Versunkene Zivilisationen

Der türkische Schöpfungsmythos (die altaisch-sibirische Überlieferung)

Der türkische Schöpfungsmythos in den altaisch-sibirischen Aufzeichnungen: Wie der Gott Ülgen das Wasser aufrührt und aus dem Schlamm den Kosmos hervorbringt; das Erscheinen Erliks als Gegenprinzip; eine vergleichend-kosmogonische Perspektive.

43 Verbindungen Versunkene Zivilisationen Auf der Karte zeigen → ⌛ Sonstige

Mythische Erzählung

Der türkische Schöpfungsmythos ist eine Kosmogonie, die in der altaisch-sibirischen Region im 18. und 19. Jahrhundert von russischen Ethnografen wie W. W. Radlow, G. N. Potanin und A. W. Anochin aufgezeichnet wurde und die ihrem Kern nach aus einer weit älteren mündlichen Überlieferung herrührt. Die Kernfassung der Erzählung wurde bei den Altai-Türken (Telengiten, Schoren, Chakassen) gesammelt; ähnliche Motive klingen auch in den mongolischen, burjatischen, jakutischen (sachaischen) und tuwinischen Aufzeichnungen nach, in denen sich der Glaubenskomplex des Tengrismus zeigt.

Das Kerngerüst der Erzählung durchläuft folgende Stufen:

  1. Der absolute Anfang: Als noch nichts war, gab es allein ein uferloses Wasser (das Umay-Meer). Das Wasser ist der Mutterschoß des Kosmos; in ihm schlummert alles Potenzielle. Dieses Wasser ist kein gewöhnlicher Ozean, sondern das anschauliche Bild des ungeschaffenen Absoluten.
  2. Zwei Vögel / zwei Wesen: Über dem Wasser fliegen — in manchen Fassungen zwei Schwarzgänse, in manchen zwei Enten, in manchen der erhabene Bay Ülgen und ein zweites Wesen, das später zu Erlik werden soll. Noch gibt es kein Land; ein Ort wird gesucht, auf den man sich niederlassen könnte.
  3. Das Aufrühren des Wassers und das Heraufholen der Erde: Auf Ülgens Geheiß — oder durch das zweite Wesen — taucht man mit dem Schnabel oder mit der Hand auf den Grund des Wassers hinab. Vom Grund wird eine Handvoll Erde/Schlamm heraufgeholt. Diese Erde dehnt sich aus, sobald sie auf die Oberfläche gestreut wird, und so bildet sich das Land, die Welt. Dies ist in der klassischen Ethnologie der Typus des „earth-diver myth" (Erdtaucher-Mythos).
  4. Der Verrat Erliks: Das zweite Wesen (das später den Namen Erlik annimmt) verbirgt heimlich ein Stück Erde im Mund. Während Ülgen die Erde ausbreitet, wächst auch die Erde in Erliks Mund und beginnt ihn schließlich zu ersticken. Ülgen warnt ihn, Erlik spuckt sie aus; die ausgespuckte Erde wird zu Sümpfen, Riedflächen und spitzen Felsen — sie bildet also die mangelhaften, schroffen Seiten der Welt.
  5. Die Erschaffung des Menschen: Ülgen formt aus Schlamm Menschengestalten. Um ihnen Leben einzuhauchen, steigt er nach oben und lässt als Wächter den Hund zurück. Erlik kommt, betört den Hund (in manchen Fassungen mit dem Versprechen von Nahrung, in manchen mit dem Versprechen, ihm in der Kälte ein Fell zu geben) und spuckt die Menschengestalten an. Als Ülgen zurückkehrt, sieht er, dass die Wesen befleckt sind, und kehrt sie um: Der Speichel liegt nun im Innern, der reine Leib bleibt außen — doch deshalb ist im Inneren des Menschen der Keim des Bösen vorhanden. Dieses Motiv des „verinnerlichten Schattens" besitzt, wenn man es in der Sprache Carl Jungs liest, einen bemerkenswerten psychologischen Gehalt (siehe den Schatten-Archetyp).
  6. Der dreistöckige Kosmos: Mit der Vollendung der Schöpfung erhält der Kosmos eine dreistöckige Struktur: den Himmel (Ülgens neunstöckige Wohnstatt), die Erde (die Heimstatt der Menschen) und die Unterwelt (Erliks neun- oder siebenstöckige finstere Wohnstatt). Was diese drei Welten miteinander verbindet, ist der kosmische Baum (Bay Terek / die eiserne Pappel) oder der kosmische Pfahl (Cer-Sub), die Reiseachse des Schamanen.

