Leben nach dem Tod — im Vergleich

Die Tenâsuh-Debatte (Seelenwanderung): Das Problem der Seelenwanderung im islamischen Denken

In der islamischen Geistesgeschichte wurde die Lehre vom Tenâsuh (Seelenwanderung) von der sunnitischen Theologie (Kalâm) verworfen, hat jedoch bei Philosophen wie Ibn Sînâ und Suhrawardî sowie in den drusischen, nusairischen und manchen alevitischen Lehren in verdeckten oder offenen Formen fortbestanden.

51 Verbindungen Leben nach dem Tod — im Vergleich Auf der Karte zeigen → ⌛ Sonstige

Definition und Etymologie

Tenâsuh (arabisch: تناسخ, tanāsukh) ist von der Wurzel n-s-kh (نسخ) in der Bedeutung „einander folgen, an die Stelle des anderen treten" abgeleitet. Dieselbe Wurzel wird im Koran im Sinne der Außerkraftsetzung eines Verses durch einen anderen (nâsih-mansûh) verwendet; die Metapher des Übergangs der Seele von einem Körper in einen anderen ist aus diesem Begriff des „An-die-Stelle-Tretens" hervorgegangen.

Technisch ist die Lehre vom Tenâsuh die Lehre, dass die Seele (Nafs oder Rûh) eines Individuums nach dessen Tod erneut in einem anderen Körper — Mensch, Tier, Pflanze oder Mineral — in die Welt kommt und ein Leben führt. In der islamischen Kalâm-Literatur werden in der Regel vier Unterformen unterschieden:

  1. Nasch (نسخ): Übergang der menschlichen Seele in einen neuen menschlichen Körper
  2. Mansch (مسخ): Herabstieg der menschlichen Seele in ein Tier (Bestrafung)
  3. Rasch (رسخ): Herabstieg der menschlichen Seele in eine Pflanze
  4. Fasch (فسخ): Absinken der menschlichen Seele auf die mineralische Ebene

Dieses vierstufige Schema — insbesondere in den Rasâʾil der Ihwân as-Safâ systematisiert — zeigt eine strukturelle Parallele zur aus Indien stammenden Vorstellung des Samsâra, wurde jedoch innerhalb des neuplatonischen kosmologischen Rahmens der islamischen Philosophie neu formuliert. Die sunnitischen Kalâm-Gelehrten — al-Ghazâlî, ar-Râzî, Ibn Taimiyya — verwarfen diese Lehre mit der Begründung, sie sei mit dem islamischen Glaubensbekenntnis (ʿAqîda) unvereinbar; insbesondere jedoch in den bâtinitischen und ismailitischen Auslegungen, in manchen häretischen alevitischen Zweigen, bei den Drusen und den Nusairiern hat der Glaube an den Tenâsuh fortbestanden.

Historischer/dogmatischer Hintergrund

Die Wurzeln der Tenâsuh-Debatte in der islamischen Welt reichen bis zu dem religiös-philosophischen Erbe, dem die Muslime nach den Eroberungen begegneten. Drei Hauptkanäle treten deutlich hervor:

Der pythagoreisch-platonische Kanal: Die in der hellenistischen Welt Pythagoras zugeschriebene Lehre der Metempsychose (μετεμψύχωσις) wurde in den Dialogen Phaidon und Politeia Platons philosophisch begründet. Diese Lehre sickerte über Plotin und die Neuplatoniker in die frühe islamische Philosophie ein. al-Kindî und al-Fârâbî haben dieses Erbe durch einen kritischen Filter geführt; das verlorene Traktat al-Kindîs gegen den Tenâsuh ist der Vorbote der späteren sunnitischen Widerlegung.

Der indisch-iranische Kanal: Im sasanidischen Iran gab es innerhalb des Zoroastrismus und des Manichäismus bestimmte Lehren der Seelenwanderung. Mit der Eroberung des indischen Subkontinents (insbesondere im 8.–9. Jahrhundert) gelangten die Lehren der Traditionen des Vedânta, des Buddhismus und des Dschainismus über das Samsâra zu den muslimischen Denkern. Das Werk Tahqîq mâ li-l-Hind (1030) von al-Bîrûnî bietet die systematischste Darstellung der hinduistischen Seelenwanderungslehre in der islamischen Welt.

Der lokale heterodoxe Kanal: In Mesopotamien, Syrien und im Libanon haben sabäische, mandäische und gnostische Gruppen den Glauben an die Seelenwanderung in irgendeiner Form fortgeführt. Dieser lokale Hintergrund hat insbesondere bei der Herausbildung der drusischen und nusairischen Lehren eine entscheidende Rolle gespielt.

Die erste große muslimische Debatte fand im 9. Jahrhundert unter den Kalâm-Gelehrten der Muʿtazila statt. Marginale Muʿtaziliten wie Ahmad b. Hâbit (gest. 845) und Fadl al-Hadathî vertraten die Ansicht, der Tenâsuh könne das Prinzip der göttlichen Gerechtigkeit (ʿadl) stützen; sie behaupteten, es sei theologisch kohärenter, wenn ein Mensch nicht innerhalb eines einzigen Lebens, sondern in einem Kreislauf über mehrere Leben hinweg geprüft werde. Diese Auffassung blieb innerhalb der Muʿtazila marginal, und die großen Imame der Muʿtazila — insbesondere al-Qâdî ʿAbd al-Dschabbâr — verwarfen den Tenâsuh entschieden.

