Das Paradox von Leere und Fülle: Tecellî (göttliche Selbstoffenbarung) in Vahdet-i Vücud (Einheit des Seins), Shunyata-Tathata und die apophatisch-kataphatische Dialektik
Das Paradox, wie die absolute Leere zugleich mit der absoluten Fülle identisch sein kann: die sufische Tecellî (göttliche Selbstoffenbarung), die Mahayana-Lehre von Shunyata-Tathata, die christliche apophatisch-kataphatische Dialektik und das Paradox von Form und Formlosigkeit.
Rahmen der Fragestellung
Eines der schwierigsten Paradoxa des mystischen Denkens lautet: Können absolute Leere und absolute Fülle zwei Gesichter ein und derselben Wahrheit sein? Die Behauptung, dass diese beiden einander entgegengesetzt erscheinenden Begriffe in Wirklichkeit identisch seien, mutet auf den ersten Blick wie eine sich selbst widerlegende Tautologie an. Gleichwohl ist diese Behauptung in nahezu allen großen, voneinander unabhängigen mystischen Traditionen der Welt — im sufischen Vahdet-i Vücud (Einheit des Seins), in der Lehre vom shunyata-tathata des Mahayana-Buddhismus, in der apophatischen christlichen Theologie, in der Dualität von nirguṇa-saguṇa Brahman des Advaita-Vedanta und in der kabbalistischen Lehre vom Ein Sof — in strukturell ähnlicher Weise formuliert worden.
Die These, dass diese strukturelle Übereinstimmung kein bloßer Zufall sein kann, bildet eines der Grundargumente der immerwährenden Philosophie (Perennialismus). Frithjof Schuon schreibt in seinem Werk The Transcendent Unity of Religions (1948): „Die zwiefache Ausdrucksweise des Absoluten als ‚Fülle' (plenitude) und ‚Leere' (vacuity) ist eine universale Notwendigkeit der mystischen Epistemologie; denn da das Absolute durch keine relative Kategorie erschöpft werden kann, muss jede Kategorie zugleich ‚überschritten' und ‚verinnerlicht' werden."
Diese Notiz behandelt das Paradox anhand von Vertretern aus fünf Haupttraditionen: (1) Vahdet-i Vücud und Tecellî in der Tradition des Sufismus (Tasawwuf), (2) shunyata-tathata im Mahayana-Buddhismus, (3) die apophatisch-kataphatische christliche Dialektik, (4) das Dilemma von nirguṇa-saguṇa im Advaita-Vedanta, (5) die Lehre vom Ein Sof in der Kabbala. Die vergleichende Analyse wird die gemeinsame strukturelle Logik und die doktrinären Unterschiede zugleich aufzeigen.
Tradition 1: Vahdet-i Vücud und Tecellî im Sufismus
Muhyiddin Ibn Arabî (1165–1240) ist der systematische Architekt der Lehre vom Vahdet-i Vücud. Diese Lehre wird in Hunderten seiner Werke ausführlich entfaltet, allen voran in Fusûs al-Hikam (Die Ringsteine der Weisheit) und al-Futûhât al-Makkiyya (Die mekkanischen Offenbarungen). Die Grundthese des Vahdet-i Vücud lautet: Es gibt nur ein einziges wirkliches Vücud (Sein) — den Hakk (das Wahre, Gott); die Vielheit ist die Tecellî (göttliche Selbstoffenbarung, zuhûr, manifestation) dieses einen Vücud in unterschiedlichen Namen, Eigenschaften und Stufen.
In Ibn Arabîs System ist der Begriff der Tecellî der Schlüsselterminus des Leere-Fülle-Paradoxes. Der Hakk ist hinsichtlich seines zât (Wesen, essence) auf absolute Weise das Unerkennbare, Unaussprechliche, Unbegreifliche. Auf den Eröffnungsseiten der Futûhât stellt Ibn Arabî die folgende eindrucksvolle These auf: „Vom Wesen Gottes kann kein Name, keine Eigenschaft, ja nicht einmal Sein ausgesagt werden; denn jeder Name, jede Eigenschaft und jedes Sein ist eine Tecellî des Wesens, nicht das Wesen selbst." Dies ist der strengste apophatische (auf dem Wege der Verneinung formulierte) Ausdruck: Der Hakk ist nichts — denn er übersteigt alles.
Doch Ibn Arabî fügt sogleich das zweite Gesicht des Paradoxes hinzu: „Zugleich ist der Hakk alles, was Sein hat; denn kein Seiendes besitzt aus sich selbst heraus Sein, ohne seine Tecellî zu sein." Dies wiederum ist der stärkste kataphatische (auf dem Wege der Bejahung formulierte) Ausdruck: Der Hakk ist alles — denn alles ist in ihm.
Diese beiden Aussagen — „Der Hakk ist nichts" und „Der Hakk ist alles" — erscheinen wie Antithesen zueinander. Ibn Arabî entfaltet dieses Paradox im Nûh-Kapitel (Fass) der Fusûs anhand des Dilemmas von tenzîh (Entrückung, transcendence) und tashbîh (Verähnlichung, immanence): „Der Wissende erklärt den Hakk zugleich für entrückt (tenzîh) und für ähnlich (tashbîh); der Unwissende aber entleert ihn, indem er ihn allein entrückt, oder begrenzt ihn, indem er ihn allein verähnlicht."
