Yaʿqûb al-Kindî: Feylesofü'l-Arab und die Übereinstimmung von Intellekt und Offenbarung
Abû Yûsuf al-Kindî (etwa 801–873), Feylesofü'l-Arab (Philosoph der Araber); der erste Begründer der Philosophie im Islam, Träger des Grundsatzes „Die Wahrheit wird angenommen, von wem auch immer sie kommt", Vorläufer der Risâla fî l-ʿAql und des Projekts der Übereinstimmung von Intellekt und Offenbarung.
Leben und Epoche: Von Basra nach Kûfa, ein Vorläufer im Zeitalter der Weisheit Bagdads
Abû Yûsuf Yaʿqûb b. Ishâq al-Kindî (etwa 801–873) ist der erste große Philosoph der islamischen Philosophietradition und der wegweisende Denker, der mit dem Titel „Feylesofü'l-Arab" (Philosoph der Araber) bezeichnet wird. Weil er dem alteingesessenen und edlen arabischen Stamm der Kinda angehörte, trägt er den Beinamen „al-Kindî". Er wurde in der Stadt Kûfa geboren; sein Vater war der Statthalter dieser Stadt. Nachdem er seine erste Ausbildung in Basra und Kûfa erhalten hatte, ließ er sich in Bagdad, der damaligen Hauptstadt der Wissenschaft und Kultur, nieder. Hier wuchs er im intellektuellen Umfeld des Bayt al-Hikma (Haus der Weisheit) heran — der großen Übersetzungs- und Forschungseinrichtung, die unter dem Schutz der abbasidischen Kalifen gegründet worden war und in der griechische, syrische und persische Werke ins Arabische übersetzt wurden — und übernahm dort eine führende Rolle.
Die Zeit, in der al-Kindî lebte, war ein Zeitalter, in dem die islamische Zivilisation intensiv mit dem wissenschaftlichen und philosophischen Erbe des antiken Griechenland in Berührung kam und in dem die große Übersetzungsbewegung ihren Höhepunkt erreichte. Mit der Unterstützung des Kalifen al-Maʾmûn und seiner Nachfolger wurden die Werke von Denkern wie Aristoteles, Platon und Plotin der arabischen Sprache erschlossen. Al-Kindî war sowohl ein Teil als auch ein Lenker dieses großen intellektuellen Unternehmens; indem er um sich einen Kreis von Übersetzern und Gelehrten bildete, spielte er eine Schlüsselrolle bei der Übertragung der griechischen Wissenschaft in die islamische Welt. In dieser Hinsicht ist al-Kindî derjenige, der den Weg für die nach ihm kommenden großen Philosophen wie al-Fârâbî und Ibn Sînâ eröffnete und die ersten Samen des philosophischen Denkens im Islam säte.
„Feylesofü'l-Arab": Die Bedeutung des Titels Philosoph der Araber
Der al-Kindî verliehene Titel „Feylesofü'l-Arab" betont, dass er der erste arabische Denker war, der die Philosophie (das Wort Philosophie selbst stammt vom griechischen philosophia) als eine Disziplin in der islamischen Welt begründete. Auch vor ihm hatten sich in der islamischen Welt die Theologie (Kalâm) und verschiedene Wissenschaften entwickelt; doch al-Kindî war der erste große Name, der die aus dem Griechischen stammende philosophische Methode und die Begriffe bewusst übernahm und sie mit dem islamischen Denken zusammenführte.
Al-Kindîs Definition der Philosophie ist überaus bedeutungsvoll. Nach ihm ist die Philosophie „das Wissen des Menschen um die Wahrheiten der Dinge im Maße seines Vermögens". Diese Definition legt klar dar, dass das letzte Ziel der Philosophie das Wissen der Wahrheit ist. Das Erhabenste und Ehrwürdigste auch innerhalb der Philosophie ist die „erste Philosophie" (al-falsafa al-ûlâ), also die Metaphysik; denn sie ist das Wissen von der Ersten Wahrheit (al-Haqq al-awwal), die der Grund jeder Wahrheit ist. Für al-Kindî heißt Philosophieren, die Weisheit in der Ordnung des Universums zu erfassen und schließlich zu dem einen und transzendenten Prinzip zu gelangen, das die Quelle aller Dinge ist. Dieser Ansatz verortet die Suche nach der Weisheit als die höchste Tätigkeit des Menschen und macht sie zu einem zugleich rationalen und geistigen Bemühen.
