Katharer und Bogomilen: Mittelalterliche dualistisch-gnostische Traditionen
Zwei dualistisch-gnostische Bewegungen des Mittelalters: die Bogomilen auf dem Balkan (10. Jh.) und die Katharer im Languedoc (12.–13. Jh.). Der Gegensatz von gutem Gott und böser Materie, das Consolamentum-Ritual und die Übertragungskette Paulikianer–Bogomilen–Katharer.
Definition und historischer Rahmen
Katharer und Bogomilen sind die zwei großen dualistisch-gnostischen christlichen Bewegungen, die im mittelalterlichen Europa auftraten. Beide vertraten die Auffassung, das Universum sei nicht aus einer einzigen Quelle, sondern aus zwei Prinzipien entstanden — aus einem guten, geistigen Gott und einer bösen, materiellen Macht (Demiurg, Satan oder „der andere Gott"); sie hielten die sichtbare materielle Welt für böse oder verworfen und nahmen einen radikalen Antiklerikalismus an, der die Autorität der institutionellen Kirche, ihre Sakramente und ihre Priesterordnung ablehnte. Die Bogomilen keimten im 10. Jahrhundert auf dem Balkan auf, besonders auf dem Boden des Ersten Bulgarischen Reiches; die Katharer hingegen erstarkten im 12. und 13. Jahrhundert in der Region Languedoc in Südfrankreich sowie in den Städten Norditaliens. Dass zwischen beiden Bewegungen eine Übertragungskette bestanden habe — dass also bogomilische Missionare Lehre und Ritus in den Westen trugen —, wird im Licht der historischen Überlieferung mit gutem Grund angenommen; gleichwohl bedienen sich die zeitgenössischen Historiker einer vorsichtigen Sprache hinsichtlich der Unmittelbarkeit und der Art dieser Verbindung.
Diese Bewegungen tragen auffällige strukturelle Ähnlichkeiten mit dem aus gnostisizm und manizeizm der Spätantike stammenden Dualismus. Das Thema der Rückkehr des von der Materie gefangen gehaltenen geistigen Funkens in das ursprüngliche Lichtreich durch Wissen und Läuterung nimmt sowohl bei den valentinianischen und sethianischen Gnostikern als auch in der bogomilisch-katharischen Vorstellung einen zentralen Platz ein. Der Zweck dieser Seite ist es, beide Traditionen gänzlich in einem historischen, kulturellen und akademisch-neutralen Rahmen zu behandeln; sie verfolgt keinerlei theologische Parteinahme, keine aktuelle Religionskritik und kein modernes polemisches Anliegen. Das Thema wird nicht behandelt, um ein Glaubenssystem zu verteidigen oder zu widerlegen, sondern um eine wichtige Ader der mittelalterlichen Geistesgeschichte verständlich zu machen.
Die Geschichte der dualistischen Bewegungen zu lesen ist zugleich eine Übung in Quellenkritik. Die erdrückende Mehrheit der uns vorliegenden Primärdokumente stammt von den kirchlichen Autoren, die diese Gemeinschaften zu „Ketzern" erklärten, von Inquisitionsprotokollen und von der byzantinischen Gegenliteratur. Um also die „Stimme" der Bogomilen und Katharer zu hören, gilt es, die rhetorischen Übertreibungen, die stereotypen Anschuldigungen und die fertigen Etiketten wie „Manichäer" der gegnerischen Quellen sorgfältig auszusondern. Eben deshalb versucht die moderne Forschung, die Bewegungen aus den sensationellen Klischees zu befreien und in ihre eigenen gesellschaftlich-politischen Zusammenhänge einzuordnen.
Die Bogomilen: Die Geburt des Balkan-Dualismus
Der Bogomilismus entstand um die Mitte des 10. Jahrhunderts in Bulgarien während der Regierung des Zaren Peter I. (reg. 927–969). Der Überlieferung der Tradition zufolge geht der Name der Bewegung auf einen Dorfpriester namens Pop Bogomil (Priester Bogomil) zurück, der für seine glühenden Predigten bekannt war; das Wort „Bogomil" bedeutet im Altslawischen „Gott lieb". Die Bewegung speiste sich aus hauptsächlich zwei Quellen: einerseits aus den neumanichäischen dualistischen Lehren, die durch die aus Armenien und Anatolien stammenden Paulikianer auf den Balkan getragen wurden, andererseits aus der lokalen slawischen Frömmigkeit, die nach einer evangelischen Reform gegen die eben erst gegründete bulgarisch-orthodoxe Kirche suchte. Die Verschmelzung dieser beiden Adern brachte eine eigenständige Strömung hervor, die sowohl eine theologische als auch eine gesellschaftliche Seite hatte.
