Bedeutende Persönlichkeiten

Paulus von Tarsus: Bekehrung, Christusmystik und Agape

Paulus von Tarsus (ca. 5–67 n. Chr.), als Saulus geboren, war Pharisäer und Christenverfolger, bevor ihn die Damaskus-Vision zum Apostel der Heiden wandelte. Seine echten Briefe sind die ältesten Schriften des Neuen Testaments und begründen mit dem „in Christo”, der Entrückung in den „dritten Himmel”, dem Agape-Hymnus und der Kenosis-Lehre eine Christusmystik, die zur Quelle der gesamten abendländischen Mystik wurde. Aus vergleichender Sicht steht Paulus zwischen Gnosis, christlicher Brautmystik und der islamischen Gotteserkenntnis als Schlüsselgestalt der Liebe als Erkenntnisweg.

20 Verbindungen Mittel Bedeutende Persönlichkeiten Auf der Karte zeigen → ⌛ 1. Jahrhundert

Definition

Paulus (griechisch Παῦλος, lateinisch Paulus; ursprünglich hebräisch Saulus, Schaʾul; etwa 5–67 n. Chr.) ist nach Jesus von Nazareth die folgenreichste Gestalt des frühen Christentums und zugleich einer der ersten und tiefsten Mystiker der christlichen Tradition. Geboren als Saulus von Tarsus, einer wohlhabenden Handels- und Universitätsstadt in der römischen Provinz Kilikien (im Süden der heutigen Türkei), war er ein pharisäisch geschulter, im griechischen Denken bewanderter und zugleich mit dem römischen Bürgerrecht ausgestatteter Jude. Er begann seine Laufbahn als erbitterter Verfolger der jungen Jesusbewegung, wurde aber durch eine Vision des Auferstandenen vor den Toren von Damaskus in ihren leidenschaftlichsten Verkünder verwandelt. Als „Apostel der Heiden" trug er die christliche Botschaft aus dem jüdischen Mutterboden in die griechisch-römische Welt und legte damit den Grund dafür, dass aus einer innerjüdischen Erneuerungsbewegung eine Weltreligion wurde. Die unter seinem Namen überlieferten Briefe gehören zu den ältesten Texten des Neuen Testaments; in ihnen entfaltet sich eine Theologie der Rechtfertigung aus Gnade ebenso wie eine glühende Mystik des Lebens „in Christus". Aus vergleichender Perspektive ist Paulus zugleich ein Brennpunkt der Kontroverse: Er nutzt die Sprache der Erkenntnis („Gnosis") und der Weisheit („Sophia"), grenzt sich jedoch scharf von ihren späteren gnostischen Ausprägungen ab; er gilt manchen als der eigentliche Stifter des Christentums, anderen als dessen erster großer Verfälscher.

Leben: Vom Pharisäer zum Apostel

Über das Leben des Paulus verfügen wir über zwei einander ergänzende, aber nicht immer deckungsgleiche Quellengruppen: seine eigenen Briefe, in denen er gelegentlich autobiographische Auskünfte gibt, und die Apostelgeschichte des Lukas, die rund eine Generation später entstand und ein theologisch geformtes Porträt zeichnet. Aus beidem lässt sich ein Lebensbild gewinnen, das in den Grundzügen gesichert ist.

Saulus wurde um das Jahr 5 n. Chr. in Tarsus geboren, einer Stadt, in der hellenistische Bildung, östliche Kulte und jüdisches Gemeindeleben aufeinandertrafen. Er entstammte einer frommen jüdischen Familie aus dem Stamm Benjamin, war von Geburt römischer Bürger und beherrschte die griechische Koine, in der er später seine Briefe verfassen sollte. Nach eigenem Zeugnis war er „dem Gesetz nach ein Pharisäer" (Phil 3,5) und tat sich durch besonderen Eifer für die väterlichen Überlieferungen hervor. Die Apostelgeschichte berichtet, er sei in Jerusalem „zu den Füßen Gamaliels" ausgebildet worden, eines der angesehensten pharisäischen Lehrer der Epoche. Aus diesem Eifer heraus wurde er zum Verfolger der frühen Christen, die er als gefährliche Abweichler vom jüdischen Glauben betrachtete; er selbst bekennt später unumwunden, er habe „die Gemeinde Gottes über die Maßen verfolgt und sie zu zerstören gesucht" (Gal 1,13).

