Leben nach dem Tod — im Vergleich

Die Hölle (ausführlich): Sieben Tore, sufische Deutung und Ibn Arabîs Lehre von der Barmherzigkeit der Hölle

Die siebentorige Hölle des Islams, [[Ibn Arabi|Ibn Arabîs]] umstrittene Lehre von der „Barmherzigkeit der Hölle" und eine vergleichende Analyse mit [[Inferno]], [[Naraka]] und den acht heißen und kalten Höllen des Buddhismus.

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Definition und konzeptueller Rahmen

Die Hölle (arab. dschahannam جهنّم, vom hebräischen gē-hinnōm גי הנום „Tal Hinnom") ist in der islamischen Eschatologie der Bereich, in dem der ungläubige, heuchlerische und aus dem Gericht nicht hervorgehende Sünder Pein leidet. Das Wort bedeutet wörtlich „tiefer Brunnen" oder „dunkle Grube"; etymologisch ist es die Übertragung des jüdischen Tals Hinnom (südlich von Jerusalem, das verfluchte Tal, in dem die alten Israeliten dem Moloch Kinder opferten) ins Aramäisch-Arabische. Diese Etymologie ist wichtig: Die Hölle leitet sich schon als Name aus einem geschichtlich-geographischen Fluchgebiet her; sie ist kein abstrakter Begriff, sondern ein konkret-archaischer Schreckensort.

Doch die Höllenschilderung der islamischen Tradition ist nicht bloß ein Mittel des Schreckens. Christian Lange (Paradise and Hell in Islamic Traditions, 2016) unterscheidet vier Funktionen der Hölle im islamischen Denken: (i) die sittlich-pädagogische — die unausweichliche Folge der Sünde; (ii) die gerechtigkeitsbezogene — die Wiedergutmachung des auf Erden ungesühnt gebliebenen Unrechts in der anderen Welt; (iii) die kosmologische — eine Stufe im System der Seinsstufen; (iv) die mystisch-innere — eine Widerspiegelung des Zustands der nafs-i ammâra (der sittlich rohen, zum Bösen treibenden Seele). Im klassischen Kalâm überwiegen die ersten drei Funktionen; im Sufismus wird die vierte Funktion systematisiert.

Kanonische Quellen: Koran und Hadith

Im Koran wird die Hölle unmittelbar oder mittelbar in etwa 170 Versen erwähnt. Die sieben Namen-Tore der Hölle sind im überlieferten Kalâm folgendermaßen systematisiert (eine hadithgestützte, auf den Vers al-Hidschr 15/44 zurückgehende Einteilung):

Tor Name Wörtlich Symbolische Eigenschaft Bewohner
1 Dschahannam (جهنّم) tiefer Brunnen allgemeine Pein gläubige große Sünder
2 Lazâ (لظى) lodernde Glut versengende Pein die der Welt Verfallenen
3 Hutama (الحطمة) die Zermalmende bis ins Herz dringend die von Habgier Getriebenen
4 Saʿîr (السعير) die Entfachte beständige Flamme die Beigeseller (eine besondere Stufe)
5 Saqar (سقر) die Verwundende seelische Verwundung die dem Hochmut Verfallenen
6 Dschahîm (الجحيم) heftiges Feuer die tiefste Pein die Heuchler
7 Hâwiya (الهاوية) der Abgrund endloser Sturz die Ungläubigen

Die koranische Höllenschilderung wird mit fünf sinnlich-kategorialen Motiven gezeichnet: (a) Feuer und siedendes Wasserhamîm, ghassâq (eitergleich), muhl (geschmolzenes Erz) (al-Wâqiʿa 56/42–46); (b) Fesseln und Kettenasfâd, aghlâl, salâsil (al-Insân 76/4); (c) der Zaqqûm-Baum — ungenießbare Früchte, die den Häuptern der Satane gleichen (as-Sâffât 37/62–66); (d) versengender Windsamûm, yahmûm (al-Wâqiʿa 56/41–44); (e) Stöhnen und Schreiezafîr und schahîq (Hûd 11/106). Diese fünf Motive systematisieren die schreckenerregenden Naturbilder der nahöstlichen Wüstenkultur.

