Porphyrios: Neuplatonischer Philosoph und Herausgeber Plotins
Spätantiker Neuplatoniker; Schüler Plotins und Herausgeber der Enneaden, Verfasser der Isagoge, Verfechter des Vegetarismus (De Abstinentia) und Partei in der Theurgie-Debatte mit Iamblichos.
Sein Leben und der historische Kontext
Porphyrios (griechisch: Πορφύριος, lateinisch: Porphyrius; geb. um 234 – gest. um 305) ist einer der einflussreichsten neuplatonischen Philosophen der Spätantike, der engste Schüler Plotins und der eigentliche Bewahrer von dessen Gedankenerbe. Der Geburtsname des Philosophen, der aus einer Familie aus Tyros (dem heutigen Tyre an der libanesischen Küste) oder aus Batanaia (Syrien) stammte, war das semitisch-stämmige Malkos („König"); sein Lehrer und Freund, der Rhetoriker Cassius Longinus, übersetzte diesen Namen ins Griechische als Porphyrios im Sinne von „purpurfarben" (porphyra — die Farbe der Königsgewänder). Diese Namensänderung fasst sinnbildlich seine Brückenstellung zwischen der semitischen Welt des östlichen Mittelmeerraums und der hellenistischen Philosophietradition zusammen. Denn Porphyrios' gesamte intellektuelle Laufbahn sollte mit dem Werk des Verbindens, Vermittelns und Ordnens verschiedener Welten verbracht werden.
Porphyrios erhielt zunächst in Athen bei Longinus eine Ausbildung in Rhetorik, Philologie und kritischer Textarbeit. Diese frühe Bildung verlieh ihm eine ihm sein Leben lang nützliche philologische Sorgfalt und eine Disziplin der Textanalyse; sie sollte ihm später sowohl beim Ordnen der verstreuten Schriften Plotins als auch bei der kritischen Untersuchung heiliger Texte zugutekommen. Um das Jahr 263, im Alter von etwa dreißig Jahren, ging er nach Rom und schloss sich dem Lehrkreis Plotins an. Dieser Beitritt wurde zum Wendepunkt seines intellektuellen Lebens. In den sechs Jahren, die er bei Plotin verbrachte, wurde er nicht nur ein Schüler, sondern zugleich ein systematischer Schreiber und Herausgeber der Gedanken seines Lehrers.
Nach eigener Schilderung verfiel Porphyrios eine Zeitlang in eine tiefe Melancholie und sogar in Selbstmordgedanken; Plotin erkannte dies und empfahl ihm, sich nach Sizilien zur Erholung zu begeben. Wegen dieser Trennung konnte Porphyrios in den letzten Tagen seines Lehrers (270) nicht bei ihm sein; doch übernahm er nach dessen Tod die Aufgabe, alle seine Schriften zu sammeln. Dieses persönliche Detail zeigt auch, dass die neuplatonische Philosophie nicht bloß eine abstrakte Metaphysik war, sondern zugleich eine Lebensweise, die mit den Leiden der Seele, der Melancholie und dem inneren Ringen verflochten gelebt wurde.
Die Chronologie von Porphyrios' Leben wird weitgehend aus seinen eigenen Werken und der späteren neuplatonischen Tradition erschlossen. In fortgeschrittenem Alter heiratete er eine viel jüngere Witwe namens Marcella; der an sie gerichtete Brief an Marcella (Ad Marcellam) ist als wertvolles Zeugnis der praktischen Ethik eines philosophischen Lebens auf uns gekommen. In diesem Brief betont er, dass das Ziel der Philosophie nicht bloß der Erwerb von Wissen, sondern die Reinigung der Seele und die Angleichung an das Göttliche (homoiōsis theō) sei. Sein wichtigster Schüler war Iamblichos, der mit ihm eine berühmte Debatte über die Theurgie (göttliche Riten) führen sollte.
Der Herausgeber Plotins: Die Geburt der Enneaden
Porphyrios' vielleicht bleibendster Beitrag zur Philosophiegeschichte ist die Sammlung und Herausgabe der verstreuten Abhandlungen seines Lehrers Plotin. Plotin hatte seine Gedanken nicht als ein systematisches Buch, sondern in Gestalt einzelner, in den Lehrstunden entstandener Untersuchungen (logoi) niedergeschrieben; überdies sah er, da seine Augen schwach waren, das Geschriebene nicht wieder durch und maß auch der Zeichensetzung und Korrektur keine Bedeutung bei. Porphyrios nahm diese vierundfünfzig Abhandlungen und ordnete sie in sechs Gruppen zu je neun. Das griechische ennea bedeutet „neun"; deshalb erhielt das Werk den Namen Enneaden (Ἐννεάδες). Sechs mal neun wurde als Produkt heilig geltender Zahlen gewählt — besonders der Vollkommenheitszahl Sechs und der Ganzheitszahl Neun —, womit der Sammlung eine zahlhaft-sinnbildliche Vollständigkeit verliehen wurde. Dies ist eine Spur der pythagoreischen Zahlenmystik, die in die neuplatonische Herausgeberpraxis eingedrungen ist, und zeigt Porphyrios' Glauben, dass die Zahlen die kosmische Ordnung widerspiegeln.
