Schamanisches Todesritual
Die Gesamtheit der Rituale, mit denen in den schamanischen Traditionen Sibiriens, Zentralasiens, der amerikanischen Ureinwohner und Afrikas die Seele des Verstorbenen ins Jenseits geleitet wird (psychopompós-Funktion); ein Komplex von Riten, die mit ekstatischer Trance, Trommelrhythmus und der Symbolik des Weltenbaums vollzogen werden.
Definition und konzeptueller Rahmen
Das schamanische Todesritual ist der Sammelname für die komplexen Rituale, die in den verschiedenen indigenen (indigen) Spiritualitäten der Welt vollzogen werden — besonders bei den sibirischen Völkern der Tuwa, Burjaten, Jakuten, Tungusen, Ewenken und Tschuktschen; in den zentralasiatischen Traditionen der Altaier, Tuwiner, Chakassen, Kirgisen, Kasachen und der türkisch-mongolischen Kulturen; bei den verschiedenen indianischen Stämmen Nordamerikas (Lakota, Navaho, Mohawk, Anishinaabe u. a.); und in einigen Regionen Afrikas (Yoruba, San, Zulu, Kongo) —, um die Seele des Verstorbenen ins Jenseits zu geleiten (psychopompós-Funktion).
Das Wort „Schamane" ist im modernen akademischen Gebrauch vom Wort „saman" (türkisch: „shaman") der tungusischen Sprache (eines sibirischen indigenen Volkes) abgeleitet; es wurde erstmals im 17.–18. Jahrhundert von russischen Ethnographen in die europäische Literatur übertragen und im 20. Jahrhundert durch das klassische Werk Shamanism: Archaic Techniques of Ecstasy von Mircea Eliade — 1951 veröffentlicht und 1964 von Willard Trask ins Englische übersetzt — begrifflich systematisiert.
Nach Eliades Definition ist der Schamane: „Ein Ritualspezialist, der durch ekstatische Trance in die geistigen Welten reisen kann und seiner Gemeinschaft unter der Führung der Geister einen geistigen Dienst leistet." Die Grundfunktionen des Schamanen sind dreierlei:
- Heilung (das Zurückholen der verlorenen Seele, die den Kranken sucht)
- Wahrsagung (das Schauen der Zukunft oder verborgenen Wissens)
- Psychopompós (das Geleiten der Totenseele ins Jenseits)
Die dritte Funktion — psychopompós (griechisch: ψυχοπομπός, „Seelengeleiter") — steht im Zentrum des schamanischen Todesrituals. In der griechischen Mythologie wurde diese Funktion dem Gott Hermes zugeschrieben; das Beiwort psychopompós des Hermes im antiken Griechenland bringt den Nachhall der schamanischen Ursprünge in der Mittelmeerwelt zum Ausdruck.
Historischer Hintergrund
Das Alter des Schamanismus
Der Schamanismus ist nach dem modernen akademischen Konsens die älteste geistige Praxis der Menschheitsgeschichte. Archäologische Belege (jungpaläolithische Höhlenmalereien — Lascaux, Altamira, Chauvet — vor etwa 30.000–15.000 Jahren) zeigen, dass einige menschliche Figuren mit Tierköpfen oder in halb tranceartigen Posen dargestellt sind; diese werden als schamanische Figuren gedeutet. Die „Schamanen"-Figur von Lascaux (Frankreich, vor ~17.000 Jahren) ist die Darstellung eines vogelköpfigen, halb aufrechten Mannes; diese Figur gilt als eine der ältesten Darstellungen des Schamanen im Zustand ekstatischer Trance.
In der mesolithischen (vor 10.000 Jahren) und der neolithischen Periode (vor ~8.000–4.000 Jahren) ist zu erkennen, dass sich die schamanischen Praktiken systematisierten und sich mit dem Aufkommen der Stammesstrukturen die professionelle Schamanenrolle herausbildete. Mit Erreichen der Eisenzeit (1000 v. Chr.) sind in parallelen Formen bezeugt: in den zentralasiatischen Steppen die türkisch-mongolische schamanische Tradition, in Anatolien die religiösen Praktiken der Hethiter und Phryger, in Europa die keltischen Druiden (von denen man häufig annimmt, dass sie eine schamanische Komponente tragen), im Nordosten Chinas der mandschurische Schamanismus.
Sibirien: Die Wiege des klassischen Schamanismus
Das Hauptgebiet der akademischen Schamanismusforschung ist Sibirien. Mit der Kolonisierung Sibiriens durch das zaristische Russland im 18.–19. Jahrhundert haben deutsche, russische und skandinavische Ethnographen (besonders V. M. Michailowski, S. M. Schirokogorow, Uno Holmberg-Harva, Wilhelm Schmidt) die sibirischen Ureinwohner untersucht und das klassische Schamanismusmodell auf Grundlage dieser Arbeiten aufgebaut.
