Bedeutende Persönlichkeiten

Juliana von Norwich

Englische Askese-Mystikerin des 14. Jahrhunderts und erste auf Englisch schreibende Autorin; in den Revelations of Divine Love prägte sie die Formel „Alles wird gut werden" und ist die Sprecherin einer Theologie der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit.

16 Verbindungen Bedeutende Persönlichkeiten Auf der Karte zeigen → ⌛ Sonstige

Leben

Juliana von Norwich (etwa 1342 – nach 1416) ist die erste bekannte Autorin des mittelalterlichen England — und der englischen Literatur. Fast alles, was wir über ihr Leben wissen, stammt aus ihrem eigenen Werk Revelations of Divine Love (Offenbarungen der göttlichen Liebe) und aus zeitgenössischen Dokumenten in Norwich. Selbst ihr Name ist höchstwahrscheinlich nicht ihr wirklicher Name: Weil sie in einer an die St.-Julian-Kirche in Norwich angrenzenden Askese-Zelle (anchorhold) lebte, wird sie „Juliana von Norwich" genannt.

Ihre Geburt fällt um 1342 in die Stadt Norwich — damals nach London die zweitgrößte Stadt Englands. In ihrer Kindheit erlebt sie die Epidemie des Schwarzen Todes (1348–1350), die Europa heimsucht; die Hälfte der Bevölkerung von Norwich stirbt an dieser Seuche. Wie Jantzen hervorhebt (Julian of Norwich, S. 18), lässt sich das Problem von Tod und Leid, das Julianas Werk prägt, nicht vom Lebenskontext dieser Katastrophengeneration trennen. Das England des 14. Jahrhunderts: Pest, Hundertjähriger Krieg (1337–1453), Hungersnot, päpstliche Skandale, das Schisma von Avignon und Rom (1378), die Reformbewegung Wyclifs, die Prozesse gegen die Lollarden ... Dies ist der historische Kontext von Julianas Wort „Alles wird gut werden".

Das entscheidende Ereignis tritt ein, als Juliana dreißigeinhalb Jahre alt ist (8. Mai 1373, Mittwoch). Während einer schweren Krankheit, auf dem Sterbebett, nachdem ihr die Letzte Ölung (extreme unction) gespendet wurde, heftet sie ihre Augen auf eine Kruzifix-Figur Christi. Genau in jenem Augenblick erschließt sich ihr eine Reihe von Offenbarungen über die Leiden Christi am Kreuz: sechzehn aufeinanderfolgende Schauungen (showings), die etwa fünf Stunden währen. Danach genest Juliana.

Im Anschluss an dieses Ereignis schreibt sie zwei Bücher: zunächst ein kurzes Buch (Short Text, ~nach 1373), dann nach einer über dreißigjährigen tiefen Betrachtung ein langes Buch (Long Text, ~nach 1393). Die lange Spanne zwischen den beiden Versionen ist für Julianas Prozess der Reifung ihrer Lehre von kritischer Bedeutung.

Lange Zeit später (das genaue Datum ist ungewiss, um die 1390er Jahre) zieht sich Juliana als „Klausnerin" (englisch: anchoress) in eine kleine, in die Seitenwand der St.-Julian-Kirche in Norwich gehauene Zelle zurück. Die Klausnerin (anchoress) ist im Wortsinn eine „Frau, die Anker geworfen hat" — eine Einsiedlerin, die sich an die Kirche zurückzieht und gelobt, ihr Leben lang diese Zelle nicht zu verlassen. Durch drei Fenster hat sie Kontakt zur Außenwelt: eines zur Kirche, eines nach außen und eines zu ihrer Dienerin. Menschen aus der Stadt Norwich besuchen sie als geistliche Ratgeberin — dies belegt das Buch der Margery Kempe (1438) unmittelbar: Margery Kempe besucht Juliana und empfängt von ihr geistlichen Rat (um 1413).

Julianas Todesdatum ist nicht bekannt, doch in einem 1416 verfassten Testament wird auf sie als „Julian, recluse [Einsiedlerin] at the church of St. Julian" verwiesen; dies zeigt, dass sie spätestens bis 1416 am Leben war.

Das Klausnerinnen-Leben — eine Praxis

Julianas „anchoress"-Leben ist eine standardisierte Einsiedlerpraxis ihrer Epoche. Die Ancrene Wisse (13. Jahrhundert) ist ein für englische Klausnerinnen verfasster Leitfaden und gibt die Einzelheiten des Lebens in der Zelle wieder: achtmal täglich die Gebetszeiten (canonical hours), Fastenzeiten, die Abschließung von der Außenwelt, der Kontakt durch drei Fenster. Eine Klausnerin gilt durch eine Zeremonie als an das Kloster verankert; ihre Todesanzeige wird als Sinnbild des „Gestorben-Seins" für die Welt vollzogen.