Im Kern der bogomilischen Kosmologie liegt der Glaube, dass die sichtbare materielle Welt von einer bösen Macht erschaffen wurde. Diese Grundannahme zog eine Reihe von Folgerungen nach sich: die Ablehnung des größten Teils des Alten Testaments, die Infragestellung der Lehre von der Menschwerdung (Inkarnation) Jesu und die Ausgrenzung des orthodoxen christlichen Verständnisses, das die Materie als Mittel der Gnade ansieht. Da alles Materielle der bösen Macht zugeordnet wurde, sahen die Bogomilen das Kreuz als Folterwerkzeug an und lehnten es ab; Kirchen, Ikonen, Glockenklänge, Taufwasser und die Eucharistie (das geweihte Brot und den Wein) hielten sie für seelenlose materielle Gegenstände. An deren Stelle setzten sie schlichtes und inniges Gebet, strenges Fasten, Verzicht auf Fleisch und Wein, sexuelle Enthaltsamkeit und ein asketisches Leben. Im Zentrum ihrer Andacht standen das auswendig gesprochene Vaterunser und das öffentliche Bekenntnis vor der Gemeinschaft.
Auf gesellschaftlicher Ebene ist der Bogomilismus oftmals auch als eine Reaktion gegen den byzantinischen und bulgarischen Druck von Kirche und Staat gedeutet worden. Der Antiklerikalismus der Bewegung war nicht nur eine theologische Haltung, sondern zugleich eine gesellschaftliche Kritik, die die Steuerlast der bestehenden Ordnung, die Grundherren und den hohen Klerus in Frage stellte. In dieser Hinsicht wird der Bogomilismus nicht als bloße Glaubensabweichung, sondern als eine sozial-religiöse Bewegung gelesen. Die byzantinischen zeitgenössischen Quellen — besonders die gegen Ende des 10. Jahrhunderts verfasste Streitschrift des Presbyters Kosmas und das Werk Dogmatische Rüstkammer des Euthymios Zigabenos — sind unsere wichtigsten Wissensquellen über die Lehren der Bewegung; allerdings stammen sie allesamt aus gegnerischen Federn.
Die innere Struktur der bogomilischen Gemeinschaft zeigt eine auffällige Parallele zur späteren katharischen Ordnung. Die Quellen sprechen von einer geschichteten Organisation aus einfachen „Hörern" sowie Vollmitgliedern und schließlich geistigen Vorstehern. Der Übertritt in die Vollmitgliedschaft erfolgte durch eine geistige Aufnahmezeremonie im Anschluss an eine Zeit des Fastens und der Vorbereitung; diese Zeremonie wurde ohne Verwendung von Wasser vollzogen, durch Gebet und das Auflegen des Evangeliums auf das Haupt. Man nimmt an, dass diese Praxis der Vorläufer des Consolamentum der Katharer war. Die Bogomilen besaßen ferner, einigen Quellen zufolge, eine Anthropologie, die Vorstellungen ähnlich der Wiederverkörperung (Seelenwanderung) enthielt und das Leid betonte, das die Seele in der materiellen Welt erträgt; zur traditionsübergreifenden Erörterung des Gedankens der Seelenwanderung siehe Reinkarnationsperspektiven und im Kontext des islamischen Denkens Die Debatte um die Seelenwanderung (Tenâsüh). Die Vorstellung der Seele als eines in die Materie gefallenen göttlichen Wesens ruft auch die Begriffe pneuma und psychē des spätantiken Denkens in Erinnerung. Der Gedanke, dass die materielle Welt von der bösen Macht erschaffen wurde, hatte die Bogomilen auch zu einer zurückhaltenden Haltung gegenüber Ehe, Fortpflanzung und Besitzerwerb geführt; denn all dies galt als Bande, die die Seele noch stärker in die Falle der Materie verstricken.
Der umstrittenste Ableger des Bogomilismus auf dem Balkan ist die eigentümliche Kirche des mittelalterlichen Bosnien (Crkva bosanska). Die traditionelle Auffassung neigte dazu, diese Kirche unmittelbar als ein bogomilisches Überbleibsel anzusehen; doch ein bedeutender Teil der modernen Forscher vertritt die These, die Bosnische Kirche könne weniger dualistisch als vielmehr eine zwischen Rom und Byzanz eingeklemmte, institutionell autonome, theologisch aber weitgehend traditionelle Struktur gewesen sein. Diese Debatte ist ein gutes Beispiel dafür, wie leicht und bisweilen wie locker das Etikett „dualistische Ketzerei" im Lauf der Geschichte verwendet wurde; sie zeigt einmal mehr, weshalb die Quellenkritik unentbehrlich ist.
Im 11. und 12. Jahrhundert breitete sich der Bogomilismus in zahlreiche europäische und asiatische Provinzen des Byzantinischen Reiches aus. Selbst in der Hauptstadt Konstantinopel organisierte er sich: Die Verbrennung des bogomilischen Führers und Arztes Basileios (um 1100) unter Kaiser Alexios I. Komnenos (reg. 1081–1118) zeigt, dass die Bewegung bis dicht vor die Tore des Hofes vorgedrungen war. Anna Komnene beschreibt die Bogomilen ausführlich in ihrem Werk Alexias, in dem sie diese Begebenheit ihres Vaters schildert. Der Bogomilismus behauptete seine Stärke auf dem Balkan bis zum Untergang des Zweiten Bulgarischen Reiches gegen Ende des 14. Jahrhunderts; in Bosnien hingegen hinterließ er ein Erbe, das in Verbindung mit der eigentümlichen Kirchentradition der Region (Crkva bosanska) lange Zeit umstritten blieb.