In Sibirien beginnt der Prozess des Schamanwerdens mit der Schamanenkrankheit (russisch: šamanskaja bolezn') — dies ist die Zeit, in der ein junger Mensch (gewöhnlich in der Pubertät) unerklärliche Krankheiten, Visionen und ekstatische Krisen erlebt. Die alten Schamanen deuten diese Krankheit als einen „Ruf" und nehmen den jungen Anwärter in Ausbildung. Die Ausbildung kann 7–12 Jahre dauern; der Anwärter muss durch eine Vision der „geistigen Zerstückelung" (dismemberment) hindurchgehen — durch die Vision, in der die Geister ihn in Stücke zerlegen und neu aufbauen. Diese Vision stellt die „Wiedergeburt" des Schamanen dar, das heißt, dass er durch seinen eigenen symbolischen Tod das Recht auf den Zugang zu den geistigen Welten erlangt.
Zentralasien: Die türkisch-mongolische schamanische Tradition
In den zentralasiatischen Steppen ist die schamanische Praxis, besonders im Rahmen des Tengrismus, ab dem 1. Jahrtausend v. Chr. überliefert. In der Kosmologie des „Tengri" — des Himmelsgottes — gibt es neun oder siebzehn Himmelsschichten und neun Erdschichten; der Schamane ist ein geistiger Wanderer, der zwischen diesen Schichten reist. Die erste systematische türkische Arbeit über den türkischen Schamanismus ist das Werk Türk Shamanizmi (Türkischer Schamanismus) von Abdülkadir Inan (1954); diese Arbeit synthetisiert chinesische Quellen, byzantinische Aufzeichnungen, arabisch-persische Historiker und moderne ethnographische Forschungen.
Die als „Kam" oder „baksi" bezeichneten türkischen Schamanen waren dafür verantwortlich, das „kut" (Lebensenergie/geistiger Wesenskern) des Verstorbenen ins Jenseits zu geleiten. Der Begriff „kut" ist strukturell den Begriffen des ägyptischen „ka", des polynesischen „mana" und des lateinischen „genius" verwandt — das geistige Lebensprinzip eines Menschen. In der türkisch-mongolischen Tradition verlässt das kut beim Tod den Leib; doch ohne das richtige Ritual findet das kut seinen Weg nicht, kann zurückkehren und die Familie heimsuchen (es kann sich an sie heften). Der Schamane wird deshalb gerufen.
Die Tradition der amerikanischen Ureinwohner
Die Todesrituale der nordamerikanischen Ureinwohner unterscheiden sich von Stamm zu Stamm, doch es gibt gemeinsame Themen:
- Lakota (Sioux): Die Seele des Verstorbenen reist entlang des „Wanagi Yata" — des Pfades der Geister (Milchstraße). Der Schamane („wičháša wakȟáŋ") hilft der Seele, diesen Weg zu finden.
- Navaho: Da die Seele des Verstorbenen als „chindi" zurückkehren kann, werden umfangreiche Reinigungsrituale durchgeführt. Der Schamane („hatáłii") leitet tagelange Zeremonien wie das „Nachtlied".
- Mohawk/Haudenosaunee: „Onhwentsia" — das Land der Geister — liegt im Osten, in Richtung des Sonnenaufgangs. Die Seele des Verstorbenen vereint sich hier mit den Vorangegangenen.
- Anishinaabe (Ojibwe): Die Totenseele teilt sich in zwei Komponenten, „Jiibay" (Schatten-Seele) und „Ojichaag" (Wesens-Seele); jede hat ihre eigene Reise.
In diesen Ritualen kommen Praktiken wie die heilige Pfeife (chanunpa), die Schwitzhütte (inípi/sweat lodge), die Visionssuche (hanbléčheyapi/vision quest) und der Sonnentanz (wiwáŋyaŋg wačhípi) in unterschiedlichem Maße vor.
Afrika und Lateinamerika
In der westafrikanischen Tradition der Yoruba geleitet der babalawo (Priester-Schamane) mit dem Ifa-Wahrsagesystem die Seele des Verstorbenen. Der Verstorbene kann als „egungun" — Ahnengeist — in die Gemeinschaft zurückkehren; dies ist die Grundlage jener Praxis, die als afrikanische „Ahnenverehrung" bezeichnet wird, in Wahrheit aber ein beständiger geistiger Dialog ist.
