Huston Smith: Die Weltreligionen und die Tradition der immerwährenden Weisheit
Amerikanischer vergleichender Religionswissenschaftler; Verfasser von „The World's Religions" und „Forgotten Truth". Der einflussreichste Sprecher der Tradition der immerwährenden Weisheit (Philosophia perennis).
Einleitung
Huston Smith (1919–2016) war einer der einflussreichsten und beliebtesten vergleichenden Religionswissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Sein Hauptwerk „Die Weltreligionen" (ursprünglich unter dem Titel „Die Religionen des Menschen") verkaufte sich über drei Millionen Mal und verschaffte über Generationen hinweg Millionen von Menschen ihre erste ernste, achtungsvolle und tiefe Begegnung mit den Weltreligionen. Doch Smith war nicht nur ein Lehrbuchautor; er war der wärmste, menschlichste und zugänglichste Sprecher der Tradition der immerwährenden Weisheit (Philosophia perennis), die behauptet, dass hinter allen großen Religionen eine gemeinsame metaphysische Wahrheit liegt. Für Smith waren die Religionen kulturell verschiedene, in verschiedenen Sprachen, Zeitaltern und Erdteilen ausgesprochene Ausdrücke einer einzigen absoluten Wahrheit.
Smiths Originalität liegt darin, dass er diese Wahrheit nicht nur aus Büchern lernte, sondern sie selbst erlebte, von innen und mit dem Herzen erkannte. Den hinduistischen Vedânta an der Seite eines Meisters, den Zen unter der Aufsicht eines japanischen Meisters, den islamischen Sufismus in Sufi-Kreisen erfuhr er am eigenen Leibe. Diese erfahrungsbezogene Tiefe verlieh seinen Schriften statt einer kalten akademischen Distanz die Wärme und Aufrichtigkeit eines lebendigen Zeugnisses. Er war sowohl ein gewissenhafter Gelehrter als auch ein herzoffener Pilger des Feldes der vergleichenden Spiritualität; ein Mann sowohl des Verstandes als auch des Herzens.
In diesem Beitrag behandeln wir Smiths außergewöhnliches Leben, seine erfahrungsbezogene Methode, die von ihm vertretene Lehre der immerwährenden Weisheit, seine Auffassung des religiösen Pluralismus, seine Forschungen über veränderte Bewusstseinszustände, die weiten Horizonte, die er für die vergleichende Religionswissenschaft eröffnete, die an ihn gerichteten Kritiken und sein reiches, bis in die Gegenwart reichendes Erbe.
Sein Leben: Von China in die Welt
Huston Cummings Smith kam am 31. Mai 1919 in der chinesischen Stadt Suzhou als Kind einer amerikanischen methodistischen Missionarsfamilie zur Welt. Seine Kindheit und frühe Jugend verbrachte er in China, an der Schwelle zweier Kulturen; er sprach Chinesisch wie eine zweite Sprache und erwarb schon als Kind jenes weite, kosmopolitische Bewusstsein, das das Aufwachsen inmitten einer anderen Zivilisation mit sich bringt. Diese frühe Erfahrung kultureller Pluralität war zugleich der Keim jener Aufgeschlossenheit, die später seinem ganzen Leben die Richtung weisen sollte; er hatte gelernt, mit Achtung in die Welt des Anderen zu blicken, noch während er sprechen lernte.
Diese Grenzerfahrung — zugleich Amerikaner und gewissermaßen Chinese zu sein, zugleich Kind der christlichen Missionstradition und Zeuge fernöstlicher Weisheit — hinterließ in Smiths ganzem Denken eine tiefe Spur. Während viele Menschen innerhalb einer einzigen kulturellen Welt leben, ohne sich auch nur ihrer Grenzen bewusst zu werden, war Smith von Anfang an einer, der um das Dasein mehr als einer Welt wusste und die je eigene Schönheit einer jeden zu sehen vermochte. Die einzigartige Empathie und Achtung, die er später den Weltreligionen entgegenbringen sollte, nährte sich zweifellos aus dieser frühen Lebenserfahrung. Für ihn war der „Andere" kein zu fürchtender Fremder; sondern ein Bruder, der darauf wartete, erkannt und verstanden zu werden. Diese Grundhaltung wurde zum Kennzeichen sowohl seiner Persönlichkeit als auch seines ganzen geistigen Erbes.
