Versunkene Zivilisationen

Das Symbol des Grauen Wolfs (seine mythisch-spirituelle Dimension)

Der Graue Wolf im türkisch-mongolischen Epenkorpus: der Archetyp des geistigen Führer-Tieres und des Ahnen-Totems. Eine vergleichende Lektüre mit der römischen Wölfin von Romulus und Remus, dem hinduistischen Vâhana-Symbolismus und dem jungianischen Wolf-Archetyp.

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Mythische Erzählung

Der Graue Wolf (alttürkisch: Kök Böri — „Himmelswolf", „blaugrauer Wolf") ist die im türkischen und mongolischen Epenkorpus am häufigsten anzutreffende Gestalt des heiligen Tieres. In diesem Beitrag wird der Graue Wolf als ein spirituell-mythologischer Archetyp behandelt; ethnisch-politisch-moderne Lesarten bleiben ausgeklammert.

In den klassischen Epen tritt der Graue Wolf in mehreren Funktionen auf:

  1. Ahnen-Totem (die Aschina-Sage): In der Ursprungserzählung der Aschina-Dynastie in den chinesischen Quellen (besonders die Annalen Zhou Shu und Bei Shi, 7. Jh.) ist der einzige Überlebende einer vom Feind ausgelöschten Gemeinschaft ein Knabe; ihn nährt eine Wölfin, vereinigt sich später mit ihm, und von ihm gebiert sie zehn Söhne — einer von ihnen ist Aschina, das Ahnengeschlecht des Göktürk-Kaganats. Hier steht der Graue Wolf in der Position der Ahnenmutter.
  2. Der Wegweiser (Hâdî): Im Ergenekon-Epos tritt das Motiv des Wolfes auf, der den Ausweg aus dem Bergtal eröffnet, dem Schmiede-Ahnen den Weg weist oder ihm vorangeht. Hier hat der Graue Wolf die Funktion eines Psychopompos — eines Seelenführers.
  3. Der Feldzugs-Führer: Im Oghuz-Kaghan-Epos (die älteste uigurische Fassung in einer schriftlichen Aufzeichnung etwa des 14. Jh.) geht Oghuz' vom Himmel herabgestiegener blaubehaarter Wolf („der himmelblau behaarte, himmelblau bemähnte, gewaltige Wolfsrüde") bei seinen Feldzügen voran und weist Oghuz die Richtung. Hier gleicht der Graue Wolf dem Engel des heiligen Feldzugs.
  4. Werkzeug der Wiedergeburt: Beim Auszug aus Ergenekon ist er zugleich Wegweiser und Zeichen der Auferstehung.
  5. Himmelszeichen: In den Göktürk-Inschriften kommt der Graue Wolf nicht unmittelbar vor; doch gibt es den Wolfskopf auf dem Banner (das Feldzeichen-Motiv) und, von den chinesischen Quellen für die Zeit Kül Tigins überliefert, die Darstellung eines Wolfskopfes auf dem Roßschweif-Banner (tug). Dies bindet den Wolf an das Zeichen der kosmischen Herrschaft.

Der sprachlich-epitethische Reichtum des Grauen Wolfs ist bemerkenswert: Kök Böri (Himmelswolf), Aschina (edler, hochgeborener Wolf), Börü (kiptschakisch-kumanisch), Çin Börü (wahrer Wolf), im Mongolischen Börte Çino (der mythische Ahn des Geschlechts Dschingis Khans, „gefleckter Wolf"). Die Geheime Geschichte der Mongolen (Monġolun niuca tobca'an, 13. Jh.) beginnt, wenn sie die Ahnen Dschingis Khans aufzählt, mit Börte Çino — das Motiv des Grauen Wolfs ist also nicht auf das ethnisch Türkische beschränkt, sondern ein gemeinsames kulturelles Erbe der weiten eurasischen Steppe.

Historische Aufzeichnungsschichten

Die älteste Schicht (an der Grenze von v. und n. Chr.)

Vom paläolithisch-mesolithischen Zeitraum der eurasischen Steppenkulturen an ist das Motiv des Wolfs-Totems verbreitet. In den Pasyryk-Kurganen (5.–3. Jh. v. Chr.) sind Werke aus Leder und Filz mit Wolfsfiguren, in der Tagar-Kultur (8.–2. Jh. v. Chr.) Waffenspitzen mit Wolfsköpfen belegt.