Die Universalität der Wahrheit: „Die Wahrheit wird angenommen, von wem auch immer sie kommt"
Einer der bleibendsten und inspirierendsten Grundsätze, die al-Kindî der Geistesgeschichte erschloss, ist seine Haltung zur Universalität der Wahrheit und zu ihrem von ihrer Quelle unabhängigen Wert. In seinem Werk Kitâb fî l-Falsafa al-ûlâ (Über die erste Philosophie) drückt er diesen Gedanken auf unvergessliche Weise aus. Der Kern seines berühmten Ausspruchs lautet: Wir sollten uns nicht schämen, die Wahrheit anzuerkennen und ihr dankbar zu sein, aus welcher Quelle sie auch kommen mag, selbst wenn sie von Völkern, die sich von uns unterscheiden, und von vergangenen Generationen stammt. Denn für den, der die Wahrheit sucht, gibt es nichts Wertvolleres als die Wahrheit selbst; die Wahrheit setzt denjenigen, der sie ausspricht, niemals herab, sondern erhebt ihn.
Dieser Grundsatz ist ein Ausdruck der intellektuellen Großzügigkeit und Aufgeschlossenheit al-Kindîs. Statt das philosophische Erbe des antiken Griechenland — mit der Begründung, es sei eine „fremde" Tradition — abzulehnen, sieht er es als einen Teil des gemeinsamen Wissensschatzes der Menschheit und nimmt sich seiner an. Dieser Ansatz ist die Grundlage eines vergleichenden und einschließenden Weisheitsverständnisses; er enthält die Idee, dass das Wissen verschiedener Zivilisationen und Zeitalter in einer einzigen Suche nach der Wahrheit zusammentreffen kann. Diese Haltung al-Kindîs darf auch als Vorbotin des in den folgenden Jahrhunderten zu entwickelnden Gedankens der „immerwährenden Weisheit" (philosophia perennis) gelten. Für ihn ist das Wissen, jenseits konfessioneller oder völkischer Grenzen, das gemeinsame Erbe der ganzen Menschheit; und dies macht al-Kindî zu einem der frühesten und edelsten Vertreter eines der Wahrheit gewidmeten Nachsinnens jenseits der Traditionen in der islamischen Welt.
Die Übereinstimmung von Intellekt und Offenbarung und das Verhältnis von Philosophie und Religion
Im Zentrum von al-Kindîs philosophischem Projekt steht das Bemühen, eine Übereinstimmung zwischen Intellekt und Offenbarung, zwischen Philosophie und Religion herzustellen. Er sieht die griechische Philosophie nicht als eine mit dem islamischen Glauben in Konflikt stehende Bedrohung, sondern als ein Mittel, das ihn stützt und vertieft. Nach al-Kindî widersprechen die durch den Intellekt erreichten Wahrheiten und die durch die Offenbarung verkündeten Wahrheiten einander letztlich nicht; denn die Quelle beider ist dieselbe Erste Wahrheit.
Al-Kindî versucht, mithilfe philosophischer Begriffe die Einheit Gottes (Tawhîd) zu begründen. Einer seiner originellsten Beiträge ist, dass er philosophisch dafür eintritt, dass das Universum nicht ewig ist, also einen Anfang in der Zeit hat. An diesem Punkt weicht er von Aristoteles' Auffassung von der „Ewigkeit der Welt" ab. Al-Kindî versucht, durch den Intellekt zu zeigen, dass eine unendliche reale Menge (eine aktuale Unendlichkeit) unmöglich ist, dass das Universum daher eine endliche Vergangenheit haben muss und dass es folglich einen Schöpfer geben muss, der es aus dem Nichts hervorbringt (ibdâʿ, creatio ex nihilo). Dies ist eine der frühesten philosophischen Ausformulierungen des „aus der Erschaffenheit der Welt ausgehenden Beweises" (des kosmologischen Arguments) für das Dasein Gottes in der Philosophiegeschichte.
In der Gottesvorstellung betont al-Kindî die absolute Einheit. Nach ihm ist Gott das „wahre Eine" (al-Wâhid al-haqq) und lässt keine Vielheit, Zusammensetzung oder qualitative Unterscheidung zu; Er ist die Quelle jeder Einheit und jedes Seins. Dieses transzendente Einheitsverständnis speist sich sowohl aus dem neuplatonischen Begriff des „Einen" (to Hen) als auch steht es in tiefer Übereinstimmung mit dem Tawhîd-Glauben des Islam. So zeigt al-Kindî, dass die Philosophie und die Religion hinsichtlich des letzten Prinzips des Seins auf dieselbe Wahrheit verweisen. Dieses Synthesebemühen wird später von al-Fârâbî und Ibn Sînâ weitaus systematischer entwickelt werden, und die Frage der Übereinstimmung von Intellekt und Offenbarung wird zu einem der zentralen Themen der islamischen Philosophie werden.
