Fâtima az-Zahrâ
Tochter des Propheten Muhammad, Gattin ʿAlîs und Mutter Hasans und Husayns (605–632); in der islamischen Tradition als „Sayyidat Nisâʾ al-ʿÂlamîn" (Herrin der Frauen der Welten) verehrt, in der schiitischen Tradition das einzige weibliche Mitglied der Vierzehn Unfehlbaren (Maʿsûmûn) und zentrale Gestalt geistiger Reinheit und der Symbolik der Prophetenfamilie (Ahl al-Bayt).
Leben
Fâtima az-Zahrâ (arabisch: Fāṭima al-Zahrāʾ, فاطمة الزهراء) ist als die symbolisch bedeutungsschwerste Frauengestalt der islamischen Geschichte die jüngste der vier Töchter, die dem Propheten Muhammad von Chadîdscha bint Chuwailid geboren wurden. Ihr Geburtsjahr ist in der Tradition umstritten; die verbreitetste Annahme in den sunnitischen Quellen liegt um das Jahr 605 — das heißt, sie soll etwa fünf Jahre vor dem Prophetentum Muhammads in Mekka geboren worden sein. In den schiitischen Quellen — besonders im Werk Kitâb al-Irschâd des Schaich al-Mufîd (10. Jahrhundert) — wird die These bevorzugt, die Geburt habe nach dem Prophetentum, etwa im Jahr 615, stattgefunden; dieser chronologische Unterschied spiegelt verschiedene Erzählstrategien wider, mit denen die besondere geistige Stellung Fâtimas in der schiitischen und der sunnitischen Tradition belegt wird.
Fâtimas Mutter Chadîdscha, eine der angesehensten Frauen Mekkas und der erste Mensch, der an den Islam glaubte, spielte in Fâtimas Kindheit eine überaus wichtige Rolle. Ihr Vater Muhammad zeigte Fâtima von Anbeginn eine tiefe Liebe. In der Hadithliteratur — besonders in den Sahîh-Werken al-Buchârîs, Muslims und at-Tirmidhîs — bilden die Worte, die der Prophet Muhammad über Fâtima sprach, ein bedeutendes Korpus: Überlieferungen wie „Fâtima ist ein Teil von mir; wer sie betrübt, betrübt mich; wer ihr Unrecht tut, tut mir Unrecht" (al-Buchârî, Sahîh, Fadâʾil aṣ-Ṣaḥâba, 12) wurden in der muslimischen Tradition zur theologischen Grundlage der geistigen Unantastbarkeit Fâtimas.
Fâtima wuchs bis zu ihrem achten Lebensjahr in Mekka im Kreise der Familie auf — wobei sie alle Bedrängnisse der Gründungsjahre der muslimischen Gemeinschaft miterlebte. Die drei Jahre (617–619), die die Muslime im Boykotttal Schiʿb-i Abî Tâlib verbrachten, fielen in Fâtimas empfindsame Kindheitsphase. Ihre Mutter Chadîdscha verstarb unter der Last dieser Tal-Verbannung im Jahr 619 — als Fâtima etwa vierzehn Jahre alt war; dieser Verlust wurde für Fâtima zu einem tiefen Trauma und zu einem bestimmenden Faktor in der frühen Prägung ihrer geistigen Welt. In jenem Jahr, das als ʿĀm al-Ḥuzn (Jahr der Trauer) bekannt ist, verstarb neben ihrer Mutter auch ihr Großonkel Abû Tâlib; die familiäre Unterstützung Muhammads wurde dadurch in großem Maße erschüttert.
Hidschra und Heirat
Im Jahr 622 zog Fâtima im Zuge der Hidschra gemeinsam mit ihrem Vater nach Yathrib (dem später zu Medina werdenden Ort). Für diese Reise wird Fâtimas Alter auf etwa siebzehn Jahre berechnet. Kurz nachdem sie sich in Medina niedergelassen hatten, hielt ʿAlî ibn Abî Tâlib (~600–661) — der Sohn von Muhammads Onkel Abû Tâlib und unter dessen geistig-pädagogischer Obhut aufgewachsene junge Gefährte — um Fâtimas Hand an. Den klassischen islamischen Quellen zufolge hatten vor ʿAlî auch Abû Bakr und ʿUmar Fâtima Heiratsanträge gemacht, doch der Prophet Muhammad lehnte diese Anträge ab; allein den Antrag ʿAlîs nahm er an. Dies ist in der muslimischen Tradition die Grundlage dafür, die Ehe Fâtimas mit ʿAlî als ein geistig-vorbestimmtes Band zu lesen.
