Bedeutende Persönlichkeiten

Nikolaus von Kues (Cusanus): Docta ignorantia und coincidentia oppositorum

Der Kardinal und Philosoph Nikolaus von Kues (1401–1464) und seine Lehren vom „belehrten Nichtwissen\" (docta ignorantia) und vom „Zusammenfall der Gegensätze\" (coincidentia oppositorum) im Unendlichen — vergleichend nebeneinandergestellt mit der apophatischen Theologie des Pseudo-Dionysius, der advaitischen Nicht-Zweiheit und dem neti-neti, dem sufischen jamʿ und der Madhyamaka-Leerheit.

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Definition

Nikolaus von Kues, latinisiert Nicolaus Cusanus (1401–1464), ist ein deutscher Kardinal, Kirchenpolitiker, Jurist, Mathematiker und Philosoph an der Schwelle vom Mittelalter zur Renaissance. Seine beiden folgenreichsten Begriffe sind die docta ignorantia — das „belehrte" oder „wissende Nichtwissen" — und die coincidentia oppositorum — der „Zusammenfall der Gegensätze". Beide bezeichnen denselben Sachverhalt von zwei Seiten her: Weil das Unendliche (Gott) jedes endliche Maß unendlich übersteigt, kann der endliche Verstand es niemals begrifflich „treffen"; die höchste erreichbare Weisheit besteht deshalb darin, die eigene grundsätzliche Unwissenheit gegenüber dem Unendlichen wissend anzuerkennen (docta ignorantia). Und weil im Unendlichen kein Mehr oder Weniger, kein Größtes neben einem Kleineren mehr gilt, fallen dort alle Gegensätze, die den endlichen Dingen ihre Unterscheidung geben, in eins zusammen (coincidentia oppositorum).

Cusanus steht damit in der langen Linie der negativen (apophatischen) Theologie, die von Pseudo-Dionysius Areopagita über die griechischen und lateinischen Mystiker bis zu Meister Eckhart reicht (siehe Via negativa). Sein Beitrag liegt darin, diesen alten Weg mit den Mitteln der Mathematik des Unendlichen neu zu fassen: Er denkt das Verhältnis von Endlichem und Unendlichem nach dem Modell der Geometrie, in der eine ins Unendliche verlängerte Linie mit dem Kreis und dem Dreieck zusammenfällt. Damit wird er zugleich zu einem der ersten Denker, der die mittelalterliche Mystik in eine spekulative Metaphysik überführt, die auf die frühe Neuzeit (Giordano Bruno, Leibniz, später Spinoza und der deutsche Idealismus) ausstrahlt.

Diese Notiz erläutert zunächst Leben und Werk, dann die Kernbegriffe — docta ignorantia, coincidentia oppositorum, Gott als „Nicht-Anderes" (non aliud) und als Zusammenfall von Maximum und Minimum, das „Sehen Gottes" in De visione Dei — und stellt sie schließlich ausführlich neben die apophatische Theologie, die advaitische Nicht-Zweiheit, das sufische jamʿ und die buddhistische Leerheit. Sie dokumentiert, sie wertet nicht.

Leben: Kues an der Mosel, Konzil und Kardinalat

Nikolaus wurde 1401 im Moseldorf Kues (heute Bernkastel-Kues) als Sohn des wohlhabenden Schiffers und Weinhändlers Johan Krebs geboren — daher der gelegentliche deutsche Name Nikolaus Krebs oder Cryfftz. Der Beiname „Cusanus" leitet sich vom lateinischen Namen seines Geburtsorts (Cusa) ab. Über seine Kindheit ist wenig Gesichertes bekannt; die ältere Überlieferung, er sei von den Brüdern vom gemeinsamen Leben in Deventer erzogen worden — der Trägerschaft der Devotio moderna —, ist quellenkritisch unsicher, passt aber zur frommen, innerlichkeitsbetonten Grundhaltung seines späteren Werks.

