Mystische Traditionen

Die Bön-Tradition: Tibets vorbuddhistische einheimische Spiritualität

Bön, die vorbuddhistische einheimische Tradition Tibets: der Yungdrung-(Svastika-)Bön, Tonpa Shenrab, Zhangzhung und Olmo Lungring, die Neun Wege und der Bön-Zweig des Dzogchen. Die wechselseitige Beeinflussung mit dem tibetischen Buddhismus in einem neutralen Rahmen; eine weder herabsetzende noch verklärende Untersuchung auf der Grundlage von Kvaerne und Snellgrove.

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Einleitung: Tibets uralte spirituelle Schicht

In den weiten Hochebenen des tibetischen Plateaus hatte, lange bevor sich der Buddhismus in der Region ausbreitete, eine eigentümliche spirituelle Tradition Wurzeln geschlagen. Gegenstand dieser Notiz ist die als vorbuddhistische einheimische Spiritualität Tibets bezeichnete und auch heute als lebendige Religion fortbestehende Bön-Tradition. Bön hat sowohl mit seinen historisch bis in die ältesten religiösen Schichten Tibets reichenden Wurzeln als auch mit der komplexen wechselseitigen Beeinflussung, die es in den folgenden Jahrhunderten mit dem tibetischen Buddhismus aufbaute, eine Schlüsselbedeutung für das Verständnis der spirituellen Welt des Himalaya und Innerasiens. In dieser Notiz werden wir Bön aus einer weder herabsetzenden noch verklärenden, neutralen und akademischen Perspektive behandeln; denn die Tradition ist ein vielschichtiges Phänomen, das von außen bisweilen missverstanden, von innen aber mit tiefem spirituellem Respekt gelebt wurde.

Bön ist auch heute noch eine lebendige Tradition mit etwa vierhunderttausend Gläubigen auf dem tibetischen Plateau, mit Klosterinstitutionen, heiligen Texten, Ritualen und philosophischen Lehren. In dieser Notiz werden wir die Grunddimensionen des Bön untersuchen — den Begriff des Yungdrung-(Svastika-/Unendlichkeits-)Bön, die Gründergestalt Tonpa Shenrab Miwoche, das heilige Land Olmo Lungring und das Königreich Zhangzhung, die Lehrstruktur der „Neun Wege" (Nine Ways), das Verhältnis des Bön zum Dzogchen-Zweig und die wechselseitige Beeinflussung mit dem tibetischen Buddhismus. Auch die schamanischen Ursprünge des Bön und sein Verhältnis zum Phänomen Schamanismus werden die Tradition in ihren weiten innerasiatischen spirituellen Kontext einordnen; in diesem Zusammenhang ist die Tradition Teil eines Netzes, das von den nördlich gelegenen Traditionen des mongolischen Böö und Sibiriens bis zum südlich gelegenen Jhankri-Schamanismus Nepals reicht.

Die drei Bedeutungen des Begriffs „Bön"

Um den Begriff Bön zu verstehen, muss man zunächst begreifen, dass der Begriff selbst vielschichtig ist. Wie der norwegische Tibetologe Per Kvaerne hervorhebt, bezeichnet das Wort „Bön" mindestens drei verschiedene Dinge. Erstens die Gesamtheit der verschiedenen Glaubens- und Ritualpraktiken, die in der Region herrschten, bevor der Buddhismus Ende des 8. Jahrhunderts zur offiziellen Religion Tibets wurde — also die historische „vorbuddhistische" Schicht. Zweitens die im 10.–11. Jahrhundert entstandene, mit einer Klosterkomponente versehene, systematisch organisierte und meist als Yungdrung-(„Ewiger")-Bön bezeichnete organisierte Religion. Drittens eine Reihe von Volkskulten aus mythischen Erzählungen und Ritualen, die zum Schutz und Wohlergehen der lokalen Gemeinschaften eingerichtet wurden.

Diese dreifache Unterscheidung ist der Ausgangspunkt jeder ernsthaften Diskussion über Bön; denn die Vermengung dieser verschiedenen Bedeutungen war sowohl in der Vergangenheit als auch heute die Quelle vieler Missverständnisse. Die akademische Literatur schlägt vor, diese Schichten sorgfältig zu trennen und die Tradition sowohl in ihrer historischen Tiefe als auch in ihrer lebendigen institutionellen Form zu behandeln. Unsere Untersuchung in dieser Notiz wird sich besonders auf den organisierten Yungdrung-Bön und auf sein eigenes Selbstverständnis konzentrieren, dabei aber auch die historischen Wurzeln der Tradition und ihre volksfromme Dimension im Blick behalten.