Die Hadithe von der Sirât-Brücke und der Mîzân (Waage) führen den Gerichtsvorgang vor der Hölle aus. Die Sirât-Brücke ist ein über der Hölle errichteter Übergang, „feiner als ein Haar, schärfer als ein Schwert"; ihn zu überschreiten, ist für alle Pflicht. Der Gerechte schreitet hinüber, der Ungerechte stürzt. Dieses Motiv ist — wie bereits erwähnt — eine unmittelbare Adaptation der zoroastrischen Tschinwat-Brücke (Alan Segal, Life After Death, 2004, Kap. 4).

Topographie und Übergänge: die Geographie der Hölle

In der klassischen islamischen Kosmologie ist die Hölle in sieben Schichten gegliedert — diese Struktur ist die abwärts gerichtete Symmetrie der siebenstufigen (achtstufigen) Hierarchie des Himmels. Einige Quellen (besonders hadithgestützt) verfeinern diese siebenfache Struktur folgendermaßen: die oberste Schicht Dschahannam (der vorübergehende Peinigungsort der gläubigen großen Sünder), dann Lazâ, Hutama, Saʿîr, Saqar, Dschahîm, zuunterst Hâwiya. Hâwiya ist die ewige Wohnstatt des absoluten Ungläubigen.

Eine klassische Debatte: Ist die Hölle ewig oder vergänglich? Dies ist eine der größten Debatten des islamischen Kalâm.

  1. Die These der Ewigkeit (die Mehrheit der Gelehrten, die aschʿaritische Mehrheit): Die Hölle ist absolut, endlos. Die Verse al-Baqara 2/167 („Sie sind in der Hölle Verweilende auf ewig") und al-Dschinn 72/23 („Wer Gott und Seinem Gesandten ungehorsam ist ... der ist auf ewig darin Verweilender") sind die Grundlage dieser These.

  2. Die These der Vergänglichkeit (die sufischen und einige muʿtazilitische Positionen): Die Hölle ist vergänglich; eines Tages wird sie sich leeren. Der größte Verfechter dieser Position ist Ibn Arabî, und Ibn Taymiyya schließt sich ihm mit anderen Argumenten an. Der Grundvers: al-Anʿâm 6/128 („auf ewig, es sei denn, was dein Herr will" — die Ausnahme illâ mâ schâʾa Rabbuka). Das Vorhandensein dieser Ausnahme lockert die absolute Ewigkeit.

  3. Die zweischichtige These (die geläufige Annahme): Die Hölle der Gläubigen ist vergänglich (ihre großen Sünden werden getilgt, dann werden sie in den Himmel aufgenommen); die Hölle der Ungläubigen ist ewig. Diese Position versöhnt die beiden Thesen.

Sufische Deutung: die Hölle als nafs-i ammâra

In der Sufi-Tradition ist die Hölle eine sittlich-innere Kategorie: der Zustand der nafs-i ammâra (der sittlich rohen, zum Bösen befehlenden Seele). Mevlânâ bringt dies im Mathnawî an vielen Stellen zum Ausdruck. Mathnawî I/1372–1380: „Die Hölle ist der Hochmut der Seele; der Himmel ist die Demut der Seele. Wer nicht vor dem Tod durch seine innere Hölle hindurchgeht, tritt nach seinem Tod in seine äußere Hölle ein." Hier der Analogieschluss: Die äußere Hölle ist die äußere Entsprechung der inneren Hölle; wie ihr Spiegel.

