinem sicheren Ergebnis gelangt ist, ist sie hinsichtlich des Zeigens, wie verwickelt die Datierungsmethoden antiker Monumente sind, lehrreich.

Genetische Forschungen haben in den letzten Jahren neue Datenquellen für atlantisähnliche Szenarien geboten. Die Datierung der menschlichen Wanderungswellen, die Klimaveränderungen der Jüngeren Dryas (etwa 10.800–9.500 v. Chr.) haben die Spuren deutlicher genetischer Vermischungen in den Bevölkerungen Europas und des Nahen Ostens dargelegt. Diese Epoche deckt sich chronologisch mit der in der esoterischen Tradition geschilderten „nach-atlantischen" Wanderungswelle. Obwohl die Gelehrten diese Deckung als Zufall werten, lesen alternative Geschichtsforscher sie als eine Stütze der Atlantis-Hypothese.

Die Jüngere Dryas entspricht in geologischer Hinsicht der letzten Phase der letzten Eiszeit; in dieser Epoche kühlte sich das Klima weltweit plötzlich ab, die Gletscher rückten von Neuem vor und zogen sich dann rasch zurück. Manche Forscher — besonders die Vertreter der „Jüngere-Dryas-Impakt-Hypothese" — vertreten die These, dass diese plötzlichen Klimaveränderungen von einem Meteor- oder Kometeneinschlag herrührten. Diese Hypothese bietet einen möglichen physischen Mechanismus für das Versinken von Atlantis um 9600 v. Chr.; doch ist die Hypothese noch nicht zum akademischen Konsens gelangt. Graham Hancock und andere alternative Geschichtsautoren werten diese Hypothese im Rahmen eines weiten Szenarios der versunkenen Zivilisation.

Der türkische Akademiker und Esoterikforscher Cengiz Çakmak und andere türkische Autoren haben Spekulationen über mögliche Verbindungen zwischen den Mythen anatolischen Ursprungs und Atlantis angestellt. Die vorgeschichtliche Epoche der Geografie Anatoliens — besonders die Entdeckung von Göbekli Tepe und anderen vor-neolithischen Monumenten — hat das akademische Verständnis vom Anfang der Geschichte erschüttert. Manche Autoren haben die These vertreten, dass Monumente wie Göbekli Tepe das Erzeugnis einer erinnernden Zivilisationswelle seien, die als „nach-atlantisch" gelten könne.

Die Entdeckung von Göbekli Tepe hat das Verständnis von der vorgeschichtlichen Menschheit von Grund auf verändert. Dieser in die Zeit um 9600 v. Chr. zu datierende Komplex wurde vor dem Beginn des Ackerbaus und der Entwicklung des sesshaften Lebens errichtet. Dem herkömmlichen Verständnis zufolge erscheinen verwickelte religiöse Bauten erst in sesshaften Gesellschaften; Göbekli Tepe hat diese Annahme umgekehrt und die Frage aufgeworfen: „Könnte die Religion die Ursache der Zivilisation sein?" Klaus Schmidt, der Archäologe, der die Hauptausgrabung von Göbekli Tepe leitete, bezeichnete diesen Komplex als den „ersten Tempel". Manche alternativen Forscher haben die These vertreten, dass Göbekli Tepe das Werk einer nach dem Untergang von Atlantis ausgewanderten Weisengruppe sein könnte; auch wenn diese Deutung keine akademische Stütze findet, ist gewiss, dass das Monument sein Geheimnis bewahrt.

Karahan Tepe und die anderen vor-neolithischen Siedlungen Anatoliens sind als Teil eines reichen vorgeschichtlichen religiös-kulturellen Komplexes zutage getreten, der Göbekli Tepe umgibt. Die Datierung dieser Siedlungen konzentriert sich auf den Zeitraum zwischen 11.000 und 9.000 v. Chr.; dies deckt sich mit dem mythischen Versinkungsdatum von Atlantis. Diese Deckung mag zufällig sein, oder sie mag auf eine tiefere geschichtlich-archetypische Wirklichkeit verweisen. Die akademische Forschung ist noch nicht auf der Stufe, diese Fragen zu beantworten.