Yungdrung-Bön: Der ewige Bön

Die organisierte Bön-Tradition bezeichnet sich selbst als Yungdrung-Bön — „Ewiger Bön" oder „Immerwährender Bön". Das Wort Yungdrung wird durch das linksgerichtete Svastika-Symbol repräsentiert; dieses uralte Symbol bezeichnet in der Bön-Tradition die Unerschütterlichkeit, die Unverderblichkeit, die Ewigkeit und die unwandelbare Wahrheit (es erfüllt eine zum Vajra/Diamant-Symbol der buddhistischen Tradition parallele Funktion). Diese spirituelle Bedeutung des Svastika verortet es in einem uralten und heiligen Kontext, gänzlich getrennt von den politischen Missbräuchen späterer Zeiten. Die Anhänger des Yungdrung-Bön führen ihre Tradition auf den Buddha Tonpa Shenrab und auf die Weisen des Landes Zhangzhung zurück.

Der Yungdrung-Bön bietet in seinem eigenen Selbstverständnis einen vollständigen spirituellen Weg — ein ganzheitliches System, das Ethik, Ritual, Philosophie, Meditation und die höchsten Weisheitslehren umfasst. In dieser Hinsicht ist die Tradition kein bloß archaischer „Volksglaube", sondern eine klosterbasierte Religion mit einer ausgefeilten doktrinären und philosophischen Struktur. Diese umfassende Struktur des Yungdrung-Bön bindet ihn sowohl an die ältesten spirituellen Wurzeln Tibets als auch macht sie ihn zu einem mit dem tibetischen Buddhismus auf gleicher Ebene vergleichbaren religiösen System.

Tonpa Shenrab Miwoche: Der Gründerbuddha des Bön

Im Zentrum der Yungdrung-Bön-Tradition steht die Gründergestalt Tonpa Shenrab Miwoche (Tönpa Shenrab — „Erhabener Heiliger Mensch / Lehrer Shenrab"). Der eigenen Erzählung der Bön-Tradition zufolge ist Tonpa Shenrab ein Buddha, der Hunderte von Jahren vor dem Buddha Shakyamuni im westlich von Tibet gelegenen, schwer zu bestimmenden, halbmythischen heiligen Land namens Olmo Lungring (oder Tazig/Tasi) zur Erleuchtung gelangte. Olmo Lungring wird in der Bön-Kosmologie, ebenso wie Shambhala in der buddhistischen Tradition, als ein heiliges und schwer erreichbares spirituelles Zentrum jenseits der weltlichen Geographie vorgestellt.

Die Lebensgeschichte des Tonpa Shenrab wird in den heiligen Texten des Bön ausführlich erzählt; besonders Texte wie das Zermig und das gewaltige Zhiji (gZi-brjid) halten sein Leben, seine Lehren und seine spirituellen Errungenschaften fest. Dieser Erzählung zufolge gab Tonpa Shenrab die Bön-Lehre den Wesen verschiedener Kapazitäten auf jeweils angemessenen Ebenen weiter und lehrte einen umfassenden spirituellen Weg, der von ethischen Regeln bis zur höchsten meditativen Weisheit reicht. Die Gestalt des Tonpa Shenrab bildet die Grundlage des Anspruchs des Bön, seinen eigenen Ursprung auf eine vom Buddhismus unabhängige und sogar ältere spirituelle Quelle zurückzuführen; dieser Anspruch ist ein untrennbarer Teil der Identität und des Selbstbewusstseins der Tradition.

Zhangzhung: Die historische Wiege des Bön

Die historischen Wurzeln der Bön-Tradition reichen bis zum Königreich Zhangzhung im Westen des tibetischen Plateaus, in der Umgebung des heiligen Berges Kailash (Tise). Zhangzhung war eine Zivilisation mit eigener Sprache und Kultur, die in dieser Region vor dem Aufstieg des tibetischen Reiches herrschte; die Bön-Tradition führt ihren eigenen Ursprung weitgehend auf dieses Königreich und sein spirituelles Erbe zurück. Der heilige Berg Kailash liegt als ein Zentrum von höchster spiritueller Bedeutung sowohl für Bön als auch für die späteren hinduistischen und buddhistischen Traditionen im Herzen von Zhangzhung.

