Heilige Schriften

Das Tibetische Totenbuch (Bardo Thödol)

Ein Leittext der tibetischen Nyingma-Schule des 14. Jahrhunderts, der dem Bewusstsein des Verstorbenen in den nachtodlichen Bardo-Übergängen den Weg weist; von Karma Lingpa als verborgener Schatz (Terma) entdeckt.

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Vorstellung des Werks

Bardo Thödol (བར་དོ་ཐོས་གྲོལ་) bedeutet auf Tibetisch „Befreiung durch Hören [im Zwischenzustand]"; im Westen unter seinem gebräuchlichen Namen Das Tibetische Totenbuch bekannt, ist es der berühmteste Sterbeleittext des Vajrayana-Buddhismus, und zwar seiner Nyingma-Schule. Das Werk ist die phänomenologische Landkarte des 49-tägigen Übergangszeitraums — also des Bardo —, der sich vom Einsetzen des Todes bis zum Eintreten der nächsten Wiedergeburt erstreckt. Jedes Licht, jeder Klang, jeder Geruch, jede Gestalt und jede Furcht, der das Bewusstsein des Verstorbenen begegnen wird, wird einzeln beschrieben; sorgfältig wird erläutert, wie auf jedes davon zu reagieren ist, welche Bewusstseinshaltung zur Befreiung (mokṣa, thar pa) führt und welche hingegen erneut an das Samsâra bindet.

Die Verfasserschaft des Buches wird Padmasambhava (8. Jahrhundert, „dem aus dem Lotos geborenen Guru Rinpoche") zugeschrieben. Nach der traditionellen Erzählung verfasste Padmasambhava diese Lehre in einer Zeit, in der Tibet für den Dharma noch nicht hinreichend gereift war, und „verbarg" den Text danach in Höhlen, in Felsen, in Flüssen und sogar im Bewusstseinsstrom seiner Schüler — diese verborgenen Texte werden Terma (གཏེར་མ་, „vergrabener Schatz") genannt. Geplant war, dass sie Jahrhunderte später, wenn die rechte Zeit gekommen wäre, von einem Tertön („Schatzfinder") ans Licht gebracht würden.

Der Tertön des Bardo Thödol war Karma Lingpa (um 1326–1386), der im 14. Jahrhundert lebte. Karma Lingpa berichtete, er habe den Text mit 15 Jahren am Berg Gampodar im östlichen Teil Tibets entdeckt. Der vollständige Name des entdeckten Textkorpus lautet Karling Shitro oder vollständig Zhi-khro dgongs-pa rang-grol — „Die Selbstbefreiung der Gedanken der friedvollen und zornvollen Gottheiten". Das Bardo Thödol ist nur ein Teil dieses umfassenderen Korpus; im Westen ist es jedoch der bekannteste.

Die drei Bardos: die nachtodliche Topographie

Die Struktur des Werks gliedert den nachtodlichen Übergang in drei aufeinanderfolgende Bardos. Auch wenn die Dauer jedes Bardo ungefähr angegeben ist, liegt die eigentliche Betonung des Textes darauf, wie die Bewusstseinshaltung in jedem Bardo beschaffen sein soll.

1. Chikhai Bardo — „das Bardo des Todesaugenblicks"

Mit dem Einsetzen des Sterbeprozesses ziehen sich, wie es heißt, die fünf großen Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft, Raum) der Reihe nach aus dem Körper zurück. Der Rückzug jedes Elements bewirkt, dass der Sterbende bestimmte sinnliche und psychologische Anzeichen erlebt:

In dieser letzten Phase — in erstaunlicher Parallele zu den Berichten vom „Lichttunnel" in der modernen Literatur zu Nahtoderfahrungen (NDE) — leuchtet vor dem Verstorbenen das klare Licht des Dharmakāya auf. Hat der Verstorbene dieses Licht zu Lebzeiten meditativ erkannt (also das Rigpa der Dzogchen-Tradition), so wird er in diesem Augenblick unmittelbar befreit. Der tibetische Text betont diesen Punkt: Dies ist der kürzeste Weg.