In vielen Varianten der Erzählung finden sich zusätzliche Einzelheiten: die Erschaffung der Tiere vor der Erschaffung des Menschen, das Motiv der neun Brüder oder neun Söhne, die Eingebungen von Ülgens neun Töchtern (in manchen schamanischen Traditionen verschmelzen diese mit der Gestalt der Ak Ana), der Beginn der Schöpfung durch das göttliche „Sei!" (das Wort „ol") — was sich parallel zum Motiv „kun fa-yakûn" im Koran lesen lässt (zweifelhaft, ob es eine Schicht aus der späten Islamisierung darstellt) — sowie die Tatsache, dass der Mensch, der ursprünglich unsterblich war, einer Verfehlung wegen sterblich gemacht wird.

Historische Aufzeichnungsschichten

Die Verschriftlichung des Mythos erfolgte spät; die früheste systematische Aufzeichnung ist Wilhelm Radlows Werk Proben der Volkslitteratur der türkischen Stämme Süd-Sibiriens (1866–1907). Andrei Anochin legt mit dem Werk Materialy po schamanstwu u altajzew (1924) das Korpus des altaischen Schamanismus vor; G. N. Potanin unternahm schon im späten 19. Jahrhundert Sammlungen im Raum Mongolei–Chakassien.

Die Aufzeichnungsschichten sind sorgfältig zu unterscheiden:

Ergebnis: Der Text, den wir heute vor uns haben, gleicht einem Palimpsest — einer überschriebenen Handschrift. Nach Eliades Methode ist es möglich, die Kernmotive (Wasser, Tauchgang, Schlamm, drei Welten, kosmischer Baum) zu isolieren.

Symbolische Dimensionen

Die symbolische Dichte des Mythos lässt sich auf mehreren Achsen lesen:

Das Wassersymbol

Das Urwasser stellt — wie es im Vergleich des Wassersymbols behandelt wird — sowohl das chaotische Potenzial als auch den mütterlichen Schoß dar. In der türkischen Erzählung ist das Wasser nicht passiv-weiblich, sondern erfüllt die Funktion eines Spiegels, in dem sich Ülgen widerspiegelt: Die Variante „Ülgen blickte ins Wasser, sah sein eigenes Spiegelbild, und dieses wurde zu Erlik" knüpft an das klassische nahöstliche Motiv der „Zwillings-/Schattenschöpfung" an.

Das Tauch-Motiv

Der Mythen-Typus des Erdtauchers wiederholt sich in Nordeurasien und Nordamerika Dutzende Male. Mircea Eliade bestimmt dieses Motiv in seinem Werk Schamanismus: Archaische Techniken der Ekstase (1951) als die kosmologische Grundlage der sibirischen Völker. Der symbolische Gehalt ist klar: Schöpfung ist ein Heraufholen aus der Tiefe — nicht aus dem Nichts, sondern das Zutagetreten des Verborgenen. Dies trägt eine strukturelle Verwandtschaft mit dem Begriff der Selbstoffenbarung (tedschellî) in der Lehre der Vahdet-i Vücud (Einheit des Seins): das Verlangen des verborgenen Schatzes (kanz-i machfî), erkannt zu werden.

