Leben nach dem Tod — im Vergleich

Origenismus und Apokatastasis: Die frühchristliche Lehre von der universalen Erlösung

Die Apokatastasis-Lehre des Origenes lehrt die endgültige Rückkehr aller Dinge und aller Wesen — einschließlich der Dämonen — zu Gott; sie wurde auf dem Konzil von 553 verurteilt, in der modernen Theologie jedoch von Denkern wie von Balthasar und Robin Parry erneut zur Diskussion gestellt.

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Definition und Etymologie

Apokatastasis (griechisch: ἀποκατάστασις) bedeutet „Wiederherstellung, Wiedereinsetzung, Restauration". Das Wort besteht aus der Verbindung der Wurzeln apo- (zurück) + kata- (herab/vollständig) + histēmi (stehen/aufstellen). In der klassischen griechischen Medizin wird es für das Einrenken eines ausgekugelten Knochens verwendet; in der Astronomie bedeutet es die Vollendung eines ganzen Umlaufzyklus eines Planeten. Sein philosophischer und theologischer Gebrauch bedeutet bei den Stoikern „kosmische zyklische Erneuerung" (in jedem Aiōn verbrennt der Kosmos und wird neu aufgebaut).

In der christlichen Theologie kommt der Ausdruck apokatastasis tōn pantōn (ἀποκατάστασις τῶν πάντων, „Wiederherstellung aller Dinge") im Neuen Testament in der Apostelgeschichte 3,21 vor:

„Ihn [Jesus] muss der Himmel aufnehmen bis zu den Zeiten, da alles wiederhergestellt wird (ἀποκατάστασις πάντων), wovon Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von Anbeginn der Zeiten gesprochen hat."

Diese Stelle ist für Origenes und die ihm folgenden Theologen zur biblischen Grundlage des Glaubens geworden, dass am Tag der Auferstehung jede Seele — ja sogar die Dämonen — am Ende zu Gott zurückkehren werde. Im klassischen Sinne bezeichnet die „origenistische Apokatastasis" die Lehre von der ewigen Rückkehr jedes vernunftbegabten Wesens (logikoi) zur göttlichen Quelle.

Der Begriff Origenismus wiederum umfasst die Lehren des Origenes (etwa 185–254) und die spätere ihm folgende origenistische Strömung. Die Apokatastasis ist nur eines der zentralen Elemente dieser Lehre; der Origenismus umfasst zugleich auch die Lehre von der Präexistenz der Seelen (dem Vor-Dasein), den Begriff des kosmischen Falls und die Lehre von den zyklischen Universen.

Historischer/dogmatischer Hintergrund

Das Leben des Origenes und sein Kontext

Origenes (lateinisch: Origenes Adamantius, etwa 185–254) wurde in Alexandria von christlichen Eltern geboren und trat als ein junger Mann ins geistige Leben ein, dessen Vater Leonides 202 n. Chr. in der Verfolgung unter Septimius Severus den Märtyrertod erlitt. Er gilt als der am höchsten gebildete christliche Theologe unter seinen Zeitgenossen: Er besaß ein tiefes Verständnis sowohl der jüdisch-christlichen Heiligen Schriften als auch der platonischen, pythagoreischen und stoischen Philosophie.

In Alexandria wurde er im Didaskaleion (der Katechetenschule) des Pantänos und des Clemens von Alexandria ausgebildet; später stand er der Schule vor. In den Jahren 231–232 n. Chr. ließ er sich in der Stadt Cäsarea in Palästina nieder und vollendete dort das große Hexapla-Projekt (eine sechsspaltige Vergleichsausgabe des Alten Testaments). 250 n. Chr. wurde er unter der Verfolgung des Decius gefoltert und starb 254 n. Chr. an seinen Wunden.

Das schriftliche Gesamtwerk des Origenes ist gewaltig: Eusebius zählt über 2.000 ihm zugeschriebene Werke; die meisten sind verloren. Die wichtigsten erhaltenen Werke:

Die Apokatastasis-Lehre

In Peri Archōn systematisiert Origenes die Apokatastasis-Lehre mit den folgenden Punkten:

  1. Die Präexistenz der vernunftbegabten Wesen (das Vor-Dasein): Alle vernunftbegabten Wesen — Engel, Menschenseelen, ja sogar Dämonen — wurden von Gott gleich erschaffen. Der Unterschied zwischen ihnen rührt von einem späteren „Fall" her.

