Annemarie Schimmel
Deutsche Orientalistin (1922–2003), die größte Deuterin der islamischen Mystik im Westen; mit ihren Arbeiten über Rumi, Iqbal und die Sufi-Dichtung machte sie der modernen Leserschaft den Sufismus bekannt.
Definition und Umfang
Annemarie Schimmel (1922–2003) ist eine der einflussreichsten westlichen Gestalten auf dem Gebiet der Erforschung der islamischen Mystik und des Sufismus im zwanzigsten Jahrhundert. Als deutsche Orientalistin, Religionswissenschaftlerin, Literaturhistorikerin und Dichter-Übersetzerin widmete sie ihr Leben der Aufgabe, die geistigen, dichterischen und ästhetischen Dimensionen der islamischen Welt dem Westen vorzustellen. Mit mehr als achtzig Büchern und Hunderten von Aufsätzen zeichnete sie den Sufismus nicht bloß als einen akademischen Gegenstand, sondern als eine lebendige, von innen empfundene, in der Sprache der Liebe sprechende Tradition. Dank ihrer Arbeiten wurden die irfānischen Begriffe, die für die westliche Leserschaft abstrakt und fern blieben — fanâ und baqâ, die Metaphysik der Liebe, die Stufen des Herzens, der Dhikr, das Samâ —, verständlich und mit Liebe zugänglich.
Schimmels Erbe ist nicht bloß eine Wissensvermittlung, sondern das Werk des Brückenschlagens. Sie sah sich selbst als „Deuterin" (interpreter); sie stand zwischen Ost und West, zwischen Akademie und Herz, zwischen Text und gelebter Frömmigkeit. Dieser Beitrag behandelt ihr Leben, ihre Hauptwerke, ihre Methode und besonders ihre bahnbrechenden Arbeiten über Mevlânâ Dschalâladdîn-i Rûmî und Muhammad Iqbal in einer Sprache irfānischer Dankbarkeit und Würdigung. Für eine zeitgenössische ähnliche akademische Gestalt siehe Ahmet Yaschar Ocak.
Vom Umfang her ist Schimmels Interessengebiet erstaunlich weit: die klassische arabische und persische Dichtung, die türkische Sufi-Literatur, die indo-muslimische Kultur, die sindhi- und urdusprachige Literatur, die Volksdichtung des Pandschab, die islamische Kunst und Kalligraphie, die Erscheinungsformen der Liebe zum Propheten (die Tradition des naʿt und des Mevlid). Im Zentrum all dieser Vielfalt steht ein einziges Thema: das „mystische Herz" des Islam und wie sich dieses Herz um die Liebe (aschk) dreht.
Was Schimmels Arbeiten besonders macht, ist, dass sie zugleich eine Philologin und ein Mensch des Herzens ist. Die klassische orientalistische Tradition behandelt den Text zumeist als einen kalten Gegenstand, die Sprache als ein zu lösendes Rätsel. Schimmel hingegen sieht die Sprache als eine Tür: Durch diese Tür hindurchgehend, versucht sie, zu der geistigen Welt zu gelangen, die den Text hervorbringt. Das Metrum eines Ghasels, der Reim eines naʿt, der Rhythmus einer Dhikr-Formel — all dies sind für Schimmel nicht bloß formale Elemente, sondern zugleich Träger einer geistigen Erfahrung. Deshalb tragen ihre Texte sowohl akademische Sorgfalt als auch literarische Schönheit; sie besitzen die seltene Eigenschaft, die Kluft zwischen dem gewöhnlichen Leser und dem Fachmann zu schließen.
Das Ziel dieses Beitrags ist es, Schimmels vielseitiges Erbe — ihre Biographie, ihre Hauptwerke, ihre Methode, ihre Arbeiten über Mevlânâ Dschalâladdîn-i Rûmî und Muhammad Iqbal, ihre Forschungen zur Liebe zum Propheten und zur islamischen Dichtung — auf ganzheitliche Weise, in einer Sprache irfānischer Dankbarkeit darzulegen. Es gilt auch zu würdigen, was der von ihr eröffnete Weg heute für alle bedeutet, die auf dem Gebiet der vergleichenden Spiritualität arbeiten.
Leben: Von Erfurt nach Harvard
Annemarie Schimmel wurde am 7. April 1922 in der deutschen Stadt Erfurt als einziges Kind einer Mittelschichtfamilie geboren, die Kultur und Sprachen achtete. Schon in ihrer Kindheit zeigte sie eine außerordentliche Sprachbegabung; mit dem Arabischen begann sie im Alter von fünfzehn Jahren. In ihrer geistigen Welt hatte der spätromantische deutsche Dichter und Orientalist Friedrich Rückert einen großen Platz. Rückerts Arbeiten, die die orientalische Dichtung dem Deutschen gewannen, wurden für die junge Annemarie zu einem Vorbild und säten die Saat ihrer lebenslangen Leidenschaft für die Dichtungsübersetzung.
Schimmel bewies ihr akademisches Genie schon in jungen Jahren. Erst neunzehn Jahre alt, schloss sie im November 1941 an der Universität Berlin ihre Promotion ab. Ihre Dissertation untersuchte die Stellung des Kalifen und der Kadis im spätmittelalterlichen Ägypten (Die Stellung des Kalifen und der Qadis im spätmittelalterlichen Ägypten) und wurde mit dem Prädikat magna cum laude ausgezeichnet. Selbst in den zerstörerischen Jahren des Zweiten Weltkriegs setzte sie ihre akademische Arbeit fort.
Nach dem Krieg setzte sie ihre Arbeiten an der Universität Marburg fort; 1945 legte sie ihre Habilitationsschrift über die Geschichte der Mamluken vor und hielt am 12. Januar 1946 ihre Antrittsvorlesung über die islamische Mystik. Dies ist der Augenblick, in dem die eigentliche Richtung ihres Lebens bestimmt wurde. In den Marburger Jahren bereitete sie unter der Anleitung des berühmten Religionswissenschaftlers Friedrich Heiler eine zweite Promotion auf dem Gebiet der Religionswissenschaft (Religionswissenschaft) vor und erwarb 1951 diesen neuen Grad mit einer Dissertation über „den Begriff der Liebe in der islamischen Mystik". So besaß Schimmel eine seltene Bildung, die sowohl die klassische philologische Orientalistik als auch die phänomenologische Religionswissenschaft vereinte.
Einer der Wendepunkte ihres Lebens war ihre Berufung 1954 an die Theologische Fakultät der Universität Ankara als Professorin für Religionsgeschichte. Fünf Jahre lang lehrte sie in Ankara auf Türkisch, hegte eine tiefe Liebe zur türkischen Kultur und Sprache; sie kam dahin, das Türkische wie ihre Muttersprache zu sprechen. Diese anatolische Erfahrung nährte ihre Nähe zu Yunus Emre und zur Mevlevi-Tradition. Später war sie in Marburg und Bonn tätig.