Der entscheidende Einschnitt seines Lebens war die Vision vor Damaskus, die man auf etwa 33–36 n. Chr. datiert. Auf dem Weg in die Stadt, wo er weitere Anhänger Jesu festnehmen wollte, widerfuhr ihm eine Erscheinung des auferstandenen Christus. In seinen Briefen schildert Paulus dieses Ereignis nüchtern und theologisch als eine Offenbarung: Gott habe „es gefallen, seinen Sohn in mir zu offenbaren" (Gal 1,16), und er reiht seine Erfahrung unter die Erscheinungen des Auferstandenen ein („zuletzt von allen ist er auch mir erschienen", 1 Kor 15,8). Die Apostelgeschichte hingegen dramatisiert den Vorgang mit Licht vom Himmel, Sturz zu Boden, einer Stimme und vorübergehender Blindheit. Wie immer man die Darstellungen gewichtet: Aus dem Verfolger Saulus wurde der Apostel Paulus. Diese Wandlung wurde zum Urbild der christlichen Bekehrungserfahrung und prägte spätere Berichte — von der Gartenszene des Augustinus bis zu Luthers „Turmerlebnis".

Es folgten Jahrzehnte rastloser Missionstätigkeit. Paulus durchzog in mehreren großen Reisen den östlichen Mittelmeerraum — Kleinasien, Zypern, Makedonien und Griechenland —, gründete Gemeinden in Städten wie Korinth, Philippi, Thessaloniki, Ephesus und Galatien und hielt mit diesen Gemeinden brieflich Kontakt. Sein Verhältnis zur Jerusalemer Urgemeinde war spannungsreich: Auf dem sogenannten Apostelkonzil (um 48/49 n. Chr.) setzte er durch, dass Heiden nicht zuerst das jüdische Gesetz, insbesondere die Beschneidung, annehmen mussten, um Christen zu werden — eine Weichenstellung, ohne die das Christentum eine jüdische Sekte geblieben wäre. Den Konflikt mit Petrus in Antiochia über die Tischgemeinschaft von Juden- und Heidenchristen schildert er in Galater 2 mit bemerkenswerter Schärfe.

Die letzten Jahre waren von Gefangenschaft überschattet. Nach einer Verhaftung in Jerusalem und langer Untersuchungshaft berief sich Paulus als römischer Bürger auf den Kaiser und wurde nach Rom überführt. Mehrere seiner Briefe (die „Gefangenschaftsbriefe", darunter der Philipperbrief) sind aus der Haft geschrieben oder geben sich so. Nach altkirchlicher Überlieferung erlitt Paulus um 64–67 n. Chr. in Rom unter Kaiser Nero das Martyrium — als römischer Bürger durch das Schwert, nicht am Kreuz. Damit endete das Leben eines Mannes, der die geistige Landkarte des Abendlandes wie kaum ein zweiter umgestaltet hat.

Die echten Briefe: die ältesten Schriften des Neuen Testaments

Die historische Bedeutung des Paulus beruht zu großen Teilen auf seinen Briefen. In der heutigen Forschung gelten sieben davon als zweifelsfrei echt — darüber besteht ein Konsens von rund 95 bis 99 Prozent der Fachleute: der Brief an die Römer, der erste und der zweite Korintherbrief, der Galaterbrief, der Philipperbrief, der erste Thessalonicherbrief und der kurze Brief an Philemon. Sie wurden in den Jahren um 50 bis 58 n. Chr. verfasst; der erste Thessalonicherbrief (ca. 50/51 n. Chr.) ist damit aller Wahrscheinlichkeit nach die älteste erhaltene christliche Schrift überhaupt — älter als die Evangelien, die erst zwei bis fünf Jahrzehnte nach Paulus ihre uns bekannte Gestalt fanden.