An den Anfang dieser Sammlung stellte Porphyrios eines der wichtigsten biographischen Dokumente der Philosophiegeschichte, den Text „Über das Leben Plotins und die Ordnung seiner Schriften" (Vita Plotini). Dieses Werk vermittelt uns unschätzbare Einzelheiten über Plotins Persönlichkeit, seine Bescheidenheit, seine Enthaltung vom Fleischessen, dass er seinen Geburtstag nicht feiern ließ, dass er die Anfertigung seines Porträts nicht erlaubte und dass er in seinem Leben viermal eine mystische Vereinigung (henōsis) erfuhr. Porphyrios spricht hier auch von seinem eigenen Leben, erläutert seine Sammelmethode und schildert, dass sein Lehrer „im Wachen wie beschämt über seinen Leib" wirkte und sich mit seiner Seele beständig einer höheren Wirklichkeit zuwandte. Ohne diese Biographie wäre unser Wissen über Plotins Leben und über die Atmosphäre der Welt der spätantiken griechischen Mystik weit ärmer.
Die Herausgeberschaft ist hier keine bloß mechanische Arbeit. Porphyrios' thematische Gruppierung der Abhandlungen — ein Aufbau, der von der Ethik, der Naturphilosophie, der Seele, dem Nous (Geist) aufsteigt und schließlich zum Einen (to Hen) gelangt — enthält zugleich eine Deutung, wie die Gedanken des Lehrers zu lesen sind. Das heißt, Porphyrios entwarf die Texte seines Lehrers als einen seelischen Aufstieg (anabasis) „von unten nach oben", der bei materiell-ethischen Anliegen beginnt und sich zum höchsten metaphysischen Prinzip emporschwingt. Die erste Ennead behandelt ethische Themen, die zweite und dritte Ennead physische und kosmologische Fragen, die vierte Ennead die Seele (psykhē), die fünfte Ennead den Geist und die intelligible Welt, die sechste Ennead schließlich die Zahlen, das Sein und zuletzt das Eine. Diese Ordnung hat die gesamte spätere neuplatonische Lesetradition geprägt und den Text in eine Art Landkarte einer inneren Reise verwandelt.
Porphyrios' Herausgebermethode weckt auch das Interesse der modernen Philologie. Soweit bekannt, ordnete er die Abhandlungen nicht nur nach chronologischer Reihenfolge, sondern nach Inhalt neu; während er manche langen Untersuchungen zur Wahrung der thematischen Geschlossenheit unangetastet ließ, fügte er andernorts Titel ein und bemühte sich, den Text lesbar zu machen. In der Vita Plotini verzeichnet er auch die Abfassungsreihenfolge dieser Abhandlungen; so können moderne Forscher die Entwicklung von Plotins Denken im Lauf der Zeit verfolgen. Dieses doppelte Wissen — sowohl thematische Ordnung als auch chronologische Reihenfolge — zeigt, wie gewissenhaft ein Gelehrter Porphyrios war. Dank seiner Sorgfalt wurden die Enneaden zu einer der bestbewahrten und systematischsten Sammlungen unter den Texten der antiken Philosophie.
Die römische Schule und der Kreis Plotins
Der Kreis, dem Porphyrios sich in Rom anschloss, war weniger eine bloße Schule als eine Philosophiegemeinschaft, die eine gemeinsame Lebensweise teilte. Im Umkreis Plotins fanden sich Senatoren, Ärzte, Frauen und Schüler aus verschiedenen gesellschaftlichen Ständen; manche hatten ihr Vermögen den Armen geschenkt, manche ihre Kinder Plotins Vormundschaft anvertraut. Diese Gemeinschaft lebte die Philosophie nicht als bloß theoretische Beschäftigung, sondern als eine die Seele verwandelnde Disziplin. Porphyrios zeichnet in der Vita Plotini ein lebendiges Bild dieses Kreises und zeigt, wie die Philosophie sich in eine konkrete Lebenspraxis verwandelte.
