Glossar & Vergleich

Das Böse im Vergleich: Iblîs, Māra, Satan und die Verführung der Maya

Ein Vergleich des Bösen und der verführenden Gestalt in fünf großen Traditionen: der islamische Iblîs, der buddhistische Māra, der christliche Satan, die hinduistische Maya, der zarathustrische Ahriman. Ontologischer Status, Strategie und Weg der Überwindung.

35 Verbindungen Glossar & Vergleich Auf der Karte zeigen → ⌛ Moderne

Definition: Das personifizierte Gesicht des Übel-Problems

Eine der schwierigsten Wegkreuzungen der vergleichenden Spiritualitätsforschung ist die Frage nach dem Ursprung des Bösen. Jede große Tradition hat das Böse entweder als ein ontologisches Wesen (den Satan als wirkliche Person/Macht), als ein psychologisch-kosmologisches Prinzip (etwa die Verführung der hinduistischen Maya) oder als einen Mangel an Sein (das augustinische privatio boni, Thomas von Aquin) bestimmt. Diese drei Hauptachsen — Person, Prinzip und Mangel — verbinden und trennen zugleich die verführende Gestalt der fünf Traditionen (Islam, Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Zarathustrismus).

Wie Karen Armstrong in ihrem Werk A History of God (1993) feststellt: „Die Gestalt des Satans ist in den monotheistischen Traditionen ein theologischer Ausgleichsmechanismus, den das Bedürfnis hervorgebracht hat, das Böse zu erklären und zugleich einen absoluten Dualismus abzulehnen." Wie Stephen Prothero in seinem Werk God Is Not One (2010) betont, erfüllt das personifizierte Gesicht des Bösen nicht in jeder Tradition dieselbe Funktion: im Islam ist Iblîs der Wächter der Prüfung, im Buddhismus ist Māra der Feind, der an der Schwelle des Erwachens steht, im Christentum ist Satan das Sinnbild der kosmischen Auflehnung, im Hinduismus ist Maya ein nicht personifizierter Schleier der Illusion, im Zarathustrismus ist Ahriman der ontologische Gegenpart des Lichts.

Der Vergleich dieser fünf Gestalten ist nicht nur eine akademische Übung, sondern grundlegend, um die alltägliche Logik der spirituellen Praxis zu verstehen. Das Bemühen eines Sufis, sich durch den zikr (Gottesgedenken) vor der Einflüsterung des Iblîs zu schützen, und die Antwort eines buddhistischen Yogi auf die Heere Māras mittels der bhūmisparśa-mudrā drücken dieselbe Schwellenerfahrung mit unterschiedlichen kosmologischen Grammatiken aus. Wie Huston Smith in The World's Religions (1991) feststellt: „Die Diagnose des Bösen bestimmt in einer Tradition ebenso sehr die Therapie wie die Befundung."