Seine Ausbildung führte ihn an die führenden Universitäten der Zeit: ein Jahr in Heidelberg (ab 1416), dann nach Padua, wo er 1423 zum doctor decretorum, zum Doktor des Kirchenrechts, promoviert wurde. In Padua kam er mit Mathematikern und Astronomen wie Paolo dal Pozzo Toscanelli in Berührung — eine Bekanntschaft, die seine lebenslange Faszination für Geometrie und Maß prägte. Anschließend studierte er Theologie in Köln, wo die Tradition des Albertus Magnus und der rheinischen Mystik (Eckhart, Tauler) lebendig war und wo er die Schriften des Pseudo-Dionysius, des Johannes Scotus Eriugena und Eckharts kennenlernte.

Cusanus' öffentliche Laufbahn beginnt als Kirchenrechtler und Diplomat auf dem Konzil von Basel (ab 1431). Dort vertrat er zunächst die konziliaristische Position — die Lehre, dass das allgemeine Konzil über dem Papst stehe —, die er in seiner frühen Schrift „De concordantia catholica" (1433, „Über die allgemeine Eintracht") entfaltete: ein bedeutender Entwurf zur Versöhnung von Kirche, Reich und Christenheit. Im Verlauf der Konzilskrise wechselte er jedoch auf die Seite des Papstes und wurde zu einem seiner wichtigsten Diplomaten. 1437/38 nahm er an der Gesandtschaft nach Konstantinópel teil, die die kurzlebige Kirchenunion mit den Byzantinern vorbereiten sollte. Die Überlieferung — von Cusanus selbst angedeutet — datiert die Eingebung der Grundidee der docta ignorantia auf die Rückfahrt von Konstantinopel zu Schiff (1437/38); ob dies historische Wahrheit oder fromme Stilisierung ist, bleibt offen, doch markiert es den biographischen Ort, an dem das diplomatische Wirken und das spekulative Denken zusammentreffen.

In den folgenden Jahrzehnten stieg er zu den höchsten kirchlichen Würden auf. 1448/49 wurde er von Papst Nikolaus V. zum Kardinal erhoben, 1450 zum Fürstbischof von Brixen (Südtirol) ernannt. Als päpstlicher Legat durchzog er 1451/52 den deutschsprachigen Raum mit einer großen Reform- und Visitationsreise. Seine Brixner Reformbemühungen führten zum erbitterten Konflikt mit Herzog Sigmund von Tirol; 1457/58 wurde Cusanus auf der Burg Andraz faktisch festgesetzt, später musste er weichen und zog sich nach Rom zurück, wo er als Generalvikar im Kirchenstaat wirkte. Er starb am 11. August 1464 in Todi (Umbrien). Seinem Wunsch gemäß wurde er in der römischen Kirche San Pietro in Vincoli bestattet, sein Herz jedoch in die Kapelle des von ihm gestifteten St.-Nikolaus-Hospitals in Kues überführt. Dieses Hospital besteht bis heute und bewahrt seine wertvolle Bibliothek (das Cusanusstift) — eine der bedeutendsten erhaltenen Privatbibliotheken des Mittelalters.

Werküberblick und geistiger Ort

Cusanus' philosophisch-theologisches Werk ist über drei Jahrzehnte verstreut und durchgängig in lateinischer Sprache verfasst. Die wichtigsten Schriften sind:

Geistesgeschichtlich steht Cusanus an einem Scharnier. Rückwärts gewandt schöpft er aus dem christlichen Neuplatonismus: aus Plotin und dessen Lehre vom Einen jenseits des Seins (siehe Nous), aus Pseudo-Dionysius, aus Maximus Confessor und Eriugena, aus Eckhart und der rheinischen Mystik. Vorwärts gewandt eröffnet er die Bahn für die Renaissance-Philosophie des Unendlichen. Anders als der scholastische Aristotelismus eines Thomas von Aquin, der das Erkennen auf den Satz vom Widerspruch gründet, denkt Cusanus genau den Punkt, an dem dieser Satz seine Geltung verliert — die Schwelle des Unendlichen.

Docta ignorantia: das belehrte Nichtwissen

Den Ausgangspunkt bildet eine erkenntnistheoretische Grundeinsicht über das Messen. Alles endliche Erkennen, so Cusanus, vollzieht sich als Vergleich: Wir erkennen ein Unbekanntes, indem wir es zu einem Bekannten in ein Verhältnis (eine proportio) setzen, es an ihm messen. Erkennen heißt, ein Maß anlegen. Daraus folgt unmittelbar die entscheidende Konsequenz: Wo keine Proportion mehr besteht, versagt das Erkennen. Zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen aber gibt es keine Proportion — finiti ad infinitum nulla proportio. Wie viele endliche Schritte man auch tut, man nähert sich dem Unendlichen nicht; es bleibt unendlich entfernt. Deshalb ist das absolute Wahre, das Unendliche, dem endlichen Verstand grundsätzlich unerreichbar: Wir wissen, dass es ist, aber nicht, was es ist.