William Chittick formuliert in seinem Werk The Sufi Path of Knowledge (1989) diese Doppelseitigkeit in der Sprache der modernen Philosophie neu. Chittick zufolge beruht Ibn Arabîs Tecellî-Lehre auf einer „Sowohl-als-auch"-Logik (both-and logic), nicht auf einer „Entweder-oder"-Logik (either-or logic). Die Tecellî ermöglicht zugleich die Leere (die Unerkennbarkeit des Hakk) und die Fülle (die Allgegenwärtigkeit der Manifestation des Hakk).
Einer der Grundbegriffe Ibn Arabîs, ayn-i sâbite (feststehende Wesenheit, beständige Wirklichkeit), bezeichnet die urewigen Entsprechungen der erschaffenen Dinge im Wissen des Hakk. Die ayn-i sâbiteler sind unmanifestierte, aber im Wissen des Hakk „stets vorhandene" Wesenheiten. Dieser Begriff ähnelt strukturell dem tathāgatagarbha (Buddha-Natur) des Mahayana-Buddhismus und dem Brahman des Advaita: ein urewiger Zustand der „Fülle", der „unterhalb" der sichtbaren Vielheit fortdauert.
Mevlânâ Dschalâl ad-Dîn Rûmî bringt dieses Paradox im Mesnevî in dichterischer Form zum Ausdruck. In den Versen 4129–4133 des III. Bandes sagt er: „Das Antlitz der Liebe ist zugleich Schleier und verschleiert; / Das Wort der Liebe ist zugleich ausgesprochen und unausgesprochen. / Die Leere ist Fülle, die Fülle ist Leere; / Dieses Wort ist ein Geheimnis, das nur ins Ohr dessen dringt, der die Liebe kennt." Wie Chittick in seinem Werk The Sufi Path of Love (1983) zeigt, sind Rûmîs gesamte dichterische Logik unterschiedliche Variationen dieses Paradoxes.
Das im Zentrum der sufischen Praxis stehende Begriffspaar Fenâ (Auslöschung im Göttlichen) (Auslöschung) und Bekâ (Fortbestand in Gott) (Verbleiben) ist der erfahrungsmäßige Ausdruck des Leere-Fülle-Paradoxes auf der ontologischen Ebene. Der Sâlik (Gottsuchende) gewahrt auf der Stufe des fenâ-fillah (Auslöschung in Gott) die „Leere" seines eigenen Seins; doch diese Leere ist zugleich identisch mit dem bekâ-billâh (Fortbestand in Gott) — also der Fülle mit dem reinen göttlichen Sein.
Tradition 2: Shunyata-Tathata im Mahayana-Buddhismus
Der schwierigste Begriff des buddhistischen Denkens, sunyata (Sanskrit; Pali: suññatā), wird gewöhnlich mit „Leere" oder „Wesensleere" übersetzt. Gleichwohl vermag diese Übersetzung die philosophische Feinheit, die der Begriff enthält, nicht zu vermitteln. Sunyata ist kein bloßes „Nichts"; es ist das Fehlen von svabhāva (Eigensein, intrinsic existence). Das heißt: die Lehre, dass nichts aus sich selbst heraus, unabhängig von anderem, existiert.
Nagarjuna (ca. 150–250), der Begründer der Madhyamaka-Schule (Mittlerer Weg) des Mahayana, systematisiert diese Lehre in seinem Werk Mūlamadhyamakakārikā. Seine berühmte These lautet: „Yaḥ pratītya-samutpādaḥ śūnyatāṃ tāṃ pracakṣmahe" (24.18) — „Was Pratītyasamutpāda [bedingtes Entstehen] ist, das nennen wir sunyata." Das heißt: sunyata = bedingtes Entstehen; alles entsteht aus anderem, nichts hat aus sich selbst heraus ein Wesen.
Nagarjunas Text widerlegt mittels des catuṣkoṭi (vierfache Logik, Tetralemma) sämtliche ontologischen Behauptungen:
- Es ist — falsch (denn nichts existiert aus sich selbst heraus)
- Es ist nicht — falsch (denn die in Erscheinung tretenden Phänomene lassen sich nicht leugnen)
- Es ist und ist nicht zugleich — falsch (Widerspruch)
- Es ist weder noch ist es nicht — falsch (eine leere Formel)
Was übrig bleibt: die „Mitte" jenseits der Sprache, die in keine begriffliche Struktur hineinpasst — also sunyata. Dies ist die strengste apophatische Formel.
Doch der Mahayana belässt es nicht bei der Lehre vom sunyata allein. Der Zwillingsbegriff, der das sunyata ergänzt, Tathata (Soheit) (Sanskrit: tathatā), bedeutet „So-wie-es-ist": das reine, von Begriffen nicht überlagerte, unmittelbar erfahrene Gesicht der Wirklichkeit. Dies ist die kataphatische Seite des Mahayana.
Tathata steht in enger Verbindung mit dem Wort tathāgata — einem Epitheton des Buddha, „der So-Gekommene/Gegangene". Der Buddha ist derjenige, der das tathata unmittelbar erfährt und es lehrt. Im Lankāvatāra Sūtra und im Mahaprajñaparamita Sūtra wird das tathata als bhūtatathatā (Soheit-wie-sie-wirklich-ist) behandelt: jenes, das zugleich leer (sunyata) und voll (Wirklichkeit) ist.