  2. Der Fall und die materielle Schöpfung: Die Entfernung der vernunftbegabten Wesen von der göttlichen Betrachtung führte zur Erschaffung des materiellen Universums. Die Körper (Mensch/Tier) und die dämonischen Wesen (Geister/Dämonen) entsprechen verschiedenen Graden des Falls.

  3. Die unendliche Liebe Gottes: Da die Liebe Gottes unendlich ist, verliert er kein vernunftbegabtes Wesen auf ewig. Die Höllenqual (selbst wenn man ihr Vorhandensein annimmt) ist ein pädagogisches (erzieherisches) Mittel, keine liebes-feindliche Strafe.

  4. Apokatastasis tōn pantōn: Das eschatologische Ende ist die Rückkehr aller vernunftbegabten Wesen — einschließlich der Dämonen und der gefallenen Engel — zu Gott, das Gelangen zu dem Zustand, in dem Gott alles in allem ist (1. Korinther 15,28).

  5. Mehrfache Universen/Äonen: Origenes deutet an, dass das Universum in einem stoischen zyklischen Muster über mehrere Aiōnes (Zeitalter) hinweg erschaffen und vernichtet werden könne. Dies zeigt eine strukturelle Parallele zur hinduistischen Yuga-Lehre.

Die kühnste Implikation der Apokatastasis ist folgende: Wenn die Liebe Gottes alle vernunftbegabten Wesen am Ende gewinnt, wird letztlich auch der Satan erlöst. Dieser Schluss liegt im Herzen der späteren orthodoxen Gegenreaktionen.

Die Verurteilung auf dem Konzil von 553

Das Zweite Konzil von Konstantinopel, das 553 n. Chr. in Konstantinopel zusammentrat, verurteilte auf Betreiben des byzantinischen Kaisers Justinian den Origenismus. Zwei Jahre vor dem Konzil belegte Kaiser Justinian mit dem Edictum contra Origenem ausdrücklich neun origenistische Thesen mit dem Anathema:

  1. Die Präexistenz der Seelen (das Vor-Dasein)
  2. Die Ansicht, der materielle Körper sei ein Gefängnis für die Seele
  3. Dass das materielle Universum nach dem Fall erschaffen worden sei
  4. Dass der Satan erlöst werden könne
  5. Dass die Hölle pädagogisch sei und letztlich enden werde
  6. Dass die leibliche Auferstehung mit einem kugelförmigen/ätherischen Körper geschehe
  7. Die Lehre von den mehrfachen Universen
  8. Dass alle vernunftbegabten Wesen gleich erschaffen seien
  9. Apokatastasis tōn pantōn (universale Erlösung)

Das Konzil bestätigte diese Anathema-Liste. Origenes selbst wurde als Person offiziell zum „Häretiker" erklärt; doch die in späteren Jahrhunderten zu Origenes' Gunsten stehenden Kirchenväter (Gregor von Nyssa, Basilius der Große, die kappadokischen Väter) blieben von dieser Einordnung unberührt.

Anmerkung: Über die technische Gültigkeit der origenistischen Verurteilung durch die Konzilien besteht unter Historikern bis heute eine Debatte. Henri de Lubacs Werk Histoire et Esprit (1950) vertritt die Ansicht, die Verurteilung von 553 habe nicht die eigentliche Position des Origenes verurteilt, sondern die Ansichten eines späteren radikalisierten origenistischen Kreises (insbesondere im Umfeld des Klosters Mar Saba).

Die Kontinuität der origenistischen Tradition

Trotz der offiziellen Verurteilung des Origenes ist der Apokatastasis-Gedanke in der christlichen Geschichte fortwährend von Neuem aufgekeimt:

Die kappadokischen Väter

Gregor von Nyssa (etwa 335–395) hat die Apokatastasis-Lehre offen übernommen. In seinem Werk De Anima et Resurrectione (Über die Seele und die Auferstehung) verteidigt er Origenes' These der universalen Erlösung im Rahmen der christlichen Theologie. Er vertritt die Ansicht, die Höllenqual daure nicht ewig, sondern aiōnios („für die Dauer eines Zeitalters", nicht ewig), und am Ende werde jede Seele zu Gott gelangen.

Ein interessantes historisches Detail: Gregor von Nyssa wurde nie mit dem Anathema belegt und blieb ein orthodoxer Heiliger. Dies zeigt die technische Komplexität der Origenismus-Frage.

