Bedeutende Persönlichkeiten

Abû Tâlib al-Makkî: Qût al-qulûb und die Nahrung der Herzen

Der Systematisierer des frühen Tasawwuf Abû Tâlib al-Makkî und Qût al-qulûb: die Wissenschaft des Herzens, Yaqîn (Gewissheit), die Lehre von Zuständen und Stationen (ahwâl-maqâmât) sowie die Synthese von Askese (Zuhd) und Gotteserkenntnis (Maʿrifa); eine Hauptquelle für al-Ghazâlîs Ihyâʾ.

21 Verbindungen Bedeutende Persönlichkeiten Auf der Karte zeigen → ⌛ Sonstige

Abû Tâlib al-Makkî: Qût al-qulûb und die Nahrung der Herzen

Abû Tâlib Muhammad b. ʿAlî al-Makkî (gest. 386/996) ist ein Sufi, Hadithgelehrter (Muhaddith) und Jurist (Faqîh), der gegen Ende des vierten Jahrhunderts nach der Hidschra lebte und als einer der Systematisierer des frühen Tasawwuf gilt. Sein Name ist in der islamischen Geistesgeschichte vor allem mit seinem Hauptwerk Qût al-qulûb fî muʿâmalat al-mahbûb wa wasf tarîq al-murîd ilâ maqâm at-tauhîd („Die Nahrung der Herzen im Umgang mit dem Geliebten und die Beschreibung des Weges des Gottsuchers zur Station des Tauhîd") verbunden. Dieses Werk diente in den folgenden Jahrhunderten dem gewaltigen Sammelwerk Ihyâʾ ʿUlûm ad-Dîn des Imâm al-Ghazâlî als Hauptquelle; so wurde Abû Tâlib al-Makkî, auch wenn sein Name zumeist im Schatten blieb, zu einem der stillen Baumeister, die die Grundlagen des klassischen Tasawwuf-Denkens legten.

Sein Leben und sein geistiges Milieu

Das Geburtsdatum Abû Tâlib al-Makkîs ist nicht mit Sicherheit bekannt, doch wird überliefert, dass sich sein Leben um drei große Zentren der Wissenschaft und der Gotteserkenntnis (ʿIrfân) formte: Mekka, Basra und Bagdad. Seine erste Ausbildung und die Grundlage seiner geistigen Erziehung erhielt er, wie schon sein Name andeutet, im Schatten der Heiligen Moschee (Haram), in Mekka. Hier beschäftigte er sich mit Hadith und den Koranwissenschaften und wandte sich schon früh dem Leben der Askese (Zuhd) und der Gottesfurcht (Taqwâ) zu. Später zog er nach Basra, einem bedeutenden Zentrum des Tasawwuf und des Kalâm der Zeit. In Basra kam er mit einem Milieu in Berührung, das ihn an den geistigen Kreis anschloss, der als Sâlimiyya bekannt war und die Ansichten Sahl b. ʿAbdallâh at-Tustarîs fortführte. Tustarîs tiefe Analysen über Gewissheit (Yaqîn), Gottvertrauen (Tawakkul) und Selbstprüfung (Muhâsabat an-nafs) hinterließen in der Gedankenwelt al-Makkîs unauslöschliche Spuren.

Die letzten Tage seines Lebens verbrachte er in Bagdad, dem Zentrum des Kalifats und der Wissenschaftshauptstadt der Zeit. Der Überlieferung zufolge musste sich al-Makkî wegen eines Versprechers und eines missverstandenen Ausdrucks in einer Predigt, die er in Bagdad hielt, eine Zeit lang in die Zurückgezogenheit (ʿUzla) begeben; dieses Ereignis festigte sein vorsichtiges und nach innen gekehrtes Wesen noch mehr. Die Quellen überliefern, dass er ein überaus strenges Leben der geistigen Übung (Riyâda) führte, beim Essen und Trinken eine extreme Enthaltsamkeit übte und sich zeitweise sogar nur mit Wildkräutern begnügte. Dieses Leben der Askese zeigt, dass sein Verständnis von Zuhd (Askese) nicht nur eine theoretische Frage war, sondern ein unmittelbar gelebter Zustand. Diese seine Seite nähert ihn den Leuten des frühen Malâma (des Tadels) an; denn auch er kritisierte aufs Schärfste eine zur Schau gestellte und auf Eigennutz beruhende Frömmigkeit und maß der Verborgenheit der Werke und der Aufrichtigkeit der Absicht (Niyya) große Bedeutung bei.

Die geistige Kette (Silsila) al-Makkîs reicht bis zur Schule al-Dschunayds zurück. Sein Lehrer Abû Saʿîd Ibn al-Aʿrâbî gehörte zu den Schülern des großen Meisters al-Dschunayd al-Baghdâdî. Diese Verbindung erklärt den Ursprung der auf Sahw (Nüchternheit) gegründeten, mit der Scharîʿa voll im Einklang stehenden, maßvollen Tasawwuf-Linie al-Makkîs. Statt des Weges des Sukr (geistige Trunkenheit) von Bâyazîd al-Bistâmî machte er sich den besonnenen und ausgewogenen Weg al-Dschunayds zu eigen.