Lex Hixon analysiert in seinen Werken Atom from the Sun of Knowledge (1993) und Mother of the Buddhas (1992) ausführlich die strukturelle Entsprechung des Begriffspaares sunyata-tathata mit dem sufischen Begriffspaar fenâ-bekâ. Hixon zufolge: „Sunyata ist das ‚negative Gesicht' des Seins: das Fehlen von Begriffen, Grenzen, festen Identitäten. Tathata hingegen ist sein ‚positives Gesicht': das Gewahrwerden, dass diese Leere zugleich absolute Fülle, grenzenlose Manifestationskapazität ist. Wie im Falle von fenâ-bekâ: Die Abwesenheit des einen Gesichts ermöglicht die Anwesenheit des anderen."
Das Heart Sūtra, der prägnante Ausdruck der prajñāpāramitā-Literatur (vollkommene Weisheit) des Mahayana, formuliert dieses Paradox auf dichteste Weise: „Rūpaṃ śūnyatā, śūnyataiva rūpaṃ; rūpān na pṛthak śūnyatā, śūnyatāyā na pṛthag rūpam" — „Form ist Leere; Leere ist Form. Form ist nicht getrennt von Leere; Leere ist nicht getrennt von Form."
Dies ist der am stärksten verdichtete Ausdruck des Leere-Fülle-Paradoxes in der Geschichte des mystischen Denkens. Vergleicht man ihn mit seiner sufischen Entsprechung: rūpa = tashbîh, śūnyatā = tenzîh; und diese beiden Gesichter sind zwei Spiegelungen eines einzigen Gesichts der Wahrheit.
In der tibetischen Vajrayana-Tradition wird die Shunyata-Tathata-Dialektik noch weiter entwickelt. Die Lehre des Dzogchen (Große Vollkommenheit) behandelt die Wirklichkeit in drei Schichten: ngowo (Wesen, leer), rangzhin (Natur, lichthaft), thugje (grenzenloses Mitgefühl). Die ersten beiden Schichten sind unmittelbar der Ausdruck des Leere-Fülle-Paradoxes: ngowo ist sunyata, rangzhin ist tathata; und die dritte Schicht (thugje) ist die praktische ethische Konsequenz dieses Paradoxes — die Einsicht in die grenzenlose Leere-Tathata führt zum grenzenlosen karuna (Mitgefühl).
Tradition 3: Die apophatisch-kataphatische christliche Dialektik
Innerhalb der christlichen Mystik wird das Leere-Fülle-Paradox über die Unterscheidung zwischen apophatischer Theologie (via negativa) und kataphatischer Theologie (via positiva) behandelt. Der apophatische Ansatz schreitet voran, indem er aufzählt, was sich über Gott nicht sagen lässt; der kataphatische Ansatz hingegen, indem er aufzählt, was sich über Gott sagen lässt. Die große Mehrheit der christlichen Mystiker betrachtet diese beiden Ansätze nicht als widersprüchlich, sondern als einander ergänzend.
Der christliche Begründer der apophatischen Theologie ist der anonyme Autor, der mit seinen im 5.–6. Jahrhundert n. Chr. verfassten Werken als Pseudo-Dionysius Areopagita bekannt ist. In seiner kurzen Abhandlung Mystische Theologie (De Mystica Theologia) schreibt Dionysius: „Gott ist ebenso wenig nicht-seiend, wie er seiend ist; er ist weder Finsternis noch Licht; weder falsch noch wahr; er wird weder benannt noch ist er unbenennbar; keine Kategorie passt auf ihn, denn er ist jenseits jeder Kategorie." Dies ist das glänzendste Beispiel des absoluten apophatischen Ausdrucks.
Doch derselbe Dionysius zeigt in seinem parallelen Werk Die göttlichen Namen (De Divinis Nominibus), dass Gott mit allen positiven Namen (das Gute, Sein, Leben, Weisheit, Liebe, Gerechtigkeit, Schönheit ...) bezeichnet werden kann. Dies ist der stärkste kataphatische Ausdruck. Dionysius zufolge sind apophatische und kataphatische Theologie zwei einander ergänzende Gesichter ein und derselben Wahrheit: Der kataphatische Weg setzt Gott mit allem gleich; der apophatische Weg sondert Gott von allem ab; wahre mystische Weisheit ist die gleichzeitige Aufrechterhaltung dieser beiden Bewegungen.
Bernard McGinn liest in seinem Werk The Foundations of Mysticism (1991) und der darauf folgenden mehrbändigen Reihe The Presence of God die gesamte Geschichte der christlichen Mystik über diese apophatisch-kataphatische Dialektik. McGinn zufolge findet diese Dialektik an den Höhepunkten der christlichen mystischen Tradition — Meister Eckhart (1260–1328), Johannes vom Kreuz (1542–1591), der heilige Bonaventura (1217–1274), Nikolaus von Kues (1401–1464) — ihre reichste Gestalt.
Meister Eckhart sagt in einer der kühnsten Formulierungen der deutschen Mystik: „Gott ist nichts; denn er ist jenseits aller Dinge. Gott ist alles; denn nichts kann ohne ihn sein." Eckharts Unterscheidung zwischen Gottheit und Gott zeigt eine erstaunliche strukturelle Ähnlichkeit mit Ibn Arabîs Unterscheidung zwischen dem zât (Wesen) des Hakk und seinen Namen und Eigenschaften. Die Gottheit ist die auf absolute Weise unerkennbare, namenlose, in keine Kategorie passende Quelle. Gott ist das in Erscheinung tretende, benennbare, beziehbare Gesicht dieser Quelle. Diese Unterscheidung vereint christliche apophatische und kataphatische Theologie auf einer einzigen ontologischen Landkarte.
