Erleuchtung im Vergleich: Marifet, Bodhi, Gnosis, Theosis, Satori
Ein Vergleich der Terminologie der letzten spirituellen Verwirklichung verschiedener mystischer Traditionen (Marifet, Bodhi, Gnosis, Theosis, Satori): Wissen, Erfahrung oder Wandlung?
Rahmen der Fragestellung
Einer der im spirituellen Weg am häufigsten anzutreffenden Begriffe ist die „Erleuchtung" — doch dieses deutsche Wort ist lexikalisch auch mit der rationalistischen Bedeutung des Zeitalters der Aufklärung beladen. Die Übersetzung der Begriffe bodhi oder satori der östlichen Traditionen in die westlichen Sprachen als „enlightenment" hat eine Geschichte, und in dieser Geschichte hat es ernste begriffliche Verschiebungen gegeben. Aus diesem Grund muss eine vergleichende Analyse damit beginnen, die genaue Bedeutung zu entdecken, auf die jeder Begriff in seiner eigenen Tradition verweist.
Diese Notiz untersucht fünf Begriffe: Marifet (معرفة, Gotteserkenntnis) in der islamischen Mystik, bodhi (बोधि) im Mahāyāna- und Theravāda-Buddhismus, gnosis (γνῶσις) in der gnostischen Tradition und der christlichen Mystik, theosis (θέωσις) in der ostorthodoxen christlichen Theologie, satori (悟り) im japanischen Zen-Buddhismus. Der epistemologische Charakter jedes einzelnen ist verschieden: Marifet wird als „Wissen" übersetzt, ist aber ein erfahrungsbezogenes, teilhabendes Wissen; bodhi ist „Erwachen"; gnosis ist „Erkennen/Begreifen"; theosis ist „Vergöttlichung" — weniger ein Wissen als eine ontologische Wandlung; satori ist ein augenblickliches „Begreifen".
Die Ausgangsfrage des Vergleichs lautet: Sind diese Erfahrungen einheitlich, oder sind sie epistemisch-phänomenologisch verschiedene Dinge? Ein Aspekt der Antwort beeinflusst unmittelbar die pädagogische Position des spirituellen Praktikers. Wenn die fünf Begriffe auf dasselbe verweisen, kann eine „Querlesart" von einer Tradition in die andere fruchtbar sein. Wenn sie auf Verschiedenes verweisen, ist eine solche Lesart trügerisch.
Die vier Merkmale, die William James in seinem Werk The Varieties of Religious Experience (1902) für die mystische Erfahrung aufzählt — Ineffabilität (Unsagbarkeit), noetic quality (kognitiv-wissenshafter Charakter), Transienz (Vergänglichkeit), Passivität —, finden sich in den fünf Begriffen in unterschiedlichem Maße. James' pragmatischer Ansatz schlägt vor, die Erfahrung an ihren „Früchten" (fruits) zu beurteilen — eine mystische Erfahrung ist authentisch, wenn sie eine dauerhafte Charakterwandlung hervorbringt. Dieses pragmatistische Kriterium ist mehr oder weniger auf alle fünf Begriffe anwendbar.
Doch James' Rahmen fokussiert nicht hinreichend auf die inhaltlichen Unterschiede der Erfahrung. Die theosis-Erfahrung eines Christen und die satori-Erfahrung eines Buddhisten mögen in James' vier Merkmalen ähnlich sein, tragen aber inhaltlich — der eine sagt „Ich vereinte mich mit Gott", der andere „Ich sah, dass es kein Ich gibt" — eine radikale Verschiedenheit. Macht dieser Inhaltsunterschied die strukturelle Ähnlichkeit ungültig, oder ist er nur die Oberflächenschale der sprachlich-doktrinalen Deutung? Dieser Frage lässt sich nicht ausweichen. Diese Notiz behandelt diese Frage auf systematische Weise.
Sufismus: Marifet — Das mit dem Herzen gefundene Wissen
In der islamischen Mystik ist der zentrale Begriff für das mystische Wissen Marifet (معرفة) oder Irfân (عرفان). Beide Wörter stammen aus der arabischen Wurzel ʿ-r-f und tragen die Bedeutung „erkennen, wissen". Doch diese Wurzel trägt im Koran und im klassischen Arabisch einen nuancierten Gebrauch: ʿarafa unterscheidet sich von ʿalima (Wissens-Anhäufung); ʿarafa ist ein Erkennen, ein Bemerken, ein Sich-von-Angesicht-zu-Angesicht-Befinden.
Imâm al-Ghazâlî (1058–1111) unterscheidet in seinem Werk Ihyâʾ ʿUlûm ad-Dîn das Marifet vom rationalen Wissen (ʿilm): ʿilm ist propositionales Wissen, das auf dem Weg von Verstand und Überlieferung erworben wird; Marifet hingegen ist Wissen, das über das Herz (qalb), durch unmittelbare Erfahrung (dhauq — „Schmecken") erworben wird. ʿIlm lässt sich durch Worte vermitteln; Marifet lässt sich nur andeuten. Al-Ghazâlîs berühmte Autobiografie al-Munqidh min ad-Dalâl (Erretter aus dem Irrtum, 1108) bietet das biografische Zeugnis der Spannung zwischen diesen beiden Wissensarten: Al-Ghazâlî sagt, dass all sein durch Kalâm und Philosophie erworbenes Wissen ihn nicht zur herzlichen Gewissheit (yaqîn) geführt habe, dass aber erst mit dem Sufi-Weg diese Leere ausgefüllt wurde.
In Ibn Arabîs System ist Marifet — wie William Chittick in seinem Werk The Sufi Path of Knowledge (1989) gezeigt hat — nicht, al-Haqq selbst zu erkennen, sondern zu erkennen, in welchem Maße al-Haqq uns erlaubt, ihn zu erkennen. Der Ausspruch „Marifet ist es, zu erkennen, dass Gott deine Auffassung nicht gutheißt" wird Dschunaid al-Baghdâdî zugeschrieben. Dies ist ein apophatischer Entwurf des Wissens: Marifet ist das Wissen um die Grenze des Wissens. In Ibn Arabîs System der Vahdet-i Vücud (Einheit des Seins) ist Marifet, dass al-Haqq sich dem Menschen mittels der Namen (Asmâ) und Eigenschaften (Sifât) zeigt und dass der Mensch, indem er diese Manifestationen liest, in sich zum Spiegel al-Haqqs wird — die sufische Deutung des Hadith „Wer sich selbst erkennt, erkennt seinen Herrn".
