Glossar & Vergleich

Der spirituelle Weg im Vergleich: Tarîk, Mârga, Magga, Tao, Halacha

Die Metapher des „Weges" in fünf Traditionen: der sufische Tarîk, der hinduistische Mârga, der buddhistische Magga, der chinesische Tao, die jüdische Halacha; gradualistische und Ansätze der plötzlichen Erleuchtung.

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Rahmen der Fragestellung

Unter den zentralen Fragen der vergleichenden Spiritualität ist die praktischste diese: Wie vollzieht sich die geistige Entwicklung? In welchen Schritten? Graduell oder plötzlich? Ist ein Führer erforderlich? Gibt es ein Regelsystem? Die Antworten, die sie auf diese Fragen geben, trennen die großen mystischen Traditionen der Welt voneinander und nähern sie zugleich einander an. Allen Traditionen ist ein Thema gemeinsam: Dieser Prozess ist ein WEG. Die Metapher des Gehens von einem Ort zu einem anderen — Schritte, Stationen, Ankunftspunkt — ist nahezu universal. In der islamischen Mystik Tarîk (طريق), in der hinduistischen Vedānta und in den dharmischen Traditionen Mârga (मार्ग), im Buddhismus Magga (मग्ग / मार्ग), in China Tao (道), in der jüdischen Tradition Halacha (הֲלָכָה — „das Gehen", von halichah) — all diese Begriffe sind etymologisch von der Handlung des „Gehens, des Weges-Zurücklegens" abgeleitet.

Doch unter der strukturellen Ähnlichkeit zeigen sich doktrinäre Unterschiede. Der sufische Tarîk ist ein gradueller Gang in Begleitung eines persönlichen Mürschid, entlang gestufter Maqâme (geistiger Stationen). Der hinduistische Mârga bietet mehrere Wegtypen (jñāna, bhakti, karma), die nach dem persönlichen Temperament gewählt werden können. Der buddhistische Magga ist eine achtgliedrige Selbstdisziplin; er birgt, so gradualistisch er auch ist — im Mahāyāna und besonders in der chinesischen Chan-/Zen-Tradition — auch die Option der plötzlichen Erleuchtung (頓悟 dùnwù). Der chinesische Tao betont mit dem Satz „Der Weg, der ‚Weg' genannt wird, ist nicht der ewige Weg" die doktrinäre Unbeschreibbarkeit des Weges selbst. Die jüdische Halacha hingegen konkretisiert sich als gemeinschaftszentriertes, rituelles Regelsystem; in ihrer mystischen (kabbalistischen) Dimension tritt das Individuum in eine persönliche Beziehung zu Gott.

Diese Notiz stellt die fünf Traditionen ausführlich dar und nimmt einen Vergleich entlang dreier Achsen — der strukturellen, praktischen und doktrinären — vor. Die zentralen Diskussionspunkte sind: (1) die Spannung zwischen dem graduellen (gradualistischen) und dem plötzlichen (sudden) Ansatz; (2) die Notwendigkeit eines Führers/Mürschid/Gurus; (3) das Gleichgewicht zwischen dem regelbasierten (rule-based) und dem einsichtszentrierten (insight-based) System; (4) die Wahl zwischen der individuellen und der gemeinschaftsbezogenen Reise; (5) die logischen Grenzen der Weg-Metapher — wenn das Ziel jenseits aller Wege liegt, ist die Weg-Metapher dann noch angemessen?

Frithjof Schuon fasst die fünf Wege im perennialistischen Rahmen als „verschiedene Pfade zu demselben Berg" zusammen. Die konstruktivistische Schule hingegen vertritt die Auffassung, dass diese „Pfade" vielleicht nicht zu demselben Berg gelangen, dass jeder Weg seinen eigenen Gipfel hat. Ein fruchtbarer Mittelweg erkennt die strukturellen Isomorphien der fünf Wege an (zum Beispiel die drei Stufen Läuterung-Erleuchtung-Vereinigung), gesteht aber auch ihre doktrinäre Nicht-Reduzierbarkeit zu.

Sufismus: Tarîk, die Maqâme und die Meister-Begleitung

In der islamischen Mystik ist der Begriff Tarîk (طريق — Weg) oder im Plural Turuq (طرق — Wege) der grundlegende Begriff des mystischen Entwicklungsprozesses. Das aus derselben Wurzel abgeleitete Wort Tarîqa (طريقة — Wegschule, sufische Bruderschaft) verweist auf die kollektiven mystischen Institutionen, die diesen Weg strukturiert haben. Die Naqschbandiyya, die Mevleviyye, die Bektaschiyya, die Qâdiriyya, die Rifâʿiyya, die Halvetiyya, die Schâdhiliyya, die Tschischtiyya — dies sind Tarîqas; jede hat ihre eigene Wegordnung, ihre dem Mürid eigenen Praktiken und ihre Silsila (Überlieferungskette).

In der klassischen sufischen Tarîk-Terminologie werden drei grundlegende Begriffe unterschieden:

Die Struktur des Tarîk beruht auf der Unterscheidung zwischen Maqâmen (مقامات — Stationen, festen Zuständen) und Ahwâl (أحوال — vorübergehenden Zuständen). Diese Unterscheidung ist im Werk Kitâb al-Lumaʿ Abû Nasr as-Sarrâdsch at-Tûsîs (gest. 988) systematisiert worden. Die Maqâme sind dauerhafte geistige Zustände, die der Mürid durch seine Anstrengung erlangt; die Ahwâl hingegen sind eine Gabe Allahs, sie kommen und gehen. Die klassische Abfolge der Maqâme (im Werk Qût al-Qulûb Abû Tâlib al-Makkîs, ~990): Reue → Geduld → Dankbarkeit → Hoffnung (Radschâʾ) → Furcht (Hauf) → Weltentsagung (Zuhd) → Gottvertrauen (Tawakkul) → Zufriedenheit (Ridâʾ). Jeder Maqâm wird erst überschritten, wenn im vorhergehenden Maqâm die Vollkommenheit erreicht ist; ein Überspringen ist nicht möglich.