In Lateinamerika tritt der Schamane in den ayahuasca-Traditionen der Amazonasregion (besonders bei den Shuar, Shipibo-Conibo, Asháninka) als „ayahuasquero" in Trance, indem er einen starken Pflanzentrank (Ayahuasca — Banisteriopsis caapi + Psychotria viridis) trinkt, und geleitet die Seele des Verstorbenen mit Hilfe von Führergeistern „auf die andere Seite". Diese Praxis hat in den letzten 50 Jahren im Westen großes Interesse gefunden, jedoch zu ernsthaften ethischen Debatten geführt (kommerzielle Ausbeutung, kulturelle Aneignung, spiritueller Tourismus).
Die Struktur des Rituals
Auch wenn es in den verschiedenen Traditionen variiert, sind die allgemeinen strukturellen Phasen des schamanischen Todesrituals die folgenden:
1. Annahme des Todes und Vorbereitung des Leibes
Nachdem der Eintritt des Todes festgestellt ist (statt einer komplexen Einbalsamierung wie in Ägypten wird gewöhnlich eine einfachere Waschung und Schmückung vorgenommen), wird der Schamane gerufen. In einigen Traditionen — etwa im Bardo Thödol-Ritual Tibets — beginnt ein mit schamanischen Elementen geschmückter Leseprozess. In Sibirien setzt sich der Schamane neben den Leib, holt seine Trommel (jakutisch: „düngür"; burjatisch: „helmey") und seine Schellen hervor.
2. Übergang in den Trancezustand
Der Schamane nutzt verschiedene Techniken, um in den Trancezustand überzugehen:
- Trommelrhythmus: Etwa 4–7 Schläge/Sekunde (ein Rhythmus im „Theta-Bereich", der die Gehirnwellen in den Theta-Wellen-Zustand versetzt) — moderne neurowissenschaftliche Untersuchungen haben bestätigt, dass der monotone Trommelrhythmus tatsächlich im EEG tranceartige Wellenmuster erzeugt.
- Ekstatischer Tanz: spiralförmige, kreisende Bewegungen.
- Gesang (Jodeln/Icaros): das Herbeirufen der Geister mit bestimmten Melodien.
- Pflanzenstoffe (Entheogene): in Sibirien Amanita muscaria (Fliegenpilz); im Amazonas Ayahuasca; in Mexiko Peyote (Meskalin), Psilocybin-Pilze; in Südsibirien Wacholderräucherung.
- Hunger und Schlafentzug: in Nordamerika die Tradition der „vision quest" — mehrere Tage hungrig und allein zu bleiben.
Im Trancezustand löst sich die „Seele" des Schamanen vom Leib und begibt sich auf die geistige Reise. Dies steht im Zentrum von Eliades Formulierung der „ekstatischen Techniken": Der Schamane erlebt durch eine bewusste körperlich-geistige Praxis die Erfahrung, seinen Leib zu verlassen.
3. Die geistige Reise
Der Schamane reist im Zustand ekstatischer Trance in die „andere Welt". Diese Reise findet meist in einer dreidimensionalen Kosmologie statt:
- Obere Welt: die Himmelsschichten — Götter, Ahnengeister, Schutzgeister.
- Mittlere Welt: das geistige Pendant dieser unserer Welt — die Welt der lebenden Menschen und der Naturgeister.
- Untere Welt: die Unterwelt — das Reich der Toten, furchterregende Wesen, Krafttiere.
Die Kosmologie ist in vielen Traditionen um einen Weltenbaum (jakutisch: „Aal Luuk Mas"; skandinavisch: „Yggdrasil"; Maya: „Wakah-Chan"; slawisch: „Mirovo Drvo") herum organisiert. Der Schamane reist am Stamm oder in den Ästen dieses Baumes und wechselt so zwischen den Schichten.
4. Auffinden und Lenken der Totenseele
Der Schamane findet, wo sich die Totenseele befindet. In manchen Fällen ist die Seele:
- In der Nähe des Leibes verharrend (sie ist sich ihres Todes noch nicht bewusst).
- Versucht zurückzukehren (sie will ihre Angehörigen erreichen).
- Hat ihren Weg verloren (sie beherrscht die geistige Karte nicht).
- Wurde von einem Wesen aufgehalten (böser Geist, Fluch usw.).
Der Schamane erklärt der Seele, dass sie gestorben ist (von dieser Szene gibt es ausführliche Aufzeichnungen in den sibirischen Ethnographien — der Schamane spricht mit dem Verstorbenen: „Du bist nicht mehr hier, du musst in eine andere Welt gehen"). Dann geleitet er mit Hilfe seiner Führergeister die Totenseele ins Jenseits. Diese Reise tritt symbolisch im ekstatischen Tanz des Schamanen, in seinem gemurmelten Gesang und im Wogen des Trommelrhythmus zutage.