Ibn Arabî systematisiert diese sufische Deutung im 61. Kapitel der al-Futûhât al-Makkîya (dem Höllenabschnitt). In seinem Schema entspricht die Hölle sieben inneren Peinigungszuständen:

  1. Lazâ — der Brand des Hochmuts
  2. Hutama — die Zermalmung des Neides
  3. Saʿîr — das Versengen der Begierde
  4. Saqar — die Verwundung der Achtlosigkeit
  5. Dschahîm — die Tiefe der Heuchelei
  6. Hâwiya — der Abgrund der Beigesellung (Schirk)
  7. Dschahannam (allgemein) — die Summe all dieser schlechten Eigenschaften

Mevlânâ im Mathnawî, Vers V/2055: „Deine Hölle bist abermals du selbst; wenn du dein Herz nicht freundschaftlich (chalîl-gleich) erweichst, findest du am Tag der Auferstehung deine eigenen sieben Seelen vor dir." Hier spielt Mevlânâ auf die Geschichte von der Rettung Ibrâhîms (des Chalîl, des Freundes Gottes) aus dem Feuer an: Ibrâhîms Feuer war zu einem bustân (Rosengarten) geworden, weil sein Herz der Chalîl (der nahe Freund) Gottes war — ist Liebe im Herzen, so verbrennt selbst das äußere Feuer nicht.

Ibn Arabîs umstrittene Lehre von der „Barmherzigkeit der Hölle"

Ibn Arabî stellt die kühnste These der islamischen Eschatologie auf: Die Pein der Hölle wird sich am Ende in „Lust" verwandeln. Diese Lehre, die er im Hârûn-Kapitel der Fusûs al-Hikam und an vielen Stellen der al-Futûhât entwickelt, verläuft in den folgenden Schritten:

Schritt 1: Alles Sein ist die Selbstoffenbarung Gottes (Wahdat al-Wudschûd, Einheit des Seins). Auch die Hölle ist eine Erscheinung Gottes; sie ist keine „von Gott getrennte Wirklichkeit".

Schritt 2: Die Namen Gottes stehen an zwei Polen: den dschamâlî (Schönheit: ar-Rahmân, ar-Rahîm, al-Wadûd ...) und den dschalâlî (Erhabenheit: al-Qahhâr, al-Dschabbâr, al-Muntaqim ...). Die dschalâlî-Namen wirken in der Hölle, die dschamâlî-Namen im Himmel.

Schritt 3: Doch die Barmherzigkeit Gottes übersteigt Seinen Zorn (Hadith: „Meine Barmherzigkeit hat Meinen Zorn überholt"). Dies ist eine ontologische Asymmetrie: die Barmherzigkeit grundlegend, der Zorn akzidentell.

Schritt 4: Folglich verwandelt sich an einem unbestimmten Punkt der Zeit die Pein in der Hölle auf derselben Seinsstufe in eine Form der Befriedigung/Lust. Die Höllenbewohner „leiden" nicht mehr; jenes Feuer wird für sie zu einer Art angepasstem Zustand — so, wie der Salamander im Feuer lebt.

Diese Lehre hat Ibn Arabî mit der klassischen sunnitischen Orthodoxie in Konflikt gebracht. Ibn Taymiyya (1263–1328) steht Ibn Arabî an diesem Punkt nahe (jedoch mit anderen Argumenten), Ibn Qayyim al-Dschauzîya verficht in seinen Werken Hâdî al-arwâh und Schifâʾ al-ʿalîl die These, dass die Hölle sich endgültig leeren werde. In der Moderne haben Gelehrte wie Raschîd Ahmad Gangôhî und Yusuf al-Qaradâwî diese Debatte wieder eröffnet. Lange (2016) betont, wie wichtig diese These der „merciful hell" für die Moralpsychologie des islamischen Denkens ist: Die Lehre von der grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes mildert die existenzielle Last der Vorstellung einer ewigen Pein.

Anmerkung: Ibn Arabî hebt dies nicht im Sinne von „als gäbe es keine Hölle" auf. Die Hölle gibt es, die Pein ist ernst, der Weg ist lang — doch der Endpunkt ist Barmherzigkeit. Dies ist in der vergleichenden Eschatologie die islamische Version der Lehre von der Apokatastasis (Origenes, Gregor von Nyssa).

