Das schamanische Reit-/Pferdesymbol: Der Seelenführer auf der Trance-Reise
Das Reit-/Pferdemotiv im türkisch-mongolischen Schamanismus: das Reittier der Trance-Reise, die Deutung der Trommel als „Pferd"; eine geistig-praktische Lesart im Vergleich mit der klassischen mevlevitischen Sema-Metapher.
Schamanischer Begriffsrahmen
Das schamanische Reit-/Pferdesymbol ist eines der bestimmendsten geistig-symbolischen Elemente des türkisch-mongolischen Schamanismus (im weiteren Sinne des Schamanismus der nördlichen Hälfte Eurasiens). Der Schamane (türkisch kam, mongolisch böö, jakutisch oyuun, tuwinisch xam, burjatisch boo, tungusisch šaman — ein aus dem Tungusischen in die weltweite akademische Terminologie übergegangenes Wort) reist beim Übergang in die Trance-Welt auf einem Reit-/Pferdetier in die himmlischen oder unterirdischen Schichten. Dieses Reittier ist meist kein wirkliches Pferd, sondern die symbolische Erscheinung des Ritualmittels: die Pferd-Trommel, das Eisen-Pferd, das von den Ahnen ererbte Reittier, das Seelenpartner-Pferd, die Spiegelung des Ahnen-Totems.
Die Hauptthese von Mircea Eliades Werk Schamanismus und archaische Ekstasetechnik (Le Chamanisme et les Techniques Archaïques de l'Extase, 1951; türkische Übers. Ismet Birkan, 1999) lautet: Der Schamanismus ist ein paläolithisch verwurzeltes System einer archaischen Ekstasetechnik; und das Reit-/Pferdemotiv ist die paradigmatische Erscheinung dieses Systems bei den eurasischen Steppenvölkern. Eliade zufolge reicht das Pferde-Transzendenz-Reittier des eurasischen Schamanismus in eine paläolithische eurasische Schicht zurück; die später hinzukommenden hochreligiösen Zivilisationen (Hindu, China, Iran, türkisch-islamisch) haben dieses Motiv in verschiedenen Formen ererbt.
Die Pferd-Trommel: das materielle Mittel des schamanischen Reittiers
Das grundlegende Mittel der Trance-Reise des Schamanen ist die Trommel (türkisch tüngür, mongolisch düngür, jakutisch düngür, tuwinisch düngür). Ein Name der Trommel ist ohnehin Pferd-Trommel; dies zeigt eine historische Ungewissheit darüber, ob wir die Trommel nach dem Pferd oder das Pferd nach der Trommel benennen. Klar ist Folgendes: Die Trommel fungiert als ein an die Stelle des Pferdes tretendes Trance-Reittier.
Die strukturellen Eigenschaften der Trommel
Die Schamanentrommel besteht aus einigen wichtigen Strukturelementen:
- Der Rahmen: meist ein einteiliges gebogenes Holz (Birke, Zeder, Mehlbeere, Fichte). Das Holz des Rahmens wird meist rituell als Teil des kosmischen Baumes (Bay Terek) gedeutet.
- Die Bespannung: stets aus der Haut eines heiligen Tieres wie Hirsch, Bergziege, Pferd, Rentier, Biber oder dergleichen gespannt. Die Tierart wechselt je nach Stamm und Region.
- Die Stäbe/Querstäbe: An der Rückseite der Trommel befinden sich eiserne oder hölzerne Querstäbe; diese Stäbe werden als die Knochen des Pferdes oder das Skelett des Pferdes gedeutet.
- Der Schlägel: meist Bein des Pferdes oder (metaphorisch) Horn des Pferdes genannt. Gewicht und Form des Schlägels bestimmen die Pferde-Persönlichkeit der Trommel.
- Die Schellen: Eisenringe, Spiegelstücke, kleine Glöckchen werden an der Trommel befestigt; jedes von ihnen repräsentiert einen Stern der kosmischen Achse oder einen Ruf des geistigen Führers.
Die Anfertigung der Trommel ist für sich ein Ritualprozess; sie dauert stets eine Woche oder länger. Der Trommelmacher (meist unter Mitwirkung eines erfahrenen Schamanen) wählt das Tier aus, schlachtet es, bereitet seine Haut, spannt sie über den Rahmen, setzt die Stäbe ein. Während dieses Prozesses werden in jeder Phase besondere Gebete gesprochen, rituelle Feuer entzündet, Räucherwerk verbrannt.
Die Spielpraxis der Trommel
Der Schamane spielt die Trommel in mehreren verschiedenen Rhythmen:
- Der Schritt-Rhythmus: langsame, schwere Schläge. Das Reit-/Pferdetier hat sich gerade erst auf den Weg gemacht.
- Der Trab-Rhythmus: schnellere, gleichmäßig getaktete Schläge. Das Pferd läuft in normalem Tempo.
- Der Galopp-Rhythmus: sehr schnelle, ununterbrochene Schläge. Das Pferd schreitet mit Blitzesgeschwindigkeit voran.
- Die Trance-Intensität: Die Trommelschläge beschleunigen sich potenziert, dann halten sie plötzlich inne oder werden sehr langsam. Dies ist das Klangzeichen dafür, dass der Schamane die Schwelle der Trance erreicht hat.
Der rhythmische Charakter der Trommelschläge ist, verglichen mit der modernen Forschung zu binaural beats (einer Klangtherapie, die jedem Ohr eine andere Frequenz darbietet), strukturell ebenbürtig für die Bewusstseinsveränderung. Die Arbeiten von Neurowissenschaftlern wie Roland Fischer und Andrew Newberg zeigen, dass rhythmische Klangreize den Übergang des Gehirns zu den Theta-Alpha-Frequenzen beschleunigen. Die Schamanentrommel lässt sich so als eine paläolithische Neurotechnologie bewerten.
Die Deutung der Trommel als Trance-Reittier
Eliade zufolge ist die Benennung der Trommel als Pferd kein bloß metaphorischer Gebrauch; im Gegenteil, der Schamane erlebt es beim Übergang in die Trance-Welt, als säße er wirklich auf der Trommel. Die Trommel ist jener Quantenaugenblick (in moderne Sprache übertragen), in dem sich das physische Mittel in das geistige Reittier verwandelt. Der Schamane erlebt seine Trance-Reise in verschiedenen Figurationen — auf der Trommel sitzend, die Trommel in der Hand haltend oder über die Trommel fliegend.
Die Topografie der Trance-Reise
Der Schamane reist in der Trance-Welt innerhalb eines neunschichtigen Kosmos. Dieser Kosmos ist, wie in der Notiz türkischer Schöpfungsmythos behandelt, in drei große Bereiche gegliedert: Himmel (das neunschichtige Reich Ülgens), Erde (das Reich der Menschen), Unterwelt (das neun- oder siebenschichtige dunkle Reich Erliks).
Die Himmelsreise
Der Schamane steigt über den kosmischen Baum (Bay Terek) oder den kosmischen Pfahl (Cer-Sub) zu den Himmelsschichten empor. Bei jedem Übergang in eine Schicht wechselt der Pferd-Trommel-Rhythmus; in jeder Schicht begegnet er einem besonderen Führer-Geist (meist einem Tier-Geist). In den oberen Schichten tritt er vor Ülgen, es wird gefragt, gebetet, das Anliegen vorgetragen.
Das Reit-/Pferdetier ist das Reittier dieses Aufstiegs. Der Schamane steigt vom Pferd, klopft an die Tür, tritt ein, sagt sein Anliegen. Dann besteigt er das Pferd und gelangt zur nächsthöheren Schicht. Dies geschieht nicht physisch; es ist eine im Trance-Bewusstsein, gestützt durch den Trommelrhythmus, mit konkreten Bildern erlebte innere Reise.
Die Unterweltsreise
Beim Hinabsteigen in die Unterwelt (in das Reich Erliks) wechselt die Pferdefarbe: Anstelle der lichten Farben der Himmelsreise treten das yagiz-Pferd (schwarz) oder das boz-Pferd (aschfarben). Dies ist die Erscheinung der in der Notiz türkische Pferdekultur und Spiritualität behandelten Farbkosmologie in der Trance-Praxis.
Die Unterweltsreise wird meist zur Seelenrettungs-Sendung unternommen: die verlorene Seele eines Erkrankten zu finden und zurückzubringen. Der Schamane steigt in die Unterwelt hinab, verhandelt mit den Leuten Erliks, gewinnt die verlorene Seele, bringt sie zurück, setzt sie wieder in den Körper des Kranken ein.