Die Pointe liegt nun darin, dass dieses Nichtwissen kein bloßer Mangel ist, der durch mehr Studium behoben werden könnte. Es ist ein prinzipielles, aus dem Verhältnis selbst folgendes Nichtwissen. Wer das einsieht, wird nicht unwissender, sondern weiser: Er weiß um die Grenze seines Wissens. Cusanus zitiert dafür gern den klassischen Topos, dass der Weiseste der ist, der weiß, dass er nicht weiß — doch er radikalisiert ihn: Das Nichtwissen ist nicht der demütige Vorhof der Erkenntnis, sondern ihr höchster Gipfel in Bezug auf Gott. Je klarer ein Mensch begreift, dass das Unendliche unbegreiflich ist, desto näher kommt er der Wahrheit über das Unendliche. Diese „gelehrte Unwissenheit" ist mithin ein positiver Erkenntniszustand, ein „Wissen des Nichtwissens", kein Skeptizismus und keine Resignation.

In „De coniecturis" zieht Cusanus die methodische Folgerung: Da das absolute Wahre dem Geist unzugänglich bleibt, sind alle menschlichen Aussagen über die Wahrheit — auch die theologischen, auch die mathematischen Annäherungen — bloße Mutmaßungen (coniecturae). Sie können der Wahrheit näher oder ferner sein, aber niemals mit ihr zusammenfallen. Erkenntnis ist ein unendlicher Annäherungsprozess ohne erreichbares Ende — ein Gedanke, der die mittelalterliche Gewissheit der scientia aufbricht und auf moderne, fallibilistische Erkenntnistheorien vorausweist.

Coincidentia oppositorum: der Zusammenfall der Gegensätze

Die docta ignorantia hat ein ontologisches Gegenstück: Wenn der Verstand am Unendlichen scheitert, dann deshalb, weil im Unendlichen die Strukturen versagen, auf denen der Verstand beruht — vor allem der Gegensatz. Der menschliche Verstand (ratio) arbeitet, indem er unterscheidet, trennt, abgrenzt: Er setzt Größtes gegen Kleinstes, Eines gegen Vieles, Ruhe gegen Bewegung, gerade Linie gegen Kreis. Er gehorcht dem Satz vom Widerspruch: Dasselbe kann nicht zugleich A und Nicht-A sein. Diese Logik gilt im Bereich des Endlichen uneingeschränkt.

Im Unendlichen aber, so Cusanus' Kernthese, fallen die Gegensätze zusammencoincidentia oppositorum. Wo es kein Mehr und kein Weniger mehr gibt, ist das Größte (Maximum) zugleich das Kleinste (Minimum); denn beide bezeichnen, ins Absolute getrieben, dasselbe: das, über das hinaus nichts ist, und das, unter das hinab nichts ist, sind nicht mehr zwei. Cusanus belegt dies mit seinen berühmten geometrischen Beispielen: Vergrößert man den Radius eines Kreises ins Unendliche, so wird der gekrümmte Bogen unendlich flach — die unendliche Kreislinie fällt mit der geraden Linie zusammen. Eine unendlich große Linie ist zugleich Dreieck, Kreis und Kugel, weil im Unendlichen die Gestaltunterschiede verschwinden, an denen wir endliche Figuren unterscheiden. So wird im Bild die Coincidentia anschaulich: Gerade und Krumm, das im Endlichen schärfste Gegensatzpaar der Geometrie, sind im Unendlichen ein und dasselbe.