Vergleichstabelle

Dimension Iblîs (Islam) Māra (Buddhismus) Satan (Christentum) Maya (Hinduismus) Ahriman (Zarathustrismus)
Etymologie arab. iblāsa (Verzweiflung) / griech. diabolos (Verleumder) skt. māra (Tod, der Tötende) hebr. śāṭān (Ankläger, Widersacher) skt. māyā (Maß, Zauber, Illusion) aw. aŋra mainyu (zerstörerischer Geist)
Ontologischer Status erschaffener Dschinn (aus den Dschinn, aus Feuer) aus der Deva-Klasse gefallene Gottheit gefallener Engel (Luzifer) kosmisches Prinzip (nicht personifiziert) Gott gleichgestellte Gegenmacht (radikaler Dualismus)
Ursprung des Bösen Hochmut — Verweigerung der Niederwerfung (Koran 7,11–13) Begierde, Tod, Schlaf, Triebkraft des Saṃsāra Auflehnung gegen Gott, Eifersucht das Verhüllen des Brahman; Unwissenheit (avidyā) absolute Finsternis; strukturelle Gegnerschaft zu Ahura Mazda
Strategie vesvese (Einflüsterung), istidrâc (allmähliches Verleiten) die Heere Māras: Furcht, Begierde, Hunger, Durst, Trägheit, Lob, Hochmut Lüge, Verlockung, Anstiftung zu Eifersucht das Verhüllen des Atman durch die fünf Hüllen (kośa) das Beflecken der Geschöpfe, das Bringen von Krankheit und Tod
Weg der Niederlage euzü-besmele (Schutzformel), zikr, Zuflucht zu Gott unter dem Bodhi-Baum die bhūmisparśa-mudrā — der Anruf der Erde zur Bezeugung das Opfer Christi (atonement), der Glaube das Durchstoßen der Illusion durch jñāna (Wissen) eschatologische Niederlage mit dem Kommen des Saoshyant (frashokereti)
Therapie tezkiyetü'n-nefs (Läuterung der Seele), muhâsaba (Selbstprüfung) Vipassanā, śīla, die vier edlen Wahrheiten Taufe, Kommunion, Gebet das jñāna-Yoga des Vedānta, viveka rituelle Reinigung, gegen die druj gerichtetes Handeln
Art des Dualismus weich (er existiert mit Gottes Erlaubnis) psychologisch/funktional (in Wahrheit als „Nicht-er-selbst" vorhanden) konfliktreich, aber Gott herrscht erscheinungshaft (Brahman ist die einzige Wirklichkeit) hart/ontologisch (zwei urewige Quellen)
Geschichte Koran, Hadith, Mevlanas Mathnawî-Kommentare Padhāna Sutta, Lalitavistara, Mara-Saṃyutta Buch IjobNeues Testament → Augustinus → Milton Rig VedaUpaniṣaden → Adi Śaṅkara AvestaBundahishn → Pahlavi-Texte
Rolle beim Weltende wird in die Hölle geworfen (Koran 7,18) von Buddha bereits besiegt; aber er kehrt wieder Offenbarung 20,10 — wird in den Feuersee geworfen wird im Augenblick der mokṣa individuell ausgelöscht vergeht in der frashokereti
Moderne psychologische Lesart Projektion der nefs-i emmâre geistige Befleckungen (kleśa) der verdrängte Schatten (Jung) avidyā und psychologische Selbsttäuschung zerstörerische Triebe (Thanatos)

Iblîs: die Ontologie des Hochmuts

Im Koran ist die Geschichte des Iblîs (al-Baqara 2,34; al-Aʿrâf 7,11–18; al-Hicr 15,28–44; Sâd 38,71–85; al-Isrâ 17,61–65; Tâ-Hâ 20,116–117) der Kern der gesamten islamischen Theologie und der Deutung des Bösen in der Sufik. Als Gott den Engeln befiehlt, sich vor Adam niederzuwerfen, widerspricht Iblîs — der zu den Dschinn gehört und aus Feuer geschaffen ist: „Ich bin besser als er; mich hast du aus Feuer geschaffen, ihn aus Lehm." Dieser Fehler des qiyâs (Analogieschluss) wird in der Sufi-Tradition zum Sinnbild von Freiheit und Hochmut.

Der Name Iblîs kommt etymologisch über zwei Kanäle: von der arabischen Wurzel balasa — „in Verzweiflung geraten" — oder von der arabisierten Form des griechischen diabolos „Verleumder". Schaytân (Satan) wiederum kommt vom hebräischen śāṭān „Widersacher"; mit dem Beiwort „racîm" (gesteinigt) erscheint er in der Formel „asch-schaytân ar-racîm". Der Koran gebraucht Iblîs und Satan bald gleichbedeutend, bald getrennt; Satan kann auch eine weitere Klasse böser Dschinn umfassen.

Wie auch Wendy Doniger und andere vergleichende Religionswissenschaftler hervorheben, ist Iblîs kein kosmisches Gegenprinzip; vielmehr ist er ein Wesen, dem mit Gottes Erlaubnis Aufschub gewährt wurde, um den Menschen weiterhin zu prüfen. In dieser Hinsicht ist er fern vom radikalen Dualismus. In den klassischen Sufi-Texten ist Iblîs eine paradoxe Gestalt:

Die grundlegende Strategie des Iblîs ist die vesvese: die stille Einflüsterung, die ins Herz geworfen wird. Im Koran erscheint in der Sure an-Nâs der Ausdruck „al-waswâs al-khannâs" — der Einflüsterer, der sich zurückzieht und erneut angreift. In der Sufi-Praxis ist der zikr eben eine Gegenschwingung, um diese vesvese zum Schweigen zu bringen; wenn der zikr sich im Herzen festsetzt, findet die vesvese keinen Eingang.

