Die Kultur der Grabmal-Besuche (Ziyâra)
Besuche an den Türben (Grabmälern) und Yatirs (Freiluftgräbern) anatolischer Heiliger; eine körperlich-rituelle Kommunikation mit verstorbenen Heiligen, an deren fortdauernde geistliche Wirkkraft geglaubt wird, sowie eine Kultur des Bittens und der Fürbitte.
Gründung und Geschichte
Die Kultur der Grabmal-Besuche (Ziyâra) — der Besuche an Türben und Yatirs — ist die Praxis der rituellen Besuche an den Begräbnisstätten der in Anatolien einst lebenden und noch lebenden, verstorbenen Heiligen (der Evliyâ, der Gottesfreunde) — sei es eine Türbe (ein gemauertes Grabmal) oder ein offenes Grab (Yatir) — sowie des Bittens und der Fürbitte, der Suche nach Heilung und geistlichem Segen (Feyz) bei diesen Besuchen. Sie ist eine der verbreitetsten, beständigsten und demokratischsten Formen der anatolischen Volksspiritualität: ein körperlich-räumlicher geistlicher Lebensraum, an dem auch das Volk ohne begrifflich-akademisches islamisches Wissen unmittelbar teilhaben kann.
Ahmet Yashar Ocaks grundlegendes Werk Türk Halk Inançlarinda ve Edebiyatinda Evliyâ Menkabeleri (Die Heiligenlegenden im türkischen Volksglauben und in der Volksliteratur, 1984) hat den anatolischen Heiligenkult historisch-phänomenologisch analysiert. Ocak zeigt, dass die Türben-Kultur aus der Überlagerung dreier verschiedener Schichten besteht:
1. Die vorislamische türkisch-tengristische Schicht: Im alten türkischen Glaubenssystem steht der Ahnenkult (ata kültü) im Zentrum. In der Tradition des Schamanismus und Tengrismus verwandeln sich bedeutende Ahnen nach ihrem Tode in Schutzgeister des Stammes; ihre Gräber sind heilige Stätten. Figuren wie Oghuz Han und Korkut Ata (Dede Korkut) sind die konkreten Beispiele dieses alten türkischen Heiligentums (Velâyet).
2. Die vorislamische anatolische Schicht: Anatolien, als anatolischer geographischer Raum, besitzt eine mindestens 10 000 Jahre alte religiöse Kontinuität. Die Kybele der Phryger, die Asklepios-Heiltempel der hellenistischen Epoche, die lokalen Heldenkulte Roms, die christlichen Heiligengräber von Byzanz — all diese Schichten haben die Beziehung zwischen der heiligen Stätte und der schützend-eingreifenden Figur des Toten im anatolischen Raum als eine mindestens 3000 Jahre alte Tradition verankert. Der Islam fand diesen Boden nicht leer vor; er fügte ihm sein eigenes Heiligentumsverständnis hinzu.
3. Die islamisch-tasawwufische Schicht: Die Heiligentumslehre (Velâyet) des Tasawwuf — das Prinzip, dass die geistliche Führung nach dem Abschluss der prophetischen Linie (Nübüvvet, des Prophetentums) des Propheten durch die Evliyâ (die Gottesfreunde) fortgesetzt wird — lieferte dem Grabmal-Besuch einen theologischen Rahmen. Der Tod des Heiligen beendet seine geistliche Wirkung nicht; seine Himmet (geistliche Hilfskraft) bleibt durch seine Türbe lebendig.
Die seldschukisch-osmanische politisch-architektonische Dimension
Die Anatolischen Seldschuken (1077–1308) und die Osmanen (1299–1922) gestalteten die Türben der Heiligen nicht nur als religiöse Stätten, sondern auch als Instrumente der Staatspolitik. Die Sultane zeigten sich, indem sie die Türben großer Heiliger erneuerten oder neue errichteten:
- Sie stellten sich unter den geistlichen Schutz dieser Heiligen.
- Sie gewannen Legitimität im Herzen des Volkes.
- Sie entwickelten, indem sie um die Türbe herum Bauten wie eine Armenküche (Imaret), eine Medrese und eine Bibliothek errichteten, das System der Külliye (eines multifunktionalen architektonischen Komplexes).