Diese Eheschließung fand um die Jahre 623–624 — kurz vor der Schlacht von Badr — in Medina statt. Die schlichte Hochzeitsfeier spiegelt die materielle Bescheidenheit ʿAlîs wider: Als Brautgabe (Mahr) wurde der einzige wertvolle Besitz ʿAlîs — der Panzer, den er in der Schlacht von Badr tragen sollte — an einen jüdischen Händler verkauft, um sie aufzubringen. Diese schlicht-arme Hochzeit wird in der späteren muslimischen Tradition (und besonders in der schiitischen geistigen Pädagogik) immer wieder als Beispiel der Nichtbindung an das materielle Leben erzählt.
Aus der Ehe Fâtimas mit ʿAlî gingen vier Kinder hervor: Hasan (geb. 625), Husayn (geb. 626), Zaynab und Umm Kulthûm. (In manchen Überlieferungen wird auch ein fünftes Kind namens Muhsin erwähnt; doch wird angegeben, dass dieses Kind nicht am Leben blieb, dass es vor der Geburt oder kurz nach der Geburt verstarb; besonders in den schiitischen Quellen trägt der Tod Muhsins eine symbolische Bedeutung.) Diese vier Kinder — besonders Hasan und Husayn — gehören als die historisch-leiblichen Träger der Lehre der Ahl al-Bayt (Familie des Propheten) zu den symbolträchtigsten Gestalten der islamischen Geschichte.
Der Tod des Propheten und Fâtimas letzte Monate
Der Tod des Propheten Muhammad am 8. Juni 632 (12. Rabîʿ al-awwal 11 H) war für Fâtima der tiefste Schmerz. Die frühen Hadithquellen erzählen, dass Fâtima sich beim Tod ihres Vaters über den auf dem Sterbebett im Zimmer ʿÂʾischas liegenden Muhammad beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, woraufhin auch ihr Vater ihr etwas ins Ohr sagte; beim ersten Flüstern habe Fâtima geweint, beim zweiten gelächelt. Die traditionelle Deutung dieser Überlieferung (besonders al-Buchârî, Sahîh, Manâqib al-Anṣâr, 12): Beim ersten Flüstern sagte ihr Vater, dass er selbst bald sterben werde, beim zweiten, dass Fâtima als erstes Mitglied seiner Familie ihm folgen werde. Diese Überlieferung ist die geistig-vorausdeutende Lesart der Tatsache, dass Fâtima nur sechs Monate nach ihrem Vater versterben sollte.
Die sechs Monate nach dem Tod ihres Vaters bilden die dichteste und politisch-geistig komplexeste Periode in Fâtimas Leben. Die Wahl des Kalifen (die Wahl Abû Bakrs) und besonders die Angelegenheit des Gartens von Fadak sind die bestimmenden Ereignisse der historischen Rolle Fâtimas.
Die Fadak-Angelegenheit
Fadak — ein Dattelgarten nördlich von Medina — war ein Landgut, das dem Propheten Muhammad nach der Eroberung von Chaibar als persönlicher Besitz überlassen worden war. Nach dem Tod des Propheten Muhammad machte Fâtima geltend, dass dieses Land ihr von ihrem Vater als Erbe zustehe, und verlangte von Kalif Abû Bakr dessen Übergabe. Abû Bakr lehnte dieses Verlangen ab, indem er den Hadith des Propheten Muhammad anführte: „Wir Propheten hinterlassen kein Erbe; was wir hinterlassen, ist Almosen (Sadaqa)."
Dieses Ereignis ist einer der tiefsten Spaltungspunkte der sunnitischen und der schiitischen Geschichtsschreibung. Auf sunnitischer Seite wird die Haltung Abû Bakrs als Anwendung des Grundsatzes gedeutet, dass das Vermögen des Propheten der Gemeinschaft als Almosen hinterlassen werde. Auf schiitischer Seite hingegen wird sie als Verletzung des Rechtes Fâtimas und als Beleg für ein frühes politisches Unrecht gegenüber der Ahl al-Bayt gelesen. Wie Maria Massi Dakake in ihrem Werk The Charismatic Community (2007) systematisiert, ist die Fadak-Angelegenheit keine bloß vermögensrechtliche Streitigkeit, sondern das archetypische Ereignis der spannungsreichen Begegnung zweier grundlegender politisch-geistiger Rahmen des frühen Islam — des bürokratisch-kalifalen gegen den charismatisch-imamatischen.