Die charakteristischen Merkmale des Marifet:
- Sein herzlicher Charakter: Es vollzieht sich nicht im Gehirn, sondern im Herzen; in der mystischen Physiologie ist das Herz das Organ der spirituellen Wahrnehmung (Letâif-System). In der sufischen Anthropologie ist das Herz kein gewöhnliches Organ; es ist das metaphysische Zentrum des Menschen, der einzige Ort, der zum Spiegel al-Haqqs werden kann. „Tausendmal tausend Himmel, tausendmal tausend Erden fassten den Herrn nicht, das Herz des gläubigen Dieners aber fasste ihn" — ein Hadîth qudsî.
- Sein verkostender Charakter: Kein abstraktes Verstehen, sondern ein geschmecktes, gelebtes Wissen. „Über Honig zu lesen und Honig zu schmecken ist verschieden" — al-Hudschwîrî (gest. 1077) in Kaschf al-Mahdschûb. Dhauq (Schmecken) ist der Schlüsselbegriff der sufischen Epistemologie.
- Sein gestufter Charakter: Marifet ist kein augenblickliches, sondern ein gradueller Prozess. Die dreifache Hierarchie von ʿilm al-yaqîn (sicheres Wissen), ʿayn al-yaqîn (Schau mit dem Auge), haqq al-yaqîn (Identifikation mit der Wahrheit).
- Sein Einhergehen mit Fanâʾ: Das erkennende „Ich" muss sich auflösen; Marifet tritt erst hervor, wenn die niedere Seele (nafs) sich zurückzieht.
- Sein unendlicher Charakter: Da al-Haqq grenzenlos ist, ist auch Marifet grenzenlos. Auf keiner Stufe kann gesagt werden „Ich habe al-Haqq vollständig erkannt"; jede Zunahme des Marifet ist zugleich die Eröffnung dessen, dass man noch weiter gehen kann.
Mevlânâ Celâleddîn Rûmî sagt im Mesnevî: „Der Beweis des Verstandes gleicht dem Boot, das das Wasser durchschneidet und einen Schritt vorangeht. Marifet aber ist es, den Ozean in sich selbst zu tragen." Dieses Gleichnis betont, dass Marifet kein propositionales Wissen, sondern ein ontologischer Zustand ist — der Erkennende wird in gewissem Sinne das, was er erkennt.
Im sufischen Lexikon die Attribute der Leute des Marifet: ʿârif (der Erkennende), muhaqqiq (der Verwirklichende), wâsil (der Angelangte), fânî (der in der Fanâʾ Befindliche), bâqî (der in der Baqâʾ Befindliche). Jedes einzelne von ihnen zeigt eine eigene Stufe an, und keines ist statisch.
Die pädagogische Vermittlung des Marifet geschieht innerhalb des sufischen Tarîqa (Weges). Die Scheich-Mürid-Beziehung ist als Boden einer lebendigen Vermittlung des Marifet entworfen. Der Scheich setzt den Mürid mit dem Zeugnis seines eigenen Marifet auf den Weg; der Mürid öffnet sich, indem er am Zustand seines Scheichs teilhat („Sohbet", „Râbita"), dem Aufkeimen desselben Zustands auch in sich. Dies ist mit der guru-shishya parampara (Lehrer-Schüler-Linie) in der hinduistischen Vedānta, mit dem isshin denshin (Übertragung von Geist zu Geist) im Zen-Buddhismus strukturell identisch. Die Notwendigkeit, dass das mystische Wissen nicht aus dem Buch, sondern aus einer lebendigen Bindung vermittelt wird, ist eine gemeinsame anthropologische Beobachtung der mystischen Traditionen der Welt.
Auch die Widerhall des Begriffs Marifet im modernen türkischen Denken sind wichtig. Figuren wie Niyâzî-i Misrî (1618–1694), Ibrahim Hakkî von Erzurum (1703–1780) und Yunus Emre (13. Jh.) haben den Begriff Marifet jenseits der klassischen kalâmischen Systematik in einer poetisch-emotionalen Sprache bearbeitet. In der Republikzeit hat sich Marifet in der Linie von Said Nursî (1877–1960) und Bediüzzaman dem Dialog mit moderner Wissenschaft und Philosophie geöffnet; im Korpus der Risale-i Nur wird Marifet in einer zugleich traditionell-sufischen und modern-verständigen Lesart gedeutet.
Buddhismus: Bodhi — Erwachen
In der buddhistischen Tradition ist der grundlegende Begriff für die mystische Verwirklichung bodhi (बोधि — „Erwachen", von der Wurzel budh- — erwachen). Das Wort „Buddha" selbst stammt aus dieser Wurzel: „der Erwachte". Was genau ist bodhi? In den Traditionen des Theravāda und des Mahāyāna gibt es verschiedene Betonungen.
Bodhi im Theravāda ist das unmittelbare Schauen der Vier Edlen Wahrheiten (catvāri āryasatyāni) — Leiden (duḥkha), die Ursache des Leidens (samudaya), das Aufhören der Ursache (nirodha), der zu diesem Aufhören führende Weg (mārga) — und das Erfassen des bedingten Entstehens (pratītya-samutpāda). Die Folge des bodhi ist das Nirvāṇa — das Erlöschen des Feuers von Gier (lobha), Hass (dveṣa) und Verblendung (moha). Robert Zaehner ordnet das bodhi des Theravāda in seinem Werk Mysticism, Sacred and Profane (1957) als Mystik vom Typ „Isolation" (kevala) ein: keine Vereinigung mit einem Absoluten, sondern das Heraustreten aus der bedingten Existenz.
Im Theravāda gibt es vier Stufen des bodhi: (1) Sotāpanna — der in den Strom Eingetretene, der innerhalb von höchstens sieben Leben zum Nirvāṇa gelangen wird; (2) Sakadāgāmi — der noch einmal Wiederkehrende, dem ein letztes Leben bleibt; (3) Anāgāmi — der Nicht-Wiederkehrende, der mit dem Tod des Körpers ins Nirvāṇa eingeht; (4) Arahant — der auf vollkommener Stufe Erwachte, der noch im Körper im Nirvāṇa weilt. Diese Stufen werden mit konkreten psychologisch-spirituellen Kriterien definiert — etwa ist der Sotāpanna derjenige, der drei „Fesseln" (die Verblendung über das Selbst, das dogmatische Anhaften, den Zweifel) gebrochen hat.
Bodhi im Mahāyāna ist eine umfassendere Verwirklichung. Die prajñā (Verstehens-Weisheit), die in Nāgārjunas Mūlamadhyamakakārikā das unmittelbare Schauen der Śūnyatā ist, ist der epistemologische Kern des bodhi. In der Yogācāra-Schule das Gewahrsein der vijñapti-mātratā („Nur-Bewusstheit"); in der Tathāgatagarbha-Tradition das Erkennen der Buddha-Natur (Buddha-dhātu) im Inneren eines jeden ist bodhi.