Daraus ergibt sich eine bemerkenswerte Tatsache: Die frühesten schriftlichen Zeugnisse des Christentums sind nicht Erzählungen über das Leben Jesu, sondern theologische Gelegenheitsschreiben des Paulus an konkrete Gemeinden mit konkreten Problemen. Wer den ältesten Zugang zum Urchristentum sucht, findet ihn bei Paulus, nicht in den späteren Texten der Evangelien. Daneben stehen Briefe, deren Verfasserschaft umstritten ist (die „Deuteropaulinen" wie Kolosser, Epheser, 2. Thessalonicher) sowie die wahrscheinlich nachpaulinischen Pastoralbriefe (1./2. Timotheus, Titus), die zwar unter seinem Namen umlaufen, aber Sprache, Stil und Gemeindeverhältnisse einer späteren Zeit verraten. Für eine historisch genaue Darstellung der paulinischen Theologie und Mystik sind die sieben echten Briefe maßgeblich.

Die Briefe sind keine systematischen Abhandlungen, sondern in konkrete Situationen hineingesprochene Schreiben: Sie antworten auf Streitigkeiten, korrigieren Missverständnisse, trösten, ermahnen und werben. Gerade diese Gelegenheitsgebundenheit macht sie zu unmittelbaren Zeugnissen des frühesten christlichen Denkens, in denen sich die Theologie gleichsam im Werden beobachten lässt — noch bevor Lehrgebäude und Dogmen sich verfestigten.

Die Wirkungsgeschichte dieser Briefe ist immens. Schon Markion stellte um die Mitte des zweiten Jahrhunderts den ersten christlichen Kanon zusammen — und dieser bestand neben einem gekürzten Lukasevangelium aus zehn Paulusbriefen (siehe Markion von Sinope). Die paulinische Sammlung war also von Anfang an ein Kristallisationskern der christlichen Schriftwerdung.

Die Christusmystik: „nicht mehr ich, sondern Christus"

Im Zentrum der paulinischen Frömmigkeit steht eine Erfahrung, die sich am dichtesten in einem einzigen Vers verdichtet: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir" (Galater 2,20). Dieser Satz ist die Geburtsurkunde der christlichen Mystik. Paulus beschreibt hier nicht eine Lehre über Christus, sondern eine Verwandlung des Ich: Das alte, gesetzeseifrige, sich selbst behauptende Ich ist „mit Christus gekreuzigt", und an seine Stelle tritt ein neues Leben, dessen Subjekt nicht mehr das eigene Selbst, sondern der in ihm wohnende Christus ist.

Sprachlich greifbar wird diese Mystik in der berühmten Formel „in Christus" (griechisch en Christō), die in den echten Briefen rund 80-mal vorkommt. „In Christo" sein heißt für Paulus, in eine neue Seinsweise versetzt zu sein: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden" (2 Kor 5,17). Der Glaubende ist nicht bloß ein Anhänger einer Lehre, sondern lebt in einem neuen Element, wie ein Fisch im Wasser. Diese „In-Christus-Mystik" hat der Theologe und Arzt Albert Schweitzer in seinem Werk Die Mystik des Apostels Paulus (1930) als das eigentliche Zentrum der paulinischen Theologie herausgearbeitet — noch vor der Rechtfertigungslehre, die er als „Nebenkrater" im großen „Hauptkrater" der Christusmystik verstand.

Charakteristisch für diese Mystik ist, dass sie keine Auflösung des Ich in einer unpersönlichen Gottheit kennt. Der Mystiker Paulus bleibt ein Ich, das einem Du — dem lebendigen Christus — gegenübersteht und mit ihm verbunden ist. Es ist eine Mystik der Liebesgemeinschaft, nicht der Identität; eine Einheit, in der die Personalität von Liebendem und Geliebtem gewahrt bleibt. Eben darin liegt die bleibhaftig-relationale Prägung, die die ganze spätere christliche Mystik kennzeichnet und sie von rein nondualen Modellen unterscheidet.

Die Entrückung in den dritten Himmel (2 Korinther 12)

Die mystische Schlüsselstelle des Paulus ist sein verschlüsselter Bericht über eine Entrückung. Im zweiten Korintherbrief schreibt er — auffälligerweise in der dritten Person, als spräche er von einem anderen: „Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren — ob im Leibe, weiß ich nicht, oder außerhalb des Leibes, weiß ich nicht; Gott weiß es — wurde dieser entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich weiß von diesem Menschen, dass er ins Paradies entrückt wurde und unaussprechliche Worte hörte, die kein Mensch sagen darf" (2 Kor 12,2–4).