Mit siebzehn Jahren kehrte er nach Amerika zurück. Zunächst wandte er sich auf dem Weg eines frommen, bescheidenen Provinzjungen dem theologischen Studium zu; er schloss sein Studium an der Central Methodist University ab (1940). Daraufhin vollendete er an der Theologischen Fakultät der University of Chicago seine Promotion über Religionsphilosophie (1945). In seiner Jugend war er der Anziehungskraft des wissenschaftlichen Naturalismus (der Auffassung, alles lasse sich durch Materie erklären) erlegen; doch mit der Zeit gelangte er zu der Überzeugung, dass diese reduktionistische Weltsicht den Tiefen der menschlichen Seele nicht gerecht werde, und wandte sich zunehmend der tiefen Weisheit der mystischen Traditionen zu.
Smiths akademisches Leben war lang, fruchtbar und angesehen. Er begann an der University of Denver (1945–1947); sodann lehrte er an der Washington University in St. Louis (1947–1958), danach als Philosophieprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) (1958–1973), später an der Syracuse University (1973–1983) und zuletzt als Gastprofessor an der University of California, Berkeley. Dass er mitten in einer Hochburg der Wissenschaft und Technik wie dem MIT mit Beharrlichkeit die Bedeutung der Religion und der geistigen Wahrheit verteidigte, war ein eindrückliches Zeichen seines intellektuellen Mutes und seiner Unabhängigkeit. Er führte gegen den vorherrschenden materialistischen Geist der Zeit einen sanften, aber entschlossenen Widerstand.
Von Naturalismus zur mystischen Weisheit
Smiths intellektuelle Reise war eine Geschichte des Sich-Vertiefens gegen die vorherrschende Strömung der Zeit. Als junger Akademiker stand er anfangs unter dem starken Einfluss des wissenschaftlichen Naturalismus — der Auffassung, alle Wirklichkeit lasse sich letztlich durch Materie und Energie erklären. Doch trugen ihn sowohl seine persönliche geistige Suche als auch sein eingehendes Studium der Welttraditionen über diesen engen Rahmen hinaus. Besonders seine Bekanntschaft mit dem englischen Schriftsteller Gerald Heard und mit Aldous Huxley wurde ein Wendepunkt in seiner Gedankenwelt; der prächtige Horizont der immerwährenden Philosophie öffnete sich ihm.
Smith sah diese Wandlung niemals als einen Krieg der Religion gegen die Wissenschaft. Er bewunderte die Wissenschaft und achtete ihre Errungenschaften; was er ablehnte, war die philosophische Haltung, die Wissenschaft zu verabsolutieren und sie zum einzigen Maßstab der Wahrheit zu machen. Seine Suche galt nicht der Verwerfung des Verstandes; sondern dem Hinzufügen des Herzens neben den Verstand, der mystischen Intuition neben die Beobachtung, der Tiefe der inneren Welt neben die äußere Welt. Diese ausgewogene, umfassende Haltung machte ihn zu einer seltenen Brückenfigur, die sowohl in wissenschaftlichen Kreisen als auch in frommen Gemeinschaften angesehen war.
Medien und weite Wirkung
Smith behielt die religiöse Weisheit nicht innerhalb der Mauern der Akademie; er war auch ein Vorreiter darin, sie an breite Massen zu tragen. Seine Fernsehsendungen über die Weltreligionen fanden großes Interesse. Die 1996 mit dem berühmten Journalisten Bill Moyers geführte fünfteilige Gesprächsreihe „Die Weisheit des Glaubens" machte ihn zu einem vertrauten und beliebten weisen Gesicht der amerikanischen Öffentlichkeit. Smith gehörte zu den seltenen Intellektuellen, die akademischen Ernst mit warmer Erzählkunst, tiefes Wissen mit herzlicher Aufrichtigkeit verbanden. Wer ihm zuhörte, gewann nicht nur Wissen, sondern auch ein Gefühl der Ehrfurcht und Bewunderung.
Die erfahrungsbezogene Methode: Lernen durch Leben
Was Huston Smith von den meisten Religionswissenschaftlern von Grund auf unterschied, war, dass er die Religionen nicht nur von außen untersuchte, sondern sie von innen, durch eigene Übung erkannte. Statt die Religion wie ein Laborobjekt kühl zu zergliedern, erprobte er den geistigen Weg, den jede Tradition darbot, in seinem eigenen Leben. Jahrzehntelang führte er ein vielseitiges Leben geistiger Praxis:
- Vedânta: Unter der Führung des hinduistischen nicht-dualistischen Philosophen Swami Satprakashananda lernte er über zehn Jahre lang die Advaita-Philosophie und -Meditation; dies war die erste große Schule seines geistigen Lebens.
- Zen-Buddhismus: In Japan übte er an der Seite des streng disziplinierten Zen-Meisters Goto Zuigan das Zazen (die Sitzmeditation); die Lehre vom „ersten Gesicht" des Zen und die Kōan-Disziplin erschütterten und verwandelten ihn tief.