Risâla fî l-ʿAql: Über den Intellekt und die Stufen der menschlichen Erkenntnis
Das einflussreichste Werk al-Kindîs auf dem Gebiet der Psychologie und Erkenntnistheorie ist sein kleines, aber überaus wirkmächtiges Werk Risâla fî l-ʿAql (Abhandlung über den Intellekt). Dieses Werk überträgt die Intellekt-Lehre aus Aristoteles' Werk De Anima (Über die Seele), vermischt mit neuplatonischen Deutungen, in die islamische Welt und unterscheidet darin die verschiedenen Stufen des Intellekts.
Al-Kindî teilt in diesem Werk den Intellekt in vier Teile ein: Erstens den stets in Aktualität befindlichen, immerfort aktualen Intellekt (al-ʿaql alladhî bi-l-fiʿl dâʾiman); dies ist der außerhalb des Menschen befindliche göttlich-kosmische Intellekt, der die Quelle des Wissens ist. Zweitens den als Möglichkeit in der Natur des Menschen vorhandenen Intellekt in Potenz (al-ʿaql bi-l-quwwa). Drittens den verwirklichten Zustand dieser Möglichkeit, den vom Menschen erworbenen Intellekt in Aktualität. Viertens den hervortretenden, zur Tätigkeit gewordenen Intellekt. Diese Unterscheidung ist ein feinsinniges philosophisches Modell, das erklären soll, wie der menschliche Geist Wissen erwirbt und wie er abstrakte Begriffe erfasst.
Im Kern dieser Lehre liegt der Gedanke, dass der menschliche Geist das Wissen nicht von sich aus hervorbringt, sondern es vielmehr von einem außerhalb seiner selbst befindlichen aktualen Intellekt empfängt. Der Mensch besitzt anfangs nur eine Fähigkeit zu wissen; das wirkliche Wissen verwirklicht sich dadurch, dass diese Fähigkeit vom aktualen Intellekt in Bewegung gesetzt wird. Dieses Modell bildete die Grundlage des islamischen philosophischen Denkens über die Themen Seele und Bewusstsein und wurde zur Vorbotin der Lehre al-Fârâbîs vom „tätigen Intellekt" und sodann der weitaus ausführlicheren Intellekt-Lehre Ibn Sînâs. Diese kurze Abhandlung al-Kindîs über den Intellekt wurde unter dem Namen De Intellectu ins Lateinische übersetzt und beeinflusste die Debatten über den Intellekt im mittelalterlichen Europa tiefgreifend; und dies zeigt, dass sein Erbe die geographischen und kulturellen Grenzen überschritt.
Das Wesen und die Unsterblichkeit der Seele
Al-Kindî zeigte auch zur Frage der Seele ein tiefes philosophisches Interesse und verfasste mehrere Werke. Sein Seelenverständnis ist weitgehend in platonischer und neuplatonischer Linie geprägt. In Werken wie Kitâb fî mâhiyyat an-nawm wa-r-ruʾyâ (Über das Wesen des Schlafs und des Traums) vertritt er die Auffassung, dass die Seele eine vom Körper getrennte, einfache (also nicht aus Teilen bestehende) und göttliche Substanz ist.
Nach al-Kindî ist die Seele, auch wenn sie vorübergehend an den Körper gebunden ist, ihrem Wesen nach von ihm unabhängig und unsterblich. Nachdem der Körper gestorben ist, wendet sich die Seele ihrer eigentlichen Quelle, dem Göttlichen, zu. An diesem Punkt behandelt al-Kindî den Gedanken, dass die Seele sich reinigen und erheben muss; die Seele, die sich zu sehr an die körperlichen Begierden und sinnlichen Genüsse bindet, wird davon abgehalten, die Wahrheit zu schauen. Die Aufgabe des Philosophen ist es, seine Seele von diesen Bindungen zu reinigen und sich den rationalen Wahrheiten zuzuwenden. Dieser Ansatz deckt sich sowohl mit dem Gedanken der Reinigung der Seele (Katharsis) in der antiken griechischen Philosophie als auch mit den Themen der Erziehung der niederen Seele und des Aufstiegs der Seele in der islamischen Weisheitstradition. So vereint al-Kindîs Seelenverständnis eine philosophische Psychologie mit einer Lehre der geistigen Vervollkommnung; es legt eine ganzheitliche Auffassung des Menschen dar, in der der Intellekt und die Seele, das Wissen und die Reinigung ineinander verschränkt sind.
Die Kunst, den Kummer zu vertreiben: Eine Ethik
Eines der elegantesten und menschlichsten Werke al-Kindîs ist seine sittliche Abhandlung Risâla fî l-hîla li-dafʿ al-ahzân (Über den Weg, den Kummer zu vertreiben). Dieses Werk ist eine Art Text der „Seelenheilung", der die philosophische Weisheit auf das praktische Leben anwendet und behandelt, wie der Mensch zu emotionaler und geistiger Ruhe gelangen kann.