Die historische Wirklichkeit von Zhangzhung und seine Rolle im Ursprung des Bön sind ein wichtiger Gegenstand der modernen akademischen Forschung. Die eigene Erzählung der Tradition behauptet, dass die heiligen Bön-Texte zuerst in der Sprache von Zhangzhung überliefert und von dort ins Tibetische übersetzt wurden. Dies nährt die Theorien, dass Bön von Westen nach Tibet kam — aus einer Region, die in Kontakt mit der iranischen und innerasiatischen Kulturwelt stand. Manche zeitgenössischen Forscher weisen auf diese „westliche" Dimension im Ursprung des Bön und auf seine möglichen Verbindungen zu innerasiatischen spirituellen Strömungen hin. Wie dem auch sei, Zhangzhung nimmt als historische Wiege des Bön und als grundlegender geographisch-kultureller Anker seiner Identität einen zentralen Platz im Selbstverständnis der Tradition ein.

Die Neun Wege (Nine Ways): Die Lehrarchitektur des Bön

Die umfassendste und berühmteste Ordnung der Bön-Doktrin ist die Lehre der Neun Wege (tibetisch theg-pa rim-dgu, „neunstufiges Vehikel/Weg"). Diese Struktur ordnet die Lehren des Tonpa Shenrab nach den verschiedenen Kapazitäten der Wesen als einen neunstufigen Weg des spirituellen Fortschreitens. Die Neun Wege gliedern sich in zwei große Teile: den Bön der Ursache (Bon of Causality / Ursache-Wege) und den Bön der Frucht (Bon of Fruition / Frucht-Wege).

Die ersten vier Wege — die „Ursache-Wege" — befassen sich weitgehend mit praktischen und weltlich-spirituellen Techniken wie Ritual, Weissagung, Zauber, Heilung, Geisteranrufung, Astrologie und Bestattungszeremonien. Diese Wege repräsentieren die archaischere, schamanischere und der Volksfrömmigkeit nähere Dimension der Tradition; sie umfassen Funktionen wie den Umgang mit Krankheit, das Besänftigen bösartiger Mächte, die Lenkung der Seele der Toten und den Schutz des Wohlergehens der Gemeinschaften. Die „Frucht-Wege" vom fünften bis zum achten Weg hingegen umfassen die Klosterdisziplin, die ethischen Regeln, die tantrischen Praktiken und die verwandelnden Meditationswege. Der neunte und höchste Weg schließlich umfasst die Lehre des Dzogchen („Große Vollkommenheit / Große Vollständigkeit") — dem Bön zufolge der unmittelbarste und tiefste Weg, der zur Erleuchtung führt.

Diese neunstufige Struktur ist insofern überaus bemerkenswert, als sie sowohl die archaisch-schamanischen Wurzeln des Bön als auch seine ausgefeilte philosophisch-meditative Spitze in einem einzigen ganzheitlichen System zusammenführt. Während der praktische, rituelle und schamanische Charakter der Ursache-Wege die Verwandtschaft des Bön mit dem innerasiatischen und Himalaya-Schamanismus zeigt, macht die philosophische Tiefe der Frucht-Wege die Tradition zu einem mit dem tibetischen Buddhismus auf gleicher Ebene stehenden spirituellen System. Vergleicht man die Heilungs-, Weissagungs- und Geisteranrufungstechniken der Ursache-Wege mit den ähnlichen Praktiken in der Jhankri-Tradition Nepals und im mongolischen Böö-Schamanismus, so wird der gemeinsame Grund, den der Bön mit der weiten innerasiatischen schamanischen Schicht teilt, deutlich sichtbar.

Dzogchen: Die Große Vollkommenheit und der Bön-Zweig

Die höchste und tiefste Lehre des Bön ist die den neunten Weg bildende Dzogchen-Tradition (Große Vollkommenheit). Dzogchen ist eine Gesamtheit von Lehre und Praxis, die sowohl im Bön als auch in der Nyingma-Schule des tibetischen Buddhismus einen zentralen Platz hat und die darauf zielt, den grundlegendsten, natürlichen und erleuchteten Zustand des Geistes — das reine, nackte Gewahrsein (rigpa) — unmittelbar zu erkennen und in ihm zu verweilen. Dem Dzogchen zufolge verwirklicht sich die Erleuchtung weniger durch einen Prozess stufenweiser Reinigung oder Verwandlung als vielmehr durch das unmittelbare Erkennen des ohnehin stets vorhandenen Wesens des Geistes. Eine umfassendere Untersuchung dieser Lehre findet sich in der Notiz Dzogchen: Die Große Vollkommenheit, die sowohl die Bön- als auch die buddhistische Dimension des Begriffs behandelt.