2. Chönyid Bardo — „das Bardo der Dharmatā"

Das Bewusstsein des Verstorbenen, der das erste Bardo verpasst, geht in das zweite Bardo über. Hier treten die eigenen Projektionen des Geistes in einer mit den gewöhnlichen Sinnen nicht wahrnehmbaren Intensität in Erscheinung. Die Begegnung gestaltet sich als die Eröffnung eines Mandalas aus hundert Gottheiten — 42 friedvollen Gottheiten und 58 zornvollen Gottheiten.

Der Text warnt mehrfach: Diese Gottheiten sind keine äußeren Wesen; sie sind die visuell-akustischen Manifestationen der Bewusstseinsarchetypen im eigenen Geist des Verstorbenen. Der Satz „Fürchte dich nicht vor ihnen, denn sie sind nichts anderes als dein eigener Geist" ist beinahe ein Refrain. Die friedvollen Gottheiten treten aus dem Zentrum des Herzens, die zornvollen Gottheiten aus dem Scheitel des Kopfes hervor; die Farben, Mantras und geometrischen Anordnungen sind in einer detaillierten Mandala-Architektur gereiht.

An jedem Tag erscheint eine bestimmte Buddha-Familie (panca-kula: Vairocana, Akṣobhya, Ratnasambhava, Amitābha, Amoghasiddhi). Das Licht jeder von ihnen ist zweischichtig: eine strahlend-reine Farbe (befreiend) und eine matt-trübe Farbe (zum Samsâra ziehend). Der Verstorbene wird jedes Mal zum strahlenden Licht hingelenkt.

3. Sidpa Bardo — „das Bardo der Geburtssuche"

Das Bewusstsein, das auch in den beiden vorigen Bardos nicht erlöst werden konnte, geht in die Phase der Vorbereitung auf die Wiedergeburt über. Das Bewusstsein wird zunehmend als ein „geistiger Leib" erfahren; dieser Leib durchdringt Wände, bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit, ist noch grundlosen Ängsten ausgesetzt und äußerst zerstreut. Die Gerichtsszene erscheint: Yama Dharmarāja (Yama, der Todesgott) liest die dem Bewusstsein eigenen „schwarzen und weißen Kiesel" — also die karmischen Aufzeichnungen. Die strukturelle Verwandtschaft dieser Szene mit der Osiris-Gerichtsszene des Ägyptischen Totenbuchs ist bemerkenswert.

Schließlich erblickt das Bewusstsein einen Mutterleib, ein sich paarendes Paar oder einen neuen Lebenskeim. Die letzte Mahnung des Textes ist, dass der Reisende seinen Geburtsort bewusst wählen soll: Weise die schlechten Schöße zurück, wende dich einer dharma-gemäßen Familie zu.

Karma Lingpa und die Terma-Tradition

Die Geschichte Karma Lingpas ist ein guter Zugang zum Verständnis der tibetischen Terma-Tradition. Die Funktion der tibetischen Tertöns besteht darin, eine geistige Kette, die von der Zeit Padmasambhavas bis in die Gegenwart reicht, durch eine zeitenthobene Geist-Übertragung (dgongs-gter) lebendig zu halten. Nach der klassischen Bestimmung gibt es zwei Arten von Terma:

  1. Sa-gter („Erdschatz") — konkrete Texte, in Stein gemeißelte oder in Höhlen verborgene Handschriften.
  2. Dgongs-gter („Geistschatz") — Texte, die in zeitenthobener Weise von Padmasambhava im Bewusstseinsstrom des Tertöns gespeichert wurden und zur rechten Zeit im Tertön als „Erinnerung" in Erscheinung treten.

Karma Lingpas Karling Shitro enthält Elemente beider Kategorien. Das Werk wurde danach innerhalb seiner eigenen Linie (yang-srid) weitergegeben: Sein Sohn Nyinda Choje, sein Enkel Suryacandra und die maßgeblichen Lamas der Nyingma-Schule kommentierten es. Im modernen Tibet wird der Text nicht nur als Bestattungsleitfaden, sondern zugleich auch als Lebensmeditation gelesen: als Praxis des „Sterbens vor dem Sterben".