Qût al-qulûb: Struktur und Bedeutung

Qût al-qulûb ist eines der umfassendsten und frühesten systematischen Werke der Tasawwuf-Geschichte. Schon der Titel des Werkes ist für sich genommen ein Programm: „Die Nahrung der Herzen". Hier trägt „Nahrung" (Qût) den Gedanken, dass das Herz, ebenso wie der Körper der Speise bedarf, einer ihm eigenen Nahrung bedarf. So wie der Körper sich von Brot nährt, so nährt sich das Herz von Dhikr (Gottesgedenken), Murâqaba (kontemplativer Wachsamkeit), Yaqîn und göttlicher Liebe (Mahabba). Diese Metapher bildet den Kern des gesamten Denksystems al-Makkîs: Die Wahrheit des Menschen ist sein Herz, und die Gesundheit des Herzens hängt davon ab, dass es die richtige Nahrung erhält.

Das Werk behandelt die äußeren und inneren Dimensionen der gottesdienstlichen Handlungen (ʿIbâdât) gemeinsam. Al-Makkî gibt zwar die rechtlichen Bestimmungen der gottesdienstlichen Handlungen wie Gebet, Fasten und Zakât an, erklärt aber zugleich deren Entsprechung im Herzen, deren geistige Geheimnisse und jene Seiten, die den Menschen zur Maʿrifa (mystische Gotteserkenntnis) tragen. Diese Methode – die gemeinsame Bearbeitung von Äußerem und Innerem, von Fiqh und Tasawwuf – ist der Vorbote jenes Werkmodells, das später im Ihyâʾ des Imâm al-Ghazâlî seinen Gipfel erreichen sollte. Tatsächlich weisen viele Forscher darauf hin, dass bestimmte Abschnitte des Ihyâʾ wie eine neu geordnete, mit al-Ghazâlîs eigenem Genie bereicherte Auslegung des Qût al-qulûb gelesen werden können.

Die Wissenschaft des Herzens und Yaqîn

Im Zentrum des Tasawwuf-Verständnisses al-Makkîs steht die Wissenschaft des Herzens (ʿilm al-qulûb). Ihm zufolge teilt sich das Wissen in zwei: das „Wissen der Herzen" und das „Wissen der Zungen" (ʿilm al-lisân). Das Wissen der Zungen ist jenes Wissen, das um weltlichen Nutzens, um Rang und Ruhm willen erworben wird und zumeist trocken und als bloße Schale bleibt. Das Wissen der Herzen aber ist das wahre Wissen, das den Menschen unmittelbar zu Gott nähert, das sich in Handlung verwandelt und zum Zustand (Hâl) wird. Für al-Makkî ist das wahrhaft Wertvolle, ja nahezu das einzige wahre Wissen, dieses Wissen des Herzens. Diese Unterscheidung ist einer der frühesten und stärksten Ausdrücke der klassischen mystischen Unterscheidung zwischen Wissen und Gotteserkenntnis (ʿIlm und ʿIrfân).

Die höchste Frucht dieser Wissenschaft des Herzens ist Yaqîn (Gewissheit). Yaqîn ist ein Zustand der Gewissheit, in dem der Zweifel vollständig verschwunden und das Herz hinsichtlich der Wahrheiten Gottes zur Ruhe gekommen (mutmaʾinn) ist. Al-Makkî teilt das Yaqîn in Stufen ein und sieht es als eine der grundlegendsten Säulen des mystischen Weges (Sulûk). Je mehr das Yaqîn zunimmt, desto mehr nimmt auch das Tawakkul (Gottvertrauen) zu; denn wahres Gottvertrauen kann nur aus einem Herzen entspringen, das eine tiefe Gewissheit über die Herrschaft Gottes (Rubûbiyya) besitzt. Al-Makkîs Analysen des Tawakkul sind so einflussreich gewesen, dass man sagen kann, die spätere Tawakkul-Literatur habe sich weitgehend innerhalb des von ihm gezogenen Rahmens entwickelt.

Die Lehre von den Zuständen und Stationen (ahwâl und maqâmât)

Qût al-qulûb behandelt den Weg des geistigen Wanderns (sayr u sulûk), also das Voranschreiten des Gottsuchers (Sâlik) zu Gott hin, im Rahmen von Stationen (Maqâmât; feste, erworbene Stufen) und Zuständen (Ahwâl; vorübergehende, durch göttliche Gunst kommende geistige Zustände). Al-Makkî spricht von neun Grundstationen: Reue (Tawba), Geduld (Sabr), Dankbarkeit (Schukr), Hoffnung (Radschâʾ), Furcht (Chauf), Askese (Zuhd), Gottvertrauen (Tawakkul), Zufriedenheit (Ridâ) und Liebe (Mahabba). Diese Stationen sind eine geistige Leiter, auf der der Sâlik, indem er seine niedere Seele (Nafs) erzieht, Stufe um Stufe emporsteigt. Jede Station baut auf der vorhergehenden auf und bereitet den Sâlik auf die nächste vor.

