Ramana Maharṣi
Südindischer Weiser des 20. Jahrhunderts; er lebte am Berg Arunachala bei Tiruvannamalai und wurde mit der Selbst-Erforschung „Wer bin ich?" (ātma-vicāra) zum lebendigen Beispiel des modernen Advaita-Vedānta.
Leben
Ramana Maharṣi (Tamilisch: Ramaṇa Maharṣi; Geburtsname Venkataraman Iyer; 30. Dezember 1879 – 14. April 1950) ist eine der einflussreichsten Gestalten der indischen Spiritualität des 20. Jahrhunderts und ein lebendiges Beispiel der modernen Tradition des Advaita-Vedānta. Er wurde im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, im Dorf Tiruchuzhi bei Madurai, in einer orthodoxen Smārta-Brahmanenfamilie geboren. Sein Vater Sundaram Iyer war ein Anwalt, der im Dorf das Amt eines Urkundsbeamten (ähnlich einem Stiftungs-Notar) versah; seine Mutter Azhagammāl war eine fromme Hausfrau.
Venkataramans Kindheit erscheint gewöhnlich: ein Schüler ohne außergewöhnliche religiöse Neigung, gut im Sport, mittelmäßig im Unterricht. Nachdem er mit zwölf Jahren seinen Vater verloren hatte, zog die Familie nach Madurai in das Haus seines Onkels. Der Wendepunkt seines Lebens ereignet sich im Juli 1896, als er sechzehn Jahre alt ist. Nach seiner eigenen Schilderung, die in David Godmans Sammelwerk Be As You Are: The Teachings of Sri Ramana Maharshi (1985) festgehalten ist, überfällt ihn eines Nachmittags, als er allein zu Hause ist, plötzlich und ohne jeden Anlass eine intensive Todesangst (intense fear of death). Statt zum Arzt zu gehen, beschließt er, die Erfahrung unmittelbar zu durchleben: Er legt sich auf den Boden, lässt seinen Körper starr werden, als wäre er gestorben, und fragt — „Dieser Körper stirbt; doch was bin ich?"
In jenem Augenblick erlebt er etwas, das Ramana später stets in derselben schlichten Sprache beschreiben wird: Der Körper wird als tot empfunden, doch das Gefühl des „Ich" währt vollkommen ununterbrochen fort — stärker, intensiver, mehr in sich selbst. „Der Körper stirbt; aber mit diesem Tod ist das Gefühl des ‚Ich' nicht im Geringsten gestorben. Ich bin ein vom Körper getrennter, unsterblicher Geist... Dieses Gewahrsein setzte sich an jenem Tag, mit dem Ende der Todesangst, als ein unmittelbares Verstehen in mir fest." Diese Erfahrung wird in den traditionellen Klassifikationen als ein akala (plötzliches, müheloses) Samādhi oder in der Advaita-Terminologie als aparokṣānubhūti (unmittelbares erfahrungsmäßiges Erfassen) bezeichnet.
Nach diesem Ereignis wandelt sich Venkataramans Leben in aller Stille. Er geht weiterhin zur Schule, doch sein Interesse am Unterricht ist erloschen; er zeigt vor seiner Familie keine künstliche Frömmigkeit, aber innerlich hat sich etwas verschoben. Sechs Wochen später, während er gerade eine Schulaufgabe anfertigen soll, bricht er das Schreiben mitten ab, verfasst eine kurze Notiz an seine Familie — „Ich suche meinen Vater, sucht mich nicht" — und verlässt das Haus. Sein Ziel ist der heilige Berg Arunachala in der Stadt Tiruvannamalai.
Arunachala („Der unbewegliche Berg") gilt als einer der fünf heiligsten Śiva-Berge Südindiens in Tamil Nadu; in der tamilischen Śaiva-Tradition wird er als unmittelbare Erscheinung Shivas angesehen. Als Venkataraman in seiner Kindheit von einem Verwandten den Namen „Tiruvannamalai" hörte, empfand er eine ihm unerklärliche Intensität — als wäre dort sein wahres Zuhause. Im September 1896 erreicht der siebzehnjährige Venkataraman Arunachala allein und wird die verbleibenden vierundfünfzig Jahre seines Lebens dort verbringen, ohne den Ort je zu verlassen.