Die Ankaraer Jahre haben in Schimmels Leben einen besonderen Platz. In dieser Zeit war sie nicht bloß eine ausländische Professorin, sondern wurde zu einer Forscherin, die in die türkische Kultur eindrang und sie von innen lebte. Die enge Beziehung, die sie zu ihren türkischen Kollegen, zu ihren Studenten und zum Volk knüpfte, gab ihr die Gelegenheit, das lebendige, in den Alltag eingebettete Gesicht des Sufismus kennenzulernen. Ihre Besuche in Konya, die Herzensverbindung, die sie zur Mevlevi-Tradition knüpfte, und ihre Bewunderung für die türkische Sufi-Dichtung vertieften sich alle in dieser Zeit. Schimmel sprach diese Liebe zur Türkei ihr weiteres Leben lang immer wieder aus; die Türkei war für sie wie eine zweite Heimat.
1967 trat Schimmel in den längsten und fruchtbarsten akademischen Abschnitt ihres Lebens ein: Sie wurde an der Divinity School der Universität Harvard die erste Professorin des Lehrstuhls für „Indo-muslimische Kultur". Bis zu ihrer Emeritierung 1992 blieb sie in Harvard. Ihre Sufismus-Vorlesungen waren stets überfüllt; eine dieser Vorlesungen sollte sich später in ihr berühmtestes Buch, Mystical Dimensions of Islam, verwandeln. Schimmel sprach fließend Deutsch, Türkisch und Englisch; dazu las und übersetzte sie Arabisch, Persisch, Urdu, Sindhi und Pandschabi. Diese Vielsprachigkeit verlieh ihren Dichtungsübersetzungen und ihrem vergleichenden Blick einen einzigartigen Reichtum.
Ein bemerkenswerter Zug von Schimmels Leben ist ihre außerordentliche Arbeitsdisziplin und Produktivität. Ihre über achtzig Bücher waren nicht bloß akademische Monographien; viele von ihnen waren für die gebildete allgemeine Leserschaft geschrieben und erschlossen breiten Kreisen die islamische Kultur und Dichtung. Dies war eine Haltung, die sie sich als eine Mission zu eigen gemacht hatte: die geistigen Schätze des Ostens dem Westen in einer verständlichen und mit Liebe zugänglichen Sprache zu vermitteln. Die Dichtungsübersetzung war ihre liebste Beschäftigung; bei dieser Beschäftigung folgte sie dem Vorbild des spätromantischen Dichter-Orientalisten Friedrich Rückert, der seit ihrer Jugend ihr Held war. Bei ihren Übersetzungen kamen mindestens sechs Sprachen ins Spiel, und sie bemühte sich, in jeder von ihnen sowohl den Sinn als auch die dichterische Musikalität zu wahren.
Schimmel heiratete nie; sie widmete ihr Leben gänzlich der wissenschaftlichen Arbeit und ihren Studenten. Viele Studenten, die durch ihre Vorlesungen in Harvard und später in Bonn gingen, wurden zu bedeutenden Namen auf dem Gebiet der Islamforschung. Sie war weniger eine Wissenschaftlerin als vielmehr im traditionellen Sinne eine „Meisterin": Sie vermittelte das Wissen nicht bloß als ein Datum, sondern als einen Gegenstand der Liebe und Hingabe.
Annemarie Schimmel verstarb am 26. Januar 2003 in Bonn. Sie hinterließ über achtzig Bücher, Hunderte von Aufsätzen und ein Erbe, das die islamische Mystik in der westlichen Akademie zu einer angesehenen Stellung erhob. Ihr Tod wurde sowohl in der westlichen als auch in der islamischen Welt als der Abschluss einer Epoche gedeutet; denn sie war eine der letzten Vertreterinnen einer seltenen Generation, die eine echte Brücke zwischen den zwei Welten zu schlagen vermochte.
Ihr Hauptwerk: Mystical Dimensions of Islam
Schimmels bleibendstes Werk ist das 1975 veröffentlichte Buch Mystical Dimensions of Islam (Die mystischen Dimensionen des Islam). Dieses Werk ist bis heute die umfassendste, zuverlässigste und beliebteste einbändige Gesamtdarstellung des Sufismus in englischer Sprache geblieben. Das Buch verfolgt die Ursprünge, die Lehren und die historische Entwicklung des Sufismus über die Orden und die geographischen Räume hinweg.
Die Stärke des Werkes liegt darin, dass Schimmel den Sufismus nicht als eine trockene Begriffsliste, sondern als eine lebendige geistige Reise darstellt. Beginnend mit der frühen Bewegung der zuhd (Askese) schildert sie mit großer Empfindsamkeit die Lehre von den Stationen (maqâmât) und Zuständen (ahwâl), die sittlichen Stationen wie tawakkul, Geduld und Zufriedenheit (ridâ) sowie die Wandlungen von Sein und Bewusstsein wie fanâ und baqâ. Den großen Gestalten der Geschichte des Sufismus — von Hasan al-Basrî bis Dschunaid al-Baghdâdî, von Husain b. Mansûr al-Hallâdsch bis Ghazâlî, von Mevlânâ Dschalâladdîn-i Rûmî bis Ibn Arabî — gibt sie gebührend Raum.
Schimmel zeigt in diesem Buch, dass der Sufismus ein zu pluraler Bereich ist, als dass er auf ein einziges Zentrum reduziert werden könnte. Das metaphysische System Muhyīddīn Ibn Arabîs (die Wahdat al-Wudschûd) ist eine wichtige Station, aber nicht die einzige Station. Neben ihm stehen die sittlich-irfānische Synthese Imam Ghazâlîs, der Liebesweg der Mevlevi, die eigenen Charaktere der qādirī-, naqschbandī-, tschistī-, schādhilī-Orden. Schimmel hat besonders dem Sufi-Leben auf dem indischen Subkontinent — dem Tschistitum, den Debatten über das Samâ, der sindhi- und pandschabisprachigen mystischen Dichtung — eine in der westlichen Akademie beispiellose Tiefe verliehen.
Eine weitere Tugend des Buches ist der weite Raum, den es der Sprache und der Symbolik der Sufi-Dichtung widmet. Indem sie Symbole wie Rose und Nachtigall, Wein und Mundschenk, Falter und Kerze, Spiegel und Spiegelbild entschlüsselt, erklärt Schimmel, wie diese Bilder eine geistige Grammatik bilden. Für sie ist die Sufi-Dichtung die Übersetzung der göttlichen Liebe in die ästhetische Sprache.
