Heilige Schriften

Sunan Abî Dâwûd

Das von Imam Abû Dâwûd as-Sidschistânî (202–275 H.) verfasste Werk; die auf Ahkâm-Hadîthe ausgerichtete Grundquelle der Kutub as-Sitta; ~5.274 Hadîthe, das Nachschlagebuch der Fuqahâʾ.

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Vorstellung des Werks

as-Sunan — unter seinem geläufigen Namen Sunan Abî Dâwûd — wurde von Abû Dâwûd Sulaymân b. al-Aschʿath al-Azdî as-Sidschistânî (202–275 H. / 817–889 n. Chr.) verfasst und ist die auf Ahkâm-Hadîthe ausgerichtete Grundquelle der Kutub as-Sitta. Innerhalb des sunnitischen Hadîth-Kanons teilt es sich nach den Sahîhayn (Sahîh al-Buchârî und Sahîh Muslim) zusammen mit dem Sunan an-Nasâʾî den dritten bis vierten Rang.

Die technische Bezeichnung des Werkes ist as-Sunan, also die Pluralform von „Sunna"; dies deutet an, dass das Werk nicht nur die kawl-, fiʿl- und taqrîr-Sunna (Wort-, Tat- und Billigungssunna) des Gottesgesandten umfasst, sondern auch die Praktiken der Sahâba (Prophetengefährten) und die Anwendungen der Tâbiʿûn. Die Hadîth-Zahl wird in den klassischen Zählungen mit ~5.274 Hadîthen angegeben; die Zahl der Hauptbücher beträgt 35–36 Kitâb, die Zahl der Unterkapitel etwa 1.870 Bâb.

Abû Dâwûd selbst sagt in der kleinen Abhandlung Risâla ilâ Ahl Makka (Brief an die Bewohner Mekkas), in der er sein Werk eigenhändig vorstellt, Folgendes: „Ich habe diesen Sunan aus den Hadîthen des Gottesgesandten zusammengestellt; den Zustand jedes Hadîth habe ich angegeben. Findet sich in einem Kapitel nur ein einziger Hadîth, so gilt dieser Hadîth bei mir als sâlih li-l-ihtidschâdsch — als zum Beleg tauglich." Diese eigene Vorstellung hat den Rang eines methodischen Manifests des Werkes.

Imam Abû Dâwûd: Leben und wissenschaftliche Persönlichkeit

Abû Dâwûd wurde im Jahr 202 H. in der Region Sidschistân — dem heutigen iranisch-afghanischen Grenzgebiet — geboren. Sein Wissensleben begann in jungen Jahren; mit 18 ging er nach Bagdad und durchreiste von dort aus über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren Zentren wie Basra, Kûfa, Wâsit, Tarsus, Ägypten, Syrien und Chorasan.

Der wichtigste Name unter seinen Lehrern ist Imam Ahmad b. Hanbal; der Grund für die Nähe Abû Dâwûds zur hanbalitischen Linie ist diese Lehrerschaft. Seine weiteren bedeutenden Lehrer: Yahyâ b. Maʿîn, ʿAlî b. al-Madînî, Qutayba b. Saʿîd, Musaddad. Der glänzendste Name unter seinen Schülern ist at-Tirmidhî — in dessen Dschâmiʿ wird häufig auf Abû Dâwûd verwiesen. Weitere berühmte Schüler: sein Sohn Abû Bakr b. Abî Dâwûd (Verfasser des Kitâb al-Masâhif), an-Nasâʾî (für kurze Zeit) und Ibn al-Aʿrâbî.

Abû Dâwûd lebte ansässig in Basra und verstarb dort im Jahr 275 H. Wael Hallaq (The Origins and Evolution of Islamic Law, 2005) wertet Abû Dâwûd als den Pionier der Gattung des ahkâm-zentrierten Hadîth-Korpus; vor ihm waren Sahîh al-Buchârî und Sahîh Muslim von der Gattung Dschâmiʿ (umfassend).

