Heilige Schriften

Sunan Ibn Mâdscha

Das von Imam Ibn Mâdscha al-Qazwînî (209–273 H.) verfasste Werk; der hinsichtlich seines Status umstrittenste Sunan innerhalb der Kutub as-Sitta; ~4.341 Hadîthe, berühmt für seine 1.339 einzelstehenden (Zawâʾid-)Hadîthe.

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Vorstellung des Werks

as-Sunan — unter seinem geläufigen Namen Sunan Ibn Mâdscha — wurde von Abû ʿAbd Allâh Muhammad b. Yazîd b. Mâdscha al-Qazwînî (209–273 H. / 824–887 n. Chr.) verfasst und ist das sechste und hinsichtlich seines Status umstrittenste Buch der Kutub as-Sitta. Die Frage, ob das Werk in die sunnitische kanonische Sechszahl gehört, wurde über einen langen Diskussionsprozess zwischen dem 7. und 12. Jahrhundert hinweg geklärt; doch ist selbst in der Moderne unter den Gelehrten die These vom Herausnehmen und Herabstufen aufgeworfen worden.

In den klassischen Zählungen wird die Hadîth-Zahl mit ~4.341 Hadîthen angegeben; die Zahl der Hauptbücher beträgt 37 Kitâb, die Zahl der Unterkapitel ~1.515 Bâb. Das charakteristischste Merkmal des Werkes ist, dass von diesen 4.341 Hadîthen ~1.339 Hadîthe einzelstehend sind — also Hadîthe, die sich im Sunan Ibn Mâdscha finden, jedoch nicht bei al-Buchârî, Muslim, Abû Dâwûd, at-Tirmidhî und an-Nasâʾî. Diese einzelstehenden Hadîthe heißen in der klassischen Terminologie Zawâʾid Ibn Mâdscha.

Der eigentliche Grund für die Aufnahme Ibn Mâdschas in den sunnitischen Kanon sind eben diese Zawâʾid. Wäre der Sunan Ibn Mâdscha eine Wiederholung der anderen fünf Bücher gewesen, so hätte keine Notwendigkeit zu seiner Aufnahme in den Kanon bestanden. Doch bilden diese 1.339 einzelstehenden Hadîthe einen bedeutenden Teil des sunnitischen Sunna-Korpus.

Imam Ibn Mâdscha: Leben und wissenschaftliche Persönlichkeit

Ibn Mâdscha wurde im Jahr 209 H. in der Stadt Qazwîn — im Nordwesten des heutigen Iran — geboren. Es wird überliefert, dass der Beiname „Mâdscha" dem Vater seines Vaters gehörte und höchstwahrscheinlich ein Wort persischen Ursprungs ist, das im späteren Arabisch im Sinne von „stark" verwendet wurde. Seine vollständige Kunya lautet Abû ʿAbd Allâh Muhammad b. Yazîd b. Mâdscha ar-Rabaʿî al-Qazwînî; die Nisba „al-Qazwînî" verweist auf seine Heimat, „ar-Rabaʿî" hingegen auf den arabischen Stamm Rabîʿa, dessen Maulâ (Schutzbefohlener) er war.

Er begann seine Hadîth-Ausbildung in jungen Jahren, verließ mit 21 Qazwîn und brach zur Wissensreise auf. Er durchreiste die führenden Hadîth-Zentren der Zeit — Basra, Kûfa, Bagdad, Syrien, Ägypten, den Hidschâz, Rey, Chorasan — und erhielt von mehr als tausend (1.000+) Lehrern das Samâʿ. Zu seinen Lehrern zählen Qutayba b. Saʿîd, Abû Bakr b. Abî Schayba (Verfasser des Musannaf), Hischâm b. ʿAmmâr, Muhammad b. Baschschâr und Dschubâra b. al-Mughallis.

Er hat neben dem Sunan ein Tafsîr (verloren), eine Taʾrîch Qazwîn (verloren) und weitere Werke hinterlassen; doch ist bis heute allein der Sunan erhalten geblieben. Ibn Mâdscha verstarb im Jahr 273 H. in Qazwîn.

Jonathan Brown (Hadith, 2009) stellt fest, dass über die Biographie Ibn Mâdschas am wenigsten von allen Verfasserbiographien der Kutub as-Sitta bekannt ist. In der klassischen Tabaqât-Literatur — etwa in den Thiqât Ibn Hibbâns oder der Taʾrîch Baghdâd al-Chatîb al-Baghdâdîs — findet sich über Ibn Mâdscha im Verhältnis zu den anderen fünf Verfassern weit weniger Material. Diese biographische Armut ist einer der Gründe für die Statusdebatte.