Al-Kindî vertritt in diesem Werk die Auffassung, dass der Kummer (Trauer) meist aus einer übermäßigen Bindung an vergängliche und verlierbare Dinge — Besitz, Eigentum, Rang, ja selbst den Körper — entspringt. Diese Welt ist ihrer Natur nach veränderlich und vergänglich; hier eine dauerhafte und absolute Befriedigung zu suchen, bringt unweigerlich Enttäuschung und Gram. Die wahre Ruhe aber wird dadurch erlangt, dass man sich den rationalen und geistigen Werten, den dauerhaften und transzendenten Wahrheiten zuwendet. Al-Kindî bietet verschiedene Trosttechniken, Denkübungen und weise Vergleiche und lädt den Leser zu einer inneren Gelassenheit und zur Geduld ein. Dieses Werk ist ein überaus menschlicher und universaler Weisheitstext, der die Trosttradition der stoischen Philosophie mit dem Verständnis der Nicht-Bindung an die Welt (Zuhd) der islamischen Weisheit zusammenführt. Diese Seite al-Kindîs legt klar dar, dass er die Philosophie nicht nur als eine abstrakte Theorie, sondern als eine Weisheit sah, die das wirkliche Leben des Menschen bessert und seine Seele reifen lässt.
Die Übertragung des griechischen Erbes in den Islam und die Geburt der philosophischen Terminologie
Einer der bleibendsten Beiträge al-Kindîs ist seine Vorreiterrolle bei der systematischen Übertragung des antiken griechischen philosophischen und wissenschaftlichen Erbes in die islamische Welt. Diese Übertragung war keine bloße Übersetzungstätigkeit; sie war ein überaus schwieriges intellektuelles Unterfangen, das darin bestand, in einer ganz anderen Sprache, in einem ganz anderen kulturellen und religiösen Kontext entwickelte Begriffe ins Arabische und in die islamische Gedankenwelt zu übertragen.
Al-Kindî und die Gelehrten seines Kreises schufen in diesem Prozess weitgehend die arabische philosophische Terminologie. Für die abstrakten philosophischen Begriffe des Griechischen — wie Substanz (ousia), Akzidens (symbebekos), Potenz (dynamis), Akt (energeia), Hyle (hyle, Urmaterie), Form (eidos) — mussten arabische Entsprechungen gefunden oder gebildet werden. Diese Termini wurden später zur gemeinsamen Sprache von al-Fârâbî, Ibn Sînâ und der gesamten islamischen Philosophietradition. Dieser sprachliche und begriffliche Beitrag al-Kindîs bildete die grundlegende Infrastruktur der islamischen Philosophie.
Al-Kindî war bestrebt, das von ihm übertragene griechische Erbe mit dem Tawhîd-Glauben des Islam in Einklang zu bringen. Er brachte die Logik und die Naturphilosophie des Aristoteles, die metaphysischen und ethischen Ansichten Platons, das von Plotin herrührende neuplatonische Verständnis von Emanation und Einheit mit dem Glauben des Islam an einen transzendenten und einen Gott in Einklang. Dieses Synthesebemühen war eine konkrete Anwendung seines Grundsatzes „Die Wahrheit wird angenommen, von wem auch immer sie kommt". Für al-Kindî war diese Übertragung keine Nachahmung einer fremden Kultur, sondern das Bemühen, sich des gemeinsamen Erbes der Weisheit der Menschheit anzunehmen und es in den Dienst der islamischen Zivilisation zu stellen. In dieser Hinsicht ist er eine der Gestalten, die den Wert der interkulturellen Wissensübertragung und des vergleichenden Denkens am frühesten erfassten.
Die Einheit des Wissens und die Verteidigung der Philosophie
Al-Kindî verteidigte gegen einige in seiner Zeit gegen die Philosophie gerichtete Kritiken die Legitimität und den Wert des philosophischen Denkens. Manche Kreise brachten vor, die aus dem Griechischen stammende Philosophie sei mit dem religiösen Glauben unvereinbar. Al-Kindî hingegen antwortete auf diese Kritiken, indem er die Auffassung vertrat, dass die Wahrheit eine ist und dass der Intellekt und die Offenbarung auf dieselbe Wahrheit verweisen.