Paulikianer, Bogomilen, Katharer: Die Übertragungskette
Das erste Glied der Linie, die die Historiker als „dualistische Kontinuität" oder „Übertragungskette" bezeichnen, sind die Paulikianer. Diese in Armenien und Ostanatolien entstandene Bewegung trug ein dualistisches und ikonoklastisches (bilderfeindliches) Erbe in sich. Dass der byzantinische Kaiser Nikephoros I. (reg. 802–811) die paulikianischen Gemeinschaften aus militärisch-strategischen Gründen in Thrakien ansiedelte, spielte eine entscheidende Rolle bei der Übertragung dieser Lehre auf den Balkan. Die paulikianischen Kolonien in Thrakien nährten in den folgenden Jahrhunderten den Boden, auf dem der Bogomilismus entstehen sollte. Die Kontinuität zwischen dem Dualismus der Paulikianer und dem der Bogomilen ist zwar quellenkritisch umstritten, doch die geographische und chronologische Nähe bietet ein starkes Indiz.
Das zweite und besser belegte Glied der Kette ist die Übertragung von den Bogomilen zu den Katharern. Als sich die bogomilische Kirche um die Mitte des 12. Jahrhunderts neu organisierte, trugen sowohl die aus dem Osten kommenden bogomilischen Missionare als auch die vom Zweiten Kreuzzug (1147–1149) heimkehrenden westlichen Reisenden dualistische Gedanken und Riten nach Westeuropa. Der konkreteste institutionelle Moment dieser Übertragung ist das Konzil von Saint-Félix von 1167. Zu dieser Zusammenkunft kam der als bogomilischer „Papst" (Bischof) bezeichnete Nicetas (Niquinta) ins Languedoc; er übertrug den katharischen Gemeinschaften die Ritusform, die bischöflichen Grenzen und das Organisationsmodell und festigte überdies den absoluten Dualismus. Mag auch die Geschichtlichkeit des Konzils und die Zuverlässigkeit seines einzigen Dokuments (der Urkunde von Saint-Félix) in den Gelehrtenkreisen umstritten sein, so wird es doch als symbolischer Meilenstein des bogomilisch-katharischen Kontakts genannt.
Ein textlicher Beleg der Übertragung ist auch das apokryphe Werk bogomilischen Ursprungs Interrogatio Iohannis („Das Verhör des Johannes" oder „Evangelium vom geheimen Abendmahl"). Dieser Text ist in Form eines Frage-und-Antwort-Gesprächs verfasst, das zwischen dem Apostel Johannes und Jesus stattgefunden haben soll; er schildert die bogomilische dualistische Kosmologie und wurde später unter die heiligen Schriften der Katharer aufgenommen. Dass auch andere apokryphe Werke wie die Ascensio Isaiae (Himmelfahrt des Jesaja) in diesen Kreisen gelesen wurden, zeigt das gemeinsame literarische Erbe zwischen östlichem und westlichem Dualismus.
Demgegenüber verhält sich die zeitgenössische Geschichtsschreibung beim Knüpfen dieser Kette maßvoll. Die Ähnlichkeiten zwischen den Lehren der Paulikianer, Bogomilen und Katharer sind zu zahlreich und zu systematisch, um Zufall sein zu können; die Übertragung von Ritus und Gedanken vom Bogomilismus zum Katharismus wird von der Mehrheit der Fachleute als „über vernünftigen Zweifel erhaben" anerkannt. Doch wird davor gewarnt, allein aufgrund der Lehrähnlichkeit eine unmittelbare, ununterbrochene und mechanische Abstammungslinie zu konstruieren. Während manche als „Revisionisten" bezeichnete Historiker die These vertreten, der Katharismus könne in weiten Teilen eine im Geist der lateinischen Kirche konstruierte Kategorie der „Ketzerei" gewesen sein, halten die „traditionalistischen" Forscher dagegen, dass die Belege, die auf die Existenz einer organisierten dualistischen Theologie hinweisen, nicht übersehen werden dürften. Diese Debatte zeigt, dass das Feld noch immer lebendig ist.
Die Katharer: Die „Guten Christen" des Languedoc
Der Name Kathar ist vom altgriechischen Wort katharoí („die Gereinigten, die Reinen") abgeleitet und war höchstwahrscheinlich eine von katholischen Theologen vergebene Fremdbezeichnung. Die Anhänger nannten sich zumeist „Gute Christen" (Bons Hommes, Bonnes Femmes) oder schlicht „Gute Menschen". Weil sich die Bewegung in und um die Stadt Albi ballte, gewann in den lateinischen Quellen auch der Name Albigenser an Verbreitung; dieser Name verallgemeinerte sich später so, dass er alle Dualisten des Languedoc umfasste. Der erste sichere Beleg des Katharismus im Westen findet sich um 1143 in Köln, in den Briefen des Chronisten Eberwin; sein eigentlicher Aufstieg im Languedoc liegt hingegen in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts war die Bewegung von einem bedeutenden Teil des örtlichen Adels und der Stadtbevölkerung angenommen worden und hatte das Alltagsleben der Region durchdrungen.