Cusanus ordnet diesem Sachverhalt eine Stufung der Erkenntnisvermögen zu. Die Sinne (sensus) bejahen ohne zu verneinen. Der Verstand (ratio) trennt durch Bejahung und Verneinung, er hält die Gegensätze auseinander und gehorcht dem Widerspruchssatz. Erst die Vernunft oder geistige Schau (intellectus) vermag den Gegensatz zu übersteigen und die Coincidentia zu erblicken — nicht begreifend, sondern schauend. Die coincidentia oppositorum ist deshalb genau die „Mauer des Paradieses" (murus paradisi), die Cusanus in De visione Dei beschreibt: Gott „wohnt" jenseits der Mauer, die aus dem Zusammenfall der Gegensätze errichtet ist, und der Eingang wird vom „höchsten Geist der Vernunft" bewacht — wer eintreten will, muss den Verstand und seine Logik des Entweder-Oder hinter sich lassen.

Wichtig ist, was die Coincidentia nicht ist: keine logische Schlamperei, kein Verwischen realer Unterschiede im Endlichen, kein Aufruf zur Begriffsverwirrung. Sie gilt ausschließlich im Unendlichen, in Gott. Im Bereich der geschaffenen, endlichen Dinge bleibt der Satz vom Widerspruch in voller Kraft. Cusanus behauptet nicht, im Hier und Jetzt sei heiß zugleich kalt; er behauptet, dass die Grenzbegriffe, mit denen wir die Wirklichkeit aufteilen, ihre Trennkraft verlieren, sobald man sie ins Absolute hinein verlängert. Damit ist die coincidentia oppositorum ein theologischer, kein logischer Satz: eine Aussage über Gott, nicht über die Welt.

Maximum und Minimum, complicatio und explicatio

Aus der Coincidentia entwickelt Cusanus seine Gotteslehre. Gott ist das absolute Maximum (maximum absolutum): das, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, und das deshalb nicht ein Größtes neben Kleinerem ist, sondern jedes Maß übersteigt. Eben weil es jedes Maß übersteigt, ist dasselbe absolute Maximum zugleich das absolute Minimum: In ihm fallen das Größte und das Kleinste in eins. Gott ist daher weder groß noch klein im vergleichenden Sinn — er ist jenseits des Mehr und Weniger, jenseits aller Quantität.

Das Verhältnis Gottes zur Welt fasst Cusanus mit dem schönen Begriffspaar complicatio und explicatio — „Einfaltung" und „Ausfaltung". Gott ist die complicatio aller Dinge: Er „faltet" alles in absoluter Einheit in sich zusammen, wie der Punkt die Linie, die Einheit die Zahlenreihe, die Gegenwart alle Zeiten in sich enthält. Die Welt ist die explicatio Gottes: die „Ausfaltung", Entfaltung dieser eingefalteten Einheit in die Vielheit von Raum, Zeit und Geschöpfen. Gott ist „alles in allem" und doch von allem unendlich verschieden — eine Formel, die zwischen Pantheismus und Theismus eine eigene, schwer zu fixierende Stellung einnimmt und die spätere Vorwürfe (etwa gegen Cusanus' Nachfolger Giordano Bruno) provozierte.

In den Spätschriften ringt Cusanus immer neu um den treffenden Namen für dieses Übergegensätzliche. In „De possest" prägt er das Kunstwort possest aus posse („können") und est („ist"): Gott ist das „Können-Ist", die Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit, in der alles, was sein kann, auch schon ist — während im Endlichen Möglichkeit und Verwirklichung stets auseinanderfallen. In „De li non aliud" nennt er Gott das „Nicht-Andere" (non aliud): Gott ist nicht ein Ding neben anderen, nicht ein „Anderes" gegenüber der Welt, sondern das, was sich selbst und allem anderen seine Bestimmung gibt — non aliud non est aliud quam non aliud, „das Nicht-Andere ist nichts anderes als das Nicht-Andere". Die sprachliche Verschlingung ist Absicht: Sie soll den Verstand an seine Grenze führen, wo Bejahung und Verneinung zusammenfallen. Im letzten Werk „De apice theoriae" schließlich denkt er Gott als das posse ipsum, das „Können selbst", den schlichten Grund alles Möglichen.