Inhaltsstruktur

Die Anordnung des as-Sunan beruht vollständig auf fiqh-rechtlichen Grundlagen; das Werk ist mehr als eine Hadîth-Sammlung — es ist die systematische, hadîth-gestützte Begründung des Fiqh. Die Hauptbücher (Kitâb) sind die folgenden:

  1. Kitâb at-Tahâra (Reinheit) — 154 Kapitel
  2. Kitâb as-Salât (Gebet) — besonders umfangreich; ~360 Kapitel
  3. Kitâb az-Zakât
  4. Kitâb al-Luqata (Fundsache)
  5. Kitâb al-Manâsik (Hadschdsch-Riten)
  6. Kitâb an-Nikâh (Eheschließung)
  7. Kitâb at-Talâq (Scheidung)
  8. Kitâb as-Siyâm (Fasten)
  9. Kitâb al-Dschihâd
  10. Kitâb ad-Dahâyâ (Opfer)
  11. Kitâb as-Sayd (Jagd)
  12. Kitâb al-Wasâyâ (Testamente)
  13. Kitâb al-Farâʾid (Erbrecht)
  14. Kitâb al-Charâdsch wa-l-Fayʾ (Steuer und Beute)
  15. Kitâb al-Dschanâʾiz (Bestattung)
  16. Kitâb al-Aymân wa-n-Nudhûr (Eide und Gelübde)
  17. Kitâb al-Buyûʿ (Handel)
  18. Kitâb al-Idschârât (Vermietung)
  19. Kitâb al-Aqdiya (Rechtsprechung)
  20. Kitâb al-ʿIlm (Wissen)
  21. Kitâb al-Aschriba (Getränke) und Kitâb al-Atʿima (Speisen)
  22. Kitâb at-Tibb (Medizin und Heilung)
  23. Kitâb al-ʿItq (Sklavenfreilassung)
  24. Kitâb al-Hurûf wa-l-Qirâʾât
  25. Kitâb al-Hammâm (Die guten Sitten des Badehauses)
  26. Kitâb al-Libâs (Kleidung)
  27. Kitâb at-Taradschdschul (Haar- und Bartpflege)
  28. Kitâb al-Châtam (Der Ring)
  29. Kitâb al-Fitan wa-l-Malâhim (Fitnas und Zeichen des Jüngsten Tages)
  30. Kitâb al-Mahdî — bedeutsam; die frühe Hadîth-Grundlage des Mahdî-Glaubens
  31. Kitâb al-Malâhim (Die großen Schlachten)
  32. Kitâb al-Hudûd (Strafen)
  33. Kitâb ad-Diyât (Wergeld)
  34. Kitâb as-SunnaGlaubensfragen (ʿaqâʾid); Debatten um Muʿtazila, Qadariyya, Murdschiʾa
  35. Kitâb al-Adab — Ethik-Hadîthe

Wie ersichtlich, folgt das Werk genau der klassischen Kapitelreihenfolge des Fiqh: Tahâra → Salât → Zakât → Sawm → Hadschdsch → Muʿâmalât → Dschinâyât. Dieser Aufbau hat Abû Dâwûd zur grundlegenden Hadîth-Quelle der hanbalitischen, schâfiitischen und mâlikitischen Fuqahâʾ gemacht. Besonders fließt er parallel zu den Überlieferungen im Musnad Imam Ahmads; die beiden Werke werden häufig gemeinsam verwendet.

Verfassungs-Methodologie

Die Methodologie Abû Dâwûds ist in seinem Text Risâla ilâ Ahl Makka eigenhändig systematisiert. Dieses Manifest ist das älteste Dokument in der klassischen islamischen Welt, in dem ein Hadîth-Verfasser seine eigene Methode erläutert. Die Grundprinzipien:

1. Ahkâm-zentrierte Auswahl

Abû Dâwûd arbeitet im Gegensatz zur umfassenden Dschâmiʿ-Methode al-Buchârîs mit einem engen fiqh-rechtlichen Filter. In sein Werk hat er nur ahkâm-Hadîthe aufgenommen — also solche, die eine praktische Bestimmung erzeugen. Aus diesem Grund fehlen bei Abû Dâwûd die geistlichen Abschnitte vom Typ Riqâq, Daʿawât und Tauhîd, die die letzten Bücher al-Buchârîs bilden — diese Themen werden innerhalb der engen Grenzen des Kitâb as-Sunna und des Kitâb al-Adab abgehandelt.

2. Bedingte Authentizität

Abû Dâwûd selbst stellt nicht ausdrücklich die Bedingung „sahîh" und „hasan". Seine Bedingung lautet: Enthält ein Hadîth keinen verlassenen (matrûk) Überlieferer und ist sein Text stimmig, so gilt er als sâlih li-l-ihtidschâdsch (zum Beleg tauglich). Dies ist ein lockereres Kriterium als die Sahîh-Bedingung al-Buchârîs und Muslims, ja sogar ein noch flexibleres als die Kategorie hasan-gharîb at-Tirmidhîs. Folge: Im Sunan Abî Dâwûd findet sich eine gewisse Menge an schwachen Hadîthen; doch gibt der Verfasser dies in den meisten Fällen an.