Populärkultur und spirituelle Bewegungen des 20. Jahrhunderts

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde Atlantis außerhalb des akademischen Kanons in einem weiten Bereich der Populärkultur und der geistigen Bewegungen beständig neu hervorgebracht. Diese Neuhervorbringung zeigt, dass der Begriff nicht nur ein Verweis auf eine vergangene Zivilisation, sondern ein aktiver Bestandteil des modernen kollektiven Bewusstseins ist. Neben den Arbeiten Edgar Cayces hat Manly Palmer Halls Werk „The Secret Teachings of All Ages" (1928) die Atlantis-Lehre in einen weiten esoterischen Zusammenhang gestellt. Hall stellte Atlantis als den ursprünglichen Quellpunkt der uralten Weisheit dar und vertrat die These, dass es später an dieser Quelle seine Geheimnisse an Ägypten, Indien und die anderen Traditionen weitergab.

Halls Werk hat, indem es die theosophischen Lehren des 19. Jahrhunderts mit den alten klassischen hermetischen und alchemischen Traditionen synthetisiert, den Charakter einer esoterischen Enzyklopädie. Diese Enzyklopädie hat, indem sie Atlantis als den „Ursprung aller geheimen Lehren" darstellte, die zentrale Rolle von Atlantis in der westlichen Esoterik beglaubigt. Die von Hall gegründete Philosophical Research Society wurde zu einem wichtigen Zentrum der amerikanischen Esoterik des 20. Jahrhunderts und gab Tausenden von Schülern die Atlantis-Lehre weiter.

In den dreißiger und vierziger Jahren stifteten die in Deutschland entstandene „Thule-Gesellschaft" und andere esoterische Gruppen problematische Verbindungen zwischen Atlantis und dem Mythos der „nordischen Arier". Dieser ideologische Missbrauch legt die Notwendigkeit dar, den Begriff Atlantis in der reinen Deutung der geistigen Tradition davon getrennt zu halten. Die Atlantis-Sage mag ein Mittel der kollektiven geistigen Selbstprüfung sein, doch wenn sie in rassistische oder überlegenheitsorientierte Rahmen gestellt wird, entfernt sie sich sowohl von ihrer geistigen Bedeutung als auch von ihrer geschichtlichen Grundlage. Geistige Deuter betonen an diesem Punkt, dass Blavatskys „Wurzelrassen"-Terminologie auf Bewusstseinsstufen verweist und keine biologische Rassenhierarchie meint.

An diesem Punkt ist eine wichtige Mahnung auszusprechen: Der Begriff Atlantis darf innerhalb der geistigen Tradition mit keinerlei Behauptung biologischer oder ethnischer Überlegenheit in Verbindung gebracht werden. Solche Deutungen widersprechen sowohl dem geistigen Wesen des Mythos als auch dem Verständnis der geschichtlichen Verantwortung. Die Atlantis-Sage ist eine archetypische Erzählung, die sich an die ganze Menschheit wendet; sie darf nicht gebraucht werden, um die privilegierte kollektive Identität irgendeiner Gruppe zu legitimieren. Dass der Begriff Atlantis in der Geschichte des 20. Jahrhunderts leider Gegenstand solcher Missbräuche war, macht es erforderlich, dass die geistigen Deuter den Begriff stets in einem ethisch-humanistischen Rahmen darbieten.

Die Esoterik des 20. Jahrhunderts, zu der Gestalten wie Dion Fortune, Alice Bailey und Marko Pogačnik zählen, hat die Atlantis-Lehre aus der Perspektive der Meditation, der geistigen Entwicklung und der „Erdenergien" behandelt. Diese Autoren haben, statt dem physischen archäologischen Beweis nachzugehen, gelehrt, dass das Wissen von Atlantis in der Gegenwart von Neuem zugänglich geworden ist, dass man durch die rechten geistigen Praktiken zu den Erinnerungen an die Atlantis-Epoche gelangen kann.