In Ibn Arabîs Futûhât al-Makkiyya erhält der Tarîk eine ausgefeiltere Kategorisierung. Ibn Arabî reiht sieben Haupt-Maqâme auf: Reue, Gottesfurcht (Taqwâ), Geradheit (Istiqâma), Wahrhaftigkeit (Sidq), Lauterkeit (Ichlâs), Demut (Chudûʿ), Bedürftigkeit (Ihtiyâdsch). Außerdem wird der Tarîk auch als eine Reise gedacht, auf der die Namen al-Haqqs (die 99 Namen) einer nach dem anderen verinnerlicht werden: Jeder Name ist eine geistige Eigenschaft, und der Sufi wird auf seinem Weg, indem er jeden Namen verinnerlicht, zur Manifestation jenes Namens. William Chittick stellt diese Lehre vom Namen-Weg (sulûk fî'l-asmâʾ) in seinem Werk The Sufi Path of Knowledge (1989) ausführlich dar.

In der Mevlevî-Tradition konkretisiert sich der Tarîk unter dem Begriff Sulûk (سلوك — das Gehen, das Voranschreiten) als die 1001-tägige Prüfung (Hizmet-i Halvet). Der Mevlevî-Mürschid, der den Kandidaten aufnimmt, lässt den Mürid 1001 Tage lang in den sieben Stufen des Tekke-Dienstes arbeiten: als Türsteher, als Wäscher, als Speisenbereiter usw. Jede Stufe enthält eine geistige Lektion. Am Ende wird die Derwischschaft mit dem Titel Tschelebi bestätigt, und der Mürid hat die Befugnis erhalten, Schüler auszubilden (Maschîchat-Idschâza). Die Tarîk-Metaphern im Mesnevî Mevlânâs sind unzählig; besonders der berühmte Vers: „Ich durchschritt sieben Städte; aber ich konnte mich selbst nicht durchschreiten / Tausend Nächte begriff ich: In mir ist, was mich durchschreiten wird."

Die Eigenheit der Naqschbandî-Tarîqa ist die als Sulûk-i Darwîschân-i Naqschbandiyya bezeichnete herzzentrierte Praxis. Der Naqschbandî-Mürid schreitet unter der Anleitung eines Scheichs über die Letâif (die sieben Schichten des Herzens) voran — qalb, rûh, sirr, chafî, achfâ, nafs, qâlab. Wenn jede Latîfa sich öffnet, strahlt sie mit ihrer eigenen Farbe, und der Mürid geht zur nächsten über. Dies ähnelt der hinduistischen Cakra-Reise strukturell sehr. Robert Frager stellt diesen Prozess in seinem Werk Heart, Self and Soul (1999) in einer modernen psychologischen Lesart dar.

Ein zentrales Element des sufischen Tarîk ist die Meister-Begleitung, die mit den Begriffen Mürschid (مرشد — Wegweiser), Scheich (شيخ) oder Pir (پیر) bezeichnet wird. Ein klassischer sufischer Ausspruch: „Eine Tarîqa ohne Scheich ist die Tarîqa des Teufels." Dieser Ausspruch (er wird Bâyazîd Bistâmî zugeschrieben) betont die Gefahren, den geistigen Weg auf eigene Faust zu beschreiten. Sogar Ibn Arabî sagt, während er anmerkt, dass er keinen eigenen Mürschid gehabt habe, dass er im Verborgenen eine Lehrerschaft eines Chidr (الخضر — des verborgenen Führers) empfangen habe. Es wird eine Unterscheidung zwischen dem Scheich-i Murabbî (dem erziehenden Scheich) und dem Scheich-i Taʿlîm (dem unterrichtenden Scheich) getroffen: Der erste dient der persönlich-geistigen Wandlung, der zweite nur der Wissensvermittlung.

Die Frage, ob der Sufismus gradualistisch oder plötzlich ist, ist Gegenstand einer internen Debatte gewesen. Der klassische Sufismus (Dschunaid, al-Ghazâlî, as-Sarrâdsch) ist gradualistisch; das Maqâmât-System beruht auf der Gradualität. Doch berauschungstypische Sufis (die sukrî-Schule) wie Bâyazîd Bistâmî (gest. 874) heben plötzliche Dschadhba-Erfahrungen (Ergriffenheit, Entrückung) hervor: Subhânî mâ aʿẓama schânî! (Gepriesen sei ich, wie gewaltig ist meine Würde!) — dies verweist auf eine plötzliche Verzückung. Auch der Ausspruch Anâ'l-Haqq (Ich bin die Wahrheit!) von Hallâdsch al-Mansûr (gest. 922) ist von dieser plötzlichen Art. Mevlânâ sagt in Fîhi mâ fîhi (Was darin ist): „Manche Liebende beschreiten hundert Jahre den Sulûk und gelangen nicht ans Ziel; manche gelangen mit einem einzigen Blick ans Ziel. Dies ist eine Gnadengabe (Karâma) al-Haqqs, keine Regel."

Im geografischen Raum der Türkei bietet besonders die Volksmystik in der Linie Yûnus Emres (gest. ~1320) ein weniger formelles, intuitiveres, lyrischeres Verständnis des Tarîk. Yûnus' Vers „Wenn du auch nur einmal ein Herz gebrochen hast / so ist dieses dein verrichtetes Gebet keines" ist der Ausdruck eines herzzentrierten, nicht-formalistischen geistigen Weges. Die Bektaschi-Tradition hat diese Linie fortgesetzt und mit dem System der vier Tore und vierzig Maqâme (Scharîʿa, Tarîqa, Marifet, Hakîqa — jedes Tor mit 10 Maqâmen) die Tarîk-Pädagogik in die volksalevitische Sprache übersetzt.

Vedānta-hinduistische Tradition: Mârga, die drei Yogas und die gegenseitige Ergänzung

In der hinduistischen Philosophie ist der Begriff Mârga (मार्ग — Weg, von der Wurzel marg-, mṛ- — „verfolgen") der klassische Name der geistigen Reise. Seine Synonyme im Sanskrit sind Yoga (योग — von yog-, „vereinen" — der Weg der Vereinigung mit dem Absoluten) und Sādhanā (साधना — Praxis, Methode).

Die strukturelle Eigenheit der hinduistischen Tradition ist die Anerkennung mehrerer Wegtypen. Es gibt nicht nur einen einzigen Weg, sondern verschiedene Wege, die nach dem Temperament (svabhāva), der Kapazität (adhikāra) und den Zeitumständen (yuga-dharma) der Person gewählt werden können. Die Bhagavad-Gītā bietet drei Hauptwege:

  1. Jñāna-mārga (ज्ञान-मार्ग) — der Weg des Wissens: das Erkennen der Identität von Brahman-Ātman mittels philosophisch-meditativer Forschung. Seine eigentlichen Praktizierenden: die Philosophen-Mystiker; ihre typischen Vertreter Schankara, Ramana Maharshi.
  2. Bhakti-mārga (भक्ति-मार्ग) — der Weg der Hingabe: mittels vollkommener emotional-liebevoller Hingabe an einen persönlichen Gott (Iṣṭa-devatā — Krishna, Shiva, Devî usw.). Seine eigentlichen Praktizierenden: die Aspiranten, bei denen das Herz im Vordergrund steht; ihre typischen Vertreter Mîrâbâî, Caitanya Mahāprabhu, Tukārām.
  3. Karma-mārga (कर्म-मार्ग) — der Weg der Handlung: in der Welt zu handeln, aber ohne sich an die Frucht der Handlung zu binden, indem man sie Gott opfert (niṣkāma-karma — die fruchtlose Handlung). Seine eigentlichen Praktizierenden: die Aspiranten, die ein aktives Weltleben führen; sein moderner Vertreter Mahatma Gandhi.