Auch die Methode des Textlesens in Plotins Schule ist bemerkenswert: Zunächst wurden die Texte der Kommentatoren des Aristoteles und Platon (wie Alexander von Aphrodisias, Numenios, Attikos) gelesen, danach entwickelte Plotin seine eigene Deutung. Porphyrios beteiligte sich aktiv an diesen Diskussionen, stellte Fragen und brachte Einwände vor; so schildert er in der Vita, dass er Plotin einmal drei Tage lang Fragen über das Verhältnis der Seele zum Leib stellte. Diese dialogische Methode legt offen, dass die neuplatonische Philosophie ein lebendiges, streitbares und beständig geprüftes Denken war. Auch Porphyrios selbst schrieb später Kommentare zu Platon und Aristoteles und führte so die Tradition der Auslegung (exegesis) der antiken Philosophie fort.
Isagoge: Einführung in die Logik und das Universalienproblem
Porphyrios' Werk mit der größten historischen Wirkung ist paradoxerweise nicht sein eigenständigster metaphysischer Beitrag, sondern ein kleines logisches Handbuch, die Isagoge (Εἰσαγωγή, „Einführung"). Diese kurze Abhandlung war als Einführung in die Kategorien des Aristoteles geschrieben und stellte fünf Grundbegriffe (quinque voces) vor: Gattung (genos), Art (eidos), Unterschied (diaphora), Eigentümlichkeit (idion) und Akzidens (symbebēkos). Diese fünf Prädikabilien sind die Grundwerkzeuge der logischen Definition und Einteilung; sie sind der begriffliche Werkzeugkasten eines jeden, der bestimmen will, „was etwas ist".
Die Wirkung der Isagoge ist außerordentlich. Vom römischen Philosophen Boethius ins Lateinische übersetzt, ins Syrische und von dort ins Arabische übertragen, wurde sie sowohl im byzantinischen als auch im lateinischen Mittelalter wie auch in der islamischen Welt zum Standardlehrbuch der Logik. Viele islamische Philosophen, darunter Ibn Sînâ, begannen ihre Logikausbildung mit der Isagoge (arabisch Îsâġûcî); das Werk wurde über Jahrhunderte in den Medresen gelesen. Ebenso war es im lateinischen Westen der unwandelbare Einführungstext der scholastischen Logikausbildung, die bis zu Thomas Aquinas reicht. Dass eine einzige kleine Abhandlung die intellektuelle Grundlage dreier verschiedener Zivilisationen (Byzanz, Islam, lateinisches Christentum) so tief geprägt hat, ist ein in der Philosophiegeschichte seltenes Ereignis.
Am Anfang dieses Werkes bringt Porphyrios eine Frage zur Sprache, die die Philosophiegeschichte über Jahrhunderte beschäftigen sollte — die später den Namen „Universalienproblem" (universalia) erhielt. Er fragt: Existieren Gattungen und Arten wirklich, oder sind sie nur Begriffe im Geist? Wenn sie existieren, sind sie körperlich oder unkörperlich? Stehen sie gesondert, oder finden sie sich in den wahrnehmbaren Dingen? Porphyrios übergeht diese Fragen mit der Bemerkung, er werde sie „vorerst beiseitelassen, weil sie zu tief sind"; doch haben diese drei Fragen den Samen des großen Streits zwischen den Strömungen des Realismus, des Nominalismus und des Konzeptualismus durch das ganze Mittelalter gelegt. Die Realisten (in der Linie Platons) sollten vertreten, dass die Universalien wirkliche Wesenheiten seien, die Nominalisten, dass sie bloße Namen seien, die Konzeptualisten hingegen, dass sie Begriffe im Geist seien. So wurde Porphyrios, ohne es zu beabsichtigen, zum Vater des zentralen Problems des scholastischen Denkens.
Auch der in der Logiktradition bekannte „Porphyrische Baum" (arbor porphyriana) wird nach ihm benannt: ein hierarchisches Einteilungsschema, das von der höchsten Gattung, der Substanz (substantia), ausgeht und über immer engere Gattungs-Art-Unterscheidungen (körperlich/unkörperlich, belebt/unbelebt, empfindend/empfindungslos, vernunftbegabt/vernunftlos) zum „Menschen" herabsteigt. Dieser Baum ist eines der ältesten und bleibendsten Beispiele der Veranschaulichung der Logik und ist auch der ferne Ahn des modernen Einteilungsdenkens (Taxonomie).
Metaphysik: Das Eine, der Geist und die Seele
Philosophisch ist Porphyrios ein treuer Plotiner, doch deutet er die Lehre seines Lehrers von den drei Hypostasen (das Eine – Nous – Seele) mit eigenen Betonungen. In seinem Denken ist die Unterscheidung zwischen dem Einen und dem Geist nach der Behauptung mancher Deuter weniger scharf als bei Plotin; Porphyrios' Eines neigt zu einer Annäherung zwischen dem seinsjenseitigen Absoluten und dem ersten denkenden Prinzip. Dies ist eine Neigung, die in den späteren christlichen Trinitäts-Debatten — besonders über den lateinischen Denker Marius Victorinus — einen Widerhall finden sollte; denn Porphyrios' Betonung der Einheit zwischen den Hypostasen lieferte den christlichen Theologen, die das Verhältnis von Vater-Sohn-Heiligem Geist philosophisch denken wollten, eine Sprache.