Die Unterscheidung im Zentrum der Dzogchen-Lehre ist die Trias von „Grund" (kadi/gzhi — die grundlegende Natur des Seins), „Weg" (die Praxis des Erkennens dieser Natur) und „Frucht" (die volle Verwirklichung des erleuchteten Gewahrseins). Der Bön-Dzogchen bearbeitet diesen Rahmen innerhalb seiner eigenen Lehrsprache und seiner eigenen Übertragungslinien; er betont die Unterscheidung zwischen rigpa (reines, nacktes Gewahrsein) und sem (gewöhnlicher, begrifflicher Geist) und lenkt den Übenden auf die natürliche Klarheit jenseits der künstlichen Konstruktionen des Geistes. Die eindrückliche Ähnlichkeit zwischen den Bön- und den buddhistischen Formen dieser Lehre ist einer der stärksten Belege für den tiefen historischen Austausch zwischen den beiden Traditionen und für eine gemeinsame tibetische spirituelle Quelle; zugleich zeigt sie, warum die Frage „wer hat von wem übernommen" so komplex und nicht auf eine einzige Antwort reduzierbar ist.

Zu den wichtigsten Zweigen des Bön-Dzogchen gehören die Systeme Zhang Zhung Nyen Gyu („Mündliche/Akustische Übertragung von Zhangzhung") und A-tri (A-khrid). Das Zhang Zhung Nyen Gyu ist der eigenen Erzählung der Tradition zufolge eine ununterbrochene mündliche Lehrlinie, die vom Urbuddha Kuntuzangpo ausgehend über vierundzwanzig Meister überliefert wurde, und gewinnt seinen Wert besonders durch die unverdorbene Kontinuität dieser mündlichen Übertragung. Das A-tri-System wiederum ist ein im 11. Jahrhundert von Meuton Gongdzad Ritrod Chenpo geordneter, um achtzig Meditationssitzungen herum aufgebauter Dzogchen-Praxisweg. Das Bestehen dieser Zweige zeigt, dass Dzogchen nicht nur eine buddhistische Lehre ist, sondern dass auch die Bön-Tradition über eine aus ihrem eigenen Inneren entwickelte, tief verwurzelte Weisheitstradition verfügt. Das Verhältnis zwischen den Bön- und den buddhistischen Formen des Dzogchen — die Frage, wer von wem entlehnte, was die gemeinsame Quelle ist — gehört zu den interessantesten und umstrittensten Themen der tibetischen Religionsgeschichte.

Bön und der tibetische Buddhismus: Wechselseitige Beeinflussung

Das Verhältnis zwischen Bön und dem tibetischen Buddhismus gehört zu den komplexesten und am meisten missverstandenen Themen der tibetischen Religionsgeschichte; dieses Verhältnis neutral zu verstehen, ist der Schlüssel zu einem angemessenen Begreifen der Tradition. Als der Buddhismus im 8. Jahrhundert in Tibet erstarkte und zur offiziellen Religion wurde, entstand zwischen ihm und dem Bön eine Spannung und Rivalität; in den traditionellen buddhistischen Erzählungen wurde Bön bisweilen als ein alter Glaube dargestellt, der „beseitigt werden müsse". Dem entgegen wahrte auch Bön seine eigene Selbsterzählung, indem er sich auf eine vom Buddhismus unabhängige und sogar ältere spirituelle Quelle zurückführte.

Doch die moderne akademische Forschung hat gezeigt, dass das Verhältnis zwischen diesen beiden Traditionen kein einseitiges „Kopieren" oder ein einfacher Konflikt ist. Die wegweisende Arbeit von David Snellgrove — besonders sein aus dem Bön-Text Zhiji des 14. Jahrhunderts zusammengestelltes Werk The Nine Ways of Bon (Die Neun Wege des Bön, 1967) — veränderte die Sicht der westlichen Forscher auf Bön grundlegend. Anfangs hatten die westlichen Gelehrten die Ähnlichkeit der Bön-Texte mit den buddhistischen Texten als bloßes „Plagiat" betrachtet; doch die Arbeiten Snellgroves und der ihm folgenden Forscher kehrten diese Auffassung um. Heute räumen die meisten Bön-Spezialisten ein, dass in vielen Fällen die buddhistischen Texte die Bön-Texte entlehnt und neu hervorgebracht haben. Wie auch Per Kvaerne hervorhebt, fand im 10.–11. Jahrhundert zwischen den beiden Traditionen ein zweiseitiger, wechselseitiger Prozess des Entlehnens statt. So sollten Bön und der tibetische Buddhismus nicht als zwei sich gegenseitig ausschließende Religionen, sondern als zwei tief miteinander verflochtene Traditionen verstanden werden, die sich innerhalb einer gemeinsamen tibetischen spirituellen Matrix wechselseitig geformt haben.