De visione Dei: das Sehen Gottes

Das vielleicht eindringlichste Werk ist „De visione Dei" (1453), geschrieben für die Benediktiner von Tegernsee, die mit Cusanus über die Frage gerungen hatten, ob die mystische Gottesvereinigung mehr Sache der Liebe oder des Erkennens sei. Cusanus legte seiner Schrift ein Bild bei: eine Ikone (icona Dei), ein Christusantlitz, dessen Blick — nach Art bestimmter gemalter Augen — jeden Betrachter zugleich anzublicken scheint, von welcher Stelle des Raumes aus er auch schaut. Cusanus lässt die Mönche ein Experiment machen: Jeder stellt sich an einen anderen Ort, und jeder erfährt den Blick des Bildes unverwandt auf sich gerichtet; gehen zwei in entgegengesetzte Richtungen, folgt der eine Blick beiden zugleich.

Aus diesem sinnlichen Gleichnis entfaltet Cusanus eine ganze Theologie der Gottesschau, die wieder die Coincidentia in sich trägt: Gottes Sehen (visio Dei) ist zugleich sein Gesehenwerden — der Genitiv ist bewusst doppeldeutig. „Dein Sehen, Herr, ist dein Wesen": Gott sieht alles und jeden ganz und ungeteilt zugleich, weil in ihm das Allgemeine und das Einzelne, das Ferne und das Nahe zusammenfallen. Und in der berühmten Formel kehrt Cusanus das Verhältnis von Sein und Gesehenwerden um: „Ich bin, weil du mich anblickst" — das Geschöpf verdankt sein Dasein dem schöpferischen, liebenden Blick Gottes. Das absolute Sehen und das absolute Geliebtwerden, Erkennen und Liebe, fallen in Gott zusammen; damit beantwortet Cusanus den Streit der Mönche nicht durch Entscheidung, sondern durch Aufhebung des Gegensatzes. De visione Dei führt so die abstrakte coincidentia oppositorum in eine gelebte Kontemplationspraxis über: Die Mauer des Paradieses wird vor dem Bild zur Erfahrung.

Die großen Vergleiche

Cusanus' Gedanken berühren sich auffallend mit den großen apophatischen und nondualen Traditionen Ost und West. Die Familienähnlichkeiten sind real und tief; doch sie verlaufen, wie stets in vergleichender Betrachtung, entlang scharfer Bruchlinien. Die durchgehende Trennlinie heißt hier: Übergegensätzlichkeit eines persönlich-trinitarischen Schöpfergottes (Cusanus) gegen gestaltlose Nicht-Zweiheit oder leere Bezugslosigkeit (die östlichen Vergleichspartner).

Apophatische Theologie (Pseudo-Dionysius) — die unmittelbare Quelle

Cusanus' nächster Verwandter ist die negative Theologie des Pseudo-Dionysius, die er ausdrücklich als Quelle nennt (siehe Via negativa). Beide teilen die Grundüberzeugung, dass Gott jeden Begriff unendlich übersteigt und dass die höchste Rede über ihn die der Verneinung ist. Cusanus übernimmt von Dionysius das Stufenmodell — Aufstieg durch Bejahungen (kataphasis), Übersteigen durch Verneinungen (apophasis), Eintritt in das „Dunkel" jenseits beider. Die docta ignorantia ist insofern eine erkenntnistheoretische Neufassung der dionysischen „göttlichen Finsternis".

Der Unterschied ist gleichwohl markant. Dionysius bleibt im Modus der Sprachoperation: Er negiert die Namen Gottes nacheinander und übersteigt schließlich auch die Negation selbst (Hyperapophasis). Cusanus dagegen fasst dasselbe logisch-mathematisch: Er benennt den genauen Ort, an dem die Begriffe versagen — die coincidentia oppositorum —, und macht das Unendliche durch geometrische Modelle anschaulich. Wo Dionysius über Gott „schweigt", indem er alle Worte zurücknimmt, konstruiert Cusanus gleichsam den logischen Punkt, an dem das Reden umschlägt. Die Verneinung wird bei ihm vom mystischen Verstummen zur spekulativen Strukturaussage: nicht nur „Gott ist nicht dies und nicht das", sondern „in Gott ist dies dasselbe wie sein Gegenteil".