Für Porphyrios ist das eigentliche Ziel der Philosophie, dass die Seele, vom Leib und von den materiellen Leidenschaften gereinigt (katharsis), zu ihrem eigenen Ursprung, zur intelligiblen Welt, zurückkehrt. In seinem prägnanten Text Ausgangspunkte zu den Intelligiblen (Aphormai pros ta noēta), auch bekannt als Sentences, fasst er die Grundprinzipien der plotinischen Metaphysik in kurzen und dichten Sätzen zusammen; dieses Werk diente Anfängern als eine Art Zusammenfassung der Enneaden. Hier erläutert er, dass die Seele ein Wesen ist, das sich aus ihrer Abhängigkeit von der Materie befreien und nach innen und oben wenden soll.
In Porphyrios' Ethik ist die Reinigung der Seele stufenweise: Zuerst kommen die „politischen/gesellschaftlichen Tugenden" (Mäßigung, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit — das ausgewogene Leben in der Gemeinschaft), dann die „reinigenden Tugenden" (Loslösung von Leib und Leidenschaften), darauf die „intelligiblen/kontemplativen Tugenden" (Hinwendung zur intelligiblen Welt) und schließlich die „vorbildhaften/paradigmatischen Tugenden" (Vereinigung mit dem Geist). Dieses stufenweise Reinigungsschema ist ein systematischer Ausdruck des Verständnisses des seelischen Aufstiegs der antiken griechischen Mystik und sollte über Pseudo-Dionysius in die christliche mystische Theologie und von dort in die mittelalterliche Klostertradition übergehen. Porphyrios' Metaphysik hält die Begriffe Logos und Psykhē (Seele) im Zentrum; sie führt die platonische Unterscheidung zwischen der Wirklichkeit der intelligiblen Welt (kosmos noētos) und dem Schattendasein der wahrnehmbaren Welt fort. Sein Beitrag besteht darin, dass er diesen platonisch-plotinischen Rahmen sowohl mit einer logischen Sprache (Isagoge) als auch mit einer praktischen Reinigungsdisziplin ausgestattet hat.
De Abstinentia: Vegetarismus und Tierethik
Porphyrios' bemerkenswertestes und unserer Zeit auf unerwartete Weise nahestehendes Werk ist die aus vier Büchern bestehende Untersuchung „Über die Enthaltung von tierischer Nahrung" (De Abstinentia ab Esu Animalium / Peri Apokhēs Empsykhōn). Das Werk ist an einen ehemaligen Schüler namens Firmus Castricius gerichtet, der das philosophische Leben aufgab und zum Fleischessen zurückkehrte, entwickelte sich aber zu einer weit umfassenderen philosophischen Verteidigung des Vegetarismus. Dieser Text ist die umfassendste aus der Antike erhaltene philosophische Untersuchung über Ernährungsethik, Tiergeist und Ritualkritik.
Porphyrios' Argumente sind vielschichtig. Erstens vertritt er hinsichtlich der seelischen Reinigung, dass das Fleischessen den Leib beschwert, die Leidenschaften nährt und den Aufstieg der Seele hemmt — dies ist ein von den Traditionen Pythagoras' und der Orphik übernommenes Motiv. Den Leib zu erleichtern ist die Vorbedingung, die Seele aus den Ketten der Materie zu lösen. Zweitens behauptet er, dass auch die Tiere eine Art Vernunft, Gefühl, Gedächtnis und Gerechtigkeitssinn besitzen, und leitet daraus ab, dass wir ihnen eine Art Gerechtigkeit (dikaiosynē) schulden; dies ist die entwickeltste aus der Antike erhaltene Diskussion über den Tiergeist und über die sittliche Verpflichtung gegenüber den Tieren und ein überraschender Vorläufer der modernen tierethischen Debatten. Drittens kritisiert er die blutigen Opferriten und sagt, dass der Weg, sich dem wahren Göttlichen zu nähern, nicht das Vergießen von Blut sei, sondern reines Denken, Tugend und stille Kontemplation; das einzige dem höchsten Gott darzubringende „Opfer" ist ein gereinigter Geist.
Porphyrios' Enthaltungslehre trägt auffällige Parallelen zu den zeitgenössischen Verständnissen von Fasten und Enthaltung und besonders zum Prinzip der ahiṃsā (Gewaltlosigkeit/Nichtschädigung) des Jainismus. Porphyrios bringt in seinem Werk auch eine vergleichende Sicht ein, indem er von den Gymnosophisten Indiens (den von den Griechen „nackte Weise" genannten indischen Asketen) und ihrer pflanzlichen Ernährungsdisziplin spricht; so denkt er die östlichen und westlichen Asketentraditionen in einem gemeinsamen Rahmen. Dieses Werk ist einer der stärksten frühen Ausdrücke der Philosophiegeschichte für den Gedanken, dass die Ernährung nicht nur eine leibliche, sondern zutiefst eine seelische und sittliche Angelegenheit ist, und macht ihn zu einem der eigenständigsten Ethikdenker der spätantiken Welt.
