Die Babai-Bewegung
Eine im Anatolien des 13. Jahrhunderts unter der Führung von Baba Ilyas Horasanî und seinem Stellvertreter Baba Ishâk ausgebrochene turkmenisch-sufisch-schamanische Synthesebewegung; die gemeinsame spirituelle Wurzel der anatolischen heterodoxen Traditionen und das Schlüsselthema der Köprülü-These.
Definition und konzeptueller Rahmen
Die Babai-Bewegung (Babaitum, Babai-Aufstand) ist die umfassendste gesellschaftlich-spirituelle Bewegung des Anatoliens im 13. Jahrhundert. Diese 1240 unter der Führung von Baba Ilyas Horasanî und seinem Stellvertreter Baba Ishâk Kefersudî ausgebrochene Bewegung ist weit mehr als ein bloßer Dorfaufstand: Sie ist eine prototypische Tradition, die eine organische Synthese der von den anatolischen Turkmenenstämmen aus Zentralasien mitgebrachten schamanischen Weltsicht mit dem islamisch-sufischen Sufismus verkörpert und die gemeinsame spirituelle Wurzel der anatolischen heterodoxen Traditionen späterer Jahrhunderte bildet — einschließlich des Bektaschitums, des Alevitentums, der Abdal-Bewegung, der Melâmî-Bayrâmiyya und in gewissem Maße auch des früh-sufischen Gewebes des Osmanischen Reiches.
Als Begriff trägt der Ausdruck „Babai" (Bâbâ + î, „mit Baba" oder „an Baba gebunden") den Titel „Baba" im Zentrum der Bewegung in sich. Das Wort „Baba" trägt eine Bündelung von Bedeutungen, die sowohl aus dem Alttürkischen (Stammvater, ehrwürdige Person) als auch aus dem Persischen (bābā: alt, spiritueller Großer) sowie aus den spirituell-meisterlichen Titeln des Yesevî-Sufismus (etwa Loqmân Baba, Tschaschnigîr Baba) stammt. In der modernen Wissenschaft wird das Wort Babai nicht nur für das historische Ereignis von 1240 verwendet, sondern zugleich als kategorialer Name einer weiten Familie spiritueller Bewegungen der anatolisch-turkmenischen Volkssufik, die sich vom 13. bis ins 15.–16. Jahrhundert erstreckt.
Die akademische Untersuchung der Babai-Bewegung ist eines der wichtigsten Felder der modernen türkisch-islamischen Geschichtsschreibung. Mehmet Fuat Köprülü positioniert sich mit seinem Werk Türk Edebiyatinda Ilk Mutasavviflar (1918) als Begründer dieses Feldes. Ahmet Yaschar Ocaks Werk Babailer Isyani: Alevilighin Tarihsel Altyapisi (1980) ist die systematische Formulierung des Themas. Irène Mélikoff Hadji Bektach: un mythe et ses avatars (1998) behandelt ausführlich die Erstreckung dieses Erbes bis zur Kette Haci Bektasch–Bektaschi–Alevit. Ahmet T. Karamustafa God's Unruly Friends (1994) verortet die Babai-Bewegung vergleichend innerhalb einer weiten Familie islamischer Derwischbewegungen.
Die historische Bedeutung der Bewegung rührt sowohl daher, dass sie ein faktisches historisches Ereignis ist (der Aufstand von 1240 und der Prozess, der zum Niedergang des seldschukischen Sultanats führte), als auch daher, dass sie der Ausgangspunkt einer längerfristigen spirituell-historischen Strömung ist. Ein großer Teil des lebendigen spirituellen Gewebes der anatolischen Geographie — die alevitischen Dergâhs, die bektaschitischen Tekkes, die Volksdichtung des Abdal-Erbes, die Grabbesuchskultur, die volkstürkische Sufi-Literatur — sind unmittelbare oder mittelbare Fortsetzungen dieser Bewegung. Ohne ein Verständnis der Babai-Bewegung lässt sich der achthundertjährige Verlauf der anatolischen spirituellen Geschichte nicht erfassen.
Historischer Hintergrund: die Krise des Anatoliens im 13. Jahrhundert
Für das Verständnis der Babai-Bewegung muss man das Bild der Mehrfachkrise des Anatoliens im 13. Jahrhundert kennen:
1. Turkmenische Stammeswanderungen: Die Zerschlagung des Choresmschah-Staates durch das Mongolenreich 1218 führte zum Beginn einer großen turkmenischen Migration aus Zentralasien und der Region Choresm nach Westen. Diese Turkmenenstämme — zusätzlich zu jenen, die schon zuvor innerhalb des seldschukischen Verbandes in Chorasan und Aserbaidschan angesiedelt waren — strömten nun nach Anatolien. Auch wenn die Zahl der zwischen 1220 und 1240 nach Anatolien gekommenen Turkmenen nicht genau geschätzt werden kann, wird sie mit Hunderttausenden beziffert. Diese Migrationswelle erschütterte das demographische Gleichgewicht Anatoliens, seine ökonomisch-weidewirtschaftliche Kapazität und seine politisch-administrative Struktur tiefgreifend.
2. Die Bedrängung der Turkmenen durch das seldschukische Steuersystem: Das anatolisch-seldschukische Sultanat trug als ein in Konya zentrierter Hofstaat eine persisch-zentrierte kulturelle Orientierung. Das Steuer-Land-System stellte die sesshafte bäuerliche Bevölkerung in den Vordergrund; es erschwerte das auf Viehweide gegründete Leben der Turkmenenstämme zusehends. Innerhalb des Ikta-Systems (militärisch-steuerliche Zuweisung) wurden die turkmenischen Weidegründe verengt, und die Steuereintreiber gingen Jahr für Jahr mit härteren Methoden bei der Steuererhebung vor.