Auch der Aufbau von Mystical Dimensions of Islam ist lehrreich. Während Schimmel die historische Entwicklung des Sufismus in einem chronologischen Rahmen darstellt, gibt sie zugleich thematischen Vertiefungen Raum. Sie beginnt mit den Kreisen von Basra und Kufa der frühen zuhd-Zeit; sie schildert die Lehre der reinen göttlichen Liebe Râbiʿa al-ʿAdawiyyas und die Beiträge der ersten systematischen Sufis (Muhâsibî, Dschunaid). Die Verzückungserfahrung, die durch das Wort Husain b. Mansûr al-Hallâdschs „Anâ l-Haqq" (Ich bin die Wahrheit) symbolisiert wird, und sein tragisches Ende behandelt sie als einen der dichtesten Augenblicke der Geschichte des Sufismus. Sodann geht sie zum großen Synthetiker der klassischen Zeit Imam Ghazâlî über, zu seinem Ihyâ, das den Sufismus mit der sunnitischen Orthodoxie versöhnte. Die Institutionalisierung der Orden, der Höhepunkt der Sufi-Metaphysik, die Bereicherung des indischen und anatolischen Sufismus — all diese Phasen finden im Werk einen ausgewogenen Platz.
Schimmels Meisterschaft in diesem Werk liegt darin, dass sie die Begriffe mit der gelebten Erfahrung verbindet. Wenn sie etwa den Begriff tawakkul (die völlige Hingabe an Gott) schildert, gibt sie nicht bloß seine Definition; sie vermittelt die Geschichten der Derwische, die diesen Zustand lebten, und wie sie dieses Prinzip in ihrem Alltag verwirklichten. So erfasst der Leser den Sufismus nicht als ein System von Lehren, sondern als das geistige Abenteuer lebendiger Menschen. Diese Methode erklärt, warum das Buch über Jahrzehnte hinweg sowohl in akademischen Kreisen als auch unter der allgemeinen Leserschaft so beliebt war.
Rumi-Forschungen: The Triumphal Sun
Der Schimmels Herzen nächste Name war ohne jeden Zweifel Mevlânâ Dschalâladdîn-i Rûmî. Das 1978 veröffentlichte The Triumphal Sun: A Study of the Works of Jalaloddin Rumi (Die siegreiche Sonne) ist ihre umfassendste Arbeit über Rumi. Der Titel des Werkes ist ein Verweis auf Schams-i Tabrīzī — die „Sonne von Tabriz" —, der Rumis Leben verwandelte.
In diesem Buch untersucht Schimmel Rumis Sprache und Kunst, seine theologischen Voraussetzungen, seine Gedanken über die Willensfreiheit und das Schicksal sowie eine Analyse der mystischen Stationen. Sie analysiert den labyrinthartigen Aufbau des Masnawî-i Maʿnawî, die Erzählweise der Geschichte in der Geschichte, seine symbolische Dichte. Sie zeigt, wie die Bilder in Rumis Dichtung — besonders Sonne, Meer, Rohrflöte (Ney), Liebesfeuer — eine Ganzheit bilden.
Schimmel liest Rumi nicht nur als einen Dichter, sondern zugleich als einen Metaphysiker der Liebe. Für sie ist der Mevlevi-Weg, zusammen mit dem Mevlevitum und seinem Samâ-Ritual, ein geistiges System, in dem die Liebe zu einem kosmischen Prinzip wird. Die Mevlevi-Auffassung, die den Tod als eine „Hochzeitsnacht" (Schab-i Arûs (Hochzeitsnacht — die Mevlevi-Auffassung vom Tod)) feiert, ist ein von Schimmel besonders betontes Thema: Der Tod ist die Vereinigung mit dem Geliebten. Rumis geistige Hauptstadt Konya: Mevlânâs anatolische geistige Hauptstadt war ein Ort, den Schimmel mehrfach besuchte und dem sie von Herzen verbunden war.
Schimmels Rumi-Übersetzungen zielen, in der Spur der Rückert-Tradition, darauf, nicht nur den Sinn, sondern auch die Musikalität und den Geist der Dichtung zu vermitteln. Dieses Bemühen schuf die akademische Grundlage, die der großen Popularität bereitete, die Rumi gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts im Westen erfuhr.
Eine weitere Dimension von Schimmels Rumi-Lektüre ist, dass sie Rumi als Theologen ernst nimmt. Die populäre Rumi-Wahrnehmung im Westen reduziert ihn oft nur auf einen „Liebesdichter"; Schimmel hingegen analysiert sorgfältig Rumis tiefe theologische Gedanken zu Themen wie Willensfreiheit, Schicksal, Erziehung des Ego (Nafs), Prophetie und walāya. Sie zeigt, dass das Masnawî-i Maʿnawî nicht bloß schöne Geschichten sind, sondern zugleich ein systematischer Text geistiger Unterweisung. Sie legt die Vielschichtigkeit in Rumis Geschichten dar — den äußeren Sinn, den inneren Sinn und das tiefste Geheimnis.
Schimmel misst ferner den verzückten Ghaselen in Rumis Dîwân-i Kabîr (Dîwân-i Schams) eine besondere Bedeutung bei. Diese Ghasele sind die Früchte der verwandelnden Begegnung mit Schams-i Tabrīzī und bezeugen Rumis Wandlung vom „schweigenden Philosophen" zum „sprechenden Liebenden". In Schimmels Analyse ist Schams mehr als eine Person, ein Spiegel der göttlichen Schönheit, ein geistiger Katalysator, der die verborgene Sonne in Rumis Innerem erweckt. Diese Lektüre erhellt auch die metaphysische Tiefe der Murschid-Murīd-Beziehung in der Mevlevi-Tradition.
Muhammad-Iqbal-Studien: Gabriel's Wing
Schimmels zweite große Leidenschaft war der Dichter-Philosoph Muhammad Iqbal (1877–1938), der als der geistige Vater Pakistans gilt. Das 1963 veröffentlichte Gabriel's Wing: A Study into the Religious Ideas of Sir Muhammad Iqbal (Gabriels Flügel) ist eine der angesehensten akademischen Arbeiten über das religiöse Denken Iqbals und wurde auch ins Urdu übersetzt.
Iqbal war ein eigenständiger Denker, der das klassische Sufi-Erbe mit der modernen westlichen Philosophie (besonders um den Begriff des Selbst/chudî) synthetisierte. Schimmel untersucht eingehend die geistige Verbindung, die Iqbal mit Mevlânâ Dschalâladdîn-i Rûmî knüpfte — Iqbal sah Rumi als seinen eigenen „Pīr". Sie zeigt, wie Iqbals dynamische Philosophie des Selbst die klassische fanâ-Lehre neu deutete, wie er statt einer passiven Auslöschung den Aufbau einer aktiven geistigen Persönlichkeit verteidigte.
Schimmels Verbundenheit mit Iqbal führte sie zu einer lebenslangen Beziehung zu Pakistan. Sie übersetzte Iqbals Werke ins Deutsche, trug zur Entwicklung der Iqbal-Studien in Pakistan bei. Für diese Verdienste wurde sie mit dem Hilâl-i Imtiyaz, einem der höchsten zivilen Orden Pakistans, geehrt. Ihre Iqbal-Deutung wurde sowohl in der östlichen als auch in der westlichen Akademie zu einem Bezugspunkt.