Die katharische Gesellschaft gliederte sich in geistiger Hinsicht scharf in zwei Schichten:
- Perfecti („die Vollkommenen"; in ihrer eigenen Sprache bonshommes): Die geistige Elite, das heißt diejenigen, die das Consolamentum empfangen hatten. Sie lebten in strenger Askese, Besitzlosigkeit und Wohltätigkeit; sie zogen zumeist unter Wahrung einer Trennung von Mann und Frau als apostolische Paare umher, predigten dem Volk und dienten den Kranken. Sie hielten eine strenge Enthaltung (Vegetarismus) ein, die Fleisch, Käse, Eier und Milch — als Erzeugnisse geschlechtlicher Fortpflanzung — gänzlich mied; Fisch hingegen war eine Ausnahme, da man nach der verbreiteten Annahme der Zeit glaubte, er entstehe von selbst. Sie hielten sich vom Geschlechtsverkehr, vom Meineid und von jeglichem Töten fern. Diese strenge Askese und die Haltung des Verzichts auf die Güter der Welt lässt sich mit ähnlichen Neigungen in vielen geistigen Traditionen vergleichen; für eine traditionsübergreifende Sicht hierzu siehe Askese (Zuhd) und die Güter der Welt sowie die vergleichende Untersuchung der Praxis des Fastens. Auch mit der eremitischen Askese in der Tradition der Wüstenväter des frühen Christentums lässt sich eine oberflächliche Ähnlichkeit herstellen; doch unterscheidet sich die katharische Enthaltung von ihnen grundsätzlich dadurch, dass sie die Askese an die Lehre von der Schlechtigkeit der Materie bindet. Bemerkenswerterweise konnten auch Frauen perfecta werden und geistige Autorität tragen; dies war ein deutlicher Unterschied gegenüber der lateinischen Kirche jener Zeit.
- Credentes („die Gläubigen"): Die einfachen Gläubigen, die das Consolamentum noch nicht empfangen hatten, also die breite Basis der Bewegung. Ihre Verpflichtungen waren weit leichter; sie durften heiraten, Handel treiben und ein normales weltliches Leben führen. Sie erwiesen den Perfecti Ehrerbietung (eine Begrüßungsgeste namens melioramentum), beschützten und unterstützten sie. Die endgültige Läuterung, also das Consolamentum, schoben sie zumeist bis auf das Sterbebett auf, sodass sie die schweren Reinheitspflichten der Perfecti nicht ein Leben lang zu tragen brauchten.
Consolamentum und Endura
Das einzige und zentrale Ritual des Katharismus war das Consolamentum („Tröstung", „Spendung des tröstenden Geistes"). Von diesem geistigen Ritus, der durch Handauflegung (impositio manuum) vollzogen wurde, glaubte man, dass er alle Sünden des Empfängers tilge und ihn vom Rang des credens zum Rang des perfectus erhebe. Für die Katharer, welche die Wassertaufe und die Eucharistie ablehnten, war das Consolamentum ein Übergangsritus, der die Funktionen von Taufe, Weihe, Beichte und Letzter Ölung allesamt in einer einzigen geistigen Zeremonie vereinte. Während der Zeremonie betete die Gemeinschaft, es wurde der Anfang des Johannesevangeliums gelesen, und der Anwärter erklärte, dass er die Lebensregeln der Perfecti annehme. Da die Reinheitspflichten der Perfecti überaus schwer waren und man glaubte, schon die geringste Verletzung mache den Ritus ungültig, wurde das Consolamentum zumeist im Augenblick nahe dem Tod gespendet.
Eine eng damit verbundene Praxis, die Endura, war ein Fasten, das die Person, die das Consolamentum empfangen hatte, allein von kaltem Wasser lebend bis zum Tode fortsetzte. Der Gedanke war dieser: Die durch den Ritus geläuterte Person sollte diese Welt in ihrem reinen Zustand verlassen, ohne erneut in Sünde zu fallen. Mögen auch die gegnerischen kirchlichen Quellen diese Praxis als eine Art Selbstmord hingestellt und betont haben, so lassen die vorliegenden Belege doch vermuten, dass die Endura keine verbreitete und institutionelle Verpflichtung war, sondern eher in Ausnahmefällen vorkam. In den historischen Schilderungen ist ein Anteil rhetorischer Übertreibung der gegnerischen Quellen wahrscheinlich; auch dies ist ein gutes Beispiel dafür, weshalb jede Aussage mit Quellenkritik abzuwägen ist.
Organisation, Frauen und Alltagsleben
Der Katharismus war, anders als angenommen, keine zerstreute mystische Strömung, sondern erschien als eine in Bistümer (etwa die Bistümer Albi, Toulouse, Carcassonne und Agen sowie Concorezzo, Desenzano und andere in Italien) gegliederte, hierarchisch organisierte Gegenkirche. Jedem Bischof standen Gehilfen namens „älterer Sohn" (filius maior) und „jüngerer Sohn" (filius minor) zur Seite, sodass beim Tod eines Bischofs die Nachfolge ohne Unterbrechung weiterging. Diese organisierte Struktur trägt dazu bei zu erklären, weshalb die Bewegung so widerstandsfähig war und weshalb sie erst durch das Zusammenwirken eines militärischen Feldzugs mit der Inquisition zerschlagen werden konnte.