Die horizontale Reise
In manchen schamanischen Erzählungen gibt es auch die horizontale Reise: Der Schamane überwindet im Trance-Bewusstsein große, sich auf der Erdoberfläche erstreckende Entfernungen. Er überquert ein Tal, erkundet die Lage eines Stammes und kehrt dann zurück. Dies ist die paläolithische Version der modernen Praktiken des remote viewing (Fernwahrnehmung).
Das Pferdepartner des Schamanen: Das Pferd als Seelentier
In manchen jakutisch-tuwinisch-burjatischen Traditionen verbindet sich der Schamane in der Trance-Welt mit einem Pferdegeist. Diese Verbindung ist zweiseitig: Entweder verwandelt sich der Schamane in ein Pferd (er erlebt sein Bewusstsein in Pferdegestalt), oder der Pferdegeist wird zu einem den Schamanen begleitenden persönlichen Hilfsgeist. Dieses Motiv ist strukturell ebenbürtig mit dem power animal (Krafttier) der Tradition der Visionssuche der Ureinwohner Nordamerikas.
Die Hilfe des Pferdegeistes für den Schamanen:
- Wegweisung: In der dunklen Trance-Welt zeigt der Pferdegeist dem Schamanen, welchen Weg er gehen soll.
- Schutz: Er schützt den Schamanen vor feindlichen Geistern oder gefährlichen Schwellenwächtern.
- Übermittlung: Er nimmt den Ruf des Schamanen auf, trägt ihn an den nötigen Ort.
- Wissensbeschaffung: Er bringt Wissen aus fernen Welten, übermittelt es dem Schamanen.
Vergleichende Perspektive
Mevlevitische Sema und schamanisches Reit-/Pferdesymbol
Die mevlevitische Mevlevî-Sema-Praxis ist die trance-bewusstseinsöffnende Praxis des klassischen Sufismus. Der Semâ-Drehende tritt durch das Drehen im Stehen in die Bewusstseinsveränderung ein; die rechte Hand nach oben offen (das Empfangen des Segens vom Himmel), die linke Hand nach unten geschlossen (das Weitergeben des Segens an die Erde). Dies ist die lebendige axiale Erscheinung der kosmischen Achse.
Vergleich mit dem schamanischen Reit-/Pferdesymbol:
- Parallele: Beide sind trance-bewusstseinsverändernde Praktiken; beide nutzen eine bestimmte physische Handlung, um die innere Welt zu öffnen.
- Parallele: Beide sind von kosmisch-axialem Aufbau (axis mundi); der Semâ-Drehende dreht sich um seine eigene Achse, der Schamane steigt den kosmischen Pfahl empor.
- Parallele: Beide verlangen musikalische Begleitung; in der Sema Ney-Kudüm-Rebab, im Schamanismus Trommel-Zurna-Schelle.
- Parallele: Beide werden nach einer Ausbildung unter einem autorisierten Führer (in der Sema der Scheich, im Schamanismus der Meister-Schamane) ausgeführt.
- Unterschied: In der Sema gibt es kein Reittier, der Semâ-Drehende tritt selbst an die Stelle des Reittiers; im Schamanismus wird die Pferd-Trommel als konkretes Reittier gespielt. Dies ist der strukturelle Unterschied zwischen dem das Pferd verinnerlichenden islamisierten türkischen Sufismus und dem das äußere Reittier bewahrenden paganischen Schamanismus.
- Unterschied: Die Sema vollzieht sich in einer geschlossenen Konvents-Umgebung, in bestimmten Protokollen; die schamanische Trance findet in offener Natur- oder Stammesumgebung, in einem freieren Kontext statt.
- Unterschied: Die Sema ist innerhalb der klassischen Sufismus-Doktrin theoretisiert worden (Mevlânâ, Sultan Veled, mevlevitische Heiligenviten); der Schamanismus ist in der mündlich-praktischen Tradition lebendig geblieben, seine systematische Theorie wurde von den Ethnografen des 20. Jahrhunderts (Eliade, Hamayon, Vitebsky) mit äußerem Blick entwickelt.
Diese Parallelen und Unterschiede erlauben es, die mevlevitische Sema als die islamisierte sufische Erscheinung des paläolithisch-türkisch-schamanischen Erbes zu lesen. Mevlânâ selbst (1207–1273) stammte aus einer Familie, die aus Turkestan-Zentralasien nach Konya gezogen war; seine Vorfahren dürften in engem Kontakt mit dem paläolithisch-türkischen schamanischen Erbe gestanden haben. Der archetypische Grund der mevlevitischen Sema trägt diese tiefe Schicht.
Dass der Semâ-Derwisch beim Drehen die Dreiheit Reittier-Reiter-Weg in seinem eigenen Leib vereint, steht im Einklang mit der waḥdat al-wujūd-Doktrin des klassischen Sufismus. Im Schamanismus ist diese Dreiheit getrennt (Pferd-Reiter-Weg); im Mevlevitum ist diese Dreiheit eins. Dies ist ein Beispiel für die Fähigkeit der Islamisierung, die paläolithisch-paganische Dreiteilung im tauḥīd zu vereinen.
Feine Unterschiede zwischen dem sibirisch-burjatischen und dem türkischen Schamanismus
Der türkisch-mongolische Schamanismus erstreckt sich über eine sehr weite Geografie; jeder regionale Komplex hat seine eigene Deutung des Reit-/Pferdesymbols.
- Der jakutische (Sacha-)Schamanismus: Das Reit-/Pferdemotiv liegt hier in seiner entwickeltsten Form vor. Die jakutische Pferdemythologie (Cogusugun Aiyyy — der Himmelspferd-Schöpfer) bewahrt den Begriff des kosmischen Pferde-Ahnen. Die jakutischen Pferde gehören zu denen, die weltweit den paläolithischen Abstammungslinien der modernen Pferde am nächsten stehen; diese geografische Kontinuität ist bemerkenswert.
- Der tuwinische Schamanismus: Die Trommelpraxis ist hier hochentwickelt. Die Feldforschungen zeitgenössischer Anthropologen wie Robert Beahrs bieten lebendige Dokumente der Pferd-Trommel-Trance-Praktiken der tuwinischen Schamanen.
- Der altaische Schamanismus: Die Dualität von Ülgen und Erlik, die neunschichtige Kosmologie, das Aufstiegsritual des kam liegen am kanonischsten im Altai vor. Die Aufzeichnungen von Ethnografen des 19. Jahrhunderts wie V. V. Radlov und A. V. Anohin sind die systematischen Dokumente dieser Tradition.
- Der burjatische Schamanismus: ein durch tibetisch-buddhistischen Einfluss vermischter Schamanismus; der böö (Schamane) nutzt das Reit-/Pferdemotiv, indem er es mit der buddhistischen Kosmologie synthetisiert.
Die hinduistische Aśvalāyana und die vedische Pferde-Trance
In der hinduistisch-vedischen Tradition gibt es die Kategorie Aśvalāyana — der Pferdebesitzer oder -kundige; dies bezeichnet eine Untergruppe der Priester der vedischen Zeit. Das vedische Ashvamedha-Ritual (in der Notiz türkische Pferdekultur und Spiritualität behandelt) ist nicht bloß eine Opferpraxis, sondern zugleich eine Trance-Praxis; die das Ritual ausführenden Priester durchlaufen im Verlauf des Pferdeopfers bestimmte Schwellen der Bewusstseinsveränderung.
Das kosmische Pferdebild in der Eröffnungs-Śloka der Bṛhadāraṇyaka Upaniṣad (1.1: „Der Kopf des Pferdes ist das Morgenrot, sein Auge die Sonne, sein Atem der Wind...") ist eine Kontemplationspraxis; der Yogi liest diese Śloka meditativ und vereint sich mit dem kosmischen Pferdebewusstsein. Dies lässt sich als die hinduistisch-vedische Version der türkisch-schamanischen Pferd-Trommel-Trance-Praxis lesen.
Die keltische Druidenpraxis und die Pferde-Trance
Die keltischen Druiden sind die späte Erscheinung des paläolithischen europäischen Schamanismus. In der Druidenpraxis ist die Pferdesymbolik dicht; besonders die in der Notiz türkische Pferdekultur und Spiritualität behandelten Pferdegöttinnen Epona-Rhiannon sind die geistigen Vermittlerinnen, die die druidische Trance-Praxis begleiten.
Türkisch-islamische Rezeption
Im Prozess der Islamisierung verschwindet das türkisch-schamanische Reit-/Pferdemotiv nicht völlig; es lebt fort, indem es in sufisch-islamische Kategorien übersetzt wird.
