Mystische Traditionen

Kâdirîlik (Kâdirî-Orden)

Der auf Abdülkâdir Geylânî zurückgeführte, in der islamischen Welt am weitesten verbreitete erste Sufi-Orden; im Zentrum stehen das laute Gottesgedenken (cehrî zikr) und die Lehre des fakr (geistige Armut).

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Gründung und Pîr

Kâdirîlik (arabisch: al-Qâdiriyya) ist der erste institutionell ausgeformte Orden (tarîqa) der islamischen Welt und zugleich der über die weiteste Geographie — von Indonesien bis Senegal, von Indien bis zum Balkan — verbreitete sufische Weg. Der Orden trägt seinen Namen und seine Zuschreibung (nisba) von seinem Gründer Abdülkâdir-i Geylânî (470/1077 – 561/1166).

Abdülkâdir wurde an der südwestlichen Küste des Kaspischen Meeres, im Dorf Naif der Region Gîlân, geboren. Da sein Geschlecht väterlicherseits auf Hasan b. Alî, den Enkel ʿAlîs und Fâtimas, mütterlicherseits ebenfalls auf das Prophetenhaus (Ahl al-Bait) zurückgeht, wird er in der tasawwuf-Literatur (Sufismus) als „hasanidisch-husainidischer" Sayyid bezeichnet. Im Alter von achtzehn Jahren ging er zum Wissenserwerb nach Bagdad und studierte bei den berühmten Gelehrten und Hadithüberlieferern seiner Zeit — Abû Ghâlib b. Bâqillânî, Ibn as-Sabbâgh, Abû Bakr as-Sûsî und insbesondere dem hanbalitischen Rechtsgelehrten (faqîh) Abû Saʿd al-Mubârak al-Mukharrimî — fiqh (islamische Jurisprudenz), Hadith und usûl (Methodenlehre). Sein Meister (murshid) im Sufismus ist Abû ʾl-Khair Muhammad b. Muslim ad-Dabbâs; von ihm empfing er die Ordenskutte (khirqa).

Geylânî begann 521/1127 in seiner Bagdader Medrese mit der geistlichen Anleitung (irshâd). Obwohl er zunächst Schâfiʿit war, schloss er sich später der hanbalitischen Rechtsschule an und wurde als deren Erneuerer mit dem Beinamen „Muhyî ad-Dîn" (der die Religion wiederbelebt) bezeichnet. Seine Freitage widmete er den öffentlichen Predigten, die Wochentage der Medrese-Lehre und der Erziehung der Schüler (murîd). Seinen Predigten unter freiem Himmel sollen einigen Überlieferungen zufolge bis zu siebzigtausend Zuhörer beigewohnt haben, und es wird berichtet, dass bei diesen Predigten Juden und Christen zum Islam übertraten.

Nach seinem Tod setzten seine Söhne (insbesondere ʿAbd ar-Razzâq und ʿAbd al-Wahhâb) seinen Weg fort und systematisierten die Organisation der Derwische. Wie die akademische Geschichtsschreibung festgestellt hat (vgl. Trimingham, The Sufi Orders in Islam), wurde Kâdirîlik nicht zu Geylânîs Lebzeiten, sondern etwa zwei Generationen nach seinem Tod (Mitte des 13. Jahrhunderts) zu einem förmlichen geregelten Orden (tarîqa muntazama). Dies ist ein typisches Modell sunnitischer Ordensbildung: Um den Gründer-Heiligen (walî) wird eine Legende geschaffen, die Stellvertreter (khalîfa) werden organisiert, und die Ordensregeln (usûl-erkân) institutionalisieren sich.

Silsile (geistige Genealogie)

Die Kâdirî-Kette (silsila) führt über zwei Hauptstränge auf ʿAlî und von dort auf den Propheten Muhammed zurück:

1. Silsile-i Zeheb (Goldene Kette): Abdülkâdir Geylânî → Abû Saʿîd al-Mukharrimî → Abû ʾl-Hasan ʿAlî al-Hakkârî → Abû ʾl-Faradj at-Tarsûsî → Abû ʾl-Fath → ʿAbd al-Wâhid at-Tamîmî → asch-Schiblî → Djunaid al-Baghdâdî → Sarî as-Saqatî → Maʿrûf al-Karkhî → Imâm ʿAlî ar-RidâMûsâ al-KâzimDjaʿfar as-Sâdiq → Muhammad al-Bâqir → Zain al-ʿÂbidîn → al-Husain → ʿAlî → Muhammad.