Doktrinäre Grundlagen: das Modell der drei Kāyas

Der metaphysische Boden des Bardo Thödol ist die Trikāya-Doktrin (Drei-Körper-Doktrin) des Vajrayana:

Zu erkennen, dass diese drei Bardos drei verschiedene Manifestationsschichten desselben Bewusstseins — des eigenen Geistes — sind, bildet das philosophische Herz des Textes. Weder die gefürchtete zornvolle Gottheit noch die geliebte friedvolle Gottheit ist eine äußere Wirklichkeit; beide sind der Geist selbst. Diese Lehre ist die praktischste Anwendung der śūnyatā (Leerheit) und der cittamātra-Lehre („Nur-Geist") des Mahâyâna.

Vergleichende Perspektive: das Ägyptische Totenbuch

Die im Westen gebräuchliche Übersetzung des Namens Bardo Thödol — „Das Tibetische Totenbuch" — war eine editorische Entscheidung von Walter Y. Evans-Wentz (1927): Damals war das Ägyptische Totenbuch (Pert em Hru, um 1550 v. Chr.) im Westen ein bekannter Text, und es war werbestrategisch klug, den tibetischen Text in eine vergleichbare Position zu rücken. Die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen den beiden Texten sind bemerkenswert:

Merkmal Ägyptisches Totenbuch Tibetisches Totenbuch
Gerichtsszene Osiris-Gericht, Wägung des Herzens gegen die Maat-Feder Yamas Zählung der schwarz-weißen Kiesel
Wegweiser Anubis, Thoth, Horus Padmasambhava, friedvolle und zornvolle Gottheiten
Route die zwölfstündige Nacht der Duat 3 Bardos in 49 Tagen
Wiederbelebung der beim Aufgang der neuen Sonne erneuerte Ra Wiedergeburt oder Befreiung

Auch die Unterschiede sind tief: Der ägyptische Text ist im Wortsinn ein Bestattungstext, ein ins Grab gelegter Talisman; ein Leitfaden für die Selbsterneuerung des Verstorbenen. Der tibetische Text hingegen ist ein dynamischer Leitfaden, den die Lebenden dem Verstorbenen vorlesen, auf mündlicher Übertragung beruhend. Die Kosmologie Ägyptens ist auf das persönliche Fortbestehen (ka, ba, akh) ausgerichtet; die Tibets hingegen auf das überpersönliche Gewahrsein (Rigpa, Dharmakāya).

Die tiefe Struktur, die beide Texte gemeinsam haben, ist das Verständnis des Psychopompos (Seelenführers): Das verstorbene Bewusstsein wird nicht allein gelassen; der Text ist an seiner Seite, weist ihm den Weg, spricht die Namen und Mantras. Beide Kulturen sind unabhängig voneinander zu der Überzeugung gelangt, dass der Tod ein Übergang ist und dass dieser Übergang kartiert werden kann.

Carl Jung und die Rezeption im Westen

Das Bardo Thödol erreichte den Westen zum ersten Mal 1927 in englischer Sprache. Die erste, unter der Herausgeberschaft von Walter Y. Evans-Wentz entstandene Übersetzung beruhte auf der handschriftlichen Übersetzung des tibetischen Lama Kazi Dawa-Samdup. Carl Jung schrieb 1935 ein bahnbrechendes Vorwort mit dem Titel „Psychological Commentary" zu dieser Übersetzung. Nach Jung ist das Bardo Thödol ein Handbuch dafür, wie die Archetypen des kollektiven Unbewussten bewusst erfahren werden können. Die friedvollen und zornvollen Gottheiten sind die lichtvollen Manifestationen der Archetypen Anima, Animus, Schatten und Selbst; der Verstorbene wird mit seiner eigenen seelischen Zusammensetzung konfrontiert.

Diese Lektüre Jungs beeinflusste in den folgenden Jahrzehnten tief, wie das Bardo Thödol im Westen rezipiert wurde. In den 1960er Jahren lasen Timothy Leary, Ralph Metzner und Richard Alpert (später Ram Dass) das Werk unter dem Titel The Psychedelic Experience: A Manual Based on the Tibetan Book of the Dead (1964) neu und boten es als einen Leitfaden zur Steuerung von LSD-Erfahrungen dar. Diese Lektüre ist umstritten — die traditionellen tibetischen Lehrer weisen sie zurück —, zeigt aber, durch welche Kanäle der Westen das Buch kennenlernte.