Die Predigt, die Fâtima aus diesem Anlass in der Moschee von Medina hielt — die in der Tradition als Khuṭba al-Fadakiyya bekannte Rede —, ist als einer der Mustertexte der frühen arabischen Rhetorik erhalten geblieben. In dieser Rede brachte Fâtima, mit Bezügen auf Koranverse, das geistige Erbe ihres Vaters, die Rechte der Familie und die Gerechtigkeitsverantwortung der muslimischen Gemeinschaft offen zur Sprache. Im modernen schiitischen Denken — besonders in Ali Schariatis Werk Fâṭima ist Fâṭima (1971) — wird diese Rede als grundlegende Referenz eines frauenzentrierten Gerechtigkeitsdiskurses in der islamischen Geschichte gelesen.
Tod
Fâtima verstarb etwa sechs Monate nach dem Tod ihres Vaters — im Februar/März 633 (3. Dschumâdâ al-âchira 11 H) — in Medina. Bei ihrem Tod war sie etwa achtundzwanzig Jahre alt. Vor ihrem Tod war ihr Vermächtnis an ʿAlî folgendes: Ihr Leichnam solle nachts heimlich gewaschen und bestattet werden; der Ort der Bestattung solle nicht offen bekannt sein. Dieses Vermächtnis wird als Ausdruck einer politisch-geistigen Gegenhaltung Fâtimas gelesen; der genaue Ort ihres Grabes ist bis heute umstritten — man nimmt an, dass es sich auf dem Friedhof Dschannat al-Baqîʿ in Medina befindet, doch gibt es in der schiitischen Tradition auch Überlieferungen, wonach es in der Nähe der Prophetenmoschee liege.
Geistige Stellung
Sayyidat Nisâʾ al-ʿÂlamîn
In der Hadithliteratur ist der erhabenste Beiname, den der Prophet Muhammad für Fâtima gebrauchte, der Beiname Sayyidat Nisâʾ al-ʿĀlamīn — „Herrin der Frauen der Welten". Diese Überlieferung ist im Sahîh al-Buchârîs (Fadâʾil aṣ-Ṣaḥâba, 12) und im Sahîh Muslims (Fadâʾil aṣ-Ṣaḥâba, 99) verzeichnet. Dieser Beiname ist die theologische Grundlage, die Fâtima die zentrale Stellung der islamischen Frauenmystik verleiht.
Weitere bedeutende Beinamen, die in der Tradition für Fâtima gebraucht werden:
- al-Zahrāʾ („die Strahlende") — die Quelle dieses Beinamens ist die Überlieferung vom göttlichen Licht (Nûr), das aus Fâtimas Antlitz hervortrat; es ist der am häufigsten gebrauchte Beiname.
- al-Batūl („die Reine, von Keuschheit Geprägte") — ein Beiname, der eine strukturelle Parallele zu Maria (Hz. Maryam) herstellt.
- al-Ṣiddīqa („die Bestätigerin der Wahrheit") — die weibliche Form des Beinamens al-Ṣiddīq, der für Abû Bakr gebraucht wird; er drückt die Tiefe der Bestätigung aus, die Fâtima ihrem Prophetenvater entgegenbrachte.
- al-Ṭāhira („die Reine, Geläuterte") — verbunden mit dem im Koran für die Ahl al-Bayt gebrauchten Vers der taṭhīr (Läuterung) (al-Ahzâb 33/33).
- Umm Abīhā („Mutter ihres Vaters") — dieser paradoxe Beiname drückt die zärtlich-fürsorgliche Liebe aus, die Fâtima ihrem Vater entgegenbrachte; man sagt, er sei besonders in der Zeit nach dem Tod Chadîdschas gebraucht worden, als ihr gegenüber ihrem Vater eine Mutterrolle zufiel.