Schamanische Wurzeln und die volksfromme Dimension

Die besonders in den ersten vier „Ursache-Wegen" der Neun Wege deutlich werdende Dimension des Bön spiegelt die archaisch-schamanischen Wurzeln der Tradition wider. Praktiken wie Bestattungsrituale, die Lenkung der Seele der Toten in die andere Welt, der Umgang mit bösartigen Mächten, Weissagung, Astrologie, Heilung und der Schutz des Wohlergehens der Gemeinschaften tragen die Spuren der vorbuddhistischen einheimischen Spiritualität Tibets. Diese Dimension bildet einen gemeinsamen Grund, der Bön mit der weiten innerasiatischen und Himalaya-schamanischen Welt — mit den Traditionen der Mongolen, der Ewenken-Tungusen und der Jhankri Nepals — verbindet.

Es ist hervorzuheben, dass es irreführend ist, eine einfache Gleichsetzung in der Form „Bön = Schamanismus" herzustellen; der organisierte Yungdrung-Bön ist eine viel umfassendere, philosophische und klosterbasierte Religion. Doch die archaischen Schichten und die volksfromme Dimension der Tradition tragen deutlich schamanische Züge. Die einheimische Geisterwelt Tibets — die spirituellen Eigentümer der Berge, Seen, Pässe und der Erde (lokale Gottheiten und Geister wie yul-lha, sa-bdag, klu) — wurde sowohl vom Bön als auch vom späteren tibetischen Buddhismus übernommen und fortgeführt. Die Praktiken, mit diesen Geistern in Verbindung zu treten, sie zu besänftigen und ihr Gleichgewicht zu wahren, spiegeln die universelle Logik des Schamanismus wider. Auch tibetische Todesrituale wie die Freiluftbestattung / „Himmelsbestattung" (sky burial) zeigen eine entfernte Parallele zu den ähnlichen Praktiken der sibirischen Polarvölker — freilich hat jede ihren eigenen spezifischen theologischen Kontext, und man sollte sich davor hüten, sie gleichzusetzen.

Ritual, Trommel und spirituelle Ausrüstung

Die rituelle Praxis des Bön umfasst, besonders in den Bereichen, die in den Rahmen der Ursache-Wege fallen, ein reiches Repertoire an spiritueller Ausrüstung und Technik. In den Ritualen der Bön-Priester und -Übenden werden die Trommel (tibetisch nga), die Schelle (shang — eine dem Bön eigentümliche, flache Handglocke), die Knochentrompete (kangling) und verschiedene rituelle Gegenstände verwendet. Einige dieser Werkzeuge, besonders die Trommel und ihr rhythmischer Gebrauch, sind unmittelbar mit der archaisch-schamanischen Schicht des Bön verbunden; der Klang der Trommel wirkt während des Rituals als Mittel, um die spirituellen Mächte in Bewegung zu setzen und in veränderte Bewusstseinszustände überzugehen. Diese universelle schamanische Funktion der Trommel wird in der Notiz schamanische Trommel (Tüngür) als kosmische Landkarte und Trancemittel ausführlich behandelt.

Das rituelle Repertoire des Bön umfasst auch die Praktiken der Anrufung, Besänftigung und Lenkung der Geister. Bei den Bestattungsritualen hat die sichere Lenkung der Seele des Toten in die andere Welt eine zentrale Bedeutung; diese Praxis spiegelt das Verständnis der spirituellen Reise nach dem Tod wider. Die Rituale der Vertreibung bösartiger Mächte oder krankheitsbringender Geister, der Errichtung schützender spiritueller Grenzen und der Sicherung des Wohlergehens der Gemeinschaften bilden die praktisch-spirituelle Dimension der Tradition. Diese Techniken decken sich mit ihren Aspekten, die eine bewusst vollzogene spirituelle Reise und Tranceerfahrung umfassen, mit dem universellen Muster der schamanischen Trancereise — der Übergang in den veränderten Bewusstseinszustand, die Verbindung mit der Geisterwelt, die Wiederherstellung des spirituellen Gleichgewichts. So bietet der Bön-Ritualismus sowohl mit seinen eigentümlichen tibetischen Formen als auch mit dem gemeinsamen Grund, den er mit der weiten schamanischen Welt teilt, eine vielschichtige spirituelle Technologie.