3. Beglaubigung durch Schweigen

Die charakteristischste methodische Erklärung Abû Dâwûds lautet: „Habe ich unter einem Hadîth keine Schwäche vermerkt, so ist dieser Hadîth bei mir zum Beleg tauglich; doch sind manche authentischer als andere." Dieses Prinzip der „Beglaubigung durch Schweigen" hat dazu geführt, dass die im Sunan Abî Dâwûd vorhandenen, vom Verfasser unkommentiert gelassenen Hadîthe von den Gelehrten als mindestens hasan eingestuft werden.

4. Wiederholter Verweis auf umstrittene Hadîthe

In fiqh-rechtlichen Streitfragen — etwa der Zeit des Freitagsgebets, dem Koranlesen der menstruierenden Frau, der Grabespein — bringt Abû Dâwûd verschiedene Hadîth-Varianten parallel und lässt so der fiqh-rechtlichen Vielfalt eine offene Tür.

Hadîth-Grade

Die ~5.274 Hadîthe im Sunan Abî Dâwûd verteilen sich nach der klassischen Einteilung wie folgt (gemäß der Edition Sahîh wa-Daʿîf Sunan Abî Dâwûd des modernen Forschers al-Albânî):

In der klassischen Epoche nahmen die Gelehrten — besonders Ibn as-Salâh (Muqaddima) — an, dass alle Hadîthe im Sunan Abî Dâwûd mindestens hasan seien; doch hat die moderne Forschung diese Annahme revidiert, indem sie aufzeigte, dass in einer Quote von ~17–19 % schwache Hadîthe vorhanden sind.

Vergleichende Perspektive: Abû Dâwûd innerhalb der Kutub as-Sitta

Klassische Reihung

Die kanonische Reihung der sechs Werke der Kutub as-Sitta nach dem sunnitischen Idschmâʿ (authentizitätsgewichtet):

  1. Sahîh al-Buchârî
  2. Sahîh Muslim
  3. Sunan an-Nasâʾî (nach manchen Auffassungen 4. Rang)
  4. Sunan Abî Dâwûd (nach manchen Auffassungen 3. Rang)
  5. Sunan at-Tirmidhî
  6. Sunan Ibn Mâdscha

Die Reihungsdebatte zwischen Abû Dâwûd und an-Nasâʾî: An-Nasâʾî ist in der Überliefererkritik sorgfältiger; Abû Dâwûd hingegen ist im fiqh-rechtlichen System umfassender. Autoritäten wie Ibn Hadschar und Ibn as-Salâh ordnen unterschiedlich; was den praktischen Gebrauch betrifft, ist Abû Dâwûd die erste Nachschlagequelle der Fuqahâʾ geblieben.

Inhaltliche Schwerpunkte (Vergleich)

Die stärkste Seite Abû Dâwûds ist, dass er dem Ahkâm-System eine theoretische Hadîth-Quelle bietet. Die zweithäufigste Quelle — nach den Sahîhayn —, auf die sich die schâfiitischen, hanbalitischen und mâlikitischen Fuqahâʾ in ihrem Furûʿ-Schrifttum berufen, ist der Sunan Abî Dâwûd. In der hanafitischen Rechtsschule hingegen nimmt der Muwattaʾ Mâliks eine parallele Rolle ein.

Anteil gemeinsamer Hadîthe

Nach der Berechnung Jonathan Browns (Hadith, 2009) finden sich ~55 % der Hadîthe im Sunan Abî Dâwûd auch in den Sahîhayn; dies zeigt, dass der unabhängige Eigeninhalt des Werkes ~45 % beträgt. Dieser Eigeninhalt liegt überwiegend in den Bereichen Fitnas, Mahdî und den Ahkâm des Alltäglichen.