Diese wenigen Zeilen sind von außerordentlicher Bedeutung für die Geschichte der Mystik. Sie bezeugen erstens, dass Paulus selbst ekstatische, visionäre Erfahrungen kannte — eine Entrückung in himmlische Sphären, wie sie auch die jüdische Apokalyptik und spätere Merkaba-Mystik beschreiben. Zweitens markieren sie mit der Wendung von den „unaussprechlichen Worten" (arrēta rhēmata) eine erste Andeutung jener Unsagbarkeitserfahrung, die später zum Kernmotiv der apophatischen, „verneinenden" Theologie werden sollte (vgl. Via negativa): Das Höchste lässt sich nicht in menschliche Begriffe fassen. Drittens ist die Scheu, mit der Paulus von dieser Erfahrung spricht, selbst aufschlussreich: Er rühmt sich ihrer gerade nicht, sondern setzt ihr sogleich den „Stachel im Fleisch" entgegen, eine schmerzhafte Schwäche, die ihn vor Überhebung bewahren soll. Damit verknüpft Paulus die mystische Höhe untrennbar mit der Demut — ein Zug, der für die ganze christliche Mystik bestimmend bleibt.

Agape: das Hohelied der Liebe (1 Korinther 13)

Kein paulinischer Text hat tiefer gewirkt als das dreizehnte Kapitel des ersten Korintherbriefs, das „Hohelied der Liebe". Eingebettet in eine Erörterung über die Geistesgaben, stellt Paulus die Agape — die selbstlose, sich verschenkende Liebe — über alle anderen Gaben und Tugenden: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle." Erkenntnis, Prophetie, ja selbst der Glaube, der Berge versetzt, sind ohne Liebe nichts. Und im berühmten Schlusswort: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen" (1 Kor 13,13).

Das griechische Wort Agape, das Paulus hier wählt, hebt diese Liebe bewusst ab von erōs (der begehrenden Liebe) und philia (der Freundschaft). Agape ist nicht von der Liebenswürdigkeit ihres Gegenstandes abhängig; sie ist die herabsteigende, schenkende Liebe, die ihren Urgrund in Gott selbst hat. In dieser Liebe gipfelt die paulinische Ethik ebenso wie seine Mystik: Die Vereinigung mit Christus verwirklicht sich nicht in der Ekstase allein, sondern in der gelebten Liebe zum Nächsten. Damit wird die Agape zum eigentlichen Erkenntnisweg — man erkennt Gott, indem man liebt. Genau an diesem Punkt eröffnen sich die tiefsten Brücken zu anderen Traditionen, etwa zur islamischen Liebes- und Gotteserkenntnis.

Der Kenosis-Hymnus: Christi Selbstentäußerung (Philipper 2)

Im Philipperbrief zitiert Paulus einen frühchristlichen Hymnus, der vermutlich schon vor ihm in der Gemeinde gesungen wurde und den er seinem Brief einfügt — den sogenannten Christushymnus (Phil 2,6–11). Er beschreibt den Weg Christi als eine doppelte Bewegung von Erniedrigung und Erhöhung: Christus, „der in Gestalt Gottes war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an". Das griechische Schlüsselwort ekenōsen heauton — „er entäußerte, entleerte sich selbst" — ist der Ursprung der christlichen Lehre von der Kenosis (siehe ausführlich Kenosis).

Der Hymnus folgt einer „V"-Kurve: vom göttlichen Stand hinab in die tiefste Erniedrigung — „gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz" — und von dort hinauf zur Erhöhung, in der Gott ihm „den Namen über alle Namen" verleiht. Diese Bewegung der Selbstentäußerung wird bei Paulus nicht als abstrakte Christologie eingeführt, sondern als ethisches und mystisches Vorbild: „Seid so gesinnt, wie auch Christus Jesus es war" (Phil 2,5). Der Glaubende ist eingeladen, die kenotische Haltung Christi — das Sich-Entleeren zugunsten des anderen — selbst nachzuvollziehen. Damit liefert Paulus eines der wirkmächtigsten Modelle der Selbstüberschreitung der gesamten Religionsgeschichte, das in der vergleichenden Mystik immer wieder neben das sufische fanāʾ (Auslöschung) und die östliche Lehre der Theosis gestellt wird.