Vergleichende Perspektive (vier Traditionen)

1. Das christliche Inferno und Dante

In der christlichen Eschatologie ist die Hölle (lateinisch infernus, griechisch háidēs, später géenna) in Dante Alighieris Inferno-Teil der Komödie als neun konzentrische Ringe systematisiert. Jeder Ring entspricht einer bestimmten Sünde, und die Hierarchie ist nach dem Grad der Schwere geordnet:

  1. Limbus (die ohne Taufe Verstorbenen)
  2. Wollust (luxuria)
  3. Völlerei (gula)
  4. Geiz und Verschwendung (avaritia)
  5. Zorn (ira)
  6. Häresie (haeresis)
  7. Gewalt (violentia) — drei Unterbereiche
  8. Betrug (fraus) — zehn Unterbereiche (Malebolge)
  9. Verrat (proditio) — der gefrorene See Cocytus; zuunterst Satan

Dantes Inferno-Struktur ist den islamischen Quellen in zweifacher Hinsicht verpflichtet: (a) Der Liber Scale Machometi (die lateinische Miʿrâdsch-Übersetzung, 1264) trug die Höllenschilderungen nach Europa; (b) Dantes Symmetrie der siebenfachen Struktur (Himmel 9 – Hölle 9 – Purgatorio 7) entspringt derselben archetypischen Mathematik wie Ibn Arabîs sieben-/achtschichtige Struktur. Miguel Asín Palacios (La escatología musulmana en la Divina Comedia, 1919) hat diese Übertragung dokumentiert, sie ist heute akademischer Konsens.

Dantes Hölle ist — der Unterschied — ewig. Die christliche Orthodoxie steht in der Ewigkeit der Hölle auf derselben Position wie die sunnitische Mehrheit des Islams. Doch auch im christlichen mystischen Denken gibt es einen Apokatastasis-Flügel: Origenes (185–254) brachte in Peri Archōn vor, dass alles Sein endgültig zu Gott zurückkehren werde; diese Lehre wurde auf dem Zweiten Konzil von Konstantinopel (553) verurteilt, setzte sich aber über Gregor von Nyssa und Maximus Confessor verborgen fort. In der Moderne hat Hans Urs von Balthasar (Was dürfen wir hoffen?, 1986) diese These wieder eröffnet — die Position „Es mag die Hölle geben, aber wir können über niemanden urteilen, dass er dort bleiben werde". Dies steht der These Ibn Arabîs strukturell sehr nahe.

2. Das hinduistische Naraka

In der hinduistischen Kosmologie ist Naraka (नरक, „die Unterwelt") ein aus sieben (in einigen Purāṇas 28) verschiedenen Schichten bestehender Strafbereich nach dem Tod. Die sieben grundlegenden Naraka: Atala, Vitala, Sutala, Talātala, Mahātala, Rasātala, Pātāla. Unter jeder von ihnen gibt es Unterhöllen, die bestimmten Sünden entsprechen (im Garuda Purāṇa werden 28 gezählt).

Naraka ist nicht ewig — in der hinduistischen Eschatologie ist kein Bereich (Svarga eingeschlossen) ewig. In Naraka währt die Strafe gemäß der Karma-Last der Sünde eine bestimmte Zeit; ist die Zeit um, tritt die Seele wieder in das Rad des Karma ein und wird auf der Erde (oder in einem anderen Bereich) geboren. Dies ist ein struktureller Unterschied zur islamischen Hölle: Im Islam gibt es, sobald der Himmel einmal erreicht ist, kein Heraus, in der Hölle (der Mehrheitsposition zufolge) kein Heraus. Im Hinduismus sind sowohl Naraka als auch Svarga vergänglich.