- Sufismus: Den Sufismus, das mystische Herz des Islam, lernte er, indem er ihn in Sufi-Kreisen durch Dhikr (Gottesgedenken) und Gespräch am eigenen Leibe schmeckte; er hing den Gedichten Mevlânâs und anderer großer Sufis mit tiefer Liebe an.
Diese dreifache, über Jahrzehnte ausgedehnte geistige Praxis bildete das feste Fundament von Smiths Auffassung, „jede große Religion hat, von innen betrachtet, eine ihr je eigene einzigartige Schönheit und Tiefe". Er war kein trockener Katalogisierer, der die Religionen von außen aufreihte und etikettierte; sondern ein bereitwilliger und achtungsvoller Wanderer, der durch die Pforte einer jeden eintrat und von dort auf die Welt und den Himmel blickte. Dieses Zeugnis von innen verlieh allen seinen Werken eine einzigartige Echtheit.
Smiths Methode forderte das herkömmliche Modell des „unbeteiligten Beobachters" der Religionswissenschaft heraus. Ihm zufolge konnte man eine Religion nicht wirklich verstehen, indem man sie nur von außen, wie ein Objekt, zergliederte; man musste den geistigen Weg, den diese Religion darbot, wenigstens in einem gewissen Maße in sich selbst schmecken. Ganz so, wie man eine Musik, um sie wirklich zu verstehen, nicht nur in ihren Noten studieren, sondern hören und fühlen muss. Darum nahm Smith eine „teilnehmende" Auffassung der Religion an: Die Wahrheit entsprang nicht aus kühler Distanz, sondern aus achtungsvoller Nähe. Diese Haltung machte ihn zu einem einzigartigen Denker, der akademische Gewissenhaftigkeit und geistige Aufrichtigkeit zugleich trug; er beobachtete und nahm teil, untersuchte und lebte.
Doch verwechselte Smith diese tiefe Achtung nicht mit einem naiven Alles-Annehmen. Während er den echten Kern jeder Tradition bewunderte, war er sich auch der entarteten, fanatischen oder missbrauchten Formen der Religion bewusst. Was er vertrat, war kein blinder Glaube; sondern eine tiefgründige und kritische geistige Offenheit, in der Verstand, Erfahrung und Herz gemeinsam gingen. Eben dieses Gleichgewicht — das Zusammentreffen von Offenheit und Unterscheidungsvermögen, von Bewunderung und Redlichkeit — ist einer der wertvollsten Züge seines Erbes.
Immerwährende Weisheit: Vergessene Wahrheit
Smiths tiefstes theoretisches Werk ist das Buch „Vergessene Wahrheit: Die gemeinsame Schau der Weltreligionen" (1976). Hier vertrat er offen die immerwährende Philosophie — die Idee, dass unter allen großen Welttraditionen eine gemeinsame, geteilte, zeitüberhobene metaphysische Wahrheit liegt. Diesem gemeinsamen Grund gab Smith den Namen „uranfängliche Tradition" (Primordialtradition); dieser Begriff war beinahe derselbe wie das, was sein Freund und seine Inspirationsquelle Aldous Huxley die „immerwährende Philosophie" nannte. Die Menschheit hatte diese tiefe gemeinsame Wahrheit ihm zufolge im modernen Zeitalter vergessen; Smiths Aufgabe aber war es, sie wieder in Erinnerung zu rufen.
Smiths Vision beruhte auf einer hierarchischen und geschichteten Auffassung der Wirklichkeit: eine stufenweise, senkrechte Seinskette, die von der dichtesten materiellen Ebene zur leiblichen Lebendigkeit, von dort zum Geist und zum Verstand, vom Verstand zur Seele und von der Seele zuoberst zum göttlichen Wesen reicht. Diese Auffassung war eine geistige Neufassung der altehrwürdigen Lehre von der „Kette des Seins" (scala naturae). Smith zufolge hatte die moderne wissenschaftliche Weltsicht diese reiche senkrechte Hierarchie erbarmungslos eingeebnet, indem sie nur die materielle Schicht für wirklich hielt und den Menschen so in einen engen materiellen Käfig sperrte. In seinem Spätwerk „Warum Religion wichtig ist" (2001) verteidigte er mit kraftvoller Sprache gegen diesen „szientistischen" Reduktionismus die reichere, vielschichtige Auffassung der Wirklichkeit, auf die die Religion mit Beharrlichkeit verweist. Sein Anliegen galt nicht der Wissenschaft, sondern dem engstirnigen Szientismus, der die Wissenschaft für die einzige Quelle der Wahrheit hält.