Nach al-Kindî ist es ein Verrat an der Wahrheit selbst, die Suche nach der Wahrheit zu meiden oder sie abzulehnen. In seinem berühmten Ausspruch betont er, dass diejenigen, die die Wahrheit aussprechen — selbst wenn sie aus verschiedenen Völkern und vergangenen Zeitaltern stammen —, uns dieses wertvollste Geschenk darbieten und dass wir ihnen daher dankbar sein müssen. Die Philosophie ist das wertvollste Bemühen, weil sie den Menschen der Wahrheit und damit der göttlichen Wirklichkeit, die die Quelle jeder Wahrheit ist, näherbringt. Die Philosophie abzulehnen heißt, dieser erhabenen Suche beraubt zu sein.
Diese Verteidigung ist ein Zeichen des intellektuellen Mutes al-Kindîs und des tiefen Respekts, den er dem Wissen entgegenbrachte. Er glaubte an die Ganzheit des Wissens: Die Philosophie, die Mathematik, die Naturwissenschaften, die Logik und die Metaphysik sind keine voneinander losgelösten Gebiete, sondern einander ergänzende Aspekte einer einzigen Suche nach der Wahrheit. Dieses ganzheitliche Wissensverständnis wurde zu einem charakteristischen Merkmal der islamischen Weisheitstradition. Für al-Kindî gab es zwischen der Wissenschaft und der Philosophie, zwischen Intellekt und Glaube, zwischen Maß und Sinn keinen grundlegenden Konflikt; im Gegenteil, sie alle waren übereinstimmende Wege, die Weisheit in der Ordnung des Universums und die letzte Wahrheit zu erfassen. Diese tiefe Überzeugung liegt dem Fundament seines gesamten intellektuellen Erbes zugrunde und macht ihn zu einem zugleich Philosophen und Liebhaber der Weisheit.
Ein vielseitiger Gelehrter: Optik, Medizin, Mathematik und Musik
Al-Kindî war nicht nur ein Philosoph, sondern zugleich ein wahrer Polyhistor (vielseitiger Gelehrter). Die Quellen verzeichnen, dass er über zweihundertsechzig Werke verfasste; diese Werke erstrecken sich auf Philosophie, Logik, Mathematik, Astronomie, Medizin, Optik, Musik, Meteorologie, Chemie und viele weitere Gebiete.
Auf dem Gebiet der Optik führte al-Kindî Arbeiten über das Sehen und das Licht durch. Sein unter dem Namen De Aspectibus (Über die Optik) ins Lateinische übersetztes Werk beeinflusste das optische Denken im mittelalterlichen Europa zur Ausbreitung des Lichts und zum Sehvorgang; diese Linie ist ein Teil des Wissensbestandes, der später den bahnbrechenden optischen Forschungen Ibn al-Haythams den Boden bereitete. In der Mathematik maß al-Kindî der philosophischen Bedeutung der Zahlen und der angewandten Mathematik großen Wert bei; seine Arbeiten auf dem Gebiet der Kryptographie (Entschlüsselung) gelten als einer der ersten bekannten systematischen Texte, die die Methode der Häufigkeitsanalyse verwenden. Auf dem Gebiet der Medizin entwickelte er mathematische Ansätze zur Dosierung und Wirkung der Arzneien. In der Musik wiederum trug er, indem er Werke über die Verhältnisse und die Harmonie der Klänge schrieb, zu den Grundlagen der islamischen Musiktheorie bei, die al-Fârâbî später auf ihren Gipfel führen sollte.
Diese Vielseitigkeit spiegelt den ganzheitlichen Charakter von al-Kindîs Wissensverständnis wider. Für ihn sind alle Wissenschaften verschiedene Aspekte einer einzigen Suche nach der Wahrheit; die Mathematik, die Physik, die Medizin und die Philosophie sind keine voneinander losgelösten Gebiete, sondern einander ergänzende Wege, die Weisheit in der Ordnung des Universums zu erfassen. Dieser Ansatz ist ein charakteristisches Merkmal der islamischen Weisheitstradition hinsichtlich der untrennbaren Ganzheit von Wissenschaft und Philosophie, von Maß und Sinn, und macht al-Kindî zur begründenden Gestalt dieser Tradition.
Das Bayt al-Hikma und seine Rolle in der Übersetzungsbewegung
Um al-Kindîs Stellung in der islamischen Geistesgeschichte zu verstehen, muss man seine Rolle im Umkreis des Bayt al-Hikma (Haus der Weisheit) erfassen. Unter dem Schutz der abbasidischen Kalifen al-Maʾmûn und seiner Nachfolger fand in Bagdad eine große intellektuelle Mobilisierung statt, in der das antike griechische, syrische, persische und indische Erbe ins Arabische übersetzt wurde. Al-Kindî war nicht nur ein Teilnehmer dieser Bewegung, sondern zugleich ihr Lenker.