Doch auch in der hinduistischen Eschatologie gibt es eine Kategorie der endgültigen Erlösung: Moksha (Mokṣa). Moksha ist das Heraustreten aus allen Bereichen (Svarga, Naraka, Bhū-loka); das Ende des saṃsāra. Dies ist die hinduistische Entsprechung des endgültigen Zustands des fanâʾ fî-llâh Ibn Arabîs.

3. Die acht heißen und acht kalten Höllen des Buddhismus

Die buddhistische Eschatologie hat im Kanon des Theravāda (besonders im Devadūta Sutta) und in den Traditionen des Mahāyāna/Vajrayāna ein überaus ausführliches Naraka-System entwickelt. Die klassische Einteilung sind acht heiße Höllen und acht kalte Höllen:

Die heißen Höllen (von oben nach unten, jede achtmal so lang und heftig):

  1. Sañjīva (Wiederbelebung) — der Leib wird zerstückelt, fügt sich sogleich wieder zusammen, wird abermals zerstückelt
  2. Kālasūtra (schwarzer Faden) — der Körper wird mit schwarzen Linien geteilt, mit feurigen Beilen zerhauen
  3. Saṃghāta (die Zermalmende) — sie werden zwischen Bergen zermalmt
  4. Raurava (das Schreien) — sie schreien in flammenden Erd-Verliesen
  5. Mahāraurava (das große Schreien) — heftiger
  6. Tapana (heiß) — sie werden auf Feuerspieße gesteckt
  7. Pratāpana (sehr heiß) — dreizackige Lanzen
  8. Avīci (die unaufhörliche) — die tiefste, unaufhörliche Pein; große Sünder wie Bodhisattva-Mörder kommen hierher

Die kalten Höllen: Arbuda (der wie Blasen anschwellende Körper), Nirarbuda (das schäumende Platzen), Aṭaṭa, Hahava, Huhuva (drei verschiedene Schrei-Tonlagen, die der Kälte entfahren), Utpala-Padma-Mahāpadma (das Aufplatzen des Körpers wie blauer Lotos, roter Lotos, großer Lotos — metaphorische Namen der Erfrierungsgrade).

In der buddhistischen Naraka ist die Dauer astronomisch, aber endlich. In Sañjīva entspricht die Länge eines Tages 500 Jahren der Cātumahārājika-Devas, in Cātumahārājika macht ein Tag 50 Jahre des Menschen aus — das heißt, ein Tag in Sañjīva sind 1.620.000 Jahre des Menschen, und die Dauer dort beträgt 500 (Sañjīva-Jahre) × 360 (Tage) × 1.620.000 = ~2,9 × 10^11 Menschenjahre. Dennoch ist sie endlich: Ist das schlechte Karma erschöpft, gibt es ein Heraus. Für den Buddhisten ist die Hölle ein Mittel der Erziehung, nicht die endgültige Vollendung der Gerechtigkeit.

An diesem Punkt zieht das buddhistische System eine interessante Parallele zur These Ibn Arabîs: In beiden ist die Hölle pädagogisch, nicht ewig. Der Unterschied: Im Buddhismus ist dies das natürliche Wirken des Karma-Gesetzes; bei Ibn Arabî hingegen die metaphysische Vorrangstellung der Barmherzigkeitseigenschaft Gottes.

4. Das jüdisch-kabbalistische Gehinnom und Tiqqun

In der jüdischen Eschatologie ist Gehinnom (גיהנום) — der unmittelbare Ursprung des islamischen dschahannam — ein aus sieben Unterbereichen bestehender Ort der Läuterung. Im klassischen talmudisch-jüdischen Denken währt Gehinnom höchstens 12 Monate (Eduyot 2:10); die Ausnahme davon (Ungläubige, Kindermörder, öffentliche Lästerer) bleibt ewig. Diese Struktur steht der These Ibn Arabîs strukturell am nächsten: für die meisten vorübergehend, für sehr wenige bleibend.