Initiation, Übertragung und spirituelle Autorität

In der Bön-Tradition gehen spirituelle Vollmacht und Wissen durch eine ununterbrochene Übertragungslinie (lineage) von Generation zu Generation über. Besonders in den Dzogchen-Lehren gilt die unverdorbene Kontinuität der unmittelbaren Übertragung von einem Meister an einen Schüler als grundlegende Gewähr der Echtheit und Kraft der Lehre; die vierundzwanzig Meister umfassende mündliche Übertragungslinie des Zhang Zhung Nyen Gyu ist das wertvollste Beispiel dieser Kontinuität. Ein Bön-Übender, ob Klostermönch oder volkstümlicher Ritualspezialist, empfängt sein Wissen und seine Vollmacht von einem erfahrenen Lehrer; dieses Verhältnis von Meister und Schüler steht im Herzen der Tradition.

In den archaischen Schichten und der volksfrommen Dimension des Bön tragen der spirituelle Ruf und die Initiation Parallelen zu den weiteren Mustern des Weltschamanismus. Dass der Ruf, ein spiritueller Spezialist zu werden, meist mit ungewöhnlichen Erlebnissen, Träumen oder Krisen beginnt und darauf ein langer Ausbildungs- und Initiationsprozess unter der Aufsicht eines erfahrenen Führers folgt, erinnert an das universelle schamanische Initiationsmuster, das in der Notiz Kam-Initiation untersucht wird. Damit einher nimmt die Klosterausbildung des organisierten Yungdrung-Bön jedoch eine viel stärker strukturierte, text-basierte und philosophische Form an; der Anwärter lernt die heiligen Texte, die rituellen Regeln, die philosophischen Lehren und die meditativen Techniken in einem jahrelangen disziplinierten Studium. Diese beiden Dimensionen — der archaisch-schamanische Ruf und die klosterbasierte systematische Ausbildung — sind ein weiteres Zeichen der vielschichtigen Struktur des Bön, seines gleichzeitigen Beherbergens sowohl der ältesten Wurzeln als auch der am weitesten entwickelten institutionellen Form der Tradition.

Unterdrückung, Exil und zeitgenössische Anerkennung

Die Bön-Tradition durchlitt im 20. Jahrhundert schwere Prüfungen. Nach der chinesischen Besetzung im Jahr 1950, besonders während der Kulturrevolution (1966–1976), erlitten sowohl der tibetische Buddhismus als auch der Bön eine schwere Unterdrückung; Klöster wurden zerstört, heilige Texte vernichtet, Geistliche verfolgt. Viele Bön-Mönche mussten, ebenso wie ihre buddhistischen Kollegen, ins Exil gehen — besonders nach Indien und Nepal. Dieses Exil war einerseits eine große Zerstörung, ebnete andererseits aber auch den Weg für die Begegnung des Bön mit der westlichen Welt und für seine akademische Untersuchung; die Zusammenarbeit der Bön-Mönche im Exil mit den westlichen Forschern brachte wichtige Werke wie die wegweisende Arbeit Snellgroves hervor.

Während der Exilzeit wurde die Bön-Tradition in Indien neu organisiert. Das wichtigste Kloster der Tradition, das Menri-Kloster (ursprünglich 1405 gegründet), wurde in der Region Dolanji in Indien wiederaufgebaut; auch das Kloster Yungdrung Ling wurde auf ähnliche Weise wiedererrichtet. Diese Institutionen übernahmen die Funktion, die heiligen Texte, Rituale und die Lehrtradition des Bön zu bewahren und fortzuführen. In der zeitgenössischen Zeit veränderte sich auch die Stellung des Bön innerhalb der tibetisch-buddhistischen Gemeinschaft zum Positiven. Die Rimé-Bewegung (überkonfessionell / unparteiisch) förderte die Zusammenarbeit und den wechselseitigen Respekt zwischen den buddhistischen Schulen und dem Bön. Der 14. Dalai Lama empfahl ab Ende der 1970er Jahre, Bön als ein vollwertiges Mitglied der tibetischen Flüchtlingsinstitutionen anzuerkennen, und diese Anerkennung wurde in den folgenden Jahren gefestigt. So erlangte Bön als die fünfte große spirituelle Tradition Tibets eine offizielle Anerkennung.