Um im Mahāyāna zum bodhi zu gelangen, ist bodhicitta (Erwachensgeist, die Absicht, alle Wesen zu erlösen) erforderlich — das heißt, bodhi ist keine Isolation, sondern kosmisches Mitgefühl (zusammen mit karuṇā). Der Bodhisattva ist derjenige, der gelobt hat, nicht selbst ins endgültige Nirvāṇa einzugehen, bevor nicht alle Wesen erwacht sind. Dies bildet einen scharfen Kontrast zum Ideal der individuellen Erlösung des Theravāda-Arhant.
Die Vajrayāna-Tradition des tibetischen Buddhismus hat Wege entwickelt, zum bodhi wie ein Blitz (vajra) zu gelangen — Mahāmudrā, Dzogchen — diese entwerfen das bodhi nicht als graduelle (gradual), sondern als plötzliche (sudden) Verwirklichung. Hier besteht eine strukturelle Nähe zum satori der chinesischen Chan- / japanischen Zen-Tradition.
Ein wichtiger Teil der chinesischen buddhistischen Geschichte war im 7.–8. Jahrhundert auf der Debatte zwischen „plötzlich" und „graduell" aufgebaut. Diese Debatte erreichte ihren Höhepunkt in der berühmten, 794 im Kloster Samye in Tibet veranstalteten Disputation — diese Debatte zwischen der Linie der plötzlichen Erleuchtung des Chinesen Heshang Moheyan und der graduellen Linie des Inders Kamalashila endete unter der Schiedsrichterschaft des tibetischen Königs zugunsten der graduellen Linie. Doch die Kernfrage dieser Debatte — „Ist bodhi ein plötzliches Begreifen oder eine graduelle Entwicklung?" — ist eines der lebendigen Themen des buddhistischen Denkens. Während die spätere Zen-Tradition (besonders die Rinzai-Linie) die Plötzlichkeit verteidigt, haben das Sōtō-Zen und die tibetische Gelug-Schule die Auffassung vertreten, dass die Gradualität der solidere Weg ist.
Ein wichtiger Punkt: Das buddhistische bodhi ist nicht das Wissen um ein „Ding" (das Absolute, Gott, Brahman). Bodhi ist das Schauen der bedingten, leeren, nicht aus sich selbst existierenden Natur aller Dinge. Dies trägt eine starke Ähnlichkeit mit dem apophatischen Charakter des Marifet, doch ihre ontologischen Grundlagen sind verschieden. Marifet nimmt die Existenz al-Haqqs als Gegebenheit; bodhi verwirft jeden absoluten Gegebenheitspunkt.
Die praktische Vermittlung des bodhi vollzieht sich innerhalb der Sangha (Klostergemeinschaft). Die ursprüngliche Sangha-Struktur des Buddha — die Gemeinschaften der Bhikkhu (männlichen Mönche) und Bhikkhuni (weiblichen Mönche) — ist seit 2500 Jahren in verschiedenen Kulturen fortgeführt worden. Der Theravāda hat in Südostasien (Sri Lanka, Burma, Thailand), der Mahāyāna in Ostasien (China, Korea, Japan, Vietnam), der Vajrayāna in Tibet und den mongolischen Regionen Wurzeln geschlagen. Im modernen Westen hat die Vermittlung des bodhi seit den 1960er Jahren — besonders durch den Einfluss von Meistern wie Suzuki Roshi, Trungpa Rinpoche, S. N. Goenka, Thich Nhat Hanh und dem Dalai Lama — ein neues Kapitel aufgeschlagen.
Die Rolle der buddhistischen Meditation auf der Brücke von Wissenschaft und Mystik ist besonders interessant. Das Programm der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) hat über die Klinik, die Jon Kabat-Zinn 1979 in Massachusetts gründete, die vipassanā-Tradition in säkularer Form in den Gesundheitsbereich getragen. Heute wird die Achtsamkeitsforschung durch Hunderte neurowissenschaftlicher Studien gestützt — doch Kritiker (besonders Ronald Purser, McMindfulness, 2019) haben die Losgelöstheit dieser Säkularisierung vom ethisch-kontemplativen Kontext des bodhi betont.
Die gnostische Tradition: Gnosis — Erkennen
Gnosis (griechisch γνῶσις — Wissen, Erkennen) ist der zentrale Begriff der in der altgriechischen Philosophie und besonders im mediterranen Becken des 1.–3. Jahrhunderts entstandenen gnostischen Bewegung. Etymologisch stammt gnosis aus derselben indogermanischen Wurzel wie Marifet (ǵneh₃- — Sanskrit jñāna, lateinisch gnoscere, englisch know). Diese etymologische Einheit ist kein Zufall; die gemeinsame Wurzel verweist auf eine gemeinsame anthropologische Wirklichkeit — auf die Grundlegendheit des Aktes des „Erkennens" im menschlichen Bewusstsein.
Bei den Gnostikern ist gnosis das Erkennen der eigenen göttlichen Quelle: das Begreifen, dass die Seele aus dem wahren, transzendenten Gott (Bythos, Pleroma) jenseits des Demiurgen, des Falsch-Schöpfers der materiellen Welt, stammt. „Wenn du erkennst, wer du bist, wenn du dich selbst erkennst, wirst du erkannt werden" — Thomasevangelium §3. Dieser Satz ist nahezu identisch mit dem sufischen Hadith „man ʿarafa nafsahu fa-qad ʿarafa Rabbahu" (Wer sich selbst erkennt, erkennt seinen Herrn).
Die Merkmale der gnostischen Gnosis:
- Sie ist erlösendes Wissen: Der Mensch tritt aus dem Leiden / der weltlichen Gefangenheit nur durch das richtige Wissen heraus. Dies ist dem hinduistischen Begriff der Mokṣa strukturell nahe.
- Sie ist esoterisch: Nicht für jedermann, sondern für den Bereiten offen. Diese Seite ist mit pythagoreischen und neuplatonischen Motiven verflochten.
- Sie ist mythos-strukturell: Die gnostischen Texte verorten die gnosis innerhalb eines kosmischen Falls und eines kosmischen Erlösungsmythos — der Fall der Sophia, der Bruch mit dem Pleroma, die Schöpfung des Demiurgen, das Bringen des erlösenden Wissens durch den Christus-Logos.
- Sie muss nicht weltverdammend sein: Die klassische gnostische gnosis sieht die Welt negativ, doch in nahestehenden Traditionen wie der Hermetik kann die gnosis den Kosmos auf positivere Weise wahrnehmen.
- Sie ist nicht augenblicklich: Gnosis ist keine augenblickliche Erleuchtung; sie ist ein Prozess des Erkennens, ein graduelles Gewahrwerden.
Die Hauptquelle der gnostischen Texte ist die 1945 in Nag Hammadi gefundene Sammlung — wie das Thomasevangelium, das Apokryphon des Johannes, das Philippusevangelium, das Evangelium der Maria Magdalena. Diese Texte wurden seit dem 2. Jahrhundert von der christlichen Orthodoxie (besonders Irenäus, Adversus Haereses, ca. 180) als häretisch verdammt, doch ihre Ideen haben in den christlichen esoterischen Traditionen fortbestanden.