Die Verwandtschaft von Burâq und schamanischem Reit-/Pferdesymbol
In der islamischen Miʿrādsch-Erzählung ist der Aufstieg Muhammads auf Burâq in die himmlische Welt die islamisch-kanonische Version des paläolithisch-schamanischen Reit-/Pferdemotivs (in der Notiz Kirat (das Köroglu-Pferdesymbol) wurde Burâq ausführlich behandelt). Die geflügelten, blitzschnellen, wunderbaren Eigenschaften Burâqs sind die islamische Erscheinung des schamanischen Pferd-Trommel-Reittiers.
Chidr — der Reiter auf dem fahlen Pferd
Die Gestalt Chidr (Hizir) wird im anatolischen Volksislam als Reiter auf dem fahlen Pferd gezeichnet; diese Gestalt ist die Übersetzung des paläolithisch-schamanischen Pferdereiter-Führers in die volks-sufische islamische Gestalt. Chidr nimmt in den Volkserzählungen den in Not geratenen Wanderer hinter sich aufs Pferd und rettet ihn, indem er Entfernungen zusammenfaltet; dies ist die volks-islamische Entsprechung der klassischen schamanischen Psychopompos-Funktion (Seelenführer).
Mevlevitische Sema (erneut)
Auf die schamanischen Ursprünge der mevlevitischen Sema wurde oben hingewiesen. Diese Parallele wird in den klassischen mevlevitischen Quellen nicht unmittelbar behandelt; doch ist in den Arbeiten vergleichender Sufismus-Forscher wie Annemarie Schimmel und Kenneth Cragg die These, dass die mevlevitische Sema das paläolithische türkisch-zentralasiatische Erbe trägt, deutlich vertreten worden.
Kritik
Kritik an Eliades Pan-Schamanismus-These: Roberte Hamayon (La chasse à l'âme, 1990) hinterfragt Eliades Kategorie eines „universell-paläolithischen Schamanismus"; sie wendet ein, dass jeder regionale Komplex in sich geschlossen ist und dass es akademisch fragwürdig ist, ihn in einer einzigen Kategorie wie „Schamanismus" zu vereinen. Diese Kritik erinnert daran, dass auch das türkisch-schamanische Reit-/Pferdemotiv nicht als rein universelle Kategorie, sondern in einem bestimmten historisch-geografischen Kontext verstanden werden muss.
Die Grenzen der mevlevitisch-schamanischen Parallele: Die mevlevitische Sema rein auf das paläolithisch-schamanische Erbe zu reduzieren, übersieht die eigenständigen Beiträge der klassischen Sufismus-Doktrin. Die Pferdeallegorien in Mevlânâs Mathnawî, die Ney-Symbolik, die Sema-Philosophie sind tief in das reiche theoretische Erbe des klassischen islamischen Sufismus eingebettet.
Die Romantisierung des modern-populären Schamanismus: Die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Westen entstandenen Neo-Schamanismus-Bewegungen (Michael Harner, Sandra Ingerman u. a.) reduzieren den klassischen türkisch-mongolisch-sibirischen Schamanismus mancherorts, indem sie ihn romantisieren, auf ihre eigene Konsumlogik. Die authentische Tradition und die moderne Konsumversion dürfen nicht verwechselt werden.
Ethnografischer Positivismus vs. geistig-innere Deutung: Der äußere Blick der Belegsammlungen der Ethnografen des 19./20. Jahrhunderts (Radlov, Anohin, Potanin u. a.) kann die inneren Sinndimensionen der paganisch-intuitiven Erfahrung teilweise verdecken. Die Methodologien der zeitgenössischen tuwinisch-jakutisch-altaischen Forschungen, die den einheimisch-inneren Blick einbeziehen (besonders die Arbeiten von Ljudmila Kuzmina und Galsan Tschinag), versuchen, diesen Mangel zu beheben.
Praktische Implikationen
Die Implikationen des schamanischen Reit-/Pferdesymbols für die zeitgenössische geistige Praxis:
- Die Innere-Trommel-Praxis: Der moderne Mensch kann seine eigene innere Trommel — also seinen Herzschlag — als symbolisches Äquivalent der schamanischen Trance-Praxis nutzen. Den Herzschlag rhythmisch wahrzunehmen ist die modern-verinnerlichte Form des paläolithischen Trance-Reittiers.
- Die imaginäre Reittier-Reise: In der Meditationspraxis ist die Imagination einer Reise auf einem imaginären Pferd zu den Himmels- oder Unterweltsschichten die visuell-meditative Version der klassischen schamanischen Trance-Praxis. Dies ist von paralleler Struktur zu den westlichen Praktiken der guided visualization (geführten Imagination).
- Das Farbwissen des Pferdes: Die Wahl der Farbe des Pferdes auf unserer eigenen inneren Reise (kir, boz, yagiz, al) ist die Symbolpraxis, mit der wir über die klassische Farbsymbolik unsere geistige Ausrichtung bestimmen.
- Die Brücke zur mevlevitischen Sema: Innerhalb der klassischen Sufi-Orden ist die mevlevitische Sema die islamisierte, lebendige Form der paläolithisch-schamanischen Reit-/Pferdepraxis; der geistige Wanderer kann über diese Brücke gehen und so sowohl den klassischen Sufismus als auch das paläolithische Erbe umfangen.
Fazit
Das schamanische Reit-/Pferdesymbol ist eine der ältesten und lebendigsten geistig-praktischen Kategorien der paläolithisch-eurasischen Kosmovision. Dass der Schamane mit dem Trommelrhythmus sein Trance-Reittier besteigt und durch die kosmischen Schichten reist, ist ein archetypisches Muster, das auch der moderne Mensch auf seiner eigenen inneren Reise nutzen kann. Seine Erscheinungen, die sich von der mevlevitischen Sema über die hinduistische Aśvalāyana, von Burâq bis Chidr erstrecken, zeigen, wie dieses paläolithische Erbe in den eurasisch-islamisch-hinduistisch-buddhistischen Synthesen fortlebt.
Die Anpassung dieses Erbes an die zeitgenössische geistige Praxis erfordert weder neo-schamanische Romantisierung noch einen völligen Bruch mit der klassischen Doktrin. Im Gegenteil, ein ausgewogener Dialog der klassischen Sufismus-Doktrin mit dem paläolithisch-archetypischen Erbe bereichert die geistig-innere Reise des modernen türkisch-islamischen Menschen. Das schamanische Reit-/Pferdesymbol ist das lebendig-archetypische Motiv dieses Dialogs.
Zusatz: Das Schamanen-Reittier im mongolischen Geser-Epos
Das mongolisch-tibetische Geser-Epos ist die episch-literarische Erscheinung des paläolithisch-eurasischen schamanischen Erbes. Die verschiedenen Pferde Gesers (besonders Kyang-go-Karkar) werden als episches Lebendigwerden des schamanischen Reit-/Pferdemotivs gelesen. Wie Walther Heissig in seinem Werk The Religions of Mongolia (1980) zeigt, ist das Geser-Epos keine bloß literarische Fiktion; es ist die mündlich-epische Aufzeichnung der mongolisch-tibetischen schamanischen Praxis. Dies ist das paradigmatische Beispiel jenes eurasischen Kulturmusters, in dem sich Epos-Mythos und schamanische Praxis verflechten.
Derselbe Grund zeigt sich auch im türkisch-anatolischen Köroglu-Epos (siehe die Notiz Kirat (das Köroglu-Pferdesymbol)); Kirats vierzigtägige Erziehung im Dunkeln ist die epische Spiegelung der paläolithisch-schamanischen Initiation. Dies ist ein Beispiel für die Kristallisierung der schamanischen Praxis im Epos-Mythos.
Detaillierte historisch-ethnografische Dokumente
Die systematische Dokumentation des Reit-/Pferdemotivs des türkisch-mongolischen Schamanismus begann mit den Arbeiten russischer Ethnografen des späten 18. und des 19. Jahrhunderts. Diese Aufzeichnungen sind, da sie angefertigt wurden, als die Tradition noch lebendig war, unschätzbare historische Dokumente.
Wilhelm Radlov und die frühen Aufzeichnungen
Friedrich Wilhelm Radlov (Wassili Wassiljewitsch Radlov, 1837–1918) war ein deutschstämmiger russischer Akademiker; er gehört zu den Begründern der systematischen Feldforschung über die türkischen Sprachen und Völker. Sein mehrbändiges Werk Proben der Volkslitteratur der türkischen Stämme Süd-Sibiriens (1866–1907) stellte die schamanisch-folkloristisch-mythischen Texte von Völkern wie den Altai-Telengiten, Schoren, Chakassen, Tuwinern, Jakuten, Sagaiern und Katschinern erstmals der europäischen Akademie vor. In Radlovs Aufzeichnungen werden das Reit-/Pferdemotiv, die Trommelanfertigung und das Protokoll der Trance-Praxis sehr ausführlich wiedergegeben.