Eine weitere wichtige Dimension der De Abstinentia sind ihre soziologischen Beobachtungen über Religion und Ritual. Porphyrios vergleicht die Opfer- und Ernährungsbräuche verschiedener Völker; er berührt die Praktiken der Ägypter, Juden, Inder und verschiedener Mittelmeervölker. Einen Teil dieses vergleichenden Materials hat er von früheren Autoren (etwa von Theophrast) zusammengetragen; deshalb dient das Werk zugleich als wertvolles Zeugnis für verlorene antike Quellen. Porphyrios deutet den Ursprung der blutigen Opfer als eine „nicht an die Götter, sondern an niedere Geister (Daimonen)" gerichtete Praxis und vertritt, dass der höchste Gott nur durch wortlose, reine Kontemplation geehrt werden könne. So wird die Ernährungsethik in seiner Hand an eine theologische und kosmologische Diskussion gebunden: Der Ort des Menschen in der hierarchischen Ordnung des Universums steht selbst damit in Beziehung, was er isst und was nicht. Dieser ganzheitliche Zugang zeigt, wie sehr in der antiken Philosophie Ethik, Religion und Metaphysik ineinander verflochten waren.
Die Theurgie-Debatte mit Iamblichos
Die fruchtbarste Spannung in Porphyrios' Denkleben ist die Theurgie-Debatte (θεουργία, „göttliches Handeln/Ritual") zwischen ihm und seinem Schüler Iamblichos. Die Theurgie ist die Auffassung, dass die Seele nicht nur durch das philosophische Denken, sondern durch heilige Riten, Symbole, Gebete und rituelle Praktiken in das göttliche Reich aufsteigen könne. Diese Debatte ist eine kritische Scheidung, die die Zukunft des spätantiken Neuplatonismus bestimmte.
Porphyrios' Haltung war zurückhaltend und zwiespältig. In seinem Werk Brief an Anebo (Epistula ad Anebonem), an einen ägyptischen Priester gerichtet, stellt er kritische Fragen über den Wert rituell-magischer Praktiken: Können die Götter wirklich durch Opfer „getäuscht" oder zufriedengestellt werden? Können Riten die Götter zwingen? Wenn ein Gott ohnehin gut ist, ist es dann nicht widersprüchlich, ihn durch Riten verändern zu wollen? Für Porphyrios vollzieht sich die höchste Reinigung und Vereinigung weniger durch das Ritual als vielmehr durch die reine geistige Kontemplation (theōria); die Theurgie kann höchstens dazu dienen, die niederen, leib-gebundenen Teile der Seele zu reinigen, nicht aber das höchste intelligible Selbst (nous). Diese Haltung setzt eine philosophische Distanz zu den rituell-magischen Praktiken ägyptischen Ursprungs.
Iamblichos antwortete auf diese Fragen mit seinem gewaltigen Werk Über die ägyptischen Mysterien (De Mysteriis) und verteidigte die Theurgie heftig: Der menschliche Verstand allein reicht nicht aus, um das Göttliche zu erreichen; denn die menschliche Seele ist vollständig in die materielle Welt herabgestiegen und kann aus eigener Kraft nicht emporsteigen. Ohne die von den Göttern selbst eingesetzten heiligen Riten und Symbole (synthēmata) ist der Aufstieg unmöglich. Diese Debatte scheidet die zwei großen Stränge des Neuplatonismus: die mehr philosophisch-esoterische (kontemplative) Linie, die Porphyrios vertritt, und die mehr rituell-religiöse (theurgische) Linie, der Iamblichos voranging. Nach Iamblichos sollte sich der spätantike Neuplatonismus weitgehend in theurgische Richtung entwickeln und sich mit Elementen hermetischen und aus dem Corpus Hermeticum stammenden Ursprungs bereichern. Dieser Strang sollte später über vermittelnde Gemeinschaften wie die Harranischen Sabier auch in die islamische Welt eindringen.
Der Abstieg der Seele, die intelligible Welt und das individuelle Selbst
Eine in Porphyrios' Metaphysik besonders bedeutsame Frage ist der Abstieg der Seele (psykhē) in den Leib und ihre Bindung an die intelligible Welt. Plotin hatte vertreten, dass ein Teil der Seele niemals vollständig in die materielle Welt herabsteige, dass das „höhere Selbst" beständig im intelligiblen Reich verweile. Porphyrios übernimmt diese Lehre weitgehend; für ihn besteht die Aufgabe der Philosophie darin, dieses nie herabgestiegene höhere Selbst zu erkennen und die Abwärtsneigung der Seele umzukehren, sich nach innen und oben zu wenden. Dies ist nicht bloß eine Theorie, sondern eine Erlösungslehre (sōtēria): Der Mensch wird frei, wenn er begreift, dass seine wahre Natur nicht materiell, sondern intelligibel ist.