Diese metaphysische Vision bindet Smith fest an die Traditionalistische Schule (Traditionalist School), die von René Guénon, Frithjof Schuon und Ananda Coomaraswamy vertreten wird. Smith war besonders von der Lehre des Schweizer Denkers Schuon über die „transzendente Einheit der Religionen" tief beeinflusst und zählte ihn zu seinen größten zeitgenössischen Lehrern. Doch unterschied sich Smiths Stil deutlich von der harten, ausschließenden und der modernen Welt von Grund auf entgegenstehenden Kritik Guénons; er hatte einen weit umfassenderen, wärmeren, duldsameren und menschlicheren Ton. Statt die moderne Welt im Ganzen zu verdammen, wählte er, sie sanft an ihre verlorene geistige Dimension zu erinnern.
Die Kritik der Moderne: Der sich verengende Tunnel
Eine der kraftvollsten und bleibendsten Dimensionen von Smiths Denken ist die tiefe und sanfte Kritik, die er an die moderne Weltsicht richtet. Ihm zufolge hatte der moderne westliche Mensch, von der Anziehungskraft der außerordentlichen Errungenschaften der Wissenschaft betört, die Wirklichkeit auf die materielle Schicht reduziert, die allein die Wissenschaft messen, zählen und beherrschen kann. Smith schilderte diese Verengung mit einem eindrücklichen Gleichnis: Der moderne Mensch lebte im Inneren eines sich stetig verengenden Tunnels. Der Mensch früherer Zeitalter fand sich in einem unermesslichen, sinnvollen und vielschichtigen Kosmos — einer von der Materie zur Seele, von der Erde zum Himmel reichenden Seinshierarchie — wieder; der moderne Mensch hingegen hatte die Pforten dieser reichen Landschaft eine nach der anderen geschlossen und sich so in ein kaltes, sinnloses und nur aus Materie bestehendes Universum gesperrt.
Smith betonte mit Beharrlichkeit, dass diese reduktionistische Weltsicht — also die Haltung, die man Szientismus nennt — nicht mit der Wissenschaft selbst zu verwechseln sei. Die Wissenschaft war in ihrem eigenen Bereich großartig und wertvoll; das Problem war die dogmatische philosophische Haltung, die die Wissenschaft für die einzige legitime Quelle des Wissens und die Materie für die einzige Wirklichkeit hielt. Diese Haltung ließ den Menschen mit seinen tiefsten Fragen — dem Sinn des Lebens, dem Jenseits des Todes, der Wirklichkeit des Heiligen, dem Schicksal der Seele — allein, aber ohne Antwort. Smith zufolge lag der eigentliche Wert der Religion eben hier: Die Religion rief diese senkrechte Dimension, die die Moderne ausgelöscht hatte, die höheren Schichten der Wirklichkeit, wieder in Erinnerung. Sein Aufruf galt nicht dem Abwenden von der Wissenschaft; sondern dem Niederreißen der Tunnelwände und dem Wieder-Öffnen des Menschen zu einem weiten, sinnvollen und heiligen Kosmos.
Seele, Tod und die transzendente Dimension
Smith glaubte tief, dass im Wesen des Menschen eine unsterbliche Seele liegt und dass die Wirklichkeit über die materielle Welt hinausreicht. Ihm zufolge stimmten alle großen Traditionen darin überein, dass über dem sichtbaren materiellen Reich feinere, höhere Seinsebenen — geistige und göttliche Reiche — existieren. Der Mensch bestand nicht nur aus dem Leib; in ihm war ein Wesen, das diesen höheren Reichen angehört und mit dem Tod nicht vergeht. Dieser Glaube war die grundlegende metaphysische Überzeugung im Hintergrund all seiner vergleichenden Arbeiten.
In diesen Fragen stehen Smiths Auffassungen in enger Beziehung zu den Lehren der Welttraditionen über das Jenseits des Todes und das Schicksal der Seele — mit den Themen der Unsterblichkeit der Seele, der Reise zwischen verschiedenen Seinsebenen und der endgültigen Erlösung. Er sah es als eine geistige Verarmung an, dass die moderne Kultur den Tod zu einem Tabu machte und den Menschen angesichts des Sinns des Todes hilflos zurückließ. Die Weisheit der Traditionen aber begriff den Tod nicht als ein Ende, sondern als einen Übergang und eine Wandlung; eben dieses Begreifen war ein verlorener Schatz, an den der moderne Mensch sich wieder erinnern muss.