Moderne Übersetzungen und Robert Thurmans Beitrag

Robert Thurmans Übersetzung The Tibetan Book of the Dead: The Great Liberation through Hearing in the Bardo (1994) ist die erste große akademische Fassung, die die zeitenthobene Sprache und den theosophisch gefärbten Kommentar von Evans-Wentz hinter sich lässt. Thurman, Professor für tibetischen Buddhismus an der Columbia University und der erste westliche Buddhist, der in Amerika zum Mönch ordiniert wurde, verglich den Text erneut mit den tibetischen Originalen.

Drei wichtige Neuerungen in Thurmans Übersetzung:

  1. Einbettung in den traditionellen Kontext: Der Text wird nicht als eine isolierte esoterische Handschrift dargestellt, sondern als ein Teil des Karling-Shitro-Korpus und der umfassenderen Nyingma-Praxis.
  2. Praktische Formatierung für den lebenden Leitfaden: Die Übersetzung ist für das laute Vorlesen bei einer tatsächlichen Bestattung oder im Sterbeprozess neu gegliedert; die Überschriften, Absätze und Mahnungen sind so gefasst, dass sie verständlich sind, wenn sie aus der Stimme eines Lama gelesen werden.
  3. Philosophische Klarheit: Thurman bietet für jede Gottheit, der der Verstorbene begegnet, systematisch die Erinnerung „diese sind Projektionen des Geistes"; so stellt er sicher, dass der Leser den metaphysischen Grund des Werks (cittamātra, śūnyatā) nicht aus dem Blick verliert.

Eine jüngere Übersetzung ist die von Gyurme Dorje für die Reihe Penguin Classics angefertigte The Tibetan Book of the Dead (2005); diese Fassung enthält einen weitaus umfassenderen Teil des Karling-Shitro-Korpus und wurde mit einem Vorwort des 14. Dalai Lama veröffentlicht.

Praktische Anwendung: Phowa und Sukhāvatī

Das Bardo Thödol bloß als eine metaphysische Theorie zu lesen, ist irreführend; das Werk ist ein Praxistext. Der Lebende muss aus diesem Text zwei grundlegende Praktiken ableiten:

Phowa — die Bewusstseinsübertragung

Sie ist die Praxis der Übertragung des Bewusstseins im Todesaugenblick aus dem Scheitel des Schädels (brahmarandhra) in ein reines Buddha-Feld (besonders in das Sukhāvatī des Amitâbha). Das ein Leben lang geübte Phowa-Training ermöglicht es, das Bewusstsein im Todesaugenblick auf kontrollierte Weise „auszuschleudern". Der Erfolg der wochenlangen Phowa-Klausuren in den tibetischen Klöstern wird mit einer körperlichen Öffnung am Scheitel des Kopfes des fortgeschrittenen Praktizierenden bestätigt, die so groß ist, dass ein Grashalm darin Halt finden kann; die Tradition betrachtet dies als konkretes Zeichen dafür, dass die Praxis tatsächlich vollzogen wurde.

Tukdam — der meditative Zustand nach dem Tod

Es wird berichtet, dass die Leiber fortgeschrittener Lamas nach ihrem Tod drei bis sieben Tage lang unverwest bleiben, wobei sich die Wärme in der Herzgegend hält, in einer halb-meditativen Sitzhaltung. Dieser Zustand wird Tukdam („meditative Versenkung") genannt und ist Gegenstand moderner wissenschaftlicher Forschung geworden (besonders des Forschungsprogramms Richard Davidsons seit 2015). Das Bardo Thödol bietet die theoretische Erklärung dieses Zustands: Der Lama hat sich im klaren Licht des ersten Bardo niedergelassen und vollzieht das Verlassen des Körpers auf kontrollierte Weise.