Inhaltsstruktur

Die Anordnung des Sunan Ibn Mâdscha beruht — wie die anderen Sunan-Werke — auf fiqh-rechtlicher Grundlage; doch hat sie einige Besonderheiten:

Muqaddima (Vorwort)

Anders als die übrigen Werke der Kutub as-Sitta beginnt der Sunan Ibn Mâdscha mit einer eingehenden Muqaddima. Diese Muqaddima enthält besonders:

Diese Muqaddima bewirkt, dass der Sunan Ibn Mâdscha im Vergleich zu den anderen Sunan-Werken mit einem Glaubensrahmen (ʿaqâʾid) beginnt.

Hauptbücher

  1. Kitâb at-Tahâra wa-Sunanihâ
  2. Kitâb as-Salât sowie Adhân, Masâdschid
  3. Kitâb al-Dschanâʾiz
  4. Kitâb as-Siyâm, Kitâb az-Zakât
  5. Kitâb an-Nikâh, Kitâb at-Talâq
  6. Kitâb al-Kaffârât
  7. Kitâb at-Tidschârât
  8. Kitâb al-Ahkâm
  9. Kitâb al-Hibât (Geschenke)
  10. Kitâb as-Sadaqât
  11. Kitâb ar-Ruhûn (Pfänder)
  12. Kitâb asch-Schufʿa, Kitâb al-Luqata
  13. Kitâb al-ʿItq
  14. Kitâb al-Hudûd
  15. Kitâb ad-Diyât
  16. Kitâb al-Wasâyâ, Kitâb al-Farâʾid
  17. Kitâb al-Dschihâd
  18. Kitâb al-Manâsik
  19. Kitâb al-Adâhî, Kitâb as-Sayd
  20. Kitâb adh-Dhabâʾih
  21. Kitâb al-Atʿima, Kitâb al-Aschriba
  22. Kitâb at-Tibb — besonders reich an Material des at-Tibb an-Nabawî (Prophetenmedizin)
  23. Kitâb al-Libâs, Kitâb al-Adab
  24. Kitâb ad-Duʿâʾ
  25. Kitâb ar-Ruʾyâ — Hadîthe der Traumdeutung
  26. Kitâb al-Fitan — Zeichen des Jüngsten Tages
  27. Kitâb az-Zuhd — der längste und der dem Tasawwuf am meisten geöffnete Abschnitt des Werkes

Im Vergleich zu den übrigen Werken der Kutub as-Sitta zeigt sich, dass im Sunan Ibn Mâdscha die Abschnitte Kitâb at-Tibb, Kitâb ar-Ruʾyâ und Kitâb az-Zuhd verhältnismäßig umfangreich sind. Dies bereichert das Werk in Hinsicht auf die geistliche Pädagogik; es ist die Antwort auf die Frage, warum die Leute des Tasawwuf so häufig auf den Sunan Ibn Mâdscha verweisen.

Verfassungs-Methodologie

Da Ibn Mâdscha — anders als die Risâla Abû Dâwûds — kein ausdrückliches Manifest hinterlassen hat, lässt sich seine Methodologie nur durch Rückschluss aus dem Sunan erschließen. Charakteristische Merkmale:

1. Lückenloser Themenumfang

Ibn Mâdscha hat mit dem Maßstab der Lückenlosigkeit gearbeitet, um zu beinahe jedem Zweig des Fiqh Hadîthe beizubringen. Aus diesem Grund finden sich in seinem Werk — anders als in den übrigen Sunan-Werken — schwache oder nach manchen Forschern sogar maudûʿ (erfundene) Hadîthe. Aus der Sorge, für eine Bestimmung mindestens einen Hadîth zu finden, hat Ibn Mâdscha die Authentizitätsbedingung locker gehalten.

2. Keine Authentizitätsurteile

Anders als Abû Dâwûd und at-Tirmidhî äußert sich Ibn Mâdscha nicht über die Authentizität der Hadîthe. Dieses „Schweigen" bedeutet — anders als bei Abû Dâwûd — keine Beglaubigung; es ist nur ein Anzeichen dafür, dass sein Werk eine Grenze in Bezug auf die technische Klassifikation hat.

3. Die Hervorhebung der einzelstehenden (Zawâʾid-)Hadîthe

Die stärkste Seite Ibn Mâdschas ist, dass er die in den anderen fünf kanonischen Büchern nicht vorhandenen Hadîthe zusammengetragen hat. Diese Hadîthe:

sind von der klassischen bis zur modernen Epoche als der Eigenanteil des sunnitischen Sunna-Korpus bewahrt worden.