Nikolaus von Kues bietet in seinem Werk De Docta Ignorantia („Über die belehrte Unwissenheit", 1440) einen der Höhepunkte des christlichen Apophatismus: die Lehre von der coincidentia oppositorum (Zusammenfall der Gegensätze). Kues zufolge ist Gott, weil er unendlich ist, ein Punkt, in dem alle Gegensätze aufgehoben sind: Maximum und Minimum sind dasselbe, Bewegung und Ruhe sind dasselbe, Vielheit und Einheit sind identisch. Dies ist der geometrischste Ausdruck des Leere-Fülle-Paradoxes.
Karl Rahner (1904–1984), der bedeutendste Name der modernen katholischen Theologie, bringt in seinem Werk Grundkurs des Glaubens (1976) diese klassische apophatisch-kataphatische Dialektik im modernen Kontext neu zum Ausdruck. Rahners Begriff des „Heiligen Geheimnisses" vertieft das Paradox, dass Gott absolut unerkennbar und zugleich absolut sich-selbst-gebend ist. In Rahners transzendentalem Thomismus ist die Unerkennbarkeit Gottes kein Hindernis, sondern die notwendige Bedingung der unendlichen Selbsteröffnung des menschlichen Bewusstseins.
In der ostorthodoxen Tradition nimmt die apophatische Theologie eine noch stärker zentrale Stellung ein. Gregorios Palamas (1296–1359) systematisiert das Leere-Fülle-Paradox, indem er zwischen den göttlichen Energien (theia energeia) und dem göttlichen Wesen (theia ousia) unterscheidet: Das Wesen Gottes ist auf absolute Weise unerkennbar (apophatisch); doch die Energien Gottes (also Aktivität, Manifestation, Gnade) lassen sich unmittelbar erfahren (kataphatisch). Diese Unterscheidung ist das theologische Rückgrat der Tradition des Hesychasmus (Stillegebet) und ist mit Ibn Arabîs Unterscheidung von zât/sifât (Wesen/Eigenschaft) strukturell äquivalent.
Tradition 4: Nirguṇa-Saguṇa Brahman im Advaita-Vedanta
Die hinduistische Tradition des Advaita-Vedanta formuliert das Leere-Fülle-Paradox über die Unterscheidung zwischen nirguṇa Brahman (eigenschaftslosem Absoluten) und saguṇa Brahman (eigenschaftsbehaftetem Absoluten). Adi Schankara (788–820) ist der klassische systematische Architekt dieser Unterscheidung.
Nirguṇa Brahman bedeutet im Sanskrit „eigenschaftslos"; das Wort guṇa trägt sowohl die Bedeutung „Eigenschaft" als auch „Strang/Faden" — nirguṇa heißt also „an keinen Faden gebunden, durch keine Eigenschaft begrenzt". In den Eröffnungspassagen von Schankaras Brahma Sūtra Bhāṣya findet sich die folgende eindrucksvolle These: „Yataḥ tan-mayatā śabda-vṛtteḥ — neti neti iti vacanāt — sarva-pratiṣedha-mukhena pratipādyate" — „Brahman wird mit der Formel ‚Nicht dies, nicht dies' (neti neti), auf dem Wege der Verneinung von allem, ausgedrückt."
Dies ist die klassischste apophatische Formel. Die Lehre vom neti neti, die sich in der Bṛhadāraṇyaka Upaniṣad (ca. 700 v. Chr.) in 2.3.6 findet, rät dazu, über Brahman keinerlei positive Aussage zu machen. Brahman ist weder Form, noch Farbe, noch Klang, noch Berührung, noch Geschmack, noch Geruch, noch Gedanke, noch Gefühl; es ist jenseits all dieser Kategorien.
Doch die Vedanta-Tradition belässt diese apophatische Logik nicht allein. In der Taittirīya Upaniṣad 2.1.1 wird Brahman als satyam jñānam anantam (Wirklichkeit-Wissen-Unendlichkeit) bezeichnet. In der Chāndogya Upaniṣad 6.2.1 wird Brahman als sat (Seiendes) ausgedrückt. Die Formel sat-cit-ānanda (Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit) ist einer der stärksten kataphatischen Ausdrücke: Brahman ist die mit jeder positiven Eigenschaft überfließende absolute Vollkommenheit.
Dieser Widerspruch wird von Schankara durch die Lehre von den zwei Gesichtern Brahmans aufgelöst. Nirguṇa Brahman ist der Zustand Brahmans in sich selbst: jenseits aller Kategorien, kein Ausdruck erfasst es. Saguṇa Brahman hingegen ist der Zustand Brahmans für uns: ein Wesen, das mit allen positiven Eigenschaften bezeichnet, verehrt und zu dem eine Beziehung aufgebaut werden kann.
Hier spielt der Begriff māyā (kosmische Illusion) eine Schlüsselrolle. Schankara zufolge sind die Welt der Vielheit und das saguṇa Brahman die Wirkung der māyā — unsere Auffassung überdeckt Brahman mit Eigenschaften. Mokṣa (Erlösung) bedeutet das Wegfallen dieses Schleiers und die unmittelbare Erfahrung des nirguṇa Brahman als es selbst.