Die heutige architektonische Form der Türbe Mevlânâs (die Grüne Kuppel — Kubbe-i Hadrâ) begann mit den Initiativen Karamanoghlu Alâeddin Beys gegen Ende des 13. Jahrhunderts und wurde vom osmanischen Sultan Bayezid II. (1481–1512) und den späteren Padischahs erweitert. Die Mevlânâ-Türbe beherrscht mit ihrer Grünen Kuppel weiterhin die Silhouette Konyas — das paradigmatische Beispiel dafür, wie die Türbe eines Heiligen als geistliche Achse der Stadt positioniert wird.
Die Türbe Haci Bektash Velîs (Nevshehir-Hacibektash) gewann durch osmanisch verbürgte Stiftungsurkunden eine zentrale Stellung für sämtliche Bektaschi-Konvente Anatoliens. Im 17. und 18. Jahrhundert lag hier die geistliche Anbindung des Janitscharen-Korps — die Janitscharen sahen sich selbst als „Bektaschi-Schar" (Bektâshî Tâifesi) und erwiesen, bevor sie in den Krieg zogen, in Hacibektash ihre Ehrerbietung.
Doktrinäre Grundlagen
Die Lehre vom Heiligentum und seiner Kontinuität
Die grundlegende Lehre, die dem Grabmal-Besuch zugrunde liegt, ist die Kontinuität des Heiligentums (Velâyet). In der Tradition des Tasawwuf — besonders in den Systemen Mevlânâs und Ibn Arabîs — ist der Tod kein Bruch, der die geistliche Wirkung des Heiligen beendet; er ist eine Pforte, durch die der Heilige zur vollkommenen Manifestation des Fenâ-fillâh (Auslöschung im Göttlichen, des Vergehens in Gott) übergeht. Deshalb ist die Türbe des Heiligen nicht sein leiblicher Grabhügel, sondern der konkrete Ort seiner fortdauernden geistlichen Gegenwart.
Diese Lehre wird in dem berühmten Vers Mevlânâs zusammengefasst:
„Ey kavm be-Hac refteyî / Kucâ'îd? Kucâ'îd? / Maʿshûk hemîn cây est / Biyâ'îd, biyâ'îd!"
„O ihr Leute, die ihr zur Hadsch aufgebrochen seid — wo seid ihr, wo seid ihr? / Der Geliebte (der Wahre) ist genau hier — kommt, kommt!"
Wie Mevlânâ andeutet, kann sich die göttliche Selbstoffenbarung an jedem Ort — im Herzen oder in der Türbe eines Heiligen — verkörpern. Der Grabmal-Besuch ist der körperliche Ausdruck dieses Prinzips.
Die Dreiheit Himmet, Feyz, Schafâʿa
Die doktrinäre Struktur des Grabmal-Besuchs ist um drei Begriffe gewoben:
1. Himmet (arab. همّت — sich hinwenden, Fürsorge erweisen): die lebendige geistliche Energie des Heiligen. Wenn der Besucher zur Türbe kommt, erhofft er vom Heiligen Himmet — die Hinwendung der geistlichen Kraft des Heiligen zu seiner Lage.
2. Feyz (arab. فيض — Überfließen, Strömen): das Strömen des göttlichen Segens. Die Türbe des Heiligen ist ein besonderer Punkt auf der Erde, an dem der Feyz weiterhin strömt; menbâ-i feyz (Quelle des Feyz).
3. Schafâʿa (Fürbitte, arab. شفاعة — Vermittlung leisten): dass der Heilige bei Gott zugunsten des Besuchers ein Wort einlegt. Die Lehre von der Fürbitte ist in der sunnitisch-orthodoxen Theologie umstritten; auf der Ebene der Volks-Tasawwuf jedoch findet sie breite Anerkennung.