5. Beendigung des Rituals
Der Schamane kehrt wieder in den normalen Bewusstseinszustand zurück. Er gibt der Familie über den Zustand des Verstorbenen Auskunft: „Er hat seine Reise vollendet", „Er ist zu ihnen gelangt", oder manchmal „Es gibt Schwierigkeiten auf dem Weg, weitere Rituale werden nötig sein". Familie und Gemeinschaft schließen die Zeremonie mit einem gemeinsamen Mahl ab.
In einigen Traditionen — besonders in der türkisch-mongolischen „Trauer"-Tradition — wird das Ritual über 40 Tage hinweg in bestimmten Abständen wiederholt (der 40. Tag ist besonders wichtig; diese Zahl ist auch in den islamischen, christlichen und jüdischen Trauertraditionen parallel).
Geräte und Symbolik
Trommel (Drum)
Sie ist das universellste Gerät des schamanischen Rituals. Sie wird aus der über einen runden Rahmen gespannten Haut von Hirsch, Rentier oder Ziege gefertigt. In einigen Traditionen wird auf die Trommeloberfläche eine kosmologische Karte gezeichnet — Himmel, Baum, oberirdische Tiere und unterirdische Wesen werden mit symbolischen Figuren dargestellt. Die Trommel ist das „geistige Reittier" des Schamanen; ihr Schlagrhythmus trägt ihn in die anderen Welten.
Schamanengewand
Es ist ein besonderes Gewand, geschmückt mit Vogelfedern, Tierknochen, Metallspiegeln, Schellen und kleinen Figuren. Jedes Stück stellt einen Schutzgeist oder eine Kraft dar. Spiegel (besonders in der burjatischen Tradition) werden verwendet, um böse Geister zurückzuwerfen.
Stab / Stock (Symbol des einbeinigen Pferdes)
In einigen sibirischen Traditionen hält der Schamane einen einendigen Stab in der Hand; dies ist das Symbol des „einbeinigen Pferdes" — sein geistiges Reittier.
Masken und Bemalungen
In den Traditionen der amerikanischen Ureinwohner und Afrikas tragen die Schamanen Masken — diese Masken stellen geistige Wesen dar; der Schamane identifiziert sich, indem er sie trägt, mit diesen Wesen.
Vergleichende Perspektive
Schamanisches Todesritual ↔ Ägyptisches Totenbuch
Auch wenn sie auf den ersten Blick verschieden erscheinen, gibt es zwischen der altägyptischen Eschatologie und den schamanischen Todesritualen tiefe strukturelle Parallelen:
| Dimension | Schamanisch | Ägyptisch |
|---|---|---|
| Führerfigur | Schamane (lebend) | Anubis (Gott) + Papyrus (geschriebener Schamane) |
| Reise | körperlich, durch Trance | eigene Reise der Totenseele |
| Topographie | Weltenbaum, Schichtensystem | Duat, sieben Säle |
| Gericht | keines (oder minimal) | ausführliches Osiris-Gericht |
| Gefahren | den Weg versperrende Geister | Ammit, Torwächter |
| Paradies | Reich der Ahnengeister | Aaru-Gefilde |
Tatsächlich behaupten Forscher (besonders Walter Burkert in Greek Religion, 1985), dass die ägyptische Priester-Eschatologie ferne schamanische Wurzeln besitzt: Anubis ist ein schakalsköpfiger Gott — Spuren des schamanischen Theriomorphismus (Tiergestalt); dass der Verstorbene mit auf Papyrus geschriebenen Zauberformeln durch das Gericht gelangt, ist die schriftliche (literate) Version der Führung des Schamanen im Trancezustand. Das heißt, die ägyptische Eschatologie lässt sich als „schriftlicher Schamanismus" deuten.
Schamanisches Todesritual ↔ Bardo Thödol
Die Bardo Thödol-Tradition Tibets — besonders ihre Version, die Elemente Padmasambhavas und der Bön-Religion enthält — trägt deutlich schamanische Wurzeln. Die Bön-Religion (die vorbuddhistische indigene Religion Tibets) ist eine klassische zentralasiatische schamanische Tradition; als der Vajrayāna-Buddhismus im 7.–8. Jahrhundert nach Tibet kam, verschmolz die schamanische Struktur des Bön mit dem tantrischen Buddhismus. Die Praxis, das Bardo Thödol über 49 Tage hinweg von einem Lama am Haupt des Verstorbenen zu lesen, ist eine schriftliche Verwandlung der psychopompischen Funktion des Schamanen: Der Lama ist an die Stelle des klassischen Schamanen getreten, doch der Text wirkt weiterhin als Führerstimme.