Sabr (Geduld) nimmt unter diesen Stationen einen besonderen Platz ein. Für al-Makkî bedeutet Geduld nicht nur das Ertragen von Bedrängnissen, sondern auch den Widerstand gegen die Begierden der niederen Seele, das Beharren in den gottesdienstlichen Handlungen und die Ergebung in die göttliche Vorherbestimmung. Ebenso steht die Mahabba (göttliche Liebe) an der Spitze der Stationen; denn das Ziel des gesamten Weges ist es, dass das Herz sich mit der Liebe zu Gott füllt und diese Liebe über alles die Oberhand gewinnt. Al-Makkîs Analysen der Mahabba nähren ein reiches Erbe, das ein Jahrhundert später in den Sawânih des Ahmad al-Ghazâlî zu einer systematischen Philosophie der göttlichen Liebe (ʿIschq) werden sollte.

Die Synthese von Zuhd und Maʿrifa

Einer der wichtigsten Beiträge Abû Tâlib al-Makkîs zur Tasawwuf-Geschichte ist, dass er Askese und Gotteserkenntnis als zwei einander ergänzende Flügel darbietet. Während die frühen Askesebewegungen zumeist den Rückzug aus der Welt und eine auf Furcht und Trauer gegründete Frömmigkeit betonten, verortet al-Makkî diese Askese nicht als Ziel, sondern als Mittel. Das Ziel der Askese ist es, das Herz von den weltlichen Bindungen zu reinigen und es so für die Maʿrifa, also für das Erkennen Gottes, bereitzumachen. So hört die Askese auf, eine in sich gekehrte Düsternis zu sein, und verwandelt sich in ein Tor, das sich zum göttlichen Wissen öffnet.

Diese Synthese spielte eine entscheidende Rolle dabei, dass der Tasawwuf aufhörte, eine trockene Disziplin der geistigen Übung zu sein, und sich in einen tiefen Weg des Wissens und der Liebe verwandelte. Al-Makkî analysiert mit großer Feinheit die Listen der niederen Seele (makâyid an-nafs); er zeigt, wie sich die Heuchelei (Riyâʾ), die Selbstgefälligkeit (ʿUdschb, Selbstbewunderung) und der verborgene Götzendienst (Schirk) in das Herz einschleichen. In dieser Hinsicht ist sein Werk zugleich ein Leitfaden der Selbstprüfung (Muhâsabat an-nafs) und der Charaktererziehung. Seine Behandlung der Stufen der niederen Seele (Nafs) und der Wege ihrer Läuterung wurde zu einer der grundlegenden Referenzen der späteren Tasawwuf-Ethik.

Die Sâlimiyya und seine theologische Seite

Die Verbindung al-Makkîs zur Schule der Sâlimiyya in Basra spiegelte sich auch in einigen seiner theologischen Ansichten wider. Die Sâlimiyya ist eine Schule, die auf Ibn Sâlim, den Schüler Sahl at-Tustarîs, zurückgeführt wird und theologische und mystische Ansichten miteinander verbindet. Einige Ausdrücke, die im Qût al-qulûb al-Makkîs vorkommen, wurden zu seiner Zeit von manchen Gelehrten zum Gegenstand der Diskussion gemacht. Doch diese Ansichten wurden später von al-Ghazâlî durch einen Filter gesiebt und mit der Linie der Ahl as-Sunna in Einklang gebracht. Dieser Läuterungsvorgang ermöglichte es, dass der reiche geistige Gehalt des Qût al-qulûb einen weiteren Kreis erreichte.

Die Methode al-Makkîs besteht darin, Vernunft und Enthüllung (Kaschf), Überlieferung (Naql) und unmittelbare Erfahrung (Dhauq) nicht als Gegensätze, sondern als Teile eines Ganzen zu behandeln. Für ihn sind Koran und Sunna die unveränderliche Grundlage des geistigen Lebens; die mystische Erfahrung wird auf dieser Grundlage errichtet und widerspricht ihr nicht. Dieses Gleichgewicht macht al-Makkî zum Vorläufer späterer „den Tasawwuf legitimierender" Verfasser wie al-Quschayrî und al-Hudschwîrî.

Sein Einfluss auf al-Ghazâlî und die spätere Tradition

Der wichtigste Umstand, der den Platz Abû Tâlib al-Makkîs in der Tasawwuf-Geschichte bestimmt, ist ohne Zweifel sein Einfluss auf Imâm al-Ghazâlî. Al-Ghazâlî nennt in seinem Werk al-Munqidh min ad-Dalâl, in dem er seine eigene geistige Krise und seine Wahrheitssuche schildert, das Qût al-qulûb an erster Stelle der Tasawwuf-Bücher, die er gelesen hat. Viele Abschnitte des Ihyâʾ ʿUlûm ad-Dîn, besonders die der inneren Dimension der gottesdienstlichen Handlungen und Stationen wie Geduld, Dankbarkeit, Gottvertrauen und Liebe gewidmeten Teile, tragen unmittelbar die Spuren des Qût al-qulûb. Al-Ghazâlî hat das Material al-Makkîs übernommen und es mit seiner eigenen Systematik und theologischen Tiefe neu errichtet.