In der Tradition des Hermes Trismegistos — die hermetischen Schriften, das Corpus Hermeticum (1.–3. Jh. n. Chr.) — sind gnosis und henōsis (Vereinigung) verflochten: Erkennen bedeutet Vereinen; der Erkennende und das Erkannte werden im Augenblick des Wissens eins. Dies ist parallel zu Ibn Arabîs These „der Erkennende, das Erkannte und das Wissen sind eine Sache" (al-ʿālim wa-l-maʿlūm wa-l-ʿilm schaiʾ wâhid).
Als ein vom Gnostizismus zum Christentum übergegangener Begriff wird gnosis bei christlichen Theologen des 2.–3. Jahrhunderts wie Klemens von Alexandria (ca. 150–215) und Origenes (ca. 184–253) als „wahre Gnosis" (gnōsis alēthēs) — das heißt als tiefes spirituelles Wissen, das zum orthodoxen christlichen Glauben gehört — neu definiert. Diese Linie verbindet sich im 4.–5. Jahrhundert mit Evagrius Ponticus (345–399) und bildet den begrifflichen Hintergrund der späteren ostorthodoxen theosis-Lehre.
Plotins (204–270 n. Chr.) Begriff der henōsis (Vereinigung) hat über den plotinischen Neuplatonismus sowohl die christliche als auch die islamische als auch die jüdische Mystik beeinflusst. Henōsis ist die mystische Vereinigung mit dem Einen — sie wird als „Flucht des Einsamen zum Einsamen" (φυγὴ μόνου πρὸς μόνον) ausgedrückt. Dies ist dem sufischen Begriff wasl (Vereinigung), dem vedāntischen Begriff kaivalya (Alleinsein-Einzigkeit) strukturell sehr nahe.
Die Wiederbelebung des Begriffs gnosis im modernen Westen vollzog sich im 19. und 20. Jahrhundert. Helena Blavatsky (1831–1891) hat mit der Theosophical Society (Theosophische Gesellschaft, 1875) gnostische Motive wiederbelebt. Rudolf Steiner (1861–1925) hat mit der Anthroposophy (Anthroposophie) christlich-gnostische Motive mit der westlichen Esoterik verbunden. C. G. Jung (1875–1961) hat die gnostischen Texte in einer psychologischen Lesart neu gelesen und in seinen Werken Septem Sermones ad Mortuos (1916) und später Aion (1951) die archetypisch-psychologische Bedeutung des Gnostizismus erforscht. Nach Jung ist gnosis mit dem Prozess der „Individuation" der modernen Psychologie strukturell identisch: das Erkennen der tieferen Schichten des Selbst (Self).
Christliche Mystik: Theosis — Vergöttlichung
In der ostorthodoxen christlichen Theologie ist das letzte Ziel des spirituellen Weges die theosis (θέωσις — „Vergöttlichung"). Dieser Begriff ist keine Wissensart, sondern eine ontologische Wandlung: dass der Mensch sich wandelt, indem er in der Beziehung zu Gott am göttlichen Leben teilhat. Der heilige Athanasius (gest. 373) bietet die klassische Formulierung: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werden könne" (Θεὸς ἐνηνθρώπησεν, ἵνα ἡμεῖς θεοποιηθῶμεν).
Die theosis ist dreistufig:
- Katharsis (κάθαρσις — Reinigung): Reinigung von den Leidenschaften und sündigen Neigungen. Sie ähnelt strukturell dem tazkiya-i nafs im Sufismus.
- Theoria (θεωρία — Kontemplation, göttliche Schau): Das unmittelbar erfahrungsbezogene Wissen um Gott. Sie entspricht im Islam der muschâhada.
- Theosis (θέωσις — Vergöttlichung): Die Wandlung durch die Teilhabe am Licht Gottes (Tabor-Licht). Sie trägt im Islam eine strukturelle Nähe zur baqâʾ.
Gregory Palamas (1296–1359) entwickelt in der Hesychasmus-Debatte des 14. Jahrhunderts zur ontologischen Begründung der theosis die Wesens-Energien-Unterscheidung (essence-energies distinction): Das Wesen Gottes (ousia) ist unerkennbar und nicht teilhabbar, doch mittels der Energien Gottes (energeiai) kann das geschaffene Wesen wirklich am göttlichen Leben teilhaben. Dies ist Ibn Arabîs Dhât-Sifât-Asmâ-Unterscheidung und der Ein-Sof-Sefirot-Unterscheidung der Kabbala strukturell sehr nahe.
Diese Lehre des Palamas ist das Produkt der langen Debatte, die er mit Barlaam von Kalabrien führte. Barlaam vertrat die Auffassung, dass die von den hesychastischen Mönchen (in den Klöstern des Berges Athos) behauptete Erfahrung des „Gott-Schauens" falsch sei und dass eine wirkliche Gotteserfahrung nicht möglich sei. Palamas vertrat die Auffassung, dass das, was sich auf dem Berg Tabor (dem Berg, auf dem das Antlitz Jesu leuchtete) ereignete, keine historische Erinnerung, sondern ein mystisches Paradigma sei und dass die Hesychasten an demselben Licht teilhaben könnten. Die Synode von Konstantinopel 1351 gab Palamas recht; die Wesens-Energien-Unterscheidung wurde zum offiziellen Dogma.
Das Charakteristikum der theosis ist dies: Sie ist nicht nur eine „Erfahrung"; sie ist die Wandlung des ganzen Wesens. Der Mensch wird mit dem Eisen verglichen: Das ins Feuer gelegte Eisen bleibt Eisen, nimmt aber das Licht und die Wärme des Feuers an; der in die Energie Gottes gelegte Mensch bleibt Mensch, hat aber göttliche Eigenschaften (Licht, Leben, Liebe) erworben. Diese Metapher passt genau zu Mevlânâ Celâleddîn Rûmîs Bild vom Erglühen des Eisens im Feuer (Mesnevî II) — „Wenn das Eisen im Feuer zur Glut gelangt, sagt es ‚Ich bin Feuer, ich bin Feuer!', doch es ist nicht Feuer, es ist vom Feuer gefärbt."
In der westlichen christlichen Mystik ist der Begriff der theosis weniger entwickelt, doch es gibt gleichwertige Begriffe: Meister Eckharts „Gottesgeburt im Seelengrund", die in des heiligen Bonaventura Itinerarium Mentis in Deum gezeichnete Reise der Seele zu Gott. Im 20. Jahrhundert haben orthodoxe Theologen wie Wladimir Lossky (1903–1958) die theosis dem Westen vorgestellt und so den theologischen Boden des ökumenischen Dialogs gestärkt.
