Sunan at-Tirmidhî (al-Dschâmiʿ al-Kabîr)
Das kanonische Sunan-Werk des Imâm at-Tirmidhî, das ~3.956 Hadîthe enthält und in der islamischen Hadîth-Wissenschaft den ersten systematischen Gradierungsbegriff („hasan-sahîh") etablierte; dazu die Schamâʾil-i Scharîfa.
Vorstellung des Werks
al-Dschâmiʿ al-Kabîr — mit seinem berühmten Namen Sunan at-Tirmidhî (as-Sunanu'l-Dschâmiʿu's-Sahîh) — ist das von Imâm Abû ʿÎsâ Muhammad b. ʿÎsâ at-Tirmidhî (209–279 h. / 824–892 n. Chr.) verfasste dritte Buch der Sechs Bücher (der sechs kanonischen Hadîth-Sammlungen). Da das Werk die Merkmale sowohl der Gattung Dschâmiʿ als auch der Gattung Sunan trägt, wird es in der Literatur mit beiden Namen genannt:
- Dschâmiʿ: weil es alle islamischen Themen umfasst wie ʿAqâʾid, Ahkâm, Fitan-Endzeit, Fadâʾil-Manâqib.
- Sunan: weil es die Rechts-Hadîthe (Ahkâm) innerhalb einer fiqh-rechtlichen Anordnung ordnet.
Der Dschâmiʿ at-Tirmidhîs ragt im Kanon des edlen Hadîth nach Sahîh al-Buchârî und Sahîh Muslim durch seine originellen methodologischen Beiträge hervor; insbesondere etablierte er den Begriff „hasan-sahîh" und verlieh damit der Disziplin der Hadîth-Gradierung eine systematische Sprache.
Sein Leben und Kontext
Der Verfasser Abû ʿÎsâ at-Tirmidhî wurde in der Stadt Tirmidh (im heutigen Usbekistan, am Nordufer des Amudarja) geboren. Den größten Teil seines Lebens verbrachte er in den Wissenszentren des östlichen Transoxaniens des 9. Jahrhunderts wie Buchârâ, Nîschâpûr, Samarkand und Balch. Unter seinen Lehrern nennt er mit weitem Abstand an erster Stelle Imâm al-Buchârî; berühmt ist das Wort al-Buchârîs über at-Tirmidhî: „Was ich von dir gelernt habe, ist mehr als das, was ich dich gelehrt habe." Dieses Wort deutet zweierlei an: al-Buchârî empfand schon früh Bewunderung für die eigenständige wissenschaftliche Persönlichkeit at-Tirmidhîs; und at-Tirmidhî trug die Umwälzung, die al-Buchârî in die Hadîth-Wissenschaft brachte, in seinen eigenen Dschâmiʿ hinein.
In den letzten Jahren seines Lebens verlor at-Tirmidhî sein Augenlicht. Die klassischen Biographien überliefern, diese Blindheit sei davon gekommen, dass er viel geweint habe; auch wenn diese Angabe historisch keine Gewissheit trägt, zeigt sie den Platz des asketischen Charakters at-Tirmidhîs im traditionellen islamischen Gedächtnis.
Inhaltsstruktur
Der Sunan at-Tirmidhî enthält 46 Hauptabschnitte (kitâb) und insgesamt ~3.956 Hadîthe. Die Grundabschnitte des Werks:
- Kitâb at-Tahâra, as-Salât, az-Zakât, as-Siyâm, al-Hadsch — die klassische fiqh-rechtliche Fünfergruppe.
- Kitâb al-Dschanâʾiz, an-Nikâh, at-Talâq, al-Buyûʿ, al-Hudûd, ad-Diyât — das Sozialrecht.
- Kitâb al-Dschihâd, as-Siyar — militärisch-politische Hadîthe.
- Kitâb Tafsîri'l-Qurʾân — etwa 400 Hadîthe, Tafsîr-Hadîthe nach der Suren-Anordnung.
- Kitâb ad-Daʿawât — Bittgebete, der Abschnitt der Awrâd; eine Grundquelle für die Tradition des Sufismus.