Die Hunnenzeit (3. Jh. v. – 4. Jh. n. Chr.)

Im hunnischen Kulturkreis ist das Wolfs-Totem eines der Hauptmotive. Doch sind die Angaben in den chinesischen Annalen begrenzt; die Mythen sind nicht schriftlich, sondern zirkulieren mündlich.

Die Göktürk-Zeit (552–744)

Die erste systematische Mythen-Aufzeichnung findet sich in den chinesischen Quellen. Das Zhou Shu (verfasst im 7. Jh.) und das Sui Shu (7. Jh.) überliefern die Aschina-Wolf-Erzählung. Die Orchon-Inschriften (Tonyukuk, Kül Tigin, Bilge Kagan) erwähnen den Wolfsmythos nicht unmittelbar; stattdessen zeichnen sie mit Wendungen wie „der Himmel erschuf uns" (Tengri yarutti) und „die braune Erde" (yaghiz yer) das Rückgrat des Tengrismus.

Die Uigurenzeit und danach

Im schriftlichen Korpus der Uigurenzeit (8.–13. Jh.) gibt es zwei bekannte Hauptfassungen des Oghuz-Kaghan-Epos: die in uigurischer Schrift (die Pariser BN-Handschrift) und die islamische (in Raschîd ad-Dîns Dschâmiʿ at-Tawârîch, um 1310). Das Motiv des Grauen Wolfs ist in beiden bewahrt; doch verschiebt es sich in der islamischen Fassung zu einem engelhaften Charakter.

Die Mongolenzeit

Die Geheime Geschichte der Mongolen (um 1240) bindet das Geschlecht Dschingis Khans an Börte Çino. Die Parallele zwischen dem „türkischen Aschina" und dem „mongolischen Börte Çino" zeigt, dass das Motiv nicht ethnisch-genetisch, sondern mythisch-archetypisch ist.

Nach der Islamisierung in Anatolien

In Texten wie den Erzählungen des Dede Korkut (Abschrift des 15. Jh.) schwindet der Wolf, während die Gestalt des Hizir (Chidr) und das graue Pferd in den Vordergrund treten. Der Islam neigt dazu, das totemisch-verwandtschaftliche Motiv durch das sufisch-heiligenkundliche Motiv zu ersetzen.

Symbolische Dimensionen

Die Farbe: das „Himmlische" des Grauen Wolfs

Das boz oder kök (alttürkisch) im „Bozkurt" verweist auf einen grau-bläulichen Ton. Diese Farbe ist die Himmelsfarbe; das Wolfssymbol ist also nicht weltlich-tierisch, sondern an einem kosmisch-himmlischen Ort angesiedelt (siehe den Farbsymbolismus). Es ist ein Wesen, das aus Ülgens Himmel kommt, vom Himmelsgott beauftragt ist und die Farbe des Himmels trägt. Dies ist eine kategoriale Unterscheidung vom gewöhnlichen Wolf.

Die Dualität von männlichem und weiblichem Wolf

Während im Aschina-Mythos die Wölfin das Kind nährt, weist im Ergenekon- und im Oghuz-Kaghan-Mythos der Wolfsrüde den Weg. Diese Dualität verweist auf Folgendes: Der Graue Wolf vereint sowohl das mütterlich-gebärende (Aschina) als auch das männlich-führende (Oghuz) Prinzip. In der Sprache Jungs gesagt, ist dies ein hermaphroditischer Archetyp auf der Achse von Anima und Animus — oder genauer: die polarisierten zwei Gesichter des Archetyps.

Die Zahl: Aschinas zehn Söhne, Oghuz' sechs Söhne

Die zehn Söhne in der Aschina-Sage (Wolf-Mutter + Mensch-Vater) sind über den Begriff der „zehn Sippen" (on urugh) an die türkische Mythologie der politischen Organisation gebunden. Die sechs Söhne Oghuz Kaghans (die Üç-Ok und die Boz-Ok) verleihen dem türkischen Stämmesystem einen kosmologischen Charakter. Die Zahlen sind mythische Bausteine.