Dieser Einfluss verbreitete sich durch al-Ghazâlî über die gesamte spätere islamische Welt. Da das Ihyâʾ über Jahrhunderte hinweg das meistgelesene Werk der islamischen Welt war, hat auch das Qût al-qulûb als die verborgene Quelle dahinter mittelbar zahllose geistige Leben geprägt. Von Mawlânâ bis zu Ibn al-ʿArabî hat al-Makkî einen großen Anteil an der Entstehung der geistigen Atmosphäre, die die späteren großen Sufis atmeten.

Eine vergleichende Betrachtung

Aus der Sicht der vergleichenden Spiritualität betrachtet, weist das Verständnis der „Wissenschaft des Herzens" Abû Tâlib al-Makkîs interessante Parallelen zu den Themen des „Wissens des Herzens" in verschiedenen Traditionen auf. Der Begriff der cognitio cordis (Erkenntnis des Herzens) in der christlichen mystischen Tradition oder der Gedanke der „die Vernunft übersteigenden intuitiven Erkenntnis" in den östlichen Traditionen teilen den Gedanken, dass der Mensch die Wahrheit nicht allein mit der abstrakten Vernunft, sondern mittels eines geläuterten inneren Zentrums (des Herzens) erfassen kann. Die Originalität al-Makkîs besteht darin, dass er diesen Gedanken auf der Grundlage von Koran und Sunna mit einem überaus konkreten Programm gottesdienstlicher Handlungen und der Ethik verbindet.

Auch al-Makkîs Synthese von Zuhd und Maʿrifa weist insofern auf ein universelles mystisches Thema hin, als sie die zwei Pole des geistigen Lebens – Entsagung (Verzicht auf die Welt) und Erkenntnis (das Erkennen Gottes) – miteinander versöhnt. In vielen Traditionen führt der Weg zum Erreichen der Wahrheit zuerst über die Läuterung der niederen Seele / des Ego, dann über das Erkennen des Göttlichen. Al-Makkî stellt diese zwei Stufen als einen einander folgenden und einander nährenden Prozess dar.

Sein Erbe und seine Bedeutung

Auch wenn Abû Tâlib al-Makkî zumeist im Schatten seines berühmteren Nachfolgers al-Ghazâlî geblieben ist, ist er eine der wahren Gründergestalten der Tasawwuf-Geschichte. Qût al-qulûb ist nicht nur ein Quellenwerk, sondern für sich genommen ein Leitfaden des geistigen Lebens. Sein herzzentriertes Wissensverständnis, seine Lehre von Zuständen und Stationen, seine Synthese, die Askese und Gotteserkenntnis vereint, und seine tiefen Analysen über die innere Dimension der gottesdienstlichen Handlungen bildeten die Grundsteine des klassischen Tasawwuf.

Sein Erbe bildet, als Erzeugnis derselben Epoche wie das die Stationen des Weges systematisierende Manâzil as-Sâʾirîn des al-Ansârî al-Harawî, eines der beiden großen Monumente des Systematisierungszeitalters des frühen Tasawwuf. Die Metapher der „Nahrung der Herzen" al-Makkîs bleibt noch heute eines der Bilder, die das Wesen des geistigen Lebens – dass das Herz sich vom Göttlichen nähren muss – am prägnantesten ausdrücken. Sein Werk ist für den Wanderer auf dem Weg der Heiligkeit (Walâya) noch immer eine lebendige Nahrungsquelle. Dieser in Bescheidenheit verborgene große Beitrag al-Makkîs lässt sich als eine der Erscheinungen der göttlichen Barmherzigkeit (Rahma) in der Tasawwuf-Geschichte lesen; denn seine stille Mühe ist zur geistigen Nahrung der folgenden Generationen geworden.

Die Stufen des Herzens und seine innere Anatomie

Einer der bleibendsten Beiträge Abû Tâlib al-Makkîs zum Tasawwuf-Denken ist, dass er die innere Welt des Menschen, also sein Herz, in einer feinen geistigen Anatomie behandelt. Ihm zufolge gibt es im Inneren des Menschen voneinander verschiedene, aber miteinander verbundene geistige Zentren: Sadr (die Brust), Qalb (das Herz), Fuʾâd und in der tiefsten Tiefe Lubb (der Kern). Jedes dieser Zentren empfängt einen anderen Grad des göttlichen Lichts. Der Sadr ist der Ort des Islam und der Hingabe; das Qalb ist das Zentrum des Glaubens und der Maʿrifa; der Fuʾâd ist der Ort der Schau (Muschâhada) und der unmittelbaren Erkenntnis; der Lubb aber ist der verborgenste Punkt, an dem das reinste Licht des Tauhîd erstrahlt. Diese Einteilung ist einer der Vorboten der späteren Tasawwuf-Psychologie – besonders der Lehre von den „Latâʾif" (den feinstofflichen Zentren).