Meister Eckhart und das östliche Nichtwissen

Im lateinischen Westen ist Meister Eckhart Cusanus' kühnster Vorläufer, dessen Werke er in Köln studierte und gegen den Häresievorwurf verteidigte. Eckharts Lehre von der Gottheit jenseits Gottes — dem namenlosen „lauteren Nichts" (siehe Eckharts göttliches Nichts) — und Cusanus' Gott jenseits aller Gegensätze sind enge Geschwister: Beide setzen das Absolute jenseits jeder begrifflichen Fassung an. Der Unterschied ist eher der des Temperaments und der Methode: Eckhart spricht die Sprache der predigenden Mystik und zielt auf die innere „Geburt Gottes in der Seele"; Cusanus die Sprache der spekulativen Philosophie und der Mathematik. Eckharts „Nichts" ist erlebt und gepredigt, Cusanus' „Zusammenfall" ist gedacht und konstruiert — derselbe Abgrund, von der Kanzel und vom Schreibtisch her betreten.

Advaita-Vedānta — die Nicht-Zweiheit und neti-neti

Die strukturell tiefste östliche Parallele bietet der Advaita-Vedānta Śaṅkaras. Drei Berührungspunkte springen ins Auge. Erstens das Nichtwissen: Cusanus' Einsicht, dass das Absolute jedem Maß und jeder Vergleichung entzogen ist, entspricht der advaitischen Lehre, dass Brahman „ohne Eigenschaften" (nirguṇa) und durch keine Bestimmung zu fassen ist. Zweitens die Methode der Verneinung: Cusanus' negativer Weg findet im advaitischen neti-neti („nicht dies, nicht dies") sein genaues Gegenstück — beide nähern sich dem Absoluten, indem sie jede begrenzte Bestimmung abstreifen. Drittens die Übergegensätzlichkeit: Brahman ist „kleiner als das Kleinste und größer als das Größte" (so die Upaniṣaden), eine Formel, die Cusanus' Coincidentia von Maximum und Minimum verblüffend nahekommt; und sat-cit-ānanda (Sein-Bewusstsein-Wonne) denkt das Absolute als Einheit, in der die endlichen Gegensätze aufgehoben sind.

Der Unterschied liegt im ontologischen Verhältnis von Absolutem und Welt. Im Advaita ist die Welt der Vielheit letztlich māyā, schleierhafte, im Erwachen zu durchschauende Erscheinung; wahr ist allein das eine, eigenschaftslose Brahman, mit dem der innerste Selbstgrund (ātman) identisch ist. Bei Cusanus dagegen ist die Welt die wirkliche Ausfaltung (explicatio) Gottes — nicht Schein, sondern reale Schöpfung eines persönlichen, dreieinigen Gottes, der dem Geschöpf liebend „gegenübertritt" (De visione Dei). Cusanus hält am Schöpfer-Geschöpf-Verhältnis und an der Personalität Gottes fest; der Advaita löst gerade diese Zweiheit in der Identität von ātman und Brahman auf. Wo Śaṅkaras Befreiung das Erkennen der schon bestehenden Nicht-Zweiheit ist, bleibt Cusanus' Schau ein Aufstieg zum unbegreiflichen Anderen, das zugleich Nicht-Anderes ist.

Sufisches jamʿ und vahdat al-wuǧūd

In der islamischen Mystik berührt sich Cusanus mit zwei verwandten Lehren. Die erste ist jamʿ — die „Versammlung", der Zustand mystischer Vereinigung, in dem die Trennung von Diener und Herr, von Schöpfer und Geschöpf, in der Einheit „versammelt" wird; klassisch ergänzt um den Gegenbegriff farq (die „Trennung", das wache Unterscheiden im Alltag). In Ibn ʿArabīs Denken ist das Göttliche der einzige Ort, an dem entgegengesetzte Namen zusammenfallen können: Gott ist zugleich der „Äußere" (aẓ-Ẓāhir) und der „Innere" (al-Bāṭin), der „Erste" und der „Letzte", und vereinigt in sich die Pole der Schönheit (ǧamāl) und der Majestät/Strenge (ǧalāl). Diese Koinzidenz gegensätzlicher göttlicher Namen ist Ibn ʿArabīs nächste Entsprechung zur coincidentia oppositorum — die Forschung hat die Nähe von Cusanus, Eckhart und Ibn ʿArabī oft hervorgehoben. Die zweite Lehre ist die Einheit des Seins (waḥdat al-wuǧūd): Alles Seiende ist Selbstoffenbarung (tajallī) des einen wahren Seins.