Wolf und Eisen

Im Ergenekon-Mythos ist die Verbindung von Wolf + Eisen + Berg von entscheidender Bedeutung. Während der Wolf den lebendigen Weg bereitstellt, stellt das Eisen das schmelzende Werkzeug bereit. Dies erinnert an die Synthese aus Lebendigem (organisch) + Metall (anorganisch) in der Alchemie — die geistige Wandlung hat sowohl eine psychische (Wolf = Instinkt-Weisheit) als auch eine materiell-funkenhafte Komponente (Eisen = Wille-Tat).

Archetypische Analyse

Jungianische Lesart

Carl Jung wertet in seinem Werk The Archetypes and the Collective Unconscious (CW 9i, 1959) die Tier-Archetypen als symbolische Ausdrucksformen der instinktiven Schicht des Menschen. Die jungianische Analyse des Wolf-Archetyps trägt folgende Dimensionen:

Jung mahnte besonders, nachdem er den ideologischen Missbrauch des Wolfssymbols in Deutschland miterlebt hatte (der Aufsatz Wotan von 1936), zur Vorsicht hinsichtlich der politischen Instrumentalisierung der Schattenseite der Archetypen. Diese Mahnung ist bedeutsam für jene, die heute das Symbol des Grauen Wolfs auf einer geistig-mythischen Ebene zu lesen vorziehen.

Campbell und der Tier-Führer

Joseph Campbell erwähnt in seinem Werk The Hero with a Thousand Faces (1949) in der Kategorie des „Hüters der Schwelle / der übernatürlichen Hilfe" (Threshold Guardian / Supernatural Aid) die Klasse des Tier-Führers. Der Graue Wolf zählt zu den paradigmatischen Beispielen dieser Kategorie:

Nach Campbell ist der Tier-Führer der leitende Wille im Unbewussten des Helden; aus dem äußeren Mythos nach innen übersetzt, entspricht er „der Stimme aus den tieferen Schichten des Ichs".

Eliade und die Hierophanie

Mircea Eliade untersucht in seinem Werk Patterns in Comparative Religion (1958), wo er die Typologie der Hierophanie (der Erscheinung des Heiligen) entwirft, die Tier-Hierophanie unter einem eigenen Titel. Die Wolf-Hierophanie trägt folgende Elemente:

Vergleichende Perspektive

Rom — Die Wölfin von Romulus und Remus (Lupa)

Die Gestalt der Kapitolinischen Wölfin (Lupa Capitolina) im Zentrum des römischen Gründungsmythos erzählt vom Säugen der Zwillingskinder (Romulus und Remus) durch eine Wölfin (Titus Livius, Ab Urbe Condita, 1. Jh. v. Chr.).

Parallelen:

Unterschiede:

Akademische Debatte: Die indoeuropäische Komparatistik (die Schule Georges Dumézils) erörtert, ob die römisch-türkische Parallele Zufall ist oder ein gemeinsames paläolithisches Erbe Eurasiens. Eliade und Dumézil stehen auf verschiedenen Positionen.

Hinduistisch — Das Vâhana-System (das Reittier)

In der hinduistischen Kosmologie ist jeder Gott mit einem Vâhana (Reittier) verbunden: Vishnu/Garuda (Adler), Shiva/Nandi (Stier), Durga/Löwe, Sarasvatî/Schwan, Ganesha/Maus usw. Das Vâhana stellt den Wesensauszug des Gottes dar, den tragenden Ausdruck seiner Kraft.

Im hinduistischen Pantheon gibt es keinen zentralen Gott, der eigens „auf einem Wolf reitet"; doch wird Rudra (die wild-zerstörerische Seite Shivas) stellenweise mit dem Motiv des Jagdhundes/Wolfs verbunden. Im Atharvaveda tritt „vrika" (Wolf) bisweilen als die Gestalt auf, die die Seele der Toten fortträgt und verschlingt.

Vergleich:

Indigenes Nordamerika — Der Wolfsgeist und die Visionssuche

Bei den nordamerikanischen Völkern, besonders bei den Lakota, Pawnee, Quileute und Anishinaabe, ist der Wolf als Klan-Totem und Geist-Helfer (spirit helper) verbreitet. In der Praxis der Visionssuche der Ureinwohner Nordamerikas kann der Suchende seinem persönlichen Wolfsgeist begegnen.