Moderne Kommentare

Klassische und moderne Kommentare zum Sunan Abî Dâwûd:

Klassische Kommentare

  1. Maʿâlim as-SunanAbû Sulaymân Hamd b. Muhammad al-Chattâbî (gest. 388 H. / 998 n. Chr.). Der früheste und maßgeblichste klassische Kommentar zum Sunan Abî Dâwûd. Al-Chattâbî ist ein Muhaddith schâfiitischer Prägung; sein Werk ist noch immer die Grundreferenz für die akademischen Arbeiten zum Sunan.
  2. ʿAun al-Maʿbûd — Schams al-Haqq al-Azîmâbâdî (gest. 1329 H. / 1911 n. Chr.). Ein aus Indien stammender, vor der Moderne fertiggestellter umfangreicher Kommentar; 14 Bände. Er hat noch immer verbreitete Ausgaben in Beirut, Riad und Istanbul.
  3. Badhl al-Madschhûd fî Hall Abî Dâwûd — Chalîl Ahmad as-Sahâranpûrî (gest. 1346 H. / 1927 n. Chr.). Aus der deobandischen Schule, ein umfangreicher Kommentar in 20 Bänden; die hanafitische Deutung herrscht vor.

Moderne Editionen

Kritik und Diskussionen

Kritik innerhalb der klassischen Epoche

1. Die Quote schwacher Hadîthe: Manche klassischen Gelehrten — besonders Zayn ad-Dîn al-ʿIrâqî (gest. 806 H.) — haben angemerkt, dass die Quote schwacher Hadîthe im Sunan Abî Dâwûd im Vergleich zu an-Nasâʾî und Muslim hoch sei. Doch Abû Dâwûd selbst war sich dessen bewusst und sagte in seiner Risâla: „Die meisten der in mein Werk aufgenommenen Hadîthe sind die wohlbekannten; ihre bekannten Mängel habe ich angegeben."

2. Die Offenheit des Sunna-Abschnitts für Glaubensdebatten: Das Kitâb as-Sunna — der Glaubensabschnitt (ʿaqâʾid) am Ende des Werkes — ist seinem Inhalt nach gegen Gruppen wie Qadariyya, Dschahmiyya, Châridschiyya von der Art einer Ahl-as-Sunna-Polemik. Dieser Abschnitt mag dem modernen Leser „parteiisch" erscheinen. Doch Christopher Melchert (The Formation of the Sunni Schools of Law, 1997) vertritt, dass dieser Abschnitt den Kristallisationsprozess des sunnitischen Glaubens im 9. Jahrhundert dokumentiert und somit historische Bedeutung trägt.

3. Die Mahdî-Hadîthe: Das Kitâb al-Mahdî ist der Knotenpunkt der klassischen schiitisch-sunnitischen Debatte. Manche sunnitischen Gelehrten (Ibn Chaldûn, Muqaddima) haben die Authentizitätskette der Hadîthe in diesem Abschnitt kritisiert. Die moderne salafitische Deutung (al-Albânî) hingegen kritisiert, auch wenn sie einen Teil der darin enthaltenen Hadîthe als authentisch anerkennt, die politische Instrumentalisierung des Mahdî-Symbols.

Zeitgenössische Kritik

Mystische und geistliche Dimension

Der Sunan Abî Dâwûd erhält in der Tasawwuf-Tradition im Gegensatz zu al-Buchârî und Muslim von der Gattung Dschâmiʿ weniger Verweise; dennoch sind die folgenden Abschnitte:

als Grundreferenz im Ihyâʾ al-Ghazâlîs, in den Riyâd as-Sâlihîn an-Nawawîs und in den ʿAwârif al-Maʿârif as-Suhrawardîs vertreten. An dieser Stelle bleibt das Werk die primäre Hadîth-Quelle, die im klassischen Tasawwuf verwendet wird, um die Achtung vor der Grundlage der Sunna zu lehren.

Wirkung und Gegenwart

Der Sunan Abî Dâwûd ist heute:

Fazit

Der Sunan Abî Dâwûd ist der fiqh-rechtliche Architekturpol des sunnitischen Hadîth-Kanons. Während al-Buchârî und Muslim mit ihrer Sahîh-Dimension, an-Nasâʾî mit seiner Dimension der Überliefererkritik und at-Tirmidhî mit seiner Dimension der pluralistischen Deutung hervortreten, steht Abû Dâwûd mit seiner Dimension der fiqh-rechtlichen Systematik in einer einzigartigen Stellung. Dass er der erste Hadîth-Verfasser ist, der mit der Risâla ilâ Ahl Makka seine Methodologie eigenhändig darlegt, macht das Werk nicht nur zu einer Sammlung, sondern zu einem methodologischen wissenschaftlichen Manifest. In der sunnitischen Perspektive, die die koranzentrierte und die an der Sunna orientierte Lesart ausbalanciert, ist der Sunan Abû Dâwûds noch immer — seit mehr als tausend Jahren — der Garant der hadîth-gestützten Nachhaltigkeit des Fiqh.