Für Smith war dies keine abstrakte Theorie, sondern eine gelebte Wahrheit. Im Laufe seines langen Lebens sah und teilte er jenes tiefe Vertrauen in ein Leben jenseits des Todes — sowohl in seinem eigenen Glauben als auch in den von ihm untersuchten Traditionen. Ihm zufolge war die Botschaft „mit dem Tod endet alles", die die materialistische Weltsicht dem Menschen darbot, weder tröstlich noch im Einklang mit dem altehrwürdigen Zeugnis der Traditionen. Alle großen Religionen sagten, wenn auch in verschiedenen Sprachen, dass das Wesen des Menschen nicht mit dem Leib vergeht; dass es sich auf einer Reise zu einer höheren Wirklichkeit befindet. Smith maß diesem gemeinsamen Zeugnis große Bedeutung bei und sah es als ein Gegengift gegen die geistige Blindheit unserer Zeit.
Uranfängliche Traditionen und indigene Weisheit
Smiths vergleichende Vision war nicht auf die großen „Buchreligionen" — Hinduismus, Buddhismus, die chinesischen Traditionen, Judentum, Christentum und Islam — beschränkt. Er hatte auch tiefe Achtung vor der Spiritualität der schriftlosen, auf mündlichen Traditionen beruhenden uranfänglichen und indigenen Völker und behandelte sie neben den großen Religionen als eine ebenso wertvolle Kategorie. Er würdigte die lebendige, unmittelbare Beziehung, die diese indigenen Traditionen zur Natur, zu den Ahnen und zum Heiligen knüpften.
Smith zufolge hielt die Spiritualität der indigenen Völker etwas lebendig, das der moderne Mensch verloren hatte — nämlich das Gefühl, dass das Heilige in jedem Stäubchen der Natur und des täglichen Lebens gegenwärtig ist. Diese Traditionen erlebten das Universum nicht als einen leblosen Mechanismus, sondern als ein lebendiges Ganzes, erfüllt von Geist, Sinn und Heiligkeit. Die Achtung, die Smith diesen Traditionen entgegenbrachte, ist ein Beweis dafür, wie weit und aufrichtig sein Pluralismus war; er geringachtete keinen geistigen Weg, sondern sah in einem jeden ein Gesicht der gemeinsamen Wahrheitssuche der Menschheit. In dieser Hinsicht umfing Smith das gesamte geistige Erbe der Welt — von den größten Texten bis zur bescheidensten mündlichen Tradition — als den Schatz einer einzigen Menschheitsfamilie.
Religiöser Pluralismus und das Berg-Gleichnis
Im Herzen von Smiths Denken liegt ein tiefer und aufrichtiger religiöser Pluralismus: der Glaube, dass keine Tradition ein absolutes Monopol über die Wahrheit besitzt; dass jeder der großen Glauben als ein gültiger und achtungswürdiger Weg gewürdigt werden kann, der zum Heiligen und zur absoluten Wahrheit führt. Smith drückte diese Auffassung mit einem von ihm geliebten und oft gebrauchten Berg-Gleichnis aus: Der Gipfel ist einer, ein einziger; aber die Pfade, die zu diesem Gipfel hinaufführen, sind viele und voneinander verschieden. Am Fuße des Berges, unten, scheinen diese Pfade weit voneinander entfernt, ja einander entgegengesetzt; doch je höher man steigt, desto näher kommen sie einander und treffen sich schließlich am Gipfel, in der absoluten Wahrheit. Die Unterschiede sind so eine an der Oberfläche wirkliche, in der Tiefe aber überwundene Vielheit.
Diese pluralistische Vision ist eine der grundlegendsten methodologischen Haltungen der vergleichenden Spiritualität und steht in unmittelbarer Beziehung zu Arbeiten, die die Erlösungsauffassungen verschiedener Traditionen nebeneinander untersuchen — wie der Vergleich von Nirvâna, Mokṣa und Erlösung. Im Hinblick auf die Einheitslehren steht Smiths Auffassung im Einklang mit einer vergleichenden Lesart, die die tiefen strukturellen Parallelen zwischen Tauhîd, Advaita und Śūnyatā hervorhebt. Selbst während Smith diese Einheit vertrat, geringachtete er niemals die je eigene Schönheit und Sprache jeder Tradition; ihm zufolge war die Vielheit keine Verarmung der Einheit, sondern ihre Bereicherung.
Innere und äußere Religion
Eine wichtige Unterscheidung Smiths war die zwischen der „äußeren" (exoterischen) und der „inneren" (esoterischen) Dimension der Religion. Die äußere Religion sind die je eigenen Rituale, das Recht, die Institutionen und die Glaubensbekenntnisse jeder Tradition; diese wandeln sich von Kultur zu Kultur stark und sind oft auch die Quelle der Konflikte zwischen den Traditionen. Die innere Religion hingegen ist der gemeinsame mystische Kern, der unter diesen äußeren Formen liegt: das Suchen nach unmittelbarem Zugang zur absoluten Wahrheit, nach der Überschreitung des Ichs und nach der Vereinigung mit dem Göttlichen. Smith zufolge vollzieht sich die eigentliche Einheit auf dieser inneren Ebene — in der Erfahrung der Mystiker.