Besonders in der „Chönyid-Bardo"-Phase (die strahlenden Lichter und dunklen Seiten der Wirklichkeit) ist die Liste der hundert friedvollen und zornvollen Gottheiten, denen der Verstorbene begegnen wird, das strukturelle Äquivalent der Gemeinschaft geistiger Wesen, denen der Schamane im Trancezustand begegnet.
Schamanisches Todesritual ↔ islamische Talqîn
In der klassischen islamischen Bestattungspraxis gibt es ein Ritual namens Talqîn (arabisch: تَلْقِين, „lehren/einprägen"). Nachdem der Verstorbene ins Grab gelegt wurde, stellt sich ein Angehöriger oder Geistlicher an das Grab und spricht mit lauter Stimme zum Verstorbenen folgende Worte:
O Soundso, Sohn von Soundso! Sprich: Mein Herr ist Allah. Sprich: Meine Religion ist der Islam. Sprich: Mein Prophet ist Muhammad (Friede sei mit ihm). Sprich: Meine Gebetsrichtung ist die Kaaba. Sprich: Mein Imam ist der Koran.
Dies ist traditionell eine „Erinnerung", damit der Verstorbene im Grabesverhör (im Verhör der Engel Munkar und Nakîr) die richtigen Antworten gibt. Manche modernen muslimischen Theologen betrachten diese Praxis zwar als bidʿa (Neuerung), doch in der traditionellen akademischen islamischen Jurisprudenz (schafiitische, malikitische, einige hanafitische Quellen) wurde sie für zulässig erachtet.
Die strukturelle Parallele zum schamanischen Todesritual ist auffällig: In beiden steht ein Lebender (Schamane oder Talqîn-Sprecher) am Haupt des Verstorbenen und übermittelt ihm mit lauter Stimme eine geistige Botschaft. Aus akademischer Sicht stützt diese Parallele Eliades These von der „Universalität der geistigen Praxis in ihrer Tiefenschicht".
Schamanisches Todesritual ↔ jüdisch-christliche Trauerpraktiken
Im Judentum die Schiwa (siebentägige Trauerzeit, im Talmud geregelt), im Christentum die Totenmesse (Requiem, Litúrgia eis kekoimēménon — „Messe für die Entschlafenen"), in der Ostorthodoxie die Panichida-Rituale — sie alle sind die durch zivilisierte religiöse Systeme institutionalisierten Formen der schamanischen psychopompischen Funktion. Die Worte des Priesters im christlichen Requiem „Gottes Barmherzigkeit sei mit ihm" sind in ihrer Absicht, die Reise des Verstorbenen zu erleichtern, strukturell mit dem Tun des Schamanen verwandt.
In der ostorthodoxen Tradition glaubt man an einen Reisezeitraum des Verstorbenen von 40 Tagen; während dieser 40 Tage werden Panichidas abgehalten. Dass die Zahl 40 dieselbe ist wie in der türkisch-mongolischen schamanischen Trauertradition, zeigt, dass sie nicht die Spur eines kulturellen Kontakts, sondern die einer strukturellen geistigen Logik trägt.
Moderne Reflexionen
Akademische Wiederentdeckung: Mircea Eliade
Die akademische Wiederentdeckung des Schamanismus im 20. Jahrhundert ist großenteils das Werk Mircea Eliades (1907–1986). Der rumänischstämmige Eliade, der an der Universität Chicago Professor für Religionswissenschaft war, hat in seinem 1951 auf Französisch veröffentlichten Werk Le chamanisme et les techniques archaïques de l'extase die schamanischen Praktiken verschiedener Weltregionen in einem synthetischen theoretischen Rahmen zusammengefasst. Die englische Fassung des Werkes von 1964 (Shamanism: Archaic Techniques of Ecstasy) ist zur Grundreferenz der modernen Religionswissenschaft geworden.
Eliades These lautet, der Schamanismus sei die „älteste und am weitesten verbreitete" geistige Praxis der Welt; im Unterbau aller großen Weltreligionen (Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum, Islam) finde sich eine schamanische Schicht. Diese These hat in den nachfolgenden akademischen Debatten sowohl Zustimmung als auch Kritik erfahren. Die Befürworter betonen die tatsächlich kulturübergreifende Gemeinsamkeit der universalen Motive (Weltenbaum, ekstatische Trance, Seelenreise, Trommel). Die Kritiker (besonders Daniel L. Pals, Bruce Lincoln) behaupten, Eliade habe den Begriff „Schamanismus" zu weit gefasst und die je eigenen Praktiken verschiedener Kulturen in eine künstliche Kategorie gezwängt.