In den ersten Jahren führt er im Arunaceśvara-Tempel in verschiedenen Höhlen — der unterirdischen Kammer Pātāḷa-liṅgam, Gurumūrtam, der Höhle Virūpākṣa — ein stilles und nahezu reglose Leben. Jahrelang spricht er nicht, isst sehr wenig und schenkt seinem Körper keinerlei Pflege. Im Tempel wird er von einheimischen Gläubigen beobachtet, beschützt und ernährt. In dieser frühen Phase — etwa den ersten zehn Jahren — befindet er sich in einer Art intensiver Versenkung (intense absorption). 1907 nennt ihn ein Sanskrit-Gelehrter und Weiser namens Kavyakantha Ganapati Muni „Bhagavan Sri Ramana Maharshi" (Erhabener Meister Ramana, Großer Weiser), und dieser Name verbindet sich fortan mit ihm.
Nach dem Tod seiner Mutter Azhagammāl im Jahr 1922 wird in der Nähe des Ortes ihres Todes ein Ashram (āśrama) namens Sri Ramanāśramam gegründet, und Ramana verbringt dort den Rest seines Lebens. Der Ashram empfängt Besucher aus aller Welt — Inder, westliche Suchende, Gelehrte, Schriftsteller. Paul Bruntons Buch A Search in Secret India (1934) ist das erste bedeutende Werk, das Ramana dem Westen vorstellt, und es weckt großes Interesse. In den folgenden Jahren besuchen ihn Arthur Osborne, der mit Carl Jung korrespondierende Heinrich Zimmer, Somerset Maugham (mit einem kurzen Besuch), W. Y. Evans-Wentz und viele weitere Personen. 1950 erreicht er infolge einer Krebserkrankung — schlicht und still, vor den Augen der Umstehenden — den mahāsamādhi.
Der Kern seiner Lehre: Ātma-Vicāra („Wer bin ich?")
Ramana Maharṣis zentrale Praxis und Lehre ist ātma-vicāra — die Selbst-Erforschung „Wer bin ich?". Diese Erforschung ist keine gewöhnliche gedankliche Neugier; sie ist eine unmittelbare Praxis der Selbst-Untersuchung, die darauf angelegt ist, das Bewusstsein zu seiner eigenen Quelle zurückzuführen.
Ramanas Ansatz beruht auf folgender schlichter Beobachtung: Jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Wahrnehmung, jede körperliche Empfindung — sie alle knüpfen an das Gefühl des „Ich" an. „Ich denke", „ich fühle", „ich sehe". All diese geistig-körperlichen Tätigkeiten setzen das Gefühl des Ich als ein Zentrum voraus. Doch woher entspringt dieses Gefühl des Ich? Aus welcher Quelle wird es geboren? Woher kommt das Gefühl des „Ich" selbst?
Die Praxis des ātma-vicāra besteht in Folgendem: Sobald irgendein Gedanke, ein Gefühl oder eine Wahrnehmung auftaucht, fragt man „Wem kommt dies?". Die Antwort lautet naturgemäß: „Mir." Dann kommt die zweite und eigentliche Frage: „Doch wer bin ich?" Mit dieser Frage wird die Aufmerksamkeit von den äußeren, inhaltlichen Objekten (Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen) nach innen gelenkt, zur Quelle des Ich-Gefühls.
Ramanas Schilderung zufolge löst sich, wenn diese Hinwendung aufrichtig und beständig vollzogen wird, das gewöhnliche Gefühl des „Ich" — also das mit dem Körper, dem Geist, dem Gedächtnis und der persönlichen Geschichte identifizierte aham-vṛtti (der Ich-Gedanke) — in seiner eigenen Quelle auf (subside), und was zurückbleibt, das Quell-Ich — Atman, Hridayam (das Herz), reines Bewusstsein (cit) — gibt sich selbst durch ein unmittelbares, müheloses, wortloses Erfassen zu erkennen.
David Godman fasst diese Lehre Ramanas in den ersten Kapiteln von Be As You Are (1985) so zusammen: „Bhagavans Methode besteht nicht darin, den Begriff des Selbst aufzulösen, den der gewöhnliche Verstand sucht, als wäre es ein Objekt; sie besteht darin, durch die unmittelbare Hinwendung des Bewusstseins selbst zu seiner eigenen Quelle zu jenem stillen Gewahrsein zu gelangen, in dem alle Selbst-Erforschung endet." Diese Struktur ist der praktische Kern des jñāna-Weges des klassischen Advaita Schankaras, reduziert auf eine einzige schlichte Praxis — die Erforschung „Wer bin ich?".