Diese Unterscheidung ist der Schlüssel zu seinem gesamten vergleichenden Rahmen. Auf der äußeren Ebene können die Religionen voneinander getrennt, ja rivalisierend erscheinen; doch auf der inneren, mystischen Ebene verweisen sie alle auf dieselbe transzendente Wahrheit. Eben darum sah Smith die großen Mystiker der Welt — aus dem Sufismus Mevlânâ, aus der hinduistischen Tradition die großen Weisen, die christlichen Mystiker, die Zen-Meister — nicht als einander Fremde, sondern als Brüder, die sich auf demselben Gipfel treffen. Dieses Begreifen der inneren Einheit bot dem interreligiösen Dialog einen tiefen und fruchtbaren Grund.
Smith hütete sich auch sorgsam davor, die äußeren Formen geringzuachten. Anders als manche Mitglieder der Traditionalistischen Schule betonte er, dass die Rituale, das Recht und die Institutionen nicht nur zu überwindende Hüllen seien; sondern im Gegenteil unverzichtbare Gefäße, in denen die innere Wahrheit am Leben gehalten und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ohne die äußeren Formen einer Religion ließe sich auch ihr innerer Kern nicht bewahren und nicht fortführen. Darum achtete Smith zugleich die konkrete, geschichtliche Form jeder Tradition und verwies auf den universalen Kern hinter diesen Formen. Dieses Gleichgewicht — das feine Gleichgewicht zwischen Form und Wesen, zwischen Besonderem und Universalem — zeigt die Reife seines Denkens; er verfiel weder einem abstrakten Universalismus noch einem engen Formalismus.
Veränderte Bewusstseinszustände und mystische Erfahrung
Eine umstrittene, aber wichtige und von ihm redlich behandelte Dimension von Smiths Leben waren die Forschungen, die er über veränderte Bewusstseinszustände führte. Anfang der 1960er Jahre nahm er an Experimenten teil, die an der Harvard University durchgeführt wurden; besonders an einer in religiösem Rahmen durchgeführten Untersuchung, die als das berühmte „Karfreitags-Experiment" (Marsh-Chapel-Experiment) bekannt ist, war er selbst beteiligt. Diese persönlichen Erfahrungen und seine Gedanken dazu bewertete er später in dem Buch „Die Pforten der Wahrnehmung reinigen" (2000) mit Reife und Behutsamkeit.
Smith räumte redlich ein, dass die durch diese Substanzen „ausgelösten" intensiven Erfahrungen mit echten mystischen Zuständen phänomenologische (das heißt im Hinblick auf die Erlebnisweise) auffällige Ähnlichkeiten tragen könnten. Doch zugleich gab er eine sehr wichtige Warnung: Eine künstlich ausgelöste, vergängliche Erfahrung konnte niemals den Platz eines disziplinierten, geduldigen und sittlichen geistigen Lebens einnehmen. Zwischen einer augenblicklichen „Öffnung" und der bleibenden Weisheit am Ende einer jahrelangen Reise der Läuterung und Wandlung lag ein tiefer Unterschied. Diese ausgewogene, maßvolle und verantwortungsbewusste Haltung wurde zum gedanklichen Vorläufer der späteren Forschungen über veränderte Bewusstseinszustände und mystische Erfahrung — der Arbeiten von Pahnke und der nachfolgenden Wissenschaftler.
Sein Platz innerhalb der Traditionalistischen Schule
Um Smiths Auffassung der immerwährenden Weisheit besser zu verorten, lohnt ein genauerer Blick auf die Traditionalistische Schule (Traditionalist School), der er angehörte. Diese Denkströmung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts von René Guénon begründet und sodann von Denkern wie Frithjof Schuon, Ananda Coomaraswamy, Titus Burckhardt und Seyyed Hossein Nasr weiterentwickelt worden. Die Grundthese der Schule war, dass alle großen Traditionen vor der modernen Welt eine gemeinsame und unveränderliche metaphysische Wahrheit — die immerwährende Weisheit — in verschiedenen Formen aussprachen.
Smith teilte die Grundeinsichten dieser Schule, nahm innerhalb ihrer jedoch einen je eigenen, unterscheidbaren Platz ein. Während Guénon und manche Traditionalisten die moderne Welt als einen vollständigen Niedergang, ein „dunkles Zeitalter" (Kali Yuga) ansahen und ihr von Grund auf entgegentraten, nahm Smith eine weit gemäßigtere, umfassendere und hoffnungsvollere Haltung an. Er kritisierte die Probleme der Moderne tief; doch statt den modernen Menschen auszuschließen, wählte er, ihn mit Liebe, Geduld und in verständlicher Sprache an sein verlorenes geistiges Erbe zu erinnern. Ferner maß Smith der gelebten Erfahrung mehr Bedeutung bei als der abstrakten Doktrin, der warmen Erzählung mehr als der harten Polemik. In dieser Hinsicht war er der zugänglichste, menschlichste und vielleicht liebevollste Bote des traditionalistischen Denkens; er verwandelte eine akademische Schule in eine lebendige Weisheit, die das Herz breiter Massen erreichte.