In diesem Rahmen untersucht Porphyrios das Verhältnis zwischen Psykhē und Nous und fragt, wie die individuelle Seele am universalen Geist teilhaben könne. Seine Lösung ist, dass die Seele sich durch Reinigung (katharsis) und Einkehr (epistrophē) stufenweise von der Materie löst und zu ihrem intelligiblen Ursprung zurückkehrt. Diese Lehre übersetzt das Motiv der „Rückkehr der Seele in ihre himmlische Heimat" der antiken griechischen Mystik in eine philosophische Sprache und hallt später sowohl in der christlichen als auch in der islamischen Mystik in ähnlichen Formen wider — etwa in den Motiven der „Rückkehr der Seele zu ihrem Ursprung" oder der „Sehnsucht nach der ersten Heimat".
Die arabische Übersetzungsbewegung und der Einfluss auf die islamische Welt
Porphyrios' Erbe spielt beim Übergang von der spätantiken Welt zur islamischen Zivilisation eine besondere Rolle. Während der großen Übersetzungsbewegung in Bagdad in der Abbasidenzeit wurde, als das logische Gesamtwerk des Aristoteles (Organon) ins Arabische übertragen wurde, auch Porphyrios' Isagoge unter dem Namen Îsâġûcî als untrennbarer Einführungsteil dieses Korpus übertragen. So wurde die Isagoge in der islamischen Welt zum Ausgangspunkt der Logikausbildung; sie wurde zu einem der ersten in den Medresen gelesenen Texte, und die Lehre von den „fünf Universalien" (al-kulliyyât al-chams) galt als Grundstein der islamischen Logiktradition.
Ibn Sînâ behandelt in seinen logischen Werken die fünf Prädikabilien des Porphyrios systematisch und greift die Universaliendebatte in seinem eigenen Rahmen neu auf; seine berühmte Unterscheidung, dass die Universalien „vor dem Ding" (im Geist, im göttlichen Verstand), „im Ding" (in den konkreten Gegenständen) und „nach dem Ding" (in der Abstraktion des menschlichen Geistes) existieren können, ist eine der wirkungsvollsten Antworten auf die von Porphyrios aufgeworfene Frage. Diese Auffassung sollte später auch in den lateinischen Westen übergehen und das Universalienverständnis des Thomas Aquinas beeinflussen. Überdies gelangten die Motive des Nûr und des intelligiblen Lichts des spätantiken Neuplatonismus über die Harranischen Sabier und andere vermittelnde Gemeinschaften in die Ischrâqî-Tradition (Philosophie der Erleuchtung) der islamischen Philosophie und schließlich zur Seinsmetaphysik Mullâ Sadrâs. So stand das Werk eines einzigen spätantiken Philosophen am Ursprung eines intellektuellen Stroms, der sich über drei Kontinente und drei große Religionen ausbreitete.
Antichristliche Polemik und Textkritik
Porphyrios war einer der ernsthaftesten und gelehrtesten Kritiker des Christentums in der Antike. Sein großes Werk „Gegen die Christen" (Kata Khristianōn / Adversus Christianos), das bekanntlich aus mindestens fünfzehn Büchern bestand, kritisierte die biblischen Texte philologisch und historisch im Detail. So untersuchte er etwa die Daten in den prophetischen Ansprüchen des Buches Daniel und behauptete, dass der Text später, weit nach den geschilderten Ereignissen (in der Makkabäerzeit), verfasst worden sei — dies ist ein erstaunlich früher Vorläufer der modernen historisch-kritischen Bibelforschung. Ebenso wies er auf die Widersprüche zwischen den Erzählungen der Evangelien, die Ungereimtheiten der Apostel und die inneren Spannungen der Texte hin.