Heilige Texte und Wissensschatz

Die Bön-Tradition verfügt über ein gewaltiges und komplexes Korpus heiliger Texte. Dieses Korpus gliedert sich in groben Zügen in zwei große Sammlungen: Kangyur (die auf die Worte des Tonpa Shenrab zurückgeführten Lehren) und Tengyur (Kommentare und spätere Untersuchungen) — diese Struktur ist eine zu den Textsammlungen des tibetischen Buddhismus parallele Ordnung, was wiederum die historische Verflochtenheit der beiden Traditionen einmal mehr zeigt. Das Zermig, das das Leben des Tonpa Shenrab erzählt, und besonders das aus dem 14. Jahrhundert stammende, zwölfbändige gewaltige Zhiji (gZi-brjid) gehören zu den wichtigsten und umfassendsten Texten des Bön; auch die wegweisende Übersetzung David Snellgroves wurde aus diesem Zhiji-Text zusammengestellt.

Diese Texte beweisen, dass Bön nicht nur eine mündliche Volkstradition ist, sondern zugleich eine ausgefeilte Religion mit einem reichen schriftlichen intellektuellen Erbe. Dieses Korpus, das umfassende Texte über Philosophie, Metaphysik, Logik, Kosmologie, Medizin, Astrologie, Ritual und Meditation enthält, ist ein wichtiger Teil der spirituellen und intellektuellen Geschichte Tibets. Die Bewahrung, Vervielfältigung und Untersuchung der Bön-Texte war sowohl für die eigenen Träger der Tradition als auch für die modernen Tibetologen ein zentrales Bemühen. In der Exilzeit war das Neudrucken und Digitalisieren dieser Texte in den Bön-Klöstern Indiens und Nepals ein Schlüsselschritt für das Überleben der Tradition und ihre Weitergabe an die kommenden Generationen. So wird der Wissensschatz des Bön in einer sowohl physischen als auch spirituellen Kontinuität bewahrt.

Akademische Untersuchung und ein neutraler Rahmen

Die wissenschaftliche Untersuchung des Bön beruht auf den sorgfältigen Arbeiten von Per Kvaerne, David Snellgrove und der ihnen folgenden Tibetologen. Diese Literatur behandelt Bön mit einem Ansatz, der ihn weder auf die Karikatur des „primitiven Aberglaubens" der traditionellen buddhistischen Polemik reduziert noch ihn kritiklos verklärt; im Gegenteil, sie sucht die Tradition innerhalb ihrer eigenen Texte, ihres eigenen Selbstverständnisses und ihrer historischen Entwicklung neutral und sorgfältig zu verstehen. Snellgroves The Nine Ways of Bon und Kvaernes Arbeiten über die Bön-Religion sind die Grundsteine dieses neutralen und wissenschaftlichen Ansatzes.

Bei der Untersuchung des Bön sind einige Prinzipien zu beachten. Erstens ist die Tradition nicht eine einzige Sache; die historische vorbuddhistische Schicht, der organisierte Yungdrung-Bön und die Volkskulte sollten sorgfältig getrennt werden. Zweitens ist das Verhältnis zwischen Bön und Buddhismus wechselseitig; ein einfaches „Kopier"- oder „Konflikt"-Modell ist unzureichend. Drittens und am wichtigsten ist Bön eine lebendige Religion; sie wird heute auf dem tibetischen Plateau und im Exil von wirklichen Gemeinschaften aufrichtig gelebt. Daher sollte die Tradition weder herabgesetzt (als ein rückständiger Aberglaube), noch verklärt (als eine idealisierte uralte Weisheit), noch aus ihrem Kontext gerissen für den globalen „New-Age"-Konsum geöffnet werden. Der eigenen Stimme und Autorität der die Tradition tragenden Gemeinschaften Respekt zu zollen, ist sowohl eine wissenschaftliche als auch eine moralische Notwendigkeit.