Der Hesychasmus (griechisch ησυχία — Stillwerden, Ruhe) ist die in den Klöstern des Berges Athos entwickelte, um das Herzensgebet („Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, eines Sünders") zentrierte theosis-Praxis. Die technischen Stufen der Praxis — eine bestimmte Körperhaltung, eine mit dem Atem abgestimmte zikr-artige Wiederholung, die Konzentration auf das Herz — ähneln den sufischen Zikr- und hinduistischen Mantra-Praktiken strukturell sehr. Der Textkorpus der Philokalia (Φιλοκαλία — „Liebe zur Schönheit") (1782 auf dem Berg Athos zusammengestellt) ist die kanonische Quelle der hesychastischen Praxis und enthält die Zeugnisse großer Meister wie Kyrill von Skythopolis, Makarios, Symeon dem Neuen Theologen und Gregor vom Sinai.
In der modernen griechisch-orthodoxen Welt hat Joseph der Hesychast (1897–1959) auf dem Berg Athos die klassische hesychastische Tradition wiederbelebt. Seine Schüler (besonders Ephraim von Arizona) haben den Hesychasmus nach Amerika und in andere westliche Länder getragen. In der russisch-orthodoxen Tradition haben Seraphim von Sarow (1759–1833) und Pawel Florenski (1882–1937) theosis und Hesychasmus in eine moderne theologische Sprache übertragen.
Das hinduistische Pendant: Samādhi und Mokṣa
Neben die fünf Hauptbegriffe muss auch der grundlegende Begriff der hinduistischen Tradition gestellt werden. In Patañjalis Yoga Sūtras (2. Jh. v. Chr., ca. 200 v. Chr.) ist samādhi (समाधि — gesammelte Niederlassung, tiefe Meditation) das achte und letzte Glied des Weges. Es gibt zwei Typen des samādhi:
- Samprajñāta samādhi (bewusste tiefe Meditation): die Vereinigung mit dem Meditationsobjekt, doch die Subjekt-Objekt-Unterscheidung ist noch in unbestimmter Weise vorhanden. Dies ist in der Sprache der Vedānta der savikalpa samādhi.
- Asamprajñāta samādhi (unbewusste tiefe Meditation): der Zustand, in dem alle geistigen Modifikationen (citta-vṛtti) zum Stillstand kommen und das reine Bewusstsein (puruṣa) als es selbst leuchtet. In der Sprache der Vedānta der nirvikalpa samādhi.
Moderne Advaita-Meister wie Ramana Maharshi (1879–1950) und Nisargadatta Maharaj (1897–1981) haben den Begriff sahaja samādhi (natürlicher, dauerhafter samādhi) hervorgehoben — dies ist der jenseits des kevala nirvikalpa samādhi (eines vorübergehenden Mindestzustands) liegende dauerhafte, in den Alltag eingelassene Erleuchtungszustand. Er ist dem Thema des „zur Marktplatz-Zurückkehrens" nach dem satori im Zen strukturell nahe.
Der Hauptbegriff des hinduistischen Ziels ist mokṣa (मोक्ष — Befreiung) — die Befreiung aus dem saṃsāra (dem Kreislauf von Geburt und Tod). Zur mokṣa gelangt man auf dem Weg des samādhi, doch der Begriff der mokṣa ist weiter; sie wird nicht nur als eine Erfahrung, sondern als ein ontologischer Zustand verstanden (das vollständige Begreifen und die Stabilisierung der Identität des ātman mit Brahman). Sie ist das höchste der vier Lebensziele (puruṣārtha) des Hinduismus.
Zen-Buddhismus: Satori — Plötzliches Erwachen
Im japanischen Zen-Buddhismus gibt es zwei verwandte Begriffe, die für die mystische Verwirklichung verwendet werden: kenshō (見性 — „die Natur schauen") und satori (悟り — „begreifen, erwachen"). Traditionell entspricht kenshō der ersten tiefen Schau, satori hingegen dem Zustand, in dem diese reift und dauerhaft wird, doch die Begriffe werden häufig synonym verwendet.
Die charakteristischen Merkmale des satori:
- Plötzlichkeit: Satori ist kein graduelles, sondern ein plötzliches Begreifen. Die Rinzai-Praxis des Kōan — „Was ist der Klang der einen Hand?", „Was ist Mu?" — zielt darauf, den rationalen Geist in eine Sackgasse zu treiben und so einen plötzlichen Durchbruch auszulösen.
- Freiheit vom Inhalt: Satori ist nicht das Wissen um ein „Ding". Es ist nicht einmal das „Wissen" der Śūnyatā — denn jedes Wissensobjekt enthält noch eine duale (Subjekt-Objekt-)Struktur. Satori ist der Augenblick, in dem diese Dualität zusammenbricht.
- Die „So-Beschaffenheit" der Dinge (tathatā): Nach dem satori ist der Berg wieder Berg, der Fluss wieder Fluss — doch nun mit der echten Schau ihrer „So-Beschaffenheit". Bodhidharma: „Weise unmittelbar auf das Herz; schaue die Natur, werde Buddha." Der berühmte Zen-Ausspruch: „Vor der Erleuchtung: Der Berg ist Berg, der Fluss ist Fluss. Während der Übung: Der Berg ist nicht Berg, der Fluss ist nicht Fluss. Nach der Erleuchtung: Der Berg ist Berg, der Fluss ist Fluss."
- Sein sahaja-Charakter: Das reifste satori ist mit dem gewöhnlichen Alltag verflochten. Hakuin Ekaku (1686–1769): „Nachdem du den Gipfel erstiegen hast, musst du hinabsteigen — um auf dem Marktplatz Buddha zu sein." Hakuins Ten Ox-Herding Pictures (Zehn Bilder vom Ochsenhüten) veranschaulichen diese Reise — das letzte Bild zeigt den erleuchteten Menschen, der jeden Tag auf dem Marktplatz lebt, lacht und gutherzig mit Kindern spielt.
- Seine Nicht-Übertragbarkeit: Satori wird „mind-to-mind" (von Geist zu Geist) übermittelt; vom Meister zum Schüler, nicht durch ein Lehrbuch, sondern durch unmittelbare Berührung. In den ältesten Grundlagen des Zen liegt der Begriff der „persönlichen Übertragung" (denpōnasshi).
D. T. Suzuki (1870–1966) erklärte das satori bei seiner Vorstellung im Westen mit William James' Kategorien der mystischen Erfahrung, fügte aber zu James' vier Merkmalen die „Inhaltslosigkeit" und die „dauerhafte Wandlung" hinzu. Suzukis Werk Mysticism: Christian and Buddhist (1957) ist eine der ersten wichtigen akademischen Arbeiten, die eine vergleichende Analyse von satori und christlicher Mystik (besonders Meister Eckhart) anstellen.