Ramana sah sich selbst nicht als Repräsentanten irgendeiner Tradition, erkannte aber ausdrücklich an, dass seine Lehre mit dem klassischen Advaita Śaṅkaras übereinstimmt. In seinem Ashram wurden regelmäßig Texte wie das Vivekacūḍāmaṇi, das Upadeśasāhasrī und das Yoga Vāsiṣṭha gelesen und kommentiert. Ramanas eigentümlicher Beitrag besteht darin, dass er die philosophisch-pädagogische Struktur des klassischen Advaita — die Dreiheit von śravaṇa (Hören), manana (Nachdenken), nididhyāsana (beständige Meditation) — in eine schlichte und unmittelbare Praxis überführt hat.
Die Lehre vom Hridayam (Herz)
Ramanas anderer wichtiger Begriff, Hridayam — Sanskrit Hṛdaya, „Herz" —, meint jedoch kein anatomisches Organ, sondern das innerlich-spirituelle Herz, das das Zentrum des Bewusstseins ist. Ramana zufolge liegt der „Ort" des Atman auf der rechten Körperseite, in der rechten Brusthälfte; es ist nicht dasselbe wie das klassische yogische anāhata cakra (Herz-Chakra). Die Lehre vom Hridayam veranschaulicht die physiologisch-meditative Dimension der ātma-vicāra-Frage „Wem kommt dies?" — die Hinwendung zur „Quelle" des Ich-Gefühls.
Wichtige Werke
Ramana hat sehr wenige geschriebene Texte hinterlassen; seine Lehre wurde größtenteils durch Gespräch (Zwiesprache) und stille Übertragung (silent transmission) weitergegeben. Dennoch sind die kurzen Texte, die er auf Drängen seiner Schüler oder zu bestimmten Anlässen verfasste, wichtige Quellen:
1. Nan Yar? (Wer bin ich?)
Ein Prosatext, den Ramana 1902, noch zu Beginn seiner Zwanziger, als schriftliche Antwort auf die Fragen seines Schülers Sivaprakasam Pillai verfasste. Ein kurzes Werk aus achtundzwanzig Fragen, aber zugleich der klarste Ausdruck von Ramanas Methode des ātma-vicāra. Später wurde es auch in Versform übertragen.
2. Upadeśa Sāram (Die Essenz der Lehre)
Ein philosophisch-praktisches Gedicht aus dreißig Strophen, 1927 in Sanskrit, Tamilisch, Telugu und Malayālam verfasst. Es behandelt die aufeinanderfolgenden Stufen der Wege des Karma-Yoga, der Bhakti, des Dhyāna und des jñāna und zeigt, dass der letzte Punkt aller dieser Wege das ātma-vicāra ist. Es wird traditionell zu den bündigen Lehrwerken des Vedānta gezählt.
3. Ulladu Narpadu / Sad-Darśanam (Vierzig Strophen über die Wirklichkeit)
Ein metaphysisches Gedicht aus vierzig Strophen, 1928 in tamilischer Sprache verfasst und später ins Sanskrit übersetzt. Es enthält Ramanas dichteste philosophische Formulierung über Brahman, Atman, Māyā und Freiheit. In Bhagavans unmittelbar eigenen Worten bringt es die Kernthesen des Advaita mit poetischer Dichte zum Ausdruck.
4. Gespräche (Talks)
Der größte Teil von Ramanas eigentlicher Lehre wurde aus den Gesprächen zusammengestellt, die er bei der täglichen darśana (dem Verweilen in seiner Gegenwart) im Ashram mit Besuchern führte. Sammlungen wie Talks with Sri Ramana Maharshi (aus den Aufzeichnungen, die Munagala Venkataramiah zwischen 1935 und 1939 führte, veröffentlicht 1955) und Day by Day with Bhagavan (A. Devaraja Mudaliar) bilden die Hauptüberlieferung dieser Gespräche. Die Zeitschrift The Mountain Path (seit 1964 von Sri Ramanasramam herausgegeben) veröffentlicht in regelmäßigen Abständen bedachte Aufsätze und Erinnerungen über Ramana.