In Alice Baileys „Discipleship in the New Age" und anderen Werken wird Atlantis als „die Heimstatt der Vierten Wurzelrasse, die nach dem Lemuria der Dritten Wurzelrasse kam und für die Entwicklung der sinnlich-gefühlsmäßigen Fähigkeiten der Menschheit bestimmend war", dargestellt. In Baileys Kosmologie ist die Atlantis-Epoche ein kosmisches Zeitalter, das der Entwicklung des „Gefühlsleibes" (des Astralleibes) der Menschheit gewidmet ist; die spätere arische Epoche hingegen der Entwicklung des Gedankenleibes (des Mentalleibes). Dieses Schema trägt Ähnlichkeiten mit Steiners anthroposophischer Chronologie, wird aber als eine unabhängig entwickelte Fassung gewertet.

Die New-Age-Bewegung hat den Begriff Atlantis seit den 1960er Jahren mit einer breiten populären Basis zusammengeführt. Shirley MacLaine, Jane Roberts (das „Seth-Material") und andere Vertreter der Channeling-Tradition haben Atlantis zu einem Teil der Erzählung von der seelischen Evolution gemacht. Viele der New-Age-Praktiken wie der Gebrauch von Kristallen, die Energieheilung und andere wurden als Wissen „atlantischen Ursprungs" dargeboten. Obwohl diese Darbietungen in akademischer Hinsicht nicht zu beweisen sind, haben sie dazu beigetragen, dass der Begriff als eine lebendige geistige Quelle wirkt.

In der Populärkultur ist Atlantis Gegenstand zahlloser Romane, Filme, Comics und Spiele gewesen. Jules Vernes Werk „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer" ist eines der ersten Beispiele, die Atlantis im 19. Jahrhundert in die Tradition der Science-Fiction trugen. Im 20. und 21. Jahrhundert haben H. P. Lovecraft, Tolkien (der Begriff Númenor ist unmittelbar von Atlantis inspiriert) und zahllose andere Autoren auf diesen Mythos verwiesen. Disneys „Atlantis: The Lost Empire" (2001) und andere populäre Produktionen haben Atlantis im zeitgenössischen kulturellen Bewusstsein lebendig gehalten.

Tolkiens Begriff Númenor ist besonders bemerkenswert, denn Tolkien hat sich selbst bewusst mit der Atlantis-Sage befasst und Númenor als ein „modernes Atlantis" gestaltet. In Tolkiens Schilderung ist Númenor ein Inselreich, das die Götter den Menschen zum Geschenk machen; doch verfallen die Númenórer mit der Zeit dem Hochmut, lehnen sich gegen die Götter auf, und schließlich versinkt ihre Insel im Meer. Dieses Motiv ist eine unmittelbare Nacherzählung der Atlantis-Geschichte und nimmt in Tolkiens gesamter Kosmologie von Mittelerde einen zentralen Platz ein.

Im Zusammenhang der New-Age-Bewegung wird neben Atlantis häufig auch der Begriff „Lemuria" erwähnt. Lemuria ist ein weiterer versunkener Kontinent, der älter als Atlantis ist und von dem angenommen wird, dass er im Pazifischen Ozean lag. In Blavatskys Einteilung wird er als die Heimstatt der dritten Wurzelrasse dargestellt. Die Dualität Atlantis-Lemuria ist in der geistig-geschichtlichen Vorstellung das symbolische Gegenstück zweier verschiedener Evolutionsphasen. Lemuria verkörpert eine „geistigere", Atlantis eine „materiellere" Stufe.