Einfluss und Rezeption: vom 20. zum 21. Jahrhundert

Der globale Einfluss des Bardo Thödol weitete sich im 20. Jahrhundert dramatisch aus. Die wichtigsten Felder, in denen man ihm begegnet:

Debatten und kritische Betrachtung

In der akademischen Tibetologie dauern einige grundlegende Debatten fort:

  1. Das Problem der Verfasserschaft Padmasambhavas: Die moderne philologische Analyse zeigt, dass die grammatischen Eigenheiten des Textes mit dem Tibetischen des 13.–14. Jahrhunderts übereinstimmen; dies stützt eine kritische Sicht auf die Behauptung, Karma Lingpa habe den Text als Tertön „entdeckt". Die traditionelle Auffassung begegnet dieser Kritik, indem sie sagt, der dgongs-gter-Mechanismus sei ohnehin eine zeitenthobene Übertragung.

  2. Der Titel „Totenbuch": Tibetologen wie Donald Lopez betonen, dass der Titel irreführend ist; der Text war niemals ein isolierter Talisman für ein Bestattungsritual, sondern hat stets als Teil der Praxis der Lebenden gewirkt.

  3. Die Esoterisierung im Westen: Die theosophischen Kommentare von Evans-Wentz, Learys psychedelische Lektüre und die Aneignung des Textes durch das New-Age-Denken sind von den traditionellen tibetischen Lehrern häufig kritisiert worden.

Verortung im Kontext des Vajrayāna

Um die eigentliche Stellung des Bardo Thödol zu verstehen, muss man es in die umfassendere Vajrayana-Architektur einordnen. Der Vajrayana-Buddhismus („Diamantfahrzeug") ist eine Unterströmung des Mahâyâna und wandelte sich zwischen dem 7. und 12. Jahrhundert in Indien, dann in Tibet, in ein systematisches Lehrsystem. Die Grundbehauptung des Vajrayāna lautet: Es ist möglich, in einem einzigen Leben die Buddhaschaft zu erlangen — vorausgesetzt, der Mensch ist bereit, mit tantrischen Mitteln wie Mantra, Mudrā, Maṇḍala, Guru und Yidam (der persönlichen göttlichen Form) zu arbeiten.

Innerhalb des Vajrayāna gibt es vier tantrische Hauptklassen: kriyā (Handlungstantra), caryā (Praxistantra), yoga (Yogatantra) und anuttarayoga (höchstes Yogatantra). Die höchste Klasse, das anuttarayoga-Tantra, umfasst in sich die Dreiheit Mahāyoga, Anuyoga und Atiyoga (Dzogchen). Das Bardo Thödol ist am Vereinigungspunkt von Mahāyoga und Dzogchen angesiedelt. Während das Werk die technischen Einzelheiten der Bardo-Erfahrung in der Terminologie des Mahāyoga ausdrückt, nimmt es seine endgültige Auflösung — „die unmittelbare Erkenntnis des ursprünglichen klaren Lichts" — aus der Rigpa-Lehre des Dzogchen.

Diese Stellung erklärt auch, weshalb das Werk in Tibet nur innerhalb der Nyingma-Schule so zentral ist. Die anderen tibetischen Schulen (Kagyu, Sakya, Gelug) entwickelten verschiedene Bardo-Leitfäden und verschiedene Phowa-Systeme. So wird etwa in der Kagyu-Tradition innerhalb der Sechs Yogas des Nāropa (Nāro Chödruk) das Bardo-Yoga als eine eigene Praxis gelehrt; auch wenn es innere strukturelle Ähnlichkeiten gibt, sind Terminologie und Betonung verschieden.

Das System der sechs Bardos

Die drei Bardos des Bardo Thödol lassen sich innerhalb eines umfassenderen Sechs-Bardo-Systems verstehen. Diese sechs Bardos, die der tibetische Meister Tsele Natsok Rangdrol in seinem Werk Mirror of Mindfulness (Damngak Melong, 17. Jh.) systematisiert, sind:

  1. Skye-gnas bar-do — „das Bardo des Geburtsorts": das tägliche Leben, das sich von der Geburt bis zum Tod erstreckt.
  2. Rmi-lam bar-do — „das Traumbardo": die Zustände von Schlaf und Traum.
  3. Bsam-gtan bar-do — „das Meditationsbardo": die Zustände tiefer meditativer Versenkung.
  4. 'Chi-ka'i bar-do — „das Bardo des Todesaugenblicks" (Chikhai).
  5. Chos-nyid bar-do — „das Bardo der Dharmatā" (Chönyid).
  6. Srid-pa'i bar-do — „das Bardo der Geburtssuche" (Sidpa).