Die Stellung der Frauen in den katharischen Gemeinschaften ist im Vergleich zur lateinischen Kirche jener Zeit bemerkenswert. Frauen konnten perfecta werden, in ihren Häusern kleine religiöse Gemeinschaften (eine Art Kloster-Haus) leiten und eine aktive Rolle in der Erziehung junger Mädchen einnehmen. Die Frauen der Adelsfamilien des Languedoc werden häufig unter den Beschützerinnen und Verbreiterinnen der Bewegung genannt. Gleichwohl ist umstritten, ob Frauen in den höchsten Stufen der Perfecti-Hierarchie (etwa dem Bischofsamt) Platz fanden; die vorhandenen Belege lassen vermuten, dass geistiges Ansehen und institutionelle Autorität nicht immer zusammenfielen.
Im Alltag wurde das Verhältnis zwischen Credentes und Perfecti durch eine Ehrerbietungsgeste namens melioramentum (oder in der Mundart der Gegend melhorier) geregelt: Begegnete der Gläubige einem Perfectus, so kniete er nieder und erbat die Segnung. Die Perfecti lebten von Handarbeit (vor allem der Weberei) und waren daher mit der lebendigen Textilwirtschaft des Languedoc eng verflochten; das Wort „Weber" (texerant) wurde mancherorts geradezu gleichbedeutend mit „Ketzer" gebraucht. Zu den von den Gemeinschaften gelesenen Texten gehörten das in ihre eigene Sprache übersetzte Neue Testament (besonders das Johannesevangelium), die Interrogatio Iohannis und in absolut-dualistischen Kreisen das Liber de duobus principiis. Dieses textliche Leben zeigt, dass die Bewegung nicht nur ein Volksaberglaube war, sondern eine Tradition mit einer intellektuellen Dimension, die auch eine schriftkundige Elite besaß.
Zwei Formen des Dualismus: Absolut und gemäßigt
Im katharischen und bogomilischen Denken ist der Dualismus nicht von einer Art; er tritt in hauptsächlich zwei Formen in Erscheinung, und diese Unterscheidung ist der Schlüssel zum Verständnis der inneren Vielfalt der Bewegungen:
- Gemäßigter (mitigierter) Dualismus: Dieser Auffassung zufolge ist das böse materielle Prinzip dem guten und geistigen Prinzip letztlich untergeordnet; es ist nicht ewig und gleichrangig. Satan (oder bei den Bogomilen zumeist „Satanael") war vor seiner Auflehnung ein Engel, ja der älteste Sohn des wahren Gottes; nach seinem Fall erschuf er die materielle Welt. So ist das Böse abgeleitet, es ist nachträglich entstanden und wird am Ende überwunden werden. Die frühe bogomilische Lehre und manche katharische Gemeinschaften in Italien (etwa die Tradition von Concorezzo) stehen dieser Linie nahe.
- Absoluter Dualismus: In dieser radikaleren Auffassung sind Gut und Böse zwei gleich mächtige, ewige und einander auf immer entgegengesetzte Prinzipien. Die zwei Götter werden wie Zwillingswesen vorgestellt, die dieselbe Macht teilen. Unter dem Einfluss des Liber de duobus principiis („Buch von den zwei Prinzipien"), eines der umfassendsten bis heute erhaltenen katharischen Texte, gewann diese Auffassung, wie man annimmt, mit der Zeit die Oberhand. In diesem Verständnis hat das geistige Reich der gute Gott, das Reich der Materie aber der böse Gott (Demiurg) erschaffen; zwischen beiden gibt es keine Versöhnung.
Dieser Gegensatz zwischen dem guten Gott und dem bösen Demiurgen/der Materie sowie die Themen des Falls der Seele in den Leib und der Erlösung, die allein durch die Läuterung von der Materie geschehen kann, machen die Bewegungen strukturell verwandt mit den spätantiken gnostischen Schulen und mit Manis Licht-Finsternis-Dualismus. Das in allen drei Traditionen gemeinsame Motiv ist, dass der geistige Funke im materiellen Kosmos gefangen ist und die Erlösung als eine „Rückkehr", ein „Aufstieg" vorgestellt wird. Gleichwohl unterscheidet sich der Katharismus dadurch, dass er innerhalb eines christlichen Rahmens bleibt, der das Neue Testament (besonders das Johannesevangelium) und die Gestalt Jesu in den Mittelpunkt stellt, vom klassischen Manichäismus und von den komplexen Äonen-Hierarchien der antiken gnostischen Systeme. Der Jesus der Katharer ist in den meisten Deutungen ein rein geistiger Erlöser ohne wirklichen Leib (doketisch); dieser Punkt unterscheidet sich scharf vom orthodoxen Verständnis der mystischen Dimension Jesu, denn das Mainstream-Christentum stellt die Menschwerdung (Inkarnation) gerade ins Herz der Erlösung. Als historische Anmerkung sei vermerkt, dass einer der berühmtesten Gegenspieler des Dualismus innerhalb des christlichen Denkens der heilige Augustinus ist: Augustinus, der in seiner Jugend eine Zeit lang Manichäer war, verfasste später die wirkmächtigsten Widerlegungen dieses Dualismus und bestimmte das Böse nicht als ein eigenständiges Prinzip, sondern als „Abwesenheit des Guten" (privatio boni).