Al-Makkî betont, dass das Erreichen dieser Tiefen des Herzens nur durch eine schrittweise Läuterung möglich ist. Wenn das Herz durch weltliche Beschäftigungen, Achtlosigkeit (Ghafla) und die Begierden der niederen Seele verschleiert wird, wird es unfähig, das göttliche Licht zu empfangen. Dhikr (Gottesgedenken), Murâqaba und Selbstprüfung heben diese Schleier einen nach dem anderen auf und führen das Herz zu seiner ursprünglichen Reinheit zurück. Al-Makkî zufolge ist die Gesundheit des Herzens weit wichtiger als die Gesundheit des Körpers; denn was den Menschen am Tag der Auferstehung rettet, ist ein „heiles Herz" (qalb salîm). Dieser koranische Begriff bildet das letzte Ziel des gesamten geistigen Programms al-Makkîs: das Herz von jeder Art geistiger Krankheit zu läutern und es so der Gegenwart Gottes würdig zu machen.

Diese innere Anatomie verbindet sich zugleich mit dem Wissensverständnis al-Makkîs. Denn ihm zufolge entsteht das wahre Wissen in diesem geläuterten Herzen. Die Vernunft sammelt von außen Wissen; aber das Herz weiß von innen, unmittelbar, durch Eingebung (Ilhâm) und Enthüllung (Kaschf). Al-Makkî sieht diese beiden Wissensarten nicht als Gegensätze; er verortet das rationale Wissen als eine Stufe und Vorbereitung des Herzenswissens. Der Mensch lernt zuerst mit seiner Vernunft, verwandelt dann das Gelernte in Handlung, und schließlich entsteht als Frucht der Handlung und der geistigen Übung in seinem Herzen ein göttliches Licht und eine göttliche Erkenntnis.

Absicht, Aufrichtigkeit und die innere Seite der Handlung

Eine der stärksten Betonungen des Qût al-qulûb gilt der Absicht (Niyya) und der Aufrichtigkeit (Ichlâs). Für al-Makkî hängt der Wert einer Handlung weniger von ihrer äußeren Gestalt als von der dahinterstehenden Absicht ab. Dasselbe Gebet, dasselbe Fasten, dieselbe Almosengabe kann, je nach Absicht, entweder ein Mittel sein, das den Menschen zu Gott nähert, oder eine wegen Zurschaustellung und Eigennutz vergebliche Mühe. Aus diesem Grund ruft al-Makkî den Sâlik ständig dazu auf, seine eigene Absicht zu überprüfen und die verborgenen Zwecke in den Tiefen seines Herzens zu erforschen.

Der Ichlâs, also die Handlung allein um Gottes willen, mit einem lauteren Herzen zu vollbringen, ist der Gipfel des Ethikverständnisses al-Makkîs. Als die größte Gefahr für den Ichlâs behandelt er die Heuchelei (Riyâʾ, Zurschaustellung) und ihre verborgenen Formen. Al-Makkî sagt, die Riyâʾ könne so heimtückisch sein, dass der Mensch manchmal nicht einmal bemerke, dass er Riyâʾ begehe; er könne seine gottesdienstliche Handlung nicht etwa nur deshalb beflecken, damit die Menschen sie sähen, sondern schon durch das feinste Verlangen, etwa „dass die Menschen mich für gut halten". Seine Analysen dieser Feinheiten bilden eine der tiefsten Seiten der Literatur zur Erziehung der niederen Seele (Nafs) und haben unmittelbar den Abschnitt „Kitâb ar-Riyâʾ" im Ihyâʾ des al-Ghazâlî inspiriert.

Al-Makkî weist darauf hin, dass der Weg zum Erreichen des Ichlâs über eine beständige Selbstprüfung (Muhâsabat an-nafs, das Sich-zur-Rechenschaft-Ziehen) führt. Der Sâlik soll am Ende eines jeden Tages, ja nach jeder Handlung, sein Herz befragen und seine Absicht prüfen. Diese Selbstprüfung wird durch die Murâqaba (kontemplative Wachsamkeit) vervollständigt: dass der Diener im Bewusstsein lebt, dass Gott ihn in jedem Augenblick sieht. Die Muhâsaba richtet sich auf die Vergangenheit, die Murâqaba auf den gegenwärtigen Augenblick; beide bilden zusammen eine geistige Disziplin, die das Herz beständig wach und lauter hält.

Chauf und Radschâʾ: zwei Flügel

In der geistigen Psychologie al-Makkîs nimmt das Gleichgewicht von Chauf (Gottesfurcht / Ehrfurcht) und Radschâʾ (Hoffnung auf die göttliche Barmherzigkeit) einen zentralen Platz ein. Ihm zufolge soll der Sâlik wie ein Vogel mit zwei Flügeln, mit Chauf und Radschâʾ zugleich, fliegen. Allein die Furcht stürzt den Menschen in Verzweiflung und Düsternis; allein die Hoffnung treibt ihn in Achtlosigkeit und Nachlässigkeit. Das wahre Gleichgewicht besteht darin, dass diese beiden im Herzen zusammen vorhanden sind. Al-Makkî weist darauf hin, dass je nach geistigem Zustand des Sâlik bald die Furcht, bald die Hoffnung überwiegen kann, dass aber im reifen Gläubigen diese beiden eine ausgewogene Synthese bilden.