3. Die kulturelle Entfremdung zwischen Turkmenen und Hof: Der seldschukische Hof sprach Persisch, bekannte sich zur klassischen islamischen Medrese-Sunni-Theologie und stützte sich auf den klassischen persischen Literaturgeschmack (Saʿdî, Hâfiz, später Mevlânâ). Das turkmenische Volk hingegen sprach Oghusisch-Türkisch, trug die Volkssufik und die alten türkisch-schamanischen Motive, führte die mündlich-epische Kultur fort. Die Entfremdung zwischen diesen beiden Welten ist die kulturelle Grundlage des Ausbruchs von 1240. Der seldschukische Hof hatte eine kulturell-elitäre Sprache entwickelt, die seine eigene turkmenische Basis als „Türk-i bî-idrâk" (verständnisloser Türke) geringschätzte; und das turkmenische Volk sah die Hof-Elite als ein ihm fremdes, ausbeuterisches Gebilde.
4. Die Schwäche Giyâseddin Keyhüsrevs II.: Giyâseddin II. (1237–1246), der Sohn Alâeddin Keykubâds I., entbehrte der politisch-militärischen Fähigkeit seines Vaters. Die Cliquenbildungen am Hof, die Rivalitäten unter den Wesiren und besonders die Intrigen Saadeddin Köpeks schwächten das Reichszentrum. Köpek beseitigte zwischen 1237 und 1239 die fähigen Emire des Reiches (Kemâleddin Kâmyâr, Hüsâmeddin Karaca, Tâceddin Pervâne, Schemseddin Altun-aba) der Reihe nach; schließlich wurde er selbst 1239 getötet, doch das militärisch-politische Rückgrat des Reiches war irreparabel geschwächt.
5. Die nahende Mongoleninvasion: Die Ausdehnung des Mongolen-Ulus von Osten nach Westen wurde als beständige Bedrohung empfunden. In der Schlacht von Köse Dagh 1243 sollte das Seldschukenreich in die mongolische Vasallität geraten; doch die Babai-Bewegung brach unmittelbar zuvor aus und schwächte die Seldschuken von innen. In der Formulierung des Historikers Claude Cahen: „Der Babai-Aufstand zerriss die Seldschuken von innen; Köse Dagh vollendete es von außen."
Spirituell-doktrinäre Grundlagen
Der spirituell-doktrinäre Rahmen der Babai-Bewegung wird in modernen akademischen Arbeiten als ein organisches Ganzes aus folgenden Elementen analysiert:
1. Schamanisch-sufische Synthese: Nach der klassischen These Mehmet Fuat Köprülüs ist das strukturelle Merkmal des anatolisch-turkmenischen spirituellen Lebens eine organische Synthese des aus Zentralasien mitgebrachten türkisch-mongolischen Schamanismus mit dem islamisch-sufischen Sufismus. Die Babai-Bewegung ist die konkreteste Manifestation dieser Synthese im Anatolien des 13. Jahrhunderts. Diese Synthese umfasst folgende Elemente:
- schamanen-typische Wundermotive (Wetterkontrolle, Verständigung mit Tieren, verborgenes Wissen, Unsichtbarwerden)
- die aus dem türkisch-mongolischen Tengri-Glauben stammende Vorstellung der „heiligen Natur" (Berg-, Wasser-, Baum-Heiligkeit)
- die Zentralität der Ali-Liebe (in ihrer Schönheits-Dimension, cemâl) im islamischen Rahmen
- die Übernahme einer mit dem Stammvater verschmolzenen Rolle durch die spirituell-meisterliche Gestalt („Baba")
- die Zentralität der gemeinschaftlichen Cem-Rituale (die sich später als Cem-Semâh institutionalisieren werden)
2. Eschatologisch-mahdistische Betonung: Die spirituelle Doktrin der Babai trägt eine starke eschatologische (endzeitliche) Dimension. Die Ausrufung Baba Ilyas' zum „Resûlullâh" (Gesandten Gottes), Baba Ishâks Verwendung des Titels „Resûl des Resûl" und ganz allgemein die Erwartung, dass „die göttliche Wahrheit bald in Erscheinung treten werde", sind die Manifestationen dieses eschatologischen Rahmens. Dieser Rahmen speist sich sowohl aus der schiitisch-geprägten Mahdî-Eschatologie als auch aus der zyklischen Zeitvorstellung der türkisch-mongolischen Kosmologie.
Die eschatologisch-mahdistische Betonung war keine bloße theologische Abstraktion, sondern zugleich ein grundlegender konzeptueller Rahmen, der die gesellschaftspsychologische Verfassung der Babai-Bewegung formte. Für das turkmenische Volk versinnbildlichte der „bald kommende" erwartete Mahdî den Niedergang der bestehenden seldschukischen Ordnung, die Errichtung von Gerechtigkeit und Gleichheit und das „In-Erscheinung-Treten der göttlichen Wahrheit". Diese Erwartung diente als Motivationsquelle des Aufstands; spirituell-praktisches Handeln und politisch-praktisches Handeln wurden zu einem untrennbaren Ganzen.
3. Ali-Zentralität: Im theologischen Herzen der Babai-Bewegung liegt die zentrale Positionierung Alis. Dies ist eine Form, die deutlich vom sunnitisch-seldschukisch-medresehaften Rahmen abweicht, sich aber auch von der schiitisch-imamitischen Theologie unterscheidet. Ali wird hier nicht als bloß historischer Kalif, sondern als ein kosmisches spirituelles Prinzip — cemâl (die Manifestation der göttlichen Schönheit) — gedeutet. Dieser Rahmen ist der grundlegende Kern der späteren bektaschitisch-alevitischen Theologie.
Neben der „cemâl"-Dimension Alis wird Mohammed als „celâl" (die Manifestation der göttlichen Macht) positioniert; beide zusammen bilden die zweiseitige Manifestation der göttlichen Wahrheit. Diese doktrinäre Formulierung wird sich später in der bektaschitischen Theologie als die „Trias Allah-Mohammed-Ali" institutionalisieren. Diese Trias wurde hinsichtlich ihrer Abweichung vom klassischen sunnitischen Verständnis der Einheit Gottes (Tauhîd) kritisiert; doch sie wurde als eine in sich konsistente kosmologische Formel der bektaschitisch-alevitischen Theologie verteidigt. In den modernen alevitisch-bektaschitischen theologischen Debatten ist die Frage der Vereinbarkeit dieser Trias mit dem sunnitischen Tauhîd noch immer ein lebendiges Diskussionsthema.