Die salafitisch-wahhabitische Kritik und die modernistische Debatte
Mit dem Beginn der wahhabitischen Bewegung im 18. Jahrhundert rückte die Kultur des Grabmal-Besuchs ins Zentrum der innerislamischen Selbstkritik. Die Wahhabiten und die ihnen folgenden salafitischen Gruppen bezeichnen den Grabmal-Besuch als Schirk (Beigesellung zu Gott) oder als Bidʿa (nachträglich hinzugefügte sündhafte Praxis); denn ihnen zufolge schadet das Erhoffen von Hilfe bei einem Heiligen der Einheit Gottes.
Die klassische sunnitische Theologie gibt auf diese Kritik folgende Antwort: Was beim Grabmal-Besuch vom Heiligen erbeten wird, ist nicht, dass der Heilige aus eigener Kraft hilft — sondern dass er die Vermittlung dessen leistet, was von Gott erbeten wird. Das Prinzip des Tawassul (der Vermittlung) — die Bitte um Fürsprache bei allen Heiligen einschließlich des Propheten — ist im Koran und in der Sunna begründet. Die türkisch-anatolische Volksspiritualität bleibt in dieser klassischen sunnitischen Position; in äußerst populären Formen mag sie bisweilen die Grenze überdehnen, doch der doktrinäre Rahmen bewahrt vor dem Schirk.
Ahmet Yashar Ocak betont, dass die moderne Debatte um den Grabmal-Besuch im Kern die Frage ist, ob die Religion begrifflich-buchgebunden oder körperlich-rituell gelebt werden soll. Die salafitische Bewegung will die Religion abstrahieren und textzentriert machen; die Volksspiritualität verkörperlicht die Religion und lebt sie ortszentriert. Beide sind legitime Zweige der islamischen Geschichte; doch die Spannung hat sich in der Moderne vertieft.
Die Hierarchie des Heiligentums: Kutb, Abdâl, Evliyâ
Nach der klassischen Tasawwuf-Lehre gibt es eine kosmische hierarchische Ordnung, die aus allen lebenden und verstorbenen Heiligen besteht. Diese Hierarchie (von den Sufi-Autoren Hakîm Tirmizî [gest. 910], Ibn Arabî und Schaʿrânî im Detail systematisiert) ist annähernd folgendermaßen gegliedert:
- An der Spitze ein einziger Kutb (Kutb-i Aʿzam, axis mundi — die geistliche Achse des Kosmos). Seine Existenz ist der kosmische Grund dafür, dass die Welt Bestand hat.
- Unter ihm die Drei (drei verborgene Heilige — einer von ihnen wird häufig mit Chidr gleichgesetzt).
- Die Sieben (sieben verborgene Heilige, die die sieben Klimazonen der Welt repräsentieren).
- Die Vierzig (vierzig Heilige — ein in der anatolischen Volkstradition besonders dichtes Motiv; die Versammlung der Vierzig, Kirklar Meclisi).
- Die Dreihundert oder Siebenhundert (300/700 verborgene Heilige niedrigeren Ranges).
- Im weitesten Kreis die Evliyâ (die Gottesfreunde) — zu Tausenden.
Diese hierarchische Ordnung verändert sich beständig; wenn ein Heiliger verscheidet, nimmt ein anderer seinen Platz ein. Der Grabmal-Besuch ist die Praxis, mit dem konkreten Leib dieser kosmischen hierarchischen Ordnung in Verbindung zu treten.
Im anatolischen Volksglauben ist besonders das Motiv der Vierzig dicht. Ortsnamen wie „Kirk Tepe" (Vierzig-Hügel), „Kirk Pinar" (Vierzig-Quelle), „Kirk Türbe" (Vierzig-Grabmal) sind die Einprägung dieses mythischen Vierzig-Heiligen-Motivs in die Geographie. Die Legenden Haci Bektash Velîs erzählen von seiner Teilnahme an der Versammlung der Vierzig; dies ist eines der tiefsten kosmischen Motive der Volks-Tasawwuf.
Praktiken und Rituale
Die Unterscheidung von Türbe und Yatir
Es gibt zwei grundlegende Typologien:
Türbe (arab. تربة): ein architektonisches Bauwerk — eine Kuppel, ein Raum mit Sarkophag (Sanduka), ein säulenumstandener Hof darum herum. Es sind die Bauten, in denen bedeutende Heilige (Mevlânâ, Haci Bektash Veli, Eyüp Sultan) begraben liegen. Sie wurden in den Stadtzentren unter dem Patronat der Sultane errichtet.