Die Ahl al-Bayt und der Läuterungsvers (Mutahharûn)
Der im 33. Vers der Sure al-Ahzâb des Korans — „Allah will nur die Unreinheit von euch entfernen, o ihr Leute des Hauses (Ahl al-Bayt), und euch völlig rein machen" — vorkommende Vers der taṭhīr (Läuterung) gilt in der muslimischen Auslegungstradition weithin als für die „Fünf der Familie" (Aṣḥāb al-Kisāʾ — die Familie des Mantels) — den Propheten Muhammad, ʿAlî, Fâtima, Hasan und Husayn — herabgesandt. Der im Sahîh Muslims (Fadâʾil aṣ-Ṣaḥâba, 61) überlieferte berühmte Ḥadīth al-Kisāʾ (Mantel-Hadith) erzählt, dass der Prophet Muhammad diese fünf Personen unter einem Mantel (Kisâʾ) versammelte und sprach: „Dies sind meine Ahl al-Bayt."
Dieser Vers und dieser Hadith sind eine ontologische Begründung der geistigen Stellung Fâtimas: Sie ist nicht bloß die Tochter des Propheten Muhammad, sondern eine der historisch-leiblichen Trägerinnen der Kategorie der göttlichen Läuterung (taṭhīr). Diese Stellung wurde in der schiitischen Theologie in die Lehre von den Vierzehn Unfehlbaren (Maʿṣûmûn) überführt.
Die einzige Frau unter den Vierzehn Unfehlbaren
In der zwölferschiitischen (Ithnâ ʿAscharî) Theologie ist die Kategorie des Maʿṣūm (vor Sünde Bewahrten) ontologisch dem Propheten Muhammad, Fâtima und den Zwölf Imamen (ʿAlî, Hasan, Husayn und den folgenden neun Imamen) — insgesamt vierzehn Personen — vorbehalten. Diese Kategorie trägt einen theologischen Gehalt, der sich von einer gewöhnlichen Sündlosigkeit unterscheidet: Die Unfehlbaren (Maʿsûmûn) sind ontologisch vor Irrtum, geistigem Fehler und Sünde bewahrt; ihre geistige Führung (walāya) steht unter der unmittelbaren Obhut Gottes.
Dass Fâtima in dieser Liste steht, ist sowohl die Begründung der Zentralität der schiitischen Frauen-Geistigkeit als auch der geistigen Fundierung dessen, dass die gesamte Legitimität der Linie der Ahl al-Bayt über Fâtima — aus ihrem Schoß — fortgeführt wird. In der schiitischen Tradition sind alle Imame Nachkommen Fâtimas (Hasan und Husayn unmittelbar; die folgenden neun Imame aus der Linie Husayns). Folglich wurde die zentrale Linie der muslimischen Geistesgeschichte — al-dharriyya al-Muḥammadiyya (die muhammadanische Nachkommenschaft) — durch den Leib Fâtimas weitergegeben.
Bedeutende Ereignisse
Der Tod Chadîdschas und das frühe Trauma
Der Tod ihrer Mutter Chadîdscha im Jahr 619 ist der tiefste Verlust, den Fâtima im Alter von etwa vierzehn Jahren erlebte. Dieses Ereignis wird in der späteren muslimischen geistigen Pädagogik — besonders in der schiitischen Tradition — als Beginn der früh-leidvollen geistigen Reifung Fâtimas gelesen. Dieser frühe Verlust wird als eine der ontologischen Grundlagen ihrer späteren Stellung der ʿiṣma (geistigen Unantastbarkeit) gedeutet; denn die frühe Loslösung von der Welt ist der historisch-phänomenologische Beweis geistiger Reinheit.
Nach Badr — die Verwundung des Gatten
Als Fâtima die Nachricht von der Verwundung ʿAlîs in der Schlacht von Uhud (625) erreichte, wird in der Tradition erzählt, dass Fâtima die Wunden ihres Gatten mit eigenen Händen wusch und verband. Dies wird in der muslimischen Tradition als ein Musterbeispiel familiär-fürsorglicher Liebe behandelt. Zugleich ist es ein frühes Beispiel der menschlich-praktischen Unterstützung Fâtimas auf dem Feld des Dschihâd.
Die Geburt Hasans und Husayns — die Fortführung der Linie
Die Geburt Hasans 625 und Husayns 626 ist nicht bloß eine Familiengeschichte, sondern gehört zu den zentralen Ereignissen der islamischen Geistesgeschichte. Die tiefe Liebe des Propheten Muhammad zu seinen beiden Enkeln wird in der Hadithliteratur reichlich geschildert: Überlieferungen, wonach er, wenn die Enkel auf seinen Rücken kletterten, im Gebet die Niederwerfung (Sadschda) verlängerte; wonach er sagte: „Hasan und Husayn sind die Herren der Jünglinge des Paradieses" (at-Tirmidhî, Sunan, Manâqib, 30) — sind die Begründung der kosmologischen Stellung dieser Kinder.