Da dieses Werk unter Kaiser Theodosius II. (448) durch amtlichen Beschluss eingezogen und verbrannt wurde, ist es vollständig verloren; der Text kann nur teilweise aus den Fragmenten rekonstruiert werden, die ihm widerlegende christliche Autoren (Eusebios, Hieronymus/Jerome, Augustinus und besonders Makarios Magnes) überliefern. Dennoch zeigt sich die Kraft von Porphyrios' Kritik daran, dass Kirchenväter wie Augustinus sie ernst nahmen und ausführlich beantworteten. Bemerkenswerterweise lobt Augustinus in seinem Werk Vom Gottesstaat (De Civitate Dei) Porphyrios sowohl als „den gelehrtesten der Heiden" als auch betrachtet er dessen plotinische Philosophie als einen in der Auseinandersetzung mit dem christlichen Denken ernst zu nehmenden Gesprächspartner. Dies ist ein seltenes Beispiel dafür, dass die Kritik eines Denkers stark genug war, die größten Vertreter der von ihr angegriffenen Tradition zur Antwort zu zwingen. Porphyrios' Methode in diesem Werk war keine bloß theologische Widerlegung, sondern ein akademischer Leseversuch, der die historische Stimmigkeit des Textes, die Verfasserschaftsansprüche und die inneren Widersprüche prüfte; in dieser Hinsicht zeigt er eine seiner Zeit weit vorauseilende, beinahe moderne philologische Sensibilität. Seine Kritik hat als eines der reifsten Dokumente der großen Auseinandersetzung der antiken Welt zwischen Philosophie und offenbarungsbasierten Religionen ihren Platz in der Philosophiegeschichte eingenommen.
Sein Einfluss und sein Erbe
Porphyrios' Einfluss reicht weit über seine eigentliche philosophische Eigenständigkeit hinaus; er ist ein vermittelndes, ordnendes und brückenschlagendes Genie. Sein Erbe ist auf mehreren Wegen geflossen:
Erstens als Träger des Erbes Plotins. Die Enneaden, wie wir sie heute besitzen, sind das Werk des Porphyrios; ohne seine Sammlung und seine Biographie wäre es höchst zweifelhaft, dass das Denken Plotins in geschlossener Form an die späteren Zeitalter gelangt wäre. Die gesamte Geschichte des Neuplatonismus ist gewissermaßen durch die Herausgeberentscheidungen des Porphyrios gelesen worden.
Zweitens über die Isagoge, den Gründungstext der Logiktradition. Dieses kleine Buch ist das erste Glied einer ununterbrochenen Kette der Logikausbildung, die von Boethius über Byzanz, von dort in die islamischen Medresen und in die lateinische Scholastik reicht. Denker wie Ibn Sînâ, Ibn Ruschd und Thomas Aquinas sind allesamt Erben dieses Vermächtnisses; die gemeinsame Sprache der Logik ist weitgehend die Sprache der fünf Prädikabilien des Porphyrios.
Drittens durch seinen mittelbaren Beitrag zur spätantiken Mystik und zur Ischrâqî-Tradition (der Erleuchtung). Porphyrios' Motiv des Aufstiegs der Seele zum Licht und zur intelligiblen Welt drang über verschiedene vermittelnde Gemeinschaften in die Weisheit des Nûr und der Ischrâq der islamischen Philosophie und von dort in die Transzendente Weisheit Mullâ Sadrâs ein. Zwischen seinen Reinigungsstufen und der Ischrâqî-Lichthierarchie bestehen deutliche strukturelle Nähen.
Viertens auf dem Gebiet der Religionsphilosophie und des vergleichenden Denkens. Sowohl die historisch-kritische Methode seiner Christentumskritik als auch der vergleichende Religions- und Asketismus-Zugang der De Abstinentia machen ihn zu einem der schärfsten kritischen Geister der Antike. In dieser Hinsicht kann Porphyrios als ein ferner Vorläufer der modernen Religionswissenschaft und Textkritik gelten.
Weitere Werke und seine philosophische Methode
Porphyrios war ein außerordentlich produktiver Autor; antike Quellen schreiben ihm an die siebzig Werke zu, doch sind die meisten davon verloren oder nur in Fragmenten auf uns gekommen. Zu seinen bekannten Hauptwerken zählen Kommentare zu Platons Dialogen Timaios und Staat, Erläuterungen zu Aristoteles' Kategorien und Über die Auslegung (De Interpretatione), die Periphēseōs (Über die Nymphengrotte), die die Nymphengrotte in Homers Odyssee allegorisch deutet, eine Philosophiegeschichte Geschichte der Philosophen (von der der Abschnitt über das Leben des Pythagoras erhalten ist) und sein Kommentar zur Harmonik des Ptolemaios über die Musiktheorie. Diese weite Spannweite zeigt, dass er nicht nur ein Metaphysiker, sondern zugleich Literaturkritiker, Musiktheoretiker, Historiker und Philologe war.
Porphyrios' Methode zeichnet sich auch durch seine Meisterschaft in der Kunst der allegorischen Deutung (allēgoria) aus. Dass er die mythologischen Erzählungen Homers als sinnbildliche Ausdrücke der Reise der Seele liest, ist ein wichtiges Beispiel der antiken mystischen Hermeneutik; diese Methode sollte später sowohl die neuplatonische als auch die christliche und islamische Auslegung heiliger Texte beeinflussen. In der Deutung der Nymphengrotte versinnbildlicht die Grotte den Abstieg der Seele in die materielle Welt; die zwei Tore wiederum den Übergang der Seelen zu Geburt und Tod. Solche Deutungen sind antike Beispiele dafür, unter der Oberfläche eines literarischen Textes eine metaphysische Wahrheit zu suchen, und zeigen den Ort des sinnbildlichen Denkens in der Philosophiegeschichte.