Yatir: ein einfacheres, meist offenes Grab unter freiem Himmel. Heilige Stätten, die einem Heiligen zugeschrieben werden, bisweilen nur in Gestalt eines Steinhaufens oder eines einzigen Grabsteins, die sich auf Berggipfeln, an Wasserläufen, unter Bäumen befinden. In Anatolien gibt es Tausende von Yatirs; die meisten sind nur der lokalen Bevölkerung bekannt.
Wie Boratav in seinem Werk 100 Soruda Türk Folkloru (Die türkische Folklore in 100 Fragen, 1973) festhält, ist der Yatir-Kult archaischer und regelloser als der Türben-Kult; es ist eine von der zentralen religiösen Autorität unabhängige, unmittelbar vom Volk entwickelte Tradition. Deshalb ist er das Feld, auf dem sich die vorislamischen Überreste am dichtesten finden.
Die Besuchs-Etikette (Edeb-i Ziyâret)
Der klassische Grabmal-Besuch wird in einer bestimmten Etikette (Edeb) vollzogen:
1. Absicht und rituelle Waschung: Bevor der Besucher zur Türbe kommt, nimmt er die Ganzkörperwaschung (Gusül) oder zumindest die rituelle Teilwaschung (Abdest) vor. Die Absicht (Niyet) wird gefasst — der Besuch erfolgt, „indem man die Himmet des Heiligen von Gott erbittet".
2. Schwelle und Gruß: Man verweilt an der Schwelle der Türbe. Man spricht: „Esselâmü ʿaleyküm yâ ehle'l-kubûr" (Friede sei mit euch, o Bewohner der Gräber) oder „Esselâmü ʿaleyke yâ veliyyallah" (Friede sei mit dir, o Gottesfreund). Man tritt mit dem rechten Fuß ein.
3. Fâtiha und Yâsîn: Man verweilt auf Höhe des Fußendes des Sarkophags (nicht des Kopfendes — das gilt als respektlos). Die Sure al-Fâtiha und die Sure Yâsîn werden rezitiert; der Lohn wird der Seele des Heiligen geschenkt.
4. Anliegen und Bitte: Vom Heiligen wird — damit er bei Gott vermittle — das persönliche Anliegen vorgebracht.
5. Drei Umrundungen um den Sarkophag: In manchen Gegenden umschreitet man den Sarkophag dreimal; dies ist eine bewusste Parallele des Besuchs zur Hadsch-Symbolik (der Umrundung der Kaʿba).
6. Stoffbinden (Çaput): An den Baum, das Gitter oder das Fenster neben der Türbe wird ein Stoffstück — ein „Çaput" oder „Wunschstoff" (dilek bezi) — gebunden. Dies ist eine sehr alte türkisch-anatolische Praxis; ihr vorislamischer Ursprung reicht bis zum schamanischen Glauben an den bay terek (den Wunschbaum) zurück.
7. Beim Verlassen: Beim Hinausgehen aus der Türbe geht man rückwärts; dem Sarkophag den Rücken zuzukehren, gilt als Unschicklichkeit. An der Schwelle grüßt man erneut.
Heilung und besondere Anlässe
Die verbreiteten Beweggründe des Grabmal-Besuchs:
- Krankheit und Heilung: Man glaubt, dass bestimmte Heilige gegen bestimmte Krankheiten wirksam sind. Mehmet Eröz hat die Dokumentation spezialisierter Yatirs in Anatolien vorgenommen, etwa eines „Kopfschmerz-Grabmals", eines „Epilepsie-Grabmals" oder eines „Kinder-Grabmals".
- Kinderwunsch: Frauen, die nicht gebären können, suchen bestimmte Heilige auf; Eyüp Sultan in Istanbul ist zu diesem Anlass besonders berühmt.
- Heiratswunsch: Junge Mädchen suchen zur Heirat bestimmte Yatirs auf.
- Erwerb und Segen: Wer ein neues Geschäft eröffnen will, besucht sie um des Segens willen.