Das Thema, das Schimmel in Iqbals Denken besonders betont, ist die Synthese aus klassischem Sufismus und moderner Dynamik. Iqbal machte sich einerseits das geistige Erbe Mevlânâ Dschalâladdîn-i Rûmîs zu eigen, übte andererseits unter dem Einfluss der westlichen Philosophie (Nietzsche, Bergson) Kritik an der passiven Mystik. Iqbals Begriff „chudî" (Selbst) war eine Neudeutung der klassischen Lehre der fanâ: Nicht das Selbst auszulöschen, sondern es zu stärken, indem man es mit dem göttlichen Willen in Einklang bringt. Schimmel erklärt diese Feinheit mit einer Sorgfalt, die ein Missverständnis Iqbals durch die westliche Leserschaft verhindern soll. Ihr zufolge verwarf Iqbal den Sufismus nicht, sondern formte ihn gemäß den Bedürfnissen des zwanzigsten Jahrhunderts neu.
Die Beziehung, die Schimmel zu Iqbal und zu Pakistan knüpfte, war über ihre akademische Laufbahn hinaus eine persönliche geistige Reise. Sie war der wichtigste Name, der das reiche Sufi-Erbe des indischen Subkontinents — von den sindhi-mystischen Dichtern wie Schâh Abdullatîf Bhitâî bis zur pandschabisprachigen Volksdichtung — der westlichen Akademie vorstellte. Ihre Liebe zu dieser Region wurde in Werken wie Sindhi Literature (1974) und Classical Urdu Literature from the Beginning to Iqbal (1975) greifbar. Für Schimmel war die indo-muslimische Kultur eine der schönsten Erscheinungsformen des synthetischen und pluralen Gesichts des Islam.
Die Liebe zum Propheten und die islamische Dichtung
Eines der Hauptwerke von Schimmels Reifezeit ist das 1981 auf Deutsch (Und Muhammad ist sein Prophet) und 1985 auf Englisch (And Muhammad Is His Messenger: The Veneration of the Prophet in Islamic Piety) veröffentlichte Werk. Dieses Buch behandelt den zentralen Platz des Propheten Muhammad im muslimischen geistigen Leben, im mystischen Denken und in der Dichtung.
Indem sie originale Quellen in verschiedenen islamischen Sprachen heranzieht, zeigt Schimmel, wie das Leben des Propheten, seine Geburt, seine Himmelfahrt (Miʿrâdsch) und seine Wunder zu Gegenständen religiöser Hingabe wurden. Sie untersucht die Traditionen des naʿt (des Lobgedichts auf den Propheten) und des Mevlid sowie die dichterischen und künstlerischen Ausdrucksformen der Liebe zum Propheten. Dieses Werk erschließt der westlichen Leserschaft das sanftere, liebevollere Gesicht der islamischen Religion. Schimmel schildert hier mit großer Feinheit, wie die Symbolik des absoluten Tauhîd in die ästhetische Sprache geistiger Hingabe übersetzt wird.
Die Bedeutung dieses Buches liegt darin, dass es die im Westen verbreitete Islam-Wahrnehmung ausgleicht. Für die westliche Leserschaft wird der Islam oft über Recht, Politik und Theologie definiert; im alltäglichen geistigen Leben der Muslime aber nimmt die Liebe zum Propheten einen zentralen Platz ein. Indem sie die Mevlid-Feiern, die Gedichte, die den Geburtstag des Propheten feiern, die Tradition des salawât-Sprechens und die Literatur, die die körperliche und sittliche Schönheit des Propheten (schamâʾil) preist, analysiert, legt Schimmel den Reichtum dieser Liebeskultur offen. Ihr zufolge ist die Liebe zum Propheten auch mit der Metaphysik der Liebe des Sufismus verschränkt: Der Gläubige gelangt durch den Propheten zur göttlichen Liebe.
In Schimmels Analyse nimmt der Miʿrâdsch (die Himmelfahrt des Propheten) einen besonderen Platz ein. Der Miʿrâdsch ist sowohl ein historisch-religiöses Ereignis als auch ein archetypisches Modell der mystischen Reise. Im Sufi-Denken wird die geistige Reise eines jeden sâlik gewissermaßen als eine innere Wiederholung des Miʿrâdsch angesehen. Schimmel zeigt die reiche Behandlung dieses Themas in der persischen und urdusprachigen Dichtung; von Rumi bis Iqbal verwendeten viele Dichter das Bild des Miʿrâdsch als Symbol des geistigen Aufstiegs. Diese Analysen zeigen Schimmels tiefes Eindringen in die ästhetische und emotionale Dimension der islamischen Frömmigkeit.
Schimmels der Bildwelt der persischen Dichtung gewidmetes Werk A Two-Colored Brocade: The Imagery of Persian Poetry (1992) wiederum ist ein Hauptwerk, das die Symbolwelt der persischen mystischen Dichtung systematisch analysiert. Es erklärt den symbolischen Reichtum von Werken wie Hâfiz-i Schīrāzī: Wein, Liebe und der Gipfel der Sufi-Dichtung und Farīdaddīn ʿAttârs Mantiq at-Tair: die Reise der Vögel von Farīdaddīn ʿAttâr anhand von Bildgruppen wie Garten-Rose-Nachtigall, Wein-Schenke, Beute-Jäger. Dies bildet die theoretische Grundlage der Dichtungsübersetzung, die Schimmels liebste Beschäftigung war.
Die Symbolwelt der Sufi-Dichtung
Einer von Schimmels eigenständigsten Beiträgen ist die systematische Analyse der Symbolik in der Sufi-Dichtung. Ihr zufolge ist die Sufi-Dichtung kein willkürlicher Haufen von Bildern, sondern eine „geistige Grammatik", die eine innere Logik besitzt. Jedes Symbol trägt sowohl eine weltliche Bedeutung als auch eine geistige Entsprechung; und diese Doppelschichtigkeit bildet die Kraft der Dichtung.
Das Weinsymbol ist hierfür das auffälligste Beispiel. In der Sufi-Dichtung repräsentiert der Wein nicht die weltliche Trunkenheit, sondern die Trunkenheit der göttlichen Liebe (sukr). Der Mundschenk (Sâkî) symbolisiert den Murschid oder die göttliche Schönheit selbst; die Schenke die Derwischloge (Dergâh); die Trunkenheit den Zustand der Verzückung. Die Ghasele Hâfiz-i Schīrāzīs: Wein, Liebe und der Gipfel der Sufi-Dichtung sind der Gipfel dieser Symbolik, und Schimmel zeigt, welch großer Irrtum es ist, diese Gedichte als oberflächliches „Weinlob" zu lesen.