- Kitâb al-Birri wa's-Sila — Ethik und soziale Beziehungen.
- Kitâb az-Zuhd — der Abschnitt der Askese und des Sufismus.
- Kitâb Sifâti'l-Dschanna, Sifâti'n-Nâr, Sifâti'l-Qiyâma — die eschatologischen Abschnitte.
- Kitâb al-Manâqib — die Vorzugserzählungen der Prophetengefährten und der Ahl al-Bait (etwa 200 Hadîthe).
- Kitâb al-ʿIlal — der letzte Abschnitt, Kitâb al-ʿIlal as-Saghîr, Themen der Hadîth-Methodologie (zudem gibt es ein eigenständiges Werk at-Tirmidhîs, al-ʿIlal al-Kabîr).
Abfassungsmethodologie — Die hasan-sahîh-Revolution
Der größte Beitrag at-Tirmidhîs zur Hadîth-Wissenschaft ist, dass er am Ende jedes Hadîth mit der Formulierung „hâdhâ hadîthun ..." („dieser Hadîth ist ...") den Grad des Hadîth ausdrücklich angibt. Al-Buchârî und Muslim setzen voraus, dass die in ihre Sahîhs aufgenommenen Hadîthe nur gedanklich authentisch sind; at-Tirmidhî hingegen gibt für jeden Hadîth eine ausdrückliche Gradierung.
Die Gradierungsbegriffe at-Tirmidhîs
- Sahîh — der zuverlässigste Grad, der alle Bedingungen erfüllt.
- Hasan — ein Hadîth, der den Grad sahîh nicht erreicht, aber auch nicht schwach ist und als Beweis zulässig (hudscha) ist.
- Hasan-sahîh — auf einigen Überlieferungswegen sahîh, auf anderen hasan; der originelle Begriff at-Tirmidhîs.
- Hasan-gharîb — hasan, aber nur über einen einzigen Überlieferungsweg überliefert.
- Sahîh-gharîb — sahîh, aber nur über einen einzigen Überlieferungsweg überliefert.
- Daʿîf — schwach, ausdrücklich angegeben.
- Maudûʿ (mauzûʿ) — erdichtet; dieser Grad wird äußerst selten verwendet.
Der Begriff hasan-sahîh ist, wie Ibn Hadschar in seinem Werk Nuzhat an-Nazar angibt, der originelle wissenschaftliche Beitrag at-Tirmidhîs und gehört zu den Schlüsselbegriffen der späteren Literatur der Hadîth-Methodologie. Nach Ibn Hadschars Erklärung bezeichnet dieser Begriff einen Hadîth, der mehr als einen Überlieferungsweg hat und von dem manche Wege hasan, manche sahîh sind.
Die Bedingung at-Tirmidhîs
At-Tirmidhî formuliert das Annahmekriterium seines Werks so: „Jeder Hadîth, der in diesem Buch steht, ist von einem oder mehreren Rechtsgelehrten (Faqîh) in der Praxis befolgt worden." Das heißt, at-Tirmidhî hat die Hadîthe ausgewählt, die eine fiqh-rechtliche Praxis haben; angestrebt ist keine bloß theoretische Sammlung, sondern eine praktische Quelle.
Die Kommentartradition
Auch wenn die zum Sunan at-Tirmidhî verfassten Kommentare nicht so dicht sind wie beim Sahîh al-Buchârî, haben sie eine bedeutende Schule gebildet.
Die wichtigsten Kommentare
ʿÂridat al-Ahwadhî bi-Scharhi Sunan at-Tirmidhî — Abû Bakr Ibn al-ʿArabî al-Mâlikî (543/1148). Ein Klassiker der andalusisch-mâlikitischen Hadîth-Auslegung. ANMERKUNG: Dies ist nicht mit Ibn ʿArabî (Muhyî d-Dîn) zu verwechseln; Abû Bakr Ibn al-ʿArabî ist ein vor jenem lebender mâlikitischer Rechtsgelehrter.