- Nach Angst und Unglück: zur Erleichterung nach Krankheit, Unfall oder Verlust.
- Dank: ein Dankbesuch nach der Erfüllung eines Anliegens.
Gelübde und Lokma
Im Falle der Erfüllung des Anliegens wird ein Gelübde (Adak) eingelöst: Ein Opfertier wird geschlachtet, sein Fleisch an arme Anhänger (Müride) verteilt. Neben der Türbe wird ein Lokma (ein gemeinschaftliches Mahl) zubereitet und unter den Besuchern aufgeteilt. Dies ist ebenso sehr die konkret-gemeinschaftliche Bestätigung der Erfüllung des Anliegens wie auch eine Praxis der sozialen Solidarität.
Unbekannte Yatirs und die Geographie der heiligen Stätten
Im anatolischen Raum gibt es Tausende von Yatirs, die in keine amtlichen Register eingegangen sind. Die Dorfältesten erzählen von Generation zu Generation: „Auf jenem Hügel ist der Yatir des Soundso-Dede" oder „An dieser Quelle ist die Türbe eines unbekannten Heiligen". Oft ist sogar der Name dieser Yatirs vergessen — sie sind nur als Yatir bekannt.
Wie Boratav in seinem Werk 100 Soruda Türk Folkloru (1973) dokumentiert, zeigt diese Tradition des „namenlosen Yatir" in ihrer reinsten Gestalt die anatolische Wahrnehmung der heiligen Stätte: Ein Ort kann unabhängig von der in ihm liegenden Person eine heilig-energetische Beschaffenheit besitzen; nicht, weil dort ein Heiliger liegt — sondern weil dort ein heilig-energetischer Punkt ist. Dieser Zugang ist eng verwandt mit der schamanischen Auffassung vom spirit of place (dem Geist des Ortes).
Besonders die auf Berggipfeln, unter alten Bäumen wie Pappeln oder Platanen, an Quellursprüngen und an Höhleneingängen gelegenen Yatirs sind Orte, von denen man annimmt, dass sie in der anthropologischen Schichtung die unmittelbare Fortsetzung der vorislamischen anatolischen Kultstätten bilden. Über ein hethitisches Heiligtum wird das Grab eines byzantinischen Heiligen, darüber der Yatir eines seldschukischen Heiligen errichtet — die Identität der heiligen Stätte wechselt, doch die Heiligkeit des Ortes bleibt bewahrt. Ahmet Yashar Ocak nennt dies das Prinzip der „fortdauernden heiligen Stätte" (continuous sacred site).
Vergleichende Perspektive
Hinduistisches Darśan (Darshan): Schauen und Geschaut-Werden
In der hinduistischen Tradition ist das Darshan (Sanskrit: दर्शन — sehen, Schau) das Schauen einer heiligen Stätte, eines Götterbildes oder eines lebenden Gurus und das Geschaut-Werden durch ihn. Es gehört zu den grundlegenden Praktiken des hinduistischen Gläubigen.
Strukturelle Parallelen zum Grabmal-Besuch:
- Die Begegnung mit einer geistlich kraftgeladenen Stätte/Figur.
- Der praktische Zweck ist nicht die Wissensvermittlung, sondern der Empfang geistlicher Energie (hinduistisch: prasad, sufisch: himmet).
- Das körperlich-räumliche Sein — kein begriffliches Geschehen aus der Ferne, sondern leibliche Anwesenheit am Ort.
- Das Umrunden der Umgebung: in hinduistischen Tempeln pradakshina — das Umschreiten des Tempels oder des heiligen Bildes im Uhrzeigersinn; in der Türbe das Umschreiten des Sarkophags.
- Die Gabe: hinduistisches prasad (gesegnete Speise); in der Türbe Lokma und Gelübde.
- Die lebendige Gegenwart verstorbener Heiliger: Auch in der hinduistischen Sant-Tradition wirken die Samadhi-Stätten (Todes- und Grabstätten) von Heiligen wie Kabir, Tukaram oder Mîrabai ebenso wie die Stätten lebender Heiliger.