„Neo-Schamanismus" und Michael Harner
Ab den 1960er Jahren entstand im Westen unter dem Einfluss der Beat Generation und der gegenkulturellen Bewegungen die Strömung des „Neo-Schamanismus". Das Werk The Way of the Shaman (1980) von Michael Harner (1929–2018) bietet eine für den modernen Westler unter dem Namen „core shamanism" adaptierte Version der klassischen schamanischen Techniken (besonders der Trommel-Trance-Praxis). Die von Harner gegründete „Foundation for Shamanic Studies" (1985) hat Tausende von Menschen in schamanischen Praktiken ausgebildet.
Der Neo-Schamanismus war Gegenstand ernsthafter Kritik: Aktivisten der amerikanischen Ureinwohner (besonders Vine Deloria Jr., Wendy Rose) haben diese Praxis als „Plastik-Schamanismus" und kulturelle Aneignung bezeichnet. Dass westliche, städtische Mittelschichtindividuen aus ihrem Kontext gerissene Praktiken in kommerziellen Workshops erlernen, hat nichts mit der langwierigen Mühsal und Disziplin echter indigener Traditionen zu tun. Ebenso absurd, wie wenn ein Westler nach der symbolischen Kopfrasur (mundan) des hinduistischen sannyasi (eines weltabgewandten Mönchs) sagte: „Ich habe mir den Kopf rasiert, jetzt bin ich ein sannyasi."
Moderne therapeutisch-psychologische Anwendungen der schamanischen Kernpraxis
Die auf Trommel-Trance gestützte Praxis des „shamanic journeying" wurde in den letzten 30 Jahren in alternative psychotherapeutische Ansätze integriert. Sandra Ingerman behauptet in ihrem Werk Soul Retrieval (1991), ein Teil der modernen posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) lasse sich auch als „Seelenverlust" begreifen; die Praxis des „soul retrieval" ist das Zurückholen verlorener Seelenanteile auf dem Weg der geistigen Reise. Dieser Ansatz ist in der wissenschaftlichen Psychologie zwar nicht bestätigt, wird aber von einigen Klinikern als therapeutisches Werkzeug eingesetzt.
Die auf Ayahuasca gestützte Therapie (in Brasilien die Kirchen Santo Daime und União do Vegetal; in den USA und der EU legale Studien zur alternativen Therapie) ist in den letzten 20 Jahren Gegenstand akademischer Forschung geworden. Forschungen zur psilocybin-gestützten Therapie an Zentren wie Johns Hopkins und Imperial College London haben dramatische Ergebnisse bei der Verringerung der Todesangst und bei der spirituellen Annahme terminaler Krebspatienten gezeigt. Diese Forschungen sind Teil der als psychedelische Renaissance bezeichneten Strömung und frühe Beispiele dafür, dass die schamanische Weisheit von der modernen Wissenschaft bestätigt wird.
Die Death-Doula-Bewegung
Der in den letzten 15 Jahren im Westen entstandene Beruf der death doula (Sterbebegleiter) ist die moderne zivilisierte Form der schamanischen psychopompischen Funktion. Ein Spezialist, der an der Seite des Sterbenden und seiner Familie steht, geistigen Beistand leistet, dessen letzte Worte anhört und Rituale vorschlagen kann. Diese Bewegung speist sich aus dem Zen Hospice Project von Frank Ostaseski, aus der meditationsgestützten Sterbebegleitung von Stephen Levine und aus der modernen Hospizbewegung. Siehe Moderne Akzeptanz des Todes.
Umwelt- und Indigenenrechtsbewegung
Das ausgehende 20. Jahrhundert war Zeuge der Geburt einer politischen Bewegung zum Schutz der geistigen Praktiken der indigenen Völker (besonders der schamanischen Traditionen) angesichts von Kolonialismus und kultureller Zerstörung. Die UN-Erklärung über die Rechte der indigenen Völker (2007) hat den Schutz der schamanischen Praktiken und heiligen Stätten in den menschenrechtlichen Rahmen gestellt. Die Ayahuasca-Gemeinschaften der Amazonasregion, die Peyote verwendende Native American Church Nordamerikas und die sich neu regenden schamanischen Vereinigungen Sibiriens (besonders in den Regionen Tuwa und Burjatien) sind die Helden dieses Kampfes.