Sri Aurobindo (1872–1950) fügt mit seinem System des Integralen Yoga einen vierten Typus hinzu: Pūrṇa-yoga — den vollständigen Yoga — eine synthetische Ganzheit der obigen drei und der anderen dharmischen Wege. Nach Aurobindo passt das Bewusstsein der modernen Menschheit nicht in einen einzigen engen Weg; es erfordert eine integrierende Synthese. The Synthesis of Yoga (1948, posthum) stellt diese Synthese dar.

Die Yoga Sūtras Patañjalis (~2. Jh. v. Chr. – 4. Jh. n. Chr.) sind mit dem System des Rāja-yoga oder Aṣṭāṅga-yoga (des achtgliedrigen Yoga) ein weiteres Beispiel des Mārga. Die acht Stufen: (1) yama (ethische Einschränkungen — ahimsā, satya, asteya, brahmacarya, aparigraha); (2) niyama (positive ethische Befolgungen); (3) āsana (Körperhaltung); (4) prāṇāyāma (Atemkontrolle); (5) pratyāhāra (das Zurückziehen der Sinne); (6) dhāraṇā (Konzentration); (7) dhyāna (Meditation); (8) samādhi (Versenkung). Diese acht Schritte sind gradualistisch: Jeder einzelne ist die Vorbedingung des nächsten.

Auch die Frage, ob der Mārga hinduistisch oder universal ist, ist wichtig. Der klassische Sanâtana-Dharma-Ansatz ist universal: Der Weg ist eine natürliche Eigenschaft der Menschengattung, er gehört keiner bestimmten Religion an. Deshalb gibt es in der hinduistischen Tradition klassisch keine „Bekehrung" (proselytism); jeder Mensch hat seinen eigenen Weg/sein eigenes Dharma (svadharma), und dieses kann verschiedene kulturell-religiöse Gestalten annehmen. In dieser Hinsicht bietet der hinduistische Ansatz im modernen interreligiösen Dialog eine überaus viel-wegige, viel-formige Perspektive.

Innerhalb der Vedānta-Schulen ist die Struktur des Mârga umstritten gewesen. Nach der Advaita Vedānta (Schankara) ist der höchste Mārga der jñāna; bhakti und karma sind nur Vorbereitungen für die Läuterung des Geistes. Nach der Viśiṣṭādvaita (Rāmānuja) hingegen ist der höchste Mārga der bhakti, denn Brahman ist eine Person, und die Beziehung zu ihm wird nur über die Liebe hergestellt; der jñāna ist nur ein wissensgebender Helfer. Nach der Dvaita Vedānta (Madhva) ist wiederum der bhakti zentral; weil Gott und Seele getrennt bleiben, genügt das Wissen nicht, es bedarf des Dienstes und der Liebe.

Die Bhakti-Bewegung (zwischen dem 7. und 17. Jh. n. Chr., die besonders in Südindien mit den Alvâr-Nâyanâr begann und sich nach Nordindien mit Caitanya, Mîrâ, Kabir ausbreitete) hat den hinduistischen geistigen Weg für die gewöhnlichen Menschen demokratisiert. Ohne Ansehen von Kaste, Geschlecht, kulturellem Status kann jeder eine individuelle Hingabe an Gott entwickeln. Dieser Weg, den man Tarîk-i Bhakti nennen könnte, ist dem sufischen Tarîk formal sehr nahe — besonders im gemeinsamen indisch-iranischen Kulturbecken sind die Synkretismen der Tschischtiyya-Sufi-Tarîqa und der Bhakti-Bewegung der Beweis dafür.

Buddhismus: Magga und der Achtfache Edle Pfad

In der buddhistischen Tradition ist der Schlüsselbegriff des Weges Magga (Pâli; Sanskrit: Mārga) — die vierte der von Buddha verkündeten vier edlen Wahrheiten: Dukkha-nirodha-gāminī-paṭipadā ariya-magga — „der edle Pfad, der zum Aufhören des Leidens führt." Dieser ist auch als Aṣṭāṅgika Mārga (Sanskrit: अष्टाङ्गिक मार्ग) — der Achtfache Edle Pfad — bekannt.

Die acht Glieder sind:

  1. Sammā-diṭṭhi (Rechte Anschauung) — das Verstehen der Vier Edlen Wahrheiten und der Lehre vom bedingten Entstehen (pratītya-samutpāda).
  2. Sammā-saṅkappa (Rechte Absicht) — von Begierde, Übelwollen und Grausamkeit gereinigte Absichten.
  3. Sammā-vācā (Rechte Rede) — das Vermeiden von Lüge, Verleumdung, grober und müßiger Rede.
  4. Sammā-kammanta (Rechtes Handeln) — das Vermeiden von Töten, Stehlen, sexuellem Fehlverhalten.
  5. Sammā-ājīva (Rechter Lebenserwerb) — das Vermeiden von Tätigkeiten, die anderen schaden (Waffenhandel, Fleischhandel usw.).
  6. Sammā-vāyāma (Rechtes Bemühen) — das Entwickeln gesunder Geisteszustände, das Vermindern der ungesunden.
  7. Sammā-sati (Rechte Achtsamkeit) — die beständige Achtsamkeit auf Körper, Gefühle, Geist, Dhamma.
  8. Sammā-samādhi (Rechte Sammlung) — die Jhāna-Zustände, die tiefe meditative Versenkung.

Diese acht Glieder werden in drei Hauptkategorien gruppiert: Sīla (Ethik — die Glieder 3, 4, 5), Samādhi (Meditation — die Glieder 6, 7, 8), Paññā (Weisheit — die Glieder 1, 2). Diese drei sind die grundlegende Disziplinstruktur der buddhistischen Praxis.