Unterschiede: Beim Darshan steht der Akt des Sehens im Zentrum — dem Auge des Götterbildes in die Augen zu blicken und „das Licht seines Auges" zu empfangen. Beim Grabmal-Besuch stehen Absicht und Vermittlung im Zentrum — das Schauen, das Von-Angesicht-zu-Angesicht tritt in den Hintergrund. Das hinduistische Darshan steht in einem polytheistischen theologischen Rahmen; der Grabmal-Besuch in einem monotheistischen Rahmen innerhalb der Lehre vom vermittelnden Heiligentum.
Der christliche Heiligenbesuch
In der katholischen und orthodoxen christlichen Tradition nähren die Gräber der Heiligen und die Reliquien (reliquiae, Knochen, Kleidungsstücke) eine Besuchskultur, die der der muslimischen Türben strukturell nahe steht. Seit den ersten Jahrhunderten des Christentums (besonders seit dem 4. Jahrhundert) wurden über den Gräbern der Märtyrer-Heiligen Kirchen errichtet; die Heiligenreliquien wurden über die großen Kathedralen verteilt.
Strukturelle Parallelen zum Grabmal-Besuch:
- Der Glaube an die lebendige Unsterblichkeit des Heiligen — die Lehre der Communio Sanctorum (der Gemeinschaft der Heiligen).
- Das Prinzip der Fürbitte und Vermittlung — der Heilige vermittelt bei Gott.
- Das räumlich-körperliche geistliche Leben — die Verkörperung der abstrakten Theologie am Ort.
- Die Erwartung von Heilung und Wunder — Kranke suchen bestimmte Heilige für bestimmte Heilungen auf.
- Die Wallfahrtspraxis — große Heiligengräber wie Santiago de Compostela (der heilige Jakobus), Bari (der heilige Nikolaus) oder Padua (der heilige Antonius) empfangen auch heute noch Millionen von Besuchern.
- Gelübde, Kerzenanzünden, das Hinterlassen von Gebetszetteln — nahezu eins zu eins entsprechende Parallelen.
Im doktrinären Detail sah sich die katholische Theologie einer inneren Herausforderung gegenüber, ganz ähnlich der wahhabitisch-islamischen Kritik: Die protestantische Reformation (16. Jahrhundert) lehnte den Heiligenbesuch und den Reliquienkult in den meisten Hinsichten ab. Das lutherisch-calvinistische Christentum reduzierte die Heiligengräber auf symbolische Denkmäler; die katholisch-orthodoxe Tradition hingegen hielt diese Praxis lebendig.
Dies ist eine historische Dynamik, die der Spannung zwischen sunnitischem Mainstream und Salafismus in der modernen islamischen Welt strukturell gleicht: Die Spannung zwischen der körperlich-rituellen Religion und der buchgebunden-abstrakten Religion ist in allen drei abrahamitischen Religionen auf ähnliche Weise ausgetragen worden.
Die buddhistische Stupa- und Reliquientradition
Im Buddhismus trägt die Stupa — kuppelförmige Bauten, die die Reliquien des Buddha oder bedeutender Arhats bergen — eine strukturelle Verwandtschaft mit der Türbe. Im Mahâyâna-Buddhismus besitzen die Bodhisattvas — bis in alle Ewigkeit hilfsbereite, ihren Tod aufschiebende unsterbliche Heilige — praktisch eine kosmische Stellung, die der Figur Chidrs parallel ist. Die Stupa-Pradakshina-Praxis der tibetischen Buddhisten (das Umschreiten der Stupa) ist die phänomenologische Verwandte der hinduistischen Pradakshina und der muslimischen Türben-Umrundung (Tavâf).
Moderne Situation
Das Tekke- und Türben-Schließungsgesetz von 1925 und die Folgezeit
Mit dem „Gesetz über die Schließung der Tekkes und Zaviyes" (Tekke ve Zaviyelerin Kapatilmasi Hakkinda Kanun) der Türkischen Republik vom 30. November 1925 wurden alle Tekkes, Konvente (Dergâh) und Türben amtlich geschlossen. Dies war einer der grundlegenden Schritte des laizistischen Gründungsmomentums der modernen Türkei. Die Türben wurden verschlossen, die Verwaltungsstruktur ihrer Stiftungsverwaltungen (Mütevellîlik) aufgelöst, die meisten als Museen oder kulturhistorische Gebäude umgewidmet.