Vergleichende Perspektive
Das Verhältnis zum klassischen Advaita Śaṅkaras
Ramana kann als unmittelbare Fortführung des klassischen Advaita Schankaras gelten; jedoch mit einigen Unterschieden. Während Śaṅkara den jñāna-Weg in gewaltigen Texten wie dem Brahmasūtra-Bhāṣya systematisch auf dem umstrittenen Boden der vedischen Tradition errichtet, reduziert Ramana eben diesen jñāna-Weg — unabhängig vom traditionellen Unterbau — auf eine einzige praktische Frage: „Wer bin ich?". Diese Reduktion lässt sich als das Herausschälen eines radikal praktischen Kerns aus Śaṅkaras Philosophie verstehen.
Ein weiterer Unterschied: Während Śaṅkara in der Lehre vom adhikāra (Befähigung) die klassische Auffassung vertritt, der Vedānta könne nur von männlichen Brahmanen mit einer brahmacarya-Ausbildung studiert werden, rief Ramana alle — ohne Ansehen von Kaste, Geschlecht oder Tradition — zur Praxis des ātma-vicāra auf. Diese Universalisierung stimmt mit dem modernen Vedānta-Projekt Vivekanandas überein; doch Ramanas Ansatz bleibt, anders als Vivekanandas aktivistisch-soziale Betonung, in einem stillen, innerlichen, individuellen Ton.
Sufischer Vergleich: Murākaba und Tafakkur
Ramanas ātma-vicāra trägt interessante Parallelen zu verschiedenen Praktiken der islamischen mystischen Tradition:
- Murākaba (Beobachtung/Schau): In der sufischen Tradition das beständige Beobachten der eigenen inneren Beziehung zu al-Haqq. Ramanas Erforschung „Wer bin ich?" bietet mit ihrer Struktur, die die Aufmerksamkeit auf die innere Quelle lenkt, eine strukturelle Analogie.
- Tafakkur (tiefes Nachsinnen): In der islamischen mystischen Tradition das tiefe Nachsinnen des Menschen über sich selbst und das All. Das Element des vicāra (Erforschen-Nachdenken) in Ramanas Praxis deckt sich mit dieser Kategorie.
- Der Hadith Man ʿarafa nafsahû fa-qad ʿarafa Rabbahû („Wer sich selbst erkennt, erkennt seinen Herrn"): Dieser berühmte Hadith des Tasawwuf deckt sich unmittelbar mit Ramanas Erforschung „Wer bin ich?"; beide sehen die Selbst-Erkenntnis als das Tor zur absoluten Erkenntnis.
Vergleichende Forscher der Spiritualität wie Frithjof Schuon, Toshihiko Izutsu und René Guénon haben Ramanas Praxis neben den Erfahrungen des faqr (geistliche Armut) und der fanāʾ (Auslöschung) in der islamischen mystischen Tradition gelesen. Besonders der Begriff der fanāʾ — die Auflösung des individuellen Ego im Absoluten — ist mit der Erfahrung, in der sich Ramanas Gefühl des „Ich" auflöst, strukturell identisch.
Zen und buddhistische Parallele
Ramanas Praxis „Wer bin ich?" zeigt strukturelle Ähnlichkeit mit der Anwendung des kōan in der japanischen Zen-Tradition — besonders mit dem Mu-Kōan des Rinzai-Zen oder der hua-tou-Erforschung (Wort-Anfang). Der chinesische Zen-Meister Hsü-yün (Xu Yun, 1840–1959) war ein Zeitgenosse Ramanas und lehrte die hua-tou-Praxis in einem ähnlich selbst-erforschenden Ton: Die Frage „Wer ist es, der dieses Wort spricht?" deckt sich auf verblüffende Weise mit Ramanas Erforschung „Wer ist der Inhaber dieses Gedankens?".
Die buddhistische Lehre vom anatta (Nicht-Selbst) und Ramanas Lehre vom Atman erscheinen an der Oberfläche entgegengesetzt; doch das aham-vṛtti (der Ich-Gedanke), auf das Ramana reduziert, ist identisch mit dem begrenzten, persönlichen Selbst, das das buddhistische anatta verwirft. Ramana sagt, dass unter der Auflösung des begrenzten Ego ein reines Bewusstsein — der Atman, das in buddhistischer Sprache vielleicht nicht ausdrückbar ist, aber strukturell eine Verwandtschaft mit der śūnyatā trägt — zurückbleibt.
Moderner Einfluss
Ramana Maharṣis Einfluss hat sich in der zweiten Hälfte des 20. und im 21. Jahrhundert rasch ausgeweitet. Einige seiner unmittelbaren Schüler wurden später selbst als Lehrer bekannt:
- H. W. L. Poonja („Papaji") (1910–1997): unmittelbarer Schüler Ramanas; lehrte später selbst Hunderte westlicher Suchender.