Dieses Gleichgewicht von Chauf und Radschâʾ ist ein Teil des umfassenderen „Maqâmât"-Systems al-Makkîs. Chauf und Radschâʾ sind Zwischenstufen, die nach der Station der Reue kommen und den Sâlik auf Sabr (Geduld), Dankbarkeit und schließlich auf die Mahabba (göttliche Liebe) vorbereiten. Bemerkenswert ist, dass al-Makkî sagt, auf der letzten Stufe umfasse die Mahabba auch Chauf und Radschâʾ: Der wahre Liebende fürchtet seinen Geliebten (aus Ehrerbietung und Ehrfurcht) und erhofft zugleich seine Barmherzigkeit; aber über all dem wendet er sich ihm allein deshalb zu, weil er ihn liebt. So löst die Mahabba alle anderen Zustände in sich auf und verleiht ihnen ihre letzte Bedeutung.

Al-Makkî erinnert auch daran, dass keiner dieser Zustände durch die eigene Anstrengung des Dieners vollständig erlangt werden kann, sondern dass sie zugleich göttliche Gaben (Ahwâl) sind. Der Diener greift zu den Mitteln – er gedenkt Gottes, verrichtet gottesdienstliche Handlungen, erzieht seine niedere Seele –, doch dass die Zustände in das Herz herabkommen, geschieht durch den Willen Gottes. Diese Feinheit stellt den Tasawwuf al-Makkîs sowohl auf einen praktischen Grund (die Anstrengung des Dieners) als auch auf einen den Tauhîd betreffenden Grund (das Bewusstsein, dass alles von Gott kommt).

Geselligkeit, Zurückgezogenheit und geistiges Adab

Al-Makkî vernachlässigt auch die soziale Dimension des geistigen Lebens nicht. Im Qût al-qulûb erörtert er ausführlich den geistigen Wert der Suhba (Gemeinschaft mit Rechtschaffenen) und der Zurückgezogenheit (ʿUzla). Ihm zufolge haben beide ihren Ort und ihre Zeit. Die Suhba ist für die geistige Entwicklung des Sâlik überaus wertvoll, insofern sie das Zusammensein mit den richtigen Menschen, das Profitieren von ihrem Zustand und das gemeinsame Voranschreiten in einer geistigen Bruderschaft ermöglicht. Al-Makkî weist darauf hin, dass aufrichtige Freunde einander ein Spiegel sind und dass der eine dazu beitragen kann, den Fehler des anderen zu sehen und zu berichtigen.

Andererseits ist auch die Zurückgezogenheit notwendig, damit das Herz sich vom weltlichen Lärm läutert und mit Gott allein bleibt. Al-Makkî sagt, der Sâlik müsse sich von Zeit zu Zeit von den Menschen entfernen und in Abgeschiedenheit (Chalwa) und geistiger Übung seine niedere Seele erziehen. Doch sieht er die Zurückgezogenheit nicht als eine Flucht oder als Menschenhass, sondern als ein Mittel der Läuterung und Sammlung. Der reife Gläubige ist derjenige, der sowohl inmitten der Menschen mit dem Wahren (al-Haqq) sein kann als auch in der Einsamkeit bei ihm Ruhe findet.

All diese Punkte werden von dem Adab-Verständnis al-Makkîs umrahmt. Adab heißt im Tasawwuf, die Feinheit zu kennen, die jede Station und jeder Zustand erfordert, und sie zu wahren. Adab gegenüber Gott, Adab gegenüber den Geschöpfen, Adab gegenüber dem geistigen Führer (Murschid), ja sogar Adab gegenüber der niederen Seele – all dies sind Feinheiten, die die geistige Reise des Sâlik verschönern und ihn ans Ziel führen. Das Werk al-Makkîs ist von Anfang bis Ende in diesem Geist des Adab geschrieben; er vermittelt nicht nur Wissen, sondern lehrt zugleich, wie dieses Wissen zu leben und mit welchem Adab es zu tragen ist.

Seine Quellen und seine Methode

Einer der bemerkenswertesten Aspekte des Qût al-qulûb ist die reiche Quellennutzung al-Makkîs. Das Werk ist mit Koranversen, Hadithen des Propheten, Aussprüchen der Prophetengefährten (Sahâba) und der Nachfolgegeneration (Tâbiʿûn) sowie Anekdoten (Manâqib) früherer Asketen und Sufis durchwirkt. Al-Makkî achtet stets darauf, seine eigenen Ansichten, wenn er sie darlegt, auf die Grundlage von Koran und Sunna zu stützen. In dieser Hinsicht ist das Werk zugleich ein bedeutender Schatz früher Askese- und Tasawwuf-Überlieferungen; viele Aussprüche und Anekdoten sind zum ersten Mal oder in ihrer ältesten Form in diesem Werk festgehalten.