A. V. Anohins Materialy po schamanstvu u altajcev
Andrei Wiktorowitsch Anohin (1869–1931) legte die systematische Monografie des altaischen Schamanismus in seinem Werk Materialy po schamanstvu u altajcev (1924) vor. Diese Arbeit ist das vollständige Protokolldokument der Trance-Praxis des kam: Trommelanfertigung (Anfertigung des tüngür), Kostüm (Kalpak, Manyak), Trance-Ritual, Aufstieg zu den Himmelsschichten, Begegnung mit Ülgen, Rückkehr, Heilung von Krankheiten. Anohins Aufzeichnungen sind die Grunddokumente der modernen akademischen Schamanismus-Forschung.
Pertev Naili Boratav und die anatolisch-türkische Folklore-Verbindung
Pertev Naili Boratav belegte in den anatolisch-türkischen Folklore-Studien die Spuren des sibirisch-schamanischen Erbes. In Werken wie 100 Soruda Türk Folkloru (1969), Türk Folkloru (1973) und Halk Edebiyati Dersleri (1942) zeigte er über den anatolischen Kult der Heiligengräber, die Heiler-Familien (ocak), das Wissen um Heilpflanzen, die Volkszauberei und die Gebets-Talisman-Praktiken, wie das sibirisch-türkische schamanische Erbe in Anatolien fortlebt.
Zeitgenössische tuwinisch-jakutische Studien
In der zweiten Hälfte des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde die akademische Dokumentation der lebendigen schamanischen Traditionen in Tuwa und Jakutien betrieben. Mongusch Kenin-Lopsan, Galsan Tschinag, Ljudmila Kuzmina, Robert Beahrs, Eveline Lot-Falck, Roberte Hamayon — diese Forscher haben gezeigt, dass das schamanische Reit-/Pferdemotiv bis in die Gegenwart eine lebendige Kontinuität aufweist. Noch heute arbeiten in der Stadt Kysyl in Tuwa professionelle Schamanen aktiv und führen die Trommel-Trance-Praxis aus.
Die philosophisch-metaphysischen Dimensionen des schamanischen Reit-/Pferdemotivs
Kosmische Achse und Transzendenz
Der zentrale Begriff des schamanischen Reit-/Pferdemotivs ist die kosmische Achse (axis mundi) — also der vertikale Weg, der die Schichten des Kosmos miteinander verbindet. Das Reit-/Pferdetier ist das Reittier dieses Weges; weder der Weg selbst noch das Ziel des Weges, sondern das Mittel, das den Weg zurücklegt.
Dieser Aufbau ist strukturell mit der Lehre des klassischen Sufismus vom sair u sulūk (der geistigen Reise) verwandt. Auch im klassischen Sufismus hat der Wanderer (sālik) seinen geistigen Weg (sulūk), seinen geistigen Führer (murschid) und sein geistiges Ziel (wuṣla). Das schamanische Motiv hebt im Unterschied zu dieser Dreiheit das geistige Reittier (Pferd-Trommel) hervor; der klassische Sufismus verinnerlicht dies in der Kategorie der himma (geistigen Konzentration).
Das geistige Mittel der Bewusstseinsveränderung
Das schamanische Reit-/Pferdemotiv ist das paradigmatische Beispiel der Kategorie des materiellen Mittels der Bewusstseinsveränderung. Die Trommelschläge, ein rhythmischer Klangreiz, stützen das Erreichen der Trance-Schwelle. Dies lässt sich im modernen Dialog von Wissenschaft und Philosophie mit dem Begriff des substrate shift (der Substrat-Verschiebung) erklären: Die Bewusstseinserfahrung ist in eine bestimmte Konfiguration der Leibesmineralogie (besonders der Neurochemie) eingebettet; der rhythmische Klangreiz erschüttert diese Konfiguration und ermöglicht den Übergang zu neuen Bewusstseinsschwellen.
Roland Fischers Modell der cartography of inner space (Kartierung des inneren Raums, 1971) und Stanislav Grofs Modell der holotropic states (holotropen Bewusstseinszustände) sind die Entsprechungen der schamanischen Trance-Praxis in der modernen Wissenschaftssprache. In diesen Modellen wird der Pferd-Trommel-Rhythmus als eines der wirksamen praktischen Mittel zum Erreichen der Trance-Schwelle behandelt.
Schamanische Wissenserlangung
Das vom Schamanen in der Trance-Welt erlangte Wissen (Hellsichtigkeit, Vorhersage, Krankheitsdiagnose, das Finden verlorener Gegenstände) wurde im Rahmen des modern-positivistischen Wissenschaftsverständnisses in die Kategorie des Aberglaubens verworfen. Doch zeigen die zeitgenössischen Paranormalforschungen (besonders das PEAR-Labor von Princeton, die remote viewing-Studien von Russell Targ und Hal Puthoff, die Psi-Phänomen-Statistiken von Dean Radin), dass die schamanischen Praktiken der Wissenserlangung nicht völlig verworfen werden können und Daten hervorbringen, die die Grenzen der Wissenschaftsphilosophie hinterfragen.
Dies ist ein Hinweis darauf, dass die schamanische Reit-/Pferdepraxis im modernen Dialog von Wissenschaft und Philosophie als ein beachtenswerter alternativer Wissensweg behandelt werden kann. Freilich ist dies kein einseitiger Vorbehalt; die komplexe Natur des Dialogs von Tradition und Wissenschaft schließt sich weder mit reiner Parteinahme noch mit reiner Verwerfung.
Die Kontinuität des schamanischen Erbes in der türkisch-islamischen Kultur
Ahmed Yesevi und die Turkestan-Zentralasien-Ader
Ahmed Yesevî (ca. 1093–1166) ist ein großer Mystiker, der in Turkestan lebte; er ist der Begründer des Yesevî-Ordens. Die Yesevî-Linie ist eines der ersten großen Beispiele, die das paläolithisch-türkische schamanische Erbe im Rahmen des islamischen Sufismus synthetisieren. Die Dichte der Reit-/Pferdereise-Metaphern in seinem Divân-i Hikmet ist die lebendige Erscheinung dieser paläolithischen Schicht.
Persönlichkeiten wie Hakim Ata, Süleyman Hakim Ata, Mansur Ata und Said Ata, die Nachfolger Yesevîs sind, sind die Glieder des Kanals, der das paläolithisch-türkische schamanische Erbe nach Anatolien trug. Über diese Linie fügten Haci Bektasch Velî und Yunus Emre das geistige Erbe Ahmed Yesevîs dem anatolischen Sufismus hinzu.
Haci Bektasch Velî und der anatolische Volkssufismus
Haci Bektasch Velî (ca. 1209–1271) ist ein großer Scheich, der aus Chorasan nach Anatolien kam; er wird als Pîr der bektaschitisch-alevitischen Tradition verortet. In den meisten der in seiner Velâyetnâme erzählten Wundergeschichten finden sich Reitkunst-Wunder: die wunderbaren Reisen des Pîrs auf seinem Pferd, das Überqueren des Wassers durch das Pferd, sein Fliegen über Felsen, sein Zusammenfalten von Entfernungen mit Blitzesgeschwindigkeit.
Diese Motive zeigen die Synthese der klassisch-islamischen Wunderliteratur mit dem paläolithisch-türkischen Reit-/Pferdemotiv. In der bektaschitischen Hymnentradition setzt sich das Pferdemotiv fort; besonders in den Hymnen Pir Sultans aus dem 16. Jahrhundert ist das Reit-/Pferdemotiv zentral.
Alevitischer Semah und schamanisches Reit-/Pferdesymbol
In der alevitisch-bektaschitischen Cem-Praxis wird der Semah (eine tanzbasierte Trance-Praxis) ausgeführt. Unter den Bewegungsfiguren des Semah finden sich Motive wie der Kranich-Semah, der Kirat-Semah und das Flügelausbreiten. Besonders der Kirat-Semah ist die unmittelbare lebendige Spiegelung des paläolithisch-schamanischen Reit-/Pferdemotivs. Der Semah-Tänzer führt die Drehfiguren in der Imagination einer Reise auf dem Kirat-Reittier zu den himmlischen Schichten aus.