Kritik und Diskussionen
Das Eigenproblem der Kategorie „Schamanismus"
Forscher (Roberte Hamayon, Daniel L. Pals, Andrei Znamenski) haben in den letzten 30 Jahren auf die konstruktiven strukturellen Probleme von Eliades Begriff „Schamanismus" hingewiesen. Wie Hamayon in ihrem Werk La chasse à l'âme (1990) gezeigt hat, ist das klassische Schamanismusmodell (ekstatische Trance, Seelenreise, Universalität) in Wahrheit die unpassende Anwendung eines Modells, das Eliades ostasiatischen Studien eigen ist, auf andere Kulturen. Viele indigene Traditionen (etwa Yoruba, Maya, das australische Aborigine-Wesen) enthalten nicht alle Elemente des klassischen schamanischen Modells; sie unter derselben Kategorie „Schamanismus" zusammenzufassen, vernichtet ihre kulturellen Eigenheiten.
Geschlecht und Schamanismus
Die klassische akademische Literatur hat sich lange auf männliche Schamanen konzentriert und die weiblichen Schamaninnen übersehen. Tatsächlich sind in vielen Traditionen (besonders in der koreanischen mudang-Tradition, der japanischen miko, den sibirischen burjatisch-tschuktschischen Traditionen) weibliche Schamaninnen verbreitet, ja sogar dominant. Das Werk The Woman in the Shaman's Body (2005) von Barbara Tedlock hat die Sichtbarkeit der Frauen in der Geschichte der schamanischen Traditionen erhöht.
Die Natur der ekstatischen Trance
Ob der schamanische Trancezustand eine wirkliche Bewusstseinserfahrung oder eine kulturelle Performance ist, gehört zu den tiefen Fragen der akademischen Debatte. Neurowissenschaftliche Untersuchungen (besonders Marcel Sarbacker, Michael Winkelman) haben bestätigt, dass Trancezustände wirkliche Veränderungen in den Gehirnwellen, im EEG-Profil und in den physiologischen Zuständen erzeugen; doch die Frage nach der geistigen Wirklichkeit dieser Erfahrungen liegt außerhalb des Bereichs der Wissenschaft.
Feindseligkeit der organisierten Religionen
Die großen Weltreligionen (Christentum, Islam, Buddhismus) haben in der Zeit von Kolonialismus und Mission die schamanischen Praktiken als „Götzendienst", „Beigesellung" (schirk) oder „Unwissenheit" bezeichnet und verboten. Das Sowjetregime hat unter Stalin (1928–1953) die sibirischen Schamanen in den Gulag geschickt, ihre Trommeln verbrannt und ihre Traditionen verboten. Heute besteht ein erheblicher Teil der schamanischen Traditionen weniger aus einer ununterbrochenen Wissenstradition — das heißt einer wirklichen „unbroken lineage" — als vielmehr in einer nachträglich wiederaufgebauten Struktur fort. Diese Frage der „Authentizität" stellt sowohl für indigene Aktivisten als auch für Forscher eine schwierige Angelegenheit dar.
Geistig-philosophische Implikationen
Die Kontinuität des Todes
In der schamanischen Weltsicht ist der Tod kein Ende, sondern ein Übergang der geistigen Reise. Dies bietet eine radikale Alternative zur Vorstellung des „mit dem Tod endenden Individuums" des modernen Westens. Der Lebende, der Verstorbene, der Ahnengeist, der Naturgeist, die künftig zu gebärende Seele — sie alle befinden sich im selben geistigen Gewebe. Dieses Verständnis einer beständigen Beziehung ist eine wichtige Inspirationsquelle der modernen „ökologischen Bewusstseins"-Bewegung.
Die geistige Verantwortung der Gemeinschaft
In der schamanischen Tradition ist der Tod kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Ereignis. Die Gemeinschaft ruft den Schamanen, nimmt am Ritual teil, begleitet die Reise des Verstorbenen geistig. Dass der moderne Westen den Tod in ein Ereignis verwandelt hat, das „im Krankenzimmer, in den Händen von Fachleuten" stattfindet, steht im Widerspruch zum schamanischen Verständnis. Wie Atul Gawande in seinem Werk Being Mortal (2014) hinweist, hat die moderne Todespraxis den Menschen aus seinem geistig-sozialen Zusammenhang gerissen.
Körperlich-geistiges Zusammenwirken
In den schamanischen Ritualen steht der Leib (Tanz, Trommelschlag, Gesang, Riechen, Berühren) im Zentrum. Dies bietet eine geistige Anthropologie, die der cartesianischen Vorstellung der „Trennung von Leib und Geist" entgegensteht. Die moderne Bewegung der „somatic spirituality" (körperlichen Spiritualität) — etwa Wilhelm Reich, Ida Rolf, Bonnie Bainbridge Cohen — speist sich mittelbar aus der schamanischen körperlich-geistigen Ganzheit.