Die Methode al-Makkîs wahrt ein Gleichgewicht zwischen „Tahqîq" (dem Erforschen der Wahrheit) und „Naql" (dem Weitergeben der Überlieferung). Er gibt das aus der Tradition kommende Material mit großem Respekt weiter; aber er lässt es nicht als eine trockene Zusammenstellung stehen, sondern deutet es mit seiner eigenen geistigen Erfahrung und Erkenntnis, systematisiert es und verwandelt es in eine lebendige geistige Lehre. Diese Methode ist der Vorbote des „Ihyâʾ"-Projekts (der Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften), das später von al-Ghazâlî vervollkommnet werden sollte: das aus der Tradition kommende Wissen zu nehmen, es neu zu beleben und es in eine das Herz berührende geistige Kraft zu verwandeln.

Wegen dieser Methode al-Makkîs ist Qût al-qulûb ein vielschichtiges Werk – zugleich ein Tasawwuf-Klassiker, eine Sammlung von Hadithen und Überlieferungen und ein Leitfaden der Ethik und der gottesdienstlichen Handlungen. Dieser Reichtum sorgte dafür, dass es über Jahrhunderte hinweg gelesen wurde und beständig neue Generationen inspirierte. Spätere große Tasawwuf-Handbücher wie die ar-Risâla des al-Quschayrî und das Kaschf al-Mahdschûb des al-Hudschwîrî sind auf diesem von Qût al-qulûb eröffneten Weg vorangeschritten.

Die Analyse des Tawakkul und das Ergreifen der Mittel

Eine der tiefsten und einflussreichsten Analysen Abû Tâlib al-Makkîs gilt dem Tawakkul (dem Sich-Verlassen auf Gott und Sich-Stützen auf ihn). Al-Makkî behandelt das Tawakkul nicht als eine oberflächliche Ergebung oder Trägheit, sondern als eine überaus feine geistige Stufe. Ihm zufolge ist das Tawakkul das Vertrauen des Herzens mit seinem ganzen Sein auf die Herrschaft Gottes (Rubûbiyya), der Glaube mit fester Gewissheit (Yaqîn), dass der wahre Wirkende der Versorgung und jeder Angelegenheit Er ist. Dies bedeutet nicht, dass der Diener die Mittel (Ursachen) gänzlich aufgibt; vielmehr bindet er, während er zu den Mitteln greift, sein Herz nicht an die Mittel, sondern an den Schöpfer der Mittel.

Al-Makkî teilt die Leute des Tawakkul in Stufen ein. Auf der untersten Stufe greift der Diener zu den Mitteln, vertraut aber mit seinem Herzen auf Gott. Auf höheren Stufen nimmt die Bindung des Dieners an die Mittel ab und seine Ergebung in die unmittelbare göttliche Fügung (Tadbîr) zu. Auf der höchsten Stufe aber stützt sich der Diener, wie ein Kind in der Hingabe an seine Mutter, ohne jede Sorge gänzlich auf Gott. Doch erinnert al-Makkî daran, dass diese höchste Stufe nicht für jeden gilt, sondern nur für die auserlesenen Diener, deren Herz vollständig mit Yaqîn erfüllt ist, und dass für die meisten Menschen das Ergreifen der Mittel eine Sunna und eine Notwendigkeit ist. Dieses Gleichgewicht trägt eine Feinheit, die seinen Tasawwuf vor Übersteigerung bewahrt und ihn mit den Maßstäben der Scharîʿa in Einklang bringt.

Diese Analyse des Tawakkul bildete die Grundlage der späteren Tawakkul-Literatur und diente besonders dem Abschnitt „Kitâb at-Tauhîd waʾt-Tawakkul" im Ihyâʾ des al-Ghazâlî unmittelbar als Quelle. Das Gleichgewicht, das al-Makkî zwischen den Mitteln (Asbâb) und dem Verursacher (Musabbib, dem Schöpfer der Mittel) herstellt, wurde über Jahrhunderte hinweg als ein Modell herangezogen, das sowohl die geistige Tiefe als auch den praktischen Realismus des Tawakkul-Verständnisses bewahrt. In dieser Hinsicht stellt al-Makkî den Tasawwuf nicht als eine vom Leben losgelöste Mystik dar, sondern als eine inmitten des Lebens gelebte lebendige Weisheit (Hikma).

Schukr und das Erkennen der Gnadengabe

Eine weitere bedeutende Stufe im Maqâmât-System al-Makkîs ist der Schukr (Dankbarkeit). Ihm zufolge bedeutet Dankbarkeit nicht nur, mit der Zunge „al-Hamdu liʾllâh" zu sagen, sondern mit dem Herzen zu erkennen, dass die Gnadengabe (Niʿma) von Gott kommt, diese Gabe seinem Wohlgefallen gemäß zu gebrauchen und den Geber durch die Gabe nicht zu vergessen. Al-Makkî behandelt den Schukr in drei Dimensionen: den Schukr des Herzens (die Gabe zu erkennen und zu lieben), den Schukr der Zunge (Gott zu loben und seiner zu gedenken) und den Schukr der Glieder (die Gabe im Gehorsam zu gebrauchen). Wahre Dankbarkeit ist das gemeinsame Verwirklichen dieser drei Dimensionen.