Der Albigenserkreuzzug und das Ende der Bewegung (historisch-neutral)
Die Ausbreitung des Katharismus im Languedoc und der Schutz, den der örtliche Adel — allen voran der Graf von Toulouse — der Bewegung offen oder verdeckt gewährte, ließen die Spannung zwischen der Region und der römischen Kirche allmählich eskalieren. Die friedlichen Überzeugungsversuche des Papsttums (etwa die Missionen der Zisterzienserprediger und des jungen Dominikus) brachten nicht das erhoffte Ergebnis. Die Ermordung des päpstlichen Gesandten Pierre de Castelnau im Jahr 1208 ließ den Funken zum Feuer werden: Der Papst rief im folgenden Jahr den Albigenserkreuzzug (1209–1229) aus. Dies ist insofern in historischer Hinsicht bemerkenswert, als es einer der ersten großen Kreuzzüge ist, die im christlichen Europa gegen eine andere christliche Gemeinschaft geführt wurden.
Die militärische Führung des Feldzugs wurde weitgehend Simon de Montfort übertragen. Die Niedermetzelung des größten Teils der Stadtbevölkerung — ohne Unterscheidung zwischen Katholiken und Katharern — bei der Einnahme der Stadt Béziers im Jahr 1209 ging als einer der härtesten und meistgenannten Momente des Feldzugs in die Geschichte ein. In den folgenden Jahren fielen Carcassonne und andere befestigte Plätze; der Krieg gewann einerseits einen religiösen, andererseits einen offen politischen Charakter (die Eroberung der südlichen Gebiete durch die nördlichen Barone). Die Schlacht von Muret im Jahr 1213 brach das militärische Rückgrat des südlichen Widerstands.
Der Vertrag von Paris (Meaux) von 1229 brachte das Languedoc unmittelbar in den Einflussbereich des Königreichs Frankreich und der päpstlichen Autorität. Das Ende der regionalen Unabhängigkeit schwächte den gesellschaftlichen und politischen Boden, der den Katharismus nährte, in hohem Maße. Dennoch hielt sich der Widerstand in zerstreuten Nestern. Beim Fall der Burg Montségur im Jahr 1244 nach einer langen Belagerung wurden an die zweihundert Perfecti, die es ablehnten, durch Buße von ihrem Glauben abzulassen, gemeinsam verbrannt; diese Begebenheit wird als das symbolische Ende der katharischen Geschichte genannt. Die seit 1233 institutionalisierte Inquisition spielte sodann eine zentrale Rolle dabei, die verbliebenen Katharer systematisch zu verfolgen und zu zerschlagen; ihre Protokolle (etwa die Verhörakten) wurden paradoxerweise zu einer der reichsten Quellen unserer heutigen Kenntnis der Bewegung. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts war der organisierte Katharismus faktisch erloschen; Guillaume Bélibaste, einer der letzten bekannten Perfecti des Languedoc, wurde 1321 hingerichtet.
Dieser Abschnitt zielt darauf ab, die Begebenheiten der Zeit allein als historische Erzählung wiederzugeben; er enthält keinerlei konfessionelles, politisches oder moralisches Urteil über Vergangenheit oder Gegenwart. Das Ziel ist es, ein mittelalterliches Geschehen in seinem Zusammenhang verständlich zu machen.
Vergleichende Sicht
Die folgende Tabelle vergleicht den bogomilisch-katharischen Dualismus strukturell mit verwandten geistigen Traditionen. Der Zweck des Vergleichs ist es, die gemeinsamen Motive und die Unterscheidungspunkte sichtbar zu machen:
| Tradition | Grundprinzip | Sicht der materiellen Welt | Weg der Erlösung | Institutionelle Kirche |
|---|---|---|---|---|
| Bogomilen | Dualismus (zumeist gemäßigt) | Werk Satans/Satanaels, böse | Askese, Gebet, Fasten, Antiklerikalismus | Abgelehnt |
| Katharer | Dualismus (absolut oder gemäßigt) | Schöpfung des bösen Demiurgen | Consolamentum, Enthaltung, Askese | Abgelehnt |
| Manichäismus (manizeizm) | Licht-Finsternis-Dualismus | Vom Dunkel gefangene Lichtteilchen | Befreiung des Lichts durch Wissen und Enthaltung | Eigene Hierarchie |
| Gnostizismus (gnostisizm) | Gegensatz von Pleroma und gefallenem Reich | Mangelhafte Schöpfung des niederen Demiurgen | Gnosis (erlösendes Wissen) | Im Allgemeinen abgelehnt |
| Mandäismus (mandaizm-sabiizm) | Gegensatz von Lichtreich und Finsternis | Finstere Welt, Falle für die Seele | Taufe, Lichtwissen, Aufstieg | Eigene Priesterordnung |
| Orthodoxe christliche Mystik (hristiyan-mistisizmi) | Ein guter Gott, eine Schöpfung | Im Wesen gut, durch den Fall verdorben | Gnade, Sakramente, Theosis | Zentral |
Wie aus der Tabelle ersichtlich, ist der gemeinsame Nenner zwischen den bogomilisch-katharischen Bewegungen und dem Manichäismus sowie dem Gnostizismus die Entwertung der Materie und die Suche nach der Erlösung in der Läuterung von ihr. Alle drei Traditionen lesen den sichtbaren Kosmos als eine Art Verbannung oder Kerker. Demgegenüber hält die orthodoxe christliche Mystik die Schöpfung im Wesen für gut („und Gott sah, dass es gut war") und bestimmt die Erlösung über Gnade und Sakramente, in einer Ganzheit, die auch die Auferstehung des Leibes einschließt. Eben dieser Punkt — der ontologische Status der Materie — bildet die grundlegende theologische Unterscheidung zwischen den dualistischen Bewegungen und dem Mainstream-Christentum und ist auch die eigentliche Quelle des mittelalterlichen Konflikts.