Bhikkhu Bodhi stellt diesen Pfad in seinem Werk The Noble Eightfold Path (1984) im Theravāda-Ansatz dar. Ein wichtiger Punkt: Die Glieder sind nicht linear, sondern gleichzeitig. Sie werden alle parallel entwickelt; die Vollkommenheit des einen hängt von der Entwicklung des anderen ab. Dies ist ein Unterschied zum sufischen Maqâmât-System (die sufischen Maqâme sind linear: Ohne dass der vorhergehende vollendet ist, wird nicht zum nächsten übergegangen).

Im Theravāda-Buddhismus ist der Magga ein klassischer gradualistischer Weg. Das Werk Visuddhimagga (Der Weg der Reinheit, 5. Jh. n. Chr.) Buddhaghosas stellt diese gradualistische Struktur am systematischsten dar: die sieben Stufen der Reinheit (sapta-viśuddhi) — sīla-, citta-, diṭṭhi-, kaṅkhāvitaraṇa-, maggāmagga-ñāṇadassana-, paṭipadā-ñāṇadassana-, ñāṇadassana-visuddhi. Auf jeder Stufe werden bestimmte Einsichten gewonnen, und diese Einsichten sind kumulativ.

In der Mahāyāna-Tradition ist der Magga als bodhisattva-mārga (der Bodhisattva-Weg) neu definiert worden. Das Ziel ist nicht nur die Erlösung der eigenen Person (das Nirvana vom Theravāda-Typus), sondern die Erlösung aller Wesen. Dies bringt eine geistige Reise von zehn Bhūmis (zehn Stufen) hervor: pramuditā (die Stufe der Freude), vimalā (der Reinheit), prabhākarī (des Strahlenden), arciṣmatī (des hellen Lichts), sudurjayā (der Unbesiegbarkeit), abhimukhī (des Voran-Stehenden), dūraṅgamā (des Weit-Gehenden), acalā (des Unerschütterlichen), sādhumatī (des Gut-Gesinnten), dharma-meghā (der Dharma-Wolke). Diese zehn Stufen ähneln dem System der sieben Maqâmât im sufischen Sulûk oder dem System der sieben Bhūmikā in der Vedānta strukturell sehr.

Die chinesische Chan-/japanische Zen-Tradition hat die Struktur des buddhistischen Mârga am radikalsten zur Debatte gestellt. Die Lehre der Sudden Enlightenment (頓悟 dùnwù, japanisch tongo, ein Typus des satori) bringt im Gegensatz zum gradualistischen Weg die Möglichkeit einer plötzlichen Erleuchtung vor. Nach der klassischen Erzählung gab es im China des 8. Jahrhunderts zwei Anwärter auf das Erbe des Fünften Patriarchen Hongren: Schenxiu (die Nordschule, gradualistisch) und Huineng (die Südschule, sudden). Hongren wählt Huineng; die Südschule (die Schule, die die Hauptlinien Linji, Caodong u. a. tragen wird) setzt sich durch. Das Platform Sūtra of the Sixth Patriarch (8. Jh., als die Lehren Huinengs aufgeschrieben) hält die sudden-These lebendig.

Peter N. Gregory (Hg.) stellt diese Debatte in seinem Werk Sudden and Gradual: Approaches to Enlightenment in Chinese Thought (1987) ausführlich dar. Die moderne wissenschaftliche Auffassung: Die Sudden-Gradual-Unterscheidung ist in den chinesischen Texten nicht ganz zwei entgegengesetzte Pole; in der Praxis können viele Meister nach einer gradualistischen Disziplin ein plötzliches Erwachen erfahren. Sogar Huineng selbst hat vermutlich nach einer plötzlichen Erleuchtung noch jahrelang praktiziert; das plötzliche Erwachen geschieht plötzlich, doch seine „Aufrechterhaltung" ist ein gradueller Prozess.

Dōgen (1200–1253), der Begründer der japanischen Sōtō-Zen-Tradition, löst die Sudden-Gradual-Dualität auf eine andere Weise: die Einheit von practice-realization (修證 shū-shō). Praxis und Erleuchtung sind keine zwei getrennten Dinge; das Praktizieren selbst ist die Manifestation der Erleuchtung. Das heißt, im Magga werden das „Gehen" und das „Ankommen" identisch. In den Werken Genjōkōan (1233) und Shōbōgenzō (1231–1253) bearbeitet Dōgen diese Auffassung. Hier löst sich die klassische Logik der „Weg"-Metapher (Anfang → Prozess → Ankunft) auf; der Weg ist das Gehen selbst, nicht um an einen anderen Ort zu gelangen.

Im Vajrayāna-Buddhismus Tibets erhält der Magga eine komplexere Struktur. Das Lamrim (der stufenweise Weg) ist gradualistisch; das Werk Bodhipathapradīpa (Die Lampe des Erleuchtungsweges) des tibetisch-buddhistischen Klassikers Atīśa (980–1054) und das Lamrim Chenmo (Die großen Stufen des Erleuchtungsweges) Tsongkhapas (1357–1419) systematisieren diesen gradualistischen Weg. Demgegenüber verwirft die Dzogchen-Tradition — besonders in der Linie Longchenpas (1308–1364) und Jigme Lingpas (1730–1798) — die gesamte gradualistische Struktur. Im Dzogchen gibt es keinen Weg, denn die Wirklichkeit ist ohnehin immer schon da; es genügt allein, dies zu erkennen. Die Praktiken Trekchö (Durchschneiden) und Thögal (Überspringen) widerstreben jedem Schema eines stufenweisen Voranschreitens.

Taoismus: Der namenlose Weg des Tao

In China ist der Begriff Tao (道) zugleich die ontologische Grundlage (im Sinne von „Weg", das grundlegende Fluss-Prinzip des Universums) und eine praktische Kategorie — im Sinne von „geistigem Weg". Die erste Zeile des Tao Te Ching (Lao-Tzu, ~6.–4. Jh. v. Chr.): 道可道,非常道。名可名,非常名 — „Der Tao, der sich aussprechen lässt, ist nicht der ewige Tao. Der Name, der sich benennen lässt, ist nicht der ewige Name." Dies bringt vor, dass die Metapher des geistigen Weges selbst paradox ist: Der wahre Tao lässt sich nicht beschreiben; und dennoch muss man ihm folgen.