Vergleichende Betrachtung: Die Stellung des Bön im innerasiatischen spirituellen Netz

Bön ist einer der Schlüsselknotenpunkte eines weiten innerasiatischen und Himalaya-spirituellen Netzes. Im Süden trägt er tiefe Verbindungen zur Jhankri-Tradition Nepals — besonders zu den als „bonpo" geltenden schamanischen Praktiken der Tamang und anderer tibeto-birmanischer Völker —; manche Elemente des nepalesischen Schamanismus enthalten unmittelbare Bön-Einflüsse. Im Norden zeigt er Parallelen zur Tradition des mongolischen Böö hinsichtlich der Bestattungsrituale, der Beziehung zu den Erdgeistern und der schamanischen Heilung; zu den sibirischen Polarvölkern und zur ewenkisch-tungusischen Tradition hingegen hinsichtlich der Freiluftbestattung und der Geisterwelt-Kosmologie. Auch wenn es schwer ist, eine direkte Verbindung zwischen der himmelszentrierten Struktur der Tradition des Tengrismus und dem Tengri-Begriff und der Kosmologie des Bön herzustellen, sind beide Teile der weiten vorbuddhistischen spirituellen Welt Innerasiens. Die Bestattungs- und Nachtodes-Rituale des Bön sind mit dem in der Notiz schamanisches Todesritual behandelten Muster der Lenkung der Seele in die andere Welt vergleichbar; die Beziehung zu den spirituellen Mächten und die Symbolik des spirituellen Trägers wiederum mit der Notiz schamanisches Reittier-Symbol. Auch ein Vergleich mit den anderen schamanischen Traditionen Ostasiens — etwa mit dem koreanischen Schamanismus (Musok) — zeigt, wie verbreitet die Themen der Geistervermittlung und der Heilung sind.

Dieser vergleichende Rahmen erlaubt es uns, Bön nicht als einen isolierten Gegenstand der Neugier, sondern als einen Teil des weiten spirituellen Gedächtnisses Eurasiens zu sehen. Die einheimische Geisterwelt des tibetischen Plateaus — die zu den spirituellen Eigentümern der Berge, Seen und der Erde aufgebaute Beziehung — spiegelt eine grundlegende Intuition wider, die sowohl der Bön als auch die weiter nördlich gelegenen Steppen- und Tundra-Schamanismen teilen: Die Natur ist eine lebendige Welt, in der willentliche spirituelle Persönlichkeiten wohnen und die Gegenseitigkeit und Respekt erfordert. Diese Intuition bildet einen gemeinsamen spirituellen Grund, der vom Ovoo-Kult der Mongolen über die Erdgeister Nepals, von der Rentier-Ökologie der sibirischen Tundra bis zu den heiligen Bergen Tibets reicht. Bön hat diesen Grund innerhalb seiner eigentümlichen doktrinären und klosterbasierten Form bearbeitet und ihn so sowohl bewahrt als auch zu einer transzendenten Weisheitslehre hin erweitert.

Der eigentümlichste Beitrag des Bön ist, dass er eine archaisch-schamanische Schicht mit einer ausgefeilten philosophisch-meditativen Spitze (Dzogchen) in einem einzigen ganzheitlichen System vereint. In dieser Hinsicht ist die Tradition ein seltenes Beispiel, das die universellen Muster des Schamanismus — die Beziehung zu den Erdgeistern, die Heilung, die Weissagung, die Lenkung der Toten — mit einer transzendenten Weisheitslehre verbindet. Zusammen mit benachbarten Traditionen wie den Altaiern und den Tuwinern-Chakassen betrachtet, erscheint Bön als einer der eindrücklichsten Zeugen des spirituellen Reichtums und der Geschichtetheit Innerasiens.

Fazit: Eine lebendige uralte Tradition

Bön ist eine vielschichtige und tiefe Tradition, die aus der vorbuddhistischen einheimischen Spiritualität Tibets hervorging, sich über Jahrhunderte wechselseitig mit dem tibetischen Buddhismus formte und auch heute als lebendige Religion fortbesteht. Das Unendlichkeits-Svastika des Yungdrung-Bön, die Gründergestalt des Tonpa Shenrab, die heiligen Länder Olmo Lungring und Zhangzhung, die umfassende Lehrarchitektur der Neun Wege und die Große-Vollkommenheit-Weisheit des Dzogchen — all dies sind Elemente, die Bön sowohl an die ältesten spirituellen Wurzeln Tibets binden als auch ihn zu einem ausgefeilten religiösen System machen. Bön, der sich mit seinen schamanischen Wurzeln in die weite innerasiatische spirituelle Welt und mit seiner philosophischen Spitze auf dieselbe Ebene wie der tibetische Buddhismus einordnet, verdient weder Herabsetzung noch Verklärung, sondern allein, innerhalb seiner eigenen Bedingungen und seines eigenen Selbstverständnisses, mit Respekt und einem neutralen Bewusstsein verstanden zu werden. Als eine lebendige uralte Tradition ist Bön ein unschätzbarer und einzigartiger Teil des spirituellen Erbes der Menschheit.