Die Lehre von der nefs-i emmâre (Yûsuf 12,53) verweist auf das Unter-Selbst, das die vesvese des Iblîs annimmt und das Böse gebietet. Das grundlegende begriffliche Ziel des sufischen seyr-i sülûk (Pfad der inneren Reise) ist die Erhebung der Seele von der emmâre über die levvâme, mülhime, mutmainne, râziye, marziye bis schließlich zu den Stufen der sâfiye/kâmile. Auf jeder Stufe dieses Prozesses wandelt sich der Typus der Iblîs-Einflüsterung: auf der emmâre grobe Begierden, auf der mutmainne der geistige Hochmut.

In der Hadith-Literatur wird eine Iblîs-Typologie entwickelt: praktische Einzelheiten, etwa dass Iblîs „zwischen den beiden Adern" des Muslims umhergeht (Buchârî), dass er ihn zur Gebetszeit ablenkt, dass er sich bei der Notdurft nähert.

Māra: der Feind an der Schwelle des Erwachens

Die Gestalt des Māra im Buddhismus arbeitet mit einer anderen Logik als Iblîs. Māra, der im Sanskrit und Pali „der Tötende" bedeutet, ist die personifizierte Gestalt des Todes, der Begierde, der Unwissenheit und der Anziehungskraft des Saṃsāra. Wie Huston Smith in The World's Religions (1991) feststellt: „Māra ist nicht die gefallene Gestalt des Satans, sondern die gemeinsam gefallene Gestalt von Eros und Thanatos."

Die berühmteste Erscheinung Māras ist die Szene an der Schwelle der Erleuchtung (bodhi) Buddhas. In den Texten Padhāna Sutta (Sutta Nipāta 3.2), Lalitavistara und Mahāvastu greift Māra mit den Folgenden unter seinem Befehl an (den Heeren Māras, Māra-senā):

  1. Kāma — sinnliche Begierde
  2. Arati — Unzufriedenheit
  3. Kṣut-pipāsā — Hunger und Durst
  4. Tṛṣṇā — Durst, Verlangen
  5. Thīna-middha — Mattigkeit und Schlaf
  6. Bhīrū — Furcht
  7. Vicikicchā — Zweifel
  8. Makkha-thambha — Heuchelei und Starrheit
  9. Lābha-siloka — Gewinn, Lob, Ruhm
  10. Att-ukkaṃsanā — Selbsterhöhung

Buddha antwortet auf diese Angriffe mit der bhūmisparśa-mudrā — der Geste der Erdberührung: „Die Erde ist mein Zeuge." Diese Szene ist in der Ikonographie als māravijaya (die Niederlage Māras) bekannt und ist die am häufigsten dargestellte Szene der Skulpturkunst Thailands, Burmas und Sri Lankas.

In den Traditionen des Mahayana und besonders des Vajrayana wird Māra in vier Kategorien eingeteilt:

Diese vierfache Unterscheidung zeigt, dass Māra nicht nur ein äußerer Feind, sondern eine psychologische Typologie ist. Jeder buddhistische Yogi erkennt diese vier Māra in seiner eigenen Praxis und begegnet ihnen der Reihe nach:

In der Tradition des tibetischen Buddhismus wird Māra zu einer noch feiner geschichteten psychologischen Kartierung. Dudjom Lingpa und andere Nyingma-Meister deuten Māra als „lhag-mtshan" — die im Bewusstsein verbliebenen Bodensätze auf dem geistigen Weg.

Der eigentümliche Beitrag des Buddhismus ist dieser: Māra existiert, aber er existiert nicht „aus sich selbst" (svabhāva-rahita); auch er besitzt als Teil der śūnyatā (Leerheit) keine letzte Wirklichkeit. Die Niederlage Māras vollzieht sich nicht dadurch, dass man gegen ihn kämpft, sondern dadurch, dass man seine Leerheit sieht. Dies ist der tiefste strukturelle Unterschied zum Islam: Iblîs „existiert" gegenüber Gott ontologisch — als ein erschaffener Dschinn; aber die Existenz Māras ist bereits in die Leerheit eingesickert.