Der grundlegende Begriff des taoistischen geistigen Weges ist Wu-wei (無為 — „Nicht-Handeln", „Nicht-Erzwingen", „Im-Fluss-Sein"). Wu-wei ist kein Nichts-Tun; es ist die Fähigkeit, ohne Zwang, im natürlichen Fluss zu handeln. Wie das Wasser dem leichtesten Weg zu folgen, aber zugleich, indem es den Berg aushöhlt, das Ziel zu erreichen. Tao Te Ching, Kapitel 48: „Wer dem Wissen nachjagt, fügt jeden Tag etwas hinzu; wer dem Tao nachgeht, lässt jeden Tag etwas fallen. Er lässt fallen und lässt fallen, bis er zum Nicht-Handeln gelangt. Im Nicht-Handeln bleibt nichts ungetan."

Die taoistischen Weg-Praktiken teilen sich in zwei Hauptzweige:

Der philosophische Taoismus (道家 Dào-jiā): der in der Linie von Lao-Tzu, Chuang-Tzu, Lieh-Tzu entwickelte philosophisch-meditative, kontemplative Taoismus. Dieser Zweig bietet kein Schema eines „Weges" im eigentlichen Sinne; er lehrt eher eine Sichtweise, einen Seins-Stil.

Der religiöse/praktische Taoismus (道教 Dào-jiào): der ab dem 2. Jh. n. Chr. mit Zhang Daoling beginnende, rituell zentrierte, mit einem Pantheon und einer Kosmologie sowie mit Alchemie versehene religiöse Taoismus. Dieser Zweig hat verschiedene Weg-Praktiken entwickelt: die äußere Alchemie (外丹 wàidān, die Suche nach dem Trank der Unsterblichkeit mit physischen Stoffen, im Wesentlichen in der Frühzeit), die innere Alchemie (內丹 nèidān, die Entwicklung der Unsterblichkeit mit den körperinneren Energien), das Qigong (氣功, die Energiearbeit), das Taijiquan (太極拳, das Schattenboxen).

Chuang-Tzu (4. Jh. v. Chr.) — der zweite der taoistischen Klassiker — stellt den Weg in einem humorvolleren, paradoxeren, geschichtenbasierten Ton dar. In der berühmten Geschichte „Wie Pao Ting das Rind zerlegt" zerlegt ein Metzger seit neunzehn Jahren mit demselben Messer die Rinder und hat das Messer nie geschärft, weil er durch die natürlichen Gelenkstellen des Rindes hindurchgeht — dies ist ein Beispiel des Wu-wei. Der Metzger sagt: „Ich folge dem Tao, ich bin über das Können-Wissen hinausgegangen." Dies ist die Metapher dafür, dass die Meisterschaft mit dem natürlichen Fluss eins wird.

In der Tradition der inneren Alchemie (neidan) erhält der geistige Weg eine schematischere Gestalt. In der klassischen neidan-Reise vollzieht sich die Erzeugung des goldenen Elixiers (jindan 金丹) durch einen dreistufigen inneren Prozess:

  1. Jing in Qi verwandeln (煉精化氣 liànjīng huàqì) — die sexuelle Essenz / die Lebenssubstanz in vitale Energie verwandeln.
  2. Qi in Shen verwandeln (煉氣化神 liànqì huàshén) — die vitale Energie in Geist/Bewusstsein verwandeln.
  3. Shen zur Leere (Xu) zurückführen (煉神還虛 liànshén huánxū) — den Geist/das Bewusstsein zur letzten Leere, zum Tao, zurückgeben.

Diese drei Stufen ähneln strukturell der sufischen Abfolge Tazkiya-i Nafs (die Läuterung der niederen Seele) — Tahliya-i Qalb (das Schmücken des Herzens) — Eröffnung zur Tecellî; sie ist auch der vedischen Wandlung jīva- / manas- / ātman- nahe.

Alan Watts hat in seinem Werk Tao: The Watercourse Way (1975, posthum) den wirksamsten modernen Versuch dazu vorgelegt, wie der Weg des Tao einem westlichen zeitgenössischen Leser dargeboten werden kann. Nach Watts ist der Weg des Tao „ein wegloser Weg"; es heißt, ohne Anstrengung, im natürlichen Fluss voranzuschreiten.

Das parallele Voranschreiten von Konfuzianismus und Taoismus in China (während beide als die zwei wichtigsten „Jia" — Denkschulen — Chinas gelten) bereichert die Weg-Metapher. Auch der Konfuzianismus schlägt im Grunde einen geistig-ethischen Weg vor: den Weg, ein Junzi (君子, „edler Mensch") zu werden, mit den Tugenden li (禮, rituelle Angemessenheit), ren (仁, Menschlichkeit), yi (義, Rechtschaffenheit). Dies ist ein der jüdischen Halacha nahes regelbasiertes System. Der klassische chinesische Intellektuelle war im öffentlichen Leben Konfuzianer, zu Hause Taoist; diese Doppelstruktur ist der eigentümliche Charakter der chinesischen Spiritualität.

Jüdische Tradition: Halacha und der individuell-gemeinschaftliche Weg

In der jüdischen Tradition ist der grundlegende Begriff des geistigen Weges Halacha (הֲלָכָה — „das Gehen", im Hebräischen von der Wurzel halikhah — „gehen"). Halacha wird auch als jüdisches Gesetz übersetzt; doch etymologisch bedeutet es „Weg". Das talmudische Judentum unterscheidet die Halacha (das Gesetz) und die Aggada (die Erzählung, die Predigt) als zwei grundlegende Kategorien. Die Halacha ordnet das tägliche Leben — Speise (Kaschrut), Schabbat, Feste, Familienbeziehungen, Gebetszeiten usw.

Ist die Halacha ein geistiger Weg? Auf den ersten Blick erscheint sie nur wie ein Gesetzessystem; doch in der jüdischen mystischen Tradition — von der talmudischen Weisheitstradition über die mittelalterliche Kabbala bis zur modernen chassidischen Mystik — wird die ethisch-regelhafte Dimension der Halacha als der grundlegende Boden der geistigen Entwicklung gelesen. Die Mitzwot (die Gebote, 613 an der Zahl) sind nicht nur praktische Regeln, sondern rituelle Handlungen, die die Beziehung zu Gott konkretisieren.

Maimonides (Rambam, 1138–1204) stellt in seinem Werk Mishneh Tora (1180) die Halacha als einen systematischen Gesetzeskodex dar, doch der letzte Abschnitt des Werkes, Hilkhot Yesodei ha-Tora (Die Gesetze der Grundlagen der Tora) — die Einheit Gottes, die Prophetie, die Prophezeiung — erreicht einen philosophisch-mystischen Höhepunkt. Für Maimonides ist die Halacha kein Zweck an sich; sie ist eine Weg-Disziplin für die Gotteserkenntnis (daʿat Hashem).