Ahmad b. Hâbit und der Kreis um Ibn Hâbit

Die Verteidigung des Tenâsuh durch Ahmad b. Hâbit (gest. 845) und den in derselben Zeit lebenden Fadl al-Hadathî führte innerhalb der Muʿtazila zu einer Krise. In Kalâm-Doxographien wie dem Kitâb al-Maqâlât — insbesondere im Werk Maqâlât al-Islâmiyyîn al-Aschʿarîs (gest. 936) — werden die Ansichten dieser beiden Persönlichkeiten ausführlich dargestellt. Nach Ahmad b. Hâbit:

  1. Die Gerechtigkeit Gottes erfordert, dass jede Seele am Ende einen glücklichen oder positiven Zustand erreicht
  2. Fälle, in denen sich dieses Ende innerhalb eines einzigen Lebens nicht einstellt — etwa der Tod von Kindern oder von Geburt an Behinderte —, lassen sich ohne mehrfache Leben nicht erklären
  3. Der Mansch (Verwandlung der menschlichen Seele in ein Tier) ist als Bestrafungsmechanismus legitim; denn im Koran wird erwähnt, dass gewisse Völker in Affen oder Schweine verwandelt wurden (Bakara 65, Mâʾida 60)

Das Mansch-Argument Ahmad b. Hâbits wurde sowohl von sunnitischen als auch von schiitischen Korankommentatoren mit Mühe widerlegt. Die klassische sunnitische Auslegung (etwa der Dschâmiʿ al-Bayân at-Tabarîs) vertritt die Ansicht, diese Verse drückten metaphorisch einen sittlichen Niedergang aus und schilderten nicht wirklich eine Mensch-Tier-Verwandlung. Die Haltung in den schiitischen Auslegungen ist gespaltener, wobei in den bâtinitischen Auslegungen vertreten wird, der Mansch vollziehe sich nicht physisch, sondern geistig.

Die Ihwân as-Safâ und die philosophische Systematisierung

Die Ihwân as-Safâ (die „Lauteren Brüder", eine geheime ismailitische Intellektuellengruppe im Basra des 10. Jahrhunderts) haben in ihrem Werk der 52 Rasâʾil (Sendschreiben) die neuplatonische Seelenkosmologie mit der islamischen Bâtiniyya vereint. Ihr Zugang zur Seelenwanderung lautet:

Diese Position der Ihwân hat im späteren fatimidischen Kalifat — insbesondere unter al-Hâkim bi-Amrillâh — eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung des drusischen Ismailismus gespielt.

Die Position von Imâm al-Ghazâlî

Imâm al-Ghazâlî (gest. 1111) schrieb in seinem Werk Tahâfut al-Falâsifa (Die Inkohärenz der Philosophen, 1095) die systematischste Widerlegung gegen die maschschâʾitischen (peripatetischen) Philosophen, die versuchten, die griechische Philosophie dem islamischen Glaubensbekenntnis anzupassen. Auch wenn al-Ghazâlî die Tenâsuh-Lehre nicht ausdrücklich verurteilte — da weder Ibn Sînâ noch al-Fârâbî sie offen vertreten hatten —, so vertrat er doch die Ansicht, der Gedanke einer Wanderung der vom Körper getrennten Seele zwischen Körpern sei mit der koranischen Lehre von der Auferstehung (qiyâma) unvereinbar. Nach al-Ghazâlî:

  1. Der Tenâsuh schwächt den Glauben, dass das Leben im Jenseits eine physische Wirklichkeit sei
  2. Anstelle der sittlichen letzten Wahrheit von Paradies/Hölle verwandelt er sich in einen endlosen Kreislauf
  3. Im absoluten Wissen Gottes ist jede Seele einzig und einzigartig; dass eine Seele „erneut" in einem anderen Körper lebt, verletzt diese ontologische Einzigartigkeit

Im Abschnitt Kitâb al-Hauf wa-r-Radschâʾ der Ihyâʾ ʿUlûm ad-Dîn erörtert al-Ghazâlî den Augenblick der Trennung der Seele vom Körper im Rahmen des Barzach-Begriffs und stellt die Lehre vom Barzach (Grabesleben) als Alternative zum Tenâsuh in den Vordergrund. Dass die Seele nicht erneut in einen Körper eingeht, sondern während der Zeit zwischen Tod und Auferstehung in der Welt des Barzach — in einer Art Zwischenzustand — verharrt, ist zur sunnitischen Standardposition geworden.

Das tenâsuh-kritische Argument al-Ghazâlîs findet sich auch in al-Munqidh min ad-Dalâl (Der Erretter aus dem Irrtum, ein autobiographisches Werk) implizit. Als al-Ghazâlî seine eigene persönliche geistige Krise schildert, beobachtet er im Zuge seiner Erforschung der inneren Logik der Bâtiniyya (insbesondere der ismailitischen Bâtiniyya), dass sich der Gedanke des Tenâsuh verschränkt mit der häretischen schiitisch-gnostischen Lehre entwickelte. In seinem Werk Fadâʾih al-Bâtiniyya (Die Schändlichkeiten der Bâtiniten, um 1095) bringt al-Ghazâlî den Tenâsuh ausdrücklich mit der ismailitischen Heterodoxie in Verbindung; er positioniert ihn als eine sunnitische Verteidigungsstrategie gegen die bâtinitische Maßlosigkeit.

In den späteren Werken al-Ghazâlîs, insbesondere in Mischkât al-Anwâr (Die Nische der Lichter) und in al-Munqidh, vertritt er die Ansicht, der sufische geistige Weg deute die Reise der Seele bis zur Auferstehung sinnvoll. Diese Position al-Ghazâlîs — die Deutung des geistigen Barzach innerhalb der Sufik als vertikale Reise — wurde später im Werk al-Insân al-Kâmil von ʿAbd al-Karîm al-Dschîlî und in den Maktûbât von Schaich Ahmad al-Fârûqî as-Sirhindî (1564–1624) vertieft.