Diese Parallele ist der Beweis dafür, dass das paläolithische Erbe über einen anderen Kanal als die mevlevitische Sema fortlebt. Der alevitisch-bektaschitische Cem vollzieht sich anstelle des klassischen Ordens-Konvents im Raum des Cemevi, in einem stärker gemeinschaftlichen Kontext; und dies steht der sozialen Struktur der paläolithisch-türkischen Stammes-Schamanenpraxis näher als das mevlevitisch-medresisch-konventuelle Modell.
Modern-akademische Reflexionen
Mihály Hoppál und der vergleichende Schamanismus
Der ungarische Ethnograf Mihály Hoppál hat in Arbeiten wie Schamanismus heute (1998) und Shamans and Traditions (2007) die vergleichende Analyse der eurasischen schamanischen Traditionen vorgelegt. Die ungarisch-türkisch-mongolisch-sibirische schamanische Verwandtschaft wird in Hoppáls Arbeiten ausführlich behandelt. Diese Arbeiten schlagen den Mittelweg der Eliade-Hamayon-Polarität vor: weder eine universell-paläolithische Einzelkategorie noch regional-völlig unabhängige Isolationen; im Gegenteil, ein gegenseitig verwandter, aber eigenständiger eurasischer schamanischer Komplex.
Roberte Hamayon und die These vom Jäger-Gesellschaft-Schamanismus
Roberte Hamayon verteidigt in ihrem Werk La chasse à l'âme (1990), dass der sibirische Schamanismus eng mit der Struktur der Jägergesellschaft verbunden ist. Die schamanische Trance ist keine rein abstrakte Theologie; im Gegenteil, sie ist der kosmische Schlüssel der Ökonomie des Tausches von Jagdbeute, Fruchtbarkeit und Leben. In Hamayons Deutung wird das Reit-/Pferdemotiv im Kontext der Verfolgung der Beute (des Nachlaufens hinter den Jagdtieren) gelesen; der Schamane wandert als Verfolger der Beute in der Trance-Welt.
Diese Lesart begrenzt nicht die klassische geistig-symbolische Deutung, erinnert aber an den ökonomisch-praktischen Grund. Das schamanische Reit-/Pferdemotiv ist keine rein abstrakt-spirituelle Kategorie; es ist die kosmische Repräsentation der nomadisch-jägerischen Lebensweise.
Carlo Ginzburg und die schamanischen Überreste Europas
Der italienische Historiker Carlo Ginzburg liest in seinem Werk Storia notturna: Una decifrazione del Sabba (1989; englisch Ecstasies: Deciphering the Witches' Sabbath) die mittelalterlich-europäischen Hexenpraktiken als unterirdische Kontinuitäten des paläolithisch-eurasischen schamanischen Erbes. Dass sich in den Traditionen von Gruppen wie den Benandanti (den gutwilligen Hexen im Friaul) das Reit-/Pferdemotiv mancherorts findet, ist der Beweis dafür, dass das paläolithisch-türkisch-schamanische Erbe bis nach Europa hineinreicht.
Dies zeigt, dass die europäisch-eurasische Kulturgeschichte verbundener ist, als wir meinen, und dass die Grenzen unter der paläolithischen Schicht verschwimmen.
Dialog mit zeitgenössischen geistigen Bewegungen
Neo-Schamanismus (die Michael-Harner-Linie)
Michael Harner entwickelte in seinem Werk The Way of the Shaman (1980) den Begriff des core shamanism (Kern-Schamanismus); er versuchte, die gemeinsamen Kernpraktiken des eurasisch-sibirisch-amerikanischen schamanischen Erbes in den Westen zu übersetzen. Diese Bewegung war keine rein akademische Sache; sie war praxis-anwendungszentriert. Heute werden weltweit core shamanism-Workshops abgehalten, und zur Begleitung des Trommelrhythmus werden journeying-Praktiken (Reisepraktiken) ausgeführt.
Das Verhältnis dieser Bewegung zur türkisch-schamanischen Tradition ist komplex. Einerseits ist die Bemühung, das paläolithische Erbe in die moderne Zeit zu tragen, wertvoll; andererseits kann es eine von der Tradition losgelöste, in die Konsumkultur eingefügte Form sein. Kritiker (besonders Robert Wallis, Shamans/Neo-Shamans, 2003) bezeichnen diese Bewegung als cultural appropriation (kulturelle Aneignung).
Die authentischen Ketten der türkisch-mongolisch-sibirischen schamanischen Tradition zu kennen — also der unmittelbare Kontakt mit wirklichen tuwinisch-jakutischen Schamanen, die ernsthafte Lektüre der ethnografisch-akademischen Quellen — öffnet dem modernen Menschen eine authentische Tür. Die Schwierigkeit bei synthetischen Gebilden wie dem core shamanism ist, dass die authentische Tiefe mancherorts verdeckt wird.
Die Wiederentdeckung des schamanischen Erbes in türkisch-anatolischen geistigen Kreisen
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat in den türkisch-anatolischen geistigen Kreisen der Prozess der Wiederentdeckung des paläolithisch-türkischen schamanischen Erbes begonnen. Dieser Prozess schreitet über mehr als einen Kanal voran:
- Der akademische Kanal: Die universitätsbasierte Forschung zum türkisch-mongolischen Schamanismus nimmt zu.
- Der Folklore-Kultur-Kanal: die Dokumentation des lebendig-folkloristischen Erbes der Yörük-Stämme, die Sammlung mündlicher Erzählungen.
- Der geistig-sufische Kanal: die Neulesart des Dialogs der Yesevî-Bektaschî-Mevlevî-Linien mit dem paläolithisch-schamanischen Erbe.
- Der modern-spirituelle Kanal: in einem Spektrum, das von der historischen Perspektive Halil Inalciks bis zur geistig-praktischen Betonung Cemalnur Sarguts reicht, die Bemühungen um die Anpassung des paläolithischen Erbes an das zeitgenössische Leben.
Der gemeinsame Nenner dieser Arbeiten in mehreren Kanälen ist folgender: Das paläolithisch-türkische schamanische Erbe ist keine rein folkloristische Vergangenheit, sondern eine der geistigen Reise des modernen türkischen Menschen offene Quelle. Das sorgfältige Schöpfen aus dieser Quelle ehrt sowohl die klassische Sufismus-Doktrin als auch das paläolithisch-archetypische Erbe mit der ihnen gebührenden Achtung.
Schlusswort: Das Reit-/Pferdetier in sich selbst finden
Das schamanische Reit-/Pferdesymbol ist eine der ältesten und lebendigsten geistig-praktischen Kategorien der paläolithisch-eurasischen Kosmovision. Seine Anpassung an die moderne geistige Praxis erfordert weder neo-schamanische Romantisierung noch einen völligen Bruch mit der klassischen Doktrin.
Für den modern-türkisch-anatolischen Menschen sind die lebendigen Quellen des Archetyps des schamanischen Reit-/Pferdetiers folgende:
- Die mevlevitische Sema: der Ort, an dem der klassische Sufismus das paläolithisch-schamanische Erbe beherbergt.
- Der alevitisch-bektaschitische Semah: die lebendige Erscheinung des paläolithischen Erbes in Formen wie dem Kirat-Semah.
- Die Yesevî-Bektaschî-Linie: die sufische Verinnerlichung des paläolithischen turkestanisch-anatolischen Erbes.
- Der zeitgenössische lebendige tuwinisch-jakutische Schamanismus: die bis in die Gegenwart reichende lebendige Erscheinung des unmittelbaren paläolithischen Erbes (begrenzter Zugang).
- Die akademisch-ethnografischen Quellen: Eliade, Roux, Boratav, Ögel, Hoppál — um das paläolithische Erbe systematisch zu lesen.
Indem er sich aus diesen fünf Kanälen nährt, kann der moderne Mensch sein eigenes inneres Reit-/Pferdetier finden. Dieses Reittier ist kein äußeres physisches Pferd; es ist ein innerer, archetypischer Kanal. Sein Trommelrhythmus ist unser eigener Herzschlag. Seine Reise durch die Schichten sind unsere eigenen Schwellen der Bewusstseinsveränderung. Seine Führung sind unsere eigenen inneren Eingebungen. Diesen Kanal zu entdecken heißt, das paläolithisch-eurasische geistige Erbe in unserem modernen Leben neu zu beleben.