Eine weitere grundlegende Bildgruppe sind Rose und Nachtigall. Die Nachtigall repräsentiert die liebende Seele, die in der Liebe zur Rose entbrennt; die Rose hingegen die unerreichbare Geliebte (mitunter den Propheten, mitunter die göttliche Schönheit). Das Bild von Falter und Kerze wiederum ist das stärkste Symbol der fanâ: Der Falter stürzt sich in seiner Liebe zum Licht ins Feuer und vergeht verbrennend — ganz so, wie der Liebende sein Selbst in der Geliebten auflöst. Dieses Bild ist der dichterische Ausdruck der Lehre der fanâ und baqâ.
Schimmel misst auch dem Symbol des Spiegels (mirʾât) eine besondere Bedeutung bei. Das Herz ist ein Spiegel, in dem sich die göttlichen Theophanien spiegeln; ein gereinigtes Herz spiegelt das Wahre makellos wider. Diese Symbolik ist auch in der Metaphysik Muhyīddīn Ibn Arabîs zentral, doch Schimmel bindet sie nicht nur an einen Philosophen; sie behandelt sie als gemeinsames Gut der gesamten Sufi-Dichtung. Diese ihre Analysen bieten das Symbolwörterbuch, das für ein richtiges „Lesen" der persischen und türkischen Sufi-Dichtung durch die westliche Leserschaft notwendig ist.
Die türkische Sufi-Dichtung und die Liebe zu Anatolien
Schimmels tiefe Liebe zur türkischen Kultur rührt aus ihren Ankaraer Jahren (1954–1959) her. In dieser Zeit lernte sie das Türkische wie eine Muttersprache und untersuchte die türkische Sufi-Literatur aus der Nähe. Die schlichten, innigen und tiefen türkischen Gedichte Yunus Emres waren ein von Schimmel besonders geliebter Bereich. Yunus' universaler Ruf zur Liebe, der „Lasst uns lieben und geliebt werden" lautet, deckte sich auch mit Schimmels eigener Mission.
Schimmel führt die Ursprünge der türkischen Sufi-Dichtung bis auf Hodscha Ahmed Yasawî und sein Werk Dîwân-i Hikmet zurück. Yasawîs hikmet-Tradition hatte bei der Verbreitung des Sufismus unter den türkischsprachigen Völkern eine bestimmende Rolle gespielt; diese Tradition war eine Brücke, die sich von Zentralasien bis Anatolien erstreckte. Schimmel bewertet diesen türkischen Sufi-Strang als von gleichem Gewicht neben den arabischen und persischen Traditionen.
Die Mevlevi-Tradition in der Türkei — das Mevlevitum, das Samâ-Ritual und Konya: Mevlânâs anatolische geistige Hauptstadt — war eine Welt, die Schimmel mehrfach besuchte und der sie von Herzen verbunden war. Sie betont, dass das Samâ-Ritual nicht bloß eine ästhetische Vorführung ist, sondern eine tiefe geistige Symbolik trägt: Der sich drehende Derwisch nimmt an der Drehung des Weltalls teil, empfängt mit der zum Himmel gewandten rechten und der zur Erde gewandten linken Hand die göttliche Gnadenfülle und überträgt sie auf die Erde. Schimmels Deutungen dieses Rituals spielten eine wichtige Rolle für das Verständnis des Mevlevi-Ritus im Westen.
Ihre Methode: Phänomenologie und sympathetisches Verstehen
Schimmels akademische Methode unterschied sich von der positivistischen und reduktionistischen Orientalistik ihrer Zeit. In der Spur der phänomenologischen Religionswissenschaft ihres Lehrers Friedrich Heiler versuchte sie, ein religiöses Phänomen „von innen" zu verstehen (Verstehen). Der reifste Ausdruck dieses Ansatzes findet sich in ihrem 1994 veröffentlichten Werk Deciphering the Signs of God: A Phenomenological Approach to Islam (Die Zeichen Gottes entziffern). Hier stellt sie den Islam auf ganzheitliche Weise über phänomenologische Kategorien wie heiliger Raum, heilige Zeit, heiliges Wort, heilige Handlung dar.
Schimmels Methode lässt sich als „sympathetisches Verstehen" (sympathetic understanding) bestimmen. Sie näherte sich der von ihr untersuchten Tradition nicht mit einer urteilenden Distanz von außen, sondern mit einer Liebe und Achtung von innen. Obgleich diese Haltung mitunter zu Kritik führte (siehe den folgenden Abschnitt), verlieh sie ihren Arbeiten eine einzigartige Tiefe und Wärme. Für Schimmel hieß, einen Text zu verstehen, die geistige Erfahrung, die diesen Text hervorbrachte, in gewissem Maße teilen zu können.
Diese Methode deckt sich auch mit ihrer Leidenschaft für die Dichtungsübersetzung. In der Spur Rückerts sah Schimmel die Übersetzung nicht als eine mechanische Übertragung, sondern als eine Brücke, die zwischen zwei Seelen geschlagen wird. Sie übersetzte Dichtung in mindestens sechs Sprachen; bei jeder Übersetzung bemühte sie sich, sowohl die philologische Richtigkeit als auch den dichterischen Geist zu wahren.
Schimmels phänomenologischer Ansatz gibt die Möglichkeit, religiöse Phänomene unter bestimmten universalen Kategorien zu sammeln: die Erscheinung des Heiligen im Raum (Heiligtümer, Mausoleen, heilige Städte), seine Erscheinung in der Zeit (Feste, Kandil-Nächte, heilige Nächte), seine Erscheinung im Wort (Koran, Dhikr, Gebet) und seine Erscheinung in der Handlung (das rituelle Gebet, die Pilgerfahrt, das Fasten). In Deciphering the Signs of God liest Schimmel den Islam über diese Kategorien und zeigt sowohl die innere Stimmigkeit der Religion als auch ihre Verbindung zur universalen Religionsphänomenologie. Dieser Ansatz hebt sie über eine bloße Islam-Spezialistin hinaus und macht sie zu einer wichtigen Theoretikerin der vergleichenden Religionswissenschaft.
Eine weitere Dimension von Schimmels Methode ist der Wert, den sie der mündlichen und lebendigen Tradition beimisst. Sie begnügt sich nicht nur mit schriftlichen Texten; sie betont, dass auch die Volksfrömmigkeit, die Grabbesuche, die Mevlid-Feiern und das geistige Leben der Frauen wesentliche Teile der Religion sind. In dieser Hinsicht unterscheidet sich ihr Ansatz von den Ansätzen, die die Religion auf elitäre Texte reduzieren. Schimmel zeichnet die „gelebte" Dimension des Islam — die Spiritualität im Alltag — mit großer Empfindsamkeit. In dieser Hinsicht teilt sie einen gemeinsamen Boden mit Forschern wie Ahmet Yaschar Ocak, die die sozialhistorische Perspektive vorziehen; doch Schimmels Betonung liegt eher auf der ästhetischen und emotionalen Dimension der geistigen Erfahrung.