Der Zwillings-Schöpfer (Diak-Demiurg)

Die Dualität Ülgen-Erlik ähnelt an der Oberfläche jener der gnostischen Kosmologie (Mono-Genes und Demiurg), ist aber im Wesen verschieden. In der gnostischen Erzählung ist der Demiurg ein Falsch-Schöpfer, die Materie ist befleckt. In der türkischen Erzählung hingegen ist Erlik ein Gegenprinzip, aber ein notwendiges — ohne ihn gäbe es nicht die Ebenheit der Steppen, gäbe es nicht die schroffen Hänge und die Gewässer. Der Charakter der Erde ist Erliks Speichel. Dieser Ansatz steht dem Yin-Yang-Gleichgewicht des Taoismus und der Ökonomie des Wu wei (Nicht-Handeln) nahe: Das Böse ist nicht absolut, sondern ein notwendiger Unordnungsfaktor im Gewebe des Kosmos.

Der Hund als Wächter

Das Motiv der Betörung des Hundes erzählt von der Schwäche des unbewussten Wächters zwischen Persona-Archetyp und Schatten-Archetyp. Symbolisch ist der Hund die Funktion des Außenbewusstseins (des Ichs); Erlik ist der innere Antrieb, der Schatten; und die Umkehrung des Menschen ist die Neuordnung des gesamten psychischen Gefüges.

Der dreiweltige Kosmos und der kosmische Baum

Der kosmische Baum (Bay Terek) ist strukturell verwandt mit dem Baum der Sefirot (göttliche Emanationen) der Kabbala, mit dem Yantra-Symbolismus und mit dem skandinavischen Yggdrasil. Eliade ordnet dieses Motiv in seinem Werk Schamanismus der Kategorie der axis mundi zu: die Achse des Kosmos, der Weg der Reise des Schamanen zwischen den Welten. Die Zahl Neun (Ülgens neun Stockwerke, Erliks neun Stockwerke, Ak Anas neun Töchter) nimmt in der türkischen Zahlenmystik einen zentralen Platz ein — sie bietet eine andere Kosmologie als das Modell der sieben Himmel im Koran.

Archetypische Analyse (Jung / Campbell / Eliade)

Jungianische Lesart

Nach Carl Jung zeichnen Schöpfungsmythen die Topografie des kollektiven Unbewussten. In der türkischen Erzählung:

Campbell und der Monomythos

Joseph Campbell gliedert die Schöpfungsmythen in seiner Reihe Die Masken Gottes (1959) in vier Stufen: Aufbruch, Trennung, Rückkehr, Integration. Der türkische Schöpfungsmythos ist eher eine Kosmogonie als ein Heldenmythos, doch lässt sich Erliks Geschichte als eine Anti-Heldenreise behandeln: der Ruf (die Aufgabe, Erde zu holen), der Verrat (das Verbergen im Mund), die Strafe (die Verbannung in die Unterwelt), die Annahme (die Verwaltung seiner eigenen Schicht). Erlik steht in der Position des Schatten-Doppelgängers des Helden (shadow self).

Eliade und das illud tempus

Mircea Eliade benennt in seinen Werken Le mythe de l'éternel retour (1949) und The Sacred and the Profane (1957) die Funktion der Schöpfungsmythen als illud tempus — „jene Zeit": die Urzeit des Kosmos, die mittels des Rituals von Neuem durchlebt wird. Der türkische Schamane (Kam) vergegenwärtigt auf seiner Reise zum Himmel den Augenblick, in dem Ülgen die Erde erschuf. Dies ist das paradigmatische Beispiel für Eliades Prinzip der „ewigen Wiederkehr der Ursprünge".

Vergleichende Perspektive

Babylon — Enûma Elîsch

Das babylonische Schöpfungsepos Enûma Elîsch („Als oben …"), ein im 12.–7. Jahrhundert v. Chr. zusammengestellter Text auf sieben Tafeln, ist in seiner Eröffnung auf auffällige Weise dem türkischen Mythos parallel:

„Als droben der Himmel noch nicht benannt war / als drunten der feste Grund noch keinen Namen trug / als allein der urzeitliche Apsu (das Süßwasser) und Tiamat (das Salzwasser) ihre Wasser vermengten …"

Parallelen:

Unterschiede:

Hinduistisch — Vishnus Schildkröten-Avatar (Kûrma)

Kûrma (die Schildkröte), der zweite Avatar Vishnus, nimmt am Quirlen des Milchozeans (Kshira-Sagara, Samudra Manthana) teil. Die Devas und die Asuras quirlen den Ozean, indem sie den Berg Mandara als Quirl und die Schlange Vâsuki als Seil verwenden; Vishnu schiebt sich als Schildkröte unter den Berg und trägt ihn auf seinen Schultern. Aus diesem Quirlen gehen die Amrita (das Unsterblichkeitselixier), Lakshmî, Soma und viele kosmische Elemente hervor.