Die große Kette, die sich von Pasyryk zum Sema-Saal von Konya, vom altaischen kam zum modernen tuwinischen Schamanen, von den Pferden Kül Tigins zum Pferdebild Yunus Emres, von Köroglus Kirat bis zur Drehung des mevlevitischen Semâ-Drehenden um seine eigene Achse erstreckt, ist eine der paläolithisch-tiefen Errungenschaften der türkisch-anatolischen Zivilisation. Das schamanische Reit-/Pferdesymbol in unserem eigenen inneren Reittier wiederzufinden, heißt, ein lebendiges Glied dieser Kette zu sein.
Die Reflexionen des schamanischen Reit-/Pferdemotivs in der mevlevitischen Sema-Praxis: Eine Vertiefung
Die mevlevitische Sema-Praxis ist eine der ausgefeiltesten und systematischsten Trance-Praktiken des geistigen Erbes der Welt. Dieser Abschnitt behandelt die Parallele zwischen der mevlevitischen Sema und dem schamanischen Reit-/Pferdesymbol im Einzelnen.
Der klassische Aufbau der Sema
Die mevlevitische Sema besteht aus fünf verschiedenen Selâm-Teilen. Jeder Selâm symbolisiert eine Stufe der geistigen Reise:
- Der erste Selâm: dass der Wanderer (sālik) des Wahren gewahr wird; Neugeburt.
- Der zweite Selâm: dass der Wanderer das vom Wahren erschaffene Universum kontempliert; Versinken in Bewunderung.
- Der dritte Selâm: dass der Wanderer in der Liebe außer sich gerät; der Zustand des fanā.
- Der vierte Selâm: die Erfahrung des Einsseins des Wanderers mit dem Wahren; wuṣla.
- Der fünfte Selâm (in manchen Quellen einbegriffen): die Rückkehr des Wanderers in diese Welt; baqāʾ bi-llāh.
Diese fünfstufige Reise ist strukturell ebenbürtig mit dem schamanischen Aufstieg zwischen den kosmischen Schichten. In der Sema scheint der Semâ-Drehende sich an einem einzigen Punkt zu drehen; doch der klassischen Sufismus-Doktrin zufolge reist er innerlich zwischen den kosmischen Schichten.
Die Symbolik des Semâ-Kostüms
Das Kostüm des Semâ-Drehenden trägt eine vielschichtige Symbolik:
- Die Sikke (die hohe konische Mütze): Sie repräsentiert das Ego; während der Sema tritt das Nichts an seine Stelle. Auch das schamanische Kostüm enthält eine besondere Kopfbedeckung (Kalpak, Manyak); dieselbe Funktion.
- Die Tennûre (der lange weiße Rock): Sie repräsentiert das Leichentuch des Wanderers; während der Sema wird die Erfahrung des Sterbens vor dem Tod (mūt qabla'l-maut) durchlebt. Auch das Kostüm des Schamanen trägt zuweilen das Motiv von Tod und Wiedergeburt.
- Die Hirka (das Übergewand): Sie repräsentiert die weltliche Hülle des Wanderers; während der Sema wird sie abgelegt. Auch beim Schamanen ist es verbreitet, dass er vor der Sema seine äußeren Hüllen teilweise ablegt.
Die musikalische Begleitung
In der Sema spielt das Ensemble Ney-Kudüm-Rebab. Der Ney ist als Klang der Trennung der Doktrin Mevlânâs zentral; im ersten Vers des Mathnawî heißt es: „Bischnev ez ney tschun hikâyet mîkuned, ez dschüdâyî hâ schikâyet mîkuned" (Höre auf die Rohrflöte, wie sie Geschichten erzählt, wie sie über die Trennungen klagt). Der Kudüm ist ein rhythmisches Schlaginstrument aus der Familie der Trommel; sein rhythmisches Tempo zeigt eine unmittelbare Parallele zum schamanischen Trommeltempo.
Dies zeigt mit Nachdruck, dass der in der mevlevitischen Sema spielende rhythmische Akzent die islamisierte sufische Erscheinung des paläolithisch-türkisch-schamanischen Trommelrhythmus ist. Wird die rhythmische Struktur der mevlevitischen Mukâbele (der vollprotokollierten Ausführung der Sema-Praxis) analysiert, so zeigt sich, dass sie ein ähnliches Spektrum aufweist wie die Frequenzbereiche, welche die moderne rhythmisch-akustische Forschung für die schamanischen Trommelschläge ermittelt hat.
Die geistig-pädagogische Dimension der Sema
Im mevlevitischen Orden ist die Sema keine bloße Ausführung, sondern eine geistige Erziehungspraxis. Der Semâ-Anwärter durchläuft einen langen Erziehungsprozess. Diese Erziehung ist ein 1001 Tage währender Prozess namens Çile (beständige Klausur, Gottesdienst, Dienst). In dieser Zeit lebt der Anwärter im Konvent, verrichtet verschiedene Hausarbeiten, erhält unter Aufsicht seines geistigen Führers eine innere Erziehung.
Am Ende der Çile-Zeit erwirbt der Anwärter das Recht, die Sema auszuführen; dies ist strukturell ebenbürtig mit dem paläolithisch-schamanischen Initiationsprozess. Auch der Schamanen-Anwärter wird lange unter Aufsicht des Meister-Schamanen erzogen, durchläuft verschiedene Prüfungen und erwirbt erst am Ende das Recht, seine eigene Trance-Praxis selbstständig auszuführen. Die strukturelle Parallele zwischen der mevlevitischen 1001-Tage-Çile und der sibirisch-schamanischen Initiation ist bemerkenswert.
Ein vertiefter Blick auf die leiblich-praktische Dimension
Eine der konkretesten Anpassungen des schamanischen Reit-/Pferdemotivs an die moderne geistige Praxis ist die Praxis, den Herzschlag als Trance-Reittier zu nutzen. Dies ist eine in moderner medizinisch-wissenschaftlicher Begleitung angepasste Version des paläolithischen Erbes.
Die innere Trance-Praxis mit dem Herzschlag
Die moderne biofeedback-Forschung (leiblich-rückmeldende Forschung) zeigt, dass zwischen der rhythmischen Wahrnehmung des Herzschlags und der Bewusstseinsveränderung eine unmittelbare Verbindung besteht. Die jahrelangen Arbeiten von Forschungseinrichtungen wie dem HeartMath Institute haben die bewusstseinsöffnende Kapazität herzkohärenter Atempraktiken aufgezeigt.
Diese moderne medizinische Wissenschaft ist die verinnerlichte Form der schamanischen Trommelpraxis. Die äußere Trommel des paläolithischen Schamanen und die innere Trommel (das Herz) des modernen Menschen erfüllen dieselbe Funktion über verschiedene Kanäle: das Öffnen der Bewusstseinsschwelle durch einen rhythmischen Reiz.
Praktischer Vorschlag: täglich 10–15 Minuten, in einer stillen Umgebung, die Hände auf die Brust legen und aufmerksam dem Herzschlag lauschen. Dies ist weder New-Age-Romantisierung noch klassisch-sufische Praxis; eine einfache Übung leiblicher Achtsamkeit. Beständig angewandt, öffnet sich der zur klassischen schamanischen Trommelpraxis parallele innere Kanal.
Atemrhythmus und Pferdeschritt
In der schamanischen Reit-/Pferdepraxis zeigt der Schritt-Trab-Galopp-Rhythmus der Pferd-Trommel eine parallele Struktur zu den Atemrhythmen:
- Der Schritt-Atem: normal-tief, 12–16 Atemzüge pro Minute.
- Der Trab-Atem: beschleunigt, 20–30 Atemzüge pro Minute (ähnlich dem klassischen bhastrika-Pranayama).
- Der Galopp-Atem: stark beschleunigt, 40–60 Atemzüge pro Minute (ähnlich dem klassischen kapalabhati-Pranayama).
Der bewusste Übergang zwischen diesen Atemrhythmen ist die Grundlage der klassischen Yoga-Praxis des Pranayama; und zugleich lässt er sich als die atemangepasste Form der paläolithisch-schamanischen Reit-/Pferdepraxis lesen. Der türkisch-mongolische Schamane lenkt zusammen mit dem Trommelrhythmus auch den Atemrhythmus bewusst; dieser mehrfache rhythmische Reiz öffnet die Bewusstseinsschwelle wirksam.
Trance mit Bewegung und Körper
Die mevlevitische Sema, der alevitische Semah, die sufische Hadra (das gemeinsame Gottesgedenken), die hinduistischen Tanz-Trance-Praktiken (besonders Theyyam in Kerala, Karagattam in Tamil Nadu), die afrikanischen Trance-Tänze (Vodun, Candomblé), die Visionssuche-Praktiken der Ureinwohner Amerikas — all diese verschiedenen kulturellen Praktiken sind Erscheinungen der Kategorie des Öffnens des Bewusstseins durch Bewegung des Körpers. Das schamanische Reit-/Pferdemotiv ist die paläolithisch-eurasisch-türkische Form dieser weiten Kategorie.