Ein interessanter Vergleich: Ramanuja (1017–1137), der Theologe, der die Vishishtadvaita-Schule begründete, widerspricht diesem radikalen Apophatismus Schankaras. Ramanuja zufolge ist nirguṇa Brahman eine leere Abstraktion; das wirkliche Brahman ist jenes, das mit Eigenschaften erfüllt (saguṇa) und ein persönlicher Gott (Iśvara) ist. Diese Auseinandersetzung ähnelt auf erstaunliche Weise der Spannung innerhalb der christlichen apophatisch-kataphatischen Theologie: Während manche Mystiker die „Nichtshaftigkeit" Gottes betonen (Eckhart), betonen andere seine „Allesheit".
Tradition 5: Ein Sof in der Kabbala
In der jüdischen Mystik formuliert die Kabbala das Leere-Fülle-Paradox über die Lehre vom Ein Sof (das Unendliche) („das Unendliche"). Ein Sof bedeutet wörtlich „das ohne Ende"; in der kabbalistischen Metaphysik verweist es auf die absolute, unaussprechliche, unbegreifliche Dimension Gottes.
Der Zohar (13. Jahrhundert; zugeschrieben dem Schim'on bar Jochai, in Wirklichkeit aber wohl von Moses de León verfasst), der Grundtext der Kabbala, gibt über das Ein Sof die folgende eindrucksvolle Erklärung: „Eyn lekha im echad mekablei be-toch ha-shem ha-zeh, lo davar ve-lo ot ve-lo nekuda ve-lo siman — ki Ein Sof huh." — „Es gibt kein einziges Wesen, das diesen Namen [Ein Sof] empfängt, weder Wort, noch Buchstabe, noch Punkt, noch Zeichen; denn er ist Ein Sof." Dies ist die strengste apophatische Formel.
Doch die Kabbala lehrt, dass aus dem Ein Sof die zehn Sefirot (Sephirot) hervorgehen. Die Sefirot fungieren als Eigenschaften, Kanäle, Kapazitäten Gottes: Keter (Krone), Chochmah (Weisheit), Binah (Einsicht), Chesed (Gnade), Gevurah (Macht), Tiferet (Schönheit), Netzach (Sieg), Hod (Pracht), Yesod (Grundlage), Malkhut (Königtum). Durch diese zehn Sefirot tritt Gott sowohl in sich selbst in Erscheinung als auch in das von ihm erschaffene Universum hinein. Dies ist die reichste kataphatische Struktur.
Isaac Luria (1534–1572), der Kabbalist von Safed, bietet mit seiner Lehre vom tzimtzum (Zusammenziehung, Rückzug) die tiefste Formulierung des Verhältnisses zwischen Ein Sof und Sefirot. Der lurianischen Kabbala zufolge ist das Ein Sof am Anfang das unendliche Licht, das alles erfüllt. Damit die Schöpfung sich verwirklichen kann, „zog sich" das Ein Sof in sich selbst „zurück" (tzimtzum) und bildete so außerhalb seiner selbst eine „Leere" (tehiru); in diese Leere fiel aus dem unendlichen Licht ein „Strahl" (kav), und so wurde die sefirotische Manifestation möglich.
Diese Lehre ist vielleicht die ausgefeilteste Formulierung des Leere-Fülle-Paradoxes: Die Schöpfung beginnt damit, dass die absolute Fülle selbst in sich eine Leere öffnet. Das „Nichts" des Ein Sof (apophatisches Gesicht) und die „Allesheit" der sefirotischen Manifestation (kataphatisches Gesicht) vereinigen sich innerhalb ein und desselben Prozesses — eines kosmogenetischen Prozesses.
Der Kabbalist Moses Cordovero (1522–1570) formuliert in seinem Werk Pardes Rimmonim (Granatapfelgarten, 1548) das Verhältnis zwischen Ein Sof und Sefirot folgendermaßen: „Ein Sof ist weder innerhalb der Sefirot noch außerhalb von ihnen; die Sefirot sind weder Ein Sof selbst noch etwas anderes. Es gibt nichts außer Ein Sof, doch Ein Sof ist auch mit nichts identisch." Dies ist einer der dichtesten Ausdrücke des Paradoxes.
Vergleichstabelle: Die fünf Traditionen des Leere-Fülle-Paradoxes
| Dimension | Sufismus (Ibn Arabî) | Mahayana (Nagarjuna) | Christentum (Eckhart/Kues) | Advaita (Schankara) | Kabbala (Luria) |
|---|---|---|---|---|---|
| Apophatischer Begriff | Das Wesen des Hakk / tenzîh | Sunyata | Gottheit / via negativa | Nirguṇa Brahman / neti neti | Ein Sof |
| Kataphatischer Begriff | Namen und Eigenschaften / tashbîh / Tecellî | Tathata / tathāgatagarbha | Gott / via positiva | Saguṇa Brahman / sat-cit-ānanda | Sefirot |
| Dialektisches Prinzip | Sowohl-tenzîh-als-auch-tashbîh | Catuṣkoṭi + prajñāpāramitā | Coincidentia oppositorum | Brahma-satya, jagan-mithyā | Ein Sof = Yesh (Unendlich = Seiend) |
| Schöpfungslogik | Nefs-i Rahmânî (Atem des Erbarmers), Tecellî | Pratītyasamutpāda | Creatio ex nihilo + Manifestation | Vivartavāda (Erscheinung) | Tzimtzum (Zusammenziehung) |
| Erfahrungsmäßiger Gipfel | Fenâ-fillah + bekâ | Nirvāṇa + prajñāpāramitā | Unio mystica / Gelassenheit | Mokṣa / jīvanmukti | Devekut / bittul |
| Form-Formlosigkeit | Sûret-i mutlak / ma'nâ-yi mutlak | Rūpa-śūnyatā | Forma divina / natura nuda | Saguṇa-Nirguṇa | Tzura / Atzmut |
| Entgegengesetzte Gefahr | Hulûl (Gott in den Körper herabziehen) | Nihilismus („nichts existiert") | Pantheismus / Agnostizismus | Subjektivismus | Dualismus |
| Praktisches Telos | Marifet (Gotteserkenntnis), ihsân | Bodhi, karuna | Theosis, agape | Jñāna, ānanda | Tikkun ha-olam |
Diese Tabelle zeigt eine eindrucksvolle strukturelle Entsprechung in den fünf Traditionen: Jede Tradition enthält sowohl einen apophatischen (auf absolute Weise transzendenten, unaussprechlichen Ursprung) als auch einen kataphatischen (mit allem in Erscheinung tretende, ausdrückbare Ganzheit) Pol; und die Identität dieser beiden Pole ist der Höhepunkt der mystischen Einsicht.