2. Silsile-i Müzehheb: Von Maʿrûf al-Karkhî an abzweigend: Dâwûd at-Tâʾî → Habîb al-ʿAdjamî → al-Hasan al-Basrî → ʿAlî → Muhammad.

Dieses Modell der doppelten Kette zeigt die eigentümliche Synthese, durch die Kâdirîlik (und seine Tochter-Orden) mittels einer über die schiitischen Imame verlaufenden Abstammungslinie im sunnitischen Milieu Legitimität gewann. Das Kâdirî-Kettenschema wurde später von zahlreichen Orden wie dem Halvetî-, Badawî-, Schâdhilî- und Rifâî-Orden zum Vorbild genommen.

Doktrinäre Grundlagen

Geylânîs Lehre und mithin die Doktrin der Kâdirîlik stellt die Linie von Koran, Sunna und der rechtschaffenen Altvorderen (as-salaf as-sâlih) in den Vordergrund; eine übermäßig spekulative Metaphysik (etwa die später von Ibn Arabî entwickelte Lehre der Vahdet-i Vücud (Einheit des Seins)) findet sich in Geylânîs eigenen Schriften nicht. Sein Verständnis des Sufismus gründet auf der organischen Einheit des Vierklangs „scharîʿa – tarîqa – haqîqa – maʿrifa" (Gesetz – Weg – Wahrheit – mystische Gotteserkenntnis).

In Geylânîs Vermächtnis an seinen Sohn werden die acht Eigenschaften aufgezählt, die das Wesen des Ordens bilden: sakhâʾ (Freigebigkeit), ridâ (Gottergebenheit), sabr (Geduld), ischâra (Hinweis), ghurba (Fremdsein), lubs as-sûf (das Tragen der Wolle), siyâha (Wanderschaft) und fakr (geistige Armut). Es wird angemerkt, dass jede dieser Eigenschaften einem Propheten zugeschrieben wird: die Freigebigkeit Abraham (Ibrâhîm), die Gottergebenheit Isaak (Ishâq), die Geduld Hiob (Ayyûb), der Hinweis Zacharias (Zakariyyâ), das Fremdsein Joseph (Yûsuf), das Tragen der Wolle Johannes (Yahyâ), die Wanderschaft Jesus (ʿÎsâ), die Armut aber ist die Eigenschaft Muhammads.

Der Begriff fakr steht im Zentrum der Kâdirîlik. Diese auf den Ausspruch des Propheten „al-faqru fakhrî" (die Armut ist mein Stolz) gegründete Lehre wird als das Nichtigwerden des Gottsuchenden (sâlik) vor dem Wahren und als Vorbereitungsstufe der fenâ (Auslöschung im Göttlichen) gedeutet. Wie Schimmel hervorhebt, bedeutet das Kâdirî-fakr nicht materielle Armut, sondern Anspruchslosigkeit (die Reinigung vom Anspruch des Selbst vor Gott); der „faqîr" (Arme) als Schüler bettelt nicht, er erwirbt, doch was er erwirbt, das teilt er.

Geylânîs drei grundlegende Werke bilden das doktrinäre Gerüst des Ordens:

  1. Al-Ghunya li-tâlibî tarîq al-haqq (Das Hinreichende für den Wanderer auf dem Weg der Wahrheit): ein umfassendes Lehrbuch über Glaubenslehre (ʿaqâʾid), Gottesdienst, Ethik und Sufismus.
  2. Futûh al-ghaib (Die Eröffnungen des Verborgenen): ein aus seinen Predigten zusammengestellter, kleiner, aber dichter mystischer Text mit 78 Abhandlungen (maqâla, Ansprachen).
  3. Al-Fath ar-Rabbânî wa ʾl-Faid ar-Rahmânî (Die herrengöttliche Eröffnung und der barmherzige Gnadenstrom): eine Sammlung der in 62 Sitzungen (madjlis) gehaltenen Lehrgespräche; die Hauptquelle des Kâdirî-Diskurses.