Vergleichende Perspektive
Obgleich Schimmel in erster Linie eine Islamforscherin ist, öffnen sich ihre Arbeiten naturgemäß zu einem vergleichenden Horizont. Das Thema der Liebe in der islamischen Mystik trägt tiefe Parallelen zum Weg der Liebe (way of love / Bhakti / Agape) in den mystischen Traditionen der Welt. Schimmels phänomenologische Methode macht diese Vergleiche möglich. Die folgende Tabelle zeigt die Entsprechungen der von ihr untersuchten Sufi-Themen in den anderen großen Traditionen:
| Thema | Sufismus (Schimmels Gebiet) | Indische Traditionen | Christliche Mystik | Jüdische Mystik | Ferner Osten |
|---|---|---|---|---|---|
| Weg der Liebe | aschk, mahabba (Rumi) | Bhakti (Hingabe außerhalb des Advaita Vedānta) | Agape, göttliche Liebe | ahavah, devekut | Karuna (Mitgefühl) |
| Auslöschung des Selbst | fanâ und baqâ | mokṣa, samādhi | Unio mystica (Meister Eckhart) | bittul ha-yesch | Śūnyatā, mu |
| Heiliges Wort/Dhikr | Dhikr, wird | Mantra, japa | Jesusgebet (Hesychasmus) | göttliche Namen | Nembutsu |
| Einheitslehre | Tauhîd, wahda (Wahdat al-Wudschûd) | Advaita (Nicht-Zweiheit) | Einheit in Gott | Ein Sof | das Eine des Tao |
| Bild der Geliebten | Wein, Rose, Nachtigall | Krishna-Radha-Liebe | Braut-Bräutigam (Hohelied) | Schechina | — |
Schimmels eigenständiger Beitrag liegt darin, dass sie diese Parallelen nicht auf einen oberflächlichen „alles ist dasselbe"-Perennialismus reduziert. Während sie vertritt, dass jede Tradition innerhalb ihres eigenen historischen und sprachlichen Kontextes verstanden werden muss, weist sie zugleich auf die ähnlichen geistigen Suchbewegungen der menschlichen Seele hin. Vergleiche der Art Tauhîd, Advaita und Śūnyatā: die Einheitsauffassung dreier Traditionen sind die zeitgenössischen Fortsetzungen des von Schimmel eröffneten Weges.
Schimmels Betonung des Weges der Liebe (mahabba, aschk) im Sufismus führt sie naturgemäß zum Vergleich mit dem Weg der Bhakti (Hingabe) der indischen Tradition. Zwischen der selbstlosen göttlichen Liebe Râbiʿa al-ʿAdawiyyas und der Hingabe einer Mīrā Bāī an Krishna besteht eine tiefe Verwandtschaft. In ähnlicher Weise finden sich zwischen Rumis Metaphysik der Liebe und der Liebessprache der christlichen Mystiker (etwa der Lehre Meister Eckharts vom „göttlichen Nichts" oder der Tradition des Hohelieds) auffällige Parallelen. Schimmel wahrt, während sie auf diese Parallelen hinweist, auch den je eigenen theologischen Rahmen jeder Tradition.
Auch das Thema der Auslöschung des Selbst ist aus vergleichender Sicht reich. Zwischen der fanâ und baqâ (Auslöschung und Bestehen-Finden im Wahren) des Sufismus, der mokṣa und dem Advaita (Nicht-Zweiheit) der Vedānta, der Śūnyatā (Leerheit) des Buddhismus und der Unio mystica (mystischen Vereinigung) der christlichen Mystik besteht — unter Wahrung der Unterschiede — eine phänomenologische Ähnlichkeit. Schimmels Arbeiten bereiten den notwendigen Boden dafür, dass diese Vergleiche, ohne in eine oberflächliche Gleichsetzung zu verfallen, auf tiefgründige Weise angestellt werden können. Ihr Erbe ist der akademische Rahmen, der es islamischen Einheitslehren wie der Wahdat al-Wudschûd ermöglicht, mit anderen Traditionen in einen Dialog zu treten.
Moderne Spiegelungen und Rezeption
Annemarie Schimmels Erbe reicht weit über die akademische Welt hinaus. Ihre Arbeiten bereiteten der außerordentlichen Popularität, die Mevlânâ Dschalâladdîn-i Rûmî in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts im Westen erfuhr, einen akademischen Boden. Dass Rumi heute in der englischsprachigen Welt einer der meistgelesenen Dichter ist, hat zu großem Teil Schimmels jahrzehntelange ernsthafte Forschung zum Anteil.
Schimmel war die akademischste und zuverlässigste Vertreterin einer Generation, die den Sufismus dem Westen vorstellte — die man zusammen mit perennialistischen Denkern wie René Guénon, Frithjof Schuon, Titus Burckhardt und mit Brückenfiguren wie Inayat Khan: der universale Sufismus und die mystische Übertragung in den Westen nennen kann. Doch besaß sie eine philologische Sorgfalt, die jene oft übertraf. Sie war weder eine romantische Ost-Schwärmerin noch eine distanzierte Positivistin; sie war eine seltene Verbindung der beiden.
Auch ihre Beziehung zur Türkei ist besonders. Von den Ankaraer Jahren an hegte sie eine tiefe Liebe zur türkischen Kultur und zu anatolischen Sufis wie Yunus Emre; sie verfasste türkische Werke, knüpfte engen Kontakt zur türkischen Akademie. Die Tradition der türkischen Sufi-Dichtung, die sich von Hodscha Ahmed Yasawî bis zu Yunus Emre erstreckt, war ein wichtiger Teil ihres Interessengebiets. In der Türkei wurden Schimmels Werke ins Türkische übersetzt und erreichten eine breite Leserschaft; sie wurde zu einem im türkischen akademischen und kulturellen Leben mit Achtung genannten Namen.
Eine weitere moderne Spiegelung von Schimmels Arbeiten ist, dass sie die Sufismus-Forschung auf ein interdisziplinäres Gebiet trug. Ihr phänomenologischer Ansatz vereint die Gebiete der Religionswissenschaft, der Literaturgeschichte, der Kunstgeschichte und der vergleichenden Spiritualität. Heute folgen viele Arbeiten, die den Sufismus unter dem Gesichtspunkt der Psychologie, der Ästhetik oder der vergleichenden Religion untersuchen, der Spur des von Schimmel eröffneten Weges. Sie hat gezeigt, dass der Sufismus nicht bloß ein historisches Phänomen, sondern ein wertvoller Teil des gemeinsamen geistigen Erbes der Menschheit ist. Dieser ganzheitliche Blick ist einer von Schimmels bleibendsten Beiträgen.
Schimmels Arbeiten sind auch Vorbote des modernen Interesses an kulturübergreifenden Brückenfiguren wie Dârâ Schikûh: der Mogulprinz der Synthese von Sufismus und Vedānta; denn Schimmel war einer der wichtigsten Namen, die das plurale und synthetische Gesicht des Islam auf dem indischen Subkontinent dem Westen vorstellten. Unter den zahllosen Auszeichnungen, die sie erhielt, ragen der Hilâl-i Imtiyaz Pakistans und 1995 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hervor.