4. Enge Pîr-Schüler-Bindung: In der Babai-Bewegung ist die spirituelle Erziehung nicht buch-zentriert, sondern sohbet-zentriert. Es gilt als ausgemacht, dass die Reise sich ohne die Angesicht-zu-Angesicht-, Herz-zu-Herz-Beziehung des Schülers zum Baba nicht vollzieht. Dies ist die Quelle für die Rolle der späteren Sohbet-Tradition in der anatolischen Volkssufik.
5. Spirituelle Gleichheit von Frau und Mann: Während in den meisten klassischen sunnitisch-sufischen Ordensstrukturen die spirituelle Erziehung von Frau und Mann scharf getrennt war, nimmt in der Babai-Bewegung — und in ihrem späteren bektaschitisch-alevitischen Erbe — die Frau gemeinsam mit dem Mann an der Cem-Verehrung teil, steht gemeinsam im Semâ-Reigen, und die spirituelle Pîr-Würde (Ana, Ana-Baci, Dede-Baba) wird von Mann und Frau geteilt. Diese Struktur ist eine spirituell-praktische Fortsetzung des Merkmals des Zusammenlebens von Frau und Mann im alten türkisch-mongolischen Stammesleben.
6. Der spirituelle Wert des Volkstürkischen: In der Babai-Bewegung vollzieht sich die spirituelle Kommunikation im Volkstürkischen. Gegen die persisch-arabisch zentrierte Sprache der klassischen seldschukischen Medrese-Sufik wird eine Tradition spiritueller Dichtung und Predigt im volkstürkischen Silbenmaß errichtet. Dies ist die spirituell-literarische Grundlage der späteren Yunus Emre-Tradition, der Deyisch Pir Sultan Abdals und der Dichtung Kaygusuz Abdals.
Wichtige Persönlichkeiten und Silsila
Die Gestalten im Zentrum der spirituellen Babai-Silsila:
1. Hodscha Ahmed Yesevî (gest. 1166): Der große Pîr der zentralasiatischen türkischen Sufik; der Ausgangspunkt der spirituellen Silsila der Babai-Bewegung. Sein Werk Dîvân-i Hikmet ist die erste große Sammlung sufischer Dichtung im Volkstürkischen. Die anatolisch-turkmenischen Babas binden ihre eigene Silsila an die Yesevî-Kette. Yesevîs Turkestan-zentrierter (heute Kasachstan) Sufi-Weg ist das erste große Beispiel der Verwandlung des Volkstürkischen in einen spirituell-literarischen Kanal.
2. Loqmân-i Perende: Eine mystische Gestalt, von der überliefert wird, sie sei einer der Stellvertreter Yesevîs gewesen, und deren Name sowohl in der spirituellen Erziehung Dede Garkins als auch Haci Bektasch Velîs genannt wird.
3. Dede Garkin: Eine spirituelle Gestalt, die als spiritueller Meister Baba Ilyas' überliefert wird und mit dem oghusischen Karkin-Stamm verbunden ist. Seine historische Persönlichkeit ist ungewiss; spirituell-funktional ist er die Brücke der anatolisch-turkmenischen Baba-Tradition.
4. Baba Ilyas Horasanî (etwa 1175–1240): Die spirituelle Hauptgestalt der Babai-Bewegung. Er organisierte sich in der Umgebung von Amasya; er positionierte sich als spirituelle Legitimationsquelle der Bewegung; 1240 wurde er von den seldschukischen Truppen hingerichtet.
5. Baba Ishâk Kefersudî (gest. 1240): Der Hauptstellvertreter Baba Ilyas' und der militärisch-praktische Führer der Bewegung. In der Region Kefersud erhob er das Banner des Aufstands; er führte das turkmenische Heer; auf der Ebene von Malya fiel er als Märtyrer.
6. Stellvertreter und Statthalter: Unter dem Befehl Baba Ishâks waren in den Regionen Marasch, Malatya, Sivas, Tokat, Amasya und Çorum zugleich Stellvertreter und Statthalter, die die Turkmenenstämme aufwiegelten — Gestalten, deren Namen in den Quellen selten vorkommen, die aber die weiträumige Organisation der Bewegung gewährleisteten.
Kanäle des spirituellen Erbes:
7. Haci Bektasch Velî (etwa 1209–1271): Die institutionelle Manifestation des spirituellen Erbes der Babai-Bewegung. Seiner Velâyet-nâme zufolge war er ein Stellvertreter Baba Ilyas'; nach dem Babai-Aufstand zog er sich nach Sulucakarahöyük (heute Hacibektasch) zurück; er wurde als Pîr des Bektaschi-Weges anerkannt.
8. Sari Saltik (gest. 1297–1298): Der spirituelle Führer der nach dem Babai-Aufstand auf den Balkan ausgewanderten Turkmenen. Sein Grabmal liegt in der Dobrudscha, in Rumänien. Die Saltiknâme (Ebûʾl-Hayr-i Rûmî, 15. Jahrhundert) ist der literarische Beleg für die Ausbreitung dieses Erbes auf dem Balkan (Bulgarien, Rumänien, Albanien, Bosnien).
9. Âschik Pascha (gest. 1332): Der Enkel Baba Ilyas', der Verfasser der Garîb-nâme (1330); die Gestalt, die eines der wichtigsten frühen literarischen Werke der türkisch-islamischen Volkssufik schuf. Die zehnteilige, zehntausend Verse umfassende Garîb-nâme gilt als der sufisch-ethische Kanon-Text des Volkstürkischen.
10. Elvan Çelebi (gest. nach 1359): Der Enkel Baba Ilyas' und der Verfasser der Menâkibu'l-Kudsiyye (1358–1359). Der literarische Hüter des spirituellen Erbes der Babai-Bewegung. Dieses Werk trägt als einzige detaillierte Quelle, die den Blick der Bewegung von innen heraus widerspiegelt, großen historischen Wert.
11. Abdâl Mûsâ (gest. etwa 1330): Die Manifestation des Babai-Erbes im westlichen Anatolien (Elmali, Antalya). Es wird überliefert, er sei einer der Stellvertreter Haci Bektaschs gewesen. Sein Grabmal in Elmali gehört zu den jährlichen alevitisch-bektaschitischen Pilgerstätten.