Vergleichende Perspektive
Huston Smiths Vision der immerwährenden Weisheit liest die Weltreligionen als die vielfachen Ausdrücke einer einzigen transzendenten Wahrheit. Die folgende Tabelle zeigt, wie die vier großen Traditionen, die Smith in seinem großen Werk behandelte, die gemeinsamen metaphysischen Themen in ihren je eigenen Sprachen aussprechen.
| Thema | Hinduismus | Buddhismus | Sufismus (Islam) | Christentum |
|---|---|---|---|---|
| Absolute Wirklichkeit | Brahman | Śūnyatā / Dharmakāya | das Wahre (al-Haqq) / Sein (Vudschûd) | Gott / Logos |
| Wesen des Menschen | Ātman | Buddha-Natur | Seele (rûh) / Herz | Ebenbild Gottes |
| Grundproblem | Avidyā (Unwissenheit) | Duḥkha (Leiden) | Achtlosigkeit (gaflet) / niedere Seele (nefs) | Sünde / Trennung |
| Weg der Erlösung | Mokṣa | Nirvâna | Vereinigung (vuslat) / Auslöschung (fenâ) | Heil / Theosis (Vergöttlichung) |
| Methode | Yoga, Jñāna, Bhakti | Achtfacher Pfad | Dhikr (Gottesgedenken), Läuterung (taskiye) | Gebet, Sakramente |
Dieser vergleichende Rahmen verortet Smith an einem zentralen Kreuzungspunkt des geistigen Denkens des 20. Jahrhunderts. Seine Auffassungen stehen in derselben intellektuellen Familie wie die integrale Theorie Ken Wilbers, die die Evolution des Bewusstseins kartiert, wie Toshihiko Izutsu, der das östliche und westliche Denken mit großer Tiefe überbrückt, und wie Joseph Campbell, der die universale Struktur der Weltmythologien entschlüsselt. Die großen Vertreter der Traditionen, in die Smith selbst eintrat und die er erlebte — in der Tradition des Vedânta Schankara, in der nicht-dualen Erfahrung Ramana Mahârṣi, im modernen hinduistischen Mystizismus der die Wahrheit aller Religionen erlebende Sri Ramakrishna und der ihn in den Westen tragende Vivekananda, im chinesischen Zen der Sechste Patriarch Huìnéng — sind die lebendigen Knotenpunkte seines vergleichenden Rahmens. Demgegenüber liefert die traditionsüberschreitende, institutionslose Weisheit Jiddu Krishnamurtis, der jede Form von Traditionalität ablehnt, einen bedenkenswerten Gegenakzent zu Smiths traditionsinternem Pluralismus. Für den strukturellen Vergleich der östlichen und westlichen Metaphysik siehe ferner vergleichende Ost-West-Ontologie.
Kritiken und Erbe
Smiths perennialistischer Ansatz blieb selbstverständlich nicht von Kritik verschont. Manche Religionswissenschaftler vertraten die Auffassung, die These „alle Religionen sagen im Wesentlichen dasselbe" lasse die je eigenen, nicht reduzierbaren und wertvollen Unterschiede der Traditionen allzu leicht verblassen. Ihnen zufolge waren die „Leerheits"-Erfahrung eines Buddhisten und die „Einheit mit dem Wahren"-Erfahrung eines Sufi jenseits einer oberflächlichen Ähnlichkeit vielleicht von Grund auf verschiedene Dinge. Historistische und sozialwissenschaftliche Ansätze wiederum vertraten die Auffassung, Smith „metaphysiziere" und abstrahiere die Religionen übermäßig, indem er sie aus den konkreten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und geschichtlichen Zusammenhängen reiße, in denen sie entstanden. Smith hörte diese Kritiken ernsthaft an und nahm sie mit Achtung auf; doch gab er seine Grundauffassung nicht preis: Ihm zufolge waren die Unterschiede selbstverständlich wirklich, vermochten aber einer tiefen, am Gipfel zusammentreffenden Einheit nicht im Wege zu stehen.