Tuhfat al-Ahwadhî bi-Scharhi Dschâmiʿi't-Tirmidhî — Muhammad ʿAbd ar-Rahmân al-Mubârakpûrî (1353/1934). 10 Bände. Der umfassendste Tirmidhî-Kommentar der modernen Zeit. Auf dem indischen Subkontinent entstanden.
Scharhu Dschâmiʿi't-Tirmidhî — Ibn Sayyid an-Nâs (734/1334). Unvollendet geblieben; sein Schüler Zain ad-Dîn al-ʿIrâqî wollte ihn vollenden, doch reichte sein Leben nicht aus.
al-Mafâtîh fî Scharhi'l-Masâbîh — al-Husain b. Mahmûd al-Baghawî (516/1122). Obgleich ein Kommentar zu den Masâbîh, enthält er die meisten der Hadîthe at-Tirmidhîs.
Qût al-Mughtadhî ʿalâ Dschâmiʿi't-Tirmidhî — as-Suyûtî (911/1505). Eine Kurzfassung.
Schamâʾil-i Scharîfa — Das zweite Meisterwerk at-Tirmidhîs
Das von at-Tirmidhî verfasste Werk asch-Schamâʾilu'n-Nabawiyya wa'l-Chasâʾilu'l-Mustafawiyya — kurz bekannt als Schamâʾil-i Scharîfa oder Schamâʾil-i Tirmidhî — ist eine gesonderte Sammlung, die aus Hadîthen besteht, welche die körperlichen, sittlichen und alltäglichen Eigenschaften des Propheten Muhammad (s) schildern. Sie enthält 397 Hadîthe und ist in 56 bâb gegliedert.
Der Inhalt der Schamâʾil
- Die körperliche Beschreibung des Propheten (Haar, Hautfarbe, Wuchs, Gesichtszüge).
- Seine Kleidung (Beschreibungen von Hemd, Turban, Schuhwerk).
- Sein Essen und Trinken (die von ihm geliebten Speisen, die Sitte des Wassertrinkens).
- Die Sitte des Schlafens.
- Seine Art zu sprechen, sein Lachen, sein Weinen.
- Seine Gattinnen und sein Familienleben.
- Seine Briefe, sein Siegel.
Die Schamâʾil ist in der osmanischen Tradition auch die Quelle der Kunst der „Hilya-i Scharîfa" — besonders das Hilya-i Saʿâdat-Versgedicht von Hâkânî Mehmed Bey (1606) und die Hilya-Tafeln des Kalligraphen Hâfiz Osman schöpfen unmittelbar aus der Schamâʾil-i Tirmidhî. Die Mawlid-Texte von Yunus Emre und Süleyman Çelebi sind die folkloristischen Widerspiegelungen der Schamâʾil.
Kommentare zur Schamâʾil
- Dschamʿu'l-Wasâʾil — ʿAlî al-Qârî (1014/1606). Der berühmteste Kommentar.
- Aschiʿʿatu'l-Lamaʿât — ʿAbd al-Haqq Dihlawî (1052/1642). Auf Persisch.
- Hilya-i Saʿâdat — Hâkânî Mehmed Bey (1015/1606). Türkisches Versgedicht.
Vergleichende Perspektive — Innerhalb der Kütüb-i Sitte
Die klassische sunnitische Hierarchie:
| Rang | Werk | Verfasser | Merkmal |
|---|---|---|---|
| 1 | Sahîh al-Buchârî | al-Buchârî | Strengste Bedingung |
| 2 | Sahîh Muslim | Muslim | Systematischer Isnâd |
| 3 | Sunan at-Tirmidhî | at-Tirmidhî | Gradierung |
| 4 | Sunan Abî Dâwûd | Abû Dâwûd | Fiqh-Dichte |
| 5 | Sunan an-Nasâʾî | an-Nasâʾî | ʿIlla-Analyse |
| 6 | Sunan Ibn Mâdscha | Ibn Mâdscha | Zuletzt hinzugefügt |
Der Begriff Kütüb-i Sitte wurde im 7. Jahrhundert h. / 13. Jahrhundert n. Chr. von Ibn Tâhir al-Maqdisî popularisiert; manche Schulen bildeten eine andere Sechsergruppe, indem sie anstelle des Ibn Mâdscha den Muwattaʾ Imam Mâliks setzten (besonders im Maghreb und in al-Andalus).