12. Kaygusuz Abdâl (etwa 1341–1444): Der Stellvertreter Abdâl Mûsâs; der dichterische Hüter der Volkssufik vom Babai-Abdal-Typus. In Ägypten gründete er die Kaygusuz-Sultan-Tekke. Seine humoristisch-sufisch-philosophischen Gedichte zählen zu den schöpferischsten literarischen Manifestationen der Volkssufik.
13. Schücâeddin Velî (gest. etwa 1439): Ein Babai-erbender Volksmystiker, dessen Grabmal in der Umgebung von Seyitgazi (Eskischehir) liegt. Eines der bektaschitisch-alevitischen Pilgerzentren.
14. Otman Baba (gest. 1478): Die Manifestation des Babai-Erbes auf dem Balkan im 15. Jahrhundert. Seine Vilâyet-nâme ist eine wichtige historische Quelle. Sein Grabmal liegt in Bulgarien.
15. Pir Sultan Abdâl (etwa 1500–1560): Als Sivas-zentrierter Babai-alevitischer Volksdichter eine der höchsten Gestalten der anatolischen volkssufischen Literatur. Mit der Überlieferung, er sei vom Statthalter von Sivas, Hizir Pascha, hingerichtet worden, positioniert er sich als Wiederholung des Märtyrertums Baba Ishâks im 16. Jahrhundert.
Diese Silsila ist nicht geradlinig wie eine klassische Ordens-Silsila; sie verzweigt sich in Form eines Strom-Netzes in mehrere Nebenzweige und bringt in verschiedenen Regionen verschiedene Manifestationen hervor.
Praktiken und Rituale
Das spirituell-praktische Repertoire der Babai-Bewegung umfasst Elemente, die den späteren bektaschitisch-alevitischen und Abdal-Traditionen vererbt wurden:
1. Cem-Ritual: Als Gemeinschaftsverehrung ist das Cem-Ritual in der Struktur der Babai-Bewegung zentral. Diese gemeinsam von Frau und Mann, im Kreis stehend, unter der Führung eines Dede vollzogene Verehrung umfasst folgende Elemente: Gülbang (Gebet), Nefes (Vortragen spiritueller Gedichte), Semâ-Reigen (kreisförmige Bewegung), Lokma-Teilung. Das Semâ ist, anders als der Schems-zentrierte kreisförmige Tanz des Mevlevîtums, in der Babai-bektaschitisch-alevitischen Tradition eine gemeinschaftszentrierte und mit der Ali-Schönheit (cemâl) verbundene Form.
Die Struktur des Cem-Rituals ist in den modernen alevitisch-bektaschitischen Praktiken als die zwölf Dienste („oniki hizmet") kodifiziert: Dedelik (Wegführung), Rehber-Pîrlik, Gözcü (Aufseher), Çeraghci (Leuchtenwart), Zakir (Sänger), Ferrasch (Reiniger), Sakaci (Wasserträger), Kurbanci (Opferwart), Sofraci (Tafelwart), Peyiklik (Bote), Semahci (Semâh-Tänzer) und Iznikçi. Diese Struktur ist die spätere institutionalisierte Form der organischen Gemeinschaftsverehrung der Babai-Zeit. Jeder Dienst umfasst sowohl eine physisch-praktische Aufgabe als auch eine spirituell-symbolische Bedeutung.
2. Saz und Nefes: In der Babai-erbenden Volkssufik wird die spirituelle Literatur nicht im klassischen persisch-arabischen Aruz-Versmaß, sondern im volkstürkischen Silbenmaß und in Begleitung des Saz vorgetragen. Die Derwischgedichte (Nefes) großer Volksdichter wie Pir Sultan Abdâl sind die kanonischen Texte dieser Tradition. Der Saz (die dreisaitige, später sechssaitige Baghlama) wird zum „heiligen Instrument" der anatolischen Volkssufik; ebenso wie die Ney ein spirituelles Mittel im Mevlevîtum ist, ist in der alevitisch-bektaschitischen Tradition der Saz ein spirituelles Mittel.
3. Lokma-Teilung: Die gemeinschaftliche Mahlteilung innerhalb des Cem-Rituals ist sowohl ein spirituelles als auch ein gesellschaftliches Prinzip. Dies ist die in spirituelle Praxis verwandelte Form des aus dem stammes-turkmenischen Ursprung der Babai-Bewegung stammenden kollektiven Lebensgewebes. Die Teilung des Lokma ist kein gewöhnlicher Essensakt, sondern ein rituell-segnender Akt; jeder nimmt aus demselben Kessel von derselben Speise, das Prinzip der Gleichheit wird in die Praxis umgesetzt.
4. Erkân und Dârâ-Stehen: In der Babai-bektaschitisch-alevitischen Tradition sind die Regeln des Cem-Rituals („Erkân") und besonders Praktiken wie das „Dârâ-Stehen" (die Achtungshaltung, die spirituell-flehende Position) institutionalisierte Ritualformen.
5. Menâkib-Lesung: Die feierliche Lesung der Hagiographien (Menâkibnâme) großer Gestalten wie Baba Ilyas, Baba Ishâk und Haci Bektasch (besonders Elvan Çelebis Menâkibu'l-Kudsiyye und die Velâyet-nâme) war der Hauptweg der Weitergabe des spirituellen Erbes der Bewegung von Generation zu Generation.
6. Grabbesuch und Pilgerfahrt: In der Babai-alevitischen Tradition sind die Grabmäler der großen Babas spirituell-praktische Besuchsstätten. Stätten wie Baba Ilyas (Dorf Çat, Amasya), Schücâeddin Velî (Seyitgazi), Haci Bektasch (Hacibektasch, Nevschehir), Abdâl Mûsâ (Elmali, Antalya) und Pir Sultan Abdâl (Sivas) sind die Knotenpunkte dieser Pilger-Geographie.
7. Hidirellez: Das am 6. Mai gefeierte Hidirellez versinnbildlicht die Begegnung der Propheten Hizir und Ilyas (gedeutet als Schützer der grünen Natur und der Tier-Weisheit). In der Babai-alevitischen Tradition trägt es einen besonderen spirituellen Wert; zugleich ist es die Manifestation der alten türkisch-mongolischen Frühlingsfest-Traditionen im anatolisch-islamischen Rahmen.