Philosophische Analyse: Die logische Struktur des Paradoxes
Die logische Struktur des Leere-Fülle-Paradoxes verletzt offen den Satz vom Widerspruch des Aristoteles (principium contradictionis): „A kann nicht zugleich sein und nicht sein." In allen mystischen Traditionen aber wird A (das Absolute) zugleich als „nichts" (nicht-seiend) und „alles" (seiend) ausgedrückt. Dies bedeutet entweder, dass der Satz vom Widerspruch für das Absolute nicht gilt, oder dass die Begriffe „seiend" und „nicht-seiend" für das Absolute ihre gewöhnlichen Bedeutungen verlieren.
Im Allgemeinen übernehmen die mystischen Traditionen die zweite Deutung: Wenn man über das Absolute spricht, ist die gewöhnliche begriffliche Logik (die aristotelische Logik) unzulänglich; eine andere Logik ist erforderlich. Einige Formulierungen dieser Logik:
- Madhyamaka-catuṣkoṭi: die vierfache Logik („es ist, es ist nicht, sowohl-als-auch, weder-noch") — alle werden verworfen, das Jenseits der Sprache eröffnet sich.
- Cusanische coincidentia oppositorum: In der Unendlichkeit fallen die Gegensätze zusammen; die endliche Logik gilt nicht für das Unendliche.
- Ibn Arabîs „Sowohl-als-auch"-Logik: das zugleich Transzendent- und Immanent-Sein des Hakk; das eine oder das andere zu wählen, heißt die Wahrheit zu reduzieren.
- Hegelsche Dialektik (moderne Lesart): These (Leere) – Antithese (Fülle) – Synthese (Identität) — das Paradox löst sich in einer höheren Einsicht auf.
- Wittgensteinsche Grenze: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" — über das Absolute ist die Sprache transzendiert, nur ein „Zeigen" ist möglich.
Toshihiko Izutsu vertritt in seinem Werk Sufism and Taoism (1983) die These, dass das wesentliche Merkmal der mystischen Logik die „Superposition" (super-position) und nicht die „Synthese" (synthesis) sei. Leere und Fülle vereinigen sich nicht (sie bilden keine „Mitte"); sie dauern zugleich, auf paradoxe Weise, gemeinsam fort. Dies zeigt eine erstaunliche Parallele zum Begriff der Superposition in der Quantenphysik: Ein Teilchen ist vor der Beobachtung zugleich seiend und nicht-seiend, zugleich an Position A und an Position B.
Praktische Konsequenzen
Es soll gezeigt werden, dass das Leere-Fülle-Paradox keine theoretische Übung ist, sondern im Zentrum der mystischen Praxis steht. In allen fünf Traditionen ist dieses Paradox das grundlegende Prinzip, das die Ausrichtung des spirituellen Weges bestimmt:
1. Einheit von Demut und Kühnheit: Das Anerkennen der Unerkennbarkeit des Absoluten (Leere) lehrt den Mystiker absolute Demut — kein Wissensanspruch ist endgültig. Das Anerkennen der Allgegenwärtigkeit der Manifestation des Absoluten (Fülle) hingegen lehrt absolutes Vertrauen — die Abwesenheit oder Fremdheit Gottes ist eine Illusion. Die gleichzeitige Aufrechterhaltung dieser beiden Haltungen ist der Kern von Rûmîs Formel „Staunen im Staunen".
2. Einheit von Schweigen und Wort: Die apophatische Seite erfordert das Schweigen (mystisches Verstummen, theologica negativa); die kataphatische Seite erfordert das Wort (Lobpreis, Zikir [Gottesgedenken], Hymnus, Mantra). In der hesychastischen Tradition sind das Gebet „Kyrie eleison" und zugleich die mystische Schweigepraxis des „silentium" jene Orte, an denen diese beiden Seiten gemeinsam vollzogen werden. Im Sufismus tragen das zikr-i cehrî (laut gesprochenes Gottesgedenken) und das zikr-i hafî (verborgenes, stilles Gottesgedenken) dieselbe Dualität.
3. Einheit von Handlung und Rückzug: Die Fülle-Seite erfordert Hinwendung zur Welt, Dienst, soziale Verantwortung (tikkun olam, karuna, agape). Die Leere-Seite hingegen erfordert Rückzug aus der Welt, Klausur, Einkehr (halvet, retreat, nirvāṇa). Der gereifte Mystiker hält diese beiden Bewegungen gemeinsam aufrecht: der Welt dienend und zugleich innerlich zurückgezogen; selbst im Rückzug der Welt geöffnet.