Dass Fâtima diese beiden Kinder aufzog, wird in der späteren muslimischen geistigen Pädagogik als Beispiel der Mütterlichkeitsmystik behandelt. Die Eigenschaft der Barmherzigkeit-Sanftmut Hasans und die Eigenschaft der Hingabe-Widerständigkeit Husayns bilden in der muslimischen Tradition zwei geistige Pole — und die Erziehung Fâtimas wird als die mütterliche Quelle der Erscheinung beider gelesen.
Die Präfiguration von Kerbela
Da Fâtima selbst 632 verstarb, erlebte sie das Martyrium ihres Sohnes Husayn in Kerbela im Jahr 680 nicht mehr. Doch ist in der schiitischen geistigen Tradition die Überlieferung verbreitet, dass Fâtima dieses Ereignis im Voraus wusste (ʿilm al-ghayb — Wissen um das Verborgene). Die Tötung Husayns als Märtyrer in Kerbela wird als eine kosmische Erneuerung des Mutterschmerzes Fâtimas gelesen; und die Trauergedenkfeiern, die im Monat Muharram in der schiitischen Welt abgehalten werden, sind die geistige Auffrischung dieses universal-mütterlichen Schmerzes Fâtimas.
Sufische und schiitische Wahrnehmungen
Sunnitisch-sufische Wahrnehmung
Im sunnitischen Sufismus wird Fâtima als al-Quṭba al-Nisāʾiyya (Pol der Frauen) verortet. Wie Maria Massi Dakake in ihrer Studie Sufi Women (2007) belegt, verortet die sufische Tradition Fâtima an der Spitze der Kette der weiblichen Gottesfreundinnen — Chadîdscha, Fâtima, Râbiʿa al-ʿAdawiyya, Fâtima an-Nîsâbûriyya, Schamʿûn al-Baydâwiyya und die folgenden Sufi-Frauen — als ihre geistige Ahnin.
In der sunnitisch-sufischen Dichtung wird Fâtima als die feminine Erscheinung der göttlichen Schönheit (jamāl) behandelt. Wie Annemarie Schimmel in ihrem Werk My Soul Is a Woman (1997) zeigt, dienen die besonders im indisch-pakistanischen und türkischen sufischen Raum verbreiteten Bīsmillāh Khvānī-Zeremonien (Bismillah-Lesung) als historische Erneuerung der Mütterlichkeitspädagogik Fâtimas. Der Augenblick, in dem ein Kind zum ersten Mal das Koranlesen lehrt wird — etwa im Alter von viereinhalb Jahren —, ist eine symbolische Nachbildung dessen, dass Fâtima ihren Kindern den Koran lehrte.
Schiitische Wahrnehmung
In der schiitischen Tradition ist die Stellung Fâtimas weitaus zentraler als ihre Stellung im sunnitischen Sufismus. Obwohl es eine Fāṭimat al-Maʿṣūma gibt (Maʿsûma Fâtima — eine andere in Qum bestattete weibliche Heilige), ist sie keine gewöhnliche Heilige; sie ist eines der Urprinzipien der gesamten Schöpfung.
Wie Maria Massi Dakake zeigt, ist einer der tiefsten Begriffe, die in der schiitischen Kosmologie für Fâtima gebraucht werden, Fāṭima al-Insāʾ wa'l-Anwār (Fâtima der Frauen und der Lichter). Dieser Begriff drückt aus, dass Fâtima nicht bloß eine historische Frau ist, sondern die historische Erscheinung eines kosmischen feminin-göttlichen Prinzips. In manchen spät-schiitischen mystischen Quellen — besonders in der safawidischen Mystik des 16. Jahrhunderts — wird für Fâtima der Begriff al-Nūr al-Fāṭimiyya (das Fâtimidische Licht) gebraucht; dies ist eine kosmische Kategorievorstellung parallel zur Lehre von der Muhammadanischen Wirklichkeit (Haqîqa Muhammadiyya).
Eine besonders bemerkenswerte Erscheinung ist die Praxis des Tasbīḥ al-Zahrāʾ (Lobpreis Zahrâs). Dieser vom Propheten Muhammad Fâtima gelehrte Lobpreis — 33-mal Subḥānallāh (Gepriesen sei Allah), 33-mal Alḥamdulillāh (Lob sei Allah), 34-mal Allāhu Akbar (Allah ist der Größte) — ist in der schiitischen geistigen Praxis ein unverzichtbarer Bestandteil nach dem Gebet. Diese Praxis ist das Beispiel dafür, wie tief die persönlich-geistige Pädagogik Fâtimas in den muslimischen Alltag eingedrungen ist.