Die modernen Bewegungen der somatic awareness (leiblichen Achtsamkeit) und der embodied meditation (den Körper einbeziehenden Meditation) sind die zeitgenössischen Erscheinungen dieses paläolithischen Erbes. In der modern-türkisch-anatolischen geistig-praktischen Tradition sind die mevlevitische Sema und der alevitische Semah die klassischen Erscheinungen dieses Kanals; die im zeitgenössischen Westen entstandenen strukturierten Tanzpraktiken wie 5Rhythms, Biodanza und Movement Medicine sind an denselben Grund mit verschiedenen kulturellen Färbungen angepasst.
Etymologische und linguistische Anmerkungen
Wie das schamanische Reit-/Pferdemotiv in den türkisch-mongolischen Sprachen ausgedrückt wird, ist ein wichtiger Beweis für die Tiefe des Erbes.
Das türkische Wort Kam
Alttürkisch kam (in den sibirischen Turksprachen qam, jakutisch xam, tuwinisch xam) ist ein aus dem Urtürkischen ererbtes Wort. Das Verb kam- steht mit der Bedeutung „heilen, die Seele heilen" um dieselbe Wurzel. Auch das Verb kamlaschmak (zum kam werden, schamanisch werden) ist im Alttürkischen gebräuchlich.
Ein interessanter Punkt: Im modernen Türkei-Türkisch wird das Wort kam praktisch nicht verwendet; gebräuchlich ist schaman (das aus dem Tungusischen in die Welt verbreitete Wort). Dies ist die sprachliche Erscheinung des Bruchs der modern-türkisch-anatolischen Kultur mit dem paläolithisch-türkischen kam-Erbe. In der Yörük-Folklore überdauern mancherorts Wörter wie kam-ana (weise alte Frau, Volksheilerin).
Das mongolische Wort Böö
Mongolisch böö (für die Schamanin udagan) ist ein zu türkisch kam paralleles Wort. Das Verb bögelemek bedeutet „schamanisch werden, die Trance-Praxis ausüben". Die lebendige Kontinuität des paläolithischen Erbes in der mongolischen Kultur ist durch die zeitgenössischen schamanischen Wiederbelebungsbewegungen in der modernen Mongolei belegt.
Das jakutische Wort Oyuun
Jakutisch oyuun (für die Schamanin udagan) ist höchstwahrscheinlich ein paläolithisches Wort; seine etymologische Herkunft ist ungewiss. Der jakutische Schamanismus gilt als eine der entwickeltsten Erscheinungen des eurasischen Schamanismus; und die jakutische Pferdemythologie (besonders Cogusugun Aiyyy — der Himmelspferd-Schöpfer) bietet die theologisierte Form des Reit-/Pferdemotivs.
Die Trommelnamen und die Pferdeverbindung
Die Namen der Trommel und die Pferdeverbindung in den türkisch-mongolischen Sprachen sind bemerkenswert:
- Türkisch tüngür / düngür: die Funktion des Reit-/Pferdetiers.
- Jakutisch düngür: „das Reittier, das die Knochen des Pferdes hat".
- Tuwinisch düngür: die Pferd-Trommel, das Reittier des kam.
- Burjatisch xese: die Pferd-Trommel, die tibetisch-buddhistisch beeinflusste Version.
Diese vielfältige Namensfamilie ist ein sprachlich-lebendiges Dokument des paläolithischen Erbes.
Die Kontinuität des schamanischen Erbes in den türkisch-anatolischen Volkstraditionen
Die Spuren des paläolithisch-schamanischen Erbes in den türkisch-anatolischen Volkstraditionen treten bei aufmerksamem Blick aus jedem Winkel hervor.
Die Heiler-Familien (ocak) und die Volksheilkunde
In verschiedenen Regionen Anatoliens leben Heiler-Familien (ocak); diese Familien tragen das Wissen zur Heilung bestimmter Krankheiten von Generation zu Generation (Heiler-Familie für Knochenschmerz, für Wundrose, für Epilepsie, für den bösen Blick usw.). Die Arbeiten von Pertev Naili Boratav und Ali Selami Yildiz haben gezeigt, dass diese Heiler-Tradition die islamisierte Volksversion der paläolithisch-türkischen Schamanen-Heilpraxis ist.
Ein Heiler-Fachmann spricht Gebete, fertigt Talismane, tanzt in manchen Fällen oder führt rhythmische Schläge aus; die paläolithisch-schamanischen Ursprünge dieser Praxis sind offenkundig. Die Praxis, zum ocak zu gehen, ist im ländlichen Anatolien noch lebendig, wenn das moderne medizinische System unzureichend bleibt.
Der Besuch der Heiligengräber (yatir-türbe)
Die Praxis des Besuchs der Heiligengräber und Heiligenmausoleen (yatir-türbe-evliyâ) in Anatolien wird von Modernen meist als rein islamische Praxis wahrgenommen. Doch ist diese Praxis, wie die Arbeiten von Boratav-Yildiz-Ocak zeigen, die islamisierte Version der paläolithischen Praxis des Besuchs des Ahnengeistes. Der Ort des Heiligengrabes ist meist ein antiker heiliger Ort; das Protokoll, das der wunschtragende Besucher an ihm ausführt (Wünsche aufschreiben, Kerzen anzünden, Opfer darbringen, Gebete sprechen), sind die Volksüberreste der paläolithisch-türkischen Praktiken.
Hidrellez und der Jahreszeitenübergang
Hidrellez (6. Mai) ist ein im klassisch-islamischen Kanon nicht verzeichnetes, aber im türkisch-anatolischen Volksislam zentrales Fest. Die Wurzeln dieses Festes reichen über das Motiv der Begegnung von Hizir und Ilyas hinaus bis zu den paläolithisch-türkischen Ritualen des Jahreszeitenübergangs. Das Springen über das Feuer am Hidrellez, das Binden von Papier an einen Wasserstrauch, das Wünschen — all dies sind die Volkserscheinungen der paläolithisch-türkischen schamanischen Praxis.
Fazit: Das ganzheitliche Gefüge dreier Notizen
Diese dreiteilige Reihe (türkische Pferdekultur und Spiritualität, Kirat (das Köroglu-Pferdesymbol) und die vorliegende Notiz) untersucht die geistige Dimension der türkischen Pferdekultur in drei verschiedenen Brennpunkten:
- Die allgemeine Pferdekultur: eine umfassende geistig-spirituelle Lesart der jahrtausendealten Pferdegefährtenschaft der türkischen Zivilisation.
- Die episch-literarische Erscheinung: die episch-mythisch-archetypische Analyse des Paares Köroglu-Kirat.
- Die schamanisch-praktische Erscheinung: die Behandlung des Reit-/Pferdemotivs als symbolischer Kanal der Trance-Praxis.
Werden diese drei Brennpunkte zusammen gelesen, so ergibt sich eine ganzheitliche Karte des geistigen Erbes der paläolithisch-eurasisch-türkischen Pferdekultur. Diese Karte steht als lebendige Quelle auf der geistig-inneren Reise des modern-türkisch-anatolischen Menschen.
Das tiefste Geschenk des schamanischen Reit-/Pferdesymbols an die moderne geistige Praxis ist folgendes: Der Mensch ist kein rein abstrakt-geistiges Wesen; im Gegenteil, er öffnet sich als leiblich-rhythmisch-lebendiges Wesen der geistigen Transzendenz. Der Rhythmus der Trommel, der Schlag des Herzens, der Schritt des Fußes, die Drehung des Tanzes, das Auf und Ab des Atems — all dies kann das Reittier der geistigen Reise sein. Das Reit-/Pferdetier zu entdecken heißt, diesen leiblich-rhythmisch-lebendigen geistigen Kanal zu entdecken.