Die Sōtō-Zen-Tradition (Dōgen, 1200–1253) hat gegenüber dem kōan-lastigen Ansatz des Rinzai die Praxis des shikantaza (Nur-Sitzen) hervorgehoben. Nach Dōgen ist satori kein fernes Ziel; die Meditation selbst ist Erleuchtung („shushō ittō" — Übung und Erleuchtung sind eins). Dies ist eine andere Antwort auf die Plötzlich-Prozess-Spannung des satori.
Der Übergang der Zen-Tradition in den Westen ist eines der einflussreichsten Ereignisse der Spiritualitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts. D. T. Suzukis Reihe Essays in Zen Buddhism (1927, 1933, 1934) hat das Zen der westlichen intellektuellen Welt vorgestellt. Seit den 1960er Jahren hat Shunryu Suzuki Roshi (1904–1971) das San Francisco Zen Center gegründet und so das Sōtō-Zen im Westen verankert; Zen Mind, Beginner's Mind (1970) wurde zum standardmäßigen Bezugsbuch der Zen-Praxis im Westen. Philip Kapleau (1912–2004) hat mit seinem Werk The Three Pillars of Zen (1965) die Rinzai-Praxis dem amerikanischen Leser vorgestellt. Diese Westen-Zen-Bewegung hat dazu geführt, dass der Begriff satori zu einem Teil des westlichen Kulturkanons wurde.
Struktureller Vergleich (Tabelle)
| Dimension | Marifet (Sufismus) | Bodhi (Buddhismus) | Gnosis (Gnostik) | Theosis (Orthodoxie) | Satori (Zen) |
|---|---|---|---|---|---|
| Etymologie | Erkennen, wissen (ʿarafa) | Erwachen (budh-) | Erkennen (gnō-) | Vergöttlichung (theoō) | Begreifen (satoru) |
| Charakter | Wissen (herzlich, verkostend) | Schau (prajñā) | Wissen (im Mythos) | Ontologische Wandlung | Plötzliches Erwachen |
| Prozesstyp | Gestuft | Theravāda: gestuft; Mahāyāna: beides; Vajrayāna: plötzlich | Erkennen im Mythos | Gestuft (3 Stufen) | Plötzlich, dann Reifung |
| Sein Gegenstand | Al-Haqq (in dem Wissen um seine Unerkennbarkeit) | Śūnyatā / Tathāgatagarbha | Pleroma, das wahre Wesen | Die Energien Gottes | Kein Inhalt (tathatā) |
| Individuum-Absolutes-Beziehung | Fanâʾ → baqâʾ | Auflösung im Anātman | Rückkehr zum Pleroma | Teilhabe an der energeia | Die Dualität bricht zusammen |
| Seine Praxis | Zikir, muschâhada, fikr | Dhyāna, prajñā, kōan, vipassanā | Innere Lesart, Symbol-Ritual | Hesychasmus, Herzensgebet, Liturgie | Zazen, kōan, sanzen |
| Rückkehr? | Baqâʾ (Begleitung) | Der Bodhisattva-Weg | Bleiben im Pleroma | Heiligkeit auf der Erde | Buddha auf dem Marktplatz |
| Erster Theoretiker | Dschunaid, al-Ghazâlî, Ibn Arabî | Buddha, Nāgārjuna | Valentinus, Thomas | Athanasius, Palamas | Bodhidharma, Hui-Neng |
| Sagbarkeit | Bleibt apophatisch | Unsagbar | Mit Symbol und Mythos erzählt | Apophatische Grenze | Unsagbar |
| Zielebene | Das Auffinden al-Haqqs | Das Aufhören des Leidens | Rückkehr zum Pleroma | Vereinigung mit Gott | Das Schauen der Natur |
| Modernes psychologisches Pendant | Selbstüberschreitendes Gewahrsein | Auflösung der Selbst-Struktur | Selbst-Gewinn | Selbst-Wandlung | Plötzliche Einsicht |
| Gefahr des Missverständnisses | Wissenshuberei (intellektuelle Marifet-Fälschung) | Nihilismus | Esoterischer Snobismus | Verlust des Willens | „Zen-köpfiges" Missverständnis |
Die apophatisch-kataphatische Achse und die Wissen-Erfahrung-Polarität
Die fünf Begriffe setzen auf der Achse Wissen-Erfahrung-Wandlung verschiedene Betonungen:
- Starke Betonung des Wissens: Gnosis (Gnostik), Marifet (Sufismus). Diese beiden Begriffe sind ausdrücklich epistemologisch — es ist das Erkennen von etwas (des Selbst, al-Haqqs). Doch beide meinen nicht das rationale propositionale Wissen, sondern das erfahrungsbezogene, teilhabende Wissen. Auch ihre etymologischen Wurzeln sind dieselben (ǵneh₃-).
- Starke Betonung der Erfahrung: Satori (Zen), bodhi (Theravāda). In diesen Begriffen gibt es weniger Wissen als „Schau" (drṣṭi, kenshō); es geht um eine vom Inhalt gereinigte Veränderung des Gewahrseins.
- Starke Betonung der Wandlung: Theosis (Orthodoxie), Mahāyāna-bodhi. In diesen Begriffen ist das letzte Ziel nicht nur Wissen oder Schau, sondern Sein — eine ontologische Veränderung.
Aldous Huxley bewertet in seinem Werk The Perennial Philosophy (1945) diese fünf Begriffe als verschiedene Ausschnitte eines einzigen „Erwachensspektrums". Wissen und Erfahrung und Wandlung — dies sind drei Dimensionen der mystischen Verwirklichung, keine getrennten Dinge. Jede Tradition gibt einem anderen Aspekt dieser dreifachen Ganzheit einen Namen. Das Marifet eines Sufi trägt innerlich eine Erfahrung und eine Wandlung; das satori eines Zen-Praktikers trägt innerlich ein Wissen und eine Wandlung; die theosis eines orthodoxen Christen trägt innerlich ein Wissen und eine Erfahrung.
Frithjof Schuon hält auf der esoterischen Ebene Marifet, gnosis, jñāna und prajñā für gleichbedeutend — auch Sanskrit jñāna bedeutet „Wissen" und stammt aus derselben indogermanischen Wurzel (ǵneh₃- — griechisch γνῶσις, lateinisch gnoscere, englisch know). Ist diese etymologische Einheit ein Zufall, oder verweist sie auf eine tiefe anthropologische Wirklichkeit? Schuon verteidigt das Zweite — ein grundlegender Akt des Erkennens im menschlichen Geist ist eine kulturübersteigende anthropologische Wirklichkeit.
Die Deutung der ewigen Philosophie
Die perenniale Schule (Schuon, Huxley, Coomaraswamy, Huston Smith) deutet die fünf Begriffe in folgendem Rahmen:
- Verschiedene Sprachen derselben Verwirklichung: Alle fünf Begriffe sind verschiedene kulturell-sprachliche Ausdrücke einer ein und derselben menschlichen Verwirklichung. Was ein Sufi im Augenblick des Marifet erlebt, ist mit dem, was ein Zen-Mönch im Augenblick des satori erlebt, strukturell dasselbe.