Al-Kindî versammelte um sich einen Kreis von Übersetzern und Gelehrten. Dieser Kreis erschloss dem Arabischen die Werke des Aristoteles, die neuplatonischen Texte (besonders die Theologia Aristotelis, also die „Theologie des Aristoteles", die aus den Enneaden Plotins zusammengestellt und fälschlich Aristoteles zugeschrieben wurde) und andere bedeutende philosophische Texte. Al-Kindî ließ diese Übersetzungen nicht nur anfertigen, sondern überarbeitete und korrigierte sie auch und trug zur Verankerung der philosophischen Terminologie im Arabischen bei. Seine Rolle bei der Bildung der arabischen Entsprechungen der philosophischen Begriffe ist groß.
Diese Tätigkeit ist eine praktische Erscheinung von al-Kindîs Grundsatz „Die Wahrheit wird angenommen, von wem auch immer sie kommt". Er sah es als eine Aufgabe an, das Wissenserbe des antiken Griechenland der islamischen Zivilisation zu erschließen. In dieser Hinsicht ist al-Kindî nicht nur ein Philosoph, sondern zugleich eine Brücke der Zivilisationen; er spielte eine Schlüsselrolle bei der Übertragung des gemeinsamen Schatzes der Weisheit der Menschheit von einer Kultur in eine andere. Dieses sein Bemühen bereitete den Boden, auf dem sich spätere große Philosophen wie al-Fârâbî und Ibn Sînâ erheben sollten.
Die philosophische Bedeutung der Mathematik und die wissenschaftliche Methode
Für al-Kindî war die Mathematik nicht nur ein praktisches Werkzeug, sondern eine Disziplin, die der Philosophie und allen Wissenschaften zugrunde lag. Er glaubte, dass jeder, der Philosophie lernen wolle, zuerst die Mathematik lernen müsse; denn die Mathematik bietet das Modell des gewissen und einleuchtenden Wissens (yaqîn). Die Zahlen, die Verhältnisse und die geometrischen Beziehungen sind der Schlüssel zum Verständnis der Ordnung des Universums.
Al-Kindî wandte den mathematischen Ansatz auf zahlreiche Gebiete an. Auf dem Gebiet der Medizin entwickelte er mathematische Verhältnisse zur Zusammensetzung und Dosierung der Arzneien; er versuchte, numerisch auszudrücken, wie sich die Wirkungen verschiedener Arzneien verbinden. In der Musik erklärte er die Harmonie der Klänge mit mathematischen Verhältnissen. In der Optik untersuchte er die Ausbreitung des Lichts geometrisch. In der Kryptographie wiederum entwickelte er, um verschlüsselte Texte zu entschlüsseln, die Methode der Häufigkeitsanalyse, die die Verwendungshäufigkeit der Buchstaben analysiert; dies ist eines der frühesten systematischen Beispiele der Geschichte der Kryptanalyse.
Dieser mathematische und systematische Ansatz bildet den Kern von al-Kindîs Verständnis der Wissenschaft. Für ihn muss das Wissen auf Beobachtung, Messung und logischer Schlussfolgerung beruhen. Diese Geisteshaltung ist eine frühe Vorbotin des kritischen und quantitativen Geistes der islamischen Wissenschaft, der sich später in der experimentellen Methode Ibn al-Haythams und in der Messgenauigkeit al-Bîrûnîs in weitaus entwickelterer Form zeigen sollte. Al-Kindî ist somit eine wegweisende Gestalt, die sowohl die Grundlagen des philosophischen als auch des wissenschaftlichen Denkens in der islamischen Welt legte.
Kosmologie, Verursachung und göttliche Weisheit
Al-Kindîs Kosmologie beruht auf dem Glauben, dass das Universum ein geordnetes, sinnvolles und das Werk einer göttlichen Weisheit ist. Nach ihm ist das Universum kein zufälliger Haufen, sondern ein Ganzes, das von Anfang bis Ende eine Ordnung und ein Ziel trägt. Die Bewegungen der Himmelskörper, der Kreislauf der Jahreszeiten, die Ordnung in der Natur — all dies verweist auf ein transzendentes Prinzip, das alles weise ordnet.
Al-Kindî misst der Frage der Verursachung (Kausalität) große Bedeutung bei. Nach ihm hat jedes Ereignis eine Ursache, und die Kette der Ursachen gelangt letztlich zur Ersten Ursache, also zu Gott. Gott ist als der „wahre Wirkende" (al-fâʿil al-haqq) die letzte Quelle alles Seins und aller Bewegung. Alle anderen Ursachen sind in Wahrheit vermittelnde Ursachen, die mit der von Ihm verliehenen Kraft wirken. Diese Sicht vereint sowohl das philosophische Verständnis der Verursachung als auch den Glauben des Islam, dass alles auf Gott beruht.