Symbolik und Kosmologie
Die spirituelle Babai-Kosmologie ist die Verbindung des klassischen islamischen Sufismus mit der alten türkisch-mongolischen kosmischen Vorstellung:
1. Drei-Welten-Doktrin: Die im klassischen Sufismus vorhandene Trias „ʿâlam-i nâsût" (Welt der Menschheit), „ʿâlam-i melekût" (Welt der Engel), „ʿâlam-i ceberût" (Welt der erhabenen Macht) ist auch in der Babai-Kosmologie vorhanden. Daneben überschneidet sich auch die aus der alten türkisch-mongolischen Kosmologie stammende Vorstellung der dreischichtigen Welt (obere-mittlere-untere Welten).
2. Doktrin des „Gewandwechsels": In der Babai-alevitischen Tradition ist die Doktrin der Manifestation der Seele in verschiedenen Körpern (Gewandwechsel, Seelenwanderung, tenâsüh-i ruh) lebendig. Diese Doktrin weicht deutlich von der klassischen sunnitischen Theologie ab; sie manifestiert sich aber auf einer von der alten türkisch-mongolischen schamanischen Weltsicht und von der ismailitisch-schiitischen esoterischen (bâtinî) Theologie unabhängigen Linie. Dieser kosmologische Zyklus, in der modernen alevitischen Praxis als „Devr-i nüzûl ve devr-i urûc" (Zyklen des Abstiegs und des Aufstiegs) bezeichnet, beschreibt die stufenweise Rückkehr der Seele zur göttlichen Quelle.
3. Ali und die Schönheits-Dimension (cemâl): Ali wird als kosmische cemâl (Manifestation der göttlichen Schönheit) positioniert. Mohammed ist die celâl (göttliche Macht), Ali die Manifestation der cemâl; beide zusammen bilden die zweiseitige Manifestation der göttlichen Wahrheit. Diese doktrinäre Formulierung wird sich später in der bektaschitischen Theologie als die „Trias Allah-Mohammed-Ali" institutionalisieren.
4. Heilige Natur: In der spirituellen Praxis der Babai-Bewegung nehmen Berge, Wasserquellen, ehrwürdige Bäume und heilige Tiere (besonders der Hirsch) wichtige symbolische Positionen ein. Dies ist eine im islamischen Rahmen verwandelte Manifestation der alten türkisch-mongolischen Vorstellung der heiligen Natur. Hizir (eine innerhalb der Propheten-Typologie mit dem „Grün" verbundene Gestalt, der Naturschützer) hat in der Babai-Volkssufik eine zentrale Stellung.
5. Zahlensymbolik: In der Babai-alevitischen Kosmologie tragen bestimmte Zahlen (3, 5, 7, 12, 14, 17) spirituellen Wert. Besonders die „zwölf Imame" — Ali und die elf Imame aus seiner Nachkommenschaft — tragen eine kosmologische Bedeutung. Die „siebzehn Kemerbest" — die siebzehn von Mohammed besonders gesegneten Gefährten — sind eine wichtige Bezugsgruppe der spirituellen Babai-alevitischen Praxis.
6. Die Versammlung der Vierzig (Kirklar Meclisi): In der alevitisch-bektaschitischen Kosmologie ist die „Versammlung der Vierzig" (die spirituelle Versammlung der vierzig Heiligen-Pîre) als eine kosmische spirituelle Autoritätsquelle positioniert. Dies ist die alevitisch-bektaschitische Version der Doktrin der „Ricâlü'l-gayb" (der Männer des Verborgenen) im klassischen Sufismus; zugleich ist es eine spirituell-praktische Manifestation der alten türkisch-mongolischen Vorstellung der Stammesversammlung.
Vergleichende Perspektive
Die Babai-Bewegung wird deutlicher sichtbar, wenn man sie innerhalb der universellen spirituellen Geschichte mit ähnlich strukturierten Bewegungen vergleicht:
1. Die tibetische Vajrayana-Bön-Synthese: Die Synthese des im 8. Jahrhundert unter der Führung Padmasambhavas in Tibet sich niederlassenden Vajrayana-Buddhismus mit der einheimischen schamanischen Bön-Tradition ist die strukturelle Parallele der Babai-Bewegung. Beide Bewegungen vollziehen:
- die Neuformulierung der einheimischen schamanischen Tradition innerhalb eines neureligiösen Rahmens
- die Zentralität der spirituell-meisterlichen Gestalt (Lama / Baba)
- das Fortbestehen schamanischer Wundermotive im neureligiösen Rahmen
- gemeinschaftszentrierte Ritualpraktiken
Mircea Eliade behandelt in seinem Werk Shamanism: Archaic Techniques of Ecstasy (1951) diese Parallele allgemein unter dem Titel „das Fortbestehen einer schamanischen Unterschicht innerhalb eines neureligiösen Rahmens".
2. Die indische Bhakti-Bewegung: Der radikale Flügel der im Indien des 14.–16. Jahrhunderts aufsteigenden Bhakti-Bewegung — Kabir (1440–1518), Ravidas (1450–1520), Mîrabai (1498–1546), Caitanya Mahaprabhu (1486–1534) — trägt strukturelle Parallelen zur Babai-Bewegung:
- Volkssufik gegen die klassische Elite-Theologie (Brahmana-Autorität / sunnitische Ulemâ)
- liebeszentrierte mystische Theologie
- gemeinschaftliche Cem-artige Ritualpraktiken (Bhakti-Kirtana / Babai-Cem)
- spirituelle Literatur in der Volkssprache (Hindi-Marathi-Nefes-Gedichte / türkische Dichtung im Stil Yunus Emres)
Diese Parallele zeigt, wie Karamustafa dargelegt hat, dass die ähnlich strukturierten Ausbrüche der Volkssufik im Eurasien des 13.–16. Jahrhunderts ein globales Phänomen waren.