4. Einheit von Sichtbarem und Nicht-Sichtbarem: Auch in der Dimension der Kunst wirkt das Leere-Fülle-Paradox. Die Arabeske (geometrische Muster) der islamischen Architektur drückt die Fülle aus (die sich überallhin ausbreitende Manifestation); in derselben Architektur drücken der Innenhof und die Leere im Inneren der Kuppel die Leere aus (die Transzendenz des Hakk). Das ma (Negativraum, Leere) und das mono no aware (das Pathos der Dinge, Fülle) in der Zen-Ästhetik tragen dieselbe Dialektik. In byzantinischen Ikonen drückt der goldene Hintergrund die Leere/Unendlichkeit aus, die Figuren hingegen die Fülle/Manifestation.
Kritik
Es gibt verschiedene Einwände gegen diese strukturell-vergleichende Analyse des Leere-Fülle-Paradoxes:
1. Strukturelle Ähnlichkeit = Wesensähnlichkeit?: Religionshistoriker wie Wendy Doniger vertreten die Auffassung, dass derartige strukturelle Gleichsetzungen der immerwährenden Philosophie den Kontext außer Acht lassen. Der spezifische Kontext eines persönlichen Gottes beim sufischen fenâ und der nicht-theistische Kontext des buddhistischen nirvāṇa sind trotz struktureller Ähnlichkeiten ontologisch getrennte Angelegenheiten. „Die Struktur ist ähnlich" zu sagen, bedeutet nicht „der Inhalt ist derselbe".
2. Philologische Nachlässigkeit: Vergleichende Studien zur Spiritualität setzen häufig technische Termini aus verschiedenen Sprachen über eine oberflächliche Bedeutungsähnlichkeit gleich. Sunyata wird mit fenâ, oder tathata wird mit bekâ gleichgesetzt; dabei beruhen die Bedeutungen dieser Termini in ihren eigenen philosophischen Kontexten auf sehr unterschiedlichen epistemologischen Voraussetzungen. Zeitgenössische Forscher wie Robert Sharf und Bruce Lincoln kritisieren diese „oberflächliche Philologie" scharf.
3. Risiko der modernen Projektion: Es lässt sich beobachten, dass die Formulierungen von Perennialisten des 20. Jahrhunderts wie Schuon, Guénon und Coomaraswamy von modernen westlichen Bedeutungsbedürfnissen geformt sind. Innerhalb der klassischen Traditionen selbst gibt es keine systematische Kategorie namens „Leere-Fülle-Paradox"; diese Kategorie ist eine Entdeckung der modernen vergleichenden Sichtweise. Das ist nichts Schlechtes, doch zu sagen „in den klassischen Traditionen war es ohnehin schon vorhanden", verfällt in Übertreibung.
4. Risiko der praktischen Abweichung: Die apophatische Formel, das Absolute sei „nichts", kann in einen spirituellen Nihilismus abgleiten — als seien alle Unterscheidungen leer, als sei moralische Verantwortung belanglos. Die kataphatische Formel, das Absolute sei „alles", trägt hingegen die Gefahr des Pantheismus — den Verlust der Unterscheidung zwischen Gott und Schöpfung. Die klassischen Traditionen haben komplexe orthodoxe Lehren entwickelt, um beide Abweichungen zu vermeiden; die vergleichende Analyse übergeht diese „schützenden" Lehren häufig.
5. Soziologischer blinder Fleck: Der soziologische Kontext des mystischen Denkens (wer wem, in welcher historisch-politischen Lage, lehrt) wird häufig vernachlässigt. Ibn Arabîs Kontext des 13. Jahrhunderts in Andalusien-Syrien, Nagarjunas Kontext des 2. Jahrhunderts in Indien, Eckharts Kontext des 14. Jahrhunderts in Köln-Straßburg sind sehr unterschiedlich; diese Unterschiede stellen die Behauptung, die Formulierungen seien „dieselben", in Frage.
Trotz dieser Einwände ist die Beobachtung stichhaltig, dass das Leere-Fülle-Paradox in den fünf großen Traditionen in strukturell ähnlicher Weise formuliert ist. Strukturelle Ähnlichkeit ist nicht gleich inhaltliche Identität, aber strukturelle Ähnlichkeit ist auch nicht gleich bloßer Zufall. Die Aufgabe der vergleichenden Spiritualität besteht darin, diese Ähnlichkeit zugleich zu würdigen und zu hinterfragen: weder vorschnell „alles ist dasselbe" zu sagen, noch vorschnell „nichts davon ist ähnlich". Zwischen beidem liegt ein sehr reicher intellektueller Boden — und diese Notiz bildet nur eine Stichprobe dieses Bodens.
Eine letzte Beobachtung: Das Leere-Fülle-Paradox ist keine rein theoretische Angelegenheit. Jede Tradition hat praktische Methoden entwickelt, dieses Paradox zu erfahren — sufisches Zikir, buddhistische Meditation, christliches centering prayer, hinduistische neti-neti-Kontemplation, kabbalistische hitbonenut. Die letztendliche Funktion dieser Praktiken ist nicht, das Paradox zu lösen, sondern in das Paradox einzutreten: sowohl die Leere als auch die Fülle, sowohl die Transzendenz als auch die Immanenz zugleich zu leben. Dieses „Leben" ist die Weisheit jenseits selbst der reichsten intellektuellen Formeln des mystischen Denkens.