Alevitisch-bektaschitische Wahrnehmung
In der alevitisch-bektaschitischen Tradition speist sich die Stellung Fâtimas aus der schiitischen Tradition, wird aber in einem anderen synkretistisch-geistigen Rahmen gedeutet. Im anatolischen Alevitentum ist Fâtima ein zentraler Bestandteil der Kosmologie der „Fünf Weggefährten" (panj-yarān), die aus Muhammad, ʿAlî, Fâtima, Hasan und Husayn besteht. Die in den bektaschitischen Cem-Riten für Fâtima gesungenen Hymnen (Ilahis) und Atemlieder (Nefes) sind das Herz des lokalen anatolischen Ausdrucks der Frauenmystik.
In den Nefes Pir Sultan Abdâls und Schah Chatâîs wird Fâtima häufig erwähnt; in diesen Gedichten ist Fâtima nicht bloß eine historische Mutter, sondern der Archetyp der geistig-femininen Führung. Verse wie „Meine Mutter ist Mutter Fatma, mein Vater ist Murtazâ" (Meine Mutter ist Mutter Fatma, mein Vater ist ʿAlî) bilden die grundlegende Formel der geistig-familiären Identität des anatolischen Alevitentums.
Vergleichende Perspektive
Fâtima und Maria — der Archetyp der Reinheit
Der Vergleich zwischen Fâtima und Maria gehört zu den reichsten Feldern der islamisch-christlichen vergleichenden Frauen-Geistigkeitsforschung. Die strukturellen Parallelen sind erstaunlich dicht:
- Beide spielen die zentrale Frauenrolle im Leben einer großen Prophetengestalt (Maria als Mutter Jesu; Fâtima als Mutter der Prophetenlinie).
- Beide werden in der Kategorie al-Batūl (rein, von Keuschheit geprägt) gewertet. (Der Gebrauch dieses Beinamens für Fâtima geschieht nicht im Sinne physischer Jungfräulichkeit — sie ist mit ʿAlî verheiratet und hat vier Kinder geboren —, sondern im Sinne geistig-ontologischer Reinheit.)
- Beide sind von früh-tragischen Todesfällen umgeben (Maria erlebte die Kreuzigung ihres Sohnes; Fâtima verstarb selbst kurz nach dem Tod ihres Vaters).
- Beide sind an die Lehre der göttlichen Läuterung (taṭhīr) gebunden. Der Koran bezeichnet auch Maria ausdrücklich als muṭahhara (gereinigt) (Âl ʿImrân 3/42).
Es bestehen auch grundlegende Unterschiede:
- Maria ist in der christlichen Theologie die Mutter Gottes (Theotokos) — das heißt eine unmittelbar mit der göttlichen Inkarnation verbundene kosmologische Kategorie. Da es im Islam keine Kategorie der göttlichen Inkarnation gibt, hat Fâtima eine andere ontologische Stellung; sie ist die feminine Erscheinung des Insān al-Kāmil (des Vollkommenen Menschen), aber keine Gottesmutter.
- Maria wird in der christlichen Ikonographie als leidende Mutter (Mater Dolorosa) behandelt; diese Rolle erscheint bei Fâtima in eher historisch-politischer Form (Fadak-Angelegenheit, der Verlust ihres Vaters).
- Maria steht im Christentum als alleinstehende geistige Gestalt da (kein Gatte); Fâtimas Ehe mit ʿAlî und ihre Mutterschaft gegenüber Hasan und Husayn verorten sie im familiären Kontext.
Annemarie Schimmel hebt in ihrem Werk My Soul Is a Woman hervor, dass der Vergleich Fâtima–Maria zwei parallele, aber distinkte Kanäle muslimischer und christlicher Frauen-Geistigkeit bildet. Die vergleichende Lektüre dieser beiden Gestalten lässt sich als ein Beispiel der universal-archetypischen Struktur der Frauenmystik werten.