Die Position von Ibn Sînâ

Ibn Sînâ (gest. 1037) nahm in der Frage des Tenâsuh eine von al-Ghazâlî verschiedene, nuanciertere Haltung ein. Im Abschnitt Kitâb an-Nafs (Buch der Seele) seiner asch-Schifâʾ erklärt er das Verhältnis der Seele zum Körper anhand der folgenden drei Thesen:

  1. Die individuelle Seele ist einzigartig: Die Seele jedes Menschen wird zusammen mit seinem Körper erschaffen; sie ist diesem Körper eigen und kann nicht auf einen anderen Körper übertragen werden
  2. Nach dem Tod lebt die Seele im Fortbestand (baqâʾ) weiter: Stirbt der Körper, trennt sich die Seele von ihrem physischen Boden, setzt ihr Dasein aber fort
  3. Der Tenâsuh ist unmöglich: Da die individuelle Seele jedes Menschen für seinen eigenen Körper „erschaffen" wurde, ist es metaphysisch widersprüchlich, dass diese Seele in einen anderen Körper eingeht

Das Argument Ibn Sînâs stützt sich auf das aristotelische Verhältnis von Form und Materie (Hyle-Morphe): Die Seele wirkt als Form des Körpers; zwei Formen können nicht dieselbe Materie teilen, mithin kann eine Seele nicht zwei Körper gleichzeitig oder nacheinander lenken. Dieses aristotelische Argument wurde auch von Ibn Ruschd und den sunnitischen Kalâm-Gelehrten übernommen.

Doch eine interessante Nuance: In seinem Werk ar-Risâla al-Adhawiyya fî amr al-maʿâd sagt Ibn Sînâ, die leibliche Auferstehung lasse sich philosophisch nicht beweisen, sondern müsse auf dem Weg der Scharia (Offenbarung) angenommen werden. Diese Position machte al-Ghazâlî misstrauisch und führte zur Anschuldigung gegen Ibn Sînâ, er „leugne die leibliche Versammlung". Ibn Sînâ verwarf also den Tenâsuh, fand aber zugleich auch die physische Auferstehung mit bloßer Vernunft nicht beweisbar — was ihn in eine dritte Position rückt, die ihn sowohl vom traditionellen sunnitischen Kalâm als auch von den tenâsuh-anhängenden Heterodoxen trennt.

Betrachtet man Ibn Sînâs umfassenderen Kalâm-Text, so wird dieselbe Position auch in den Werken Kitâb an-Nadschât (Buch der Errettung, 1027) und Kitâb al-Ischârât wa-t-Tanbîhât (Hinweise und Mahnungen, 1030) bewahrt. Nach Ibn Sînâ ist die individuelle Bestimmtheit (taschachhus) der Seele nur im Verhältnis zu einem individuellen Körper möglich; stirbt der Körper, verliert die Seele diese Bestimmtheit nicht, kann aber für einen neuen Körper keine „erneute Individualität" erlangen. Dieses Argument findet auch in der modernen thomistisch-christlichen Philosophie Widerhall (in Étienne Gilsons Auslegung Aquins).

Eine weitere wichtige Nuance: Ibn Sînâs Lehre vom maʿâd (Rückkehr) ist zweischichtig — maʿâd-i rûhânî (geistige Rückkehr) und maʿâd-i dschismânî (leibliche Rückkehr). Ibn Sînâ beweist die erste Kategorie (den geistigen maʿâd) philosophisch; die zweite Kategorie (den leiblichen maʿâd) erkennt er nur als Bereich des offenbarten Wissens an. Diese zweischichtige Position versuchte später Mullâ Sadrâ mit der Lehre von der substantiellen Bewegung (haraka dschauhariyya) zu überwinden. Nach Mullâ Sadrâ stehen Seele und Körper nicht auf ontologisch verschiedenen Ebenen, sondern auf verschiedenen Dichtegraden derselben Seinskette; deshalb lässt sich auch der leibliche maʿâd philosophisch beweisen.

Ibn Ruschd (Averroës, 1126–1198), der Ibn Sînâs tenâsuh-kritische Position übernimmt — sich aber gegen dessen gesamtes System wendet —, präzisiert in seinem Werk Tahâfut at-Tahâfut (Die Inkohärenz der Inkohärenz, um 1180), während er auf al-Ghazâlîs philosophiekritische Einwände antwortet, das aristotelische Argument in der Tenâsuh-Frage noch weiter: „Da die Seele schlicht die Form des Körpers ist, gibt es ohne Körper keine Seele; eine Form kann nicht zwei Körper lenken."

Die Position Suhrawardîs

Schihâb ad-Dîn Suhrawardî (gest. 1191) entwickelt in seinem Werk Hikmat al-Ischrâq (Die Weisheit der Erleuchtung, 1186) eine eigenständige Antwort auf das Problem des Tenâsuh, indem er das neuplatonische und das zoroastrische Erbe im islamischen Rahmen synthetisiert. Nach Suhrawardî:

Suhrawardî billigt den Tenâsuh nicht ausdrücklich; doch in manchen seiner symbolischen Erzählungen (Risâlat at-Tair, das Sendschreiben über den Vogel) tritt das Motiv der Wanderung und Rückkehr der Seele deutlich hervor. Henry Corbin betont in seiner Auslegung Suhrawardîs, dessen Position bringe eine „vertikale" (auf- und absteigende) Wanderung zum Ausdruck, nicht den „horizontalen" (zwischen den Körpern verlaufenden) Tenâsuh. Die „Reise" der Seele verläuft also in dieser Welt nicht von einem Körper zu einem anderen, sondern zu höheren geistigen Stufen hin.

Als der junge Mullâ Sadrâ (gest. 1640) die auf Suhrawardîs Ischrâq-Tradition aufbauende Lehre von der substantiellen Bewegung (substantial motion) entwickelte, erklärte er den Stufenaufstieg der individuellen Seele nach dem Tod mit dem Begriff tadschaddud-i amthâl (Erneuerung gleichartiger Exemplare). Auch dies lässt sich als eine Art „Aufstiegs-Tenâsuh" lesen; im technischen Sinne unterscheidet es sich jedoch vom klassischen hinduistischen Samsâra.

In Suhrawardîs späten mystischen Werken Hayâkil an-Nûr (Die Tempel des Lichts) und al-Alwâh al-ʿImâdiyya (Die ʿimâdischen Tafeln) wird die transzendente Ab- und Aufstiegsreise der Seele als Synthese der neuplatonischen Kosmologie mit der zoroastrischen Lehre vom Fravaschi (Vorseele) dargestellt. Demnach besitzt jede Seele ein vor ihrer Verkörperung vorhandenes „ursprüngliches Antlitz" (sûra asliyya); die Rückkehr zu diesem ursprünglichen Antlitz vollzieht sich nicht von Körper zu Körper, sondern durch den Übergang von Stufe zu Stufe.

Suhrawardî hat als eines der glänzendsten Beispiele der islamisch-iranischen philosophischen Synthese — indem er sich weder vom orthodoxen islamischen Diskurs entfernte noch eine dem Tenâsuh nahe Kosmologie vorlegte — die Herausbildung der späteren Ischrâqî-Philosophie ermöglicht. Die Ischrâq-Philosophie wurde später im safawidischen Iran (Mîr Dâmâd, Mullâ Sadrâ) und schließlich im modernen iranischen Denken (Tabâtabâî, Sayyid Hossein Nasr) fortgeführt. Innerhalb dieser Kette hat sich, auch wenn der Gedanke des Tenâsuh ausdrücklich verworfen wird, ein reiches Vokabular für die transzendente Reise der Seele entwickelt.

Diese Position Suhrawardîs wurde in Henry Corbins Werk En Islam iranien: Aspects spirituels et philosophiques (4 Bände, 1971–1972) eingehend untersucht. Nach Corbin gibt es in Suhrawardîs Kosmologie keinen Raum für einen „horizontalen" Tenâsuh; doch die Reise der Seele in der ʿâlam al-mithâl zeigt eine strukturelle Parallele zu den vielschichtigen Seinswelten des klassischen hinduistischen Samsâra. Dies ist weniger als ein unmittelbares historisches Einflussverhältnis denn als eine strukturell-typologische Parallele zu deuten.

Der Tenâsuh in den drusischen, nusairischen und alevitischen Lehren

In der islamischen Welt sind die Gemeinschaften, in denen der Tenâsuh am offensten am Leben erhalten wurde, die aus den bâtinitischen Traditionen hervorgegangenen heterodoxen Gruppen:

Das Drusentum

Die Drusen (Libanon, Syrien, Israel) entstanden im 11. Jahrhundert als ein um al-Hâkim bi-Amrillâh gebildeter ismailitischer Zweig. In der drusischen Lehre ist der Begriff des Taqammus (Hemdwechsel — im Sinne des Tenâsuh) zentral:

Es gibt zahllose Erzählungen darüber, dass sich drusische Kinder an ihre „früheren Leben" erinnern; in den vergleichenden Reinkarnationsforschungen von Ian Stevenson von der University of Virginia nehmen diese Fälle breiten Raum ein.

Das Nusairiertum (Alawiten)

Die Nusairier (die heutigen Alawiten, Syrien) bildeten sich im 9. Jahrhundert um die Lehre des Ibn Nusair und wurden im 11. Jahrhundert von al-Hasîbî systematisiert. Ihr Verständnis des Tenâsuh unterscheidet sich von dem der Drusen:

Wie Yaron Friedman in seinem Werk Religions of the Crescent and the Cross (2010) gezeigt hat, steht das nusairische Tenâsuh-Verständnis weniger der indischen Kosmologie als vielmehr gnostisch-hellenistischen Ursprüngen nahe; in den nusairischen bâtinitischen Auslegungen ist das Ereignis der Auferstehung kein historisches Endereignis, sondern das Gelangen der individuellen Seele zum Licht.

Das „Gestaltwandeln" in manchen alevitischen Lehren

Auch wenn der Tenâsuh im anatolischen Alevitentum keine systematische Lehre ist, findet sich im Volksglauben der Begriff des Gestaltwandelns (don degistirme). Insbesondere in der bektaschitischen Folklore und in manchen Nefes-Liedern Pir Sultans ist das Motiv weit verbreitet, dass ein Heiliger nach seinem Tod in einem anderen Körper — als Vogel, Hirsch, Widder, Wolf usw. — wieder erscheint.

Beispiel: In den Legenden um Hadschi Bektasch Velî wird erzählt, der Hünkâr sei in der Gestalt einer Taube nach Sulucakarahöyük gekommen. Spiegeln diese Erzählungen bloße Symbolik wider oder einen wirklichen Glauben an die Seelenwanderung? Die Arbeiten von Irène Mélikoff und Ahmet Yashar Ocak zeigen, dass die alevitisch-bektaschitischen Tenâsuh-Reste aus dem türkisch-mongolischen schamanischen Erbe (in dem es innerhalb des Schamanismus den Glauben an Seelenwanderung und Tier-Totem gibt) und aus indisch-iranischen bâtinitischen Einflüssen stammen. Die großen alevitisch-bektaschitischen Denker, die auf sunnitischer Position stehen — etwa Hadschi Bektasch Velî selbst —, legen keine offene Tenâsuh-Lehre vor; im Volksbrauch aber hat dieser Glaube fortbestanden.

Ferner ist in der anatolischen alevitisch-bektaschitischen Tradition auch der Einfluss des Hurûfismus bedeutsam. Die von Fadlullâh Astarâbâdî (1340–1394) gegründete hurûfitische Bewegung war ein ismailitisch-bâtinitischer Zweig, der die geistigen Bedeutungen der Buchstaben und Zahlen in den Vordergrund rückte, und hat über Nesîmî und Refîʿî auf das anatolische Alevitentum-Bektaschitentum eingewirkt. Bei den Hurûfiten zeigt die Behauptung, Fadlullâh selbst sei die wiederverkörperte Gestalt eines Heiligen aus den früheren Propheten (insbesondere ʿAlîs), das Vorhandensein eines offenen tenâsuh-ähnlichen Glaubens. Schah Ismâʿîl (der Schah, der die safawidische Dynastie begründete, 1487–1524) hat wiederum in seinen Gedichten mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass er das geistige Erbe ʿAlîs trage; in manchen Gedichten, die Schah Ismâʿîl unter dem Pseudonym Chatâʾî verfasste, finden sich ebenfalls tenâsuh-ähnliche Motive.

In den bektaschitisch-alevitischen Ritualen drückt der Begriff des Post (das Sitzen auf dem Schaffell) eine symbolische Kontinuität aus: Wenn ein Dede oder Baba sich auf sein Schaffell setzt, trägt er das geistige Erbe der vor ihm sitzenden Vorgänger. Ob diese Kontinuität bloß symbolisch ist oder eine metaphysische Seelenübertragung enthält — die Antwort auf diese Frage wechselt je nach der theologischen Position jeder Gemeinschaft. Bedrî Noyan, Bedreddin Scharki und andere alevitisch-bektaschitische Theoretiker neigen dazu, diese Frage eher in einem symbolisch-pädagogischen Rahmen zu deuten; im Volk hingegen sind eher literarisch-mystische Auslegungen verbreitet.

In der heilkundlich-ocakgebundenen Tradition ist die Anbindung der Gründung mancher Ocaks an bestimmte Heilige und der Glaube, diese Heiligen „lebten noch in denen, die durch das Ocak gehen", eine mittelbare Erscheinungsform des Volks-Tenâsuh. Die in der anatolischen Volks-spiritualität verbreiteten Motive der „Verwandlung des Heiligen in ein Tier" (in Gestalt eines Hirsches, Wolfes, einer Taube, eines Widders zu erscheinen) zeigen wiederum eine strukturelle Ähnlichkeit sowohl mit dem schamanischen Erbe als auch mit den indisch-iranischen Avatâra-Vorstellungen.

Vergleichende Perspektive

Das hinduistische Samsâra

Das Samsâra (संसार) — der gemeinsame Begriff der hinduistischen, buddhistischen und dschainistischen Traditionen — unterscheidet sich als Kreislauf der fortwährenden Wiedergeburt in mehrfacher Hinsicht vom Tenâsuh:

Dimension Tenâsuh (islamisch-bâtinitisch) Samsâra (hinduistisch)
Reichweite meist nur Mensch Mensch + Tier + Gott + Höllenwesen
Ergebnis endgültiges Ergebnis bei der Auferstehung Ende für immer durch Mokscha (Erlösung)
Mechanismus göttliches Urteil Gesetz des Karma — Frucht des persönlichen Handelns
Dauer begrenzt (bis zur Auferstehung) im Prinzip unendlich

Aus der Perspektive des Advaita-Vedânta — in der Auslegung Schankaras — dauert das Samsâra nur durch avidyā (Unwissenheit) fort; in Wirklichkeit ist der Âtman niemals in einen Körper eingegangen, es scheint nur so. Diese nichtdualistische Perspektive ist dem islamisch-bâtinitischen Tenâsuh unbekannt; die islamischen Bâtiniten vertreten die Ansicht, die Seele gehe wirklich von Körper zu Körper über.

Die Epoche des unmittelbarsten Kontakts der hinduistischen Samsâra-Lehre mit der islamischen Welt war die Zeit des Mogulreichs (16.–19. Jahrhundert) und insbesondere die Zeit des Prinzen Dârâ Schikûh (1615–1659). Dârâ Schikûh schlug in seinem Werk Madschmaʿ al-Bahrain (Die Vereinigung der beiden Meere, 1655) eine Brücke zwischen den Grundbegriffen des Vedânta und der islamischen Tasawwuf; er versuchte, die Lehren von Samsâra und Mokscha mit islamisch-bâtinitischer Terminologie auszudrücken. Sein Werk Sirr-i Akbar (Das große Geheimnis) wiederum übersetzte 50 Upanischaden ins Persische; diese Übersetzung wurde später von Anquetil-Duperron ins Lateinische übertragen und gelangte über Schopenhauer in den Westen.

Dârâ Schikûh deutet in der Tenâsuh-Frage an, dass die hinduistische Samsâra-Lehre mit der islamischen Barzach-Lehre versöhnt werden könne. Doch diese Synthese fand durch die Hinrichtung Dârâ Schikûhs durch seinen Bruder Aurangzeb (1659) in der Mogulpolitik keinen Platz. Heute werden Dârâ Schikûhs Arbeiten als eine wichtige Quelle des vergleichenden geistigen Denkens wieder aufgegriffen.

Moderne hinduistische Interpreten — Swami Vivekananda, Aurobindo, Schrî Ramana Maharschi — wurden, während sie die philosophischen Grundlagen der Samsâra-Lehre der intellektuellen Welt des Westens bekannt machten, der strukturellen Ähnlichkeiten mit dem islamisch-bâtinitischen Tenâsuh gewahr. Die Reden, die Vivekananda 1893 beim Weltparlament der Religionen in Chicago hielt, schufen, während sie die hinduistische Samsâra-Lehre als eine universelle geistige Wahrheit darstellten, durch Beispiele auch aus der islamischen Tradition einen perennialen Rahmen.

Der jüdische Gilgul

Der Gilgul (גלגול, „Wälzung") — eine zentrale Lehre in der Tradition der Kabbala, insbesondere in der lurianischen Kabbala — zeigt eine strukturelle Parallele zum Tenâsuh (siehe die Notiz gilgul-kabala). Wichtige Gemeinsamkeiten:

Unterschied: Der Gilgul ist mit dem jüdischen messianischen Kontext verschränkt (vor der Ankunft des Messias muss jede Seele zur Vollkommenheit gelangen); im islamisch-bâtinitischen Tenâsuh gibt es keine solche messianische Bedingung.

Der christliche Origenismus

Origenes (gest. 254) und die ihm folgenden Origenisten vertraten die Präexistenz der Seelen (das Vor-Dasein) und eine Art Seelenwanderung (siehe die Notiz origenism-apokatastasis). Die auf dem Konzil von 553 verurteilte origenistische Lehre stand mit der islamischen Welt nicht in einem nachweisbaren theoretischen Dialog; doch die syrisch-ägyptische Region, in der sich im Islam der ismailitische Bâtinismus entwickelte, ist ein Gebiet, in dem einst auch das origenistische Christentum stark war.

Die pythagoreisch-platonische Metempsychose

In Platons Phaidon schildert Sokrates auf der Schwelle zum Tod die Unsterblichkeit der Seele und ihre Wanderung zwischen den Körpern. Bei Plotin wird diese Lehre systematisiert: Die aus dem Einen (tò Hen) hervorgehende Seele tritt durch eine Art Fall in die Körper ein; zum erneuten Aufstieg kann sie nacheinander die Körper wechseln. Die islamischen Philosophen — insbesondere die Ihwân as-Safâ — haben dieses neuplatonische Schema sorgfältig gedeutet.

Genauer gesagt hat in Platons Dialog Phaidros die Schilderung des Lebens der Seele vor dem Körper und ihres Verhältnisses zum Körper — die Metapher vom „Wagen der Seele" (psychēs harma) — die spätere neuplatonische Tradition geprägt. In Plotins Enneaden (insbesondere in der IV. Enneade) wird die Abstiegsreise der Seele aus dem Einen ausführlich geschildert; das Werk Stoicheiōsis Theologikē (Theologische Grundlegung) des Proklos systematisiert diese Kosmologie in 211 Lehrsätzen. Über die ins Arabische übersetzte Theologia Aristotelis (ein pseudo-aristotelisches Werk — in Wahrheit eine Zusammenfassung von Plotins Enneaden) gelangten diese Gedanken zu den islamischen Philosophen.

Ibn Sînâ und Suhrawardî haben dieses neuplatonische Erbe sehr sorgfältig aufgenommen: Während sie den Begriff des Abstiegs aus dem Einen annahmen, verwarfen sie den Gedanken der Wanderung zwischen den Körpern. Dies war keine rein philosophische Entscheidung, sondern zugleich eine strategische Notwendigkeit, um mit der islamischen Kalâm-Orthodoxie im Einklang zu bleiben.

Buddhistische Reinkarnation und Anatta

Die buddhistische Lehre vom Punarbhava (Wiedergeburt) trennt sich an einem wichtigen Punkt vom Tenâsuh: Die buddhistische Lehre vom Anatta (Pâli: anattā; Sanskrit: anātman) verwirft den Gedanken eines beständigen und wesenhaften Selbst (Âtman). Der wiedergeborene Mensch ist nicht das „selbe" Selbst des früheren Menschen; vielmehr ist es die Neubildung eines Persönlichkeitsbündels (Skandha) nach dem Gesetz des pratītya-samutpāda (bedingtes Entstehen).

Diese Position unterscheidet sich technisch von der klassischen Tenâsuh-Darstellung. Beim Tenâsuh legt dieselbe individuelle Seele der Reihe nach verschiedene Körper an; bei der buddhistischen Wiedergeburt gibt es keine beständige Substanz, sondern eine kausale Kontinuität. Dieser Unterschied ist ein wichtiger Punkt, den perennialistische Denker wie Schuon hervorheben.

Dschainistisches Karma und Seelenmaterie

Im Dschainismus wird das Verhältnis von Dschîva (Seele) und Karman (Karma-Materie) in einem sowohl vom hinduistischen als auch vom islamischen Tenâsuh verschiedenen Rahmen dargestellt. Im Dschainismus haftet das Karma als eine konkrete Mikro-Materie an der Seele; diese materielle Last, die anzeigt, wie sehr die Seele jeden Körper gereinigt hat, ist der Mechanismus der fortwährenden Wiedergeburt. Mokscha bedeutet die Abscheidung aller Karma-Materie von der Seele. Dieses Verständnis eines materialisierten Karma findet sich im hinduistischen Vedânta nicht.

Ein bemerkenswertes Merkmal des dschainistischen Tenâsuh-Verständnisses: Die Seele ist für jedes Individuum anfangslos und ewig; ihre Zahl ist begrenzt (die Lehre von der begrenzten Seelenzahl). Dies bildete später die Grundlage für die zahlenbezogene Paradox-Kritik der muslimischen Denker.

Moderne Reflexionen

Im 20. Jahrhundert ist die Tenâsuh-Debatte in der islamischen Welt in drei verschiedenen Kontexten neu aufgelebt:

Akademische vergleichende Religionswissenschaft

Henry Corbin (1903–1978) hat die islamische Philosophie aus einer vergleichenden Perspektive mit der jüdischen Kabbala und dem christlichen Mystizismus gelesen; insbesondere hat er den Seelenbegriff Suhrawardîs und Mullâ Sadrâs mit dem lurianischen Gilgul verglichen. Corbins Werk Spiritual Body and Celestial Earth (1960) betont, dass der Begriff der ʿâlam al-mithâl in der islamischen Bâtiniyya die Tenâsuh-Debatte nicht horizontal, sondern vertikal liest.

Zeitgenössische Reinkarnationsforschung

Ian Stevenson (1918–2007) von der University of Virginia und sein Nachfolger Jim Tucker haben Tausende von Kinder-Reinkarnationsfällen aus den Reihen der Drusen, aus dem Libanon und aus der Türkei dokumentiert. In seinem Werk Reincarnation and Biology (1997) versucht Stevenson, die Korrelation zwischen physischen Muttermalen und den Wunden eines früheren Lebens nachzuweisen. Diese Forschungen wurden von sunnitischen religiösen Kreisen in der Regel verworfen, von den Gemeinschaften aber, die den Tenâsuh-Glauben fortführen, als Stütze angenommen.

Moderne sufische Auslegungen

Frithjof Schuon, René Guénon und die Vertreter der perennialen Tradition finden zwischen dem hinduistischen Samsâra und dem islamisch-bâtinitischen Tenâsuh tiefe strukturelle Parallelen; sie betonen jedoch zugleich, dass das Seelen- und Auferstehungsverständnis jeder Tradition innerhalb ihres eigenen metaphysischen Rahmens gedeutet werden müsse. Nach Schuon ist die Seelenwanderung des hinduistischen Samsâra eigentlich nicht die Wanderung der „individuellen Seele" (Dschîva), sondern der „Persönlichkeitsbündel"; dies unterscheidet sich technisch von der klassischen Tenâsuh-Darstellung.

Tenâsuh-Debatten im zeitgenössischen türkisch-islamischen Denken

In der Türkei der republikanischen Zeit ist das Tenâsuh-Thema erneut auf die Tagesordnung gekommen. Cemil Meriç (1916–1987) hat in seinen Schriften über die östliche Mystik die indischen, chinesischen und islamischen Tenâsuh-Fragen mit vergleichendem Blick behandelt. In seinem Werk Bu Ülke lenkt Meriç die Aufmerksamkeit auf die Entfremdung des türkischen Geisteslebens von der östlichen Mystik; Bir Dünyanin Eschiginde wiederum konzentriert sich darauf, das klassische indische Denken vorzustellen.

Hayri Kirbashoghlu, Mehmet Said Hatiboghlu und andere moderne Vertreter des sunnitischen Kalâm haben in der Tenâsuh-Frage die klassische sunnitische Position fortgeführt. Doch Philosophiehistoriker wie Ilhan Kutluer und Ihsan Fazlioghlu haben sich daran gemacht, die nuancierten Haltungen Ibn Sînâs und Suhrawardîs in der Tenâsuh-Frage neu zu erklären.

In der modernen türkisch-alevitischen Theologie wiederum (bei Autoren wie Hüseyin Bal, Süleyman Uludag, Yaschar Nuri Öztürk) wird die Tenâsuh-Frage anders gedeutet. Yaschar Nuri Öztürk versucht in seinem Werk Tasavvufun Ruhu ve Tarîkatlar, die klassische sunnitische Position mit dem alevitisch-bektaschitischen mystischen Erbe zu versöhnen; er betont, die wahre Bedeutung des Tenâsuh sei nicht das „Gestaltwandeln", sondern der Übergang der Seele zwischen geistigen Stufen.

New-Age-Deutungen des Tenâsuh

In der modernen New-Age-Bewegung (insbesondere in den USA und in Europa) hat die östliche Reinkarnationslehre eine große Popularität erlangt. Brian Weiss' Werk Many Lives, Many Masters (1988) und seine Praxis der „Rückführungstherapie in frühere Leben" haben Millionen von Lesern erreicht. In diesen Deutungen wird, ohne auf die technischen Einzelheiten des klassischen hinduistischen Samsâra oder des islamisch-bâtinitischen Tenâsuh einzugehen, die Reise der Seele zwischen den Körpern als eine allgemein-geistige Wahrheit dargestellt.

Verbreitete Motive in den New-Age-Deutungen:

Manche dieser Motive (insbesondere das erste und das zweite) decken sich mit der hinduistischen Samsâra-Lehre und der jüdischen Gilgul-Lehre; die hypnotische Regression jedoch — als psychotherapeutische Technik — findet sich in den traditionellen mystischen Lehren nicht; sie ist eine moderne Erfindung.

Kritik und Diskussionen

Die sunnitischen Standardargumente des Kalâm gegen den Tenâsuh:

  1. Die koranische Auferstehungslehre: Der Koran lehrt ausdrücklich, dass die Toten mitsamt ihren Körpern wieder auferweckt werden (Yâsîn 78–79, Bakara 259 usw.). Der Tenâsuh macht diese leibliche Auferstehung sinnlos.

  2. Das Erinnerungsparadox: Wenn die Seele wiedergeboren ist, warum erinnern sich die meisten Menschen dann nicht an ihre früheren Leben? Stevensons Fälle bieten zwar eine teilweise Antwort auf dieses Paradox, doch ein systematischer Erinnerungsmechanismus fehlt.

  3. Das Zahlenparadox: Die Weltbevölkerung wächst beständig. Wenn der Tenâsuh die Wiedergeburt einer begrenzten Zahl von Seelen ist, wird die Erklärung des Bevölkerungswachstums schwierig. Die hinduistische Antwort (Übergang aus Götter-/Tier-/Höllenkörpern in menschliche Körper) gilt für den islamisch-bâtinitischen Tenâsuh (nur Übergang zwischen Menschen) nicht.

  4. Das Paradox der sittlichen Verantwortung: Der Tenâsuh kann die sittliche Urheberschaft schwächen, indem er die Verantwortung des Individuums auf frühere Leben verschiebt. Diese Kritik liegt im Herzen der klassischen muʿtazilitischen Widerlegung.

Die Gegenargumente der Befürworter wiederum:

  1. Göttliche Gerechtigkeit: Das Argument, dass sich in einem einzigen Leben nicht alle sittlichen Prüfungen endgültig lösen lassen und dass mehrere Leben die Gerechtigkeit vervollständigen (in der drusischen Theologie deutlich)

  2. Mystische Erfahrung: Die manchen sufischen Heiligen zugeschriebenen „Erinnerungen an frühere Leben" — etwa gewisse Passagen, die in Ibn Arabîs Futûhât erwähnt werden

  3. Das vergleichende Argument: Dass sich der Glaube an die Seelenwanderung in derart vielen verschiedenen Zivilisationen findet (hinduistisch, griechisch, islamisch-bâtinitisch, jüdisch-kabbalistisch, christlich-origenistisch), kann auf eine universelle Wahrheit hinweisen (das perenniale Argument)

Philosophisch-phänomenologische Kritik

In der modernen Philosophie wird die Tenâsuh-Frage nicht nur als theologisches, sondern als philosophisch-phänomenologisches Problem behandelt. Derek Parfit verwendet in seinem Werk Reasons and Persons (1984), während er die Theorien der personalen Identität untersucht, tenâsuh-ähnliche Szenarien („Teletransportation", „Gehirnteilung") als philosophische Gedankenexperimente. Parfits Schlussfolgerung ist, dass die „personale Identität" nichts Beständiges und Wesenhaftes ist und dass der Tenâsuh oder die Wiedergeburt nicht bedeutet, dass „dieselbe Person" erneut lebt. Diese philosophische Position steht der buddhistischen Anatta-Lehre nahe.

In phänomenologischer Perspektive zeigen die Analysen der personalen Identität von Edmund Husserl und Paul Ricoeur, dass das individuelle Selbst auf einer „narrativen Kontinuität" beruht, nicht auf einer physischen oder metaphysischen Substanz. Aus diesem Rahmen betrachtet, wird der Tenâsuh-Glaube im Sinne der Bewahrung eines individuellen Selbst philosophisch unhaltbar; im Sinne einer „geistigen Inspiration" oder eines „Charaktererbes" aber lässt er sich metaphorisch deuten.

Wissenschaftlich-empirische Kritik

Stevensons Reinkarnationsforschungen wurden in der modernen Wissenschaftsgemeinde in der Regel nicht ernst genommen. Kritiker (insbesondere Paul Edwards' Werk Reincarnation: A Critical Examination, 1996) weisen auf Stevensons methodologische Probleme hin: Die meisten Fälle beruhen darauf, dass die Familien der Kinder deren Erzählungen über frühere Leben bestätigen; der Mechanismus objektiver Bestätigung ist schwach; das Problem des Bestätigungsfehlers (confirmation bias) ist groß.

In neurowissenschaftlicher Perspektive macht der Umstand, dass das Bewusstsein eine so enge Korrelation mit der Hirnaktivität zeigt (moderne fMRT- und EEG-Forschungen), das Fortbestehen des Bewusstseins als einer dem Gehirn transzendenten Substanz zweifelhaft — wenn das Bewusstsein im Gehirn zustande kommt, durch welchen Mechanismus nimmt es nach dem Tod des Gehirns erneut in einem Körper Gestalt an? Gegen diese Kritik bringen die Befürworter des Tenâsuh (insbesondere perennialistische Denker) Argumente über immaterielle Quellen des Bewusstseins vor; doch die wissenschaftlich-empirische Grundlage dieser Argumente ist schwach.

Praktische Implikationen

Die Tenâsuh-Debatte ist keine rein theoretische Angelegenheit, sondern eine lebendige geistige Praxisfrage:

Die Tenâsuh-Frage ist letztlich die Frage danach, was die Seele ist. Ist die Seele eine Form des Körpers oder eine vom Körper getrennte Substanz? Bleibt nach dem Tod das Selbst erhalten, oder lebt nur eine Spur der Persönlichkeit fort? Diese Fragen verschränken sich mit Begriffen wie Rûh, Nafs, Fanâʾ, Baqâʾ und gewinnen zusammen mit den Lehren vom Jenseits und vom Barzach an Bedeutung.

Diese Debatte der islamischen Geistesgeschichte lebt auch heute: Während der moderne sunnitische Mainstream den Tenâsuh verwirft, führen kleine, historisch aber tief verwurzelte Gemeinschaften (Drusen, Nusairier, manche alevitischen Traditionen) diesen Glauben fort; die akademische vergleichende Religionswissenschaft wiederum versucht, beide Positionen innerhalb einer weiteren geistigen Kosmologie zu verstehen.

Ein praktischer Schluss: geistige Vorbereitung

In der traditionellen islamischen Praxis umfasst die geistige Vorbereitung auf den Tod folgende Elemente:

  1. Aufrichtige Reue (tauba nasûh): vor dem Sterben von allen Sünden ablassen
  2. Schuldenbegleichung: keine unbeglichene Schuld hinterlassen
  3. Abfassung eines Testaments: sowohl ein physisches als auch ein geistiges Testament
  4. Der letzte Atemzug mit dem Glaubensbekenntnis: mit „Lâ ilâha illâ-llâh" vom Körper scheiden
  5. Rezitation der Sure Yâsîn (durch die Angehörigen)
  6. Talqîn am Grab: das nach der Bestattung rezitierte Gebet
  7. Rezitationen am dritten, siebten, vierzigsten, fünfzigsten und zweiten Tag: Begleitung der Barzach-Reise

Dieses praktische Schema setzt die sunnitische Kosmologie voraus, nach der die geistige Reise der Seele „eine einzige" ist und diese Reise bis zur Auferstehung im Barzach andauert. Würde der Tenâsuh angenommen, so änderte sich die Bedeutung dieser Praktiken von Grund auf: Würde diese Vorbereitung für jede Seele mehrfach wiederholt? Wäre für einen wiedergeborenen Menschen die Sterbevorbereitung seiner früheren Leben von Bedeutung?

In den drusischen Praktiken unterscheiden sich die Totenwaschung und die Bestattungsvorgänge von den sunnitischen Praktiken; insbesondere bestatten die Drusen ihre Toten rasch, da der Glaube besteht, der Übergang der Seele in einen neuen Körper geschehe augenblicklich. Die drusischen Gemeinschaften stellen, wenn ein Kind geboren wird, Vermutungen darüber an, „welche frühere Seele" wiedergekommen sein könnte, und suchen bisweilen nach Anzeichen der Erinnerung an eine frühere Identität. Diese Praxis strukturiert die geistige Kosmologie der drusischen Gemeinschaft unmittelbar im Rahmen des Tenâsuh-Glaubens.

Vergleichende geistige Vorbereitung

Jede dieser Praktiken steht im Einklang mit der ihr zugrunde liegenden postmortalen Kosmologie. In den Gemeinschaften, die den Tenâsuh-Glauben tragen (Drusen, Nusairier, manche Aleviten), haben diese Praktiken eine andere Betonung; in den sunnitischen, christlichen und jüdischen Mainstream-Praktiken hingegen gibt es keine Tenâsuh-Annahme.

Diese Unterschiede zeigen, dass die Tenâsuh-Debatte keine rein theoretische Kalâm-Angelegenheit ist, sondern eine grundlegende kosmologische Entscheidung, die die alltägliche religiöse Praxis lebendiger Gemeinschaften formt. Die moderne vergleichende Religionswissenschaft muss, ohne diese praktischen Unterschiede gering zu schätzen, jede einzelne Tradition in ihrer eigenen inneren Kohärenz zu verstehen suchen.