Vergleichende Tabula: Schamanisches Reit-/Pferdesymbol und andere Trance-Praktiken
| Dimension | Türkisch-mongolischer Schamane | Mevlevitische Sema | Alevitischer Semah | Hinduistisch-vedisch | Vajrayana Chöd |
|---|---|---|---|---|---|
| Reittier | Pferd-Trommel (äußerlich) | Mensch selbst (inneres Reittier) | Kirat-Reittier (bildlich) | Geistiges Pferd (gedanklich) | Damaru (kleine Trommel) |
| Rhythmus | Schlag-Trommel (äußerlich) | Ney-Kudüm (äußerlich) | Saz-Zakir (äußerlich) | Vedische Śloka (mündlich-innerlich) | Damaru-Glöckchen (äußerlich) |
| Ort | Offene Steppe / Jurte | Konvent (Semâ-Saal) | Cemevi | Yajña-Stätte | Charnel ground / Berg |
| Topografie | 9-schichtiger Kosmos (Himmel-Erde-Unterwelt) | 5 Selâm-Stufen | 5–7 Dienst-Stufen | Kosmisch-Brahmā-Vishnu-Shiva | Geistige Bereiche (Mandala) |
| Führer-Geist | Pferdegeist, Ahnen-Totem | Murschid-i kâmil | Pîr-Murschid | Brahman-Rishi | Vajra-Guru |
| Ziel | Krankheit heilen, Wissen bringen | Wuṣla (Erreichen des Wahren) | Wuṣla (Erreichen des Wahren) | Kosmische Weisheit | Das eigene Ego auflösen und Buddha-Weisheit gewinnen |
| Dauer | Einige Stunden (meist) | Ein bis zwei Stunden | Ein bis zwei Stunden | Jahrelang (Ashvamedha) | Lebenslange Praxis |
| Geschichtlichkeit | Paläolithisch (40.000+ Jahre) | Beginn 13. Jh. | Beginn 13. Jh. | 1500+ v. Chr. | Beginn 11. Jh. |
Diese Tabula stellt die strukturellen Parallelen und Unterschiede der vielfältigen Erscheinungen der paläolithisch-eurasischen Trance-Praktiken auf einen Blick dar. Das Pferd-Trommel-Reittier-Motiv des türkisch-mongolischen Schamanen ist eine der ältesten und lebendigsten Schichten dieses Spektrums; es liefert den paläolithischen Grundboden der späteren Erscheinungen (Mevlevî, Alevî, Vajrayana).
Das schamanische Reit-/Pferdesymbol im gegenwärtigen Dialog von Wissenschaft und Philosophie
Die neurowissenschaftliche Perspektive
Die zeitgenössische Neurowissenschaft belegt die Wirkungen rhythmischer Klangreize auf die Gehirnfrequenzen im Einzelnen. Diese werden als Beta (13–30 Hz, Zustand der bewussten Aufmerksamkeit), Alpha (8–13 Hz, Zustand entspannter Wachheit), Theta (4–8 Hz, tief-meditativer Zustand) und Delta (0,5–4 Hz, Schlafzustand) klassifiziert. Der schamanische Trommelrhythmus liegt typischerweise im Bereich von 4–7 Hz; dies fällt genau auf den Theta-Bereich. Das heißt, die schamanische Trommel ist ein optimaler Reiz, um das Gehirn in das Theta-Bewusstsein zu überführen.
Dieser neurowissenschaftliche Befund zeigt den wissenschaftlichen Grund der paläolithisch-schamanischen Praxis; die Schamanen haben vor Jahrtausenden auf empirisch-erfahrungsmäßigem Weg diese optimale Reizfrequenz gefunden und systematisiert.
Der anthropologisch-ethnologische Dialog
Die zeitgenössische Anthropologie und Ethnologie erkennt an, dass die Verwerfung der schamanischen Praktiken als bloßen Aberglauben epistemisch naiv ist. Eduardo Viveiros de Castros These des perspectivism (besonders Cannibal Metaphysics, 2014) wendet ein, dass der Schamanismus keine bloße Folklore-Kategorie, sondern ein alternativer ontologischer Rahmen ist. In diesem Rahmen organisieren sich die Kategorien Mensch-Tier-Geist in einer anderen Struktur als im Modell der westlichen Moderne; das schamanische Reit-/Pferdemotiv ist in dieser alternativen Ontologie eine kohärente Kategorie.
Der Dialog mit dem türkisch-islamischen Sufismus
Die klassische türkisch-islamische Sufismus-Doktrin ist dem Dialog mit dem paläolithisch-schamanischen Erbe gegenüber offen gewesen. Im geistigen Erbe der Linie von Mevlânâ, Haci Bektasch, Yunus Emre und Ahmed Yesevî sind die Spuren des paläolithisch-türkischen Erbes deutlich. Dies ist keine bloße Entlehnung, sondern die Integration der paläolithisch-türkischen Kosmovision in die islamische Doktrin über einen Prozess der ineinander verschränkten Übersetzung.
Diese Integration bietet dem modern-türkisch-anatolischen Menschen eine reiche geistige Quelle: einen ausgewogenen Dialog der klassischen Sufismus-Doktrin mit dem paläolithisch-archetypischen Erbe. Das schamanische Reit-/Pferdemotiv ist einer der lebendig-archetypischen Kanäle dieses Dialogs.
Zeitgenössische geistige Bewegungen: ein kritischer Blick
Authentisch vs. Konsumversionen
Das wachsende Interesse an schamanischen Praktiken in der modernen Welt zeigt eine zweiseitige Entwicklung — sowohl als Kontakt mit der authentischen Tradition als auch als kommerziell-konsumistische Versionen. Der zeitgenössische Konsumkapitalismus kann das paläolithische Erbe in Gestalt kurzzeitiger Workshops, kommerzieller Trommelproduktion und populärer Bücher darbieten. Dies birgt die Gefahr, das Erbe mancherorts zu veroberflächlichen.
Vorschläge für authentischen Kontakt:
- Zu den klassisch-akademischen Quellen zurückkehren (Eliade, Boratav, Ögel, Roux).
- Die klassischen Ordens-Praktiken des Mevlevî-Alevî-Bektaschî ernsthaft untersuchen.
- Unmittelbarer Kontakt mit den modernen lebenden tuwinisch-jakutisch-altaischen Schamanen (begrenzter Zugang).
- Die Überreste der türkisch-anatolischen Yörük-Stammesfolklore mit Achtung erforschen.
Die Debatte um kulturelle Aneignung (Cultural Appropriation)
In der Akademie des 21. Jahrhunderts hinterfragt die Debatte um cultural appropriation die Frage der Nutzung einheimischer Praktiken durch fremde Kulturen. Die Übertragung der türkisch-mongolisch-sibirischen schamanischen Praktiken in den Westen ist ein Teil dieser Debatte. Für den modern-türkisch-anatolischen Menschen ist dies eine vielseitige Frage: Einerseits lässt sich das paläolithisch-türkische Erbe als eigenes Abstammungserbe in Anspruch nehmen; andererseits kann dieser Anspruch, da die moderne türkische Kultur einen weitgehenden Bruch mit dem paläolithischen Erbe erlebt hat, mancherorts ironisch sein.
Lösungsvorschlag: in einen achtungsvollen, sorgfältigen, ernsthaften Dialog mit dem paläolithisch-türkisch-schamanischen Erbe zu treten. Dieser Dialog ist weder ein Besitzanspruch noch eine Entfremdung; im Gegenteil, er ist die ausgewogene Beziehung zwischen dem kollektiven Menschheitserbe und der individuellen geistigen Reise.
Schluss
Das schamanische Reit-/Pferdesymbol ist eine der tiefsten und lebendigsten Kategorien des paläolithisch-eurasisch-türkischen geistigen Erbes. Dieses Symbol an die zeitgenössische geistige Praxis anzupassen, erfordert eine gleichzeitige Achtung gegenüber der klassischen Sufismus-Doktrin, der modernen Wissenschaftsphilosophie und dem paläolithisch-archetypischen Erbe.
Für den modern-türkisch-anatolischen Menschen sind die konkretest-zugänglichen Kanäle des Archetyps des schamanischen Reit-/Pferdetiers die Praktiken der mevlevitischen Sema und des alevitischen Semah; sie sind die das paläolithische Erbe verinnerlichende Form des klassischen Sufismus. Eine ernsthafte Annäherung an diese Praktiken öffnet den modernen türkischen Menschen dem Kontakt mit dem paläolithisch-eurasischen kollektiven Unbewussten.
Die lebendige Weitergabe dieses Erbes ist keine bloße Folklore-Bewahrung; sie ist die Bemühung, die leiblich-rhythmisch-lebendigen geistigen Kanäle des modernen Menschen neu zu öffnen. Der Rhythmus der Trommel, der Schlag des Herzens, die Drehung des Semâ-Drehenden, die Figur des Semah-Tänzers, das Einschlafen und Erwachen des müden Wanderers auf dem Pferd, die Reise des Schamanen in der Trance-Welt — all dies sind Erscheinungen derselben universell-archetypischen Kategorie. Diese Kategorie zu entdecken heißt, die paläolithisch-eurasische Kosmovision im zeitgenössischen Leben neu zu beleben.