Die Unterschiede liegen in der Logik der Einheit und im Weg. Cusanus' Coincidentia ist primär logisch-metaphysisch gedacht: der Punkt, an dem der Widerspruchssatz im Unendlichen außer Kraft tritt. Ibn ʿArabīs Koinzidenz der Namen ist theophanisch gedacht: das eine Sein offenbart sich in unendlich vielen, auch gegensätzlichen Selbstmanifestationen. Und der Weg unterscheidet sich: Das sufische jamʿ ist ein erfahrener Bewusstseinszustand, oft mit der Selbstauslöschung (fanāʾ) verbunden, in dem das Ich im göttlichen Du untergeht; Cusanus' docta ignorantia ist demgegenüber eine erkennende Haltung des wachen, schauenden Geistes (intellectus), die das Ich nicht auslöscht, sondern an seine Grenze führt. Der eine versinkt im Zusammenfall, der andere schaut ihn.

Buddhistische Madhyamaka-Leerheit (śūnyatā)

Der lehrreichste — und gefährlichste — Vergleich ist der mit der Leerheit (śūnyatā) des Nāgārjuna und der Madhyamaka-Schule. Die Berührung scheint im Umgang mit den Gegensätzen zu liegen: Nāgārjunas Tetralemma (catuṣkoṭi) prüft und verwirft systematisch alle vier möglichen Positionen — eine Sache ist, ist nicht, ist beides, ist keines von beiden — und führt so den begrifflichen Verstand an eine Grenze, die der cusanischen Coincidentia oberflächlich ähnelt: Auch hier zerbricht die Logik des Entweder-Oder.

Doch genau hier liegt der schärfste Unterschied, und die bequeme Gleichsetzung führt in die Irre. Cusanus' coincidentia oppositorum ist eine positive, ontologische Aussage über ein höchstes Sein: Im unendlichen Gott fallen die Gegensätze in eine überfülle, in eine reale Einheit zusammen. Nāgārjunas Tetralemma dagegen ist eine rein negative, dekonstruktive Operation, die gerade keine verborgene höhere Einheit setzt: Es verwirft alle vier Positionen, um zu zeigen, dass keinem Ding ein Eigensein (svabhāva) zukommt — alles ist „leer", weil alles nur in Abhängigkeit (pratītyasamutpāda) entsteht. Cusanus' Coincidentia mündet in ein Maximum (Gott als Fülle des Seins); Nāgārjunas Tetralemma mündet in die Leerheit (das Fehlen jeden Substanzkerns, auch des Absoluten selbst). Wo Cusanus den Verstand übersteigt, um ein Mehr zu schauen, übersteigt ihn Nāgārjuna, um jedes „An-sich" als leer zu entlarven. Beide stoßen an die Grenze der Begriffe — aber der eine findet dahinter Gott, der andere die Leere von allem, auch von „Gott". (Zur vergleichenden Vertiefung dieser Achse: Tauḥīd, Advaita und Śūnyatā sowie Leere und Fülle im Vergleich.)

Eine Bilanz der Vergleiche

Quer durch alle Vergleiche kehrt eine echte Gemeinsamkeit wieder: das Wissen darum, dass das Absolute jeden endlichen Begriff und jeden Gegensatz übersteigt, und der Weg der Verneinung, der dorthin führt. Cusanus, Pseudo-Dionysius, Eckhart, Śaṅkara, Ibn ʿArabī und Nāgārjuna treffen sich an der Mauer, an der die Logik des Entweder-Oder ihre Geltung verliert. Ebenso beständig kehren zwei echte Unterschiede wieder. Erstens das, was hinter der Mauer liegt: bei Cusanus, Dionysius und Ibn ʿArabī ein übergegensätzlicher, persönlicher, sich offenbarender Gott; im Advaita das eine eigenschaftslose Brahman, mit dem das Selbst identisch ist; in der Madhyamaka gerade kein Absolutes, sondern die Leerheit aller Dinge. Zweitens das Subjekt am Ende des Weges: Cusanus' schauender intellectus bleibt erhalten und steht dem Nicht-Anderen gegenüber; die advaitische und die sufische Vereinigung lösen die Subjekt-Objekt-Zweiheit auf; die buddhistische Einsicht löst den Substanzkern des Subjekts selbst auf. Dieselbe Geste — das Übersteigen des Gegensatzes — trägt also gegensätzliche Gehalte.