- Epistemologische unus mundus: Das mystische Wissen ist nicht die entwickelte Form des gewöhnlichen Wissens, sondern eine gänzlich andere Wissensart — mit dem höheren Erkenntnisvermögen, das Schuon intellectus (Intellekt, lateinisch) nennt. Dies ist dem Begriff des „illuminativen Wissens" (ʿilm-i hudûrî) in Suhrawardîs Lehre der Hikmat al-Ischrâq strukturell identisch.
- Pädagogischer Unterschied: Der Unterschied zwischen den Traditionen ist nicht ontologisch, sondern pädagogisch. Jede Tradition hat eine Landkarte dazu entwickelt, wie in einem bestimmten kulturell-historischen Kontext erweckt werden kann.
- Unterschied des Weges, Gleichheit des Ziels: Zum Marifet gelangt man durch Zikr, zum bodhi durch dhyāna, zur gnosis durch esoterische Schulung, zur theosis durch das Herzensgebet, zum satori durch den kōan. Der Weg ändert sich, das Erreichte ändert sich nicht.
Huston Smith bietet den lehrreichsten Ausdruck dieser Deutung: „Alle fünf Traditionen besteigen einen Berg auf verschiedenen Pfaden; jeder, der den Gipfel erreicht, sieht dieselbe Aussicht." Doch Smith selbst erkennt die Grenzen dieser Metapher an: Auch die vom Gipfel sichtbare Aussicht wird teilweise mit dem Auge gesehen, das der Aufstiegspfad geöffnet hat. Diese Nuance unterscheidet Smith vom naiven Perennialismus und macht seine Arbeit auch in der akademischen Welt akzeptabel.
Kritik und Grenzen
Die konstruktivistische Kritik (Steven Katz, Jonathan Z. Smith, Wayne Proudfoot) weigert sich, die fünf Begriffe in dieselbe Waagschale zu legen:
- Verflechtung von Doktrin und Erfahrung: Die bodhi-Erfahrung eines Theravāda-Mönchs ist mit der Doktrin des anātman, die Marifet-Erfahrung eines Sufi mit der Doktrin des Tauhîd (Einheit Gottes) verflochten. Diese zu abstrahieren und eine schlichte „reine Erfahrung" zu entwerfen, bedeutet, die Geschichtlichkeit zu vernachlässigen.
- Unterschied der ontologischen Grundlagen: Hinter der theosis steht die Doktrin eines schöpfenden Gottes; hinter dem bodhi steht die Verwerfung eines Schöpfers. Diese beiden Erfahrungen können nicht auf dasselbe verweisen — denn das „Ding", auf das sie verweisen würden, ist verschieden definiert.
- Sozial-praktischer Kontext: Marifet wird innerhalb eines Tarîqa, in einer Scheich-Mürid-Beziehung, mit bestimmten Zikr-Tefekkür-Praktiken erworben. Satori wird innerhalb eines Klosters, in einer Rōshi-Yogi-Beziehung, mit Zazen erworben. Diese verschiedenen sozial-praktischen Kontexte sickern in die Beschaffenheit der letzten Erfahrung ein.
- Unterschiede der Vertraulichkeit: Während die theosis mit öffentlichen Ritualen (Liturgie, Eucharistie) verflochten ist, ist die gnostische gnosis radikal esoterisch. Dieser soziologische Unterschied erzeugt auch einen phänomenologischen Unterschied.
Robert Zaehner schlägt in seinem Werk Mysticism, Sacred and Profane (1957) einen Mittelweg vor: Es gibt mindestens drei verschiedene Arten der Mystik — (1) Naturmystik (panenhenische Einheit, Einheit mit dem Ganzen), (2) monistische Mystik (Isolation im reinen Bewusstsein), (3) theistische Mystik (Einheit mit einem persönlichen Gott). Diese drei Arten können mit der Unterscheidung Marifet/theosis (theistisch), bodhi/satori (monistisch), manche schamanisch-naturhaften Praktiken (Natur) eine strukturelle Verbindung knüpfen. Zaehners These ist eine etwas feinere Version der perennialistischen Gleichsetzung.
Zaehners Typologie ist später kritisiert worden — besonders Mystik-Philosophen wie Ninian Smart, Stephen Bernhardt und Jonathan Shear haben diese dreifache Unterscheidung nicht für hinreichend fein befunden. Smart hat die Auffassung vertreten, dass die religiöse Erfahrung eine vielschichtigere Struktur hat und nicht in eine schlichte Typologie passt. Bernhardt hingegen hat die Auffassung vertreten, dass das „reine Bewusstseinsereignis" (PCE) in allen drei zaehnerschen Typen vorkommen kann und dass folglich unter der Typologie eine tiefere gemeinsame Struktur liegen könnte.
Die reifste Lösung der konstruktivistisch-perennialistischen Debatte ist vermutlich der Vorschlag der „kontextuellen Universalität" von Historiker-Philosophen wie Bernard McGinn und Bernard Faure: Die Erfahrungen sind sowohl vom kulturellen Kontext tief beeinflusst als auch tragen sie kontextübersteigende strukturelle Ähnlichkeiten. Man muss beides zugleich festhalten.
Brücke zur modernen Psychologie
Die transpersonale Psychologie (Stanislav Grof, Roger Walsh, Frances Vaughan, Ken Wilber) hat versucht, die Erfahrung der mystischen Verwirklichung in einer zeitgenössischen Sprache neu zu erklären. Die Kartierung der Bewusstseinszustände, die neurologischen Korrelationen der ego-übersteigenden Erfahrungen, die langfristigen psychologischen Wirkungen der mystischen Erfahrung sind zu Themen der akademischen Forschung geworden.
Neurologische Forschungen haben während tiefer Meditation und mystischer Erfahrung die vorübergehende Inhibition des default mode network (DMN), die Veränderung der Aktivität des temporal lobe, die Zunahme der Gammawellen-Kohärenz gezeigt. Diese Befunde zeigen, dass die mystische Erfahrung eine neurologische Unterlage hat, dass dies aber die Bedeutung und die wandelnde Wirkung der Erfahrung nicht erschöpft.
Die psilocybin-Forschungen unter der Führung von Roland Griffiths (1946–2023) an der Johns Hopkins University haben die langfristigen positiven psychologischen Wirkungen mystischer Erfahrungen, die unter kontrollierten Bedingungen erlebt wurden, dokumentiert. Die große Mehrheit der Teilnehmer hat die Erfahrung als eines der fünf bedeutsamsten Ereignisse ihres Lebens bezeichnet — was sich mit der Beschreibung deckt, die die traditionellen mystischen Texte für Marifet/bodhi/gnosis/theosis/satori geben.