Der Begriff Lemuria ist eigentlich ein Begriff zoologischen Ursprungs. Philip Sclater schlug 1864, um zu erklären, warum Lemurenpopulationen auf Madagaskar und in Indien, aber nicht auf dem afrikanischen Festland vorkommen, einen hypothetischen versunkenen Kontinent vor und gab ihm den Namen Lemuria. Später wurde diese zoologische Hypothese mit der Entwicklung der Theorie der tektonischen Platten hinfällig, doch übernahm die theosophische Tradition den Begriff und verwandelte ihn in einen geistigen Begriff. Dieser Wandlungsprozess ist ein interessantes Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Begriffe in den esoterischen Zusammenhang integriert werden.

Unter denen, die in der Moderne die Atlantis-Hypothese popularisierten, nehmen die Werke Graham Hancocks einen besonderen Platz ein. Hancocks Bücher wie „Fingerprints of the Gods" (1995) und „Magicians of the Gods" (2015) haben weltweit nach den Spuren einer atlantisähnlichen versunkenen Zivilisation gesucht. Obwohl Hancocks Ansatz von der akademischen Archäologie nicht anerkannt wird, hat er eine breite Leserschaft gewonnen und das zeitgenössische intellektuelle Interesse am Atlantis-Thema lebendig gehalten. Hancocks Netflix-Dokumentationen haben das Thema der versunkenen Zivilisation im 21. Jahrhundert von Neuem popularisiert.

Hancocks Methode beruht auf der Behauptung, dass ähnliche architektonische Bauten weltweit — Pyramiden, megalithische Monumente, an Sternbildern ausgerichtete Bauten — auf eine gemeinsame Quelle einer versunkenen Zivilisation verweisen. Dieser Ansatz zeigt eine Ähnlichkeit mit der Methode Donnellys aus dem 19. Jahrhundert; doch bietet Hancock ein umfassenderes Spektrum an Belegen. Akademische Kritiker haben die These vertreten, dass dieser Ansatz „selektiv" sei, also nur die die These stützenden Daten auswähle und sie mit einer übermäßigen Deutung befrachte.

Kritik und akademische Debatten

Der Begriff Atlantis ist sowohl in akademischer als auch in geistiger Hinsicht Gegenstand ernsthafter Kritik gewesen. In akademischer Hinsicht ist das Ergebnis, zu dem die klassische Philologie nahezu einstimmig gelangt ist, dass Atlantis Platons literarische Schöpfung ist. Das Grundargument dieser Auffassung ist, dass in der antiken griechischen Literatur keine Quelle vor Platon auf Atlantis verweist. Wäre Atlantis eine wirkliche Zivilisation gewesen, so wäre zu erwarten gewesen, dass es unabhängig von den ägyptischen Priesterquellen auch in anderen Aufzeichnungen vorkommt. Der Ausspruch von Platons Schüler Aristoteles „Der, der Atlantis erschuf, hat es auch vernichtet" ist der von der Antike an wirkende Vertreter dieser Auffassung.

Pierre Vidal-Naquet hat in seinem Werk „The Atlantis Story: A Short History of Plato's Myth" (2007) die These vertreten, dass Atlantis ein organisches Band mit Platons Philosophie des „idealen Staates" hat und nicht die Funktion einer unabhängigen geschichtlichen Erzählung erfüllt. Nach Vidal-Naquet ist Atlantis ein Mittel Platons, die athenische Demokratie zu kritisieren; die Merkmale von Atlantis — die Meeresherrschaft, der Handelsreichtum, die zahlreiche Bevölkerung, die demokratische Struktur — decken sich mit den Merkmalen des Athen des 5. Jahrhunderts. Der Untergang von Atlantis ist eine Mahnung hinsichtlich des möglichen Schicksals Athens. Diese Lesart bekräftigt die Auffassung, dass Atlantis eine völlig literarisch-philosophische Schöpfung ist.

Die moderne Wissenschaft betont, dass das Versinken einer kontinentalen Landmasse in der Mitte des Atlantischen Ozeans in der Epoche des Holozäns geologisch unmöglich ist. Die plattentektonische Dynamik lässt ein solches Szenario nicht zu. Die für Atlantis vorgeschlagenen alternativen Lagen — das Mittelmeer, die Karibik, die Antarktis — sind entweder mit den geografischen Einzelheiten in Platons Text unvereinbar oder entbehren des nachweisbaren Beweises.