In der kabbalistischen Tradition gewinnt die Halacha eine neue Tiefe. In der Safed-Kabbala Isaac Lurias (1534–1572) des 16. Jahrhunderts ist jede Mitzwa (jedes Gebot) eine kosmische Wiederherstellungshandlung. Nach dem Tzimtzum (dem Zurückziehen des Ein Sof) sind die Gefäße des göttlichen Lichts zerbrochen; die göttlichen Funken sind in die Materie gefallen. Die Aufgabe des Menschen — besonders dadurch, dass der Jude die Halacha erfüllt — ist es, diese Funken zu sammeln und zum Ein Sof zurück emporzuheben. Diese Doktrin des Tikkun Olam (der Wiederherstellung der Welt) verwandelt die Halacha in einen geistig-mystischen Weg.

Das chassidische Judentum (18. Jahrhundert, Baal Shem Tov / Israel ben Elieser, 1698–1760) trägt diese mystische Deutung auf die Volksebene. In der chassidischen Lehre ist jede alltägliche Handlung (einen Bissen zu essen, ein Lächeln, einem Gast die Tür zu öffnen), wenn sie mit vollkommener Absicht vollzogen wird, eine Gelegenheit zur Begegnung mit Gott. Das Devekut (das Anhaften, die Bindung an Gott) soll nicht nur in meditativen Augenblicken, sondern als eine beständige Herzenshaltung gelebt werden. Dies ist dem sufischen Begriff Zikr-i Dâʾim (des beständigen Gottesgedenkens) strukturell sehr nahe.

Gershom Scholem (1897–1982) stellt in seinem Werk Major Trends in Jewish Mysticism (1941) ausführlich dar, wie die jüdische mystische Tradition unter der exoterischen Hülle der Halacha die Struktur eines geistigen Weges entwickelt hat. Die frühe Merkavah (die mystischen Vorstellungen vom Gottes-Streitwagen), die Hekhalot (die Reisen durch die himmlischen Paläste), die mittelalterliche Kabbala (Zohar, Luria), der Chassidismus — alle diese mystischen Strömungen sind nicht vom Halacha-zentrierten Judentum abgefallen, sondern haben sich als dessen tiefe Dimension entwickelt.

Die eigentümliche Seite der Halacha ist ihre Gemeinschaftsbezogenheit. Die geistige Reise ist nicht nur individuell, sondern kollektiv. Ohne ein Minjan (eine Gebetsgemeinschaft, die mindestens 10 Personen erfordert) können manche Gebete nicht gesprochen werden. Das Talmud Tora (das Tora-Lernen) wird idealerweise mit der Chawruta (dem Lernen zu zweit), mit einem Lernpartner, vollzogen. Dies ist ein Unterschied des jüdischen Weges zum sufischen individuellen Sulûk-Verständnis — doch auch die sufische Tarîqa hat ihre kollektiven Zikr-Versammlungen und ihre Scheich-Mürid-Gemeinschaft, das heißt, der Unterschied ist nicht absolut.

Abraham Joshua Heschel (1907–1972) — einer der zentralen Namen der modernen jüdischen Philosophie — löst in seinem Werk God in Search of Man (1955) die Halacha-Aggada-Spannung folgendermaßen: Ohne die Halacha (die Handlungs-Disziplin) verwandelt sich die Aggada (die Erzählung, der Herzensinhalt) in eine luftige Mystik; ohne die Aggada sinkt die Halacha zu einer trockenen Formalität herab. Die ausgewogene Einheit beider ist der wahre jüdische Weg.

Strukturvergleich (Tabelle)

Dimension Tarîk (Sufismus) Mârga (Vedānta) Magga (Buddhismus) Tao (Taoismus) Halacha (Judentum)
Etymologie Weg, Durchgang (arabisch طريق) Weg, Spur (Sanskrit) Weg (Pâli) Weg, Fluss (chinesisch 道) Das Gehen (hebräisch)
Grundtext Koran + Mesnevî + Fusûs Bhagavad-Gītā + Yoga Sūtras Dhammapada + Visuddhimagga Tao Te Ching + Chuang-Tzu Tora + Talmud + Schulchan Aruch
Zahl/Struktur 7 Maqâme; 99 Namen; 4 Tore 3 Wege (jñāna/bhakti/karma); 8 Anga 8 Glieder Wu-wei; 3 Schätze (jing/qi/shen) 613 Mitzwot; 10 Sefirot
Gradualistisch oder plötzlich? Klassisch gradualistisch; mast/sukrî plötzlich Klassisch gradualistisch; aber sudden als Ausnahme Theravāda gradualistisch; Zen plötzlich Tao Te Ching beides; plötzlich überwiegend Gradualistisch (lebenslange Praxis)
Meister-Begleitung Mürschid-Scheich unerlässlich Guru-Satguru unerlässlich Meister nötig (besonders Zen, Vajrayāna) Meister vorzugsweise; geht auch allein Rebbe (Chassidismus); Hakham/Raw (allgemein)
Individuell-kollektiv Individueller Sulûk + Tekke-Tarîqa Individuell, aber âschrama-bezogen Sangha sehr zentral Im Wesentlichen individuell Sehr kollektiv (Minjan, Chawruta)
Praxistyp Zikr, Murâqaba, Semâ Meditation, Japa, Hingabe Vipassana, Samādhi Meditation, Qigong, Neidan Tefilla (Gebet), Tora-Lernen, Mitzwot
Ethische Regeln Scharîʿa als Vorbedingung Yama-Niyama Sīla (5 Gebote / 10 Gebote) Wu-wei + Tugenden 613 Mitzwot
Ziel Fanâ-Baqâ (ausgelöscht werden und sein) Mokṣa (Befreiung) Nirvāṇa (das Verlöschen des Leidens) Einheit mit dem Tao Devekut (Anhaften); Tikkun (Wiederherstellung)
Über die Person hinaus oder persönlich? Transzendentes al-Haqq, aber die Namen al-Haqqs offen für persönliche Anrede Saguṇa persönlich / Nirguṇa über die Person hinaus Buddha über die Person hinaus; der Bodhisattva-Weg persönlich Tao über die Person hinaus Gott persönlich (im Judentum)
Was liegt jenseits des Weges? Hakîqa / Marifet Vidyā / Jñāna Paññā / Bodhi Te (徳, Tugend); Wu-wei bleibt Tikkun und Olam ha-Ba
Moderne Vertreter Schuon, Nasr, Vaughan-Lee Vivekananda, Aurobindo, Ramana Dalai Lama, Thich Nhat Hanh, Bodhi Watts, Cleary Heschel, Soloveitchik, Schneerson

Philosophische Analyse: Drei Achsen

1. Die Gradualistisch-Sudden-Achse

Auf dieser Achse unterscheiden sich die natürlichen Positionen der Traditionen. Der klassische Sufismus (Naqschbandî, Mevlevî, Schâdhiliyya) ist gradualistisch; jeder Maqâm wird nicht überschritten, solange der vorhergehende nicht vollendet ist. Auch der klassische Theravāda-Buddhismus ist gradualistisch (die sieben Visuddhi). Die jüdische Halacha ist eine lebenslange beständige Praxis, ein „Ankommen" durch einen Sprung steht nicht im Vordergrund. Auch der klassische Konfuzianismus ist eine lebenslange Tugendentwicklung.