Der klassische Text der Kabbala, der Zohar (13. Jh., Moses de León), deutet Gehinnom als einen siebenschichtigen Tiqqun-Prozess (eine Wiederherstellung). Die qelippa (die Schale, der Aufhäufung des Bösen) jeder Seele wird in Gehinnom verbrannt; sodann steigt die geläuterte Seele zum Gan Eden (zum Paradies) empor. Dies wurde im System der lurianischen Kabbala (Isaac Luria, 1534–1572) noch weiterentwickelt: Der Tiqqun aller Seelen wird mittels des Gilgul (der Reinkarnation) vollendet, und in der endgültigen messianischen Zeit kehrt alles Sein zu seinem Ursprung zurück — abermals Apokatastasis.

Moderner wissenschaftlicher Dialog: höllenartige NDE-Erlebnisse

Das wenig besprochene Gesicht der NDE-Literatur (Nahtoderfahrung): die „distressing" (belastenden) NDE. Bruce Greyson, Nancy Evans Bush (Dancing Past the Dark, 2012) und Pim van Lommel berichten, dass 15–20 % der Erfahrenden höllenartige Erlebnisse durchleben: Dunkelheit, Isolation, die Begegnung mit bösen Wesen, ein Gefühl der Qual. Diese Erlebnisse tragen verblüffende Parallelen zu den islamischen Schilderungen der Grabespein (ʿadhâb al-qabr) und des vorhöllischen Barzach.

Die Typologie von Nancy Evans Bush unterscheidet drei Arten belastender NDE: (1) die inverse NDE — positive NDE-Motive (Tunnel, Licht, Wiedersehen mit Geliebten), aber in furchterregender emotionaler Färbung; (2) die void NDE — endlose Leere, Sinnlosigkeit, existenzielle Verlassenheit; (3) die hellish NDE — klassische religiös-höllische Motive, Feuer, Qual, böse Wesen. Ein erheblicher Teil der Erfahrenden des Typs 3 deutet dies als eine tiefe geistige Wandlung; eine Veränderung im Sinne von „ich muss ein anderes Leben führen" wird berichtet. Dies lässt sich als die moderne phänomenologische Entsprechung der Pädagogik Mevlânâs vom „Hindurchgehen durch die innere Hölle" lesen.

Vorsicht: Diese Parallelen sind kein Beleg, sondern nur eine Motiv-Übereinstimmung. Über die ontologische Wirklichkeit der Hölle lässt sich kein wissenschaftliches Urteil fällen; dies ist eine Sache von Glaube–Vernunft–Erfahrung.

Kritik und Diskussionen

1. Sittliche Kritik: Widerspricht der Begriff der ewigen Hölle dem Gerechtigkeitsbegriff? Wie verhält sich eine in einem begrenzten Leben begangene begrenzte Sünde zu einer ewigen Strafe? Dies ist das stärkste sittliche Argument, das die These Ibn Arabîs stützt. Von den zeitgenössischen Theologen systematisiert David Bentley Hart (That All Shall Be Saved, 2019) dieses Argument für die christliche Theologie; sein Argument spricht für das universale Heil (universal salvation).

2. Pastoral-pädagogische Kritik: Verhindert die Höllenfurcht die wirkliche geistige Entwicklung? Das berühmte Gebet Râbiʿa al-ʿAdawîyas („Wenn ich Dir aus Furcht vor der Hölle diene, so verbrenne mich in der Hölle") ist gerade das praktische Zur-Sprache-Kommen dieser Kritik. In der sufischen Pädagogik wird auf der höchsten Stufe das Gleichgewicht von chauf-radschâʾ (Furcht-Hoffnung) überstiegen, und die mahabba (Liebe) rückt in die Mitte.