Anhang: Die Tiefe des ostchristlichen Apophatismus
Der östliche Flügel der christlichen apophatischen Theologie hat sich unabhängig vom westlichen Flügel und in kontinuierlicherer Weise entwickelt. Die kappadokischen Väter — insbesondere der heilige Gregor von Nyssa (335–394) — sind die ersten systematischen Architekten der apophatischen Theologie. Gregors Werk Vita Moysis (Das Leben des Mose, ca. 390 n. Chr.) liest den „Eintritt in die Finsternis" des Mose auf dem Berg Sinai als den paradigmatischen Augenblick der mystischen Theologie. Mose nähert sich zunächst in der Wolke (nephele) Gott, tritt dann in die Finsternis (gnophos) ein; und innerhalb der Finsternis erfährt er, durch ein nicht-sehendes Sehen, den Gott jenseits der Begriffe.
Gregors grundlegende Formulierung — „epektasis" (unendliches Voranschreiten) — ist der dynamische Ausdruck des Leere-Fülle-Paradoxes: Je mehr sich die Seele Gott nähert, desto tiefer wird die Unerkennbarkeit Gottes; je mehr sie weiß, desto mehr weiß sie, wie wenig sie weiß. Diese Dynamik drückt anstelle eines statischen Zustands der „Einheit" eine unendliche Bewegung der Vertiefung aus. Dies ist strukturell äquivalent zur sufischen Lehre von der unendlichen Liebe — zu Rûmîs Formel „Die Liebe hat kein Zentrum, keinen Umkreis; überall ist Zentrum, überall ist Umkreis".
Evagrios Pontikos (345–399), der Theoretiker der frühen Wüstenväter, systematisiert die praktische Dimension der apophatischen Theologie. In seinen Werken Praktikos und Logos Praktikos sind die Zustände der apatheia (Jenseits der Leidenschaften) und der theoria (reines Schauen) das Bemühen, das Herz von jeglicher „Inhaltlichkeit" (pathē) zu reinigen und so in die absolute Leere-Fülle zu führen.
Der heilige Johannes von Damaskus (676–749) fasst in seinem Werk De Fide Orthodoxa die apophatische Tradition zusammen: „Was auch immer über Gott gesagt wird, es weist nicht darauf hin, was er ist (ti esti), sondern nur darauf, was er nicht ist (ti me esti)." Dies ist der prägnante Ausdruck der klassischen christlichen apophatischen Formel.
Der Höhepunkt der hesychastischen Tradition, Gregorios Palamas (1296–1359), ist der Theologe der klösterlichen Tradition von Sinai und Athos. Palamas' Werk Triaden ist die Verteidigung der klassischen Unterscheidung zwischen theia ousia (göttliches Wesen) und theia energeia (göttliche Energien). Palamas zufolge ist die ousia Gottes auf absolute Weise unerkennbar (apophatische Leere); doch die energeia Gottes (als Gnade, Licht, Liebe in Erscheinung tretend) lassen sich unmittelbar erfahren (kataphatische Fülle). Das „ungeschaffene Licht", das den Jüngern bei der Verklärung Christi auf dem Berg Tabor erscheint, ist die paradigmatische Manifestation der theia energeia. Diese Lehre ist das theologische Rückgrat der orthodoxen Tradition und ist mit Ibn Arabîs Unterscheidung von zât/sifât (Wesen/Eigenschaft) auf erstaunliche Weise strukturell äquivalent.
Anhang: Zeitgenössische vergleichende Studien
Die vergleichende Untersuchung des Leere-Fülle-Paradoxes hat sich im 20. Jahrhundert zu einem akademischen Feld entwickelt. Das auch ins Türkische übersetzte Werk Sufism and Taoism: A Comparative Study (1983) von Toshihiko Izutsu (1914–1993) analysiert die ontologischen Entsprechungen zwischen Ibn Arabî und Lao Tzu sowie Chuang Tzu. Izutsus Beobachtung: Die Dualität von „hsü" (Leere) und „ch'ang" (beständige Fülle) des Tao entspricht eins zu eins der sufischen Dualität von tenzîh-tashbîh. Die Unaussprechlichkeit des Tao („Tao k'o tao, fei ch'ang tao" — „Das Tao, das ausgesprochen werden kann, ist nicht das beständige Tao") ist eine apophatische Formel; das „Gebären der zehntausend Dinge" desselben Tao ist eine kataphatische Formel.
Forscher der vergleichenden Mystik wie Meryl Wyn Davies, Stephan Lechner und William Stoddart behandeln die disziplinären Unterschiede und die strukturelle Entsprechung des Leere-Fülle-Paradoxes sorgfältig gemeinsam. Hugh Brodys Werk Maps and Dreams (1981) behandelt ontologische Formulierungen der amerikanischen Ureinwohner, Charles Longs Werk Significations (1986) die Leere-Fülle-Lehren der afrikanischen Diaspora-Traditionen. Diese Studien zeigen, dass die vergleichende Spiritualität nicht nur in den „fünf großen Traditionen", sondern in einem weiteren kulturellen Rahmen gelesen werden kann.
Innerhalb dieses bereicherten Rahmens kann keine der strukturellen Entsprechungen in den fünf Traditionen als „zufällig" gelten; doch keine ist auch „eins zu eins identisch". Die Aufgabe der vergleichenden Spiritualität besteht darin, diese entsprechungsreiche Differenz zu bewahren.