Demgegenüber radikalisiert das Zen (besonders der Linji-Rinzai-Zweig) die sudden-Lehre; das kenshō (die Schau der eigenen Natur) kann augenblicklich sein. Das Dzogchen und das Mahāmudrā nehmen das plötzliche (Rigpa-)Erkennen zum Leitfaden. Auch manche sufischen Traditionen (Bistâmî, Hallâdsch) heben die plötzlichen Dschadhba- und Fanâ-Erfahrungen hervor. In der Advaita Vedānta kann das unmittelbare Selbst-Wissen (ātma-vichāra) vom Typus Ramana Maharshis plötzlich sein.

Logisch betrachtet trägt jede der beiden Thesen eine Schwierigkeit:

Schwierigkeit der rein-gradualistischen These: Wenn die Wahrheit ohnehin immer schon da ist, warum bedarf es einer jahrtausendelangen Disziplin? Wenn das Absolute der natürliche Zustand des Menschen ist, warum sollte eine beständige Praxis für die Begegnung mit ihm notwendig sein?

Schwierigkeit der rein-sudden-These: Wenn in einem einzigen Augenblick alles begriffen wird, worin besteht der Unterschied zwischen Anfang und Ende? Warum geschieht das plötzliche Erwachen den einen und nicht den anderen — als gäbe es keine notwendige Vorbereitung?

Die Synthese Dōgens (shū-shō ittō — die Identität von Praxis und Erleuchtung) ist eine fruchtbare Lösung dieses Dilemmas: Die Praxis ist kein von der Erleuchtung getrenntes Ding; die Praxis ist die Manifestation der Erleuchtung. Dies geht über das Dualitäts-Wissen von sudden und gradualistisch hinaus.

Die Daten von Google Scholar (zwischen 1900 und 2020) zeigen, dass über die Sudden-Gradual-Debatte tausende akademischer Artikel geschrieben worden sind. Der Artikel Robert Sharfs „Buddhist Modernism and the Rhetoric of Meditative Experience" (1995) kritisiert, wie diese Debatte in der Moderne in einen kulturell-imperialistischen Kontext gestellt worden ist (die Romantisierung der „sudden enlightenment" durch den Westen).

2. Die Mürschid-Individualität-Achse

Die äußerste Spannung lautet: Ist ein Mürschid erforderlich oder nicht?

Der Pol Mürschid-erforderlich: der Sufismus (besonders die Naqschbandî-Tradition), die hinduistische Vedānta (besonders die Parampara-Silsila), das tibetische Vajrayāna (die Lama-Beziehung ist zentral), das chassidische Judentum (die Rebbe-Tzaddik-Lehre). Alle betonen Folgendes: Den geistigen Weg auf eigene Faust zu beschreiten, ist offen für narzisstische Täuschung, für Ego-Ausweitung, für Fehldeutungen. Der Spiegel eines erfahrenen Meisters ist unerlässlich, um die Fehler zu diagnostizieren, die in den Versuchungen des Weges begangen werden.

Der Pol Mürschid-freigestellt: die Quäker, die liberale Vedānta (Ramana Maharshi selbst wies seine Schüler an, sich mit dem Sat-Sang — der wahren Gemeinschaft — zu begnügen), der chinesische Taoismus (man kann den Tao auch auf eigene Faust finden), manche neu-buddhistischen Strömungen.

In der modernen westlichen Spiritualität ist diese Achse ein kritischer Diskussionspunkt. Die Skandale der cult-leadership (Trungpa Rinpoche, Maharishi Mahesh Yogi, Andrew Cohen u. a.) verweisen auf die strukturellen Schwächen der Traditionen der Meister-Begleitung. Demgegenüber hat sich auch die Täuschungsgefahr des völlig individuellen Weges (besonders im Internetzeitalter mit selbsternannten „awakening"-Behauptungen) erhöht.

Jack Kornfield erörtert in seinem Werk After the Ecstasy, the Laundry (2000), warum die Meister-Zentriertheit der in der Neuzeit vom Osten in den Westen übertragenen geistigen Wege problematisch ist und wie sie in ein demokratischeres, psychologisch bewussteres Format überführt werden kann.

3. Die Achse der Grenzen der Weg-Metapher

Letztlich stehen alle fünf Traditionen den Grenzen der Weg-Metapher gegenüber. Wenn das Ziel ohnehin schon da ist (dass Brahman immer existiert, dass al-Haqq sich immer offenbart, dass der Tao immer fließt, dass die Buddha-Natur in jedem Wesen ist), worin besteht dann der Sinn, einen „Weg" zu gehen?

Dieser Frage sind sich die klassischen Traditionen selbst bewusst gewesen. Mevlânâ sagt: „Wer einen Weg hat, ist nicht auf dem Weg; wer angekommen ist, ist nicht gegangen; wer geht, ist nicht gegangen." Schankara sagt: „Brahman ist kein zu erreichendes Ziel, sondern eine Wirklichkeit, die das Sein fortsetzt." Dōgen sagt: „Wenn du das Suchen aufgibst, findest du." Lao-Tzu sagt: „Der Tao, der sich aussprechen lässt, ist nicht der ewige Tao." All diese Aussagen gestehen zu, dass die Weg-Metapher ein pädagogisches Werkzeug ist, aber keinen absoluten Wert trägt.

Wie arbeitet man mit dieser paradoxen Struktur? Die perennialistische Lösung Schuons: Der „Weg" ist auf der esoterischen Ebene das „Erkennen" (Gnosis), auf der exoterischen Ebene hingegen das „Gehen" (die Praxis). Beide sind erforderlich. Ohne das Erkennen bringt das Gehen Trockenheit; ohne das Gehen bleibt das Erkennen luftig.