Dieses sechsfache System betont einen wichtigen Punkt: Das Bardo ist kein besonderer Zustand, sondern die allgemeine Natur des Bewusstseins. Jeder Augenblick ist zwischen zwei Atemzügen; jeder Gedanke ist zwischen zwei Gedanken; jedes Leben ist zwischen zwei Toden. Das Werk zu praktizieren bedeutet, das gewöhnliche Lebensbardo meditativ zu nutzen — das Traumbardo mit wachem Bewusstsein zu bearbeiten, im Meditationsbardo die Leerheitserfahrung zu kosten — und sich so auf das Todesbardo vorzubereiten. Die Arbeit des tibetischen Meisters Chögyal Namkhai Norbu Dream Yoga and the Practice of Natural Light (1992) handelt besonders von der täglichen Praxis des Traumbardo.

Vergleich mit der türkisch-anatolischen Spiritualität

Dass die Begriffswelt des Bardo Thödol nur selten mit der anatolischen Spiritualität verglichen wird, macht interessante Parallelen unsichtbar. In der alevitisch-bektaschitischen Tradition trägt die im Rahmen der Cem-Zeremonie (alevitische Versammlungszeremonie) vollzogene Szene des Dâr-i Mansûr — die symbolische Vergegenwärtigung von Hallâdsch-i Mansûrs eigener Todeserfahrung — eine strukturelle Verwandtschaft mit der Logik des „Sterbens zu Lebzeiten" des Bardo Thödol. Der Reisende stellt sich auf den Dâr und erfährt seinen eigenen Tod; in jenem Augenblick prüft er, wozu sein eigenes Bewusstsein fähig ist.

In ähnlicher Weise bedeutet in der Tradition des Tasawwuf (islamische Mystik) die Stufe der Fanâ („Erlöschen") das Verlieren der eigenen Existenz des Reisenden in Gott; diese Stufe steht der Erfahrung des ursprünglichen klaren Lichts im ersten Bardo des Bardo Thödol strukturell nahe. In beiden Traditionen ist die Auslöschung des „Ich" das letzte Ziel, doch die Methoden sind verschieden: Der Tasawwuf vollzieht dies auf dem Weg des Zikr (Gottesgedenken) und der Liebe, das Vajrayāna auf dem Weg des Mantra und der visuellen Versenkung.

Die ontologische Betonung hinter dem Vers Yunus Emres „Es gibt ein Ich in mir, tiefer in mir als ich selbst" ist entfernt verwandt mit der Lehre des Bardo Thödol „alle Gottheiten sind Projektionen deines Geistes": Das wahre Ich findet sich weder in den äußeren Gottheiten noch im alltäglichen Ego; es findet sich tiefer, stiller.

Praktische Empfehlungen: für den modernen Leser

Praktische Hinweise, wie der moderne Leser das Bardo Thödol nutzen kann:

  1. Statt einmaliger Lektüre über Jahre hinweg wiederkehrend: Das Werk ist kein Roman; es wird nicht in einem Zug gelesen und abgeschlossen. Ideal ist, es einmal im Jahr von Anfang bis Ende zu lesen, einzelne Abschnitte aber immer wieder erneut zu studieren.

  2. Durch einen Lehrer vermittelt: Die traditionelle Auffassung geht dahin, dass das eigenständige Lesen des Textes unzureichend ist. Mit einem qualifizierten Lama oder einem qualifizierten Vajrayāna-Lehrer zu arbeiten, ist der Standard für die praktische Aneignung des Werks.

  3. Mit dem Phowa-Training verbunden: Der Text bleibt nicht theoretisch; verbunden mit einer praktischen Disziplin wie dem Phowa findet er seine eigentliche Bedeutung.

  4. Durch vergleichende Lektüren: Das Werk zusammen mit anderen Todestexten zu lesen — dem Ägyptischen Totenbuch, den Barzach-Versen des Korans, dem Dialog zwischen Yama und Yudhiṣṭhira im Mahâbhârata und Platons Phaidon — ermöglicht es, die Universalität und die Eigenart des Werks zugleich zu spüren.