Doch die Volksspiritualität ließ sich durch ein Gesetz nicht gänzlich beseitigen. Seit den 1950er Jahren wurden in der Ära der Demokratischen Partei einige bedeutende Türben (die Mevlânâ-Türbe 1953, die Haci-Bektash-Velî-Türbe 1964) wieder für Besuche geöffnet — allerdings amtlich im Status eines „Museums", nicht als religiös-institutionelle Türbe. Diese rechtliche Mehrdeutigkeit dauert bis heute an: Die Mevlânâ-Türbe ist amtlich das „Mevlânâ-Museum", doch die große Mehrheit der jährlich über zwei Millionen Besucher kommt hierher zum geistlichen Besuch, nicht zum Museumsrundgang.
Das zeitgenössische soziologische Bild
In der zeitgenössischen Türkei wird der Grabmal-Besuch — soziologischen Untersuchungen zufolge — von sehr breiten Schichten der Gesellschaft fortgeführt. Das Türkische Statistikinstitut (TÜIK) und Untersuchungen verschiedener Universitäten (wie die Studie Türkiye'de Dinî Hayat Arashtirmasi [Untersuchung des religiösen Lebens in der Türkei] des Präsidiums für Religionsangelegenheiten von 2014) zeigen, dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung der Türkei mindestens einmal im Jahr eine Türbe oder einen Yatir besuchen. Dies macht den Grabmal-Besuch zu einer der verbreitetsten individuell-rituellen Praktiken des türkischen Islam.
Bedeutende Besuchszentren:
- Mevlânâ-Türbe, Konya (jährlich ~2 Millionen Besucher)
- Eyüp Sultan-Türbe, Istanbul (die Türbe des Prophetengefährten Ebû Eyyûb el-Ensârî; besonders für Bitten)
- Haci Bektash Velî-Türbe, Nevshehir-Hacibektash (das geistliche Zentrum der alevitisch-bektaschitischen Welt)
- Yunus Emre-Türbe, Eskishehir-Sivrihisar (ein in mehreren verschiedenen Gegenden beanspruchtes Grab)
- Shâhkulu-Sultan-Konvent, Istanbul-Göztepe (alevitisch-bektaschitisch)
- Haci-Bayrâm-i-Velî-Türbe, Ankara
- Abdurrahman-Sâmî-Üsküdârî-Türbe, Istanbul (Schâzilî-Halvetî)
Die Türbe im Zeitalter der Neuen Spiritualität
Im 21. Jahrhundert hat der Grabmal-Besuch in der modern-postmodernen Türkei neue Schichten gewonnen. In der jungen, städtischen Generation deuten Individuen, die aus ihrem alten dörflich-gemeinschaftlichen Kontext herausgelöst sind, die Türbe als einen persönlichen und psychologischen Raum neu: als meditative Stille, als Bewältigung von Lebenskrisen, als Identitätssuche, als geistliche Zuflucht. Diese Neudeutung besitzt eine ähnliche Dynamik wie die Säkularisierung vom Typ Coleman Barks–Mevlânâ in den USA — der ursprünglich islamisch-doktrinäre Rahmen lockert sich, doch die ortsgebundene Praxis bleibt lebendig.
Andererseits ist auch eine digitale Ausweitung der Grabmal-Besuchs-Kultur zu beobachten: virtuelle Rundgang-Anwendungen der Türben von Mevlânâ und Haci Bektash, das Teilen von Besuchen in den sozialen Medien, die Online-Leserschaft der Türben-Literatur.