- Annamalai Swami (1906–1995): verbrachte viele Jahre in Ramanas Ashram, bekannt für seine schlichten Lehren.
- Lakshmana Swamy und andere Lehrer der Ramana-Linie.
Durch Gestalten wie Gangaji, Mooji und Adyashanti, Schüler Papajis, wurde Ramanas Lehre zu einer als „Neo-Advaita" bezeichneten Strömung, die besonders auf dem westlichen spirituellen Markt verbreitet ist. Wie treu dieser zeitgenössische Neo-Advaita Ramanas ursprünglicher Praxis ist, ist allerdings umstritten — manche Kritiker (Dennis Waite, James Swartz) bemängeln die „Satori-Fixierung" des zeitgenössischen Neo-Advaita, die die klassische Struktur der sādhana (geistliche Disziplin) überspringt.
Zu den großen Gestalten, die Ramana unmittelbar beeinflusst hat, zählen außerdem Carl Jung (er korrespondierte mit ihm), Heinrich Zimmer (er unterrichtete Jung über Ramana), Paul Brunton, Arthur Osborne, Olivier Lacombe und Mircea Eliade.
In der Türkei findet Ramana Maharṣis Lehre in den letzten Jahren wachsendes Interesse; Übersetzungen grundlegender Werke wie Be As You Are, Talks with Sri Ramana Maharshi und Day by Day with Bhagavan sind von verschiedenen Verlagen herausgegeben worden; in Studien zur vergleichenden Spiritualität — besonders im Kontext der Brücken zwischen Tasawwuf und indischer Philosophie — wird sie als Referenz herangezogen.
Ramanas geistlich-praktisches Erbe
Das praktische Erbe, das Ramana hinterlassen hat, besteht darin, den jñāna-Weg des klassischen Advaita in eine der ganzen Menschheit offenstehende Praxis der Selbst-Erforschung verwandelt zu haben. Diese Praxis erfordert keine institutionell-religiöse Zugehörigkeit; sie bedarf keiner Höhle, keines Ashrams und keiner Moschee; sie verlangt nur die aufrichtige Absicht, die Aufmerksamkeit nach innen zu wenden.
Diese Offenheit und Schlichtheit verleiht Ramana in der modernen Spiritualität des 20. und 21. Jahrhunderts eine außergewöhnliche Stellung. Zwischen der Universalität von Mevlānās Ruf „Komm, komm, wer du auch seist, komm wieder" und Ramanas Ruf „Blicke nur nach innen und frage: ‚Wer bin ich?'" besteht eine klangliche Nähe — beide öffnen das Tor des geistlichen Weges jedem Menschen, bedingungslos.
Tägliches Leben im Ashram und stille Unterweisung
Ramanas tägliches Leben im Ashram ist die praktische Erscheinung seiner Lehre. In den frühen Morgenstunden — vor der Dämmerung — öffnen sich die Türen des Saals (Old Hall), in dem Bhagavan saß. Besucher, einheimische Dorfbewohner, westliche Suchende, Gelehrte und Sannyāsins sitzen gemeinsam; unter ihnen wird kein Unterschied von Kaste, Nationalität, Geschlecht oder sozialer Schicht gemacht. Ramana sitzt in der Mitte auf einem Diwan; er blickt umher, beantwortet Fragen, wahrt sein Schweigen und ist zu sehen, wie er einen kleinen Hund oder die Kühe liebkost.
Ramanas Verständnis der darśana (des Verweilens in seiner Gegenwart) gründet auf den ältesten Schichten der klassischen indischen geistlichen Tradition: In der Nähe eines Heiligen zu verweilen erzeugt auch ohne mündliche Unterweisung eine geistliche Wirkung. Ramana hat diese Wirkung der mauna-dīkṣā (stillen Einweihung) oder darśana häufig betont; ihm zufolge war seine wahre Lehre nicht das Wort, sondern das Schweigen. In den von David Godman gesammelten Berichten ist festgehalten, dass viele Besucher berichteten, ihre inneren Fragen hätten sich gelöst oder sie hätten tiefen Frieden erfahren, einfach indem sie ein paar Stunden in Ramanas Nähe verbrachten, ohne dass es des Wortes bedurfte.