Hadîth-Grade

Die technische Analyse des Sunan Ibn Mâdscha ist in der klassischen Epoche von Ibn Hadschar (Misbâh az-Zudschâdscha, über die Zawâʾid des Sunan Ibn Mâdscha), von as-Suyûtî (Korrektur des Misbâh az-Zudschâdscha) und in der modernen Epoche von al-Albânî (Sahîh wa-Daʿîf Sunan Ibn Mâdscha) im Einzelnen durchgeführt worden. Die Ergebnisse:

Diese Quote ist die höchste Quote schwacher und erfundener Hadîthe innerhalb der Kutub as-Sitta — gegenüber al-Buchârî ~0 %, Muslim ~0 %, an-Nasâʾî ~13 %, Abû Dâwûd ~17 %, at-Tirmidhî ~20 % steht Ibn Mâdscha bei ~39 % (schwach + maudûʿ).

Diese Zahl erklärt die technische Grundlage des umstrittensten Status des Sunan Ibn Mâdscha innerhalb der Kutub as-Sitta.

Vergleichende Perspektive: Ibn Mâdscha innerhalb der Kutub as-Sitta

Der Aufnahmeprozess in den Kanon

Der Prozess der Aufnahme Ibn Mâdschas als sechstes Buch in die Kutub as-Sitta ist historisch klar: In den ersten vier Jahrhunderten hatte sich der sunnitische Hadîth-Kanon als „Kutub al-Chamsa" (Fünf Bücher) herausgebildet — al-Buchârî, Muslim, Abû Dâwûd, at-Tirmidhî, an-Nasâʾî. In Bezug auf das sechste Buch gab es verschiedene Auffassungen:

  1. Die Ibn-Mâdscha-Schule: Gegen Ende des 5. Jahrhunderts H. wurde in der Hadîth-Schule Chorasans und des Irak der Sunan Ibn Mâdschas als sechstes Buch angenommen. Die erste ausdrückliche Formulierung findet sich im Werk Schurût al-Aʾimma as-Sitta (5. Jahrhundert) Abû l-Fadl Muhammad b. Tâhir al-Maqdisîs.
  2. Die Muwattaʾ-Schule: In den Kreisen der mâlikitischen Rechtsschule — besonders im Maghreb und in Andalusien — wurde der Muwattaʾ Imam Mâliks als sechstes Buch bevorzugt.
  3. Die Musnad-Schule: In den hanbalitischen Kreisen wurde der Musnad Imam Ahmads an die sechste Stelle gesetzt.
  4. Die Dârimî-Schule: Manche sunnitischen Kreise (besonders in Ostanatolien und Transoxanien) zählten den Sunan ad-Dârimîs als sechstes Buch.

Im Ergebnis fällt der Sieg der Ibn-Mâdscha-Schule im sunnitischen Idschmâʿ in die Epoche des 7.–8. Jahrhunderts H. — in der Muqaddima Ibn Hadschars (15. Jahrhundert) ist die Stellung des Sunan Ibn Mâdscha als sechstes Buch endgültig festgeschrieben.

Reihung und Status

  1. Sahîh al-Buchârî
  2. Sahîh Muslim
  3. Sunan an-Nasâʾî
  4. Sunan Abî Dâwûd
  5. Sunan at-Tirmidhî
  6. Sunan Ibn Mâdscha — der sechste und unterste Rang des Kanons

Diese Reihung ist durch das sunnitische Idschmâʿ festgelegt; doch haben manche modernen Forscher (auch von as-Suyûtî angedeutet) vertreten, dass der Muwattaʾ Mâliks höher stehe als Ibn Mâdscha.

Anteil gemeinsamer Hadîthe

Nach der Berechnung Jonathan Browns (Hadith, 2009) finden sich ~69 % der Hadîthe im Sunan Ibn Mâdscha auch in den anderen fünf Büchern der Kutub as-Sitta; ~31 % hingegen sind einzelstehende Zawâʾid-Hadîthe. Von diesen einzelstehenden Hadîthen sind 48 % vom Grad schwach oder maudûʿ, 52 % vom Grad sahîh oder hasan.

Der Eigenbeitrag des Sunan Ibn Mâdscha zum sunnitischen Hadîth-Korpus besteht darin, dass die Hälfte dieser 1.339 Zawâʾid-Hadîthe (700 Hadîthe) vom Grad sahîh oder hasan ist.