Rechtfertigung, Geist und Fleisch, Leib Christi

Neben der Mystik steht die paulinische Theologie der Rechtfertigung. In schroffer Abkehr von seiner pharisäischen Vergangenheit lehrt Paulus, dass der Mensch nicht durch die „Werke des Gesetzes", sondern allein aus Gnade, durch den Glauben gerecht wird (Röm 3,28; Gal 2,16). Nicht die eigene Leistung, sondern Gottes geschenkte Zuwendung in Christus rettet den Menschen. Diese Lehre wurde zum theologischen Sprengsatz, der ein Jahrtausend später die Reformation Martin Luthers entzündete.

Eng damit verbunden ist der paulinische Gegensatz von „Geist" (pneuma) und „Fleisch" (sarx). „Fleisch" meint dabei nicht den Körper als solchen, sondern den auf sich selbst bezogenen, von Gott abgewandten Menschen; „Geist" den von Gottes Geist erfüllten, neuen Menschen. Das christliche Leben ist ein Leben „im Geist", das sich in dessen Früchten zeigt — „Liebe, Freude, Friede, Geduld" (Gal 5,22).

Ein dritter großer Gedanke ist der vom „Leib Christi". Die Gemeinde der Glaubenden ist für Paulus nicht bloß eine Versammlung, sondern ein organisches Ganzes, ein Leib mit vielen Gliedern, dessen Haupt Christus ist (1 Kor 12). Diese Vorstellung verleiht der Christusmystik eine gemeinschaftliche, ja kosmische Dimension: Die Vereinigung mit Christus ist zugleich Eingliederung in einen geistlichen Organismus, der die Einzelnen übersteigt.

Vergleichende Perspektiven

Paulus und die christliche Mystik: Quelle der Brautmystik und Unio

Die paulinische Christusmystik ist die unterirdische Quelle, aus der die spätere christliche Mystik gespeist wird. Das „nicht mehr ich, sondern Christus" (Gal 2,20) liefert die Grundformel der unio mystica, der mystischen Vereinigung; das „in Christo" wird zum Sprachmodell für das Wohnen Gottes in der Seele. Über die Kirchenväter und Augustinus gelangt dieses Erbe in die mittelalterliche Mystik. Besonders die Brautmystik — die Deutung des Verhältnisses zwischen Seele und Gott als Liebesbund von Braut und Bräutigam — knüpft an Paulus an, der selbst die Gemeinde als „Braut Christi" beschreibt (2 Kor 11,2). Die Mystiker des Mittelalters und der frühen Neuzeit, von Bernhard von Clairvaux über Meister Eckhart bis zu Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz, stehen alle in dieser von Paulus eröffneten Linie, mag sich Eckharts Mystik der Gottesgeburt in der Seele auch weit von der ekstatischen Sprache des Apostels entfernen.

Paulus und die Gnosis: Nähe und scharfe Abgrenzung

Eines der heikelsten Felder der vergleichenden Betrachtung ist das Verhältnis des Paulus zur Gnosis. Paulus bedient sich auffallend oft der Begriffswelt, die später die gnostischen Systeme prägen sollte: Er spricht von „Erkenntnis" (gnōsis), von „Weisheit" (sophia), von „Geheimnis" (mystērion), von den „Vollkommenen" (teleioi) und unterscheidet „pneumatische" von „psychischen" Menschen (1 Kor 2). Diese Sprache hat manche Forscher veranlasst, in Paulus selbst einen Gnostiker zu sehen — eine These, die heute überwiegend abgelehnt wird.