Die geologische Geschichte des Atlantischen Ozeans ist mit der Entwicklung der modernen Theorie der Plattentektonik weit besser verständlich geworden. Es ist bekannt, dass der Meeresboden in geologischer Hinsicht höchst alt ist und eine Geschichte von Dutzenden von Millionen Jahren hat. In diesem Zeitraum gibt es keinen Beweis dafür, dass auf den Böden des Atlantischen Ozeans große kontinentale Massen lagen und innerhalb weniger tausend Jahre versanken. Diese geologische Wirklichkeit macht die Hypothese eines Atlantis im Atlantischen Ozean nach Art Donnellys faktisch unmöglich.

Auch die theosophischen und esoterischen Atlantis-Erzählungen sind einer anderen Art von Kritik ausgesetzt gewesen. Die grundlegende erkenntnistheoretische Stütze dieser Erzählungen — das Lesen aus den Akasha-Aufzeichnungen, die Hellsichtigkeit, das Channeling — ist eine nicht kontrollierbare Wissensquelle. Die Auskünfte, die zwei verschiedene Channeling-Quellen über Atlantis geben, können sich beträchtlich voneinander unterscheiden; obwohl sich die Schilderungen Cayces, Steiners und Blavatskys in einigen Grundpunkten decken, zeigen sie in den Einzelheiten deutliche Unterschiede. Dieser Umstand schafft ernsthafte Fragezeichen hinsichtlich der Verlässlichkeit der Quellen.

Die Atlantis-Schilderung in Cayces Lesungen weicht in einigen wichtigen Hinsichten von der Schilderung in Blavatskys „Geheimlehre" ab. Cayce bindet die mehrfachen Vernichtungswellen an greifbarere Daten (50.000 v. Chr., 28.000 v. Chr., 10.000 v. Chr.); Blavatsky hingegen gebraucht weit weitere Zeiträume (Millionen von Jahren). Cayces Schema der „Kinder des Gesetzes" gegen „Söhne Belials" ist bei Blavatsky weniger ausgeprägt. Auch Steiners Schilderung hat ihre Unterschiede zu Cayce und Blavatsky. Diese Unstimmigkeiten zeigen, dass die esoterischen Quellen keine unabhängigen Zeugnisse sind, dass jede von ihrem eigenen kulturell-geschichtlichen Kontext beeinflusst ist.

Es gibt auch Kritik aus dem Inneren der geistigen Tradition. Manche zeitgenössischen esoterischen Autoren betonen, dass die Atlantis-Erzählungen des 19. und 20. Jahrhunderts von den orientalistischen und kolonialistischen Paradigmen der Zeit beeinflusst sind, dass das Thema der „versunkenen weißen Zivilisation" die europazentrischen Geschichtserzählungen widerspiegelt. Diese Kritik verwirft nicht das geistige Wesen des Begriffs Atlantis, ruft aber in Erinnerung, dass die aus ihm abgeleiteten populären Erzählungen mit ideologischen Lasten befrachtet sein können.

Eine wichtige Dimension dieser Kritik ist, dass das Thema der „versunkenen fortgeschrittenen Zivilisation" eine strukturelle Ähnlichkeit mit der Erzählung vom „den Primitiven die Zivilisation bringenden weißen Mann" der Kolonialzeit zeigt. Diese Parallele zeigt, dass die Atlantis-Hypothese keine unschuldige geschichtlich-mythologische Forschung ist, sondern bestimmte ideologische Beeinflussungen trägt. Es ist erforderlich, dass die geistigen Deuter unter Beachtung dieser Kritik den Begriff Atlantis stets in einem universal-humanistischen Rahmen darbieten.