Die Unterschiede at-Tirmidhîs zu den anderen Sunan
- Gradierung: Nur at-Tirmidhî gibt den Grad jedes Hadîth ausdrücklich an.
- Die Ansicht der Prophetengefährten: At-Tirmidhî nennt am Ende jedes bâb „al-ʿamal-i sahâba wa tâbiʿîn", also die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Sahâba und den Tâbiʿûn.
- Das Spektrum der Rechtsschulen: At-Tirmidhî stellt häufig die Ansichten der Rechtsschulen Hanafiten, Schâfiiten, Mâlikiten und Hanbaliten nebeneinander; dieses Merkmal ist im Sunan Abî Dâwûd und an-Nasâʾî begrenzter.
- Sufische Empfindsamkeit: Die Abschnitte Kitâb az-Zuhd und Kitâb ad-Daʿawât sind bei at-Tirmidhî weiter gefasst — dieses Merkmal spiegelt at-Tirmidhîs Nähe zum Kreis der Askese und des Sufismus in Transoxanien wider (die osttiranische Asketentradition zweihundert Jahre vor Ahmad Yasawî).
Moderne Kommentare und akademische Arbeiten
- Die kritische Ausgabe Ahmad Schâkirs (1937–1965, Kairo) ist die Standardedition der modernen Zeit.
- Die von Baschschâr ʿAwwâd Maʿrûf erstellte Ausgabe des Verlags Muʾassasat ar-Risâla (1998) gilt als die jüngste wissenschaftlich-kritische Ausgabe.
- Jonathan Brown betont in seiner Canonization, dass at-Tirmidhî im Kanonisierungsprozess im Schatten des Paares al-Buchârî–Muslim blieb, jedoch für die Hadîth-Methodologie bestimmend war.
- Aisha Y. Musa, Hadith as Scripture (2008): untersucht die Rolle der Gradierungsmethodologie at-Tirmidhîs in der islamischen Hadîth-Epistemologie.
At-Tirmidhî in der Türkei
- Die Übersetzung Osman Zeki Mollamehmetoglus (1972–1981) und danach die Übersetzung Abdullah Parliyans (2005) bilden den Standard der modernen türkischen Übersetzungen.
- In Ibrahim Canans Werk Kütüb-i Sitte Tercüme ve Scherhi ist den Hadîthen at-Tirmidhîs breiter Raum gewidmet.
- Halil Ibrahim Kutlay hat eine Doktorarbeit über die ʿIlal at-Tirmidhîs verfasst.
Kritik und Diskussionen
Klassikinterne Kritik
Die Unschärfe der hasan-Kategorie: Ibn as-Salâh gibt in seiner Muqaddima an, dass die hasan-Definition at-Tirmidhîs keine festen Grenzen habe und dass, obgleich der Begriff schon vor at-Tirmidhî gebraucht wurde, keine präzise Definition vorliege, die er hätte hinzufügen können.
Das hasan-sahîh-Paradox: Wenn der Hadîth sahîh ist, warum nennt man ihn hasan, und wenn er hasan ist, warum nennt man ihn sahîh? Diese logische Spannung ist in der klassischen Methodologieliteratur ausführlich erörtert worden. Die Lösung Ibn Hadschars: Der Begriff drückt aus, dass verschiedene Überlieferungswege verschiedene Grade haben.
Das Enthalten schwacher Hadîthe: At-Tirmidhî hat nach einigen Kritikern in seinem Werk allzu viele schwache Überlieferungen aufgenommen (etwa 10–15 Prozent). At-Tirmidhîs Verteidigung: Diese Hadîthe sind Gegenstand der fiqh-rechtlichen Praxis geworden und wurden deshalb verzeichnet; nicht ihre Authentizität, sondern ihre historische Wirkung ist wichtig.
Das Aufnehmen der Meinungsverschiedenheiten der Prophetengefährten: Einige salafitische Gelehrte haben kritisiert, dass at-Tirmidhî die Meinungsverschiedenheiten der Rechtsschulen in das Werk aufnimmt, und dies als Legitimierung der Meinungsverschiedenheit gedeutet.