Denn zugleich grenzt sich Paulus entschieden ab. Die „Weisheit der Welt" erklärt er für Torheit vor Gott und stellt ihr das „Wort vom Kreuz" entgegen (1 Kor 1,18–25). Die wahre Sophia (Weisheit) ist für ihn nicht eine geheime Erkenntnis für Eingeweihte, sondern der gekreuzigte Christus selbst. Wo die gnostischen Strömungen — etwa die hinter dem Thomasevangelium stehenden Kreise — die Erlösung in einem verborgenen Wissen suchten, das den göttlichen Funken in sich aus der materiellen Welt befreit, beharrt Paulus auf Glaube, Liebe und der leiblichen Auferstehung. Wo die Gnosis Schöpfung und Materie als Werk eines minderen Gottes abwertete, hält Paulus an der Güte der einen Schöpfung fest. Eben darum konnte sich Markion im zweiten Jahrhundert ausgerechnet auf Paulus berufen und ihn zugleich gründlich missverstehen: Markions Trennung zwischen dem Schöpfergott des Alten Testaments und dem Liebesgott Jesu (siehe Markion von Sinope) ist eine radikale Zuspitzung paulinischer Motive, die Paulus selbst so nie gezogen hätte. Paulus steht damit an einer Wegscheide: Er gebraucht die Sprache der Erkenntnis, um sie der Liebe zu unterwerfen.

Die mystische Gestalt Jesu und der „kosmische Christus" des Paulus

Auffällig ist, wie wenig sich Paulus für den irdischen Jesus von Nazareth interessiert. Er zitiert kaum Worte des historischen Jesus, erzählt keine Gleichnisse, schildert keine Wunder. Im Zentrum seiner Verkündigung steht nicht der Wanderprediger aus Galiläa, sondern der gekreuzigte und auferstandene, ja der „kosmische" Christus — jene allumfassende Gestalt, „durch den alle Dinge sind" (1 Kor 8,6) und in dem „alles seinen Bestand hat". Hier zeigt sich eine Spannung zur mystischen Gestalt Jesu, wie sie aus den Evangelien hervortritt: Während die mystische Dimension des historischen Jesus in seiner Gottesnähe, seinem Gebetsleben und seiner Reich-Gottes-Botschaft liegt, verlagert Paulus den Schwerpunkt auf das Heilsereignis von Kreuz und Auferstehung und auf die kosmische Würde des Erhöhten. Dieser „kosmische Christus" des Paulus — vorbereitet im Logos-Gedanken und später entfaltet bis hin zu Teilhard de Chardin — wird zu einer eigenen Linie christlicher Spiritualität, die den Christus weit über die Grenzen der Lebensgeschichte Jesu hinaus als universales Prinzip versteht.

Logos, Sophia und der kosmische Christus

Obwohl Paulus den johanneischen Begriff des Logos nicht ausdrücklich gebraucht, bewegt sich seine Rede vom präexistenten, schöpfungsmittlerischen Christus (1 Kor 8,6; Phil 2,6) in derselben Denkwelt, in der hellenistisch-jüdische Weisheitsspekulation und der Logos-Gedanke der griechischen Philosophie zusammenfließen. Die Sophia, die personifizierte Weisheit der jüdischen Tradition, und der Logos der Stoa und des Mittelplatonismus bilden den geistigen Hintergrund, vor dem Paulus Christus als kosmische Mittlergestalt zeichnet. Das spätere Offenbarung des Johannes und das Johannesevangelium führen diese Linie weiter; bei Paulus aber liegt bereits der Keim einer Theologie, die den Christus als Sinn- und Schöpfungsgrund des Alls begreift.

Brücken zur islamischen Gotteserkenntnis (Maʿrifa) und zur Liebe als Erkenntnisweg

Aus der Perspektive der vergleichenden Religionsgeschichte sind die Berührungspunkte zwischen der paulinischen Christusmystik und der islamischen Mystik bedenkenswert — bei aller Wahrung der grundlegenden Unterschiede. Der Kerngedanke des Paulus, dass nicht die diskursive Erkenntnis, sondern die Liebe (Agape) zur wahren Gotteserkenntnis führt, findet im Sufismus eine strukturelle Entsprechung im Begriff der Maʿrifa — jener herzhaften, erfahrungsmäßigen Gotteserkenntnis, die über das bloße Wissen (ʿilm) hinausgeht und mit der Liebe (maḥabba) untrennbar verbunden ist. In beiden Traditionen ist die höchste Erkenntnis keine intellektuelle Leistung, sondern eine Frucht der Liebe und der Selbstentäußerung. Die paulinische Kenosis (Phil 2) hat ihrerseits ihr strukturelles Gegenstück im sufischen fanāʾ, der Auslöschung des Ich in Gott, auf die das baqāʾ, das Fortbestehen in Gott, folgt — eine Parallele zum Rhythmus von Erniedrigung und Erhöhung im Christushymnus. Solche Vergleiche erheben keine Tradition über die andere und verwischen ihre Eigenart nicht: Die paulinische Mystik ist strikt christozentrisch und kennt die Selbstentäußerung Gottes in der Menschwerdung, was der islamische Monotheismus so nicht teilt. Doch sie zeigen, dass das Thema „Liebe als Erkenntnisweg" zu den großen verbindenden Motiven der monotheistischen Mystik gehört.