Schimmels akademischer Einfluss ist auch auf institutioneller Ebene spürbar. Sie trug zur Entwicklung von Zeitschriften wie dem Journal of the History of Sufism und verschiedener akademischer Reihen bei; sie bildete zahllose Studenten aus. Auch bei der Entwicklung der deutsch-pakistanischen Kulturbeziehungen in Bonn spielte sie eine Rolle. Unter den Auszeichnungen, die sie erhielt, finden sich die hohen Orden Deutschlands, Ehrendoktorwürden verschiedener Universitäten und internationale Wissenschaftspreise. Diese Anerkennung ist das Zeichen der Achtung, die sie sowohl als Wissenschaftlerin als auch als Kulturbotschafterin erfuhr.
Eine weitere Dimension von Schimmels Erbe ist das Bemühen, die Islam-Wahrnehmung im Westen zu mildern. Sie stellte den Islam nicht nur als ein rechtliches und politisches System, sondern als eine tiefe geistige und ästhetische Tradition dar. Die Liebe zum Propheten, die Sufi-Dichtung, die Kunst der Kalligraphie, die Mevlid-Feiern — all dies bildete in ihrer Darstellung das „Herzensgesicht" des Islam. Dieser Ansatz war ein wichtiger Beitrag zum kulturübergreifenden Verständnis und bewahrt seinen Wert noch heute.
Ihre weitreichenden wissenschaftlichen Beiträge und ihr Stil
Schimmels achtzig Bücher sind zu vielfältig, als dass sie in ein einziges Gebiet passten. Die Geschichte des Sufismus (Mystical Dimensions of Islam), die Rumi-Forschungen (The Triumphal Sun, I Am Wind, You Are Fire), die Iqbal-Studien (Gabriel's Wing), die Liebe zum Propheten (And Muhammad Is His Messenger), die Bildwelt der persischen Dichtung (A Two-Colored Brocade), die islamische Phänomenologie (Deciphering the Signs of God), die Kalligraphie und die Kunst (Calligraphy and Islamic Culture), die Zahlensymbolik (The Mystery of Numbers), die Frau und der Sufismus (My Soul Is a Woman) — diese Liste zeigt die Weite ihrer Interessengebiete.
Ihr Werk My Soul Is a Woman: The Feminine in Islam ist besonders bemerkenswert. Schimmel untersucht hier den Platz der Frau und des weiblichen Prinzips im islamischen Sufismus; sie analysiert große Sufi-Frauen wie Râbiʿa al-ʿAdawiyya, die weibliche Seite des Begriffs der Seele (Nafs) und die Mutterschafts-Liebes-Bilder im geistigen Leben. Dieses Werk spiegelt sowohl Schimmels phänomenologische Empfindsamkeit als auch ihr Bemühen, eine übersehene Dimension des Sufismus zu beleuchten.
Schimmels Stil ist fern von der Trockenheit des akademischen Schreibens. Sie zitiert häufig Dichtung, teilt ihre persönlichen Beobachtungen mit, schreibt, als nähme sie den Leser auf eine Reise mit. Dieser Stil machte sie sowohl für Fachleute als auch für die allgemeine Leserschaft zugänglich. Während sie einen Text schildert, versucht sie auch, die geistige Atmosphäre zu vermitteln, in der dieser Text entstand; so gewinnt der Leser nicht bloß Wissen, sondern hat auch teil an einer Erfahrung. Diese Begabung Schimmels erklärt, warum sie als „die Stimme der islamischen Mystik im Westen" genannt wird.
Der wissenschaftliche Wert ihrer Arbeiten rührt aus ihrer Beherrschung der Quellen. Schimmel las die von ihr untersuchten Gedichte und Texte aus ihren Originalsprachen; sie verwendete arabische, persische, türkische, urdusprachige, sindhi- und pandschabisprachige Texte unmittelbar. Diese Vielsprachigkeit verlieh ihren vergleichenden Analysen eine einzigartige Tiefe. Sie konnte das Lautspiel im persischen Original eines Ghasels, die rhythmische Struktur eines naʿt im Urdu, die Schlichtheit einer hikmet im Türkischen unmittelbar erfassen. Dies zeigt, warum ihre Übersetzungen und Deutungen so zuverlässig sind.
Die großen Gestalten des Sufismus aus Schimmels Feder
Schimmels Werke enthalten reiche Porträts der großen Gestalten der Geschichte des Sufismus. Sie behandelt jede Figur sowohl innerhalb ihres historischen Kontextes als auch im Hinblick auf ihren geistigen Beitrag. Husain b. Mansûr al-Hallâdsch ist ein Name, bei dem Schimmel besonders verweilt. Al-Hallâdschs Wort „Anâ l-Haqq" ist einer der umstrittensten und tiefsten Aussprüche der Geschichte des Sufismus; Schimmel deutet ihn nicht als eine Lästerung, sondern als einen Ausdruck dessen, dass sich das Selbst im Zustand der fanâ gänzlich in der göttlichen Gegenwart auflöst. Al-Hallâdschs tragisches Ende verwandelt sich in Schimmels Darstellung in die Geschichte eines Märtyrers, der den Preis der göttlichen Liebe zahlt.
Imam Ghazâlî ist die Figur, die Schimmel als den Architekten der Versöhnung zwischen Sufismus und sunnitischem Denken darstellt. Ghazâlîs geistige Krise, die von der Philosophie zum Sufismus reichte, und sein schließliches Finden von Ruhe im herzlichen Wissen (dhauq, marifet) ist für Schimmel ein universales Beispiel der individuellen geistigen Suche. Auch die ischrāqī-(illuminationistische) Philosophie Suhrawardîs gehört zu Schimmels Interessengebiet; sie weist auf die sowohl islamischen als auch älteren (zoroastrischen, neuplatonischen) Wurzeln der Lichtmetaphysik hin.
Muhyīddīn Ibn Arabî ist eine Figur, die Schimmel mit großer Achtung behandelt, die sie jedoch sorgfältig vermeidet, zum „alleinigen Zentrum" des Sufismus zu machen. Ibn Arabîs Fusûs al-Hikam und seine Lehre der Wahdat al-Wudschûd sind der Gipfel der Sufi-Metaphysik; doch Schimmel betont, dass der Sufismus nicht aus Ibn Arabî allein besteht, dass neben ihm der Weg der Liebe (Mevlânâ Dschalâladdîn-i Rûmî), die zuhd-Tradition und der Volkssufismus von gleichem Gewicht sind. Dieser ausgewogene Ansatz ist ein Zeichen von Schimmels akademischer Reife.
Unter Schimmels Porträts nehmen auch türkischsprachige Sufis wie Yunus Emre einen wichtigen Platz ein. Sie zeigt, dass diese Namen keine bloßen Nachahmer der arabisch-persischen Sufi-Tradition waren, sondern eine eigenständige Stimme repräsentieren, die die türkische Sprache und Empfindsamkeit dem Sufismus hinzufügte. Yunus' schlichtes und tiefes Türkisch ist in Schimmels Darstellung ein schönes Beispiel dafür, wie die universale Botschaft des Sufismus in eine lokale Sprache übersetzt wird.