Das manichäisch-gnostische Erbe und weitere Verbindungen
Der bogomilisch-katharische Dualismus wird von den meisten Fachleuten weniger als eine ununterbrochene institutionelle Kontinuität, sondern als das Wiederauftauchen des gedanklichen und thematischen Erbes des spätantiken Dualismus unter mittelalterlichen Bedingungen angesehen. Zwischen der Licht-Finsternis-Kosmologie des Manichäismus und den Begriffen der gnostischen Schulen vom niederen Demiurg und vom Pleroma (Reich der Fülle) und diesen mittelalterlichen Bewegungen bestehen deutliche Brücken. Besonders die Weltsicht, die die in der Bibliothek von Nag Hammadi bewahrten gnostischen Texte zutage fördern — der Gedanke, dass der materielle Kosmos von einem mangelhaften Gott erschaffen wurde, dass der Mensch in seinem Wesen einen göttlichen Funken trägt und dass die Erlösung mit dem Erwachen dieses Funkens kommt —, deckt sich auf erstaunliche Weise mit der katharischen Vorstellung. Diese Übereinstimmung lässt sich auch weniger als eine unmittelbare textliche Übertragung, sondern als ähnliche strukturelle Antworten auf ähnliche Fragen lesen.
Geht es um eine weit ältere Schicht der Zweiheit von Gut und Böse, von Licht und Finsternis, so wird häufig der kosmische Gegensatz des Zoroastrismus zwischen Ahura Mazda und Angra Mainyu genannt. Viele Forscher suchen eine der fernen Wurzeln des dualistischen Denkens in der iranischen Religion — und in deren heiligem Korpus, dem Avesta; doch ist die Beziehung, die vom Zoroastrismus zum Manichäismus und von dort zur Linie Paulikianer–Bogomilen–Katharer reicht, mittelbar, vermittelt und in hohem Maße umstritten. Daher sind die Behauptungen eines „iranischen Einflusses" mit Vorsicht zu behandeln. Auch andere Mysterientraditionen der spätantiken Welt, welche die Themen Licht, Läuterung und Aufstieg der Seele behandeln — etwa der Mithraismus und der Orphismus —, teilen dasselbe gedankliche Klima; auch dies lässt vermuten, dass sich die dualistischen Motive nicht aus einer einzigen Quelle, sondern aus einem vielfältigen antiken Erbe speisen.
Das Problem des Ursprungs des Bösen und der Materie ist nicht diesen Bewegungen eigentümlich; es ist ein gemeinsames Anliegen der geistigen Traditionen. Für einen Vergleich der Antworten, die verschiedene Religionen auf dieses Problem geben, siehe Vergleich von Übel/Bösem. Das Thema, die materielle Welt als eine Illusion oder eine gefallene Wirklichkeit anzusehen, bietet hingegen interessante Parallelen zu den Begriffen Māyā und Līlā-Māyā des indischen Denkens; freilich beruht die Illusionslehre des Advaita, anders als der katharische Dualismus, nicht auf einer letzten Zweiheit, sondern auf dem Gedanken der Verhüllung einer einzigen Wahrheit. Für eine traditionsübergreifende Sicht auf den Ursprung der Schöpfung siehe ferner Vergleich der Schöpfung.
Der Vergleich mit dem Mandäismus, einer weiteren dualistisch-gnostischen Tradition, die auf den Themen der Taufe und des Lichts (Nûr) gründet, zeigt hingegen, wie verbreitet die Motive des „erlösenden Wissens" und des „Aufstiegs ins Lichtreich" im spätantiken Vorderen Orient waren. Auch die Mandäer halten die materielle Welt für eine Falle der Seele und binden die Erlösung an rituelle Läuterung und geheimes Wissen. Der Hermetismus hingegen, der an der Kreuzung der spätantiken Weisheitstraditionen steht, unterscheidet sich, mag er auch hinsichtlich der Sicht auf die materielle Welt teilweise übereinstimmen, deutlich von diesen Bewegungen durch seine Betonung einer kosmischen Harmonie, des Prinzips „wie oben, so unten" und der inneren Verwandlung statt eines scharfen Dualismus. Der gemeinsame theologische Grund all dieser Vergleiche ist der Begriff der gnosis und die tiefgreifende Debatte über den ontologischen Wert des materiellen Kosmos.