Jantzen (S. 32–40) hebt die paradoxe Freiheit hervor, die dieses Leben einer Frau bot: Im patriarchalen Rahmen der Epoche ist es einer Frau außerhalb von Ehe oder klösterlichem Nonnenstand nahezu unmöglich, theologische Autorität hervorzubringen. Der Status der Klausnerin öffnet der Frau einen begrenzten, aber wirklichen Raum, sich von den sozialen Erwartungen zu lösen und geistliche und intellektuelle Arbeit hervorzubringen. Dass Juliana ihr Werk schreiben konnte, ist das Ergebnis dieser strukturellen Bedingung.

Kern ihrer Lehre

Julianas Lehre ist ein dem Anschein nach schlichtes, in sich jedoch radikale theologische Vorschläge bergendes System mystischer Erkenntnis.

„All Shall Be Well" — Alles wird gut werden

Die bekannteste Formel in Julianas Werk: „Alle shalle be wele, and alle shalle be wele, and alle manner of thynge shalle be wele" (Long Text, Kapitel 27). Auf Deutsch: „Alles wird gut werden, alles wird gut werden, und jegliche Art von Ding wird gut werden." Dies ist Julianas mystische Antwort auf das Problem des Bösen (sin, malum).

Das Böse ist wirklich, Juliana leugnet es nicht. „Sin is behovely" (die Sünde ist notwendig, unausweichlich), sagt sie in Kapitel 27. Doch das Böse wird durch die im Grund der Schöpfung liegende göttliche Liebe letztlich verwandelt werden. Dies ist das Wiedererscheinen der aus der Origenes-Tradition stammenden und in der klassischen christlichen Theologie marginalisierten Tendenz der Apokatastasis (der Wiederherstellung aller Dinge, der universalen Erlösung) bei Juliana, in einer erfahrungsbezogenen Form. Jantzen (S. 158–160) betont, dass dieser Punkt Juliana in Spannung zur offiziellen Theologie bringt, dass Juliana diese Spannung aber offen bekennt und ihre Worte verteidigt, indem sie sich der kirchlichen Autorität unterstellt.

Die mütterliche Natur Gottes — Mother Jesus, Mother God

Julianas vielleicht radikalster theologischer Beitrag: dass sie Christus, Gott und besonders die zweite Hypostase der Dreifaltigkeit als „Mutter" anredet. Long Text, Kapitel 58–63, ist das Zentrum dieser Lehre. „As verily as God is our Father, as verily is God our Mother" („So wahrhaft Gott unser Vater ist, so wahrhaft ist Gott auch unsere Mutter", Kapitel 59).

Nach Juliana gibt es in der Dreifaltigkeit drei Funktionen:

Dies verwandelt das mütterliche Motiv, das das Evangelium auf der Ebene von ein, zwei Metaphern nennen kann (Matthäus 23:37 — die Metapher der Henne, die ihre Küken unter sich birgt), in ein systematisches theologisches Prinzip. Deshalb greift die moderne feministische Theologie (Sallie McFague, Elizabeth Johnson, Rosemary Radford Ruether) so häufig auf Juliana zurück. Jantzen (S. 167) liest dies als „nicht eine Inbesitznahme durch den Feminismus im Mittelalter, sondern eine für sich genommen originelle theologische Einsicht".

Die Schöpfung in der Liebe Gottes

Die berühmte Passage von Long Text, Kapitel 5: Juliana sieht in ihrer Hand einen kleinen Gegenstand von der Größe einer Haselnuss. „Was ist das?", fragt sie. Die Antwort: „Das ist alles, was geschaffen ist" („It is all that is made"). Sie staunt — wie kann ein so kleines Ding existieren, zerfällt es nicht? Die Antwort: „It lasteth and ever shall last for that God loveth it" — „es dauert und wird ewig dauern, weil Gott es liebt." Diese Passage ist der Kern von Julianas Schöpfungsontologie: Alles Seiende steht durch Gottes beständigen Liebesakt aufrecht.

Dies steht der Lehre der creatio continua (der fortwährenden Schöpfung) Thomas von Aquins nahe: Die Schöpfung ist nicht ein einmal Geschaffenes und Gelassenes, sondern wird in jedem Augenblick von Gott neu aufrechterhalten. Doch bei Juliana wird diese Ontologie durch die Linse der „Liebe", erfahrungsbezogen, ausgedrückt.