Al-Kindî untersucht auch die Wirkungen der Himmelskörper auf die sublunare Welt; dies war innerhalb der Naturphilosophie der Zeit ein legitimer Forschungsgegenstand. Doch er deutet diese Wirkungen als einen Teil der göttlichen Weisheit und Ordnung. Alles im Universum bildet ein miteinander verbundenes, sinnvolles Ganzes. Diese Vision der kosmischen Ordnung ist eine tiefe Besinnung über die Einheit und Sinnhaftigkeit des Seins. Für al-Kindî heißt das Universum zu untersuchen zugleich, die hinter ihm stehende Weisheit und Ordnung zu schauen; hier vereinen sich die Wissenschaft und das Nachsinnen, die Beobachtung und das Staunen.
Die fünf Substanzen und die Naturphilosophie
Einer der grundlegenden Begriffe in al-Kindîs Naturphilosophie ist die Lehre von den „fünf Substanzen", die er als die grundlegenden Prinzipien des Seins ansieht: Materie (hyle), Form (sûra), Bewegung, Raum und Zeit. Nach ihm lässt sich alles in der physischen Welt durch das Zusammentreffen dieser fünf grundlegenden Prinzipien erklären. Dieser Ansatz speist sich weitgehend aus der Naturphilosophie des Aristoteles, doch al-Kindî ordnet ihn innerhalb seines eigenen metaphysischen Rahmens neu.
Al-Kindî untersucht besonders das Verhältnis zwischen Zeit und Bewegung. Nach ihm ist die Zeit das Maß der Bewegung und der Veränderung; ohne Bewegung gibt es auch keine Zeit. Diese Sicht steht in unmittelbarem Zusammenhang mit seinem Argument, dass das Universum eine endliche Vergangenheit hat: Wenn die Zeit mit der Bewegung begonnen hat und eine aktuale Unendlichkeit unmöglich ist, dann muss das Universum einen Anfang haben. Dieses Schlussfolgern zeigt, wie al-Kindîs mathematische und logische Denkkraft auf die Naturphilosophie angewandt wird.
Al-Kindîs Naturphilosophie beruht auf dem Glauben, dass die physische Welt ein durch den Intellekt verständliches, geordnetes Ganzes ist. Jedes Ereignis im Universum lässt sich in Ursache-Wirkungs-Beziehungen erklären; und diese Kette der Ursachen gelangt letztlich zur Ersten Ursache. Diese Sicht betont sowohl die Legitimität der wissenschaftlichen Forschung als auch die göttliche Ordnung hinter dem Universum. Für al-Kindî heißt die Natur zu untersuchen, die Struktur des Seins und die hinter ihm stehende Weisheit zu erfassen. Dieses ganzheitliche Naturverständnis ist ein charakteristisches Merkmal der islamischen Weisheitstradition, in der die Wissenschaft und die Philosophie, die Beobachtung und das Nachsinnen untrennbar sind, und macht al-Kindî zum begründenden Denker dieser Tradition. Seine Naturphilosophie bereitet die Grundlage für die weitaus ausführlicheren physikalischen und metaphysischen Systeme der späteren al-Fârâbî und Ibn Sînâ.
Sein Einfluss und sein bleibendes Erbe: Das Eröffnungstor der islamischen Philosophie
Al-Kindîs Platz in der islamischen und der Weltgeschichte des Denkens ist eine begründende Vorreiterposition. Er ist der erste große Philosoph, der in der islamischen Welt die Tür des philosophischen Denkens aufstieß, das griechische Erbe in die arabische Sprache und in den islamischen Geist übertrug und das Projekt einleitete, eine Übereinstimmung zwischen Intellekt und Offenbarung herzustellen. Auf dem von ihm eröffneten Weg errichtete der unmittelbar nach ihm kommende al-Fârâbî ein weitaus systematischeres philosophisches Gebäude; sodann führte Ibn Sînâ die peripatetische Philosophie auf ihren Gipfel, und Ibn Ruschd beeinflusste mit seinen Aristoteles-Kommentaren sowohl die islamische als auch die lateinische Welt.
Al-Kindîs Einfluss blieb nicht auf die islamische Welt beschränkt. Einige seiner Werke wurden ins Lateinische übersetzt (wie De Intellectu, De Aspectibus) und speisten die philosophischen und wissenschaftlichen Debatten im mittelalterlichen Europa. Seine Intellekt-Lehre, seine optischen Arbeiten und seine metaphysischen Ansichten fanden sowohl in der islamischen als auch in der christlichen scholastischen Tradition Widerhall. Spätere Denker wie Imâm al-Ghazâlî mussten sich in den Debatten über das Verhältnis von Philosophie und Religion mit der von al-Kindî eingeleiteten Synthesetradition auseinandersetzen.