Moderne Wahrnehmung, Debatten und Erbe
Die Katharer und Bogomilen fanden im 19. und 20. Jahrhundert erneut große Aufmerksamkeit; doch nährte sich ein Teil dieses Interesses weniger aus der historischen Wirklichkeit als aus romantischen und esoterischen Phantasien. Der Katharismus im Languedoc wurde bisweilen als ein unterdrücktes „reines Christentum" oder eine geheime Weisheitstradition idealisiert; um Montségur bildete sich eine moderne Mythologie aus Legenden, verborgenen Schätzen und geheimen Lehren. Die akademische Geschichtsschreibung begegnet diesen volkstümlichen Erzählungen weitgehend mit Vorsicht und zieht es vor, die Bewegungen in ihrem eigenen mittelalterlichen Zusammenhang zu verstehen. Ebenso ist es weniger als eine historische Kontinuität, sondern als eine nachträglich konstruierte symbolische Verwandtschaft zu bewerten, dass manche moderne esoterische Strömungen die Katharer oder Bogomilen als ihren Stammbaum für sich in Anspruch nehmen.
Die lebendigste Debatte in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung verläuft zwischen den bereits erwähnten „traditionalistischen" und „revisionistischen" Ansätzen. Die revisionistische Linie vertritt die These, dass eine einzelne, organisierte Struktur wie „die katharische Kirche" weitgehend eine gedankliche Konstruktion der lateinischen Polemiker gewesen sein könne; in Wirklichkeit aber könnten voneinander verschiedene, lokale Formen oppositioneller Frömmigkeit unter einem einzigen Etikett der „Ketzerei" zusammengefasst worden sein. Die traditionalistische Linie hingegen vertritt die These, dass Texte wie das Liber de duobus principiis und die Interrogatio Iohannis, Begebenheiten wie Saint-Félix und die übereinstimmenden Aussagen in den Inquisitionsprotokollen auf die Wirklichkeit einer organisierten dualistischen Theologie hinweisen. Die Lösung dieser Debatte hängt weitgehend von der Frage ab, welchen Quellen in welchem Maße zu trauen ist; und auch dies zeigt, weshalb das Feld noch immer ein fruchtbares Forschungsgebiet ist.
Die bleibende Bedeutung dieser Bewegungen für die Geistesgeschichte lässt sich in drei Punkten zusammenfassen. Erstens darin, dass sie zeigen, wie der spätantike gnostische und manichäische Dualismus, trotz einer institutionellen Unterbrechung, im Herzen des mittelalterlichen Europa erneut auftauchen konnte; dies zeugt von der Beharrlichkeit des dualistischen Problems (des Problems vom Ursprung des Bösen und der Materie) im menschlichen Denken. Zweitens darin, dass sie offenbaren, wie gegenüber den religiösen Mainstream-Institutionen das Suchen nach einer schlichteren, asketischeren und verinnerlichten Spiritualität in jeder Epoche von Neuem geboren werden kann. Drittens darin, dass sie ein Beispiel dafür bieten, um zu verstehen, wie sich der Begriff der „Ketzerei" und die Mechanismen ihrer Unterdrückung (Kreuzzug, Inquisition) in der europäischen Geschichte institutionalisiert haben. Aus all diesen Gründen sind die Bogomilen und Katharer für die vergleichende Spiritualitätsforschung nicht nur ein Beispiel der Abweichung, sondern auch als eine eigenständige historische Antwort auf die universellen Fragen nach dem Bösen, der Materie und der Erlösung wert, untersucht zu werden.
Eine Anmerkung zu den Quellen und zur Geschichtsschreibung
Die größte Schwierigkeit beim Schreiben der bogomilischen und katharischen Geschichte ist, wie schon betont, dass die erdrückende Mehrheit der Primärquellen aus gegnerischen Federn stammt — aus kirchlichen Widerlegungsschriften, Inquisitionsprotokollen und byzantinischer Gegenliteratur. Diese Gemeinschaften konnten den größten Teil ihrer eigenen heiligen Schriften und theologischen Werke nicht auf uns überliefern, da sie sie entweder gar nicht niederschrieben oder sie später vernichtet wurden; die wenigen Ausnahmen, die uns vorliegen (etwa die Interrogatio Iohannis und das Liber de duobus principiis), sind überaus wertvoll. Deshalb versucht die moderne Forschung, die eigene Stimme der Bewegungen durch sorgfältige Quellenkritik herauszusieben und die Schablonen und Übertreibungen der gegnerischen Rhetorik zu filtern.
Zu den wegweisenden akademischen Werken auf diesem Gebiet lassen sich rechnen: die umfassende Untersuchung Yuri Stoyanovs, der die lange Linie des Dualismus von der Antike bis zu den Katharern verfolgt; die Synthesen Malcolm Lamberts und Malcolm Barbers, die den Katharismus im Kontext des Languedoc, Italiens und Bosniens behandeln; das Quellenbuch von Janet und Bernard Hamilton, das die Primärquellen der dualistischen Ketzereien in der byzantinischen Welt zusammenstellt und übersetzt. Diese Arbeiten teilen ein gemeinsames Anliegen: die Bewegungen aus dem sensationellen Klischee der „Manichäer" oder „Teufelsanbeter" herauszuholen und in ihre eigenen historischen, gesellschaftlichen und intellektuellen Zusammenhänge einzubetten. So werden die Bogomilen und Katharer nicht nur als ein Fall der „Ketzerei", sondern als ein Teil der religiösen, gesellschaftlichen und gedanklichen Vielfalt des mittelalterlichen Europa verständlich.