In Gott ist kein Zorn

Eine von Julianas radikalen Positionen: Es gibt keinen göttlichen Zorn. „I sawe no wrath but on mannys parte" — „Ich sah keinen Zorn außer auf seiten des Menschen" (Kapitel 49). Dies ist eine Formulierung, die der klassischen augustinisch-nordeuropäischen christlichen Theologietradition, die Gott die Eigenschaft des Zorns (wrath) zuschreibt, unmittelbar die Stirn bietet. Wie Jantzen hervorhebt (S. 175), hätte diese Position Juliana in die Umlaufbahn der damaligen Lollarden und der Wyclif-Bewegung bringen können — doch Juliana konnte mit einer behutsamen Sprache sowohl die kirchliche Autorität als auch ihre mystische Einsicht bewahren.

Ich liebe, ich erscheine, ich daure

Der berühmte Satz aus Kapitel 86, einem der letzten Kapitel des Long Text: „Wytt yt wel, loue was hys menyng. Who shewyth it the? Loue. What shewid he the? Loue. Wherfore shewyth he it the? For loue." — Auf Deutsch: „Wisse es wohl, Liebe war seine Bedeutung. Wer hat es dir gezeigt? Die Liebe. Was hat er dir gezeigt? Die Liebe. Warum hat er es dir gezeigt? Aus Liebe." Verdichtet man Julianas Lehre in einen Satz, dann diesen: eine Kosmologie, in der Bedeutung, Ursprung und Ziel die Liebe sind.

Der Knecht und Adam — die Allegorie von Kapitel 51

Das längste und komplexeste Kapitel des Long Text, Kapitel 51, enthält Julianas Allegorie vom „Knecht und Herrn" (servant and lord). Die Schauung ist diese: Ein Herr (Gott) sendet seinen Knecht (Adam) auf einen Auftrag; während der Knecht mit großer Eile läuft, fällt er in eine Grube; aus der Grube kann er nicht heraus; der Herr blickt mit Mitgefühl auf ihn, ist nicht erzürnt, sondern nur betrübt. Juliana betrachtet diese Schauung fünfzehn Jahre lang und löst schließlich ihre theologische Bedeutung: Der Knecht ist in Wahrheit zugleich Adam (die Menschheit) und Christus. Adams Sünde und Christi Kreuzigung sind zwei Seiten derselben Bewegung. Gottes Blick ist nicht anklagend; Gott senkt sich selbst zur Menschheit herab, um die Schöpfung zu umfangen.

Jantzens (S. 92–103) eingehende Analyse zeigt, dass diese Allegorie die augustinische Lehre der original sin (der Erbsünde) neu formuliert, ohne sie unmittelbar zu verwerfen. Bei Juliana ist die Sünde der Name nicht eines ewigen Makels, sondern eines Hindernisses auf dem Weg der Rückkehr zur Liebe. Dies ist eine in der christlichen Theologie selten anzutreffende Tonalität.

Das Gebet der drei Wunden

Vor ihren Offenbarungen von 1373 berichtet Juliana von einem Gebet, das sie als junge Frau sprach (Short Text Kapitel 1, Long Text Kapitel 2): Sie erbat von Gott drei „Wunden" — die Wunde wahrer Reue (contrition), die Wunde mitfühlenden Erbarmens (compassion) und die Wunde willentlicher Sehnsucht nach Gott (longing). Dieses Drei-Wunden-Gebet knüpft an die frühe kontemplative Tradition der angelsächsischen Frömmigkeit an — besonders an Aelred von Rievaulx und den zisterziensischen Strang. Julianas spätere Offenbarungen sind eine Antwort auf dieses frühe Gebet: „Du hast die Wunden empfangen, die du erbeten hast."

Wichtige Werke

Julianas einziges bekanntes Werk ist Revelations of Divine Love. Doch es gibt zwei Versionen davon:

Short Text (Kurztext) — A Vision Showed to a Devout Woman

Unmittelbar nach den Offenbarungen von 1373 geschrieben (das genaue Datum ist ungewiss, wahrscheinlich 1370er–1380er Jahre). Etwa 25 Kapitel. Eine einzige Abschrift ist erhalten (British Library, Add MS 37790, Amherst-Handschrift). Sie ist erfahrungsbezogener, erzählerischer, weniger systematisch. Hier ist Juliana noch keine Klausnerin; sie berichtet ihre Offenbarungen als christliche Frau.