3. Die chinesischen Weiße-Lotus-Bewegungen: Die in der chinesischen Geschichte im 14. Jahrhundert gegen die yuan-mongolische Herrschaft ausgebrochenen Weiße-Lotus-Aufstände (Báilián Jiào) tragen folgende Parallelen zur Babai-Bewegung:
- mahdistisch-eschatologische Betonung (das baldige Kommen des Maitreya-Buddha)
- volksbasierter Aufstand gegen die fremd-zentrierte Autorität (Mongolen-Yuan / Seldschuken-Hof)
- der Übergang spiritueller Führer (Mönch / Baba) zur militärisch-politischen Führung
- der Austritt aus dem klassischen theologischen Rahmen als Volkssufik
Diese Parallele wird in Karamustafa God's Unruly Friends (1994) systematisch behandelt.
4. Die böhmische Hussiten-Bewegung: Jan Hus (1372–1415) und als seine Nachfolger die Taboriten-Bewegung im Böhmen des frühen 15. Jahrhunderts boten gegen die Autorität der katholischen Kirche eine volksreligiöse Alternative. Die Hussitenkriege (1419–1434) sind das Beispiel einer Babai-artigen spirituell-politischen Vereinigungsbewegung im christlichen Kontext.
5. Die Yoruba/Vodun-Babalawo-Gestalt: In der westafrikanischen Yoruba Ifa-Tradition ist die Babalawo-Gestalt („Baba, der mystisch Wissende") als Träger des spirituellen Wissens und spirituelle Autorität des Stammes mit der Babai-„Baba"-Typologie sprachlich-kategorial parallel. Diese Parallele ist kein bloßer Zufall, sondern eine universelle Typologie der natürlichen spirituellen Autorität der Stammesgesellschaftsstruktur.
6. Die Karmaten und Charidschiten: Die charidschitische Bewegung des 7. Jahrhunderts und die karmatisch-fatimidischen Bewegungen des 9.–10. Jahrhunderts sind innerislamische strukturelle Vorläuferbeispiele. Wie die Babai-Bewegung boten auch sie gegen die bestehende sunnitisch-höfische Autorität eine eschatologisch-mahdistische Alternative. Was den Unterschied betrifft: Während die karmatisch-fatimidischen Bewegungen im städtisch-elitären theologischen Kanal verliefen, brach die Babai-Bewegung auf der stammes-volkstümlichen Basis aus; dieser strukturelle Unterschied zeigt die Verschiedenheit des soziologischen Charakters der Bewegungen.
7. Mazdak und die Churramiten: Die Mazdak-Bewegung im sasanidischen Iran des 5.–6. Jahrhunderts und die Bewegung Bâbaks al-Churramî im Iran des 9. Jahrhunderts sind die geographisch nahen, altiranisch entstammten Vorläufer der Babai-Bewegung. Auch in diesen Bewegungen waren gesellschaftlich-egalitäre und eschatologische Elemente dominant.
8. Die Sikh-Khalsa-Bewegung: Die Sikh-Tradition im Indien des 16.–17. Jahrhunderts, die sich von Guru Nanak bis zu Guru Gobind Singh erstreckt, und besonders das 1699 gegründete Khalsa-Heer sind als organisches Ganzes von spiritueller Einheit und politisch-militärischem Widerstand strukturell parallel zur Babai-Bewegung. Ebenso wie in der Sikh-Tradition gegen das Hindu-Muslim-Dilemma eine synthetische Alternative geschaffen wurde, wurde in der Babai-Bewegung zwischen dem sunnitischen Hof und dem turkmenischen Volk eine synthetische Alternative geschaffen.
Dieser vergleichende Rahmen erhebt die Babai-Bewegung von einer anatolien-spezifischen Episode zu einem konkreten türkisch-islamischen Beispiel der universellen menschlichen Typologie von Volkssufik, Aufstand und Mystik.
Moderner Einfluss
Akademische Forschung: Die akademische Untersuchung der Babai-Bewegung ist eines der wichtigsten Felder der modernen türkisch-islamischen Geschichtsschreibung. Mehmet Fuat Köprülü ist mit seinem Werk Türk Edebiyatinda Ilk Mutasavviflar (1918) der Begründer dieses Feldes. Köprülüs klassische These — „Die anatolisch-türkische Sufik ist eine organische Synthese der zentralasiatischen schamanisch-türkischen Sufik mit dem islamisch-sufischen Sufismus" — bildete im Lauf des folgenden Jahrhunderts das theoretische Rückgrat des Themas.
Ahmet Yaschar Ocaks Werk Babailer Isyani (1980) ist das Meisterwerk der modernen türkischen Wissenschaft, das das Thema als systematische These formuliert. Dieses Werk verwendet die klassischen seldschukischen Quellen (Aksarayî, Ibn Bîbî) kritisch und misst zugleich den Babai-nahen Quellen (Elvan Çelebi, Menâkibu'l-Kudsiyye) gleiches Gewicht bei. Die französische Übersetzung des Werkes (La révolte de Baba Resul ou la formation de l'hétérodoxie musulmane en Anatolie au XIIIe siècle, 1989) führte das Thema in die europäische Wissenschaft ein.
Ocaks methodologischer Beitrag liegt in folgenden Elementen: (1) das Lesen der klassischen sunnitisch-seldschukischen Quellen nicht für sich allein, sondern im Vergleich mit den Babai-nahen Quellen; (2) die Verbindung der sozioökonomischen Analyse mit der spirituell-doktrinären Analyse; (3) die systematische Anwendung der „schamanisch-sufischen Synthese"-These Köprülüs auf konkrete Texte; (4) die detaillierte Verfolgung der Einflüsse der Babai-Bewegung auf die späteren anatolisch-alevitisch-bektaschitisch-Abdal-Erbschaften.
Irène Mélikoff (Universität Straßburg), die wichtigste europäische Forscherin der anatolisch-türkischen Heterodoxie. In Hadji Bektach: un mythe et ses avatars (1998) und anderen Werken etablierte sie die organische Ganzheit der Kette Babai-Bektaschi-Alevit in der europäischen Wissenschaft kanonisch.
Ahmet T. Karamustafa (Washington University, St. Louis) verortete in seinem Werk God's Unruly Friends (1994) die Babai-Bewegung vergleichend innerhalb einer weiten Familie islamischer Derwischgruppen (Qalandar, Abdâl-i Rûm, Cavlakî, Haydarî).