Moderne Kommentare

Klassische Kommentare

  1. Misbâh az-Zudschâdscha ʿalâ Sunan Ibn MâdschaDschalâl ad-Dîn as-Suyûtî (gest. 911 H. / 1505 n. Chr.). Der maßgeblichste klassische Kommentar zum Sunan Ibn Mâdscha; er konzentriert sich besonders auf die Zawâʾid-Hadîthe.
  2. Mâ Tamassu Ilayhi l-Hâdscha ʿalâ Sunan Ibn Mâdscha — Sirâdsch ad-Dîn ʿUmar b. ʿAlî al-Bulqînî (gest. 805 H.).
  3. Hâschiya ʿalâ Sunan Ibn Mâdscha — Muhammad b. ʿAbd al-Hâdî as-Sindî (gest. 1138 H.).

Moderne Editionen

Kritik und Diskussionen

Kritik innerhalb der klassischen Epoche

1. Die hohe Quote schwacher Hadîthe: Die klassischen Gelehrten adh-Dhahabî (Siyar) und Ibn Hadschar (Muqaddima) haben ausdrücklich angemerkt, dass im Sunan Ibn Mâdschas der Auswahlfilter für authentische Hadîthe locker ist. Adh-Dhahabî sagt: „Im Sunan Ibn Mâdschas gibt es munkar- und schwache Hadîthe; für den Kenner ist dies offenkundig."

2. Die Behauptung, es seien erfundene Hadîthe enthalten: Ibn as-Salâh und besonders Ibn al-Dschauzî (al-Maudûʿât) haben behauptet, im Sunan Ibn Mâdscha seien eindeutig erfundene (maudûʿ) Hadîthe enthalten. Ibn al-Dschauzî hat etwa 30 Hadîthe in seine Maudûʿât-Liste aufgenommen; die moderne Forschung (as-Suyûtî im Tadrîb, al-Albânî im Sahîh wa-Daʿîf) hat diese Zahl teils anerkannt, teils zurückgewiesen. Im Ergebnis wird im sunnitischen Idschmâʿ anerkannt, dass im Sunan Ibn Mâdscha sehr wenige erfundene Hadîthe vorhanden sind, dass aber solche vorhanden sind.

3. Die Legitimität der Aufnahme in den Kanon: Manche klassischen Gelehrten — besonders Ibn as-Salâh in seiner Muqaddima — haben geäußert, dass die Aufnahme des Sunan Ibn Mâdscha als sechstes Buch in die Kutub as-Sitta historisch nicht gesichert sei und dass der Muwattaʾ Mâliks dieses Ranges würdiger sei.

Zeitgenössische Kritik

Mystische und geistliche Dimension

Der Abschnitt Kitâb az-Zuhd des Sunan Ibn Mâdscha ist die primäre Hadîth-Quelle der Geschichte des Tasawwuf. Dieser Abschnitt behandelt ausführlich:

Aus diesem Grund gehört das Kitâb az-Zuhd des Sunan Ibn Mâdscha im Ihyâʾ al-Ghazâlîs, in den ʿAwârif al-Maʿârif as-Suhrawardîs und in der Risâla al-Quschayrîs zu den am häufigsten zitierten Hadîth-Quellen.

Auch der Abschnitt Kitâb ar-Ruʾyâ hat als Hadîth-Grundlage der islamischen Traumdeutungstradition eine große Rolle; er ist der Ausgangspunkt der Kette, die von der Schule Ibn Sîrîns bis zu den modernen psychologischen Traumdeutungen reicht.

Wirkung und Gegenwart

Der Sunan Ibn Mâdscha wird heute:

Fazit

Der Sunan Ibn Mâdscha ist der unterste und umstrittenste Pol des sunnitischen Hadîth-Kanons; doch mindert diese „Umstrittenheit" nicht den Wert des Werkes, sondern liefert die transparenteste Fallstudie dazu, wie sich der sunnitische Kanon geformt hat. Die hohe Quote schwacher Hadîthe im Werk ist insofern paradigmatisch, als sie aufzeigt, dass der Kanonisierungsprozess weniger auf technischer Sorgfalt als auf dem geographischen und geistlichen Reichtum des Materials beruhte. Dass etwa die Hälfte der 1.339 einzelstehenden Zawâʾid-Hadîthe sahîh oder hasan ist — besonders für die Zuhd- und Ruʾyâ-Abschnitte in der Tasawwuf-Tradition —, macht den Sunan Ibn Mâdscha zu einer unverzichtbaren sunnitischen Hadîth-Quelle. Zusammen mit einer koranzentrierten Lesart betrachtet, ist der Sunan Ibn Mâdscha der umfangreichste, doch zugleich der am wenigsten kritisch gefilterte Baustein der textlichen Architektur der Sunna.