Parallelen:

Unterschiede:

Nordisch / Skandinavisch — Fenrir und Sköll

In der nordischen Mythologie ist der Wolf eine zwiespältige Gestalt: Während Geri und Freki (Odins zwei Wölfe) nützlich-hilfreich sind, sind Fenrir und Sköll die Endzeit-Wölfe (verschlingen in der Ragnarök die Sonne, töten Odin).

Diese Zwiespältigkeit zeigt, dass die Pole des Wolfs — der finster-zerstörerische und der licht-führende — in ein und demselben Symbol zusammenfallen. Das Epitheton „Himmel" des türkischen Grauen Wolfs setzt gerade an dieser Dualität an und wählt den lichten Pol.

Der jungianische Wolf-Archetyp (noch einmal in der Zusammenfassung)

Carl Jung und die spätere analytische Psychologie (Marie-Louise von Franz, Erich Neumann, Clarissa Pinkola Estés) fassen den Wolf-Archetyp mit folgenden Grundelementen zusammen:

Dieses Vokabular bietet einen reichen Wortschatz für eine nicht ethnisch-politische, sondern menschlich-innerlich-psychologische Lesart des türkischen Symbols des Grauen Wolfs.

Anatolische Rezeption

Die klassische Epoche

In Anatolien ist das Motiv des Grauen Wolfs nach der Islamisierung weitgehend zurückgetreten. In der offiziellen seldschukisch-osmanischen Kunst treten der Doppeladler, der Löwe und der Drache in den Vordergrund. Nur in den Volksepen und in einem Teil der Folklore um Grabstätten und Heiligengräber bleiben blasse Wolfsspuren:

Die moderne Wiederentdeckung

Die turkistische Strömung des späten 19. Jahrhunderts verwandelte das Symbol des Grauen Wolfs in eine moderne nationale Ikone — in Ziya Gökalps Zeitschrift Türk Yurdu (nach 1911) ist eine Wiederbelebung des Symbols deutlich. An diesem Punkt ist die Unterscheidung zwischen der akademisch-archetypischen Lektüre und der politisch-ideologischen Instrumentalisierung entscheidend; der Rahmen dieses Beitrags ist der mythisch-spirituelle.

In der geistig-archetypischen Lesart ist der Graue Wolf:

Kritik

Akademisch

  1. Die Über-Totemismus-Deutung: Die positivistische Ethnografie des 19. Jahrhunderts (Tylor, Frazer) reduzierte jedes Tiermotiv auf „Totemismus". Die zeitgenössische Anthropologie (Philippe Descola, Eduardo Viveiros de Castro) verwirft diese Reduktion; sie liest die Tiergestalt eher perspektivistisch.
  2. Die panturkistische Mythen-Bildung: Im 20. Jahrhundert stellten manche Autoren den Grauen Wolf als das gemeinsame Wesenssymbol aller türkischen Völker dar. Roux und Ögel sind besonnener: Das Motiv ist verbreitet, aber je nach Kontext veränderlich; das mongolische Börte Çino und der türkische Graue Wolf sind historisch getrennt.
  3. Der chinesisch-missionarische Aufzeichnungsfilter: Dass die chinesischen Geschichtsschreiber den Aschina-Mythos bei der Aufzeichnung in der Kategorie „Barbar" einordneten, ist hinsichtlich des sozialen Rahmens des Wissens mit Sorgfalt zu lesen.

Geistig-mystisch

Fazit

Der Graue Wolf ist die bestimmende Gestalt, die der paläolithisch-mesolithische Tier-Archetyp der eurasischen Steppe innerhalb der türkisch-mongolischen Kosmovision annimmt. Richtig gelesen, ist er eine die ethnischen Grenzen überschreitende vergleichend-archetypische Kategorie — zusammen mit der Lupa Roms, dem Vrika des Hinduismus und dem Wolfsgeist der Lakota ein Faden im reichen Teppich der tiervermittelten Spiritualität der Menschheit. In der spirituellen Lesart lässt sich der Graue Wolf als das Mythenbild des instinktiv-weisen Kanals des modernen Menschen würdigen, als das Symbol der Stimme, auf die man auf der Reise der Individuation hören sollte.