Vergleichende Tabelle: Porphyrios und der neuplatonische Kontext
| Dimension | Porphyrios | Plotin | Iamblichos | Pythagoras (Vorläufer) |
|---|---|---|---|---|
| Epoche | ~234–305 | ~204–270 | ~245–325 | ~570–495 v. Chr. |
| Grundrolle | Herausgeber, Logiker, Brücke | Begründer des Systems | Theurgischer Systematiker | Erste Inspirationsquelle |
| Aufstiegsmethode | Geistige Kontemplation (theōria) | Mystische Vereinigung (henōsis) | Ritual/Theurgie | Zahl + Reinigung |
| Sicht auf das Ritual | Zurückhaltend/kritisch | Gleichgültig | Zentral/notwendig | Rituelle Reinigung |
| Ernährung/Enthaltung | Starker Verfechter (De Abstinentia) | Aß kein Fleisch (persönlich) | Maßvoll | Gründungsprinzip (Fleischverzicht) |
| Bleibendes Werk | Isagoge + Enneaden-Sammlung | Enneaden (Inhalt) | De Mysteriis | Zahlenmystik |
| Universalienproblem | Eröffnend/auslösend | Mittelbar | — | — |
Verwandte Begriffe und Verknüpfungen
Porphyrios' Denken teilt im weiten Netz der antiken Mystik dasselbe seelische Klima mit den Mysterienreligionen wie den Eleusinischen Mysterien, dem Orphismus und dem Mithraismus; diese Traditionen behandeln allesamt das Motiv der Reinigung der Seele und ihres Aufstiegs zu einer höheren Wirklichkeit. In seiner metaphysischen Sprache binden sich die Begriffe Pneuma und Psykhē an einen mit dem Corpus Hermeticum und der Gnosis gemeinsamen spätantiken Wortschatz; doch wandte sich Porphyrios wie Plotin gegen den die Materie gänzlich verdammenden Dualismus der Gnostiker. Seine Reinigungsethik wurde über Maximus den Bekenner und Pseudo-Dionysius in die christliche Mystik, seine Logik wiederum in die bis zu Thomas Aquinas und Ibn Sînâ reichende Philosophietradition getragen. So steht Porphyrios als eine kritische Übergangsfigur da, die das Erbe Platons und Aristoteles' aus der spätantiken Welt in die drei großen Zivilisationen des Mittelalters — Byzanz, Islam und lateinischer Westen — übertrug. Er hat in der Philosophiegeschichte nicht als „ein großer Begründer", aber als „eine unentbehrliche Brücke" seinen Platz eingenommen; denn die Stimme der Begründer erreicht die späteren Zeitalter meist nur dank solch gewissenhafter Vermittler.
Moderne akademische Würdigung
Die zeitgenössische Philosophiegeschichtsschreibung neigte lange dazu, Porphyrios nur als einen Herausgeber „im Schatten" Plotins zu betrachten; doch würdigen die Forschungen der letzten Jahre seine eigenständigen Beiträge neu. Forscher wie Pierre Hadot, Andrew Smith, Jonathan Barnes und Gillian Clark haben die Rolle des Porphyrios in der Logik, Ethik und Religionsphilosophie eingehend untersucht und ihn als den Kreuzungspunkt des spätantiken Denkens verortet. Besonders die Arbeiten zur Isagoge haben gezeigt, wie fruchtbar es ist, die Geschichte des Universalienproblems bis auf Porphyrios zurückzuführen.
Die Wiederentdeckung des Porphyrios ist zugleich Teil des Verständnisses, dass die Spätantike keine „Verfallszeit", sondern ein Zeitalter intensiver intellektueller Synthese und Vermittlung war. Er steht zwischen der sich schließenden klassischen Welt und den im Entstehen begriffenen mittelalterlichen Zivilisationen; sein Bemühen, Platon und Aristoteles zu versöhnen, seine Verwandlung der Logik in ein praktisches Werkzeug und sein vergleichender Religionszugang machen ihn zu einer der am wenigsten gewürdigten, aber einflussreichsten Figuren der Philosophiegeschichte. Porphyrios' Geschichte erinnert daran, dass in der Geistesgeschichte die „Vermittler" nicht weniger wichtig sind als die „Begründer"; denn das Überleben einer Tradition ist nur dank jener Geister möglich, die sie gewissenhaft ordnen, bewahren und an die folgenden Generationen weitergeben.