Kritik und Grenzen

Cusanus' Denken ist von Anfang an angefochten, und die Einwände sind ernst zu nehmen.

Der Pantheismus-Verdacht. Schon zu Lebzeiten warf ihm der Heidelberger Theologe Johannes Wenck in der Streitschrift De ignota litteratura („Über die unbekannte Gelehrsamkeit", um 1442/43) vor, die docta ignorantia hebe den Unterschied von Schöpfer und Geschöpf auf, verwische die Grenzen der Dinge und führe in einen verkappten Pantheismus. Cusanus antwortete mit der Apologia doctae ignorantiae (1449). Der Verdacht hielt sich gleichwohl: Cusanus' Lehre vom Gott als complicatio aller Dinge und vom Universum ohne festen Mittelpunkt nahm Gedanken vorweg, für die Giordano Bruno anderthalb Jahrhunderte später verurteilt wurde — Bruno berief sich ausdrücklich auf Cusanus. Die Nähe zum Pantheismus bleibt eine offene, viel diskutierte Frage.

Der Vorwurf der logischen Unhaltbarkeit. Aus Sicht einer strengen Logik ist die coincidentia oppositorum angreifbar: Wer den Satz vom Widerspruch für das Unendliche außer Kraft setzt, riskiert, dass am Ende jede Aussage über Gott beliebig wird, da mit ihrem Gegenteil zusammenfallend. Verteidiger entgegnen, Cusanus hebe den Widerspruchssatz nicht auf, sondern markiere nur dessen Geltungsgrenze; doch wo genau diese Grenze verläuft und ob sie sich nicht in bloße Paradoxie auflöst, bleibt umstritten.

Die Grenze der Mathematisierung. Cusanus' geometrische Modelle (unendliche Linie = Kreis) sind Analogien, keine Beweise. Sie veranschaulichen, was im Endlichen schon im Grenzübergang sichtbar wird; ob sie über das Unendliche selbst etwas aussagen oder nur ein suggestives Bild liefern, ist eine methodische Streitfrage. Cusanus selbst wusste das: In der Logik der coniectura sind auch seine Modelle nur Mutmaßungen.

Die Spannung von Mystik und System. Schließlich steht Cusanus zwischen zwei Welten. Als Mystiker will er zum unsagbaren Gott hinführen; als Philosoph baut er ein begriffliches System über genau diesen unsagbaren Gott. Kritiker sehen darin einen Selbstwiderspruch: Wer das Nichtwissen lehrt, lehrt eben doch ein Wissen. Wohlwollender gelesen ist genau dies die Pointe der docta ignorantia — ein Wissen, das sich selbst als Nichtwissen weiß und eben darin weise ist.

Fazit

Nikolaus von Kues hat den alten Weg der negativen Theologie — den Aufstieg zum Gott jenseits aller Begriffe — mit den Mitteln der Mathematik und der spekulativen Logik neu vermessen. Seine docta ignorantia macht das Nichtwissen zum Gipfel der Weisheit; seine coincidentia oppositorum benennt den Punkt, an dem die Logik des Entweder-Oder im Unendlichen umschlägt; sein Gott als „Nicht-Anderes" und als Zusammenfall von Maximum und Minimum, sein „Sehen Gottes" als wechselseitiger liebender Blick — all das sind Versuche, das Unsagbare denkend zu umkreisen, ohne es zu fassen. Im vergleichenden Licht zeigt sich Cusanus als westlicher Brückenkopf zu den großen nondualen Traditionen: dem advaitischen neti-neti, dem sufischen Zusammenfall der göttlichen Namen, der buddhistischen Sprengung des begrifflichen Verstandes. Die Berührungen sind echt — und ebenso echt bleibt der Unterschied, der Cusanus' übergegensätzlichen, persönlichen, sich offenbarenden Schöpfergott von der gestaltlosen Einheit Brahmans wie von der substanzlosen Leerheit der Madhyamaka trennt. Eben in diesem wachen Festhalten beider Wahrheiten zugleich — der Nähe und des Unterschieds — liegt der dokumentarische Wert seines Denkens für den vergleichenden Blick.