Long Text — A Revelation of Love

Nach einer über zwanzigjährigen Betrachtung, um 1393–1395, geschrieben. Etwa 86 Kapitel. Es gibt drei Haupthandschriftenversionen:

Der Long Text hat das Sieben- bis Achtfache der Länge des Kurztextes. Die dichtesten theologischen Inhalte — die „Mother Jesus"-Lehre, die systematische Erläuterung der Formel „All shall be well", die Knecht-Adam-Gleichnis (Kapitel 51) — entwickeln sich in dieser Version.

Der Übergang zum Druck ist spät: die erste Ausgabe 1670 durch Serenus Cressy. Die eigentliche moderne Wiederentdeckung kommt im 19.–20. Jahrhundert. Heute gilt das Werk als einer der Gründungstexte der englischen Literatur — ein Zeitgenosse Geoffrey Chaucers, aber aus einem anderen Strang.

Sprache und literarische Bedeutung

Juliana hat ihr Werk in Mittelenglisch (Middle English) verfasst — genauer im Norfolk-Dialekt der Region East Anglia. Diese sprachliche Wahl ist bedeutsam: Die akademische Sprache der Epoche ist Latein, die Sprache der Kirchenverwaltung Französisch. Dass Juliana die Volkssprache wählt, spiegelt eine demokratische theologische Absicht wider: „Alle gewöhnlichen Frauen und Männer können zu dieser Wahrheit gelangen."

Sprachwissenschaftliche Forschungen (Felicity Riddy, Nicholas Watson) heben die rhetorische Komplexität von Julianas Text hervor: Parallelismen, Antithesen, Assonanz, rhythmische Wiederholung — dies ist nicht bloß Anekdoten-Überlieferung, sondern ein bewusster literarischer Stil. Dass Juliana die „erste englische Autorin" ist, bildet zusammen mit ihrem Zeitgenossen Geoffrey Chaucer einen der Gründungsmomente der englischen Literaturgeschichte.

Margery Kempes Werk Book (1438) gilt mittelbar als eine Schülerin Julianas; Margery berichtet in ihrem Buch von ihrem Besuch bei Juliana und von dem geistlichen Rat, den sie von ihr empfing. Dies ermöglicht es uns, in der mittelalterlichen englischen mystischen Tradition die Spur einer Frauenkette (Juliana → Margery → ?) zu verfolgen.

Vergleichende Perspektive

Vergleich mit Râbiʿa al-Adawiyya

Râbiʿa al-Adawiyya (717–801, Basra) und Juliana zeichnen im Abstand von acht Jahrhunderten, in verschiedenen Religionen, in verschiedenen Kulturen — aber strukturell erstaunlich ähnliche Profile mystischer Frauen.

Gemeinsamkeiten:

Unterschiede:

Diese Parallele ist für jene, die aus der Perspektive der perennialen Philosophie blicken (besonders Annemarie Schimmel in As Through a Veil), ein Beweis der traditionsübergreifenden gemeinsamen Struktur der mystischen Erfahrung.

Die englische Mystiker-Fünfergruppe

Juliana ist einer der fünf großen mystischen Namen des England im 14. Jahrhundert:

  1. Richard Rolle (~1300–1349) — aus Yorkshire, Mystik der Wärme/Melodie (calor, canor, dulcor)
  2. Walter Hilton (~1340–1396) — Verfasser von The Scale of Perfection
  3. Der Verfasser von Cloud of Unknowing (anonym, ~1375) — apophatische Mystik
  4. Juliana von Norwich (~1342–1416)
  5. Margery Kempe (~1373–1438) — laikale Mystikerin

Es ist anerkannt, dass diese Fünfergruppe einen lokal-englischen Strang bildet, der parallel zu Meister Eckhart, Heinrich Suso, Johannes Tauler und Jan van Ruusbroec auf dem europäischen Kontinent entstand.

Vergleich mit Meister Eckhart

Meister Eckhart (1260–1328) und Juliana stehen an den beiden Enden nahezu desselben Jahrhunderts. Beide gelangen auf verschiedenen Wegen, in verschiedenen Sprachen, zu parallelen theologischen Einsichten:

Das Verhältnis zu Thomas von Aquin

Thomas von Aquin (1225–1274) erlebt zwei Jahre vor seinem Tod seine mystische Erfahrung; Juliana bringt im selben Jahrhundert, in einem ganz anderen Kontext, einen systematischen mystischen Text hervor. Die ontologische Nähe zwischen Aquins Lehre der creatio continua und Julianas Haselnuss-Schöpfungsvision zeigt, dass die beiden Denker — der eine ein lateinischer Scholastiker, die andere eine englische Mystikerin — zu derselben Grundintuition in verschiedenen Sprachen gelangten.