Die jungianische Perspektive bietet einen Ansatz, der sowohl die akademische Skepsis als auch den naiven Glauben überwindet. Jung lehrt, dass die Mythen nicht auf der Ebene der geschichtlichen Tatsächlichkeit gewertet werden sollten, dass die wirkliche Bedeutung des Mythos auf einer psychischen Wirklichkeitsebene zu suchen ist. Der Atlantis-Archetyp lebt im kollektiven Unbewussten; er verweist auf die verlorene Ganzheit der Menschheit, auf ihre kollektiven geistigen Fähigkeiten, auf die Sehnsucht nach der Rückkehr zum Ursprungszustand. In dieser Hinsicht ist die Frage „War Atlantis wirklich?" fehlerhaft gestellt; die richtige Frage ist: „Was verkörpert der Atlantis-Archetyp, und warum bleibt er so lebendig?"

Jung selbst hat sich nicht eigens mit Atlantis befasst, doch hat seine Schülerin Marie-Louise von Franz in ihren Arbeiten über Märchen und Mythen den Archetyp des „verlorenen goldenen Zeitalters" behandelt und Atlantis als eine Fassung dieses Archetyps gewertet. In der jungianischen Lesart spiegelt die Atlantis-Sage auch eine Wirklichkeit wider, die in der individuellen Psyche erlebt wird; die Erfahrung der „verlorenen Unschuld" jedes Einzelnen ist eine mikrohafte Erscheinungsform des Atlantis-Archetyps auf kollektiver Ebene. Diese zweiebenige Lesart erklärt, warum der Mythos kollektiv so lebendig geblieben ist.

In kritischer Hinsicht betrachtet, sind auch einige ideologische Gebräuche der Wiederbelebung der Atlantis-Lehre in der Moderne hinterfragt worden. Dass Themen wie die „Überlegenheit der weißen Rasse" und die „versunkene Hochkultur" von rassistischen Ideologien missbraucht wurden, erfordert, dass die geistigen Deuter in diesen Fragen vorsichtig sind. Die Weisheit von Atlantis ist ein Erbe, das der ganzen Menschheit gehört; sie ist keine Lehre, die irgendeiner ethnischen Gruppe oder Geografie ein privilegiertes Zugangsrecht verleiht. Dieser Punkt deckt sich mit dem Verständnis der „universalen Wahrheit", dem Grundprinzip der Perennialphilosophie.

Ein fruchtbarer Begegnungspunkt der wissenschaftlichen und der geistigen Ansätze ist, Atlantis weniger als eine geschichtlich-wissenschaftliche Frage denn als ein kulturell-anthropologisches Phänomen zu behandeln. Warum bringt die Menschheit kollektiv die Erzählung vom „verlorenen goldenen Zeitalter" hervor und erhält sie aufrecht? Diese Frage ist sowohl der akademischen Forschung als auch der geistigen Vertiefung offen. So behandelt, wird Atlantis zu einem reichen kollektiven Symbol, über das jeder nachdenken kann, der keiner Schule angehört.

Aus der Sicht der Religionsphänomenologie Mircea Eliades ist die Atlantis-Sage ein reiches Beispiel für den Begriff des „illud tempus" (jener Zeit). Nach Eliade verweisen die heiligen Erzählungen auf den „Anfang" der Weltgeschichte — auf die Zeit der kosmischen Gründung. Dieses „in illo tempore" ist eine von der gewöhnlichen geschichtlichen Zeit verschiedene, heilige Zeit. Atlantis ist eines der stärksten Beispiele für die Kategorie des „in illo tempore" in der westlichen Tradition; es ist das Wissen nicht „dieser Zeit", sondern „jener Zeit". Diese Lesart stellt Atlantis weniger als Gegenstand der geschichtlichen Forschung denn als Gegenstand der religiös-phänomenologischen Forschung dar.