Satan: die kosmische Niederlage des gefallenen Engels

Der christliche Satan (hebr. śāṭān „Widersacher, Ankläger"; griech. diabolos „Verleumder") ist theologisch die komplexeste Gestalt. Bernard McGinn betont in seiner Reihe Heaven and Hell in Christianity und in seinem Werk Antichrist: Two Thousand Years of the Human Fascination with Evil (1994) folgende drei Stufen:

  1. Hebräische Bibel: im Buch Ijob ist ha-satan noch kein Eigenname, sondern eine Rollen-Gestalt, ein Mitglied des göttlichen Rates im Sinne des „Gegners/Klägers". Mit Gottes Erlaubnis prüft er Ijob. Hier ist Satan noch nicht der „Feind des Bösen", sondern der „Gerichtsankläger Gottes".
  2. Judentum des Zweiten Tempels: in der Literatur des Ersten Buches Henoch und der erhöhten gefallenen Engel personifiziert sich Satan zunehmend; unter Namen wie Asasel, Belial, Mastema wird er zu einer eigenen Person des Bösen. Der persische Einfluss (Zarathustrismus) wird in dieser Phase betont — in der Zeit nach dem babylonischen Exil nimmt die jüdische Angelologie und Dämonologie deutlich dualistische Töne an.
  3. Neues Testament und Patristik: die Versuchung Jesu in der Wüste (Matthäus 4,1–11; Lukas 4,1–13), der kosmische Krieg in der Offenbarung (Offb 12) und Paulus' Ausdruck kosmokratōr tou skotous („Weltherrscher der Finsternis", Epheser 6,12) verorten Satan als den zeitweiligen Herrscher des Universums.

Elaine Pagels hat in ihrem Werk The Origin of Satan (1995) die Soziologie der Erschaffung eines „Anderen von innen" durch das Auftreten Satans als eigene Person untersucht: während die frühchristlichen Gemeinden mit Juden, Römern und untereinander rivalisierten, verfestigte sich die Vorstellung, dass die gegnerische Gruppe von Satan angestiftet sei. Henry Ansgar Kelly wiederum zeichnet in Satan: A Biography (2006) die „Biographie" Satans nach — wie die kanonischen Texte ein Personen-Porträt aufgebaut haben.

Wie McGinn in seiner Arbeit Inferno: A Historical Study of Hell (2003) feststellt, setzt sich die christliche Theologie mit Augustinus (354–430) und Aquinas (1225–1274) in der Lehre des privatio boni fest: das Böse ist keine wirkliche Substanz, sondern die Abwesenheit des Guten. Satan war einer der vollkommensten Engel (Luzifer — „Lichtträger"), ehe er durch die Abkehr von Gott fiel; sein Fall hat ihn in einen ontologischen Mangel versetzt.

Miltons Paradise Lost (1667) ist der literarische Gipfel dieser Theologie. Miltons Satan ist eine bis zur Bewunderung tragische Gestalt — wie Blake sagte: „Milton war, als er Paradise Lost schrieb, unwissentlich auf der Seite Satans." Diese romantische Lesart (Byron, Shelley) rahmt Satan neu als den der Tyrannei trotzenden Helden; gegen die augustinische Hierarchie.

In der christlichen Mystik — besonders bei Meister Eckhart, Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz — durchläuft die Strategie Satans viele feine Abstufungen:

Die Strategie Satans ähnelt der des Iblîs strukturell (Hochmut, Auflehnung), aber der große Unterschied im Christentum ist dieser: Satan ist durch das Opfer Christi am Kreuz auf kosmischer Ebene besiegt; zurück bleibt nur die eschatologische Tilgung. Nach Aquinas wird Satan am Ende der Welt in den bodenlosen Abgrund geworfen (Offb 20,10). In dieser Hinsicht zeigt die christliche Eschatologie eine strukturelle Äquivalenz mit dem zarathustrischen frashokereti.

Maya: das Böse als Illusion

Maya (skt. māyā „Messung, Zauber") ist im Hinduismus keine personifizierte Gestalt des Bösen, sondern ein kosmischer Schleier. Wendy Doniger warnt in The Hindus: An Alternative History (2009) und On Hinduism (2014): „Maya als ‚das Böse' zu übersetzen ist irreführend; Maya ist sowohl die schöpferische Kraft des Brahman als auch der Schleier, der über die individuelle Erkenntnis fällt."