Vergleich mit dem islamischen Begriff der „Barmherzigkeit"

Julianas theologische Grundformen „in Gott ist kein Zorn" und „Liebe war seine Bedeutung" tragen eine auffällige strukturelle Nähe zum zentralen Begriff des Islam, der Rahma (rahmân, rahîm). Die Eröffnungsformel des Korans Bismillâhi r-rahmâni r-rahîm — „Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen" — definiert Gott vor allem anderen durch die Eigenschaft der Liebe/Barmherzigkeit.

Der Ausspruch Gottes in den heiligen Überlieferungen (Hadîth qudsî) „Meine Barmherzigkeit übertrifft meinen Zorn" (sabaqat rahmatî ghadabî) trägt eine strukturelle Verwandtschaft zu Julianas Formulierung „in Gott ist kein Zorn, nur in der Wahrnehmung des Menschen ist Zorn". Ibn Arabî verwendet diesen Hadith in seiner Futûhât al-Makkiyya häufig und errichtet die Lehre der universalen Barmherzigkeit. Auch wenn eine unmittelbare Verbindung zwischen Juliana und Ibn Arabî nicht erwiesen ist, ist es eine auffällige Parallele, die die strukturellen Ähnlichkeiten der mystischen Theologie zeigt.

Das Verhältnis zum ostorthodoxen Hesychasmus

Die im 14. Jahrhundert in Byzanz entwickelte, Juliana zeitgenössische hesychastische Bewegung — Gregorios Palamas, die Mönche des Berges Athos — ist für das „Jesusgebet" (Herzensgebet) und die Theologie der „ungeschaffenen Lichter" (des Taborlichts) bekannt. Julianas Schauungs-Erfahrung trägt eine strukturelle Verwandtschaft zu den Erfahrungen der christlichen Kontemplativen, die das Taborlicht sahen. Beide zeigen die parallele Entwicklung der lateinisch-westlichen und der griechisch-östlichen Stränge der christlichen mystischen Tradition.

Moderner Einfluss

Julianas Einfluss im 20. Jahrhundert ist außerordentlich:

Die St.-Julian-Kirche in Norwich ist heute ein bedeutender Wallfahrtsort; die ursprüngliche Zelle wurde im Krieg beschädigt, aber wieder aufgebaut. Der 8. Mai ist in der anglikanischen und der lutherischen Kirche Julianas liturgischer Gedenktag. Die katholische Kirche hat Juliana zwar nicht offiziell heiliggesprochen, gedenkt ihrer aber ehrerbietig als „Dienerin Gottes" (Servant of God).

Vergleich mit der türkischen Sufi-Tradition

Zwischen Julianas Formel „All shall be well" und dem Strang Yunus Emres „Ich liebe meinen Herrn / mein Herr liebt mich" besteht eine strukturelle Verwandtschaft. Beide betonen die Gegenseitigkeit der mystischen Liebe und den Vorrang der universalen Barmherzigkeit. Auch der Chidr-Kult Anatoliens und das volkstümliche Bild Chidrs, der Botschaften im Sinne von „alles wird gut werden" trägt, weisen — besonders in den bektaschitisch-alevitischen Traditionen — eine begriffliche Nähe zu Julianas Lehre auf.

Die weiblichen Mystikergestalten im anatolischen Sufismus — Kadincik Ana, die geistliche Schwester des Hadschi Bektasch Veli, die weiblichen Liebenden im Umkreis Yunus Emres, die Ana-Gestalten in den alevitischen Traditionen — verweisen auf die Parallelkette Juliana–Margery Kempe: die strukturelle Ähnlichkeit der in Ost und West unabhängig entwickelten weiblichen Mystiktraditionen. Diese vergleichende Bahn bildet für die zeitgenössische türkische feministische Theologieforschung (besonders die Schriften von Forscherinnen wie Mualla Selçuk und Tuba Isen Durmus) ein fruchtbares Feld.

Die Widerspiegelung Julianas in der türkischen Literatur ist jung. In vergleichenden Religionsstudien wie Schimmels Dimensionen des Sufismus sind die Parallelen, die sich mit den weiblichen Mystikerinnen der türkisch-anatolischen Spiritualität (Fatma Baci, den weiblichen Ocak-Angehörigen im Umkreis des Chidr-Kults) ziehen ließen, noch ein weitgehend unbearbeitetes Forschungsfeld. Doch die anatolischen Sufi-Texte, die Râbiʿa al-Adawiyya ins Türkische tragen (Yunus Emres Râbiʿa-Bezug usw.), und die strukturelle Gemeinsamkeit mit Julianas „All shall be well"-Strang ermöglichen eine traditionsübergreifende Lesart des mystischen Feminismus.