Schluss: Der Archetyp des verlorenen Paradieses

Der Begriff Atlantis trägt in der geistigen Tradition eine weit tiefere Bedeutung, als nur ein Mythos oder eine spekulative geschichtliche Hypothese zu sein. Er ist eine greifbare Erscheinungsform des Archetyps des „verlorenen Paradieses" im kollektiven Bewusstsein der Menschheit; ein Symbol der inneren Reise des Menschen, der seine Erinnerung an das kosmische Wesen, seine wahre Identität und seine geistigen Quellen sucht. Diese von Platon im 4. Jahrhundert v. Chr. verfasste Geschichte hat zweieinhalbtausend Jahre ihre Lebendigkeit bewahrt, ist beständig neu gedeutet worden, hat sich in verschiedene geistige Traditionen eingefügt und lebt weiterhin als ein aktiver Bestandteil des modernen kollektiven Unbewussten fort.

In der geistigen Lesart bietet Atlantis uns zwei Lehren. Die erste ist die Mahnung, dass die geistigen Fähigkeiten und die kosmische Verbindung verlorengehen können; die Lehre, dass die Gemeinschaften, die sich auf individueller und kollektiver Ebene vom ethischen Fundament entfernen und sich der materiellen Herrschaft zuwenden, einer geistigen Fäulnis verfallen. Die zweite ist die Botschaft, dass dieser Verlust nicht endgültig und absolut ist, dass die Quelle der uralten Weisheit auf irgendeine Weise stets zugänglich ist. Atlantis ist versunken, aber die nach Ägypten, nach Indien, nach Sumer getragenen Priester-Weisen haben das Wissen dort bewahrt. Diese Lehre ist die mythologische Erzählung des Grundsatzes „eine Wahrheit, vielfacher Ausdruck", der Grundbehauptung der Perennialphilosophie.

Das moderne kollektive Bewusstsein mag gewissermaßen seinen eigenen „Atlantis"-Augenblick erleben. Themen wie der technologische Fortschritt, die Herrschaft über die Natur und das Losreißen von den geistigen Wurzeln erinnern an die letzten Phasen des mythischen Atlantis. Daher lässt sich die Atlantis-Sage weniger als eine Schilderung der Vergangenheit denn als eine Mahnung an die zeitgenössische Menschheit lesen. Das Vergangene steht zu dem, was sein könnte, in einer Spiegelbeziehung; nicht die „Geschichtlichkeit" des Mythos, sondern seine „gegenwärtige Bedeutsamkeit" ist wichtig.

In dieser Hinsicht ist die Atlantis-Sage im Zusammenhang der zeitgenössischen ökologischen Krise, der ethischen Grenzen der technologischen Entwicklung und der geistigen Nöte besonders bedeutsam. Unser als Anthropozän bezeichnetes Zeitalter ist die Epoche, in der die Menschheit zu einem auf planetarischer Ebene bestimmenden Akteur geworden ist. Der Hochmut, der den Atlantern widerfuhr, ist eine Gefahr, die auch der modernen technologischen Menschheit widerfahren kann. Dieser Mythos lädt uns ein, die geistig-ethischen Grundlagen unserer eigenen kollektiven Entscheidungen zu überprüfen.

In der von Jung kategorisierten Weise lebt das „verlorene goldene Zeitalter" als ein archetypischer Inhalt in der tiefen Struktur des Menschen. Dieser Archetyp zeigt sich in verschiedenen Gewändern: im Begriff der „Versammlung des Elest" des Sufismus, in der „Tikkun"-Lehre der Kabbala, im Verlangen der gnostischen Tradition nach der „Rückkehr ins Pleroma", in der Vision der zyklischen Kosmologie der hinduistischen Yuga-Lehre. Atlantis ist der stärkste und verbreitetste Ausdruck dieses universalen Archetyps in der westlichen Tradition.