Maximus Confessor

Maximus Confessor (etwa 580–662), einer der tiefsten Denker des byzantinischen christlichen Mystizismus, brachte einen nuancierten Zugang zur Apokatastasis-Frage. In seinen Schriften Ad Thalassium nimmt Maximus an, dass das natürliche Begehren aller vernunftbegabten Wesen die Rückkehr zu Gott ist — was eine origenistische These ist; zugleich aber vertritt er die Ansicht, jede einzelne Seele müsse sich freiwillig an dieser Rückkehr beteiligen, und einige könnten eine dauerhafte Verweigerung wählen. Diese synthetische Haltung Maximus' bildet für manche moderne orthodoxe Theologen (allen voran David Bentley Hart) eine Brücke.

Die frühe Neuzeit

Im 16.–17. Jahrhundert haben manche radikalen protestantischen und täuferischen Gruppen den Apokatastasis-Gedanken wiederbelebt. Insbesondere Jacob Böhme (1575–1624) hat in der Tradition der deutschen Mystik eine der universalen Erlösung ähnliche Vision vertreten. John Pordage und Jane Lead (Philadelphian Society, England im 17. Jahrhundert) haben die Apokatastasis offen verteidigt.

Pietismus und Universal Restoration

Im 18. Jahrhundert haben unter den deutschen Pietisten Friedrich Christoph Oetinger und insbesondere Johann Albrecht Bengel (1687–1752) in ihren Auslegungen des Neuen Testaments Apokatastasis-Deutungen entwickelt. Bengels Werk Gnomon Novi Testamenti hat den Methodisten John Wesley tief beeinflusst.

Moderne Wiederbelebung: 20.–21. Jahrhundert

Hans Urs von Balthasar

Hans Urs von Balthasar (1905–1988), einer der bedeutendsten römisch-katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts, hat das Apokatastasis-Problem in der modernen katholischen Theologie erneut zur Diskussion gestellt. In seinem Werk Was dürfen wir hoffen? (1986) — das später unter dem Titel Dare We Hope „That All Men Be Saved"? ins Englische übersetzt wurde — nimmt Balthasar folgende nuancierte Haltung ein:

Diese Position Balthasars — eine Grenzhaltung in der katholischen Tradition — wird in der modernen vatikanischen Theologie diskutiert. Theologen unterschiedlicher Position wie Papst Benedikt XVI. und Hans Küng stehen in dieser Frage an entgegengesetzten Polen.

Robin Parry und Evangelical Universalism

Robin Parry hat mit The Evangelical Universalist, das er 2006 unter dem Pseudonym „Gregory MacDonald" verfasste, die Apokatastasis-Debatte in der zeitgenössischen englischsprachigen christlichen Welt erneut eröffnet. Parry leitet aus den Texten des Neuen Testaments — insbesondere aus den Stellen Römer 11,32 und 1. Korinther 15,22–28 des Paulus — eine biblische Grundlage für die universale Erlösung ab:

„Denn Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, damit er sich aller erbarme." (Römer 11,32)

„Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. … Dann das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergibt, nachdem er alle Herrschaft, Gewalt und Macht vernichtet hat. … Wenn ihm aber alles unterworfen ist, dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei." (1. Korinther 15,22–28)

Parrys Position ist ein stärkerer „confident universalism" (zuversichtlicher Universalismus) als der „hopeful universalism" (hoffnungsvoller Universalismus): Es ist theologisch legitim zu glauben, Gott werde alle Menschen am Ende erlösen.

David Bentley Hart

Der orthodoxe Theologe David Bentley Hart hat in seinem Werk That All Shall Be Saved (2019) das stärkste moderne Argument für die universale Erlösung vorgelegt. Hart vertritt die Ansicht, die ursprünglichen Bedeutungen der griechischen Texte des Neuen Testaments stützten nicht die die moderne christliche Orthodoxie tragende Deutung der „ewigen Hölle". Insbesondere vertritt er die Ansicht, das Adjektiv aiōnios (αἰώνιος) müsse nicht als „ewig", sondern als „einem Zeitalter zugehörig" übersetzt werden. Diese Position Harts hat sowohl in den ostorthodoxen als auch in den westchristlichen theologischen Kreisen heftige Debatten ausgelöst.

Vergleichende Perspektive

Tenâsuh (islamisch-bâtinitisch)

Zwischen der Apokatastasis und dem islamisch-bâtinitischen Tenâsuh (siehe die Notiz tenasuh-tartismasi) bestehen bemerkenswerte Parallelen:

Dimension Apokatastasis Tenâsuh
Reaktion des Mainstream römisch-katholisch und orthodox: verurteilt sunnitischer Islam: verworfen
Reichweite universal (einschließlich der Dämonen) in der Regel nur Mensch
Mechanismus die göttliche Liebe hat das letzte Wort ein Gerechtigkeitsprozess vom Karma-Typ
Dauer endet nach den Zeitaltern (Aiōnes) bis zur Auferstehung
Präexistenz in manchen origenistischen Versionen: ja nicht vorhanden

Die Präexistenz-Lehre des Origenes zeigt eine strukturelle Ähnlichkeit mit der Seelen-Abstiegskosmologie der Ihwân as-Safâ. Beide haben sich aus dem neuplatonischen (plotinischen) Erbe gespeist und die Ansicht vertreten, die Seelen kämen durch einen Abstieg aus einer höheren Quelle in die Körper.