Trotz all dieser Auseinandersetzungen ist Smiths Erbe gewaltig und bleibend. Sein großes Werk ist noch heute in aller Welt eines der grundlegenden Lehrbücher des vergleichenden Religionsunterrichts und bleibt für zahllose Studierende die erste Pforte in die religiöse Welt. Sein erfahrungsbezogener, zutiefst achtungsvoller und aufrichtig umfassender Stil gab der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erstarkenden interreligiösen Dialogbewegung eine tiefe und bleibende Inspiration. Smith lehrte die Welt, die Religionen nicht als einander bekriegende rivalisierende Ideologien zu sehen, sondern als die einander ergänzenden, unschätzbaren Schätze des gemeinsamen geistigen Erbes der Menschheit. Dies ist in einem Zeitalter, in dem Duldsamkeit und gegenseitiges Verständnis immer dringender gebraucht werden, eine überaus wertvolle Lehre.
Smiths Beitrag zum interreligiösen Dialog war nicht nur theoretischer Art; er war selbst ein lebendiges Beispiel dieses Dialogs. Als einer, der als Christ geboren und aufgewachsen war, aber die hinduistische, buddhistische und muslimische Tradition von innen geschmeckt hatte, knüpfte er zwischen den Vertretern verschiedener Glauben eine natürliche Brücke. Sein Dasein bewies, dass das Verstehen des Glaubens des „Anderen" keinen Verrat am eigenen Glauben bedeutet; sondern im Gegenteil dem Menschen ermöglicht, auch die eigene Tradition mit tieferem Auge zu sehen. Smith lehrte und schrieb und sprach bis ans Ende seines Lebens — bis in seine Neunziger; sein Buch über den Geist des Christentums, eines seiner Spätwerke und eine Art Rückkehr zu seinen eigenen Wurzeln, spiegelt auch die reife Liebe, die er nach seiner ganzen Reise zu seiner eigenen Tradition empfand. Auf der Suche nach der universalen Wahrheit vergaß er nie seine Wurzel; ganz im Gegenteil, je weiter er sich dem Universalen öffnete, desto tiefer band er sich auch an seine eigene Wurzel.
Fazit
Huston Smith war als zugleich gewissenhafter Gelehrter und herzlicher geistiger Pilger eine seltene, vielleicht einzigartige Gestalt, die die Weltreligionen von innen erkannte und mit großer Liebe und Achtung nach außen vermittelte. Mit seinen Hauptwerken trug er die Tradition der immerwährenden Weisheit aus den engen Kreisen der Akademie hinaus zu breiten Massen, zu gewöhnlichen Lesern. Seine tiefe und selbst erlebte Erfahrung, die vom hinduistischen Vedânta zum japanischen Zen, vom islamischen Sufismus zum christlichen Mystizismus reichte, verschaffte seiner pluralistischen Vision einen echten und festen Grund. Smiths Werk ist für die vergleichende Spiritualität ein lichter, warmer und menschlicher Wegweiser, der zeigt, wie verschiedene Wege denselben erhabenen Gipfel ersteigen können — und wie jede Tradition auf dieser langen Reise ihre eigene einzigartige Schönheit, Farbe und Sprache bewahrt.
Die tiefste Botschaft, die er hinterließ, ist vielleicht diese: Die Wahrheit ist eine, aber die Wege zu ihr sind viele; und diese Vielheit ist kein Mangel, sondern ein Zeichen des unerschöpflichen Reichtums der göttlichen Wahrheit. Smith lehrte uns, auf andere Traditionen nicht mit Furcht oder Geringschätzung zu blicken, sondern mit Neugier, Achtung und Liebe. Seine sanfte Weisheit bleibt in einer polarisierten und einander schwer verstehenden Welt noch immer ein wegweisendes Licht.
Smiths Leben und Werk sind ein lebendiger Beweis dafür, dass Wissen und Weisheit, Verstand und Herz, Kritik und Achtung gemeinsam gehen können. Er ging weder den Weg eines trockenen Rationalisten, der wünscht, die Religion möge der Wissenschaft weichen, noch den eines blind Gläubigen, der den Verstand verwirft; jenseits beider verwies er auf einen weiteren und tieferen Horizont. Ein Studierender, der die Weltreligionen heute zum ersten Mal kennenlernen will, oder ein Mensch des Herzens, der Brücken zwischen verschiedenen Glauben zu bauen sucht, findet in Smiths Werken zugleich einen verlässlichen Wegweiser und einen inspirierenden Weggefährten. Seine „Religionen des Menschen" zu lesen heißt nicht nur, Wissen über die Weltreligionen zu erwerben; sondern auch, eine tiefe Achtung vor dem gemeinsamen geistigen Abenteuer der Menschheit zu lernen. Eben darum verdient es Huston Smith, über das Sein eines Wissenschaftlers hinaus, als ein wahrer Weiser unserer Zeit gedacht zu werden.