An diesem Punkt weisen moderne Kritiker auf Folgendes hin: Die Weg-Metapher verbirgt auch eine Ost-West-Unvereinbarkeit. Das westlich-moderne Bewusstsein ist linear, zielgerichtet, fortschrittlich-historisch; der „Weg" kommt diesem Bewusstsein natürlich vor. Das östlich-klassische Bewusstsein hingegen ist zyklischer, werdenszentrierter, an den Augenblick geklammert; der „Weg" kann, wenn er in den Westen übersetzt wird, vielleicht zu einem Irrtum führen. Statt den Weg als lineares Voranschreiten zu lesen, ihn als eine sich um sich selbst drehende Spirale zu lesen — die Metapher des Mevlevî-Semâʿ — stellt vielleicht diese paradoxe Struktur treuer dar.

Praktische Schlussfolgerungen

Die praktischen Schlussfolgerungen der vergleichenden Analyse:

Erstens: Nachdem ein Tarîk gewählt ist, ist eine tiefe Bindung an seine eigene innere Logik erforderlich. Das „Weg-Springen" (Eklektizismus, mix-and-match) ist eine Gefahr, vor der alle Traditionen warnen. Der Sufi Pir-i Sâbi (gest. ~1230) sagt: „Einen Brunnen dreißig Ellen tief zu graben, ist besser, als dreißig Brunnen je eine Elle tief zu graben; denn im zweiten Fall gelangt man nicht an das Wasser."

Zweitens: In der modernen Welt ermöglicht das Nebeneinandertreten mehrerer Traditionen eine vergleichende Bereicherung. Dass ein sufischer Wanderer die Zen-Praxis liest, hilft ihm, seine eigene Murâqaba-Praxis mit frischem Blick zu sehen. Dass ein Vedāntin die Detailstruktur der Halacha versteht, kann ihm helfen, die Bedeutung der rituellen Disziplin in seiner eigenen Praxis zu bemerken. Dies bedeutet, ohne den eigenen Weg zu verlassen, im Lichte der anderen Wege zu gehen.

Drittens: Die Mürschid-Individualität-Achse muss mit Feinfühligkeit behandelt werden. In der Neuzeit können die völlig meisterzentrierten traditionellen Formen (besonders wenn sie vom Osten in den Westen übertragen werden) gefährlich sein (Sekte, Missbrauch). Demgegenüber kann auch die völlig individuelle „geistige" Reise täuschend sein. Das wohlerwogene Gleichgewicht — den Kontakt mit einer traditionellen Form zu bewahren, aber die Praxis mit kritischem Verstand zu beurteilen — ist das feinste Bedürfnis des modernen geistigen Weges.

Viertens: Die Sudden-Gradual-Spannung lässt sich in der Praxis folgendermaßen lösen: Die gradualistische Disziplin (die tägliche Praxis) sichert die Beständigkeit; die plötzlichen Eröffnungen hingegen geschehen ohnehin in unerwarteten Augenblicken, sie lassen sich nicht planen. Mit den Worten Mevlânâs: „Geh du, und al-Haqq wird dir entgegengehen." Das Gehen ist deine Sache; das Gedeihen ist Seine Sache.

Kritik und Grenzen

Konstruktivistische Kritik: Die fünf Wege teilen die „Weg"-Metapher, doch dieses Teilen erzwingt keine parallelisierbare Struktur. Tarîk, Mârga, Magga, Tao, Halacha — diese sind begrifflich verschieden und funktionieren in verschiedenen inneren Logiken. Der Tarîk ist ein einbahniger, gradualistischer Gang in Begleitung eines Mürschid; der Magga ist eine achtgliedrige gleichzeitige Disziplin; die Halacha ist eine Lebens-Praxis, deren Ankunftspunkt weniger zentral ist. Diese mit der Metapher „verschiedene Pfade zu demselben Berg" zu vereinen, mag eine strukturelle Vereinfachung sein.

Historisch-kulturelle Kritik: Der Vergleich dieser Wege durch den Westen mag ein Werkzeug sein, um die Grenzen der westlichen Religion (die doktrinäre Struktur des Christentums, die Unterdrückung des persönlich-mystischen Weges in der Moderne) zu überschreiten. In diesem Fall trägt die Suche des Westens nach einem „geistigen Weg" das Risiko, einen kulturellen Export in die östlichen Traditionen zu legitimieren. Die Kritik Edward Saids in Orientalism (1978) sollte in diesem Rahmen im Kontext dessen bedacht werden, wie der sufische Tarîk in den Westen übertragen wird (William James' „varieties of religious experience", René Guénons perennialistische Deutung).

Kritik der modernen Psychologie: Die von diesen Wegen vorgeschlagene innere Wandlung ist ein psychologischer Entwicklungsprozess; aus Sicht der transpersonalen Psychologie ist es möglich, diese Prozesse mit modernen Theorien wie Maslows „self-actualization", Wilbers „spectrum of consciousness", Kegans „subject-object development" neu zu rahmen. Dies ist der Weg, eine von den traditionellen doktrinären Rahmen unabhängige geistige Psychologie zu entwickeln — doch auch dies hat seine eigenen Probleme (der Verlust der traditionellen Bedeutung, der Verlust der Tiefe).

Ethisch-politische Kritik: Die patriarchalen Strukturen der geistigen Wege — besonders der meisterzentrierten —, ihre Neigung zum Autoritätsmissbrauch müssen in der Neuzeit verändert werden. Mit Blick auf die Dākinī-Gestalten in der tantrischen Tradition, auf weibliche Mystikerinnen wie die sufische Râbiʿa al-ʿAdawiyya, auf die Quäkerin Margaret Fell sind neu gegenderte (re-gendered) Lesarten der Wege erforderlich.

Pragmatische Kritik: Alle diese Wege sind lange Wege (Jahre, Jahrzehnte). Sind sie im modernen schnelllebigen Lebenstempo wirklich anwendbar? Manche zeitgenössischen Kritiker (Wilber, Cohen) vertreten die Auffassung, dass Techniken des „schnellen Erwachens" (rapid awakening) entwickelt werden müssten; doch dies kann zu einem strukturellen Verlust der Tiefe führen. Diese pragmatische Spannung ist die grundlegende Schwierigkeit der modernen geistigen Bewegungen.

Der Schluss-Ausspruch Frithjof Schuons: „Einer der Wege muss gewählt werden; denn solange nicht wenigstens einer im wahren Sinne gegangen wird, führt keiner zur Wahrheit. Vergleichen ist gut; gehen ist notwendig."