Doch Vorsicht: Eine chemisch vermittelte mystische Erfahrung kann, wenn sie losgelöst vom gesamten ethisch-kontemplativen Rahmen der traditionellen mystischen Praktiken erlebt wird, nur eine kurzzeitige „Schau" geben; für eine dauerhafte Wandlung ist die Disziplin des traditionellen Weges erforderlich. Marifet ist keine augenblickliche „Ergriffenheit"; es kommt nach einer langen tazkiya (Läuterung).
Praktischer Schluss und Reflexion
Die vergleichende Analyse lehrt uns Folgendes: Den deutschen Begriff „Erleuchtung" mit jeder Tradition zu verwenden, kann trügerisch sein. Das herzlich-teilhabende Wissen des Begriffs Marifet, das Erwachen des bodhi, das kosmische Erkennen der gnosis, die ontologische Wandlung der theosis, das plötzliche Begreifen des satori — jedes einzelne trägt den Geist seiner eigenen Tradition.
Doch es gibt auch einen strukturellen Kern, den alle diese Begriffe teilen: Sie alle sind eine spirituelle Verwirklichung jenseits des gewöhnlichen Geistes, in der sich die Ego-Zentriertheit auflöst und die Wirklichkeit radikal anders geschaut wird. Dieser Kern ist mit Huxleys Wort „perennial" — dauerhaft, ewig, kulturübersteigend. Mit Schuons Ausdruck ist er die „esoterische Ebene".
Für den heutigen spirituellen Suchenden ein pädagogischer Rat: Wähle eine Tradition, tritt in sie ein, vertiefe dich in ihre Terminologie; verwende sodann die Terminologie anderer Traditionen, um die Klarheit deines eigenen Auges zu erhöhen. Wenn ein Denker, der das Marifet sucht, versucht, das bodhi zu verstehen, sieht er die Nuancen seiner eigenen Tradition besser; wenn ein Zen-Praktiker auf der Suche nach bodhi die theosis liest, bemerkt er die Tonalität seiner eigenen Praxis. Der Wert des Vergleichs liegt nicht in der Aneignung, sondern im besseren Verständnis der eigenen Praxis.
Der Repräsentant der Bewegung des Sufi-Vedanta, Bawa Muhaiyaddeen (1900–1986), formuliert diesen Umstand schön: „Schau aus deinem eigenen Fenster; aber wisse auch, dass das Fenster nicht das einzige ist." Diese pädagogische Haltung bietet die Möglichkeit zugleich der Bindung an die eigene Tradition und der Offenheit.
Eine letzte Anmerkung: Auch alle fünf Hauptnamen der mystischen Verwirklichung — Marifet, bodhi, gnosis, theosis, satori — verweisen auf eine Wirklichkeit, die nicht bei uns beginnt. Dies sind keine vom menschlichen Geist hervorgebrachten Begriffe; sie sind Ausdrücke der Wirklichkeit, der der menschliche Geist begegnet, von der er sich löst, in die er sich wandelt. Deshalb bedeutet es, sich damit zu begnügen, diese Begriffe akademisch zu analysieren, nicht, sie vollständig zu verstehen. Mit Ibn Arabîs Wort: „Wer nicht zu den Leuten des Marifet gehört, kann das Marifet nicht kennen."
Anhang: Die sozial-gesellschaftliche Dimension der Erleuchtung
Anzunehmen, die spirituelle Erleuchtung sei eine individuelle Verwirklichung, ist ein Vorurteil der westlichen modernen Zeit. In keiner der klassischen Traditionen wird die mystische Verwirklichung als ein allein individuelles Ereignis entworfen; sie wird stets in einem gemeinschaftlich-historischen Kontext gedeutet.
Im Sufismus vollzieht sich Marifet innerhalb eines Tarîqa, in der Scheich-Mürid-Linie; die Aufgabe der Person, die muhaqqiq (Verwirklichender) ist, ist es, zurückzukehren und anderen den Weg zu weisen. Die buddhistische Sangha ist ein kollektives Wesen der Leute des bodhi; das Bodhisattva-Ideal des Mahāyāna stellt das kosmische Mitgefühl in den Mittelpunkt, indem es die individuelle Erlösung verwirft. Im chassidischen Judentum dient das bittul ha-jesch dem tikkun olam (der kosmischen Wiederherstellung); die individuelle mystische Verwirklichung gliedert sich in die Erlösung des jüdischen Volkes und der Welt ein. Die orthodoxe theosis vollzieht sich innerhalb der Kirchenordnung, mittels der Sakramente und der Liturgie. Das Zen-satori wird im Sangha-Leben, in den Dharma-Übertragungen vermittelt.
Die Vernachlässigung dieser sozial-historischen Dimension ist der grundlegende Fehler des modernen „New-Age"-Marktes, in dem die mystische Verwirklichung in ein Konsumprodukt verwandelt wird. Die Verblendung, mit einem Wochenend-Retreat satori-Marifet-gnosis-theosis zu erreichen, ist eine Krämerhaltung, die den jahrzehntelang währenden Läuterungsweg der klassischen Meister nicht kennt. Dem entgegen wiederholen alle traditionellen Meister eine einzige Botschaft: „Am Anfang, in der Mitte und am Ende des Weges: Geduld."
Anhang: Marifet im modernen türkischen Denken
Im türkischen Denken sind die modernen Widerhall des Begriffs Marifet reich. Mehmet Akif Ersoy (1873–1936) hat in der islamischen reformerischen Linie das Marifet im Gegensatz von Nachahmung und Verwirklichung gelesen. Said Nursî (1877–1960) hat in den Werken der Risale-i Nur das Marifet mit moderner Wissenschaft und verstandesmäßigen Beweisen neu gedeutet und das klassische kalâmische System mit der sufischen Erfahrung verbunden. Necip Fâzil Kisakürek (1904–1983) hat die Marifet-Erfahrung in literarisch-mystischem Ton in seinen Gedichten bearbeitet.
Auf akademischer Ebene fahren zeitgenössische türkische Sufismus-Forscher wie Mahmud Erol Kiliç, Hasan Kâmil Yilmaz und Ekrem Demirli fort, den Begriff Marifet Ibn Arabîs und Qûnawîs in die moderne türkische Sprache und den akademischen Diskurs zu übertragen. Diese Arbeiten zielen darauf, die klassische islamische Marifet-Lehre sowohl innerhalb ihrer eigenen Tradition zu vertiefen als auch sie in einer vergleichenden Perspektive dem modernen Leser darzubieten. Die zeitgenössische Deutung des türkisch-islamischen Marifet-Verständnisses hat ein intellektuelles Klima geschaffen, das zugleich offen für die perennialistischen Thesen ist und ihnen gegenüber kritische Distanz wahren kann.