Wie Ahmet Yashar Ocak vor vielen Jahren betonte, ist die Kultur der Türben und Yatirs die beständigste, am stärksten synthetisierende und demokratischste Dimension der anatolischen Volksspiritualität: Als eine religionen-übergreifende Praxis des 3000 Jahre alten anatolischen Raumes vereint sie Tengri, Kybele, die christlichen Heiligen und die islamischen Heiligen (Evliyâ) in derselben räumlich-körperlichen rituellen Logik. Für die Individuen am Scheideweg der Moderne und Postmoderne, die an einem Tag geboren werden und am nächsten sterben werden, steht die Türbe — diese altehrwürdigen Orte, die das Grün Chidrs, die Liebe Mevlânâs und die Demut Haci Bektaschs bergen — noch immer wie ein offener Brief da. Wer eintritt, liest ihn, so weit das Herz ihn zu lesen vermag.
Akademische Reflexionen und vergleichende Studien
Die akademischen Untersuchungen der Grabmal-Besuchs-Kultur sind das Fundament der Forschungen zur türkisch-islamischen Volksspiritualität. Die volkskundlichen Arbeiten Pertev Naili Boratavs (1907–1998), die heiligenlegendliche Philologie Ahmet Yashar Ocaks (geb. 1945), die alevitisch-bektaschitischen Geschichtsstudien Irène Mélikoffs (1917–2009), die soziologisch-anthropologischen Untersuchungen Mehmet Erözʼ — sie alle haben die komplexe Schichtung der Türben-Kultur vor Augen geführt. Der türkisch-anatolische Heiligenkult ist in den letzten Jahrzehnten auch in der westlichen Wissenschaft zum Gegenstand des Interesses geworden; Forscher wie Hugh Beattie, Sara Sviri und Devin DeWeese haben die vorislamisch-islamische Synthese der zentralasiatischen und anatolischen Türben-Traditionen untersucht.
Im Rahmen der vergleichenden Religionswissenschaft ist die Grabmal-Besuchs-Kultur, zusammen mit dem hinduistischen Darśan, der christlichen Heiligen-Wallfahrt und der buddhistischen Stupa-Pradakshina, die anatolische Erscheinungsform jenes Phänomens, das wir den „universalen Besuchs-Archetyp der Menschheit" nennen. Wie Mircea Eliade in seinem Werk The Sacred and the Profane (1957) zeigte, ist die Existenz der heiligen Stätte und der Besuch an ihr in nahezu jeder Religion der Menschheitsgeschichte nach derselben archetypischen Logik gebaut: Die heilige Stätte wird als Mittelpunkt des Kosmos (axis mundi) positioniert; der Besucher wendet sich von seinem profanen Leben zu diesem Mittelpunkt hin und nimmt teil an der kosmischen Erneuerung. Der Grabmal-Besuch ist die konkrete Erscheinungsform dieses menschlich-universalen Archetyps im anatolischen Raum, von 3000 Jahre alter Tiefe.
Frau und Türben-Kultur
Die Dimension der besonderen Beteiligung von Frauen an der Grabmal-Besuchs-Kultur ist aus anthropologischer Sicht bemerkenswert. In der klassischen muslimischen Gesellschaft war die Beteiligung von Frauen an den moscheezentrierten, gemeinschaftlich-islamischen Praktiken begrenzt (das Freitagsgebet und die Predigten waren der Bereich der Männer). Demgegenüber ist der Grabmal-Besuch der geistliche Ort, an dem Frauen als völlig gleichberechtigte Teilnehmerinnen zugegen sind.
Zeitgenössische Forscherinnen wie Fatma Acun, Belkis Temren und Filiz Kalan haben gezeigt, dass die Türbe für Frauen eine Art paralleler geistlicher Raum ist: Neben den moscheezentrierten, männlich dominierten islamischen Praktiken ein türbenzentrierter geistlicher Lebensraum, in dem Frauen die Vorreiterinnen sind und die Führung übernehmen. An den kritischen Übergangspunkten des Frauenlebens — Kinderlosigkeit, Heiratswunsch, Krankheit und Heilung — ist die Türbe der Ort, an dem Frauen für sich allein hingehen und ihre eigene Stimme zu Gott erheben.
Dies erklärt, warum die Türben-Kultur in den modernen feministischen Religionsstudien zu einem besonderen Gegenstand des Interesses geworden ist. Die Türbe ist historisch einer der reichsten Bereiche der von der amtlich-männlichen Autorität unabhängigen geistlichen Selbständigkeit der muslimischen Frau.