Gilgul (jüdische Kabbala)

Zwischen der Apokatastasis und der Lehre vom Gilgul (siehe die Notiz gilgul-kabala) bestehen tiefere strukturelle Parallelen:

Diese tiefe strukturelle Ähnlichkeit zwischen der origenistischen Apokatastasis und dem lurianischen Gilgul-Tikkun-Schema gehört zum Interessengebiet Henry Corbins und der modernen vergleichenden Mystikforschung. Die These, dass sich die lurianische Kabbala aus der hellenistischen Philosophie — insbesondere aus dem origenistischen und plotinischen Erbe — gespeist habe, wurde in den Arbeiten Moshe Idels eingehend untersucht.

Samsâra und Mokscha

Der Vergleich der Apokatastasis mit Samsâra und Mokscha (hinduistisch/buddhistisch):

Die Vertreter der perennialen Tradition wie Aldous Huxley und Frithjof Schuon vertreten die Ansicht, zwischen diesen dreien (der christlichen Apokatastasis, dem jüdischen Gilgul-Tikkun, der hinduistischen Mokscha) und den Lehren des islamischen Tenâsuh und des buddhistischen Nirvâna bestehe eine tiefe Einheit, die verschiedene Sprachen der geistigen Kosmologie repräsentiert.

Das zoroastrische Frashokereti

Im Zoroastrismus bedeutet der Begriff Frashokereti (𐬟𐬭𐬀𐬴𐬋𐬐𐬆𐬭𐬆𐬙𐬌, „Auferstehung, Wiedervervollkommnung") die Reinigung der gesamten Schöpfung am kosmischen Ende, die Beseitigung des Bösen und das Gelangen zu einer universalen Erlösung. Dies zeigt eine erstaunliche strukturelle Ähnlichkeit mit der Apokatastasis. Mary Boyces Arbeiten zur zoroastrischen Theologie weisen darauf hin, dass das Frashokereti in der iranisch-hellenistischen Zeit die jüdische und christliche Eschatologie beeinflusst haben könnte. Auch wenn Origenes die zoroastrische Lehre nicht unmittelbar kannte, finden sich in seinen Werken Spuren des persisch-hellenistischen kosmischen Zyklusdenkens.

Moderne Reflexionen

Die Apokatastasis-Debatte ist im 20.–21. Jahrhundert in verschiedenen theologischen Kontexten neu aufgelebt:

Karl Barth und die schweizerische reformierte Theologie

Karl Barth (1886–1968) übernimmt die universale Erlösung nicht offen, nimmt aber in der Kirchlichen Dogmatik IV/3 folgende Position ein: Im Hinblick auf die Freiheit Gottes besteht die Möglichkeit, dass er alle Menschen erlöst; für den christlichen Theologen ist es legitim, in dieser Frage nicht ein dogmatisches „Ja oder Nein" zu sagen, sondern in der Freiheit Gottes zu hoffen. Diese Position hat Balthasar und die spätere katholische Debatte tief beeinflusst.

Prozesstheologie

In der Prozesstheologie Alfred North Whiteheads und John Cobbs zeigt die „Aufnahme" des Universums in Gott (consequent nature of God) eine strukturelle Ähnlichkeit mit der origenistischen Apokatastasis. Dass jedes Ereignis nach seinem Vergehen in Gott „objektiv unsterblich wird" und so die gesamte Wirklichkeit in Gott bewahrt bleibt, lässt sich als eine moderne Apokatastasis-Vision lesen.

Befreiungstheologie und Mass Salvation

In der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, insbesondere bei Leonardo Boff und Gustavo Gutiérrez, nimmt der Apokatastasis-Gedanke eine sozial-politische Gestalt an: Gottes Erlösung der „Armen" im Sinne der endgültigen Wiedergutmachung des begangenen Unrechts. Dies unterscheidet sich von der klassischen origenistischen Apokatastasis, trägt aber eine ähnlich umfassende Hoffnung.