Gedanken über Psychologie, Traum und Schlaf
Ein weiteres Beispiel, das die Weite von al-Kindîs Interessengebieten zeigt, ist sein über Schlaf und Traum geschriebenes Werk Risâla fî mâhiyyat an-nawm wa-r-ruʾyâ (Über das Wesen des Schlafs und des Traums). In diesem Werk behandelt al-Kindî mit einem philosophischen und psychologischen Blick, wie der Geist im Schlafzustand arbeitet und wie die Träume entstehen. Sein Ansatz beruht weitgehend auf der Psychologie des Aristoteles, enthält aber auch originelle Beiträge.
Nach al-Kindî stellen im Schlafzustand die äußeren Sinne ihre Tätigkeit ein, doch die inneren Erkenntnisvermögen — besonders die Einbildungskraft (mutahayyila) — arbeiten weiter. Die Träume entstehen dadurch, dass diese Einbildungskraft die im Wachzustand angesammelten Eindrücke und die Bilder im Gedächtnis neu ordnet. Al-Kindî erörtert auch, dass die Einbildungskraft die Wahrheit in bildhafter und symbolischer Form darbieten kann; dies ist ein Thema, das auch mit seinem Verständnis des Prophetentums und der Eingebung zusammenhängt.
Diese psychologischen Untersuchungen zeigen das tiefe Interesse al-Kindîs am Wirken der menschlichen Seele und des Bewusstseins. Er hält nicht nur die wachen und rationalen Zustände des Geistes, sondern auch Grenzzustände wie Schlaf und Traum für untersuchungswürdig. Dieser Ansatz ist ein Teil seiner ganzheitlichen Auffassung des Menschen: Der menschliche Geist ist ein komplexes Ganzes sowohl des rationalen Denkens als auch verschiedener Vermögen wie Einbildung, Gedächtnis und Intuition. Diese feinsinnige Psychologie al-Kindîs ist eine frühe Vorbotin der Seelen- und Erkenntnislehren, die später bei al-Fârâbî und Ibn Sînâ in weitaus entwickelterer Form behandelt werden sollten; und dies macht ihn zu einem der ersten Erforscher der Themen des Nachsinnens und der inneren Erfahrung in der islamischen Philosophie.
Mit all diesen Dimensionen ist al-Kindî eine wegweisende Gestalt, die die erste große Begegnung zwischen dem antiken Erbe der Weisheit und dem islamischen Denken vollzog. Sein Grundsatz „Die Wahrheit wird angenommen, von wem auch immer sie kommt" ist ein unsterblicher Ausdruck der Aufgeschlossenheit, der intellektuellen Großzügigkeit und der Suche nach der universalen Wahrheit geblieben. Al-Kindî sah die Philosophie sowohl als eine rationale Disziplin als auch als die Reinigung der Seele und ihren Aufstieg zur Wahrheit des Seins; er vereinte das Wissen und die Tugend, das Maß und den Sinn, den Intellekt und die Seele in einer einzigen Suche nach der Weisheit. Sein Erbe ist eines der frühesten und edelsten Beispiele des vergleichenden und einschließenden Denkens, das zeigt, dass sich verschiedene Traditionen auf einem gemeinsamen Boden der Wahrheit treffen können; dieses Erbe bleibt auch heute ein erhellender Leitfaden für jene, die Brücken zwischen verschiedenen Zivilisationen und Denktraditionen schlagen möchten.
Die größte Lehre, die al-Kindî hinterließ, ist vielleicht die demütige und mutige Haltung, die er gegenüber der Wahrheit einnahm. Er nahm sich der Wahrheit an, wo auch immer er sie fand; statt die Weisheit vergangener Zeitalter und ferner Völker abzulehnen, zog er es vor, von ihr zu lernen. Zugleich nahm er keine Auffassung ungeprüft an; er ließ alles durch das Sieb des Intellekts und der Logik laufen. Diese beiden Haltungen — Offenheit und Kritikfähigkeit — bilden zusammen die grundlegenden Eigenschaften eines wahren Suchers der Wahrheit. Al-Kindî schenkte diese Eigenschaften der islamischen Denktradition und verwandelte sie so in einen Weg, den die nach ihm kommenden großen Philosophen beschreiten sollten. Sein Leben und Werk repräsentieren ein zeitenüberdauerndes Ideal der Weisheit, das zeigt, wie die Wissenschaft und der Glaube, der Intellekt und die Seele, das Maß und der Sinn ohne Konflikt, vielmehr einander ergänzend zusammenkommen können; dieses Ideal bleibt auch heute ein lebendiges und inspirierendes Beispiel für jeden, der das Wissen und die Wahrheit schätzt.