Im Vedānta ist Maya zweiseitig:

In Adi Śaṅkaras Advaita-System ist die Welt mithyā — weder ganz wirklich noch ganz Illusion. Maya ist nicht böse, aber sie ist der Schleier, der den Menschen von der Einheit von Brahman und Atman entfernt. In dieser Hinsicht ähnelt Maya weniger dem Iblîs als vielmehr dem Māra: ein psychologisch-kosmologisches Hindernis.

Śaṅkaras klassische Metapher ist die Situation des rajju-sarpa — eine Schnur für eine Schlange zu halten. Eine im Dunkeln liegende Schnur erscheint, wenn das Licht unzureichend ist, als Schlange; kommt das Licht, verschwindet die Schlange. Weder ist die Existenz der Schnur unwirklich, noch ist die Erscheinung der Schlange eine völlige Illusion. Maya repräsentiert diese mithyā-Schicht.

Ramakrishna (1836–1886) lehrt, dass Maya als „Mahā-māyā" die göttliche Mutter (Kālī) ist und dass der Einzelne sie durch ihre Gnade überwinden kann. In dieser Deutung ist Maya nicht böse; sie ist ein Teil des Spiels (lila) Gottes. Sri Aurobindo liest in The Life Divine (1939–1940) Maya nicht nur als ein negatives Verhüllen, sondern als einen positiven Aspekt der schöpferischen Cit-Shakti des Brahman.

Demgegenüber gibt es auf der populär-mythologischen Ebene des Hinduismus die Asuras (Vritra, Ravana, Mahishasura, Hiranyakashipu) und Rakshasas als personifizierte Gestalten des Bösen. Diese sind der Gegenpart des Dharma, aber nicht absolut wie Satan; ein Asura kann im nächsten Leben ein Gott, ein Gott ein Asura werden. Wie Doniger sagt, ist in der hinduistischen Kosmologie „das Böse niemals absolut, sondern stets eine rollen-wechselnde Position".

In den hinduistischen Epen (Ramayana, Mahabharata) triumphieren die Asuras im Kaliyuga, aber die Avatare Vishnus (besonders Kalki) stellen im nächsten Krta Yuga die Gerechtigkeit wieder her. Diese zyklische Kosmologie ist von der abrahamitischen linearen Eschatologie (Schöpfung → Fall → Erlösung → Gericht) strukturell verschieden.

In der Tantra-Tradition — besonders im kaschmirischen Schivaismus und im bengalischen Schaktismus — wird Maya nicht abgelehnt, sondern im Gegenteil als heilige Kraft neu verortet. Maya ist die Schakti des Brahman; nicht gegen sie zu kämpfen, sondern sie zu erkennen — ihre Einheit mit dem Brahman zu begreifen — ist die Erlösung. Dies ist das philosophische Fundament der „vāmācāra"-Praktiken (Tantra des linken Weges).

Ahriman: die einzige Tradition der absoluten Finsternis

Der Zarathustrismus ist das einzige große Beispiel des radikalen Dualismus. Im Avesta sind zwei urewige Geister — Spenta Mainyu (heiliger/schöpferischer Geist) und Angra Mainyu (zerstörerischer Geist, später Ahriman) — die zwei Quellen des Seins. Alles, was Ahura Mazda erschafft, ist gut; alles, was Ahriman erschafft (Krankheit, Tod, Befleckung, Lüge), ist böse.

Dieser harte Dualismus ist in Mary Boyces Arbeit A History of Zoroastrianism (1975–1991, 3 Bände) und Zoroastrians: Their Religious Beliefs and Practices (1979) ausführlich untersucht worden. Ahriman wird nicht aus eigener Kraft besiegt; erst im Augenblick der eschatologischen frashokereti (Erneuerung) wird er gemeinsam mit dem Saoshyant (der Erlösergestalt) beseitigt.