Kritik und Diskussionen

Die klassische Kritik, die an der Apokatastasis-Lehre geübt wird:

Biblische Kritik

  1. Matthäus 25,46: „Diese (die Bösen) werden in die ewige Strafe gehen, die Gerechten aber in das ewige Leben." Hier wird das Adjektiv aiōnios (ewig) für die Strafe wie für das Leben in gleicher Weise verwendet. Wenn das eine ewig ist, muss es auch das andere sein.

  2. Matthäus 12,32: „Wer aber ein Wort gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird weder in dieser Welt noch in der zukünftigen vergeben werden." — die Lehre von der unvergebbaren Sünde.

  3. Offenbarung 14,11: „Der Rauch ihrer Qual steigt auf in alle Ewigkeit."

Die Befürworter der Apokatastasis (Hart, Parry, Balthasar) deuten diese Texte anders; insbesondere vertreten sie, aiōnios sei im Hinblick auf die griechische Grammatik nicht „ewig", sondern „für die Dauer eines Zeitalters".

Sittliche Kritik

  1. Das Paradox der sittlichen Verantwortung: Wenn am Ende alle erlöst werden, welche Bedeutung haben dann die sittlichen Entscheidungen? Dies ist ein von Augustinus bis heute wiederholtes Argument.

  2. Die individuelle Freiheit: Wenn Gott alle gewaltsam erlöst, missachtet er dann nicht die menschliche Freiheit? C. S. Lewis bringt diese Position in The Great Divorce zum Ausdruck: Die Hölle ist von innen verriegelt.

  3. Die Frage der Gerechtigkeit: Ist es nicht ungerecht, dass Hitler und eine Heilige dasselbe Ende teilen? Dies ist eine klassische Kritik, und die origenistische Antwort ist der Begriff der pädagogischen Qual: Die Hölle ist keine Strafe, sondern Erziehung; am Ende werden alle durch Reue erlöst.

Historische Kritik

Über die technische Gültigkeit des Konzils von 553 besteht unter modernen Theologen eine Debatte. Die Zahl der am Konzil teilnehmenden Bischöfe, die Beschaffenheit der päpstlichen Bestätigung des Verurteilungsbeschlusses und der genaue Inhalt des verurteilten „Origenismus" — diese Fragen sind bis heute bearbeitete historische Fragen.

Praktische Implikationen

Die Apokatastasis-Lehre ist keine rein theoretische Angelegenheit, sondern eine Haltung mit tiefen Wirkungen auf das geistige Leben:

Mission

Wenn am Ende alle erlöst werden, mindert sich dann die dringende Dringlichkeit von Mission und Verkündigung? Die Antwort der Befürworter der Apokatastasis lautet: Die Verkündigung ist keine dringliche Errettung, sondern eine Einladung zur Freude, Gott jetzt zu erkennen. Anstelle der Höllenfurcht die Einladung der göttlichen Liebe.

Seelsorge

Anstelle des Motivs der „Höllenfurcht" in den traditionellen christlichen Predigten wird das Motiv der universalen Hoffnung in den Vordergrund gerückt. Die Apokatastasis-Perspektive kann insbesondere für Familien, deren Angehörige Selbstmord begangen haben, vom Glauben abgefallen oder als Übeltäter gestorben sind, eine Quelle des Trostes sein.

Ethisches Leben

Wenn Gott alle am Ende umfangen wird, lässt man die richtende Haltung gegenüber anderen fahren. Wir werden unsere Feinde lieben, denn auch sie schreiten zu derselben Erlösung wie wir — nur auf einem längeren Weg.

Mystische Betrachtung

Von Gregor von Nyssa über Maximus Confessor, von Sergei Bulgakov bis zu David Bentley Hart hat der Apokatastasis-Gedanke stets in den Tiefen der christlichen mystischen Betrachtung gelebt — „Gott sei alles in allem" (1. Korinther 15,28). Dies zeigt eine strukturelle Parallele zur Lehre der „Wahdat al-Wudschûd" (Einheit des Seins) Ibn Arabîs und zur Lehre „Brahman = Âtman" des Advaita-Vedânta: die endgültige Einheit der gesamten Wirklichkeit.

Die Apokatastasis-Lehre des Origenes lebt als eine der kühnsten und bis heute umstrittensten Lehren der christlichen Theologiegeschichte auch in der modernen Theologie weiter. Ihre strukturellen Parallelen zur Tenâsuh-Debatte (im Islam) und zur Lehre vom Gilgul (im Judentum) machen diese Frage zu einer der zentralen Fragen des vergleichenden geistigen Denkens.