Moderne Kritik
- Die Tradition Goldzihers und Schachts behauptet, dass auch at-Tirmidhî wie al-Buchârî und Muslim unter die Projektionstheorie des 2.–3. Jahrhunderts fällt.
- Feministische Hadîth-Kritik: Das Kitâb ar-Radâʿ und einige Kitâb an-Nikâh-Hadîthe at-Tirmidhîs sind kritisiert worden.
- Koranzentrische Strömungen lehnen auch at-Tirmidhî wie al-Buchârî und Muslim insgesamt ab.
Die sufische und literarische Dimension
Die Abschnitte Kitâb az-Zuhd wa'r-Riqâq und Kitâb ad-Daʿawât at-Tirmidhîs sind für die Tradition des Sufismus (Tasawwuf) ein weiterer Schatz als der Riqâq-Abschnitt des Sahîh al-Buchârî. al-Ghazâlî zitiert in seinem Ihyâʾ häufiger aus at-Tirmidhî als aus al-Buchârî. Im Dîwân-i Hikmat Ahmad Yasawîs und in den geistlichen Sprüchen (nutuq-i scharîf) Yunus Emres sind die Nachklänge der Hadîthe at-Tirmidhîs deutlich sichtbar.
Ibn ʿArabî (Muhyî d-Dîn) zitiert in seinem al-Futûhâtu'l-Makkiyya besonders viel aus den Abschnitten Manâqib und Fadâʾil at-Tirmidhîs. Die Hadîthe at-Tirmidhîs zu den Vorzügen ʿAlîs, der Ahl al-Bait und der Gemeinde Muhammads sind ein gemeinsames Erbe, das sowohl im sunnitischen Sufismus als auch in der alevitisch-bektaschitischen und selbst in der schiitischen Tradition geteilt wird — der transoxanische Ursprung at-Tirmidhîs und die sufische Atmosphäre in Tirmidh haben an dieser Empfindsamkeit Anteil.
Die Stellung at-Tirmidhîs im islamischen Denken
Die Wirkung at-Tirmidhîs fließt in drei Strängen:
- Der Strang der Hadîth-Methodologie: die Terminologie hasan-sahîh-hasan-gharîb.
- Der Schamâʾil-Strang: die ästhetisch-literarische Schilderung der Persönlichkeit des Propheten; die Kunst der Hilya.
- Der Strang Askese-Sufismus: die Aufnahme der osttiranischen Asketentradition in den sunnitischen Kanon.
Werden diese drei Stränge zusammen gedacht, so ist at-Tirmidhî nicht der Ergänzer von Sahîh al-Buchârî und Sahîh Muslim, sondern der Begründer eines eigentümlichen Typus sunnitischer Pädagogik: Hier kommen wissenschaftliche Sorgfalt (Gradierung), ästhetische Empfindsamkeit (Schamâʾil) und geistliche Tiefe (Askese) zusammen.
Fazit
Der Sunan at-Tirmidhî ist das erste Werk, das systematisch zeigt, dass die Hadîth-Wissenschaft eine technische Disziplin ist — dass es also nicht nur des Überlieferns, sondern des Bewertens bedarf. Der Begriff hasan-sahîh erkennt an, dass die Hadîth-Kritik ein Spektrum ist, dass es zwischen sahîh und schwach einen Mittelgrund gibt. Diese Nuance bietet gegenüber dem einwertigen Ansatz al-Buchârîs eine mehrwertige Epistemologie.
Die Schamâʾil-i Scharîfa ist zur unmittelbaren Quelle der islamischen Kunst (Hilya, Mawlid, Qasîda) geworden, indem sie die zâhir-bâtin-Einheit des prophetischen Charismas des Propheten, seine konkret-körperliche Wirklichkeit mit seinem geistlich-sittlichen Ideal ineinander verschränkt darbietet. In dieser Hinsicht ist das Paar aus Sunan at-Tirmidhî und Schamâʾil weniger ein Hadîth-Korpus als ein Programm der islamischen Zivilisation.