Für al-Makkî ist die tiefste Dimension der Dankbarkeit, dass der Diener auch die Gnadengabe des Dankens selbst wiederum von Gott herleitet. Das heißt, der Diener soll sogar dafür danken, dass er danken kann; denn auch die Kraft zum Danken ist es, die Gott ihm gibt. Dieser unendliche Kreislauf der Dankbarkeit hält den Diener beständig in einem Zustand der Dankbarkeit und der Liebe. An diesem Punkt weist al-Makkî darauf hin, dass sich der Schukr in Mahabba (göttliche Liebe) verwandelt: Das Herz, das die Gabe erkennt, füllt sich mit Liebe zum Geber, und diese Liebe öffnet sich zur göttlichen Liebe, dem Gipfel aller Stationen. So bietet das System al-Makkîs ein in sich stimmiges Ganzes, das von grundlegenden Stationen wie Sabr (Geduld) und Schukr ausgeht und sie alle in der göttlichen Liebe vereint; jede Stufe nähert den Diener um einen Schritt mehr Gott und nährt schließlich das Herz mit der göttlichen Erkenntnis und Liebe, die die „Nahrung der Herzen" ist.

Sein Platz in der Geschichte des frühen Tasawwuf

Um Abû Tâlib al-Makkî an seinen richtigen Platz in der Tasawwuf-Geschichte zu stellen, muss man sich an die geistige Atmosphäre der Epoche erinnern, in der er lebte. Das vierte Jahrhundert nach der Hidschra (das zehnte Jahrhundert n. Chr.) ist eine kritische Epoche, in der sich der Tasawwuf aus einem Zustand zerstreuter Askesebewegungen und persönlicher Erfahrungen in eine systematische Wissenschaft und Disziplin verwandelte. In dieser Epoche bestimmte die besonnene und an die Scharîʿa gebundene Linie al-Dschunayd al-Baghdâdîs die Hauptströmung des Tasawwuf; Verfasser wie as-Sulamî, al-Quschayrî und al-Hudschwîrî machten den Tasawwuf zu einer schriftlichen Tradition. Al-Makkî ist einer der frühesten und stärksten Vertreter dieser Systematisierungsbewegung.

Der eigene Beitrag al-Makkîs besteht darin, dass er den Tasawwuf als die innere Dimension der gottesdienstlichen Handlungen und der Ethik umfassend systematisierte. Auch vor ihm gab es Werke über Askese und geistige Zustände; aber ein so weites, umfassendes und systematisches Werk wie Qût al-qulûb war vor ihm nicht geschrieben worden. Dieses Werk spielte eine entscheidende Rolle dabei, dass der Tasawwuf unter den islamischen Wissenschaften einen legitimen und zentralen Platz einnahm. So legte al-Makkî die Grundlage, auf der die nach ihm kommenden al-Ghazâlî, al-Ansârî al-Harawî und viele andere aufbauen sollten. Diese seine Gründerrolle ist in der Tasawwuf-Geschichte, auch wenn sie zumeist nicht die ihr gebührende Würdigung erfährt, von höchstem Wert. Abû Tâlib al-Makkî ist tatsächlich einer der stillen, aber festen Grundsteine des klassischen Tasawwuf.

Zusammenfassung

Das Tasawwuf-Verständnis, das Abû Tâlib al-Makkî dargelegt hat, ruht auf drei Grundpfeilern: der Zentralität des Herzens, der Einheit von Wissen und Handlung sowie der Synthese von Askese und Gotteserkenntnis. Diese drei Pfeiler werden im gesamten Qût al-qulûb unter Stützung durch Koranverse, Hadithe und die Aussprüche der Altvorderen (Salaf) bearbeitet. Al-Makkî stellt den Tasawwuf als eine Erweiterung der Scharîʿa, ja als deren tiefste und innerste Dimension dar. Dieser sein Zugang war entscheidend dafür, dass der Tasawwuf unter den islamischen Wissenschaften einen legitimen Platz einnahm. Heute ist der Name Abû Tâlib al-Makkî für jeden, der die Grundlagen des Tasawwuf-Denkens verstehen will, ein unentbehrlicher Ausgangspunkt.

Im Ergebnis repräsentiert das Erbe Abû Tâlib al-Makkîs einen der tiefst verwurzelten und bleibendsten Beiträge des Tasawwuf. Sein Begriff der „Nahrung der Herzen" drückt das Wesen des geistigen Lebens – dass das Herz sich beständig vom Göttlichen nähren muss – umfassend aus. Der stille, aber tiefe Einfluss al-Makkîs verbreitete sich durch das Ihyâʾ des al-Ghazâlî über die gesamte islamische Welt; so wurde er zu einem der unsichtbaren Baumeister der Tasawwuf-Geschichte. Seine Wissenschaft des Herzens, seine Lehre vom Yaqîn und seine Synthese von Zuhd und Maʿrifa bleiben für jeden Sâlik auf der Suche nach Weisheit (Hikma) noch immer eine lebendige und nährende Quelle. In dieser Hinsicht ist Qût al-qulûb nicht nur ein historisches Werk, sondern ein zeitloser geistiger Schatz.