Ihr Ort innerhalb der orientalistischen Tradition
Bei der Würdigung von Schimmels akademischem Erbe muss man auch ihre besondere Stellung innerhalb der orientalistischen Tradition (des Orientalismus) berücksichtigen. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war die Orientalistik schwerer Kritik ausgesetzt; besonders wurde betont, dass die Art, wie der Westen den Osten untersuchte, mit Machtverhältnissen befrachtet war. In diesem Zusammenhang ist Schimmels Stellung interessant: Während sie die philologische Sorgfalt der klassischen Orientalistik fortsetzte, hatte sie sich von deren distanzierter und urteilender Haltung entfernt.
Schimmels Ansatz unterscheidet sich mit seinem Bemühen um ein „Verstehen von innen" (sympathetic understanding) vom objektivierenden orientalistischen Blick. Statt den Islam als einen „Anderen" zu untersuchen, nähert sie sich seiner geistigen Welt mit Liebe; sie nimmt ernst, wie die Angehörigen der von ihr untersuchten Tradition sich selbst verstehen. Obgleich diese Haltung mitunter als „allzu empathisch" kritisiert wird, bietet sie aus Sicht des kulturübergreifenden Verständnisses eine wertvolle Alternative.
Schimmel war auch als Wissenschaftlerin eine Vorreiterin. In einem von Männern beherrschten Gebiet erreichte sie durch ihre eigene sorgfältige Arbeit die höchsten akademischen Ränge; in Harvard wurde sie die erste Professorin eines Lehrstuhls. Dieser ihr Erfolg ist für die nachfolgende Generation von Forscherinnen eine Inspirationsquelle gewesen. Sie ist eine seltene Figur, die sowohl wissenschaftliche Exzellenz als auch das Ideal des kulturübergreifenden Brückenschlagens in ihrer Person vereinte.
Kritik und Diskussionen
Schimmels Arbeiten waren neben der großen Würdigung, die sie verdienten, auch Gegenstand einiger Kritik. An der Spitze der Kritik steht die Behauptung, dass ihre „sympathetische" Methode bisweilen die kritische Distanz überschattete. Manche Wissenschaftler haben vorgebracht, dass die Liebe, die Schimmel zu der von ihr untersuchten Tradition hegte, manche historischen und soziologischen Probleme in den Hintergrund gedrängt habe. Da ihr Ansatz sich eher auf die innere Welt des Textes und der geistigen Erfahrung konzentriert, unterscheidet er sich von den Arbeiten, die die gesellschaftlichen und Machtdimensionen des Sufismus behandeln. In dieser Hinsicht steht sie in einem Verhältnis der Ergänzung zum Ansatz von Forschern wie Ahmet Yaschar Ocak, die die sozialhistorische Methode vorziehen.
Das meistdiskutierte Ereignis ist die öffentliche Debatte um den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den sie 1995 erhielt. Schimmel hatte in einem Fernsehinterview Aussagen verwendet, die die in der islamischen Welt entstandene Reaktion auf Salman Rushdies Roman Die satanischen Verse (1988) zu verstehen suchten; dies hatte in Deutschland im Zusammenhang der Meinungsfreiheit eine weite Debatte ausgelöst. Diese Debatte lässt sich auch als ein Beispiel dafür lesen, wie die tiefe Empathie einer Wissenschaftlerin für die von ihr untersuchte Kultur in ihrer eigenen Gesellschaft missverstanden werden kann. Diese kulturhistorische Dimension des Ereignisses bildet einen tragischen Zug von Schimmels Leben: Während sie sich bemühte, eine Brücke zwischen zwei Welten zu schlagen, blieb sie bisweilen genau in der Mitte beider Welten.
Diese Debatten mindern den Wert von Schimmels akademischem Erbe nicht. Im Gegenteil, ihr Erfolg, die islamische Mystik in der westlichen Akademie zu einem angesehenen, tiefen und mit Liebe zugänglichen Gebiet zu machen, ist heute noch immer unbestritten. Schimmel führte, wie es in einem Vers des Masnawî-i Maʿnawî heißt, ein Leben, das „die Liebe von einer Sprache in die andere trägt".
Schluss: Das Erbe eines Brückenmenschen
Annemarie Schimmel ist als die Person in die Geschichte eingegangen, die in der modernen Zeit das mystische Herz des Islam am echtesten dem Westen vermittelte. Ihr Mystical Dimensions of Islam ist ein Ausgangspunkt, ihr The Triumphal Sun der Gipfel der Mevlânâ Dschalâladdîn-i Rûmî-Forschung, ihr Gabriel's Wing der Grundstein der Iqbal-Studien geblieben. Mit ihren über achtzig Büchern hinterließ sie nicht bloß einen Schatz des Wissens, sondern eine Methode und eine Haltung: Nähere dich der von dir untersuchten Tradition mit Liebe, aber mache keine Abstriche an der Sorgfalt um die Wahrheit.
Schimmels Arbeiten umfassen die gesamte geistige Landschaft des Sufismus, vom Begriff der fanâ und baqâ bis zur Liebe Schams-i Tabrīzīs und Rumis, vom „Anâ l-Haqq" Husain b. Mansûr al-Hallâdschs bis zum dynamischen Selbst Iqbals. Sie war weniger eine Orientalistin als eine Übersetzerin, die in der Sprache der Liebe zwischen zwei Welten sprach; eine seltene Gestalt, die der Akademie auch ihr Herz hinzufügte. Ihr Erbe ist ein fester Boden, auf dem heute alle stehen, die vergleichende Spiritualität und Sufismus-Forschung betreiben.
Annemarie Schimmels bleibendste Lehre ist vielleicht diese: Um eine geistige Tradition wirklich zu verstehen, muss man sich ihr in der Sprache sowohl des Verstandes als auch des Herzens nähern. Ohne philologische Sorgfalt bleibt das Verstehen oberflächlich; ohne Liebe und Empathie aber verwandelt es sich in ein totes Wissen. Schimmel ist eine seltene Gestalt, die diese beiden — das Wissen (ilm) und das Irfân, die akademische Disziplin und die geistige Empfindsamkeit — in ihrer Person zu vereinen vermochte. Der von ihr eröffnete Weg trägt noch immer seine Früchte in vielen Bereichen, von der Bekanntheit Mevlânâ Dschalâladdîn-i Rûmîs im Westen über das richtige Lesen der Sufi-Dichtung bis zur Würdigung des geistigen Gesichts des Islam. Wie die Leute der Weisheit sagen, „das mit Liebe schauende Auge sieht die Wahrheit besser" — und Schimmel war eine Weise, die ihr Leben lang mit dieser Liebe zu schauen verstand.