  5. Mit einem Traumtagebuch verbunden: Wegen der strukturellen Ähnlichkeit zwischen dem Traumbardo und dem Todesbardo ist ein regelmäßiges Traumtagebuch ein konkreter Weg, das Werk praktisch zu erfahren. Die Fähigkeit des luziden Träumens (lucid dream) zu entwickeln, ist die unmittelbare Vorerfahrung der Bardo-Fertigkeit.

  6. Integration in die Bestattungspraxis: Im modernen Westen haben tibetisch-buddhistische Gemeinschaften Programme entwickelt, die den Familien todkranker Menschen vor und nach der Bestattung Begleitung bieten. Das Spiritual Care Education and Training Program des Rigpa Fellowship (gegründet von Sogyal Rinpoche) ist auf diesem Gebiet wegweisend. Das Werk The Tibetan Book of Living and Dying (Sogyal Rinpoche, 1992) ist die für den modernen westlichen Leser neu adaptierte Gestalt des Bardo Thödol und wurde bis heute in mehr als 30 Sprachen übersetzt und über 3 Millionen Mal verkauft.

Die literarisch-poetische Qualität des Werks

Das Bardo Thödol ist nicht bloß ein doktrinärer Text, sondern zugleich eine poetische Komposition. Im tibetischen Original ist der Text in rhythmischen Shlokas verfasst; laut gelesen — besonders im auswendigen Vortrag eines Lama — erzeugt er für sich genommen eine Mantra-Musik-Wirkung. Moderne Leser verfehlen diese Dimension häufig; dabei ist die ursprüngliche Funktion des Textes in Tibet eine geistige Technologie, die durch Lesen — also durch das regelmäßige laute Vorlesen 49 Tage lang ins Ohr des Verstorbenen — vollzogen wird. Die Klangschwingung des Textes ist das Mittel, in den eigenen Bewusstseinsstrom des Verstorbenen einzugreifen.

In dieser Hinsicht trägt das Bardo Thödol eine strukturelle Verwandtschaft mit der Rezitation des Korans durch die Hâfize, mit dem Vortrag der Tora in der Synagoge an den Schabbattagen und mit den traditionellen pāṭha-Zeremonien (dem lauten Vortrag) des Mahâbhârata: Das eigentliche Sein des heiligen Textes liegt nicht in seinem geschriebenen Papier, sondern in seinem klanglichen Vortrag.

Fazit

Das Tibetische Totenbuch ist kein gewöhnlicher Text, sondern eine Landkarte des Bewusstseins. Es behandelt den Tod nicht als ein Ende, sondern als eine Reihe von Bewusstseinserfahrungen; und es erhebt den Anspruch, dass an jedem Punkt dieser Erfahrungsreihe die Möglichkeit der Befreiung offen ist. Die eigentliche Botschaft des Werks verweilt bei einem Punkt, dessen sich die meisten Leser nicht bewusst sind: Das nachtodliche Bardo ist ebenso sehr die subjektive Erfahrung des Verstorbenen wie der alltägliche Bewusstseinsstrom des Lebenden. Jeder Übergang von Schlaf zu Wachen, jede Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit ist je ein kleines Bardo. Das Werk als Lebender zu lesen bedeutet, vor dem Sterben die Bardo-Landkarte auswendig zu lernen und im Todesaugenblick dafür zu sorgen, dass diese Landkarte funktioniert.

In dieser Hinsicht steht das Bardo Thödol in einer anderen Stellung als das Ägyptische Totenbuch, als die Gerichtsdebatten des Mahâbhârata und als die Barzach-Lehre des Korans: Der Text ist nicht nur ein Leitfaden für den Verstorbenen, sondern die tägliche meditative Praxis des Lebenden. Nimmt man den Ausdruck „Befreiung durch Hören" ernst, so ist die eigentliche Behauptung des Werks klar: Dass die rechten Worte zur rechten Zeit gesprochen werden, genügt, um das Bewusstsein an seine urewige Freiheit zu erinnern.