Kritik und Grenzen

Kaum eine Gestalt des Christentums ist so umstritten wie Paulus. Drei Linien der Kritik sind besonders folgenreich.

Erstens der Vorwurf, Paulus sei der eigentliche „zweite Gründer" — und damit der erste Verfälscher — des Christentums. Diese These, die schon in der liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts anklang, hat Nietzsche in Der Antichrist mit großer Wucht zugespitzt: Paulus habe die einfache, lebendige Botschaft Jesu in ein System aus Schuld, Sünde, Gnade und Jenseitshoffnung verkehrt und so den Geist Jesu in sein Gegenteil verdreht. In dieser Sicht steht der „Theologe" Paulus gegen den „Verkünder" Jesus. Die historische Forschung hat dieses Bild differenziert: Paulus war zweifellos ein eigenständiger Denker, der die Jesusbewegung in die hellenistische Welt übersetzte und dabei neue Akzente setzte; ob dies „Verfälschung" oder schöpferische Weiterführung war, bleibt eine Frage der Bewertung.

Zweitens das Frauenbild. Einige unter dem Namen des Paulus überlieferte Aussagen — etwa das Schweigegebot für Frauen in der Gemeinde (1 Kor 14,34 f.) oder die Unterordnungsforderungen der Haustafeln — haben über Jahrhunderte zur Begründung patriarchaler Strukturen gedient. Hier ist allerdings sorgfältig zu unterscheiden: Manche dieser Stellen gelten als spätere Einschübe oder stammen aus den unechten Briefen; demgegenüber kennt der echte Paulus mitarbeitende Frauen in leitenden Funktionen (Phöbe als Diakonin, Junia als „angesehen unter den Aposteln", Röm 16) und formuliert in Galater 3,28 den radikalen Satz, dass „nicht mehr Mann noch Frau" sei, denn alle seien „einer in Christus". Das paulinische Erbe ist in dieser Frage in sich spannungsvoll.

Drittens das Verhältnis zum historischen Jesus. Das auffällige Desinteresse des Paulus am irdischen Leben Jesu wirft die Frage auf, wie viel vom ursprünglichen Jesus in der paulinischen Verkündigung noch enthalten ist. Kritiker sehen darin einen Bruch; Verteidiger verweisen darauf, dass Paulus eben nicht die Erinnerung an einen Toten pflegen, sondern den lebendigen, gegenwärtigen Christus verkünden wollte.

Fazit

Paulus von Tarsus ist eine Doppelgestalt: Theologe und Mystiker, Organisator und Visionär, scharfer Denker und Liebender. Als Apostel der Heiden hat er das Christentum aus seiner jüdischen Wiege heraus zu einer universalen Religion geöffnet; als Verfasser der ältesten christlichen Schriften hat er ihr theologisches Vokabular geprägt; und als Mystiker des „in Christo" hat er der abendländischen Spiritualität eine Sprache geschenkt, die von der Brautmystik des Mittelalters bis in die Gegenwart nachklingt. Seine Christusmystik — verdichtet im „nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir", entrückt in den „dritten Himmel", besungen im Hohelied der Agape und vertieft im Hymnus der Kenosis — verbindet die mystische Höhe untrennbar mit der Demut und der gelebten Liebe. Gerade in dieser Bindung der Erkenntnis an die Liebe liegt seine bleibende, über die Grenzen des Christentums hinausreichende Bedeutung: In Paulus begegnet uns einer der großen Zeugen jener Einsicht, dass der tiefste Weg zur Wahrheit nicht das Wissen, sondern die Liebe ist.