Auch die Ordnung des Ashrams ist eine Erscheinung von Ramanas Lehre: anstelle einer hierarchischen Klosterstruktur eine schlichte Ordnung der Gastfreundschaft. Speisesaal, Küche und Schlafräume standen stets allen offen. Den Tieren — besonders der Ashram-Kuh Lakṣmī und seinen Affen-Gefährten — erwies er eine besondere Güte; auch dies war der praktische Ausdruck seiner Lehre, dass die Grenze des Bewusstseins nicht beim Menschen endet.
Ramana und die klassische tamilische Śaiva-Mystik
Tamil Nadu, wo Ramana aufwuchs, ist eine der reichsten Regionen der klassischen Śaiva-Tradition. Die Nāyaṉārs (60 Śaiva-Mystiker-Heilige des 6.–9. Jahrhunderts — Sambandar, Appar, Sundarar, Manikkavāsagar) und klassische tamilische Śaiva-Mystiktexte wie das Tirumantiram Tirumulars (~6. Jahrhundert) sind ein wichtiger Teil von Ramanas geistlich-kulturellem Unterbau.
Ramana verfasste eigene Gedichte an Arunachala-Śiva, wie das Akṣaramaṇamālai („Halskette aufgereihter Worte"; eine tamilische Hymne aus 108 Strophen) und das Arunācala-Pañcakam („Fünf Hymnen an Arunachala"). Diese Hymnen sind die unmittelbare Fortsetzung der klassischen tamilischen Śaiva-Bhakti-Tradition; inhaltlich aber treffen sie sich über die Identität Atman = Brahman des Advaita-Vedānta mit der Identität Śiva-Atman. Bei Ramana sind bhakti und jñāna nicht zwei getrennte Wege, sondern zwei Ausdrücke desselben Bewusstseins.
Arunachala selbst war für Ramana nicht nur ein geografisch-heiliger Ort; es war ein personifiziertes Brahman-Symbol. „Arunachala ist mein Vater, meine Mutter, mein Guru, mein Geliebter, mein Gott — und schließlich mein Selbst", pflegte er zu sagen. Diese Aussage ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie der dichteste Ausdruck des klassischen Bhakti-Weges sich an einem Treffpunkt mit dem jñāna-Weg vereint.
Vergleich: Ramana und klassische Sufi-Weise
Ramanas Leben und Lehre weisen verblüffende Parallelen zu einigen klassischen Gestalten der islamischen mystischen Tradition auf:
- Vergleich mit al-Hallādsch (858–922): al-Hallādschs Ausruf Anā l-Haqq („Ich bin die Wahrheit") ist das strukturelle Gegenstück zu Ramanas Intuition „Ich bin der Atman, der Brahman ist". Beide sind unmittelbarer Ausdruck der Identität des individuellen Ich mit dem Absoluten.
- Vergleich mit Bāyazīd Bistāmī (804–874): Bistāmīs Erfahrung Subhānī, mā aʿzama shānī! („Gepriesen sei ich, wie groß ist meine Herrlichkeit!") gehört zu den ersten klassischen Ausdrücken der Terminologie von fanāʾ (Auslöschung) und baqāʾ (Fortbestand in al-Haqq). Ramanas Todeserfahrung mit sechzehn Jahren kann ihrer Struktur nach parallel dazu gelesen werden.
- Vergleich mit Yunus Emre (1238–1320): Yunus' Bemühen, mit schlichter türkischer Sprache die klassischen mystischen Erkenntnisse dem breitesten Kreis zu öffnen, trägt strukturelle Ähnlichkeit mit Ramanas Reduktion des klassischen Vedānta auf die schlichte Praxis des ātma-vicāra. Beide haben das Tor des geistlichen Weges der breitesten Menschheit geöffnet.
Frithjof Schuon hat in In the Tracks of Buddhism (1968) und späteren Arbeiten Ramana Maharṣi als den jñāna-yogin der Welt des 20. Jahrhunderts bezeichnet und betont, dass seine Lehre im Rahmen der philosophia perennis zu würdigen sei.