Devin DeWeese (Indiana University) hinterfragte in seinem Werk Islamization and Native Religion in the Golden Horde (1994) die schamanische Betonung der Köprülü-Mélikoff-Tradition; er vertrat die Auffassung, diese Elemente ließen sich unmittelbar mit innerislamischen Sufi-Traditionen (besonders der kubrawitischen Heiligkeits-Doktrin) erklären. Die türkische Wissenschaft verwarf diese Kritik weitgehend und verteidigte die klassische These.
Riza Yildirims Werke Anadolu'da Heterodoks Bir Islâm Hareketi (2018) und Alevilighin Doghuschu (2017) formulieren die klassische Köprülü-Ocak-These in einem aktuellen theoretischen Rahmen neu. Yildirim zufolge ist die Babai-Bewegung nicht bloß im Rahmen einer „schamanisch-islamischen Synthese" zu lesen; sie ist zugleich als der gemeinsame Treffpunkt der schiitisch-esoterischen theologischen Strömungen, der karmatisch-ismailitischen mahdistischen Eschatologie und der religiös-organisatorischen Bedürfnisse der turkmenischen Stammesstruktur zu lesen.
Der Aufstieg der alevitischen Identitätsbewegung: Die ab den 1980er Jahren in der Türkei aufsteigende moderne alevitische Identität und Organisation positionierte die Babai-Bewegung als Ausgangspunkt ihrer eigenen historischen Erinnerungen. In den alevitischen Dergâhs, den Institutionspublikationen und den Reiseführern wird die Babai-Bewegung als die Geburtsstunde der alevitischen Geschichte erinnert.
Spirituell-kultureller Tourismus in der Türkei: Babai-erbende Stätten wie das Dorf Çat (Amasya), das Schücâeddin-Velî-Grabmal (Seyitgazi), Hacibektasch (Nevschehir), das Abdâl-Mûsâ-Grabmal (Elmali) und das Pir-Sultan-Abdâl-Grabmal (Sivas) sind heute mit jährlichen Besuchern gefüllte Zentren des spirituell-kulturellen Tourismus. Besonders die jährliche Gedenkfeier in Hacibektasch (in der dritten Augustwoche) ist eine der größten religiös-kulturellen Versammlungen der Türkei; ein jährlicher spiritueller Treffpunkt für Zehntausende Aleviten-Bektaschiten und andere spirituell Suchende.
Literarische und künstlerische Reflexionen: In der modernen türkischen Literatur verweisen die Romane Yaschar Kemals (besonders Ince Memed), einige Gedichte Atilla Ilhans und einige Werke Murathan Mungans auf das aus dem Babai-alevitischen Erbe gespeiste anatolische Volksbewusstsein. Auch im türkischen Kino und in der türkischen Musik werden die Gestalten Pir Sultan, Haci Bektasch und Yunus Emre beständig neu bearbeitet.
Kritik und Diskussionen
Lebendige akademische Debatten über die Babai-Bewegung:
1. Die Grenzen der „schamanischen Synthese"-These: Die Kritik, dass die Köprülü-Mélikoff-Tradition die schamanischen Elemente im anatolisch-turkmenischen spirituellen Leben in übertriebener Weise betont, während sich diese Elemente unmittelbar mit innerislamischen Sufi-Traditionen (besonders Yesevî, Kubrawî, Bâtinî) erklären lassen (Devin DeWeese, einige Betonungen Riza Yildirims), zielt auf eine erneute Überprüfung der klassischen These.
2. Marxistische Lesarten: Marxistische Lesarten, die die Babai-Bewegung vorrangig als einen „bäuerlichen Klassenaufstand" deuten (Doghan Avcioghlu, Türklerin Tarihi, 1979), vertreten die Auffassung, die spirituell-eschatologischen Elemente seien bloß eine Legitimationsideologie. Die Ocak-Mélikoff-Tradition kritisiert diesen reduktionistischen Ansatz.
3. Sunnitisch-orthodoxe Bewertung: Die klassischen sunnitisch-osmanischen Chroniken (Ibn Kemâl, Tevârîh-i Âl-i Osmân) stellen die Babai-Bewegung als einen Unglaubens-Aufstand dar. Moderne sunnitisch-orthodoxe Ansätze (etwa die Kreise des Amtes für Religionsangelegenheiten) bewerten die Babai-Bewegung im Allgemeinen als eine „häretisch-mahdistische" Bewegung.
4. Die Grenzen der „Köprülü-These": Dass die klassische Köprülü-Mélikoff-These die anatolisch-türkische Sufik bloß im Rahmen einer „schamanisch-islamischen Synthese" liest, berücksichtigt nach Ansicht einiger moderner Forscher die lokal-anatolischen (byzantinischen, syrischen, armenischen) Erbschichten des anatolischen spirituellen Gewebes nicht hinreichend. Werke wie Speros Vryonis The Decline of Medieval Hellenism in Asia Minor (1971) betonen die Bedeutung dieser byzantinischen Unterschicht.
5. Das Problem der ethnisch-geographischen Verschiebung: Die Frage, ob die Babai-Bewegung bloß „turkmenisch" oder eine breitere Stammes-Volks-Koalition war, kommt in der modernen türkisch-kurdischen akademischen Debatte zuweilen zur Sprache. Die moderne türkische Wissenschaft (Ocak, Mélikoff, Yildirim) sieht sie weitgehend als turkmenisch-zentriert; doch angesichts der ethnischen Gemischtheit der Kefersud-Region wird es für wahrscheinlich gehalten, dass sich in der Basis der Bewegung auch nicht-turkmenische Volkselemente befanden.
6. Der historische Bezug der modernen alevitischen Identität: Dass die moderne alevitische Bewegung sich auf die Babai-Geschichtlichkeit beruft, ist eine in sich umstrittene Frage. Während die klassisch-sunnitische Perspektive diesen Bezug als „erfundene Tradition" bewertet, sieht die alevitische Perspektive ihn als lebendige Manifestation eines organischen historischen Erbes. Diese Debatte ist ein Teil der modernen türkischen Identitätspolitik.