3. Vergleichende Kritik: Ist die Höllenlehre nicht nur ein Merkmal der nahöstlich-mediterranen Welt? Ostasien (der konfuzianische Mainstream) ist von der Höllenschilderung weit weniger beeinflusst. Doch in der chinesisch-japanischen Adaptation des Buddhismus wurden ausführliche Höllen-Ikonographien (besonders das Jūō-System der Zehn Richter, chinesisch Shíwáng) entwickelt. Dennoch zeigt in Ostasien die Dimension der „Gewissens-Hölle" (das Sichstellen der Person vor ihrem eigenen liang xin, ihrem sittlichen Gewissen) eine Parallele zur muhâsaba-Praxis des islamischen Sufismus.

4. Kritik an der These Ibn Arabîs: Die klassische sunnitische Position (besonders Imam Taqî ad-Dîn as-Subkî) bringt vor, dass Ibn Arabîs Lehre von der „merciful hell" eine mittelbar muʿtazilitische Position sei, und vertritt, dass sie dem klaren Wortlaut (zâhir) der Ewigkeits-Aussagen des Korans (al-Baqara 2/167) widerspreche. Ibn Arabîs Gegenargument: Das ewige Verweilen (châlidîna fîhâ) bezeichnet das Sich-in-der-Hölle-Befinden, schließt aber den Wandel der Qualität des dortigen Zustands nicht aus. Dies ist eine feine, aber wichtige Unterscheidung.

Praktische Implikationen: die Praxis des Schutzes vor der Hölle

In der klassischen Sufi-Tradition wirkt die Praxis des Schutzes vor der Hölle auf zwei Ebenen:

Die äußere (zâhir) Ebene (für den allgemeinen Gläubigen):

  1. Die Pflichtgottesdienste (Gebet, Fasten, Almosen, Pilgerfahrt)
  2. Das Meiden der großen Sünden
  3. Die Reue (tauba-i nasûh)
  4. Das Gedenken (Dhikr) der Namen Gottes (besonders der Asmâʾ al-dschalâlîya)

Die innere-mystische (bâtin) Ebene (für den Sufi):

  1. Muhâsaba — die tägliche Selbstprüfung; die tägliche Anwendung der kleinen Auferstehung
  2. Murâqaba (Murâqaba) — die Erziehung der nafs-i ammâra durch das Herzens-Dhikr
  3. Suhba (geistiges Gespräch) — das Gewahrwerden der inneren Hölle durch die Schulung von Scheich und Schüler
  4. Fanâʾ (Fanâ) — das Sterben der Seele, der kleine Tod; ist dieser erlebt, schwindet das Schreckenerregende des großen Todes

Mevlânâ im Mathnawî I/3927: „Wenn du die Hölle deines Herzens zu löschen vermagst, ist die Hölle nach deinem Tod ohnehin, als gäbe es sie nicht — denn dort ist nichts mehr geblieben, das brennen könnte." Dies ist der Kern der sufischen Pädagogik: Die Hölle ist keine äußere Bedrohung, sondern ein innerlich zu löschender Brand.

Fazit: die drei Dimensionen der Hölle und eine Hoffnung

Um die Hölle ganzheitlich zu verstehen, muss man drei Dimensionen zugleich festhalten: (a) die äußere-eschatologische — die konkrete Schilderung des Korans, die sieben Tore, die endgültige Vollendung der Gerechtigkeit; (b) die innere-mystische — die Widerspiegelung des Zustands der nafs-i ammâra, der Prozess der inneren Läuterung; (c) die vergleichend-archetypische — die strukturelle Verwandtschaft mit Inferno, Naraka, den acht Höllen. Über all diesen steht eine vierte Dimension: die These Ibn Arabîs von der Barmherzigkeit der Hölle — das endgültige Aufgehen der endlosen Pein in der grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes. Diese These ist eine der tiefsten theologischen Aussagen der islamischen Eschatologie und ein Mitglied derselben archetypischen Familie wie die christliche Apokatastasis, der jüdisch-lurianische Tiqqun und die hinduistische Moksha-Lehre.

Mit dem Schlusswort Mevlânâs: „Der Herr, dessen Barmherzigkeit allüberall hinreicht, kann nicht den Zorn zu Seinem letzten Wort haben."