Im Zarathustrismus ist der Dualismus auf metaphysischer Ebene urewig, aber nicht ewig. Das heißt, die Zweiheit war von Anfang an da, aber sie wird nicht auf ewig fortdauern. Im Augenblick der frashokereti (frashegird, „herrliche Erneuerung") — der das Ende der kosmischen Geschichte ist — wird das Böse vergehen und die Einheit wiederhergestellt werden. In dieser Hinsicht ist der Zarathustrismus eschatologisch monistisch, aber gegenwärtig-geschichtlich dualistisch.

Manis gnostisches System (Manichäismus, persisch, 3. Jahrhundert) macht diesen Dualismus noch härter: die Materie ist absolut böse, der Geist absolut gut. Dass der Manichäismus die Jugendzeit des Augustinus prägte (Augustinus war neun Jahre lang Manichäer), erklärt die spätere Betonung des augustinischen privatio boni — dass das Böse keine eigenständige Substanz ist.

Dass der zarathustrische Dualismus die jüdisch-christliche Eschatologie beeinflusst hat — besonders nach dem babylonischen Exil — ist eine verbreitete akademische These (Boyce, Yamauchi). Elemente wie die Personifikation Satans, die Zweiheit von Engel und Satan, der Tag des Weltgerichts, das Letzte Gericht, die Auferstehung, die Unterscheidung von Himmel und Hölle mögen über diesen Kanal eingeflossen sein. Im antiken Judentum (zur Zeit der Tora) gibt es fast keines dieser Elemente; im nachbabylonischen Judentum (Daniel, Makkabäer) treten sie auf.

Sufisch-vedāntische Synthese: die Liebe des Iblîs, die Gnade der Maya

In den tiefen Lesarten der Sufik und des Vedānta taucht der Gedanke auf, dass die Gestalt des Bösen ein Teil des göttlichen Spiels (lila / Weisheit) ist:

Diese Synthese bringt zu klassischen Fragen wie „Soll Iblîs Buße tun?" neuartige Antworten. In Ibn Arabîs System wird, da Gottes Barmherzigkeit seinen Zorn übersteigt, letztlich selbst Iblîs zurückkehren; aber dies steht im Widerspruch zur mehrheitlich sunnitischen Lehre.

Vergleich der Methoden der Therapie/Überwindung

Tradition Weg der Überwindung des Bösen Schlüsselpraxis Schlüsseltext
Sufik tezkiyetü'n-nefs, zikr, muhâsaba zikr, murâqaba, sohbet (geistiges Gespräch) Ihyâʾ ʿUlûm ad-Dîn (Ghazzâlî)
Buddhismus śīla + samādhi + prajñā (dreifache Schulung) Vipassanā, ānāpānasati, mettā Visuddhimagga (Buddhaghoṣa)
Christliche Mystik Taufe, Eucharistie, Gebet, Blick auf das Kreuz Lectio divina, Hesychasmus, Herzensgebet The Cloud of Unknowing
Vedānta viveka (Unterscheidung) + vairāgya (Entsagung) jñāna-Yoga, neti neti, Selbstergründung Vivekacūḍāmaṇi (Śaṅkara)
Zarathustrismus asha (Wahrhaftigkeit) + gutes Denken-Reden-Handeln Yasna-Ritual, Feuerkult, Reinigung Yasna (Gathas)

Diese Methoden der Therapie ähneln einander auch in den Einzelheiten in frappierender Weise. Alle folgen der folgenden dreiphasigen Struktur: (1) Befundung — das Erkennen der Existenz und des Mechanismus des Bösen/der Unwissenheit/der Begierde, (2) Praxis — eine wiederholte Disziplin, sei es zikr, sei es Vipassanā, sei es neti neti, sei es das hesychastische Herzensgebet, (3) Umwandlung — die schrittweise Umerziehung des Herzens/Geistes. William James bestimmt in Varieties of Religious Experience (1902) diese Struktur als das Modell der „zweiten Geburt" (second birth): die Wiedervereinigung des Selbst nach einer Krise. In den Wurzeln der modernen Psychotherapie (kognitiv-behavioral, achtsamkeitsbasiert, transpersonal) liegen diese geistigen Therapiemodelle.