Die geistige Funktion der Ekstase
Die schamanische Trance ist kein „normaler" Zustand; sie ist von ekstatischer, schwellenhafter Natur. Die „Liminality" (der anthropologische Begriff Victor Turners) — das Sich-an-der-Schwelle-Befinden — steht im Zentrum der schamanischen Praxis. Forschungen zum modernen „flow state" (Mihály Csíkszentmihályi), zur „peak experience" (Abraham Maslow), zu „altered states of consciousness" (Charles Tart) haben gezeigt, dass die ekstatische Erfahrung den Menschen zu seiner psychischen Ganzheit führt. Die schamanische Tradition ist die uralte Form dieses immanenten Verständnisses.
Praktische Implikationen
Die unmittelbare Anwendung des schamanischen Todesrituals für einen modernen Menschen — sofern er nicht aus einer authentischen indigenen Tradition stammt — ist ethisch problematisch. Doch die strukturelle Weisheit weist auf einige praktische Implikationen hin:
Den Tod annehmen: Die schamanischen Traditionen nähern sich dem Tod mit großem Nachdruck — der Tod wird in das Zentrum des Lebens gestellt, nicht verborgen, sondern vertraut gemacht. Die moderne Psychologie (besonders Stanislav Grof, Elisabeth Kübler-Ross) stützt diese Haltung.
Kommunikation mit dem Sterbenden: In der schamanischen Tradition ist das Geleiten des Verstorbenen ein Recht und eine Notwendigkeit. Die moderne Familie kann diese Funktion in den letzten Augenblicken des Sterbenden mit Praktiken wie „Worten der Liebe", geistigem Beistand, Gebeten oder von ihm gewählter Musik erfüllen.
Trauer in der Gemeinschaft: Die schamanischen 40 Tage oder ähnliche Zyklen erinnern daran, dass die Trauer kein individueller, sondern ein gemeinschaftlicher Prozess ist. Die modernen „grief support groups" sind die Fortführung dieser Funktion.
Geistige Beziehung zur Natur: Die schamanische Tradition sieht die Natur als eine Gemeinschaft geistiger Wesen. Im Zeitalter der modernen ökologischen Krise wird die Bedeutung dieses Verständnisses neu bewertet.
Fazit
Die schamanischen Todesrituale sind eine der ältesten und am weitesten verbreiteten geistigen Praktiken der Menschheitsgeschichte. Von den Taigen Sibiriens bis zu den Wäldern des Amazonas, von den Ebenen Nordamerikas bis zu den Savannen Afrikas stellen sie mit den verschiedenen Versionen verschiedener indigener Traditionen die tiefste, körperlichste und gemeinschaftlichste Form des menschlichen Todesverständnisses dar.
Der durch die akademische Systematisierung Mircea Eliades zum Hauptgegenstand der modernen Religionswissenschaft gewordene Schamanismus lässt sich als struktureller Vorläufer der schriftlichen Eschatologie des Ägyptischen Totenbuchs, des Vajrayāna-Ritualkorpus des Bardo Thödol und der islamischen Talqîn-Praxis betrachten. Die Funktion des psychopompós (Seelengeleiters) ist die kulturübergreifende Antwort auf ein universales geistiges Bedürfnis — das Bedürfnis, den Verstorbenen nicht allein zu lassen.
Der moderne „Neo-Schamanismus" und die Death-Doula-Bewegung sind die bis in unsere Zeit reichenden Formen dieser uralten Weisheit; doch komplexe Debatten wie Authentizität, kulturelle Aneignung und ethische Verantwortung umgeben diese modernen Formen. Das Bemühen der indigenen Völker, ihre eigenen Traditionen zu bewahren und weiterzuentwickeln, ist einer der wichtigen kulturell-geistigen Kämpfe des 21. Jahrhunderts.
Aus der Perspektive der vergleichenden Spiritualität betrachtet, sind die schamanischen Todesrituale einer der körperlichsten, ästhetischsten und universalsten Ausdrücke des gemeinsamen geistigen Erbes der Menschheit — das Leben zugleich mit dem Tod anzunehmen, die Geliebten ins Jenseits zu verabschieden, in der Gemeinschaft zu trauern. Dieses Erbe zu verstehen, kann nicht nur eine akademische Neugier sein, sondern eine Quelle dafür, dass der moderne Mensch seine eigene Beziehung zum Tod neu begründet.