Diese drei Werke bilden innerhalb der Kâdirîlik eine Dreiheit: „al-Ghunya" als grundlegendes Lehrbuch, „Futûh al-ghaib" als Handbuch der mystischen Praxis und „al-Fath ar-Rabbânî" als Beispiel des lebendigen Lehrgesprächs.

Kâdirîlik hat sich in der Geschichte in zwei grundlegende doktrinäre Strömungen gespalten:

Ritual und Praktiken

Cehrî Zikr

Das auffälligste praktische Merkmal der Kâdirîlik ist das cehrî zikr (lautes Gottesgedenken) — das heißt das mit erhobener Stimme vollzogene Gedenken (zikr). Diese Ausrichtung ist der grundlegende rituelle Unterschied, der die Kâdirîlik von der Nakshibendîlik (hafî/stilles Gedenken) trennt. In Geylânîs Predigten bildet das Gebot: „Gedenkt, wenn ihr schweigt, mit eurem Herzen, wenn ihr sprecht, mit eurer Zunge, wenn ihr euch bewegt, mit euren Gliedern" die philosophische Grundlage des lauten Kâdirî-Gedenkens.

System der Gottesnamen

In der Kâdirîlik werden zwei Systematiken der schönen Namen (asmâʾ) angewandt:

Grundnamen (sieben Namen): Lâ ilâha illâ ʾllâh, Allâh, Hû, Hayy, Wâhid, ʿAzîz, Wadûd. Jeder Name entspricht einer Stufe der Seele (nafs) und einem feinstofflichen Zentrum (latîfa).

Stufennamen (maqâmât): Auf jeder geistigen Station (maqâm), die der Gottsuchende durchschreitet, wird nach einem Gebet von zwei Gebetseinheiten (rakʿa) eine bestimmte Anzahl eines göttlichen Namens gedacht.

Einige Kâdirî-Stränge verwenden auch das System der latâif-i sabʿa (sieben feinstoffliche Zentren): qalb (Herz), rûh (Geist), sirr (Geheimnis), sirr as-sirr (Geheimnis des Geheimnisses), khafî (Verborgenes), akhfâ (das Verborgenste), nafs-i kull (Allseele). Der erste Gedenkpunkt beginnt am feinstofflichen Zentrum des Herzens mit 5.000 Wiederholungen.

Hizb und Vird

Die Kâdirîs rezitieren zu bestimmten Zeiten Sammlungen (madjmûʿa) wie „Hizb as-saltana", „Hizb al-ibtihâl", „Fath al-baschâʾir" und „Hizb at-tamdjîd". Ferner bilden das von Geylânî selbst zusammengestellte „Kibrît-i ahmer" (Roter Schwefel) und das „Salât al-kubrâ" (Großes Segensgebet) das Rückgrat des täglichen Litaneigebets (vird) der Kâdirîs.

Devrân-Âyîn

Das gemeinschaftliche Kâdirî-Gedenken (âyîn, Zeremonie) ist zweiteilig:

Halvet und Çile

Die Kâdirîlik nimmt — wenn auch nicht in dem Maße wie die Halvetîlik — die Tradition der halvet (geistige Zurückgezogenheit) und des erbaîn (vierzigtägige Klausur) an. Insbesondere der Eschrefiyye-Strang hat der Praxis der halvet Ergänzungen hinzugefügt wie das nächtliche Gebet (tahadjdjud), das Gebet um Rechtleitung (istikhâra), das Vormittagsgebet (duhâ) und die Rezitation des Korans bei Tag und Nacht.

Verbreitung und historische Wirkung

Kâdirîlik ist der Orden mit der weitesten geographischen Verbreitung in der islamischen Geschichte:

Naher Osten

Andalusien und Maghreb

Indien und Südostasien

Osmanisches Reich und Anatolien

Afrika

Modernes Irak

Es wird angenommen, dass die Kâdirîlik über 46 förmliche Stränge besitzt. Dieses Maß drückt eine Quote aus, die kein anderer Orden erreicht hat.

Symbolik: Kâdirî-Krone und Kutte

Die Kâdirî-Derwische tragen eine unterscheidende Krone (külâh, Mütze) und Kutte:

Vergleichende Perspektive

Die Kâdirîlik ist Gegenstand vergleichender Studien mit zahlreichen mystischen Traditionen geworden:

Moderne Reflexionen

Im 20. und 21. Jahrhundert hat die Kâdirîlik ihre Kraft bewahrt: