Glossar & Vergleich

Die Schöpfung im Vergleich: Hervortreten aus dem Wahren, Atem Brahmâs, Logos, das Eine des Tao

Ein metaphysischer Vergleich kosmogonischer Mythen: das sufische tecellî / Hervortreten aus dem Wahren (Hak), das Ein- und Ausatmen Brahmâs im Hinduismus, die christliche Logos-Lehre, das taoistische Schema „Eines gebar Zwei" und, als Brücke, die kabbalistische Lehre vom Ein Sof → Sefirot.

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Einleitung: Die gemeinsame Struktur der kosmogonischen Frage

Eine der tiefsten Fragen des menschlichen Geistes, die sich vom ältesten mythischen Text bis zum jüngsten mystischen Gedichtfragment fortsetzt, lautet: Wie geht man vom Nichts zum Sein über, oder vom Einen zum Vielen? Diese Frage ist weder rein-philosophisch, noch rein-wissenschaftlich, noch rein-religiös; sie ist eine metaphysisch-kosmogonische Frage, in der all diese drei Schichten einander durchdringen. Die mystischen Traditionen legen ihre grundlegenden Intuitionen je danach offen, wie sie sich dieser Frage nähern.

Mircea Eliade erläutert in seinem Werk Cosmos and History: The Myth of the Eternal Return (1954) die grundlegende Funktion der mythischen Kosmogonie: die Kosmogonie ist nicht nur eine Erzählung davon, „wie" das Universum entstand; sie ist ein archetypischer Text, der den Ort des Menschen im Universum bestimmt, den kosmischen Sinn der Rituale festlegt und das Dreieck Zeit-Raum-Sinn errichtet. Eliades Grundthese: der archaische Mensch nimmt mittels des Rituals an der illo tempore (der kosmogonischen Mythenzeit) teil; diese Teilhabe gewährleistet die Wiedererzeugung der heilig-archetypischen Zeit gegen die profan-historische Zeit.

Deshalb sind die Kosmogonie-Erzählungen aller Traditionen mit einer rein-physikalistischen Lesart nicht zu verstehen; sie erfordern eine anthropologisch-geistige Lesart. Die moderne Wissenschaft (besonders die Urknall-Kosmologie) antwortet auf eine „Wie?"-Frage; die mystische Kosmogonie hingegen antwortet auf die Fragen „Wozu?" und „Für wen?". Diese beiden Diskurse widerlegen einander nicht; sie sprechen unterschiedliche Seinsschichten an.

In dieser Notiz vergleichen wir die metaphysische Struktur des kosmogonischen Schemas in vier großen Traditionen: das sufische Hervortreten aus dem Wahren (Hak) und tecellî, den hinduistischen Tag und die Nacht Brahmâs und die lîlâ, die christliche Logos-Lehre, das taoistische Schema „Das Tao gebar das Eine, das Eine das Zwei, das Zwei das Drei, das Drei die zehntausend Dinge". Ergänzend behandeln wir die kabbalistische Lehre vom Ein Sof → Sefirot als eine Brücke.

Vergleichstabelle

Dimension Hervortreten aus dem Wahren (Sufik) Atem Brahmâs (Vedānta) Logos (Christentum) Das Eine des Tao (taoistisch)
Absoluter Ursprung Hak / das absolute Sein (Vücûd-i Mutlak) Brahman (Saguṇa ↔ Nirguṇa) Gottvater / Theos Tao (無, wu; das Nichts)
Erste Bewegung Tecellî (Erscheinung des Wahren in seinen Namen und Eigenschaften) Das Ein- und Ausatmen Brahmâs Das Sich-Aussprechen des Logos (Wortes) „Das Tao gebar das Eine"
Vermittlungsstruktur Namen und Eigenschaften (esmâ-i hüsnâ) → aʿyân-i sâbite → Welt Tanmātrās → mahābhūtas → Welt Logos (Christus) → kāza (Urteil) → Welt Eines → Zwei → Drei → zehntausend Dinge
Natur des Absoluten Einheit (Vahdet); apophatisch + kataphatisch Saguṇa (mit Eigenschaften) + Nirguṇa (ohne Eigenschaften); im Wesen eins Dreieinigkeit (Trinitas); Logos = Wort = Christus Apophatisch (das Tao ist unbenennbar)
Beschaffenheit der Schöpfung Tecellî (Manifestation), nicht ex Deo, aber Hervortreten aus dem Wahren Das Ein- und Ausatmen Brahmâs: zyklisch, kreisläufig Creatio ex nihilo (Schöpfung aus dem Nichts) — Mainstream; vermittelt durch den Logos Natürliches Fließen (ziran); ohne Zwang
Ein Gott oder viele? Einer (tevhid); die Vielheit liegt in den Namen und Eigenschaften des Seins Gemischt: Brahman einer + viele Devas Dreieinigkeit: ein Wesen, drei Personen Tao einer + zehntausend Dinge (wanwu)
Zeitstruktur Un-zeitlicher Hak + zeitliche Welt Zyklisch: kalpas/yugas; Unterscheidung akāla / kāla Linear: Schöpfung → Fall → Erlösung → Auferstehung → Eschaton Zyklisch: der rhythmische Atem des Tao
Zweck der Schöpfung „Ein verborgener Schatz wollte erkannt werden" (hadîth qudsî) Lîlâ (Spiel) — das freie Spiel des Saguṇa-Brahman Die Güte Gottes und der Ruf zum Gottesbild (imago Dei) Die Natur ist von selbst so; die Frage nach dem „Zweck" greift zu kurz
Schlüsseltext Futûhât al-Makkîya, Fusûs al-Hikam, Bidâyat al-Hâʾir Rig Veda 10.129 (Nāsadīya Sūkta), Bhagavad-Gîtâ, Brahma-Sūtra Anfang des Johannesevangeliums; Genesis 1; Augustinus Tao Te Ching 42, 25; Zhuangzi
Schlüsselfigur Ibn Arabî, Sadrâ, Cîlî Śaṅkara, Rāmānuja, Madhva Origenes, Johannes, Augustinus Lao-tzu, Zhuangzi, Wang Bi
Apophatisch oder kataphatisch? Gemischt: das Wesen (Zât) apophatisch, Namen und Eigenschaften kataphatisch Gemischt: Nirguṇa apophatisch, Saguṇa kataphatisch Gemischt: das Wesen Gottes apophatisch, der Logos kataphatisch Überwiegend apophatisch
Brückenlehre (Kabbala) Schema Ein Sof → Sefirot strukturell äquivalent Ein Sof = Nirguṇa-Brahman Ein Sof = das Wesen Gottes (apophatischer Flügel) Ein Sof = die Unbenennbarkeit des Tao

I. Das sufische Hervortreten: „Der verborgene Schatz"

1.1 Der Hadîth Qudsî und die Grundintuition

In der islamischen Sufik wird die Schöpfungserzählung weniger im Stil des Buches Genesis „Gott sprach: Es werde Licht" gelesen, sondern als ein Prozess der Selbstentfaltung des Seins. Als Schlüsseltext wird häufig ein hadîth qudsî angeführt (auch wenn seine Authentizität hadithwissenschaftlich umstritten ist, ist seine Wirkung groß): „Ich war ein verborgener Schatz; ich wollte erkannt werden, so erschuf ich die Schöpfung, damit ich mich durch sie erkenne." (Kuntu kanzan makhfiyyan, fa-ahbabtu an uʿrafa, fa-khalaqtu'l-khalqa li-uʿrafa bihim).

Dieser Hadîth ist das Rückgrat der sufischen Kosmogonie: die Schöpfung ist nicht das Hervorkommen von etwas aus dem Nichts (ex nihilo); sie ist die Verwandlung der Verborgenheit (makhfī) in die Offenbarkeit (maʿrūf). Der Schatz war bereits da; er war nur verborgen. Die Schöpfung ist kein ontologischer Ruf aus dem Nichts; sie ist die Entsprechung eines epistemologisch-erscheinungshaften Erkanntwerden-Wollens.

1.2 Drei Stufen: Wesen, Namen-Eigenschaften, Welt

Diese Lehre errichtet eine dreidimensionale Kosmogonie:

Hak / Zât (الذات)

Das absolute Sein, jenseits von Namen und Eigenschaften, ein apophatisches Wesen. „Hak", „Allah" — diese Namen sind Symbole der eigentlichen Schleier-Welt, in der das Wesen (Zât) nicht zur Offenbarkeit gelangt ist. Ibn Arabî nennt diese Stufe „Lâ taayyün" (Bestimmungslosigkeit, Unbestimmtheit). Über das Wesen kann nichts gesagt werden — alles, was gesagt werden kann, ist nicht das Wesen selbst, sondern seine Erscheinung. Dies steht auf derselben kategorialen Stufe wie die christliche apophatische Theologie (Dionysius Areopagita), das hinduistische Nirguṇa-Brahman, das jüdische Ein Sof und das taoistische Tao.

Erste Bestimmung → Namen und Eigenschaften

Die erste Offenbarkeit des Wesens ist das Auftauchen der Namen und Eigenschaften in der mertebe-i ahadiyet (Stufe der Einsheit). Diese Stufe heißt mertebe-i vahidiyet (Stufe der Einheit); die Namen und Eigenschaften sind noch nicht in Erscheinung getreten, aber sie sind als „das Bewusstsein des Wahren vom Wahren" vorhanden. Hier treten die aʿyân-i sâbite (urewig-archetypische Wesenheiten) hervor — die urewige Gestalt aller Dinge.

Für Ibn Arabî sind die aʿyân-i sâbite im Wissen des Wahren selbst urewig vorhanden; sie sind ungeschaffen. Die Schöpfung ist das In-Erscheinung-Treten der aʿyân-i sâbite in der âlem-i shahâda (Welt der sinnlichen Bezeugung). Diese Lehre trägt eine strukturelle Ähnlichkeit mit der platonischen Ideen-Lehre, ist aber tiefer — die aʿyân-i sâbite sind nicht vom Wahren getrennt; sie sind die archetypischen Gestalten im Wahren selbst.

Tecellî → Welt

Die aʿyân-i sâbite treten durch den Befehl „Sei!" (kün!) des Wahren in der âlem-i shahâda in Erscheinung. Dies ist der Prozess des tecellî (Manifestation). Zuerst erscheint die âlem-i ervâh (Welt der Geister), dann die âlem-i misâl (Welt der Gestalten), schließlich die âlem-i shahâda (sinnliche Welt). Diese Abfolge ist mit dem neuplatonischen Schema des „Abstiegs vom Einen zum Vielen" strukturell identisch.

1.3 Vahdet-i Vücud

Ibn Arabîs Lehre von der vahdet-i vücud (Einheit des Seins) steht im Zentrum dieses kosmogonischen Prozesses: die Schöpfung ist nicht die Schöpfung von etwas, das getrennt vom Wahren ist; sie ist die Erscheinung des Wahren in sich selbst. Die Vielheit ist die Widerspiegelung der Namen und Eigenschaften des Wahren. Dies bildet eine von Grund auf andere Struktur als die christliche Lehre der creatio ex nihilo (Schöpfung aus dem Nichts) — kommt aber der neuplatonischen Lehre der emanatio (sudûr) und der hinduistischen vivarta-Lehre nahe.

Imâm Rabbânî (Sirhindî, 16.–17. Jahrhundert) ersetzt Ibn Arabîs vahdet-i vücud durch die vahdet-i shuhûd (Einheit der Schau): die Vielheit ist wirklich, sie erscheint im Auge des Gläubigen als Einheit des Wahren. Dies ist eine orthodoxer-sunnitische Position; gleichwohl geht sie über die rein-theologische (kelâmî) Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf hinaus.

1.4 Henry Corbin und die schöpferische Imagination

Henry Corbin liest in seinem Werk Creative Imagination in the Sufism of Ibn ʿArabi (1969) die tecellî-Lehre auf der Achse der „muhayyile-i ilahiyye" (göttliche Imagination): der Kosmos ist die Erscheinung der schöpferischen Imagination des Wahren. Dies macht den Kosmos nicht zu einem subjektiven „Traum"; aber es macht ihn auch nicht zu einer rein-objektiven „Ansammlung mechanischer Objekte" — der Kosmos ist in der göttlichen Imagination wirklich und sinnvoll.

Corbins These ist für das moderne abendländische Denken revolutionär: die „schöpferische Imagination" gleicht der kantischen „transzendentalen Imagination", ist aber ursprünglicher. Für Kant ist die Imagination ein psychologisches Vermögen, das die Kategorien des Menschen synthetisiert; für Ibn Arabî ist die Imagination eine ontologische Tätigkeit des Wahren — und die menschliche Imagination ist eine kleine Widerspiegelung der göttlichen Imagination.

1.5 Mevlânâ und die anthropologische Entsprechung

Mevlana Celaleddin Rumi setzt im Vers „Bishnaw in nay tschûn schikâyat mîkunad" (Höre, wie diese Rohrflöte klagt) am Anfang des Mathnawî das Weinen der Flöte (des Schilfrohrs) mit der Sehnsucht der vom Schilfbeet abgeschnittenen Seele nach ihrem Ursprung gleich. Die Flöte = die Seele; das Schilfbeet = der Wahre; der Ton im Innern der Flöte = die Sehnsucht der Seele nach dem Wahren. Dies ist die anthropologische Entsprechung der tecellî-Kosmogonie: der Mensch ist aus dem Wahren hervorgetreten und befindet sich nun auf der Rückkehrreise zum Wahren. Schöpfung = Abstieg, sülûk = Aufstieg.

II. Der Atem Brahmâs: vedische Kosmogonie

2.1 Plurale Erzählungen und die Grundstruktur

Die hinduistische Kosmogonie ist offen für plurale Erzählungen, aber ihre Grundstruktur ist klar: die Schöpfung ist keine creatio ex nihilo — sie ist eine zyklische Erscheinung. Von den Veden zu den Upaniṣaden, vom Brahma-Sūtra zu den Purāṇas bieten verschiedene Texte verschiedene Schöpfungsmythen; aber alle bewahren die zyklische Struktur.

2.2 Nāsadīya Sūkta: apophatische Kosmogonie

Rig Veda 10.129 (Nāsadīya Sūkta) ist das älteste und tiefste Fragment der vedischen Kosmogonie:

Es gab damals weder Nichtsein noch Sein. Es gab keine Luft, noch den Himmelsraum darüber. Was bedeckte es? Wo? In wessen Obhut? War es Wasser, sehr tief, ohne Grund?

Es gab keinen Tod, auch keine Unsterblichkeit. Zwischen Nacht und Tag gab es kein Zeichen. Jenes Eine atmete aus eigener Kraft, ohne Hauch. Außer ihm gab es nichts. ... Der Ort, woher all diese Schöpfung kam — wer kennt ihn wahrhaftig? Vielleicht weiß er es selbst nicht. Vielleicht weiß er es auch nicht.

Diese mystisch-apophatische Kosmogonie wird später in den Upaniṣaden und Purāṇas mit verschiedenen Schemata behandelt. Die Schlüsselpunkte:

  1. Auf der Stufe vor der Schöpfung gibt es weder Sein noch Nichtsein — dies überschreitet das grundlegende Prinzip der Logik „entweder so oder nicht" (tertium non datur).
  2. Es atmete ohne Hauch (ānīd avātaṃ svadhayā) — die Schöpfung ist eine aus sich selbst entspringende, von sich aus natürliche Bewegung.
  3. Vielleicht weiß er es selbst nicht — das „Warum" der Schöpfung bleibt als das gänzlich Unbekannte stehen; epistemologische Bescheidenheit.

2.3 Der Atem Brahmâs

Das systematischste Schema ist der Atem Brahmâs:

Dies ist eine zyklische Kosmogonie — von Grund auf verschieden vom christlich-islamischen linearen Schöpfungsschema. Eliade theoretisiert diese Zyklizität in Cosmos and History als den „Mythos der ewigen Wiederkehr" (eternal return). Eliades Grundthese: der archaische Mensch zieht die zyklische Mythenzeit der linearen historischen Zeit vor; denn die zyklische Zeit erlaubt die „Rücknahme auf ewig" des Todes und des historischen Traumas. Jeder neue Frühling ist eine kosmische Erneuerung; jedes Ritual ist eine Teilhabe an der illo tempore.

2.4 Lîlâ: die Spiel-Beschaffenheit der Schöpfung

Lîlâ (līlā, लीला) bedeutet „Spiel" und ist in den bhakti-orientierten Schulen des Vedānta (besonders im Vaiṣṇavismus und Śāktismus) die Motivation der Schöpfung. Der Saguṇa-Brahman (der mit Eigenschaften versehene, persönliche Brahman) erschafft den Kosmos nicht notwendig, sondern frei; als ein Spiel. Diese Lehre stellt eine strukturelle Nähe zur sufischen Lehre vom „Schatz, der erkannt werden wollte" her — in beiden wird betont, dass die Schöpfung nicht aus Bedürfnis, sondern aus überfließender Güte geboren wird.

Der Begriff der lîlâ ist bei Sri Caitanya (16. Jahrhundert, einem der Begründer der Bhakti-Bewegung) und in seiner bengalischen Vaiṣṇava-Schule vertieft worden. Krishnas „rāsa-līlā" (rāsa-Spiel) mit den Hirtenmädchen (gopīs) in Vrindavan — der kosmische Schöpfungsakt wird als Krishnas Liebes-Spiel gelesen. Dies kann als hinduistische Entsprechung der christlichen Mystik-Liebes-Theologie (Bernhard von Clairvaux, Johannes vom Kreuz) gelten.

2.5 Die drei Vedānta-Schulen und die Schöpfung

Im Advaita-Vedānta verwandelt Śaṅkara die kosmogonische Frage radikal: die Schöpfung ist vivarta (Erscheinung) — keine wirkliche Umwandlung des Brahman, sondern eine scheinbare Erscheinung, die infolge der avidyā (Unwissenheit) auftritt. Dies ist die der vahdet-i vücud-Lehre strukturell am nächsten stehende hinduistische Position — die Vielheit ist keine wirkliche substanzielle Mannigfaltigkeit, sondern die scheinhaften Teile des einen-einzigen-Absoluten.

Viśiṣṭādvaita (Rāmānuja, 11.–12. Jahrhundert): es gibt eine wirkliche Umwandlung des Brahman; die Welt ist der Körper (śarīra) des Brahman. Dies trägt eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem christlichen „Kosmos als Körper Gottes" (in der Öko-Theologie Sallie McFague).

Dvaita (Madhva, 13. Jahrhundert): Brahman und Welt sind auf ewig getrennt. Die Schöpfung ist eine wirklich-substanziell-unabhängige Schöpfer-Geschöpf-Beziehung. Dies ist die der theologischen Mainstream-Theologie (kelâm) des Islam, Christentums und Judentums am nächsten stehende hinduistische Position.

III. Logos: christliche Kosmogonie

3.1 Genesis 1 und Johannes 1: zwei Grundtexte

Die christliche Kosmogonie wird auf zwei großen Texten aufgebaut.

Genesis 1: „Bereshit bara Elohim"

Die Anfangsworte des hebräischen Textes lauten „im Anfang schuf (bara) Gott Himmel und Erde". Das Verb bara wird im Hebräischen ausschließlich für die schöpferische Tätigkeit Gottes gebraucht; der Mensch „schafft" mit diesem Verb nichts. Dies ist die Grundlage der Lehre der creatio ex nihilo (Schöpfung aus dem Nichts) der jüdisch-christlichen Mainstream-Kosmogonie.

In Genesis 1 wird die Schöpfung über Unterscheidungen errichtet (Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Land und Meer, Tag und Nacht, Tier und Pflanze). Eliade liest in The Sacred and the Profane diese Unterscheidung als die Errichtung des grundlegenden Gegensatzpaares zwischen Kosmos (Ordnung) und Chaos (Unordnung) — Schöpfung = das Herausziehen des Kosmos aus dem Chaos.

Johannes 1: die Logos-Christologie

Der Prolog des Johannes schreibt Genesis 1 neu: „En archē ēn ho logos, kai ho logos ēn pros ton theon, kai theos ēn ho logos. ... Panta di' autou egeneto, kai chōris autou egeneto oude hen." („Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. ... Alles ist durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.").

Hier ist der Logos (Λόγος, „Wort, Vernunft, Verhältnis, Prinzip") die schöpferisch-vermittelnde Kategorie. Christus ist der Logos; durch den Logos ist der Kosmos geschaffen. Diese Lehre nähert die christliche Kosmogonie der neuplatonischen Lehre an.

3.2 Philon von Alexandria und die stoische Brücke

Philon von Alexandria (20 v. Chr. – 50 n. Chr.), der hellenistisch-jüdische Denker, hatte, als er die jüdische Tora mit der griechischen Philosophie (Platon, Stoa) verband, den Logos als „die schöpferische Vernunft Gottes" hellenisiert. Johannes und später Origenes verchristlichen diese Synthese. Der Logos ist in der stoischen Philosophie die kosmische Vernunft — das der Welt immanente Ordnungsprinzip. Bei Johannes wird dieser als der Wort-Vermittler Gottes und später als Christus selbst verchristlicht.

3.3 McGinns drei Spannungen

Bernard McGinn verfolgt in The Foundations of Mysticism die drei Spannungen der christlichen Kosmogonie:

  1. Creatio ex nihilo vs. emanatio: die Mainstream-Kirche vertritt die creatio ex nihilo; aber die christlichen Mystiker (Eckhart, Eriugena, Böhme) neigen zu emanatio-ähnlichen Kosmogonien.

  2. Imago Dei (Gottesbild): der Mensch ist im Bilde Gottes geschaffen (Genesis 1,27). Dies stellt eine frappierende Äquivalenz mit dem sufischen Hadîth „Gott schuf Adam in seinem eigenen Bilde" her. Das imago Dei ist die Achse der christlichen Anthropologie: der Mensch trägt, weil er die Widerspiegelung Gottes ist, das Vermögen zur Rückkehr zu Gott. Dies ist das christliche Analogon der hinduistischen Lehre Ātman = Brahman.

  3. Fall und Wiedererschaffung: die christliche Kosmogonie trägt mit dem Fall Adams und der erlösenden Auferstehung Christi eine lineare-eschatologische Struktur. Dies ist der grundlegende Unterschied zur hinduistischen zyklischen Kosmogonie.

3.4 Karen Armstrong und die Trinitas

Karen Armstrong verfolgt in ihrem Werk Eine Geschichte Gottes (1993) die spätere Entwicklung der Logos-Lehre: von Arius zu Athanasius, vom Konzil von Nicäa (325) zu Chalcedon (451), verwandelt sich der Logos zunehmend in einen christologischen Begriff als zweite Person der Trinitas. Die Trinitas — Vater, Sohn, Heiliger Geist — besagt, dass das Innenleben Gottes eine triadische Struktur ist.

Die hinduistische Trimūrti (Brahmā – Viṣṇu – Śiva) und die christliche Trinitas erscheinen strukturell ähnlich, sind aber in der Tiefe verschieden: die hinduistische Trimūrti repräsentiert drei verschiedene göttliche Gestalten (Schöpfer, Erhalter, Zerstörer); die christliche Trinitas hingegen ist die drei Personen eines einzigen Gottes (homoousios — wesensgleich, in der Hypostase dreifach). Schuon erörtert diesen Unterschied in Christianity / Islam ausführlich.

3.5 Mystiker: Eriugena, Eckhart, Böhme

Die Mystiker indes halten die kosmogonisch-ontologische Dimension des Logos weiterhin lebendig. Eriugena (9. Jahrhundert, irischer Denker) liest in Periphyseon Gott als Natur (Natura) und teilt sie in vier Bereiche: die schöpferisch-ungeschaffene Natur (Gott), die schöpferisch-geschaffene Natur (Logos), die geschaffen-nicht-schöpferische Natur (Kosmos), die ungeschaffen-nicht-schöpferische Natur (die Rückkehr Gottes zu sich selbst). Dies ist einer der umfassendsten systematischen Versuche der christlichen Kosmogonie.

Meister Eckhart (13.–14. Jahrhundert) trägt die Logos-Kosmogonie auf die Lehre von der „Geburt des Wortes in der Seele" (Sohnesgeburt): der Logos trat nicht nur ein einziges Mal, vor zweitausend Jahren, in Erscheinung; er wird in jeder geläuterten Seele neu geboren. Dies versetzt Eckhart in eine spannungsvolle Position gegenüber der christlichen Mainstream-Theologie, ist aber der sufischen Lehre vom insân-i kâmil (vollkommener Mensch) strukturell nahe.

Jakob Böhme (16.–17. Jahrhundert) führt in seinen Werken Aurora und De Signatura Rerum die innere Kosmogonie Gottes (theogonia) detailliert aus: Gott birgt in sich die Prinzipien Ja und Nein; die Wechselwirkung dieser beiden Prinzipien gebiert den Kosmos. Böhmes System trägt eine frappierende Ähnlichkeit mit der kabbalistischen Tzimtzum-Lehre (siehe unten) und der taoistischen Yin-Yang-Lehre.

IV. Das Eine des Tao: chinesische Kosmogonie

4.1 Tao Te Ching 42

Das 42. Kapitel des Tao Te Ching gibt die bekannteste Formel der taoistischen Kosmogonie:

Das Tao gebar das Eine. Das Eine gebar das Zwei. Das Zwei gebar das Drei. Das Drei gebar die zehntausend Dinge. Die zehntausend Dinge tragen das Yin auf dem Rücken und umfangen das Yang. Der leere Hauch schafft die Harmonie.

4.2 Zwei klassische Auslegungen

Über diese Formel gibt es zwei klassische Auslegungslinien:

Auslegung 1: strukturell-numerisch

Auslegung 2: ontologisch-prozesshaft

Chinesische Kommentatoren wie Wang Bi (3. Jahrhundert) und Guo Xiang (4. Jahrhundert) haben versucht, diese beiden Linien zu synthetisieren. Wang Bis These: Tao = wu (Nichts); aber dieses Nichts ist kein gar-nichts-Nichts; es ist eine Fülle-vor-der-Erscheinung.

4.3 Ziran: das absichtslose Fließen

Der grundlegende Unterschied der taoistischen Kosmogonie zu den sufischen und hinduistischen Kosmogonien ist das Fehlen einer schöpferischen Absicht (sei es das „Erkanntwerden-Wollen" des Wahren, sei es das Spiel Brahmâs, sei es die Güte Gottes). Das Tao „gebiert" den Kosmos absichtslos, zwanglos, von selbst (ziran, 自然). Dies ist das kosmologische Fundament der Ethik des Wu-wei (Nicht-Handeln): auch der Mensch soll, wie das Tao, das absichtslos-zwanglose Handeln lernen.

Diese Absichtslosigkeit bedeutet nicht Sinnlosigkeit. Das ziran des Tao ist auch keine Notwendigkeit; es ist spontane Natürlichkeit. Tao Te Ching 25: „Das Tao ist groß; der Himmel ist groß; die Erde ist groß; auch der Mensch ist groß. Im Universum gibt es vier große Dinge, der Mensch ist eines von ihnen. Der Mensch folgt dem Gesetz der Erde; die Erde dem des Himmels; der Himmel dem des Tao; das Tao dem Gesetz seiner eigenen Natur." Hier folgt das Tao dem Gesetz seiner eigenen Natur (tao fa ziran) — jenseits des Tao gibt es kein Gesetz.

4.4 Eliade und die radikale Apophatik

Eliade nennt in The Sacred and the Profane den Zugang der taoistischen Kosmogonie zur kosmischen Hierophanie (Erscheinung des Heiligen) eine „radikale Apophatik": das Tao selbst tritt nicht in Erscheinung; die in Erscheinung tretenden zehntausend Dinge sind nur der Schatten des Tao. Dies steht der śūnyatā-Lehre (Leerheit) des Mahāyāna-Buddhismus nahe.

Die Begegnung von Taoismus und Buddhismus in China (besonders im 1.–7. Jahrhundert) institutionalisiert diese Nähe: der chinesische Chan-Buddhismus (Zen) ist die Aufpfropfung des hinduistischen Buddhismus auf die taoistische Wurzel. Das „Plattform-Sūtra" des Hui-Neng (7. Jahrhundert) zeigt die Synthese des chinesischen philosophischen Daoismus mit dem Buddhismus.

V. Die Brückenlehre: Ein Sof → Sefirot in der Kabbala

5.1 Ein Sof: das apophatische Absolute

In der jüdischen Mystik, der Kabbala, wird die Schöpfung mit dem Schema Ein Sof (אֵין סוֹף, „grenzenlos", „unendlich") → Sefirot (סְפִירוֹת, „Zahlen/Sphären") ausgedrückt. Dieses Schema spielt zwischen den vier Traditionen (sufisch, hinduistisch, christlich, taoistisch) die Rolle einer strukturellen Brücke:

5.2 Die zehn Sefirot

Der Baum der Sefirot (Etz Hayyim, „Baum des Lebens") reiht zehn Eigenschaften in zehn Sphären:

  1. Keter (Krone) — der Wille Gottes, das Höchste
  2. Hochmah (Weisheit) — die schöpferische Intelligenz
  3. Binah (Verstand) — das Verstehen, das Mutter-Prinzip
  4. Hesed (Liebe/Barmherzigkeit) — die Kraft des Vergebens
  5. Gevurah (Stärke) — Urteil, Begrenzung
  6. Tiferet (Schönheit) — Harmonie, Gleichgewicht
  7. Netzah (Sieg) — Beständigkeit
  8. Hod (Pracht) — Herrlichkeit
  9. Yesod (Grund) — die schöpferische Kraft
  10. Malchut (Königreich) — die Schechina, die letzte Grundlage der Erscheinung

Das Sefirot-Schema steht dem Hervortreten aus dem Wahren strukturell sehr nahe: Ein Sof = das Wesen (Zât) des Wahren; Keter und die folgenden Ober-Sefirot = mertebe-i ahadiyet und mertebe-i vahidiyet; Malchut = âlem-i shahâda.

5.3 Das lurianische Tzimtzum

Isaac Luria (16. Jahrhundert, Safed) entwickelt die tzimtzum-Lehre (צמצום, „Zusammenziehung/Rückzug"): das Ein Sof zieht sich in sich selbst zurück, um kosmischen Raum eröffnen zu können. Dies ist ein kosmogonisches Paradox — das Grenzenlose „zieht" seine eigene Grenzenlosigkeit „zusammen", um dem Begrenzten Raum zu machen. Diese Lehre stellt eine wechselseitige strukturelle Äquivalenz mit der sufischen fenâ-Lehre her: das tzimtzum ist gleichsam die fenâ Gottes für den Kosmos.

Der zweite wichtige Bestandteil von Lurias Lehre ist das shevirat ha-kelim (das Zerbrechen der Gefäße): der erste Schöpfungsversuch scheitert, das göttliche Licht zerbricht die Gefäße, „Funken" (nitzotzot) verstreuen sich in die Welt. Das menschliche Handeln (mitzvot, Gebote) und die mystische Intention (kavanot) sind die Aufgabe des Sammelns dieser Funken (tikkun).

Henry Corbin und Schuon haben die Parallele zwischen dem lurianischen tzimtzum und Ibn Arabîs Lehre vom „Herabsteigen des Wahren in seine Namen und Eigenschaften" (descension) ausführlich behandelt. Gershom Scholems Werk Major Trends in Jewish Mysticism (1941) bietet die systematische vergleichende Analyse der lurianischen Kabbala.

VI. Vergleichende Analyse: fünf Achsen

6.1 Die Natur des Absoluten: apophatisch vs. kataphatisch

6.2 Die Form der Schöpfung: ex nihilo vs. tecellî

6.3 Die Zeitstruktur: linear vs. zyklisch

Eliades Thema: die lineare Zeit ist historisch, traumatisch; die zyklische Zeit ist archetypisch, heilend. Die moderne abendländische Gesellschaft erlebt geistige Armut, weil sie die lineare Zeit verabsolutiert hat. Die mystische Tradition ermöglicht den Zugang zur zyklisch-archetypischen Zeit.

6.4 Der Telos (Zweck) der Schöpfung

6.5 Die Vermittlungsstruktur

VII. Moderne Widerspiegelungen und Aporien

7.1 Das Verhältnis zur modernen Wissenschaft

Die Urknall-Kosmologie (Georges Lemaître, 1927; Entdeckung der CMB 1965) hat eine Art These vom „kosmischen Anfang" in der Wissenschaftswelt zentral gestellt. Dies steht der Lehre der creatio ex nihilo nahe, ist aber nicht auf sie zu reduzieren — die kosmologische Singularität eröffnet die Frage nach dem Davor; die mystischen Traditionen nähern sich dieser Frage durch verschiedene Pforten.

Die Frage, die Stephen Hawking in seinem Werk A Brief History of Time (1988) stellt — „Wenn die Zeit einen Anfang hat, was war vor dem Anfang?" — ist mit Augustinus' Antwort „Gott schuf die Zeit, nicht in der Zeit" gemeinsam. Die moderne Wissenschaft eröffnet die klassischen theologischen (kelâm-) Debatten in der Sprache der Mathematik neu.

7.2 Prozesstheologie

Alfred North Whitehead deutet in seinem Werk Process and Reality (1929) die christliche Kosmogonie neu: die Schöpfung ist kein statischer Anfang, sondern ein fortwährend andauernder Prozess. Gott bringt sich beständig in einem je-neuen-Augenblick zur Erscheinung. Dies trägt eine strukturelle Nähe zu den hinduistischen vivarta- und sufischen tecellî-Lehren.

Spätere Prozesstheologen wie Charles Hartshorne und John Cobb entwickeln diese Linie. Die Prozesstheologie ist im modernen abendländischen Denken die den mystischen Traditionen gegenüber offenste theologische Position.

7.3 Öko-Theologie

Thomas Berry, The Dream of the Earth (1988); Sallie McFague, The Body of God (1993). Den Kosmos als Körper Gottes zu lesen lässt sich gemeinsam mit der hinduistischen viśvarūpa (universaler Körper Gottes — Bhagavad-Gîtâ 11) und der sufischen Lehre „die Welt ist die Erscheinung der göttlichen Imagination" denken. Die Öko-Theologie verbindet die kosmogonische Frage mit der Frage der ökologischen Verantwortung.

7.4 Aporien

Aporie 1: Ist die Schöpfung notwendig oder frei? Die christliche Orthodoxie vertritt, dass sie frei ist; die sufische Tasawwuf nimmt den „al-irâda al-ezelî" (urewigen Willen) an; der hinduistische Saguṇa-Brahman befindet sich im freien Spiel (lîlâ); für das taoistische Tao greift diese Frage zu kurz — das Tao steht über Notwendigkeit und Freiheit.

Aporie 2: Hat sich die Schöpfung ein einziges Mal zugetragen oder dauert sie beständig an? Das orthodoxe Christentum und der Islam: ein einziges Mal + beständige Erhaltung (kayyumiyet). Sufik, Hinduismus, Taoismus: beständige Wiedererscheinung. Ibn Arabîs Lehre vom „al-khalq al-cedîd" (beständig neue Schöpfung) besagt, dass in jedem Augenblick alles neu geschaffen wird — dies gleicht dem beständigen Kollaps der Quanten-Superposition in der Quantenphysik.

Aporie 3: Ist die geschaffene Welt wirklich oder ist sie vivarta (scheinbare Erscheinung)? Śaṅkaras Advaita zieht das vivarta vor; die islamisch-christlich-jüdische Mainstream-Lehre nimmt die Welt als wirklich, aber von Gott abhängig an.

VIII. Schluss: Im Herzen der Ursprungsfrage

Die Schöpfungsfragen liegen an der Grenze des Erwerbs wirklichen Wissens — keine Tradition beansprucht eine voll-empirische Antwort auf diese Frage. Alle bieten eine symbolische, mystische, theurgische Antwort. Diese Antworten:

Mit den Worten Schuons in seinem Werk Logic and Transcendence (1975): „Die Ursprungsfrage ist die Frage, die beständig gestellt werden muss, auf die es aber niemals eine schlicht-empirische Antwort geben wird. Deshalb hat die mystische Tradition gewählt, diese Frage auf poetischen und rituellen Wegen zu beantworten — nicht mit analytischer Logik."

Karen Armstrong berührt in Eine Geschichte Gottes einen ähnlichen Punkt: die Schöpfungsmythen erheben nicht den Anspruch, die Tatsache zu erzählen; sie erheben den Anspruch, den Sinn zu tragen. Diese Kategorie, in der die Tatsachen durch den Sinn ersetzt werden, ist dem modernen wissenschaftszentrierten Denken fremd, aber für die große Mehrheit der Menschheitsgeschichte vollkommen verständlich.

Die Lehre für das Weisheitstagebuch: kosmogonische Erzählungen lassen sich nicht als bloße vorwissenschaftliche Mythen lesen; sie sind Sinn-Landkarten, die das Verhältnis des menschlichen Wesens zum Kosmos errichten. Das Hervortreten aus dem Wahren, der Atem Brahmâs, der Logos und das Tao — sie alle sagen, dass wir nicht wurzellos, sondern verwurzelt, nicht verwaist, sondern aus schöpferischer Quelle, nicht sinnlos, sondern mit Sinn beladen sind. Dies ist das gemeinsame Geschenk der vier Traditionen.

Die mystische Kosmogonie bietet der kosmischen Verwaistheit des modernen Menschen (Albert Camus, Jean-Paul Sartre, Jacques Monod) ein Gegenwort: das Universum ist keine sinnlose mechanische Wirklichkeit, geboren aus einer zufälligen Explosion; es ist sinnbeladen, zweckgerichtet, für uns da. Für diesen Glauben gibt es keinen „Beweis", aber seine „Alternative" — nämlich die kosmische Einsamkeit des modernen Nihilismus — entseelt den Menschen, wie jede Tradition es aufzeigt. Die mystische Kosmogonie ist eine Erzählung, die die Geistigkeit bewahrt.

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