Fâtima und die hinduistische Sîtâ — die Trias aus Jungfrau, Gattin und Mutter
In der hinduistischen Tradition ist Sîtâ — die weibliche Hauptheldin des Râmâyana, die Gattin Râmas — der klassische Archetyp der Frauentugend (sthrīdharma). Zwischen Fâtima und Sîtâ bestehen tiefe strukturelle Parallelen:
- Beide stehen im engen Umkreis einer heiligen Gestalt (Prophetenvater/Avatâra-Gatte).
- Beide sind die Erscheinung des Reinheitsarchetyps (pāvitra/ṭāhira).
- Beide erleben früh-leidvolle Erfahrungen — Verbannung, Trennung, Verlust.
- Beide werden in ihren Traditionen als zentrale weibliche Heilige verortet.
Grundlegende Unterschiede:
- Sîtâ wird im Râmâyana von ihrem Gatten geprüft (agnipariksha — Feuerprobe); bei Fâtima gibt es kein solches Motiv der Prüfung durch den Gatten.
- Sîtâs Söhne Lava und Kuscha werden Fortführer des hinduistischen Königtums, unterscheiden sich aber im Hinblick auf den historisch-geistigen Prozess strukturell von der Stellung Hasans und Husayns in der schiitischen Tradition.
- Sîtâ wird in der hinduistischen Kosmologie mit bhū-devī (der Erdgöttin) gleichgesetzt; dies ist eine ontologische Kategorie, für die es bei Fâtima keine Entsprechung gibt.
Ein Thema, das Frithjof Schuon in seinem Werk Spiritual Perspectives and Human Facts (1953) entwickelt, ist, dass sich Gestalten wie Fâtima, Sîtâ und Maria in einer perennialistischen Lesart als historisch-kulturelle Ausdrucksformen der Kategorie der feminin-göttlichen Manifestation lesen lassen.
Fâtima und die mahâyâna-buddhistische Tārā
Im Mahâyâna-Buddhismus ist Tārā — mit ihren einundzwanzig Erscheinungen, allen voran Grüne Tārā und Weiße Tārā — der Archetyp der feminin-erleuchteten Gestalt. Tārā ist das aus der Träne des Bodhisattva Avalokiteśvara geborene Prinzip der aktiven Barmherzigkeit (karuṇā), das das Gelübde abgelegt hat, alle Lebewesen zu erretten.
Zwischen Fâtima und Tārā bestehen im Hinblick auf die zentral-geistige Stellung als Frauengestalt Parallelen:
- Beide sind in ihren jeweiligen Traditionen die Haupterscheinung des feminin-geistigen Prinzips.
- Beide tragen die Eigenschaften der Mütterlichkeit, Barmherzigkeit und Schutzgewährung.
- Beide sind aktive Erscheinungen, die die von ihnen erbetene Hilfe gewähren (in der schiitischen Tradition die Fürbitte (Tawassul) an Fâtima; im Mahâyâna die mantra-dichte Anrufung Tārās).
Grundlegende Unterschiede:
- Tārā ist im Mahâyâna ein Bodhisattva — das heißt eine kosmische Gestalt auf dem Weg der Erleuchtung; keine historische Person. Fâtima ist eine historische Persönlichkeit.
- Im Mahâyâna ist das feminin-geistige Prinzip vielfach-erscheinend (die einundzwanzig Formen Tārās); Fâtima ist einfach-erscheinend.
- Die Verbindung mit Tārā ist eine mantra-dichte Praxis; die Verbindung mit Fâtima ist eine familiär-genealogisch begründete Fürbitte.
Moderner Einfluss
Zeitgenössisches schiitisches Denken
Ali Schariatis (1933–1977) Werk Fâṭima ist Fâṭima (persisch: Fāṭima Fāṭima Ast, 1971) ist der Wendepunkt der Fâtima-Lektüre im modernen schiitischen Denken. Schariati verwandelt Fâtima in diesem Werk aus dem klassisch-passiven Modell der weiblichen Heiligen heraus in eine revolutionär-widerständig-aktive geistig-politische Gestalt. Schariati zufolge ist Fâtima nicht bloß eine Gestalt der Tradition; sie ist ein lebendiges Modell, das den muslimischen Frauen der Gegenwart ein geistig-politisches Vorbild bietet und mit ihrer Gerechtigkeitsverteidigung in der Fadak-Angelegenheit als historisches Musterbeispiel dient.
Dieses Werk wurde zu einer der grundlegenden Referenzen des schiitischen intellektuellen Diskurses vor der Islamischen Revolution im Iran 1979; und es lieferte die geistige Begründung für Frauenorganisationen wie die „Märtyrerin-Fâtima-Bewegung" im nachrevolutionären Iran.