Das Böse und der freie Wille: vergleichende Philosophie

Die Lehren vom Bösen sind unmittelbar mit der Debatte um den freien Willen verbunden. Die fünf Traditionen lösen diese Frage unterschiedlich:

Die vergleichende Erörterung dieser Frage wird in John Hicks Werken Evil and the God of Love (1966) und The Problem of God in the History of Religions (1977) mit dem Soul-Making-Theodizee-Modell synthetisiert. Hicks These: das Böse ist für das Wachstum der Seele (soul-making) notwendig. Dies ist ein Theodizee-Modell, das der islamischen Prüfungslehre und der origenistisch-christlichen Apokatastasis parallel läuft.

Die Symbolik des Bösen: Schlange, Skorpion, Drache

Die fünf Traditionen verwenden gemeinsame Motive, um das Böse zu symbolisieren. Die Schlange ist die Verführerin in Genesis 3 (jüdisch-christliche Tradition); zugleich der vedische Vritra (Dürre-Drache, von Indra getötet); in der ägyptischen Mythologie Apophis (der Feind der Sonne); in der griechischen Mythologie Tiamat ähnelnde Drachen. Joseph Campbell zeigt in The Hero with a Thousand Faces (1949) die strukturelle Ähnlichkeit dieser Symbole.

Im Islam ist diese Symbolik feiner; Satan wird nicht unmittelbar mit einem Tier gleichgesetzt, aber es gibt Ausdrücke wie „schwarzer Hund" (in den Hadithen über den Schutz der Kinder durch den Propheten Muhammad) oder rauchhafter Qualm. Im tibetischen Buddhismus werden die sechs Gifte (etwa Unwissenheit — Schwein, Gier — Hahn, Hass — Schlange; im Zentrum des bhavacakra) mit Tiersymbolen dargestellt.

In der Sufi-Tradition sind Skorpion und Schlange Symbole der nefs-i emmâre. Ibn Arabî schildert in den Futûhât, wie diese Tiere in der Prüfung der geistigen Praxis innerlich in Erscheinung treten. Kindheitsängste, Nachtträume und die in der geistigen Praxis auftauchenden Bilder des „angreifenden Tieres" sind in der jungianischen Lesart der Ausdruck der verdrängten Anteile der Seele (nefs).

Moderne Widerspiegelung: Schatten, Trauma und die Psychologie des Bösen

In C.G. Jungs Werken Aion (1951) und Antwort auf Hiob (1952) wird die Gestalt Satans/Iblîs als „der Schatten Gottes" gedeutet — das heißt als eine Projektion des im kollektiven Unbewussten verdrängten Gegenpols. In Jungs Archetypen-Theorie sind Māra, Iblîs, Satan und Maya immer unterschiedliche kulturelle Gewänder desselben Archetypus des „Feindes/Verführers".

Das Grundargument, das Jung in Aion behandelt, ist dieses: während der christliche Gottesbegriff als summum bonum (höchstes Gut) verortet wird, ist seine dunkle Seite (Satan) verdrängt worden und so in pathologischen Formen in die Geschichte zurückgekehrt (Inquisition, Religionskriege, moderne Totalitarismen). Die gesunde Individuation besteht darin, im Gottesbild die Ganzheit — die coincidentia oppositorum — wiederzugewinnen.

Dies deckt sich mit der perennialistischen Lesart, hat aber einen strukturellen Unterschied: während die Perennialisten die wirklichen kosmischen Entsprechungen dieser Gestalten anerkennen, rahmt die jungianische psychologische Lesart sie als eine innere Aufgabe der Integration neu. Die meisten modernen spirituellen Praktiken (besonders New Age und transpersonale Therapie) übernehmen die jungianische Linie.

Aus der Sicht der Trauma-Theorie (Bessel van der Kolk, The Body Keeps the Score, 2014) ist die moderne Lesart des Bösen strukturell: traumatisierende Systeme (Kolonialismus, Rassismus, geschlechtsbezogene Gewalt, ökonomische Ausgrenzung) sind die „nicht personifizierten, aber verstrukturlichten" Erscheinungsformen des Bösen. Dies bietet eine kritische Alternative für jene Fälle, in denen die personifizierte Gestalt des Bösen der Religion unzureichend bleibt.