Brücken zwischen Ramana und der modernen Psychologie
Ramanas Praxis des ātma-vicāra zeigt verblüffende Nähe zu einigen Strömungen der westlichen Psychologie des 20. Jahrhunderts. Carl Jungs Begriff des Selbst (Selbst) — eine transzendente Struktur jenseits von Bewusstsein und Unbewusstem, die das Zentrum der Persönlichkeit bildet — trägt eine strukturelle Verwandtschaft mit dem Atman. Jung hat in Psychological Commentary on „The Tibetan Book of the Great Liberation" (1939) und anderen Schriften über den Osten ehrfürchtig auf Ramana Bezug genommen, aber auch eingestanden, dass es ihm schwerfiel, dessen Methode eine genaue Entsprechung im Rahmen der westlichen Psychologie zu finden.
Die zeitgenössische transpersonale Psychologie (transpersonal psychology) — Stanislav Grof, Ken Wilber, Charles Tart — sieht Ramanas Todeserfahrung und seine spätere Lebensweise als einen klassischen Bezugspunkt für die Bewusstseinsforschung in der ersten Person. Im Rahmen von Ken Wilbers integraler Theorie wird Ramanas Erfahrung als beispielhafte Erscheinung der kausalen (causal) und nicht-dualen (non-dual) Ebenen verortet.
In den zeitgenössischen westlichen Bewegungen der Meditation und Achtsamkeit (mindfulness) — Jon Kabat-Zinn, Sam Harris, Adyashanti — ist Ramanas Praxis „Wer bin ich?" zu einer als self-inquiry (Selbst-Erforschung) bezeichneten Technik geworden. Sam Harris beschreibt in Waking Up (2014) Ramanas Methode als eine klassische Technik der Bewusstseinsforschung, die im säkular-wissenschaftlichen Rahmen der modernen Welt dargeboten werden kann.
Die von Ramana hinterlassenen Fragen und Kritikpunkte
Ramanas Lehre ist trotz allem nicht frei von Kritik. Die wichtigsten Kritikpunkte sind:
- Sozial-politische Gleichgültigkeit: Ramana hat in keiner Phase des indischen Unabhängigkeitskampfes jener Zeit (Gandhi, Nehru, die Beziehung Indien–England, die Kastendiskriminierung usw.) unmittelbar Stellung bezogen. Dies bildet einen klaren Kontrast zur aktivistisch-sozialen Vedānta-Deutung Vivekanandas. Ramanas Verteidiger deuten dies als „die Transzendenz des unmittelbaren inneren Erwachens"; Kritiker bewerten es als „geistliche Flucht".
- Pädagogischer Zweifel: Die Kritik, dass die Erforschung „Wer bin ich?" bei oberflächlicher oder falscher Anwendung — wenn sie auf eine kognitiv-gedankliche Übung reduziert wird — kein echtes meditativ-erfahrungsmäßiges Ergebnis zeitigt. Die Lehre des klassischen Advaita vom adhikāra (Befähigung-Vorbereitung) betont die dieser Praxis vorausgehende Vorbereitung durch vairāgya (Entsagung) und viveka (Unterscheidung); Ramana hingegen stellt keine Vorbedingung.
- Überprüfbarkeit: Die Kritik, dass die Todeserfahrung mit sechzehn Jahren auf seiner eigenen mündlichen Schilderung beruht und keinen äußerlich überprüfbaren Zeugen hat; diese Kritik besitzt für akademisch-kritische Biografieansätze eine gewisse Berechtigung.
Diese Kritikpunkte mindern Ramanas Einfluss in der geistlich-philosophischen Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht; sie sind aber Bezugspunkte, um sein Erbe in einem kritisch-akademischen Rahmen zu würdigen.
Schluss
Ramana Maharṣi lässt sich als „lebendiger Beweis" des 20. Jahrhunderts für das klassische Advaita-System Śaṅkaras im 8. Jahrhundert lesen. Eine historisch-persönliche Erscheinung von Śaṅkaras Lehre der jīvanmukti (Erlösung zu Lebzeiten) hat sich in jenem stillen Mann in Tiruvannamalai verkörpert. Sein Erbe lebt weder als institutioneller Orden noch als dogmatische Lehre; es lebt allein als die lebendige, von Generation zu Generation weitergegebene Linie einer einzigen schlichten und universalen Praxis — der Erforschung „Wer bin ich?".
Verwandte Konzepte
Advaita · Vedānta · Schankara · Brahman · Atman · Vivekananda · Nisargadatta · Arunachala · Ātma-vicāra · Upadeśa Sāram · Sad-Darśanam · Papaji · Yoga Vāsiṣṭha · Hridayam · Shiva · Fanāʾ · Murākaba · Tafakkur · Śūnyatā · Vergleichende Spiritualität