Parallelen:

Unterschiede:

Christlich — Genesis 1

Die Wendung in der Genesis 1: „Der Geist Gottes schwebte über den Wassern … Und Gott sprach: ‚Es werde Licht!'" hebt ein mit dem türkischen Mythos gemeinsames Motiv hervor: das Urwasser und das Schweben Gottes über dem Wasser.

Parallelen:

Unterschiede:

Ägyptische und sumerische Parallelen (kurz)

Anatolische Rezeption

Der altaisch-sibirische Kern wurde durch die Wanderungen der türkischen Völker nach Westen auch nach Anatolien getragen, wandelte sich jedoch im Verlauf der Islamisierung.

Das frühe Anatolien (11.–13. Jahrhundert)

In der Volksüberlieferung

Im ländlichen Anatolien ist die Erzählung „Adam aus Erde, Eva aus Adams Rippe" die offizielle Fassung; doch stellenweise — besonders im östlichen Schwarzmeergebiet und in Zentralanatolien — sind Motive wie „Gott holte die Erde aus dem Wasser herauf" oder „der Speichel des Teufels schuf die unfruchtbaren Orte" Spuren der türkisch-mongolischen Schicht.

Wiederentdeckung nach der Republikgründung

Kritik

Methodologische Kritik

  1. Die Spätheit der Aufzeichnung: Der türkische Schöpfungsmythos liegt uns in seiner Gestalt vor der Aufzeichnung des 18.–19. Jahrhunderts nicht vor; es besteht eine Spätsammlung samt dem Deutungsfilter der russischen Ethnografen. Roux betont dies wiederholt.
  2. Christlich-missionarische Kontamination: In Anochins Material könnten die Genesis-Parallelen stellenweise künstlich sein; in den Übersetzungen des Missionars Werbizki zeigt sich dies deutlich.
  3. Panturkistische Ideologie: Manche Autoren des 20. Jahrhunderts hielten die Kernmythen für „rein türkisch" und übersahen die mongolischen, tungusischen und jenisseischen Parallelen. Dabei geht das paläolithische schamanische Erbe Eurasiens den ethnisch-sprachlichen Grenzen voraus.
  4. Strukturalistische Kritik: Eine Lektüre nach Art von Lévi-Strauss hebt nicht die historische Richtigkeit des Mythos, sondern seine logische Struktur hervor (binäre Oppositionen: Himmel–Erde, Wasser–Erde, Ülgen–Erlik, Seele–Speichel). Diese Lektüre birgt die Gefahr, den psychisch-archetypischen Gehalt zu schwächen.

Theologische Kritik

Zeitgenössische ethnologische Kritik

Schluss und praktische Implikationen

Der türkische Schöpfungsmythos ist ein kostbares Überbleibsel des paläolithisch-mystischen Erbes der nördlichen Hemisphäre Eurasiens. Ihn auf ein politisch-ethnisches Identitätsbanner zu reduzieren, schmälert dieses Erbe; ihn umgekehrt als vergleichende Kosmogonie zu lesen — zusammen mit Tiamat, Vishnu-Kûrma, der Genesis und Atum —, lässt uns erkennen, wie das kollektive Bewusstsein der Menschheit ein und dasselbe kosmische Drama immer wieder aufs Neue ersann. Mit Eliades Worten: Diese Mythen sind Weisen, in denen das Heilige im Profanen erscheint; und selbst am säkularisierten Horizont des modernen Menschen leben sie als archetypische Ablagerungen fort.