Praktische Implikationen
Die praktischen Implikationen des spirituellen Erbes der Babai-Bewegung in der modernen Zeit:
1. Die Würdigung der Volkssufik: Dass neben der klassischen sunnitisch-medresehaften Sufik (Mevlevî, Naqschbandî) auch die Volkssufik vom Babai-Typus als ein gleichberechtigt-legitimer spiritueller Weg anerkannt wird, ist eine pluralistische Lektüre der zeitgenössischen türkischen spirituellen Kultur. Die nach 1925 einheitlich-zentrierte sunnitische Struktur der Türkischen Republik unterdrückte diese Pluralität lange; in der Zeit nach 1980 öffnet sich die spirituelle Pluralität erneut.
2. Die Nicht-Verleugnung des schamanischen Erbes: Eine Identitätsformel, die die zentralasiatische Tengri-Schamanen-Schicht der türkisch-muslimischen Identität nicht verleugnet, sondern sie als spirituellen Reichtum einschließt, ist eine zeitgenössische Lektüre des Babai-Erbes. Dies ist die spirituell-praktische Lehre der Linie Köprülü-Mélikoff-Ocak.
3. Vergleichende spirituelle Demut: Die Babai-Bewegung zu sehen, indem man sie mit der tibetischen Vajrayana-Bön-Synthese, mit der indischen Bhakti-Bewegung, mit den chinesischen Weiße-Lotus-Aufständen und mit der böhmischen Hussiten-Bewegung vergleicht, holt die türkisch-islamische spirituelle Geschichte aus einer isolierten Episode heraus und stellt sie als ein Mitglied der Familie der universellen menschlichen spirituellen Kämpfe. Im Rahmen der Perennial Philosophy ist dieser vergleichende Blick die Grundlage der spirituellen Demut.
4. Die Dimension der sozialen Gerechtigkeit: Die Babai-Bewegung ist ein konkretes historisches Beispiel für die Untrennbarkeit des spirituellen Weges von der Suche nach sozialer Gerechtigkeit. Die Formel „Gerechtigkeit-Liebe-Erkenntnis" der modernen alevitischen Bewegung ist die unmittelbare Widerspiegelung dieses historischen Erbes. Dies zeigt, dass die spirituelle Praxis nicht bloß eine Einkehr nach innen ist, sondern zugleich eine Stellungnahme gegen das Unrecht umfasst.
5. Spirituelle Gleichheit von Frau und Mann: Das Prinzip des gemeinsamen Cem von Frau und Mann der Babai-bektaschitisch-alevitischen Tradition bietet gegen die geschlechtertrennenden Praktiken der klassischen sunnitischen Ordensstrukturen eine spirituell-praktische Alternative. Dies ist für spirituell Suchende, die in der modernen Zeit den Frauenrechten Bedeutung beimessen, ein reiches Quellen-Erbe.
6. Der mündlich-literarische Kanon: Der über Pir Sultan Abdâl, Kaygusuz Abdâl und Yunus Emre getragene volkstürkische Nefes-Gedicht-Kanon des Babai-Erbes ist neben der klassischen persisch-arabisch-aruzischen Sufi-Literatur eine eigenständige und wertvolle spirituell-literarische Quelle. Die Wurzeln der modernen türkischen Dichtung werden einerseits in der klassischen Linie Mevlânâ-Hâfiz, andererseits in der volkstümlichen Linie Yunus-Pir Sultan gelesen.
7. Die Pluralität des spirituellen Erbes: Dass sich die Babai-Bewegung auch in sich in mehrere Nebenzweige (Bektaschi, Alevit, Abdal, Melâmî) verzweigt, zeigt, dass das spirituelle Erbe nicht einförmig ist, sondern ein in sich verzweigbarer Strom. Dies ist ein flexibles Erbe, damit der moderne spirituell Suchende seinen eigenen Weg finden kann.
8. Tragödie-Bewusstsein: Dass die Babai-Bewegung auf der Ebene von Malya physisch vernichtet wurde, ihr spirituelles Erbe aber über Jahrhunderte fortbestand, zeigt, dass der spirituelle Kampf nicht immer mit physischem Erfolg endet, dass aber das spirituelle Erbe der längerfristige Sieg ist. Dies ist für den modernen spirituell Suchenden eine tiefe Lehre.
Die Babai-Bewegung ist als ein vom Anatolien des 13. Jahrhunderts ausgehender, über Jahrhunderte sich wandelnder und verzweigender spiritueller Strom eine der tiefsten Schichten des lebendigen spirituellen Gewebes der anatolischen Geographie. Ihr Erbe ist nicht bloß eine historische Erinnerung; es ist ein spirituell-organisches Erbe, das in den anatolisch-alevitischen Dergâhs, den bektaschitischen Tekkes, der Babai-erbenden Volksdichtung, dem turkmenischen Stammesgedächtnis und schließlich in den Unterschichten der spirituell-kulturellen Identität der modernen Türkei weiterlebt.
Wie es in einem Vers in Elvan Çelebis Menâkibu'l-Kudsiyye zusammengefasst wird: „Bâbâ Ilyâs adi dillerde durur / Bu hâl-i kudsiyyet âlemde durur" — Der Name Baba Ilyas bleibt in den Mündern, dieser Zustand der Heiligkeit bleibt in der Welt. Das Babai-Erbe ist die lebendige Manifestation des spirituellen Zustands der Heiligkeit Anatoliens. Dieses über acht Jahrhunderte sich wandelnd fortdauernde spirituell-organische Erbe zeigt konkret, wie tief verwurzelt, pluralistisch und lebendig die türkisch-islamische Volkssufik als Tradition ist. Für den modernen spirituell Suchenden ist das Babai-Erbe sowohl hinsichtlich der historischen Sinngebung als auch hinsichtlich der praktisch-spirituellen Orientierung eine reiche Quelle.
Die Weiterführung dieses Erbes in die Zukunft ist hinsichtlich der pluralistischen Lektüre der spirituell-kulturellen Identität der Türkei eine wichtige Aufgabe. Die gemeinsame Würdigung der klassischen sunnitisch-medresehaften Sufik und der Volkssufik vom Babai-Typus ist die konkrete Manifestation des spirituellen Reichtums Anatoliens. Diese weite spirituelle Geographie, die sich vom Konya Mevlânâs bis zum Sivas Pir Sultans, bis zum Sulucakarahöyük Haci Bektaschs erstreckt, ist die Bühne der lebendigen Manifestation nicht eines einzigen Islams, sondern eines pluralen Islams.