Zeitgenössische sunnitische Wissenschaft
Maria Massi Dakakes Werke Sufi Women (2007) und The Charismatic Community (2007) gehören zu den zeitgenössischen Beispielen der sunnitisch-akademischen Fâtima-Lektüre. In Dakakes Rahmen wird Fâtima nicht als bloße schiitische Kategorie, sondern als ein von der gesamten islamischen Geistesgeschichte geteilter Bezugspunkt gelesen.
Annemarie Schimmels Werke And Muhammad Is His Messenger und besonders My Soul Is a Woman verorten Fâtima als die Gründungsgestalt des islamisch-historischen Kanals der Frauenmystik. Für Schimmel ist Fâtima die Präfiguration der sufischen Kette weiblicher Gottesfreundinnen (die von Râbiʿa al-ʿAdawiyya bis in die Gegenwart reicht).
Feministisches muslimisches Denken
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts lesen muslimische feministische Denkerinnen — Amina Wadud, Asma Barlas, Riffat Hassan — Fâtima als historische Referenz der innerislamischen Verteidigung der Frauenrechte. Besonders die Fadak-Predigt wird als koranische Begründung des zeitgenössischen islamischen Frauenrechtsdiskurses neu gelesen. In dieser Lesart ist Fâtima nicht bloß eine Gestalt der Tradition, sondern das historische Musterbeispiel der gesellschaftlich-kritischen Dimension der Frauentugend (ʿiṣma).
Symbolische Dimensionen
Die symbolischen Dimensionen Fâtimas bilden eines der reichsten Felder der sufischen Kosmologie.
Licht-Symbolik (Nûr)
Der Beiname Fâtimas al-Zahrāʾ („die Strahlende") ist die Grundlage ihrer Licht-Symbolik (Nûr). In der schiitischen geistigen Kosmologie wird al-Nūr al-Fāṭimiyya (das Fâtimidische Licht) als die feminine Erscheinung der Muhammadanischen Wirklichkeit (Haqîqa Muhammadiyya) gedeutet. Dieses Licht spiegelt sich in der gesamten Schöpfung in unzähligen Erscheinungen wider; doch findet es seine reinste historisch-leibliche Erscheinung im Leib Fâtimas.
Stern-Symbolik
In manchen schiitisch-mystischen Traditionen wird Fâtima als al-Najma al-Durriyya („Perlen-Stern") symbolisiert — dies ist ein in der Auslegung des Verses der Lichtsure (24/35) — „Sein Licht ist wie eine Nische, in der eine Lampe ist; die Lampe ist in einem Glas; das Glas gleicht einem strahlenden Perlen-Stern" — auf Fâtima bezogener Verweis. Diese Symbolik drückt die ontologisch-vermittelnde Stellung Fâtimas zwischen dem göttlichen Licht und der Schöpfung aus.
Wasser- und Quell-Symbolik
Die Verbindung Fâtimas mit der Sure al-Kawthar (108) ist ein wichtiger Aspekt der Wasser-Symbolik. al-Kawthar — „reiche Fülle an Wasser", die große Quelle im Paradies — wird in manchen Auslegungen als besonders für Fâtima und ihre gesegnete Nachkommenschaft herabgesandt gedeutet. Diese Lesart ist die koranische Begründung der Rolle des gesegneten Fließens der Nachkommenschaft Fâtimas (durch Hasan und Husayn) in der muslimischen Geschichte.
Zahlen-Symbolik
Die Symbolik des Tasbīḥ al-Zahrāʾ Fâtimas (Lobpreis Zahrâs) — 33-33-34 — wird als die geteilte Erscheinung der Zahl 100 (im Koran die 99 Namen Gottes + 1 größter Name, Ism-i Aʿzam) gedeutet. Diese Praxis ist die in der Geschichte am weitesten verbreitete handgreifliche Spur der Frauenmystik.
Kurz gesagt: Fâtima ist nicht bloß eine historische Frau, sondern die archetypische Gestalt der feminin-göttlichen Erscheinung in der islamischen geistigen Kosmologie; und ihr geistig-leibliches Erbe — sowohl durch die Abstammung als auch durch die geistige Pädagogik — lebt seit eintausendvierhundert Jahren als der tiefste Bezugspunkt fort, den alle muslimischen Traditionen — die sunnitische, die schiitische und die alevitische — teilen.