Stephen Prothero warnt an diesem Punkt: „Alle Traditionen in dieselbe psychologische Sprache zu übersetzen heißt, ihre Unterschiede zu verlieren." Die vesvese des Iblîs und die Heere Māras sind nicht dasselbe; das eine konzentriert sich auf die Problematik des Ungehorsams, das andere auf die des Anhaftens. Marc Edmund Jones und andere vergleichende spirituelle Autoren betonen die pragmatische (für die Lebenspraxis relevante) Bedeutung dieses Unterschieds: wenn ein Muslim mit dem zikr die vesvese zum Schweigen bringt, ist das, was er tut, qualitativ eine andere Handlung als wenn ein Buddhist mit seiner Vipassanā die geistigen Befleckungen beobachtet.

Das Böse und die gesellschaftliche Struktur: moderne kritische Lesarten

Neben den klassischen personifizierten Gestalten des Bösen hebt die moderne kritische Theorie (Frankfurter Schule, Foucault, postkoloniale Kritik) die strukturellen Dimensionen des Bösen hervor. Der Begriff der „Banalität des Bösen" (banality of evil) in Hannah Arendts Werk Eichmann in Jerusalem (1963) zeigt, wie die modernen Staatsbürokratien ungeheure Übel durch die Hand „ganz gewöhnlich ihre Pflicht erfüllender Personen" hervorbringen.

Dies lehnt die Iblîs-/Māra-/Satan-Gestalten der klassischen Traditionen nicht ab, sondern ergänzt sie. In der vergleichenden Spiritualitätsforschung untersuchen Pankaj Mishra in Age of Anger (2017) und Charles Taylor in A Secular Age (2007), wie die Gestalten des geistigen Bösen mit der Moderne neu gerahmt werden. Während der moderne Säkularismus den Satan ablehnt, bringt er neue „Gestalten des Bösen" hervor — Rassismus, Totalitarismus, ökologische Zerstörung; diese Gestalten sind nicht personifiziert, sondern strukturell.

Die postkoloniale Kritik (Edward Said, Orientalism 1978; Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde 1961) zeigt, wie die westliche Kolonialgeschichte den „Anderen" dämonisiert hat — etwa indem sie den Islam als „mittelalterliche Barbarei" rahmt. Dies ist eine wichtige Warnung dafür, wie die traditionsinternen Satan-Gestalten als politisches Werkzeug gebraucht werden können.

Gegen-Gestalten: die symbolischen Repräsentanten der Überwindung des Bösen

Jede Tradition bietet eine Gegen-Gestalt, die das Böse überwindet. Auch der Vergleich dieser Gegen-Gestalten ist lehrreich:

Die strukturelle Ähnlichkeit dieser Gegen-Gestalten (verborgen, zukunftsgerichtet oder innerlich-mystisch) erinnert an Mircea Eliades Archetypus des „Heldenmythos" und an Joseph Campbells „Reise"-Erzählung.

Schluss: Fünf Gesichter, eine Schwelle

Die fünf Traditionen bieten fünf verschiedene Gesichter des Bösen/des Verführers. Aber alle bewachen dieselbe funktionale Schwelle: die Pforte des Menschen, die sich zum Erwachen (marifet, bodhi, theosis, mokṣa, frashokart) öffnet. An dieser Schwelle:

Wie die Vielheit des Absoluten, die wir in der Notiz Das Absolute im Vergleich untersucht haben, so hat auch das Böse eine Vielheit, aber die letzte Diagnose ist eine einzige: dort, wo das Wirkliche verborgen bleibt, beginnt das Un-Wirkliche, Ansprüche zu erheben. Hier liegt der Wert der vergleichenden Arbeit verborgen — werden die Nuancen der fünf Traditionen zusammengenommen, so gelangt man zu einem dreidimensionalen Begreifen, das das Böse zugleich personifiziert, psychologisiert und verstrukturlicht.

Eine praktische Zusammenfassung für den modernen spirituellen Leser: den Hochmut (Iblîs), das Anhaften (Māra), die Lüge (Satan), die Unwissenheit (Maya) und die Zerstörung (Ahriman) je gesondert zu erkennen; gegen jede von ihnen die unterschiedlichen, von den Traditionen vorgeschlagenen Praktiken im rechten Augenblick in Gang zu setzen — dies ist ein konkretes Geschenk der vergleichenden Spiritualität.