Die Atlantis-Sage ist in letzter Hinsicht ein Ruf zur Rückkehr des Menschen zu seinem Wesen. Der Weg zu diesem Wesen führt nicht über die äußere archäologische Forschung, sondern über die innere geistige Forschung. Das Wissen von Atlantis ist nicht in der Außenwelt auf einer Insel oder unter dem Meer, sondern in den eigenen Tiefen jedes Menschen „verborgen". An diesem Punkt verbindet sich die Atlantis-Sage mit der Schambhala-Sage; das „verborgene Reich" wird nicht in der äußeren Geografie, sondern in der eigenen inneren Wirklichkeit dessen entdeckt, der die geistige Reife erlangt.

Aus der Sicht der türkischen geistigen Tradition tritt die Atlantis-Geschichte in Resonanz mit dem Begriff „Vatan-i aslî" des Sufismus, also der „ursprünglichen Heimat". Die sufischen Dichter lehren, dass die wahre Heimat der Seele kein leiblicher Ort, sondern ein geistiger Zustand ist. Yunus Emres Wendung „Die Heimat ist mein Leib, meine Seele geht zum Geliebten" verweist auf dieselbe tiefe Wirklichkeit wie die Atlantis-Sage. Die ursprüngliche Heimat ist weder in der Zeit noch im Raum; sie ist die geistige Reife selbst. In der Metapher der Rohrflöte (ney) zu Beginn von Rumis Mathnawî — die aus dem Röhricht gerissene Flöte, die das Klagelied der Trennung anstimmt — zeigt sich dasselbe archetypische Erinnern; die als „Röhricht" bezeichnete ursprüngliche Heimat ist die sufische Entsprechung des Atlantis-Archetyps.

Im Ergebnis ist Atlantis in der geistigen Tradition ein lebendiger Mythos, keine tote geschichtliche Hypothese. Er erinnert uns an den Wert des ganzheitlichen geistigen Erbes der Menschheit, an die Bedeutung der geheimen Traditionen, die Hüter dieses Erbes sind, und an die Tiefe der individuellen geistigen Forschung. Die Kette, die von Platons ägyptischem Priester zu Solon, von Solon zu Kritias und zu Platon reicht, zeigt, dass das geistige Wissen niemals völlig verlorengeht, dass es von rechten Herzen zu rechten Zeiten von Neuem aufgenommen und weitergegeben wird. Das gegenwärtige Glied dieser Kette sind wir, die ihn lesen und an ihn erinnern. Atlantis wird so, indem es aufhört, eine vergangene Zivilisation zu sein, zu einer beständigen und lebendigen Einladung zum geistigen Erinnern.

Das ganzheitliche Erfassen des Seins, die innere Erfahrung des heiligen Ortes und die kosmische Ordnung der heiligen Geometrie — alle diese Themen werden uns über die Atlantis-Sage beständig in unserem kollektiven Bewusstsein in Erinnerung gerufen. Die Weisheitstradition lehrt, auf diese Erinnerungen zu hören, über sie nachzudenken und sie in die Anwendung zu überführen. Atlantis ist einer der größten Lehrer dieser Lehre; denn indem es einen höchst gewaltigen Verlust erzählt, weist es den tiefsten Weg des Gewinnens.

Die Atlantis-Geschichte hat unserem Zeitalter eine letzte Gabe zu schenken: dass sie daran erinnert, dass die kollektiven Entscheidungen der Menschheit geistige Folgen haben. Dass die Atlanter ihre geistigen Fähigkeiten missbrauchten, ist ein kollektiver Fehler; anders als die individuellen Fehler sind es kollektive Entscheidungen, die das Schicksal einer ganzen Zivilisation bestimmen. Diese Erinnerung bietet den ökologischen, technologischen und ethischen Problemen unseres Zeitalters eine universale geistige Perspektive. Die Atlantis-Sage ist ein ethisch-eschatologischer Ruf, der nicht nur die Frage „Was mag gewesen sein" beantwortet, sondern auch die Frage „Was wird sein". Die Weisheitstradition bietet denen, die diesen Ruf hören, eine beständige Möglichkeit der Wandlung; das Wissen von Atlantis öffnet sich nur einem Herzen, das für die geistige Reife arbeitet.